348 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
jungen Seelen. Das bedeutete aber den Gewinn der künftigen
Generationen der Gebildeten in Deutschland — eben jener
Gebildeten, in deren Herzen am frühesten und zähesten das
Evangelium Fuß gefaßt hatte.

Und die Jesuiten machten beim Mittelschulunterricht nicht
Halt; bald, wie wir sehen werden, fielen ihnen und ihrem
System mit gleichem Erfolge auch die Lehrstühle der Univer—
sitäten zu.

Andrerseits wußten sie auch die unteren Volksschichten zu
gewinnen. Zwar weniger durch Unterricht; sie sahen wohl,
daß das Elementarschulwesen der Zeit die Entfaltung großer
Wirkungen noch nicht gestattete. Wohl aber durch die Aus—
bildung eines religiösen Kultus greifbarer, mechanischer und
berauschender Gattung. Jetzt kam die pomphafte Ausstattung
der Kirchen auf, wie sie das feierliche Barock ermöglichte, bis
ein förmlicher Typus des Jesuitenstils in tausend Künsten des
Stucks, der Bemalung, der Beleuchtung und der Beflitterung
entwickelt war; nun wurde der Bilder-, Reliquien- und Heiligen⸗
dienst, wie die Teilnahme an Prozessionen, Wallfahrten und
besonderen Andachten bis ins Narkotische gesteigert, und den
Einzelnen begleiteten Zauberformeln und geweihte Skapuliere,
wunderwirkende Gürtel, Medaillen und Amulette auch außerhalb
des kirchlichen Pomps in das Gewühl des Lebens.

Den Gipfelpunkt dieses Wesens aber bildete eine neue
Mariolatrie von traumhafter Überschwenglichkeit. Jetzt erschien
die Jungfrau als Adoptivtochter Gott Vaters, Mutter Gott
Sohnes und Gemahlin des heiligen Geistes und somit als das
durchdringende Prinzip der zur Viereinigkeit entwickelten
Trinität; und ihre Mutter, die heilige Anna, jene große
Modeheilige des 15. Jahrhunderts, fand jetzt als Großmutter
Gottes und Schwiegermutter des heiligen Geistes Verehrung.

Und diese massive Lehre, dieser veräußerlichte Gottesdienst
ward nicht etwa zunächst das gemeine Labsal bloß der niederen
Klassen. Im Kult der marianischen Kongregationen umwarb er viel⸗
mehr die höheren Kreise, die, in mittelalterlichen Dienst- und Betge⸗
nossenschaften jesuitischer Färbung zusammengefaßt, sich asketischer