5310 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
ertönten unter seinem Schutze ungestört die Worte des Evangeliums;
und als er, ein katholischer Fürst, zum deutschen Throne berufen
ward, da hat er gleichwohl am Morgen des Krönungstages —
freilich unter heimlichem Dispens des Papstes — das Abendmahl
in beiderlei Gestalt genommen. So begann das alte katholische
Bekenntnis auch da, wo es sich in den breiteren Volksmassen
erhielt, als die zurückgebliebene Form des christlichen Glaubens
betrachtet zu werden. Und dem entsprach im allgemeinen der
innere Zustand der alten Kirche; ihre Bischöfe lebten weltlich
oder neigten, wenn sie fromm waren, wenigstens im Sinne
eines zu erhoffenden Kompromisses dem Protestantismus zu; in den
Klöstern aber, diesen Horten einst asketischen Lebens und eifriger
Gelehrsamkeit, waren Unbildung und Sinnlichkeit zu Hause: in
Osterreich ergab eine 1361 in 86 Mönchsklöstern angestellte Visi⸗—
tation neben 182 Ordensleuten 185 Weiber und 2283 Kinder!.

Unter diesen Umständen mußte sich auch die politische
Bedeutung des Protestantismus über das bisher erreichte
Niveau heben. In der That geschah das vielfach, wenn auch
durch langsame, im einzelnen oft unscheinbare Verschiebungen.
In den Reichsstädten wurde eine immer größere Anzahl von
Räten protestantisch; schließlich blieben als ziemlich sichere
Sitze des Katholizismus am Rhein nur Achen und Köln und
in Süddeutschland Augsburg, die Stadt der großen Bankherren,
übrig. In die Stifter und die Kapitel der Bistümer drangen
ferner immer mehr protestantische Mitglieder ein, sehr natürlich
bei dem meist dem Adel, d. h. den protestantisch gewordenen
höheren Laienschichten, vorbehaltenen Recht des Eintritts in die
Pfründen dieser Institute. Damit aber mußten, indem die
Gremien evangelisch wurden, auch die aus ihnen durch Wahl
hervorgehenden Pröpste und Bischöfe in immer größerer Zahl
sich der alten Kirche entfremden.

Hier war nun einer der Punkte, in denen der geistliche
Vorbehalt des Augsburger Religionsfriedens dem politischen
Vordringen der Vrotestanten entgegentrat; denn nach ihm

Ritter, Deutsche Geschichte 1, 108.