712 Sechzehntes Buch. viertes LKapitel.
Und gleichzeitige Vorgänge im Westen und Süden waren ge—
eignet, die Augen der auswärtigen Mächte auch sonst auf die
Thätigkeit des Hauses Habsburg zu lenken.

In Italien waren die spanischen Habsburger gegen das
Veltlin und die Grafschaft Bormio vorgegangen; am
10. Januar 1628 hatte deren bisherige Herrschaft, Graubünden, auf
sie verzichtet. Zugleich zeigte sich von seiten der deutschen Habs⸗
burger Erzherzog Leopold, der Inhaber von Tirol, gesonnen, das
Engadin zu erobern. Beide Maßregeln bedeuteten die Ver—
bindung der deutschen und der spanisch-italienischen Macht
der Habsburger; die Alpenpässe, die ihre Besitzgruppen diesseits
und jenseits der Berge getrennt hatten, waren damit in ihrer
Hand. Und noch mehr! Schon vor seiner Kaiserwahl hatte
Ferdinand das Oberelsaß mit Hagenau an Spanien abgetreten!,
darauf hatten spanische Truppen von dem niederländischen Gebiete
her, das auch Luxemburg umfaßte, im Kampf gegen Friedrich V.
die Pfalz erobert: sah es nicht darnach aus, als ob Spanien
den Lauf des Rheines entlang ein zusammenhängendes Land—
gebiet erwerben, ein neues Lotharingien begründen wolle?

Die Lage war derart, daß sich vor allem Frankreich
bedrängt fühlen mußte. Und in Frankreich herrschte keine
spanienfreundliche Politik mehr; Richelieu war ans Ruder ge—
langt, und er hatte nach kurzem Besinnen die alte Politik
Heinrichs IV. eingeschlagen. Eine internationale Verständigung
gegen Spanien-Osterreich, das war sein Programm. Und
glänzend führte er es durch. Zunächst trat er, schon am
7. Februar 1628, mit Venedig und Savoyen in einen Vertrag
zu Wiederherstellung der bündnerischen Herrschaft im Veltlin
und in Bormio. Dann begann er die Generalstaaten zu
unterstützen, die im Kriege mit Spanien standen. Endlich zog
er England von Spanien ab und knüpfte Verbindungen mit
den deutschen Protestanten an. Diese Maßregeln, nicht eigne
Verdienste haben in diesem Augenblick die norddeutschen Pro—
testanten gerettet.

S. oben. S. 702.