Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 679
zu machtlosem Zuschauen verurteilt. Wie konnte da der Versuch,
den Reichstag zu sprengen, andere als rein formale Ergebnisse
zeitigen?

In dieser Lage ergab sich eine merkwürdige Verschiebung
der Dinge wiederum durch Ereignisse vom Südosten, vom
habsburgischen Gebiete her.

Nach dem Tode Ferdinands J. waren die habsburgischen
Länder in drei Teile gegangen; dem Kaiser Marimilian II.
speziell und damit später dessen Sohn Rudolf II. waren die
Kernlande Ober- und Niederösterreich, dazu Böhmen und
Mähren zugefallen.

In diesen Gegenden nun, wie in den habsburgischen
Ländern überhaupt, war das Evangelium weit verbreitet, in
Böhmen im Anschluß an alte husitische Regungen, in Mähren
durch Einwanderung oberdeutscher Wiedertäufer, an der Donau
durch lutherische, zwinglische, schließlich auch calvinische Einflüsse.
Eigentlicher Hort der Bewegung aber wurden bald Ober- und
Niederösterreich; hier war es im Jahre 1571 so weit gekommen,
daß Maximilian II. dem Adel wenigstens für Niederösterreich
das Recht zugestand, in den ihm zugehörigen Kirchen evangelischen
Gottesdienst halten zu lassen. Bürger und — soweit ihnen ein
Patronatsrecht entgegenstand — wohl auch Bauern erstrebten seit—
dem das gleiche Recht und nahmen es thatsächlich vielfach voraus.

Als aber Rudolf II. nach dem Tode Marimilians Herr
des Landes geworden war, zeigte er sich bald nicht gewillt,
dieser Entwicklung freien Lauf zu lassen. Im Jahre 1576
machte er seinen Bruder Ernst, der sich durch kirchliche Strenge
auszeichnete, zum Statthalter von sterreich; im Jahre 1577
begann er mit durchgreifenden Maßregeln der Gegenreformation.
In Niederösterreich hatte er damit ziemlichen Erfolg; die
Stände fügten sich teilweis, die Jesuiten setzten mit positiver
Wirksamkeit ein, und in Melchior Klesl, einem groben, sittlich
strengen und äußerst geschäftsgewandten Wiener Bürgerssohn,
der es bald zu hohen Würden, 1587 auch zur Stellung eines
landesfürstlichen Kommissars bei den Ständen brachte, wurde
ein überzeugter geistlicher Führer der Gegenreformation ge—

Lamprecht, Deutsche Geschichte. V. 2. 44