882 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
fertigen! Aber Rudolf war, so sehr er es sein wollte, dennoch
alles andre als ein Fürst; schwerfällig, schrullenhaft, eigensinnig,
menschenscheu, wenn auch höchst klug und kunstverständig, lebte er
innerhalb der Mauern seines Palastes halbwissenschaftlichem
Sport und modischer Sammelwut. Und früh schon entwickelte sich
seine abnorme Anlage zu geistiger Entartung Seit dem letzten
Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts konnte man bei ihm an
krankhafter Verwandtenfurcht und Verfolgungswahn kaum noch
zweifeln. Im Jahre 1578 hatte der Kaiser sich zum letzten—
mal in Ögsterreich, 1583 in Ungarn, 1594 im Reiche an den
ständischen Verhandlungen beteiligt; seitdem lebte er einsam und
schweren Ausschweifungen ergeben im Innern seines Prager
Palasts, von aller Welt, zuletzt sogar von seinen Räten zurück—
gezogen und darum seit etwa 1600 einem Regiment der Kammer⸗
diener und anderer untergeordneter Persönlichkeiten unterworfen.

Konnte ein solcher Monarch noch Erfolge von der Dauer
auch nur eines Jahrfünfts erringen? Die tiefsten Erschütte—
rungen standen bevor.

Der Anstoß kam, wie so häufig in habsburgischen Landen,
von Ungarn. Ungarn, noch nicht drei Menschenalter hindurch un⸗
verbrüchlicher Besitz Habsburgs, mehr als zur Hälfte unter
türkischer Botmäßigkeit, durch die Nöte endloser Kriegszüge
von Freund und Feind heimgesucht, von Kaiser und Reich in
seinem verzweiflungsvollen Ringen gegen Osten lässig unterstützt,
fühlte noch keineswegs in voraussetzungsloser Treue für das
Haus Habsburg. Und seine selbständige Verfassung gestattete
ihm, eifersüchtig über seine Sonderstellung im Kranze der habs⸗
burgischen Länder zu wachen. Von diesem Standpunkte aus
sahen die ungarischen Stände mit Ingrimm, wie eine Anzahl
von Landesämtern an Deutsche überging, wie Deutsche uralten
Besitz des großen magyarischen Grundadels erwarben: „Ungarn
für die Magyaren“ ward zum Schlagwort ihrer Unzufrieden—
heit. Mit dem Anfang des neuen Jahrhunderts aber kam
geistliche Bedrängung hinzu. In Ungarn hatten Luthertum
und Calvinismus Adel und Bürgertum bis in die Tiefen
ergriffen. Demgegenüber stützte sich Rudolf auf die katholischen