Orotestantismus und Gegenreformation im Reiche. 639
den Verhandlungen der zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts
her die hundert Gravamina der deutschen Nation in den Ohren,
und was schlimmer war, Thomas Campeggi hatte bei stiller
Nachprüfung im Jahre 1586 ihre durchschnittliche Be—
rechtigung anerkennen müssen!. Sollte sich da die Kurie den
Fährlichkeiten einer allgemeinen Kirchenversammlung anvertrauen,
trotz aller guten Erfahrungen, die sie mit dem letzten vatikanischen
Konzil gemacht hatte?

Papst Paul III., ein Farnese von sinnlicher Vergangenheit
und weltlichen Zielen, dabei aber wohlwollend-klug, frei von
Kleinlichkeit, ja hochsinnig, ein naiver Sünder, suchte jahre—
lang das begehrte Konzil zu vermeiden. Nachdem er es indes
zum 28. Mai 1537 ausgeschrieben, auf den 1. November 1587
verschoben, vor seinem Zusammentritt zu Bologna auf den
1. Mai 1538 nach Vicenza verlegt und schließlich auf unbestimmte
Zeit vertagt hatte, sah er sich dennoch durch die politische Haltung
des Kaisers am Ende veranlaßt, es zum 15. März 1545 nach
Trient einzuberufen. In Trient gab es damals noch eine deutsche
Gemeinde, das Bistum des Orts war das südlichste innerhalb
der Grenzen der deutschen Lande, und der Kardinal Madruzzi,
der Trientiner Bischof, war als geistlicher Fürst des Reiches mit
den politischen und religiösen Vorgängen nördlich der Alpen
leidlich vertraut.

Nach einigem Zögern ward das Konzil am 13. Dezember
1545 eröffnet; außer einer großen Anzahl italienischer Be—
sucher waren nur wenige Spanier, einige Engländer, Franzosen
und Griechen, kaum ein Deutscher erschienen. Gleichwohl be—
gannen die Sitzungen unter der Leitung pädpstlicher Legaten,
von denen der Jurist Monte den Vorsitz der Versammlung und
der kluge Cervino die Leitung der Debatten übernahm, während
der feurige, einsiedlerische Pole nur eingriff, wenn es galt, durch
hinreißendes Pathos Begeisterung, durch strengen Tadel Ord—
nung zu schaffen. War Rom so von vornherein ausgezeichnet
bertreten, so brachten die Legaten das Konzil ganz unter den

Vgl. seine Denkschrift bei Friedensburg, Nuntiaturber. 2, 341 ff.