Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 409
den Gedanken eines Konzils, ja den Gedanken einer vertraulichen
Stellungnahme zur kaiserlichen Politik überhaupt. Karl aber
wurde bald mit seiner Thätigkeit in ganz andere Bahnen
gelenkt. Er ging von Italien nach Spanien; er bekämpfte im
Jahre 1585 das Seeräuberwesen des maurischen „Königs von
Algier“, Chaireddin Barbarossa, durch einen glücklichen, wenn
auch nicht konsequent durchgeführten Zug nach Tunis; er ward
im Jahre 1536 in einen neuen Krieg mit Franz J. verstrickt,
der ihn zwei Jahre lang fesselte.

Wie hätte er da den verwickelten deutschen Verhältnissen
eingehende Aufmerksamkeit widmen können? Nur aus sich her—
aus haben diese sich entfaltet, und das bedeutete auch nach
dem Religionsfrieden des Jahres 1532 noch lange Jahre pro—
testantischen Fortschritts.

Fast ungeschwächt hat während der dreißiger Jahre des
16. Jahrhunderts der Schmalkaldner Bund der Ausbreitung
des Protestantismus in Deutschland gelebt. Der Nürnberger
Anstand vom Jahre 1532 lähmte ihn bald nicht mehr; er ging
über dessen Bestimmungen hinaus und festigte sich stärker; im
Jahre 1535 kam es zu einer Erneuerung der 1530 und 1531
geschlossenen Verbindungen auf zehn Jahre, ohne daß die im
Sinne des Nürnberger Friedens begrenzte Zahl der Mitglieder
festgehalten ward, und bald darauf erfolgte eine Anzahl neuer
Beitritte, so von seiten der Städte Augsburg, Frankfurt,
Hamburg, Hannover und Kempten, sowie von seiten der Fürsten
Pommerns, Anhalts und Würtembergs.

Und eben der Beitritt des Herzogs von Würtemberg
zeigte, welche große Fortschritte inzwischen gemacht worden
waren. In Schwaben war das Haus Habsburg seit der Be—
gründung des schwäbischen Bundes mächtig emporgediehen;
seiner Hilfe hatte es im Jahre 1619 den Erwerb Würtembergs
verdankt, seiner Unterstützung im Jahre 1525 die Nieder—
schlagung der Bauernunruhen in einem Teil der vorderöster⸗
reichischen Territorien. Bei dieser Stellung war es selbstver—

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