Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 619
wenigstens am Rheine, zu stärkerer Bewegung der Laienwelt
gekommen wäre.

Konnten nun Reich und Kaiser, lutherische und zwinglische
Protestanten diesen Vorgängen lautlos zusehen? Und gar die
Katholiken? Sie, die die Unduldsamkeit des Calvinismus aus
den Vorgängen jenseits der westlichen Grenzen zur Genüge kannten?

Kaiser Maximilian II. suchte wohl, aus dem alten Hasse
seines Hauses gegen die pfälzischen Wittelsbacher heraus, den
pfälzischen Calvinismus einfach zu vernichten; auch besorgte
er von den französischen Verbindungen des Pfälzers Böses und
mochte vielleicht ahnen, welche Bedeutung die Pfalz einst als
Vormacht des deutschen Calvinismus erlangen könne. Aber seine
Thätigkeit, auf dem Augsburger Reichstage des Jahres 1566
anfangs erfolgreich, blieb schließlich doch völlig vereinzelt
und wirkungslos. Man mußte sich auf den Calvinismus als
Reichsgenossen einrichten.

So kam alles auf die Haltung der älteren protestantischen
Richtungen zu ihm an. Und hier zeigte sich nun, daß diese
gegenüber dem neuen Feinde ihrer älteren Zwiste anscheinend
vergaßen. Melanchthon war am 18. April 1560, streitens- und
lebenssatt, gestorben; Flacius war Ende 18561 aus Jena ver⸗
trieben worden und führte seitdem ein halbverborgenes Wander⸗—
leben ohne Bedeutung. Es gab damit weder einen gellenden
Rufer im Streite, noch einen verehrenswürdigen Vertreter ein⸗
seitiger Prinzipien mehr: die trennenden Momente des Flacianismus
und Melanchthonismus schienen vergessen werden zu können;
leidlich einmütig schloß sich das Luthertum zusammen.

Und ganz einmütig trat es dem Calvinismus entgegen.

Indem dies aber geschah, fingen die politischen und reli—
giösen Gegensätze im Protestantismus an, sich zu decken: die
calvinistischen Pfälzer standen gegen die lutherische Partei Kur—
sachsens. Konnte unter diesen Umständen der glänzende Auf—
schwung des Protestantismus im ersten Jahrzehnt nach dem
Augsburger Religionsfrieden fortdauern, war ihm etwa gar die
Eroberung Deutschlands gewiß?