390 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
waren die sozialen und politischen Streitpunkte zwischen Fürsten
und Städten noch keineswegs gänzlich beseitigt. Aber diese
Momente ständischer Parteibildung erwiesen sich immer ohn—
mächtiger gegenüber dem Scheidemerkmal der religiös-kirchlichen
Haltung.

Bezeichnend für diesen Umschwung mit seinem Ergebnis
einer veränderten Gruppierung weitgehender Interessen ist das
Intermezzo der Packschen Händel. Im Februar 1528 hatte
der Kanzleiverweser des Herzogs Georg von Sachsen, Otto von
Pack, die Keckheit, den Führern der evangelischen Bewegung,
dem Landgrafen von Hessen und dem Kurfürsten von Sachsen,
vorzuspiegeln, ein großer Angriffsbund der Katholischen, von
dessen Abschluß man gelegentlich einer Zusammenkunft katho—
lischer Fürsten im Mai 1527 zu Breslau allerlei Unver—
bürgtes gemunkelt hatte, bestehe thatsächlich. Philipp und
Johann meinten, Ursache zu haben, dem Abenteurer zu glauben;
sie schlossen am 9. März 1528 ein neues Bündnis, und Philipp
zog aus den Mitteilungen Packs weitgehende Konsequenzen.
Mit dem künstlerischen Blick des geborenen Staatsmanns sah
er alsbald die gesamte europäische Politik im Bereich der
religiösen Gegensätze und erkannte in dem universalen Kaiser
den Hort des feindlichen Katholizismus: gegen ihn als Kirchen—
vogt, gegen die universalen Pläne der Habsburger zugleich gelte
es, die Evangelischen mobil zu machen. So knüpfte er mit allen
größeren evangelischen Städten an, unbekümmert um den
sozialen Gegensatz zwischen Land und Stadt, und begann mit
Frankreich vertraulich zu verhandeln und nicht minder mit
Dänemark, Polen und dem ungarischen Gegenkönig Zapolya;
rasch wollte er losschlagen, ehe die habsburgischen Brüder noch
mächtiger würden, und in der Eroberung der geistlichen Terri—
torien Deutschlands wie in der Zurückführung des vom Hause
sterreich vertriebenen Herzogs von Würtemberg sah er die
ersten, höchst volkstümlichen Ziele des Angriffs. Und all diese
Fäden waren Ende Frühjahr 1528 geknüpft, in einer Zeit, da
es um die kaiserliche Sache fast gethan zu sein schien: das Merk—
würdigste stand zu erwarten: da scheiterten Philipps Pläne