Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 647
den Mitteln des Humanismus neu erschlossenen Verständnisses
der Bibel bedurft; darum hatten seine Anhänger überall den
klassischen Mittelschulunterricht entwickelt oder ausgebaut:
humanistische Bildung und Protestantismus waren eng ver—
schwisterte Erscheinungen.

Der Jesuitismus kam dieser Verbindung bei, indem er
auch seinerseits einen gelehrten Unterricht humanistischen
Charakters entwickelte. Möglich war das, weil dieser Unter—
richt an sich im 16. Jahrhundert überall ein formaler war.
Er lief auch auf den protestantischen Schulen keineswegs darauf
hinaus, ein geschichtliches Verständnis des klassischen Altertums
zu erwecken oder auch nur eine sogenannte humane Gesinnung
heranzubilden: das Ziel war die philologische und praktische
Beherrschung der alten Sprachen, ja fast ausschließlich des
Lateins; es war ein rhetorisches Ziel im Sinne der Alten.
Diese Bildung nun zu verleihen war gerade der Jesuitismus
besonders befähigt, denn ihr Formalismus ordnete sich ganz
den religiösen Erziehungsgrundsätzen des Ordens ein. So schien
der klassische Unterricht der Jesuitencollegia bald den der pro—
testantischen Gymnasien zu übertreffen; zu Hunderten strömten
ihm lernbegierige Schüler zu, zumal Erziehung und Unter—
weisung für Unbemittelte unentgeltlich war und nicht einmal
das katholische Bekenntnis zur Bedingung der Teilnahme ge—
macht ward.

Und eben weil der Unterricht formal war und jede Ein—
führung in den andersgearteten Geist der alten Autoren
bermied, ward er sogar bald zu einer nicht unwesentlichen
Vorbedingung jesuitisch-religiöser Erziehung. Neben den heiligen
Thomas traten Aristoteles und Cicero gleichsam als Schul—
heilige des Ordens; vermittelten die letzteren die Form, so der
erstere den Inhalt der Bildung: Selbstdenken ihnen gegenüber
schien gefährlich und vermessen. Damit fügte sich der Erwerb
des Wissens ganz der Bildung des Charakters ein, die um so
mehr gefördert werden konnte, als alle Zöglinge fast das Leben
des Internats führten; und das Ergebnis war die beinahe
schrankenlose Überleitung jesuitischer Lebensprinzipien in die

Lamprecht, Deutsche Geschichte. V. 2. 12