Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 675
lichen Reichsverfassung nicht leben können, hätte von Grund
aus einen Neubau ausführen müssen. Jetzt schien diese Wen—
dung der Dinge mindestens für lange Zeit hin ausgeschlossen.
Was war da für die Unterlegenen noch zu thun? Gs blieb, wollte
man sich nicht von vornherein selbst aufgeben, nichts mehr
übrig, als eine noch nach Möglichkeit kraftvolle Sprengung des
alten Gehäuses, gleichviel, welche Folgen ein solches Vorgehen
zeitigen werde. Das war der dornenvolle Weg, welchen die
eifrig protestantischen Elemente nunmehr langsam, tastend, unter
Sorgen und Ablenkungen einzuschlagen begannen. Er führte
mit dem Jahre 1608 formell zum Ziele; seine letzte Konsequenz
aber war der dreißigjährige Krieg.

Möglich wurde er aber doch erst durch die Schwierigkeiten
uind Fehler, denen das Haus Habsburg, der Träger der mittel⸗
alterlichen Verfassungsgewalten, seit der Neige des Jahrhunderts
in steigendem Maße anheimfiel.

Während des ganzen 16. Jahrhunderts hatte das Haus
Habsburg unter den Angriffen der Türken zu seufzen. Nach
Osten wies der kriegerische Panzer seiner Länder, vor allem
Mährens, Niederösterreichs und Steiermarks; nur unvollkommen
vom Reiche unterstützt, haben sich die Deutschen dieser Länder
durch ihren zähen Widerstand gegen die Türken unsterbliche Ver⸗
dienfte um die Sicherung der europäischen und vornehmlich der
deutschen Kultur erworben. Von der habsburgischen Herrschaft
aber, die ihre Aufmerksamkeit zugleich den Verhältnissen im
Reiche und den großen Fragen der allgemeinen Politik des Westens
zuwenden mußte, wurden die Kriege des Ostens naturgemäß als
eine fortwährend störende Quelle von Verlegenheiten empfunden.

Nachdem Österreich im Jahre 1547 Siebenbürgen, die
mmer wieder erstrebte Grenzveste des Ostens, in den Händen
des türkischen Vasallenfürsten Johann II. Zapolya, Ungarn aber
bis aufwärts Gran im Besitz der Türken selbst hatte lassen
müssen, begann eine neue Periode der Türkenkriege mit dem