Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 635
großes Ideal hingezogen und hingestimmt, sich einverleibte, das
wandte sie nun in scharfem Schliff nach außen, ein Orden des
Kampfes. So trat sie auf zu einer Zeit, da die Kirche tödlich
darnieder zu liegen schien, und lehrte alsbald die oberhirtliche
und lehramtliche Souveränität des Papstes; so nahm sie sich
der Heidenmission an; so wirkte sie gegen die Protestanten; und
so schuf sie vor allem in der eigenen Kirche wieder Sammlung,
Zuversicht und Hoffnung des Sieges.

Und wie gelang ihr Werk! Schon beim Tode Loyolas,
im Jahre 1556, zählte der Orden in 18 Provinzen und 100
Niederlassungen über 1000 Mitglieder; siebzig Jahre später
hat er 15493, im Jahre 1762 gar 22787 Mitglieder
gehabt. Doch“ abgesehen von dem Aufschwung eigner Macht,
mit welcher Wucht der Wirkung wurde der Orden ins All—
gemeine thätig!

Wir verfolgen seinen Einfluß in dieser Richtung hier nicht
auf dem Gebiete der Staats- und Kulturgeschichte; oft genug
werden wir da seinem Namen noch begegnen. Wohl aber sei
hier seine noch viel tiefere Bedeutung für die sittliche Haltung
der Kreise erörtert, die seinem Wirken sich öffneten.

Die Frömmigkeit des Ordens, der religiöse Urquell all
seines Thuns, ist mittelalterlich. Im Mittelalter hatten einst
die Klöster, einsame Träger der vergangenen Bildung kultur—
hoher Zeiten, als Atolle gleichsam eines großen, künftigen Fest⸗
landes hoher Bildung das gemeine Niveau des Lebens
überragt. Demgegenüber werden jetzt, mit dem Tagen der
Neuzeit, die Häuser der Gesellschaft Jesu zu stehenbleibenden
Resten der untergehenden mittelalterlichen Welt — den Vulkanen
berschwundener Weltteile gleich, die eine veränderte Umgebung
noch immer mit unterirdischer Erregung bedrohen. Indem die
Gesellschaft ihre Mitglieder und Jünger in Erlebnissen mittel—
alterlicher Frömmigkeit bildete und umgestaltete, erweckte sie in
ihnen das gebundene Wesen mittelalterlichen Geistes, machte sie sie
im modernen Sinne personenlos: in einem Zeitalter des Individu—
alismus sollten sie gleichwohl keine Individuen sein. Es war ein
hom Standpunkte individualistischer Sittenbegriffe aus zweifels—