Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 427
zuführen; er verlor Zütphen und Geldern an die kaiserlichen
Niederlande.

Es war ein Zeichen dessen, was die protestantischen Fursten
vom Kaiser zu erwarten hatten. Aber niemand von ihnen war
dem Herzog Wilhelm zu Hilfe geeilt. Landgraf Philipp, der
nach Nachbarschaft und besserer Vergangenheit am ehesten
Berufene, hatte seinen Frieden mit dem Kaiser gemacht; er
stand in Feindschaft mit Kursachsen: sollte er einem Herzog
helfen, auf dessen Land die Ernestiner vielleicht bald Anspruch
erheben konnten? Und auch Kursachsen regte sich nicht.

Nicht vergebens bemerkte der Kaiser die auf gegenseitiger
Eifersucht und auf der unglücklichen Trennung Philipps beruhende
Uneinigkeit der Protestanten: ihr Bund, der ihm aus der Ferne
als eine kompakte und darum unangreifbare Macht erschienen
sein mochte, zeigte bei näherer Betrachtung der Risse und
Spalten genug, die einer in tausend Welthändeln erfahrenen
Politik Handhaben zur Sprengung bieten konnten; er fürchtete
die Protestanten nicht mehr. Allein unmittelbar gegen sie vor—⸗
zugehen besaß er auch nicht die Macht. Noch immer dauerte
der Krieg gegen Frankreich fort; noch immer war die Möglich⸗
keit nicht ausgeschlossen, daß die Protestanten in ihn eingriffen.
Den Krieg rasch zu beendigen, die Protestanten womöglich gegen
Franz J. mit heranzuziehen, mußte vielmehr das nächste Ziel
der kaiserlichen Politik sein. Um es zu erreichen, hat Karl
nicht die scheinbar größesten, in seinem Sinne aber gewiß nur
auf Zeit gemeinten Zugeständnisse an die Protestanten gescheut.

Es war eine hinterhaltige Politik, deren Charakter jener
damals älteren Generation deutscher Fursten niemals völlig klar
geworden ist, welche bei aller Roheit der Sitten doch für die
Politik noch in den sittlichen Forderungen des Evangeliums
aufging. Wie erstaunt war man hier, in dem Kaiser, dessen
Strafgericht man nach der Besiegung des Herzogs Wilhelm
gefürchtet hatte, einen milden Herrn zu begrüßen. Wie er—
freute man sich an dem Abschiede des Regensburger Reichstags,
der vom Februar bis zum Juni 1544 unter den Auspizien