Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 651

hatte dieser Aufmarsch der Jesuiten in der Front wie in der
westlichen Flanke des Protestantismus einen immer stärkeren
centralen Stützpunkt erhalten in Rom.

Noch der heilige Ignatius (f 1556) hatte eingesehen, daß
zur vollen Wirkungsstärke des Ordens in Deutschland zweierlei
fehlte: dem Orden gehörten zu wenig Deutsche an, deren Kennt—
nis der Sprache und Landessitten kaum zu entbehren war; und
die Stationen des Ordens lagen zu weit auseinander, um sich
ohne Zwischenglieder ausreichenden Einflusses zu bemächtigen.
Deutsche Jesuiten und jesuitisch gezogene deutsche Priester —
das war, wessen der Orden bedurfte.

Dem doppelten Bedürfnis wurde das auf Ignazens Ver—
anlassung von Papst Julius III. im Jahre 1552 gestiftete
Dollegium germanicum zu Rom gerecht: ein Jesuitenkollegium
in der ewigen Stadt zur Ausbildung ausschließlich deutscher
Zöglinge für die deutschen Domkapitel, für wichtige deutsche Pfarr—
imter und für deutsche Posten im Bereiche der Gesellschaft Jesu.
Mitte Dezember 1552 trafen die ersten Insassen des neuen Kollegs
aus Wien, Prag und Köln ein; die Erstlinge einer bald wachsenden
Zahl von Zöglingen, wie sie noch heutigen Tages aus ganz Deutsch—
land in Rom zusammenströmt. Und bald wurde das Collegium
germanicum noch durch ein Externat ergänzt, eine Erziehungsan⸗—
stalt für vornehme deutsche Adelige, die ihre Ausbildung hier auch
für weltliche Zwecke erhielten; und dies Institut blühte so rasch
empor, daß es bald mehr als zweihundert Kostgänger umfaßtel.

Das Collegium germanicum aber bildete nun wiederum,
ganz abgesehen von seinen Wirkungen in Deutschland, das
Zwischenglied, das den Jesuitenorden und die Kurie zum Be—
triebe der Gegenreformation in Deutschland moralisch verband;
wie konnte die Kurie in ihren Anstalten zurückbleiben, sah sie
das eifrige Wirken der Jesuiten täglich vor Augen?

Spätestens seit Ausgang des Trienter Konzils wurde der
1Dem Collegium germanicum zu Rom entsprach das Collegium
helveticum zu Mailand, das der h. Karl Borromeo begründete, wie denn
überhaupt von ihm seit etwa 1570 die Gegenreformation der Schweiz ihren
Ausgang nahm.