322 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Schultheiß, so z. B. in Hessen, wohl auch in der Pfalz, oder
aber der Amtmann rückte neben seinen sonstigen Geschäften in
die Stellung des ordentlichen Richters ein. Indes mochte nun
der erste oder der zweite Fall eintreten, so entwickelte sich doch
wohl fast überall neben der Rechtsprechung des ordentlichen
Gerichtes auch noch eine schiedsrichterliche Thätigkeit des Amt—
manns; die Parteien, gelegentlich auch die Schöffen, vertrugen
sich „in die Güte“, den Oberentscheid des Amtmanns. Nahm
dann diese Gewöhnung allmählich feste Formen an, wie viel—
fach um die Wende des 16. Jahrhunderts, so konnte aus
ihr ein Beamtengericht hervorgehen, welches mit dem alten
Amtsgericht, das meist noch mit Schöffen besetzt war, konkur—
rierte; und diesem fiel dann in den späteren Zeiten des Absolu—
tismus nicht selten der Sieg zu.

Sehen wir jedoch von diesen zumeist späteren Erscheinungen,
sowie von der sehr verwickelten und verschiedenartig gelösten
Frage der Weiterbildung der Gerichtsverfassung überhaupt ab,
so ist nicht zu verkennen, daß eine grundsätzlich ins Gewicht
fallende Entwicklung der Lokalverwaltung im 16. Jahrhundert
nur in geringem Grade stattfand. Was die noch decentralisierte
Kultur der Territorien des 14. und 15. Jahrhunderts an Ver—
waltungsapparat erfordert hatte, das war schon damals ge⸗
schaffen worden; das 16. Jahrhundert bedurfte nach keiner
Seite hin schon einer administrativen Erweiterung. Lebhaft
fortgebildet dagegen wurde die Centralverwaltung. Wir wissen,
wie sehr diese noch im 15. Jahrhundert im Argen lag!. Nun,
mit den Einwirkungen der Geldwirtschaft auf die Territorien
der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, regte sich allenthalben
das Bedürfnis stärkerer Centralisation, und ein Zeitalter
rührigsten Experimentierens an den centralen Verwaltungsstellen
begann. Freilich wurde auch auf diesem Gebiete Befriedigendes
schließlich nicht erreicht. Mitten in dem langwierigen Verlauf
der unternommenen Versuche schwand deren nationalökonomische
Grundlage, der geldwirtschaftliche Aufschwung der Reforma—

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