590 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Juans, suchte er seine Würde sofort dadurch zur Macht zu
entwickeln, daß er den Provinzen alle Wohlthaten des Genter
Friedens wie der Brüsseler Union anbot — d. h. alle staat⸗
lichen Wohlthaten, die Oranien den Generalstaaten zugesichert
hatte, mit Ausnahme allein der Freiheit des protestantischen
Bekenntnisses. Es war eine Lockspeise für die südlichen,
katholischen Provinzen mit ihrem noch immer starken, Oranien
feindlichen Adel, die ihre Wirkung nicht verfehlte. Am
17. Mai 1579 schlossen die Staaten von Artois und Hennegau,
sowie Abgeordnete von Douai, Lille und Orchies zu Arras
einen Vertrag mit Parma, wodurch sie sich unter den ange—
botenen Freiheiten seiner Statthalterschaft unterstellten; die Ein—
heit aller Provinzen begann sich zu lösen; Spaniens Statt—
halter hatte, wohin er sein Haupt legte.

Oranien vermochte der langsamen Entwicklung dieser Vor—
gänge gegenüber die übrigen Provinzen kaum noch beiein—
ander zu halten. Die Formen eines bundesstaatlichen Lebens
waren fast noch unbekannt; keine der Provinzen wollte sich
ihnen völlig fügen, und das gemeinsame Organ, die General⸗
staaten, begann gelegentlich zu versagen. Da blieb nichts
übrig, als dem südlichen Kern einen nördlichen gegenüberzu—
stellen; denn nicht mehr nach einfacher, centraler Gliederung,
nach einer elliptischen Entwicklungsform vielmehr mit zwei
Brennpunkten schien das Leben der Provinzen zu streben. In
der That, wie gefestet waren die sozialen Gegensätze schon zwischen
dem Süden und Norden! Im Süden war dem regen Bürger⸗
tum und den republikanischen Neigungen des 14. Jahrhunderts
schon längst kommerzieller Verfall und ein neuer Aufschwung
des Adels gefolgt — im Norden dagegen vollzog sich eben jetzt
in den Küstenprovinzen, die nunmehr ganz vor den alten Kultur⸗
gegenden Gelderns, Overijssels, Utrechts in den Vordergrund
traten, der Aufschwung eines kommerziellen Bürgertums; ganz
neue Lebenshaltungen sollten hier bald emportauchen, die des
Reeders, des Großhändlers in wenigen oder gar nur einer

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