KRirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. J 879
der diplomatischen Lage Frankreichs brütete; Karl ward immer
mehr sein eigener Minister; tief in die Nacht hinein ging er
mit seinen Sorgen zu Rate, als junger Mann schon von
schwerer Bedächtigkeit und unter dem lastenden Gefühl einer
Verantwortlichkeit, die eines Menschen Kraft überragte.

So war der Zusammenstoß der kaiserlichen und der franzö—
sischen Macht uwvermeidlich; alle großen und kleinen Fragen
der europäischen Politik, alle persönlichen Gegensätze drängten
darauf hin: schon im Jahre 1520 hörte man von kleinen
Scharmützeln an der spanischen und niederländischen Grenze,
1521 ward der Krieg erklärt: das Ringen beider Herrscher be—
zann, das bald in diplomatischem, bald in kriegerischem Vor⸗
gehen sich bis zum Tode Franzens erstreckt hat.

Anfangs setzte sich der Kaiser, der Franz diplomatisch
ebenso überlegen war, wie dieser ihm finanziell, alsbald in den
Besitz wichtiger Vorteile. Er gewann schon früh den Papst
gegen Befriedigung seiner territorialen Ansprüche in Ferrara,
Parma und Piacenza; er wußte auch England auf seine Seite
zu ziehen. In einer persönlichen Zusammenkunft zu Brügge
brachte er den stolzen Kardinal Wolsey aus seiner neutralen
Haltung; am 25. August 1521 kam ein in seinen Einzelheiten
sehr merkwürdiger geheimer Vertrag zwischen Karl V. und
Heinrich VIII. zu stande, der sich gegen Frankreich wandte,
wenn auch Wolsey noch der Hoffnung lebte, eben durch seine
enge Verbindung mit Karl dessen hochstrebende Pläne lähmen
zu können. Und schon kamen diesen Erfolgen einige kriegerische
Begebnisse in Italien und in den Niederlanden zu Hilfe. In
Mailand, das die Franzosen seit der Schlacht von Marignano
hielten', hatten sie sich im Laufe eines noch nicht sechsjährigen
Aufenthalts bitter verhaßt gemacht; nun wurden sie, Herbst
1521, aus der Stadt und deren Gebiete vertrieben. Im Norden
aber fiel gegen Ende November 1521 das feste Tournay in die
Hände der Kaiserlichen. Von größerer Bedeutung aber wurden
die kaiserlichen Erfolge doch erst durch eine Niederlage des fran—

1 S. oben S. 44.