596 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
zum Ausdruck gelangte diese Lage im ehemaligen Bistum
Utrecht, dem höchsteivilisierten Lande alter Zeit; und in der
Stadt Utrecht speziell bestand zwischen dem Rat und den
Ratsgeschlechtern, den extrem aristokratischen Regenten der
Vroedschap auf der einen Seite, und den fortschrittlich⸗
calvinischen Fuührern der Gemeinde auf der anderen Seite
ausgesprochene Feindschaft.

Das hinderte aber beide Parteien nicht, mit der ganzen
Bevölkerung der Binnenlande überhaupt erregt und neidvoll
auf Holland und Seeland zu blicken. Was war aus diesen
Ländern einst ewiger Wassersnot und mühsamen Deichbaus im
Laufe der letzten Menschenalter geworden! Kühn hatten sie
sich des einzigen Vorteils bemächtigt, den ihre Lage unter den
allgemeinen Wandlungen des Welthandels jetzt bot!, der Nähe
des Meeres. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt hatten sie mehr
Schiffe auszurüsten, kühnere Fahrten zu planen begonnen; jetzt
beherrschten sie schon den wichtigsten aller europäischen Zwischen⸗
händel, den Transport des Getreides aus den menschenarmen
Küstengebieten der Ostsee nach den kulturerschöpften Gegenden
der Mittelmeerländer, vor allem auch nach Spanien. Das
hatte den westlichen Städten von Dordrecht und Rotterdam
hin bis nach Amsterdam einen unerhörten Aufschwung gegeben:
schon trugen sie weit über die Hälfte aller gemeinsamen
Bundeslasten; schon bildete sich in ihnen die bisher unbekannte
Schicht eines moderneren, kommerziell beanlagten Großbürger⸗
tums aus; und unter der aristokratischen Haltung dieses
Bürgertums gewann auch die religiöse Stimmung, so sehr sie
noch vorherrschte, einen besonderen, getrageneren Charakter.

Es war unmöglich, daß all diese Gegensätze in der Union
ohne Wirkung blieben. Es war um so weniger denkbar, als
Holland und Seeland bisher schon eine führende Rolle gespielt
hatten, und als sie auf Grund dieser Vergangenheit neuerdings
Moritz, den Sohn Oraniens, zum Generalkapitän und Admiral
von Holland gewählt, sich mithin die Traditionen des großen

S. oben S. 482 ff.