552 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
setzesbestimmungen des übrigen Deutschlands; vergebens suchte
man an der Universität Löwen ein besonderes katholisches
Geistesleben zu wecken und ließ jeden Studenten eidlich erklären,
daß er dem Glauben der Väter treu bleiben werde; das Volk
verharrte in ketzerischen Neigungen, und verstohlen glomm
überall der Funke des Protestantismus.

So kam zum politischen und sozialen Unbehagen für
jeden im Lande, mochte er Neuerungen geneigt oder alt—
gläubig sein, auch das geistige, religiöse; in tausend alte
Lebensnormen, Familienzusammenhänge, Berechtigungen schoben
sich die rauhen Anforderungen und Strafen des monarchischen
Staats: die Bevölkerung schien reif für eine Revolution, als
sie ihr langiähriger Herrscher Karl im Jahre 15386 auf Nimmer—
wiedersehen verließ.
II.

War Karls Sohn und Nachfolger Philipp, der noch bis
zum Jahre 1559 in den Niederlanden blieb, um von hier aus
einen siegreichen Krieg gegen Frankreich zu führen, geeignet,
das drohende Wetter abzuwenden? Der Vater hatte als
Landsmann gegolten; er hatte zumeist mit Niederländern regiert,
und man hatte ihn wohl leutselig mit den Bürgern irgend
einer Großstadt nach dem Papagei schießen sehen. Der Sohn
war zurückhaltend, ja ängstlich und menschenscheu, ein Mann
des Bureaus und der Feder, unendlich mißtrauisch und un⸗
endlich gewissenhaft und doch nicht in der Lage, vom Schreib⸗
stuhl aus das wahre Antlitz der Dinge zu erkennen, dabei
bureaukratisch langsam im Entschluß, umgeben von verhaßten
Spaniern, dem Typus nach alles andere als ein Niederländer.
Und bei seiner Thronbesteigung zerrissen jene uralten Zu—
sammenhänge des Landes mit der Gesamtnation und dem
Reiche, die wenigstens in der Person des kaiserlichen Vaters
noch immer gewahrt gewesen waren: nachdem Philipps Pläne,
England seinen Reichen einzuverleiben, durch den Tod der
katholischen Königin Maria vereitelt worden waren, war das
Land nichts als eine abgeschieden liegende Dependenz Spaniens.