378 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
zurück auf die Stellung vor allem der geistlichen und weltlichen
Universalmächte, des Kaisers und des Papsts, zu einander.

Und wenn nun Karl V. all dieser Schwierigkeiten Herr
ward, wenn er Italien sich unterwarf — war anzunehmen,
daß die übrigen selbständigen Mächte Westeuropas sich ihm
fügen würden? England und Frankreich nimmermehr. In
England wurde der große Staatsmann Heinrichs VIII., Kar—
dinal Wolsey, durch die Absichten Karls V. zu einer Politik
veranlaßt, die seitdem den Grundton für alle Beziehungen
Englands zu den kontinentalen Mächten gebildet hat; er ver—
suchte auf jede Weise, durch Vermittlung wie durch Stärkung
der kontinentalen Gegensätze, die Begründung einer universalen
Gewalt zu verhindern. Frankreich aber war seit Generationen
schon gewöhnt, den alten Rechten der Kaiser in Italien ent—
gegenzutreten!; es war nicht daran zu denken, daß es jetzt,
unter dem thatenlustigen Franz J., warten werde, bis die
kaiserliche Gewalt Italien unterworfen haben werde, um
Frankreich zu verschlingen.

So spitzten sich die Gegensätze in Italien naturgemäß zu
einem Kampfe zwischen dem Kaiser und Frankreich zu. Und
diese Lösung wurde um so natürlicher, als zwischen Karl und
Franz noch andere Gegensätze untergeordneterer Art bestanden,
so namentlich wegen der von Frankreich in Beschlag genommenen
Teile des burgundischen Erbes, und als Persönlichkeit und
Schicksal beider Herrscher sie von vornherein zu Widersachern
stempelte. Beide hatten sich um die Kaiserwürde beworben;
Franz J. war dem Sieger schwerlich ohne weiter zehrenden
Groll gewichen. Und wie mußte Franz, der lebensfreudige
Kavalier, herabsehen auf den geschäftigen Karl V., diesen
Schreiber auf dem Throne, der höfische Vergnügungen vor—
nehmlich als Verpflichtungen fürstlicher Würde ansah, dem
Freude in Herablassung, Fröhlichkeit in Repräsentation auf—
gingen! Franz konnte wohl wochenlang jagen oder Masken—⸗
scherzen huldigen, während seine kluge Mutter über den Rätseln

1S. oben S. 27.