Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 615
haltig, dazu fanatisch religiös und äußerlich genügsam, wenn
auch übertriefend von anspruchsvoll gottseligen Reden.

Ihm trat nun in Kursachsen ein fürstlicher Vetter von nicht
minder ausgeprägtem Wesen entgegen. Kurfürst August, der
seinem bei Sievershausen gefallenen Bruder Moritz gefolgt
war, erschien da, wo er sich frei geben konnte, als ein Mann
von unbeugsamem, ja gelegentlich tyrannischem Wesen, steif⸗
nackig und zäh und doch wieder von jähestem Zorn, dabei stets
eingenommen von den kleinsten wie den größten Interessen,
an sich haltend, ein ausgezeichneter Wirtschafter. In seinen
politischen Beziehungen aber hatte er gelernt, äußerst be—
hutsam aufzutreten, um gerade durch Maßhalten zu herrschen.
Diese Kunst, die ihm anfangs schwer genug gefallen sein
muß, war freilich durch die Interessen seines Hauses und
Landes fast unverbrüchlich gebbten. Nachdem Kursachsen
die kleinen Bistümer in seiner Nähe verschlungen hatte, war
es ein gesättigtes Land; es grenzte wesentlich an evangelische
Nachbarn, es war in sich konsolidiert, es konnte von jeder
großen Umwälzung nur Schaden leiden. Als Ganzes aber er—⸗
schien es — und das war das eigentliche Verhängnis der Politik
Augusts — noch keineswegs sicher in der Hand des regierenden
Hauses; Moritz erst hatte es in revolutionären Handlungen den
Ernestinern abgewonnen; noch sprach man von der Möglich—
keit einer Wiedereinsetzung dieser; nur durch eine durchaus
reichs⸗ und kaisertreue, konservative Politik schien es dem andern
Zweige der Wettiner gesichert werden zu können. Und lud zu
einer solchen Politik nicht auch sonst alles ein? Kursachsen
grenzte nachbarlich an die österreichischen Erbländer; lagen da
nicht Beziehungen zum Hause Habsburg besonders nah? Und
wenn das Jahrhundert immer wieder, und vornehmlich im
deutschen Osten, vor den Türken zitterte, so führte auch hier
die gemeinsame Gefahr Osterreich und Kursachsen zusammen;
nicht umsonst birgt Dresden noch heute das nördlichste aller
deutschen Zeughäuser mit großen Erinnerungen aus türkischer
Zeit. Zudem: diese Politik, die freilich dem aggressiven Vor—
schreiten des Evangeliums im Reiche entgegentreten, die den

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