Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 411
1534 kam es zu Kaden in Böhmen zur endgiltigen Ausein—
andersetzung mit sterreich. Weder der Kaiser noch Ferdinand
besaßen die Macht, dem vollendeten Ereignis entgegenzutreten;
so nahmen sie gern die Vermittlung von Mainz, Kursachsen
und Herzog Georg von Sachsen in Anspruch. Unter ihrem
Betreiben wurde festgestellt, daß Herzog Ulrich das Land
Würtemberg als im Mannesstamme vererbliches Afterlehen
sterreichs, jedoch mit Sitz und Stimme im Reichstage, er—
halten sollte, und daß es dem Herzog frei stehen sollte, im
Lande die Reformation einzuführen. Zugleich erkannte jetzt
Sachsen den Erzherzog Ferdinand als König an, während
dieser dem Religionsfrieden von Nürnberg erneut zustimmte
unter ausdrücklicher Anerkennung der Bestimmung desselben,
daß die rechtliche Verfolgung der Evangelischen durch das
Reichskammergericht aufhören solle.

Nach diesem glücklichen Abschluß begann nun in Würtem—
herg, wo bisher namentlich Johann Brenz das Evangelium
derkündet hatte, eine allgemeine im höchsten Maße gründliche
Reformation, die mehr, als irgend eine andere bisher landes—
herrlichen Charakter trug. Die Kirchengüter wurden zu Gunsten
des Staates eingezogen und vielfach nicht bloß zu kirchlichen,
sondern auch zu staatlichen Zwecken verwendet; das ganze kirch—
liche Leben auch der Einzelperson ward geregelt durch polizeilich-
staatliche Vorschriften. Auf diese Weise entstand im Südwesten,
mitten unter den großen evangelisch gewordenen Städten, nun
auch ein lebenskräftiger territorialer Protestantismus, dessen
Bedeutung um so höher zu schätzen war, als er in seiner Lehre,
wie sie der gemäßigte Zwinglianer Blaurer und der lutherische
Theologe Schnepf festgesetzt hatten, oberdeutsche und lutherische
Elemente vereinigte und somit geeignet war, einen festen Riegel
zegenseitigen Anschlusses für Süddeutsche und Mitteldeutsche
zu bilden.
Und das geschah zu der selben Zeit, da es dem Protestan—
tismus gelang, teils aus eigener Kraft, teils mit Hilfe konser—
vativ-katholischer Elemente der letzten großen Regungen des
evangelischen Radikalismus in Deutschland Herr zu werden: