Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 431
Allein so sehr Luther mit steigenden Jahren an dem dog⸗
matisch gefaßten Wortlaut der Bibel hing, so wenig ist er je—
mals Fanatiker des praktischen Dogmatismus geworden. Drängte
ihn die Betonung seiner historischen Stellung gelegentlich zu
schroffem Vorgehen nach außen, so wahrte er sich bis an sein
Ende den unversieglichen Schatz eines goldenen Gemütes, ein
wahrer Deutscher, wahrer Gatte und Vater. Hier, im Frieden
des Hauses, der Familie, der Freundschaft, erquickte noch immer
die quellend ursprüngliche Religiosität seiner Frühzeit, hier ist
er niemals gealtert. Und hier hat er auch das höchste Ideal
der Frömmigkeit erreicht, ist ihm alles Irdische zum Gleichnis
zeworden. Anno 1536 den 6. September standen des Doktors
Kinderlein vor dem Tisch, sahen mit allem Fleiß auf das Obst
und Pfirsiche, so auf dem Tisch standen. Da das der Doktor
sahe, sprach er: „Wer da sehen will ein Bild eines, der sich in
Hoffnung freut, der hat hier ein rechtes Conterfei. Ach, daß
wir den jüngsten Tag so fröhlich in Hoffnung ansehen könnten!“
Anno 1539 am 11. April war D. M. Luther in seinem
Garten und sah die Bäume mit tiefen Gedanken an, wie sie
also schön und lieblich blühten, knospeten und grünten, und
bderwunderte sich sehr darüber und sprach: „Gelobt sei Gott, der
Schöpfer, der aus toten verstorbenen Kreaturen im Lenz alles
wieder lebendig macht! Sehen doch die Zweiglein, sprach er,
so lieblich und feist, gleich als wenn sie schwanger und voller
Junge wären und der Geburt nahe. Da haben wir ein schönes
Bild von der Toten Auferstehung. Der Winter ist der Tod, der
Sommer aber ist die Auferstehung der Toten, da es dann alles
lebendig wird und wieder grünet.“

In dieser Stimmung, mit der Gemütsdisposition eines
frommen Kindes, das wachsen will und jenseits Frucht tragen
unter der Sorge eines allgütigen Vaters, ist Luther in die
Ewigkeit gegangen. Seine letzten Aufzeichnungen, die sich
auf dem Tische seines Sterbezimmers fanden, schließen mit den
Worten: „Die heilige Schrift meine niemand genug geschmeckt
zu haben, er habe denn hundert Jahr mit Propheten, wie Elias