Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 377
der päpstlichen Gewalt wieder nachgestrebt; er träumte von
einem Kreuzzug gegen die Türken; der Fall der Johanniterfeste
Rhodus, des letzten christlichen Bollwerks im Orient, war viel—
leicht das schmerzlichste Ereignis seines Lebens. Aber man
verstand ihn in Rom nicht mehr, geschweige daß man ihm
gefolgt wäre. Er ging nach kurzer Regierung dahin, ohne
eine Spur zu hinterlassen, verhöhnt, verachtet, verlassen; seine
Grabschrift meint, seine Wahl zum Papste sei sein Unglück
gewesen. Nun folgte ein neuer Mediceer, Clemens VII. Ob—
wohl in echt zeitgenössischer Weise zum Papsttum gelangt —
schon seine Geburt schloß ihn aus, Luther nennt ihn einmal
zutreffend einen florenzischen Hurensohn — hatte er doch
höhere Interessen, als der letzte Vorgänger aus seinem Hause
Leo X. Er war sparsam; wo Leo zerstreut hatte, sammelte
er; die Künstler fanden nicht die gleich verschwenderische Hand,
mit der Leo die Wunderblüte der klassischen Renaissance gepflegt
hatte. Und die Mittel, die noch zur Verfügung standen, suchte
Clemens wenigstens gelegentlich noch den wahren Zwecken des
Papsttums dienstbar zu machen. Aber auch er hatte doch im
wesentlichen nur territoriale Interessen, der Horizont seiner
äußeren Politik war zunächst durch Italien begrenzt, und schon
der Gedanke einer schlechthin italienischen Politik war ihm im
Grunde fremd und ward nur in besonderen Höhepunkten des
politischen Geschehens mehr von außen in ihm angeregt, denn
aus den Tiefen seiner Seele heraufbeschworen. Vor allem aber
war er ein halber Charakter wie damals so viele politisch
feingebildete und scharfsichtige Italiener: er war unzuverlässig,
schwankend und rätselhaft.

Mit diesen Gegensätzen der Personen und mit dem unge⸗
zügelten territorialpolitischen Egoismus der Italiener, vor allem
auch des Papsttums, hatte Karl V. zu rechnen. Und mehr noch.
Das Papsttum hatte immerhin, sobald ein weiteres Gesichtsfeld
als das italienische in Betracht kam, noch nicht aufgehört,
Universalmacht zu sein. Jedes Vorgehen in Italien berührte
mithin durch die kleinlichen territorialen Interessen des Papst⸗
tums hindurch zugleich auch dessen Stellung zur Welt, wirkte

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