Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 631
geistigteren Frömmigkeit vom Pietismus ab bis auf unsere
Tage durchschritten.

Für Loyola aber bedeutete das Aufsuchen der Kirche aus
den unbefriedigenden Schrecken der mittelalterlichen Frömmigkeit
heraus ein einziges, ein volles Heil. In der Kirche hat
der verzweifelte und verlassene Fromme sich ganz zu finden:
sie ist sein Verstand und sein Wille. Erscheint uns etwas weiß,
wovon die Kirche lehrt, es sei schwarz, so werden wir unser
Urteil durch das ihrige ersetzen. Befiehlt die Kirche etwas, so
wird es der Fromme vollbringen: denn er ist ein Werkzeug der
Kirche. Das gilt für jeden Frommen; um wie viel mehr für
die, die in Frömmigkeit vollkommen sein sollen, für die be—
sonderen Diener und die Erwählten der Kirche. Von diesem
Standpunkte hat es der heilige Ignatius gegenüber seinen
Jüngern ausgesprochen: „Ich will, teuerste Brüder, daß alle
durch wahren und vollkommenen Gehorsam, durch Verzicht auf
Urteil und Willen, hervorragen .... Daher müßt ihr auch
eifrig das verhüten, daß ihr euch nicht bemüht, zu irgend
einer Zeit den Willen der Oberen, den ihr für den göttlichen
halten müßt, nach eurem Willen zu beugen .... Wer aber
—D
auch die Einsicht, die Vorstellungsgabe darbringen, daß er nicht
nur dasselbe wolle, sondern auch dasselbe denke, wie der Obere,
und dessen Urteile das seinige unterwerfe, soweit der ergebene
Wille den Verstand zu beugen vermag.“

Es sind Worte, die zugleich den ganzen praktischen Unter—
schied der Lehren des heiligen Ignatius von denen der mittel—
alterlichen Mystik, mit der seine Frömmigkeit sonst so verwandt
ist, begreifen lassen; nicht vergebens haben die Jesuiten später
die deutschen Mystiker des Mittelalters systematisch in Ver—
gessenheit zu bringen gewußt. Die mittelalterliche Mystik sucht
ein Aufgehen des Willens wie des Verstandes in Gott anzu—
bahnen; in diesem Sinne erstrebt sie Gelassenheit, d. h. quietistisches
Ausruhen im transcendentalen Prinzip. Der heilige Ignatius
dagegen wendet die durch alle Mittel der Askese und der
Kontemplation angefachte religiöse Stimmung ins Diesseits,

Lamprecht, Deutsche Geschichte. V. 2. 41