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Fünfzehntes Buch. Viertes RKapitel.
sie sich im Einklang mit dem Interesse der Nation äußern
konnten, noch mit nichten gebrochen. Und eben in diesem
Zusammenfall lag das Bezeichnende des Vorgangs. In Philipp
mied man nicht so sehr den Sohn Karls V. als den Spanier.
Man war jetzt in allen Kreisen der Nation von dem Ergebnis
gleich wenig erbaut, das die Vereinigung so vieler Kronen auf
dem Haupte Karls für Deutschland gehabt hatte; die Ablehnung
der Wahl Philipps war eine unzweideutige, wenn auch späte
Kritik der Wahl des Jahres 1519. Und sie war zugleich eine
Kritik der Regierung Karls überhaupt. Erst seit den vierziger
Jahren hatte der Kaiser längere Zeit in Deutschland zugebracht,
hatte er sich und sein persönliches Regiment der Nation klar
gezeigt. Das Ergebnis war allgemeine Enttäuschung; der
Kaiser war alles andere, als populär. Und noch weniger
populär war seine Umgebung. Während die Spanier und
Italiener derselben, weitaus vorherrschend in allen wichtigen
Posten, auf die Deutschen höhnend herabsahen, merkten sie
nicht, welch ein Haß sich gegen sie, gegen die spanische Solda—
teska, gegen die Fremden überhaupt in der Nation anzusammeln
begann: Karl ist der erste und letzte fremde Kaiser des alten
Reiches gewesen.

Nun, gegenüber der Forderung, Philipp zum König zu
wählen, trafen sich all diese Anstände gegen den Kaiser, seinen
Hof, sein Heer gleichsam in einem Brennpunkte: niemals würde
die Nation eine solche Wahl ertragen haben. Die Fürsten
aber, die sich dieser Wahl zunächst zu entziehen suchten, han—
delten dabei im Sinne dessen, was sie im Laufe des letzten
Jahrhunderts wirklich geworden waren, im Sinne der führenden
Vertretung der Nation. So trat in dieser Frage die religiöse
Seite völlig zurück: ein einheitlicher Zug ging durch die deutsche
Welt, und gerade ihm zeigte sich der Kaiser nicht gewachsen. Es
war eine Erfahrung, die bei den Fürsten, die soeben noch in den
Personen ihrer Vettern von Würtemberg, Sachsen und Hessen
durch den Kaiser aufs ärgste gedemütigt worden waren, leicht
weitere Erwägungen veranlassen mußte.