Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 475
Sie alle litten unter der engen, nur auf Deutschland und seine
östlichen Nachbarn begrenzten Ausdehnung ihrer Hausmacht;
sie waren kaum stärker als mancher Kurfürst; die Weltmacht
Karls V. stand ihnen nicht zur Verfügung. Ja mehr: gegen⸗
über dem andauernden Vordringen der Türken waren sie ständig
auf die Unterstützung des Reiches angewiesen. So galt für sie
eine konservative Politik. Sie suchten fast durchweg die persön—
liche Freundschaft der wichtigsten Fürsten; sie wollten ihre Gewalt
im Einverständnis mit den Kurfürsten ausüben; die religiöse
Spaltung war ihnen politisch unbequem; gern hätten sie, selbst
soweit sie unduldsam waren, wenigstens im Reiche der Haupt—
sache nach darüber hinweggesehen. Da dies aber nicht möglich
war, so stellten sie sich immerhin auf die vielfach trügerische Grund—
lage des Augsburger Religionsfriedens und versuchten auf ihr
in ihren besten Momenten wenigstens die politischen Vertretungen
der feindlichen Konfessionen gegenseitig zu nähern. Damit er—⸗
hielt ihre Politik zumeist einen föderalistischen Zug, und dem—
entsprechend traten die Humanisten mit ihren national⸗
monarchischen Gedanken aus dem Kreise ihrer Räte zurück;
Leute von der Art des vermittelnden Sleidan wurden lieber
gesehen; und die kaiserlichen Juristen und Staatsmänner nament⸗
lich der späteren Zeit traten leise, soweit sie nicht gar den
den Fürsten günstigen Zug der Entwicklung offen anerkannten.

Das alles hatte eine anfangs erhaltende, bald aber müh—
selige, bei allem Streit im kleinen doch im ganzen schläfrige
Politik zur Folge. Man war im Reichstag zumeist freundlich
gegeneinander, ja behaglich froh; aber die Entwicklung stockte.
Es kam dahin, daß der Kaiser nur freundwillige Mandate und
Erinnerungsschreiben an die fürstlichen Vettern erließ, um einem
Reichsabschied Befolgung zu sichern; weiter wagte er sich
nicht; die Ausführung hing schließlich vom Willen der Landes—
herren ab.

So hätten die Fürsten rasch siegen und das ganze Feld
nationaler Entwicklung einnehmen müssen, hätten die Reichs—
institutionen nicht schließlich doch eine gewisse Trägheitsmacht be—
sessen, die bedächtig überwunden sein wollte, und wäre nicht