Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1855. 435
Hoffnung ehrgeizigen Ländererwerbs: jetzt ward ihm die Schutz⸗
herrschaft über die Bistümer Magdeburg und Halberstadt sowie
eine gewisse Selbständigkeit des evangelischen Bekenntnisses in
seinem Lande, geeigneten Falls sogar die sächsische Kurwürde ver—
sprochen, falls er einstweilen wenigstens neutral bliebe. Es war ein
mehr als glänzendes Anerbieten; es blendete den religiös wenig
heanlagten Fürsten; noch in Regensburg nahm er es an.

Während all dieser Vorbereitungen waren die Schmal—
kaldener ruhig, ja beinahe sorglos geblieben, so sehr der Kaiser
auch schon, seitdem er länger in Deutschland verweilte, von
dem Nimbus des getreuen, frommen, ehrsamen Herrschers ver—
loren hatte, und so sehr man wußte, daß er rüste. Aber man
hatte im Bunde einstweilen zu viel mit sich selbst zu thun.
Seit Herbst 1544 hatte sich Landgraf Philipp den Verbündeten
wieder genähert; er hatte gleichzeitig Verhandlungen mit Eng—
land, Dänemark und Bayern aufgenommen; er sah seit dem
Frieden von Crépy das Schicksal, das den Protestanten drohte.
Aber eben seine Hellsichtigkeit machte ihn den Bundesgenossen
einigermaßen verdächtig, und die alsbald wieder auftauchende
Rivalität mit Kursachsen trug nicht dazu bei, die frühere
Sicherheit der Beziehungen aller Bundesmitglieder rasch wieder
herzustellen.

Erst in dem Augenblick, da man von Rom her vernahm,
daß Paul III. seinen Enkeln Kreuz und Fahne für den deutschen
Glaubenskrieg übergeben habe, daß er einen Ablaß verkündet habe
für den gemeinen Frieden und die Ausrottung der Ketzer, als man
erfuhr, daß der Kaiser auf eine Anfrage wegen seiner Rustungen mit
ausweichendem Lachen geantwortet habe — schlug die Stimmung
unter den Protestanten um. Und nun zeigte sich eine ganz un—
erwartete Einmütigkeit innerhalb der vom Kaiser nicht vorher
gewonnenen Glieder des Bundes. Schon Anfang Juli stand es
fest, daß die Protestanten dem Kaiser mit zunächst überlegenen
Truppen entgegentreten würden. Und es waren merkwürdige
Tage, die Sommertage des Jahres 1546, als sich die deutschen
Massen einiger, als seit langer Zeit, gegen das stammesfremde
Reichsoberhaupt und seine ausländischen Truppen erhoben;