530 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
In geistlichen Ubungen (exereitia spiritualia) wurden sie
unter Umständen äußerer Askese unterworfen, dem Tragen von
Cilicien, der Geißelung, der Verwundung. Vor allem aber
wurden sie eingeführt in die Geheimnisse kontemplativer Selbst⸗
erforschung und Selbstzermarterung; und aus ihnen heraus,
wie fie in systematischer Gewissensleitung durch Loyola selbst
wochenlang währten, wurden empfängliche Seelen sogar empor⸗
gezückt zu visionärem Verhalten. Als ficheres Ergebnis aber
fand sich allezeit während der Übungen eine knechtische Furcht
ein vor dem unergründlichen Walten des Allerhöchsten und der
eine Gedanke, daß Gott, ein Herr aller Dinge, ein furchtbarer
Richter vor allem sei aller sündigen Geheimnisse der Menschen—
seele. Es war ein Zustand, der, planmäßig mit allen Mitteln
südlich erregter Vorstellungskraft, allen Werkzeugen erprobter
mittelalterlicher Frömmigkeit herbeigeführt, ähnliche Wirkungen
hervorrief, wie sie Luther in der Einsamkeit der Erfurter Kloster—
zelle mit verwandten Mitteln erzeugt hatte.

Aber während Luther aus den Schauern der Verzweiflung
heraus durch ein persönliches Verständnis der Bibel dem un—
mittelbaren Verhältnis seiner wie jeder anderen Menschenseele
zum alten und doch nun so neuen Christengotte Bahn brach,
wies Loyola die also Verzweifelten zurück auf die objektiven
Gnadenmittel der Kirche: in ihnen sollte der einzelne sich, sein
Heil, seinen Verstand und seinen Willen geborgen fühlen. Es
ist der entscheidende Unterschied zwischen Protestantismus und
modernem Katholizismus.

Der moderne Katholizismus beruht auf der Fesselung des
Einzelnen an die Wirkung der Sakramente, der magischen Gnaden⸗
mittel der Kirche; er bedarf, um diese begehrenswert zu machen,
der fortwährenden Wiedererregung mittelalterlicher Frömmigkeit
in Kontemplation und Askese, ja gelegentlich sogar in ekstatischer
Narkose. Der Protestantismus dagegen, der den Einzelnen seinem
Gotte unmittelbar, ohne objektive Zwischenglieder der Vermittlung,
gegenüberstellt, bedarf der mittelalterlichen Frömmigkeitserreger
nicht mehr und hat statt dessen neue Stufen einer weit ver—