Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Cerritorien im 16. Jahrh. 509
Braunschweig-Wolfenbüttel war ein gelehrter Jurist und dabei
deutscher Komödienschreiber; der Landgraf Moritz von Hessen
liebte Philosophie, Musik und Dichtung und hat neben Ge—
sangskompositionen, neben einer Ethik und Metrik auch
lateinische Schauspiele verfaßt. So blühte an fürstlichen Höfen
ein nicht unbedeutendes geistiges Leben empor; seinen Höhepunkt
erreichte es in der Stiftung und Ausbreitung der Frucht—
bringenden Gesellschaft seit dem Jahre 1617.

Allein wie falsch würde es doch sein, wollte man aus
alledem für die Fürsten der zweiten Hälfte des 16. Jahr—
hunderts schon ein völlig individualistisch gehobenes Dasein
ableiten! Sie lebten im ganzen doch immer noch im alten
Stil, ja sie fielen in die Lebenshaltung des Mittelalters zurück.
Unumschränkt herrschte an ihren Höfen der naturalwirtschaft—
liche Luxus maßloser persönlicher Konsumtion; niemals hat
der Trinkteufel in Deutschland größere Opfer gefordert; auch
Frauen unterlagen der Trunksucht, und unglaubliche Völlerei,
Delirium, ja tödliches Siechtum infolge Trinkens waren in
fürstlichen Kreisen nicht seltene Erscheinungen: — hat sich doch
im Jahre 1561 der Rheingraf Philipp Franz an Malvasier
sogar akut zu Tode getrunken. Daneben stand eine nicht
minder große Völlerei im Essen; sieben bis acht Stunden des
Tages saß man an der Tafel; gute Köche schienen bisweilen
gesuchter zu sein, als gute Räte. Dabei herrschte, um diese
Launen zu finanziell vollends verderblichen zu machen, noch der
alte Gefolgsluxus des Mittelalters; am weimarischen Hofe, dessen
Gebiet 77 Geviertmeilen umfaßte, speisten um 1560 täglich an
50 Tischen etwa 400 Personen; der bayrische Hof hatte 1588
täglich etwa 771 Personen zu verköstigen, und das Gefolge
des Winterkönigs auf seiner Brautreise nach England im Jahre
1613 betrug 191 Personen. Was half es da, wenn die Frauen
noch nach guter alter Weise selbst zum Rechten sahen, die
Küche selbst mit bestellten, persönlich die Stoffe zu ihren Kleidern
wählten? Die Höfe verschlangen mehr, als die Länder er—
tragen konnten; fast alle Fürsten waren schwer verschuldet.

Das um so mehr, als sich in ihren mittelalterlichen