Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 399
Du verzehrt wirst. Sie beherrschen Dein Herz nicht wegen der
Größe der Gefahr, sondern wegen der Größe unseres Un—
glaubens ... Und laß die Gefahr groß sein, so ist Der viel
größer, der die Sache begonnen hat: sein ist sie, nicht unser ...
Als ob Ihr mit Euren thörichten Sorgen etwas schaffen könntet!
Was mehr kann der Teufel thun, als daß er uns würge?
Was noch? ... Aber die Wahrheit, meinst Du, wird in
Gottes Zorn untergehn! So laß uns mit ihr verderben, und
nicht durch eigne Schuld! ... An Deinem Briefe mißfällt
mir, daß Du schreibst, Ihr wäret in dieser Sache meiner
Führung gefolgt. Ich will Euer Führer hier weder sein noch
heißen ... Du zerquälst Dich, weil Du Ausgang und Ende
nicht mit Händen greifen kannft. Ja, könntest Du's begreifen,
ich wollte mit alledem nichts zu thun haben, oder gar Führer'
sein. Gott hat es an einen Ort gestellt, den Du trotz all
Deiner Kunst und Weisheit nicht kennst: er heißt Glaube' ...
Denn der Herr hat gesagt, er wolle im Dunkeln wohnen, und
Finsternis hat er zu seinem Gezelt gemacht ... Ich bete
für Dich, habe für Dich gebetet, werde für Dich beten. Und
ich zweifle nicht daran, daß ich erhört bin. Denn ich fühle
das Amen in meinem Herzen. Geschieht nicht, was wir wollen,
so wird geschehen, was besser ist. Denn wir erwarten ein
künftig Reich, wenn alles getrogen haben wird in dieser Welt.“

Sollten solche Worte nicht auch Melanchthon gehoben
haben? Auf andere verfehlten sie ihre Wirkung nicht. Die
evangelischen Theologen und Fürsten billigten je länger, je
weniger Melanchthons Art. Der Landgraf von Hessen verließ
am 6. August den Reichstag ohne kaiserlichen Urlaub. Es
war ein Schritt, der außerordentliches Aufsehen machte. Und
man wußte, daß auch der Kurfürst von Sachfen standhaft war
und entschlossen.

Melanchthons Vermittlungssucht scheiterte; der Kaiser,
der nochmals vergebens versucht hatte, die Kurie für den Ge—
danken eines Konzils zu gewinnen, konnte nicht umhin, am
22. September 1530 mit dem Entwurf eines schroffen, und
die Entscheidung dennoch wieder hinausschiebenden Reichstags⸗