Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 687
der allergrößesten Tragweite: denn solche Einziehungen hatten
üüberall und massenhaft stattgefunden; auf ihnen beruhte ein
Teil des Reichtums der protestantischen Stände.

Darauf hatten die betroffenen protestantischen Parteien gegen
die ergangenen Urteile teilweis jene Revision eingelegt, die vor
dem Deputationstag zur Verhandlung gelangen mußte. Konnte
man da nun, bei der konfessionellen Zusammensetzung dieses
Tages, erwarten, daß das Urteil den Protestanten günstig aus—
fallen werde? Die Korrespondierenden glaubten den Ausgang
vorauszusehen, und um ihn zu verhindern, verließen die ihnen
zugehörenden Mitglieder des Deputationstages im Jahre 1601
die Tagung unter Protest noch vor Abschluß der Beratungen.
Es war der einfache Bruch der Reichsjustizverfassung in der
obersten, zweifelsohne zu Recht bestehenden Instanz; er mußte
zur Zerrüttung der Rechtspflege im Reiche führen. Aber das
schreckte die protestantische Aktionspartei nicht. Als auf dem
Regensburger Reichstage des Jahres 1603 die Frage von
neuem auftauchte, erzwang sie durch die Drohung, den Reichs⸗
tag zu sprengen, eine Vertagung des Streites bis auf eine
andere „Zusammenkunft“, d. h. aufs Unbestimmte. Damit
war es ihr endgultig gelungen, eine der wesentlichsten noch
halb lebendigen Funktionen des Reiches in ihren höchsten
Außerungen lahm zu legen; jetzt blieb nur noch übrig, daß
auch der Reichstag von ihr verhindert ward — und die Reichs—
berfassung erschien gesprengt.

Auch hierzu fand sich bald die Gelegenheit. Die kleine
Stadt Donauwörth gehörte zu den paritätischen schwäbischen
Reichsstädten; schon im Jahre 1555 hatte sie eine protestantische
Mehrheit gehabt. Dann war diese Mehrheit im Laufe der
Zeit gewachsen; die Stadt drohte ganz protestantisch zu werden.
Da hatten seit dem Jahre 1578 jesuitische Einflüsse in dem

städtischen Kloster zum heiligen Kreuz Einlaß gefunden, und
nun ermannte sich der Katholizismus zum Widerstand: ver⸗
nachlässigte Prozessionen wurden mit neuem Pompe wieder ein⸗
geführt. Das verursachte in der Stadt Beklemmungen, zumal
die Mönche seit 1608 ihre Prozessionen herausfordernd abhielten;