624 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
fünft der siebziger Jahre, so läßt sie sich, im Vergleich zu dem
frohen Aufschwung des ersten Jahrzehnts nach dem Augsburger
Religionsfrieden, befriedigend nicht mehr nennen. Die
kurpfälzische Politik war im Innern wie im Außern lahm
gelegt, und die inneren Gegensätze waren keineswegs aufge—
hoben; das einzige, was man zu gunsten des Bestehenden
anführen konnte, war, daß es noch nirgends zum offenen
Konflikte gekommen war.

Dieser Konflikt aber drohte nun immer näher, da sich die
Gegensätze zwischen West und Ost, zwischen Pfalz und Sachsen,
zwischen Calvinismus und Luthertum immer mehr erhoben.
In dieser Richtung verlief vor allem die konfessionelle Ent—
wicklung der siebziger Jahre.

Kurfürst August von Sachsen war stolz auf sein unver—
fälschtes Luthertum. Er kannte sich zwar in den dogmatischen
Feinheiten nicht recht aus; aber er war überzeugt, daß es kein
»ollendeteres lutherisches Kompendium gebe, als das dog—
matische Grundgesetz seines Landes, das von Melanchthon im
Jahre 1559 verfaßte Corpus doctrinae Misnicum.

Konnte aber nun dies Corpus, bei der Stellung Melanch—
chons in seinen letzten Jahren, wirklich die reine lutherische
Lehre enthalten? Und wurde Luthers Glaube an den sächsischen
Universitäten Wittenberg und Leipzig, die ganz den Spuren
Melanchthons folgten, in Wahrheit noch ohne Falsch gelehrt?
Das war die Frage, die aus den Kreisen der sächsischen Landes—
kirche von dem Augenblick an immer dringlicher erscholl, da
durch den Vergleich des calvinischen Dogmas mit dem
utherischen auch blöderen Augen die Lehrunterschiede Melanch—
thons und Luthers klarer entgegentraten. Auch in die
Ohren des Kurfürsten drang diese Frage, und da er ihrer nicht
Herr zu werden vermochte, so begann er bedrängt, verdrießlich,
mißtrauisch zu werden. Spielten seine obersten kirchlichen
Berater nicht etwa verstecktes Spiel mit ihm?

In der That war, man in Wittenberg, wie sonst in den
Kreisen der — sich des eingeschlagenen krypto—
ralvinischen Wegs vollkommen bewußt; und man glaubte,