328 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.

sein, entdeckte er, verwundert zunächst, den in den verborgensten
Tiefen seines Herzens rauschenden Quell religiöser Gefühle.

In Rätselreden eine Zukunft christlicher Entsagung an—
deutend, verließ er das Schloß seines Bruders in Guipuscoa;
ein Asket im Sinne des früheren Mittelalters, ein Bettler,
wollte er im Lande umherziehen. So ritt er in kriegerischem
Schmuck zum Kloster Montserrat, der Stätte längst geheiligter
Verehrung; knieend während der Nacht, vor dem Feste der Ver—
kündigung Mariä, im uralten Brauche der Waffenwacht, weihte
er sich zum Ritter der heiligen Jungfrau. Arm, waffenlos zog
er darauf von dannen; dem nächsten Bettler überreichte er sein
letztes glänzendes Gewand; im Büßerhemd, die Lenden mit
rinem Stricke umgürtet, wird er von nun ab Gott in der Hand—
reichung der Krankenpflege dienen.

Aber bald genügte seinem nimmer schlafenden Intellekt
die praktische Askese nicht mehr; er rettete sich in die Einsamkeit
des Dominikanerklosters Manresa; und nervös erregt ja ange—
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Fasten, suchte er die Selbstbetrachtung im Sinne des heiligen
Bernard, des Bonaventura und des Franz von Assisi. Und
welcher Wunder wurde sein glühendes Hirn gewürdigt! Fort—
gerissen von den Schauern der Vision erblickte er das Geheimnis
der heiligen Dreifaltigkeit, ward er des unmittelbaren An—
schauens der göttlichen Weltordnung teilhaftig; bis zur Dauer
achttägiger Verzückung erdehnte sich seine Ekstase.

Aber in all diesen Gnadenzuständen, jetzt wie später, blieb
Don Jüigo der willensstarke Rittersmann, der er gewesen. Er
ruhte in der Ekstase nicht lässig aus, wie einst die Mystiker
Deutschlands, wie damals noch zahlreiche mystisch bewegte
Seelen Spaniens; er ließ sich von ihr nicht aus sich heraus—
drängen; seine Selbstbeherrschung — wie er es ausdrückte, seine
discretio — ging niemals verloren. So ging er auch nicht unter
in der frommen Wollust dieser Übungen; ein organisatorisches
Genie vielmehr, wie einst Bonifaz, wurde er aus den Erfahrungen
persönlicher Frömmigkeit immer wieder den Daseinsfragen der
Kirche zugedrängt: dem Ganzen wollte er dienen.