Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 697
betrachtet; und schon die Thatsache, daß beide Parteien wieder
auf einem Reichstage sich zusammenfanden, konnte als Gewinn
gelten.

Kaiser Mathias, Rudolfs Bruder, war eine Wiener Natur
im schlechteren Sinne, leutselig, heiter, liebenswürdig, auch von
einer gewissen betriebsamen Arbeitslust, aber oberflächlich,
darum in seinen Anschauungen unsicher und von anderer
Ansichten abhängend. So tobte an seinem Hofe von vorn—
herein der Kampf der Räte um den Besitz der kaiserlichen
Meinung. Nun stand Mathias anfangs fast ganz unter der
geistigen Herrschaft Klesls, des uns bekannten „General—⸗
reformators“ OÖsterreichs. Aber Klesl war jetzt nicht mehr
der alte Protestantenfresser. Das Schicksal der habsburgischen
Länder im letzten Jahrzehnt wie die Lage im Reiche hatten
ihn gleich eindringlich gelehrt, daß der furchtbare Kampf aller
gegen alle nur noch dadurch zu vermeiden sei, daß man den
Protestanten verfassungsmäßige Zugeständnisse mache. Wider—⸗
willig zwar, doch in seiner Anschauung der Lage konsequent, war
er zu solchen Zugeständnissen bereit und suchte den Kaiser dazu
zu bewegen. Aber der Kaiser stand andrerseits unter den Ein—
wirkungen streng katholischer Räte, z. B. des Reichsvicekanzlers
von Ulm, sowie der strenggläubigen Prinzen seines Hauses. Und
diese wollten nichts von Versöhnung wissen; der Kaiser solle
vielmehr der Liga beitreten und damit den bestehenden Gegen—
sätzen die vollste, klarste Schärfe verleihen.

Mathias eröffnete den Reichstag unter dem doppelten
Antriebe beider Richtungen; aus eigenem aber begehrte er vor
allem eine recht hohe Türkensteuer gegen den neuerdings an—
drängenden Erbfeind; die unerhörte Summe von 260 Römer—
monaten sollte bewilligt werden.

Auf dem Reichstag begann nun das alte Spiel. Die
Protestanten forderten erst Abhilfe ihrer Beschwerden; darauf
würden sie wohlgesinnt an die Beratung der Türkensteuer
treten. Klesl riet dringend, auf diesen Vorschlag einzugehen.
Allein der Kaiser, der immer mehr von strengsten Anschauungen
beherrscht ward, versagte sich ihm: vor allem sei die Türken—

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