Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 611
sollten protestantische Vorstände geistlicher Institute, insbesondere
soweit diese Reichsunmittelbarkeit besaßen, durch ihr Bekenntnis
an sich schon ihrer Stellung verlustig gehen.

Aber hatten nun die Protestanten dieses Reservat in dem so—
eben gegebenen oder in einem anderen Verstand — eine Fülle
von abweichenden Auffassungen im einzelnen war denkbar —
vorbehaltlos anerkannt? Jedenfalls widersprach ihr Thun einer
solchen Auffassung, wie ihr ganzes Dasein den naturgemäß
katholischen Formen der alten Reichsverfassung, und sie waren
nicht gewillt, sich zu fügen.

Vor allem war das der Standpunkt der protestantischen
Fürsten, die jetzt noch ganz anders, als das bisher geschehen, in
den Bestand der geistlichen Fürstentümer der alten Kirche eingriffen.
Für sie kam es darauf an, durch Protestantisierung namentlich der
Bistümer, dann auch der kleineren geistlichen Institute uner—
hörten Zuwachs an Land und Leuten zu gewinnen.

Diese Politik ist nirgends mit gleicher Energie durchgeführt
worden, wie von den protestantischen Kurfürsten des Nord—
ostens. Kursachsen gliederte sich die Bistümer Meißen, Merse—
burg und Naumburg an, Kurbrandenburg die Bistümer Branden⸗
hurg, Havelberg und Leubus; zugleich gab Kurbrandenburg
den früher für den Prinzen Sigmund erworbenen Stiftern
Magdeburg und Halberstadt protestantischen Charakter: in
kurzem war die ehemals so wichtige politische Stellung der
Kirche an der Elbe und in deren Nachbarschaft fast gänzlich
—DDV0
Lübecks, Pommern Cammins; Schwerin und Ratzeburg waren
schon vor dem Augsburger Religionsfrieden an Mecklenburg
gefallen. Fügt man dem hinzu, daß im Jahre 1566 auf den
bremischen Erzstuhl in dem Herzog Heinrich von Sachsen⸗Lauen—⸗
burg ein Charakter gelangte, dem es wesentlich um fette Pfrunden
zu thun war, und der, religiösen Kompromissen zugeneigt, selt—
sam zwischen alter und neuer Kirche schwankte, so ergiebt sich,
daß zehn Jahre nach dem Augsburger Frieden alle Bistümer
im deutschen Nordosten, ja weit nach Westen hin, mit Aus—
nahme Hildesheims, protestantisch geworden waren.