Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 617
entwickelte aber die junge Kirche kein amtliches Organ für diese
Aufgaben; diese fielen vielmehr ihrer Theologie zu. Es ver—
steht sich, daß sie demgemäß sehr mannigfaltig gelöst wurden.

Klar blieb dabei aber immer, daß, zumal bei dem sinkenden
Ansehen der Zwinglischen Kirche, Luthers Lehre maßgebend sein
sollte. Indes Luther hatte nicht selbst die erste Dogmatik seiner
Lehre geschrieben, sondern vielmehr Melanchthon in dem viel
gedruckten Buche der Loci theéologici; und überhaupt hatte
Luther Melanchthon vielfach die begrifflich-feinere Durchbildung
und Vertretung seiner Lehre in den Streit- und Ausgleichs—
verhandlungen mit den Katholiken wie sonst überlassen.

Dabei konnte nun Melanchthon, trotz aller Weichheit und
Anpassungsfähigkeit seiner Natur, dennoch nicht bloß das andere
Ich Luthers bleiben. Er bildete sich seine eigenen Anschauungen,
und er wurde bei seinem irenischen Eifer nicht selten auch,
mindestens für die Formulierung seiner Meinung, von den
Gegnern beeinflußt. Und dieser Einfluß verstärkte sich natur—
gemäß nach dem Tode Luthers So nahm bei ihm allmählich
eine Anzahl von Lehren eine von Luthers Sinn abweichende
Färbung an, so besonders die Lehre von der Bedeutung der
guten Werke für die Erreichung der Seligkeit, die Frage nach
dem Mitwirken des eigenen Willens bei der Rechtfertigung
und endlich das schwere Problem, ob Christi lebendiger Leib
im Brote und Weine des Abendmahls unmittelbar gegenwärtig
gedacht werden müsse oder nicht.

Melanchthon indes war sich dieser Abweichungen nicht be—
wußt oder wollte sie wenigstens nicht Wort haben. Ein bei
dem regen Interesse der Zeitgenossen an dogmatischen Fragen
bald unhaltbares Verfahren. In Flacius Illyricus, einem Lieb—
ling des verstorbenen Luther, fand sich der scharfe Kopf, der
den ursprünglichen Luther gegen Melanchthon zu retten unter—
nahm: offen traten die Gegensätze des Melanchthonismus und
des Luthertums zu Tage; und wenn Melanchthon zu Witten—
berg der unbestrittene Lehrer des albertinischen Sachsens blieb,
so eiferte jetzt Flacius von Jena her, aus der neubegründeten
Universität des ernestinischen Thüringens. Mit all dem groben

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