Hrotestantismus und Gegenreformation im Reiche. 625
auf ihm durch langsames und verdecktes Vorgehen die Lehre
Luthers wirklich allmählich beseitigen zu können. Ein gefähr—
liches Unternehmen, falls etwa dem Kurfürsten die Augen
geöffnet wurden.

Und das geschah im März 1574. Ein aufgefangener
unvorsichtiger Briefwechsel der Vertreter des Kryptocalvinismus
am kursächsischen Hofe enthüllte dem Kurfürsten alles. Der
jähzornige Mann wütete. Die schuldigen Mitwisser, der ge—
heime Rat Crato und der Leibarzt Dr. Peucer, wurden festge—
setzt und teils durch Folter, teils durch Verlesung des Todes—
urteils körperlich und geistig gemartert; nicht viel besser
erging es dem Hofprediger Schütz und dem Superintendenten
Stößel. Und überall im Lande ward die böse Saat des
Kryptocalvinismus aufgesucht und ausgerottet.

Aber damit nicht genug. Die Sorge vor der Wieder—
kehr solcher Überraschungen gebot positive Maßregeln: eine
absolut sichere Zusammenfassung der lutherischen Lehre, und
nicht bloß für Kursachsen, sondern für alle Bekenner des
Luthertums mindestens auf deutscher Erde, mußte hergestellt
werden.

Nun war der fromme Herzog Christoph von Württemberg
schon längst darauf ausgegangen, eine solche „Konkordie“ zu
stande zu bringen; und nach seinem Tode hatte sein Kanzler
Jacob Andreä diese Bestrebungen in großen Rundreisen an den
protestantischen Fürstenhöfen fortgesetzt. Jetzt nahm sich Kur—
fürst August dieser Anfänge aufs eifrigste an: Theologen und
Fürsten sollten nun endgültig zusammenwirken, die reine Lehre
festzulegen. So holte der Kurfürst Jacob Andreä aus Württem—
berg herbei, Martin Chemnitz aus Braunschweig, David
Chytraeus aus Mecklenburg, anderer nicht zu gedenken. Und
die begannen darauf die Formel dogmatischer Einheit zu suchen,
und ihre Feststellungen ergänzten sie durch die drei ältesten
Glaubenssymbole, die ungeänderte Confessio Augustana und
ihre Apologie, die schmalkaldischen Artikel des Jahres 1537
und die Katechismen Luthers zu einem großen Buch der Be—
kenntnisse, zu einer Konkordienformel, die allgemeine Anerkennung