Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 613
hier mit thörichten Anschlägen auf alles und jedes und fand
in dem phantastischen und bigotten Ernestinerherzog Johann
Friedrich zu Jena einen kritiklosen Gönner. Wie sollte man
sich da auf weite Unternehmungen einlassen? In lässiger und
doch ängstlicher Aufmerksamkeit, unter fortwährendem ergeb—
nislosem Hin- und Herverhandeln über eine einzuleitende
Besserung sahen die katholischen Stände der protestantischen
Entwicklung der Dinge zu.

Dem Protestantismus wäre anscheinend der Sieg gewiß
gewesen, wäre er politisch wie geistig in voller Einheit zur
Erscheinung gelangt. Allein eben das war in keinem Sinne
der Fall.

Politisch war der deutsche Protestantismus eigentlich
niemals ganz einig gewesen. Dem Unterschiede der Charaktere
Philipps des Großmütigen und der sächsischen Kurfürsten
ernestinischer Linie waren doch auch schon sachliche Gegensätze
zur Seite getreten; Hessen als lange Zeit westlichstes evan—
zelisches Territorium, als Bollwerk gleichsam des neuen Be—
kenntnisses auf dem mutterländischen Boden des Reiches bedurfte
anderer Lebensbedingungen, als das im Mittelpunkt der neuen
Glaubenseinung zur Hälfte kolonial gelegene Kursachsen. So
war man im Augenblick großer Entscheidungen, im Schmalkal⸗
dischen Kriege z. B., schließlich zwar vereint vorgegangen, aber
nicht auf Grund jahrzehntelang intimen Ineinanderwachsens.
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ausgeblieben.

Jetzt aber begann der alte Gegensatz zwischen Hessen und
Kursachsen einem neuen, weit verhängnisvolleren zu weichen,
dem zwischen Kursachsen und Kurpfalz. Schon dadurch mußte
dieser Gegensatz, bildete er sich überhaupt, stärker wirken, daß jetzt
heide Antipoden dem Kurfürstenkollegium angehörten, mithin ihr
Widerstreit alsbald im höchsten Verfassungskörper des Reiches
zu Weiterungen führte. Dies um so mehr, als nach altem