KRämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 423
Anstoßes gewesen. Gebührte Kursachsen der Ruhm, die Wiegen⸗
tätte der Reformation zu sein, und war es politisch und
militärisch mächtiger, so konnten doch seine Fürsten von Fried—
rich dem Weisen an über Johann bis auf Johann Friedrich
es an persönlicher Bedeutung mit Philipp von Hessen in keiner
Weise aufnehmen. Diese persönliche Bedeutung hatte Philipp
zum kühnen Führer der Schmalkaldischen in den dreißiger Jahren
gestempelt.

Dieser Rolle, in der er schon längst von Kursachsen scheel
angesehen worden war, ward er nun infolge eines höchst eigen—
artigen Greignisses unwürdig, so daß Sachsen mit Recht seiner
rivalisierenden Stellung erfolareichen Ausdruck zu leihen ver—
mochte.

Die Gemahlin Philipps, Christine, eine Tochter Herzog
Georgs von Sachsen, war eine männlich kluge und eine fromme
Frau, aber reizlos; Philipp dagegen ein Mann von aus—
gesprochen sinnlichem Feuer. Er stand damit im Kreise seiner
fürstlichen Genossen nicht allein; die ehelichen Pflichten wurden
bvon der Mehrzahl der Fürsten sehr wenig ernst genommen;
Kurfürst Joachim J. von Brandenburg führte gelegentlich eine
schöne Maitresse in Mannskleidern mit sich; Herzog Heinrich
oon Braunschweig hielt sich in der Stille seiner Harzschlösser
ein Liebchen, das ihm Kind auf Kind gebar, während er es
hatte tot sagen, feierlich begraben, ja sogar Messen zu seinem
Bedenken lesen lassen.

Eine derartige Haltung empfand Philipp bei seiner religiösen
Natur aufs tiefste als unsittlich; aber gleichwohl wünschte er
freien Lauf für seine Sinnlichkeit. So kam er auf den Ge—
danken einer Bigamie, um so mehr, da auch im Neuen Testament
ein völlig unzweideutiges Verbot polygamischer Lebensweise
ich nirgends findet. Die Idee, schon früh erfaßt, reifte gegen
Schluß der dreißiger Jahre zur That; Philipp wußte sich den
Beirat Bucers und wenigstens auch die bedingte Zustimmung
Luthers und Melanchthons zu verschaffen; am 4. März 1540 wurde
x zu Rotenburg an der Fulda einer zweiten Frau, dem Hoffräulein

Lamprecht, Deutsche Geschichte V. 2. 28