Lirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 395
sie überbrückten die Gegensätze nicht; was man erreichte, war
nur die in 15 Artikeln von Luther zusammengefaßte Anerkennung
des vielen Gemeinsamen neben der trennenden Grundanschauung,
und auch dies magere Ergebnis ward nur dem Entgegenkommen
Zwinglis verdankt. Im übrigen ging man jetzt, wie bei
späteren Versuchen der Verständigung zu Schwabach und
Schmalkalden, unversöhnt auseinander; Luther schied mit dem
wiederholt ausgesprochenen Gedanken: „Ihr habt einen andern
Geist als wir.“

Was sollte nun geschehen? Philipp hielt fest an seinem
Plane eines großen evangelischen Bundes. Das trieb ihn in
Konsequenz der bisher befolgten Politik auf seiten der Schweizer.
Daneben suchte er, und teilweis mit ihm die Eidgenossen, inter⸗
nationale Hilfe bei Frankreich und Geldern, bei Venedig und
Dänemark. Aber war der Zeitpunkt günstig, da Frankreich
durch den Cambrayer Frieden gebunden war, da Italien der
Autorität des Kaisers huldigte? Von Dänemark kamen schließ⸗
lich ein paar hundert Reiter. Konnten sie die Zurückhaltung
der schroff Lutherischen, vor allem des sächsischen Kurfürsten
ersetzen?

Und schon nahte von Süden her der Kaiser siegreich den
deutschen Grenzen.

Karl V. ging im April und Mai 15330 nach neunjähriger
Abwesenheit von Deutschland über die Alpen. Der päpstliche
Nuntius Campeggi riet ihm das schroffste Auftreten gegen die
Protestanten an; er sprach von der Einführung der Inquisition
in Deutschland nach spanischem Muster.

Karl war nicht so entschiedenen Sinnes. Er kannte trotz
seiner damals günstigen Lage die Schwächen seiner universalen
Stellung. Er war finanziell erschöpft. Er wußte, daß Papst
Clemens VII. trotz aller augenblicklichen Freundschaft nur unter
den größesten Schwierigkeiten in die Berufung eines allgemeinen
Konzils willigen werde: nur durch ein Konzil aber meinte er