Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 637
der Kasuistik weiter zum Probabilismus fortgeschritten !. Denn
indem man die Pflichten nach äußeren Auffassungen und Gründen
abmaß, begann man, diese Auffassungen und Gründe gegen—
einander auszuspielen, und fand dann, daß je nach ihrem Gewicht
bald die eine, bald die andere Anschauung einer Pflicht, einer
That billigenswerter, probabler erscheine.

Diesen Probabilismus nun, die Methode, Pflichten und
Handlungen nicht nach ihrem innersten sittlichen Charakter,
sondern mehr nach äußeren Umständen als notwendig oder
billigenswert zu beurteilen, erweckte jetzt die Gesellschaft zu neuem
Leben. Schon der heilige Ignatius hatte an Stelle der Moral
eine bedenkliche Klugheitslehre aufgestellt, die nur noch durch
seinen vornehmen Charakter sittlich gehalten ward. Nachdem
dann aber der spanische Dominikaner Bartholomäus de Medina
zuerst im Jahre 1577 und bald darauf auch einige andere Spanier
wieder den vollen Probabilismus des Mittelalters gelehrt hatten?,
konnte ihn der Jesuit Gabriel Vasquez schon 1598 als das
herrschende System unter den Theologen seiner Zeit und damit
als den vor allem im Jesuitenorden geltenden Brauch be—
zeichnen.

Es war die schlimmste Entwicklung, die für die Moral
der katholischen Völker eintreten konnte. In den mittelalter—
lichen Kulturen gebundener Persönlichkeit konnte der Proba—
bilismus allenfalls noch als der nicht allzusehr schädigende Aus—
wuchs einer an sich teilweise notwendigen sittlichen Kasuistik
bezeichnet werden; für ein Zeitalter freier Persönlichkeit und
selbständig werdenden Gewissenlebens, wie es die Jesuiten trotz
allen Bemühens dennoch nicht unterdrücken konnten, bedeutete
er moralische Vergiftung. In der That entwickelten sich erst
jetzt, auf dem wucherisch üppigen Nährboden eines anderen Zeit—
alters, die furchtbarsten Schäden des Probabilismus und die

S. oben S. 148.

ber den Zusammenhang des mittelalterlichen und des neueren
Probabilismus fehlen eingehende Studien; behauptet wird er von Harnack
Dogmengesch. 832, 5890 Anm. 1, 6*40. Val. auch Döllinger, Moral—
streitigkeiten S. 28ff.