<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Deutsche Geschichte</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Karl</forname>
            <surname>Lamprecht</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1892066122</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        EIGEIITO.
ugrurs
Rea
—9
15

— —
UV 25744
        <pb n="2" />
        Deutsche Geschichte.

fünfter Band

Zweite Hälfte.
        <pb n="3" />
        Deutsche Geschichte

Karl Tamprecht.

Fünfter Band.

Zweite Bälfte.

Erste und zweite Auflage.

Berlhlin 1895.
R. Gaertners Verlagsbuchhandlung
Bermann Heyfelder.
8W. sSchönebergqerstraße 26.
        <pb n="4" />
        k

F
xꝛ
        <pb n="5" />
        Inhablt.

FJünfzehntes Ruch.
Driftes Kapitel. Kirchliches und politisches Reifen
des Brotestanlismus.
s. Der Protestantismus um das Jahr 1526.

l. Innerer Zusammenhang der Greignisse des
ersten Viertels des 16. Jahrhunderts. Sieg der
aristokratischen Gesellschaftsbildungen, des Fürstentums und der
städtischen Gewalten, über die demokratischen, die Bauern
das städtische Proletaͤriat undden niedern Adel; Folgen hier
von für die religiöse Bewegung.. F

2. Ausbau der Tutherischen Kirche. Luther und
das Dogma. Begründung; des evangelischen Pfarrstandes
Verheiratung Luthers. Die neue Kirche und der Staat.
Kirchenregiment und Säkularisation. .. —

3. Stand der reformatorischen Bewegung nach
dem Bauernkrieg. Verbreitung in den Städten. Verbrei
tung in den Territorien, vornehmlich Sachsen und Hefsen
Politische Bedeutung des Protestantismus, Anfänge konfessio—
neller Bündnisbestrebungen, Speierer Reichsstag vom Jahre
1553686 8——
II. Schicksale des Hauses Habsburg bis zum Augs
burger Reichstag.

1. Universelle Pläne Karls V., internationaler
Widerstand, 1520 —1526. Italien als Drehpunkt der
kaiserlichen Politik und das Papsttum. Verhältnis des Kaisers
zu Frankreich und Franz J. Erster Krieg gegen Franz,
1521 - 1526, Friede von Madrid —

Seite

359
—363

363370

3702 375

375—382
        <pb n="6" />
        v J

Inhalt.

Seite
2. Fortschritte des Hauses Habsbu rg, Ent—
stehung des österreichischen Staates, 1526 1529.
Lage im Südosten, Andrängen der Türkenmacht. Neuere
Anwartschaften der Habsburger auf Böhmen und Ungarn. König
Ludwig II. von Böhmen und Ungarn fällt gegen die Türken
bei Mohaͤcs, seine Länder gelangen an österreich, 1527. Günstige
Wendung in dem erneuten Kampfe Karls V. gegen Franz J.
Damenfriede zu Cambray.
382 389
III. Klärung und Vertiefung der konfessionellen
Gegensätze, Augsburger Reichstag des Jahres 1530
1. Politische Verselbständigung des Protestan—
tismus. Zunahme der Gärung. Die Pagctschen Händel.
Der Speierer Reichstag des Jahres 1529 und die Pro⸗
testation. Marburger Religionsgespräch. Vergebene Versuche
Philipps von Hessen, alle Protestanten politisch zu einen.
2. Der Augsburger Reichstag. Ankunft Karls V.
in Deutschland. Augsburger Bekenntnis und Conkessio
Tetrapolitana. Melanchthons Schwäche, Luthers Eingreifen
Erneuter Vrotest der Evangelischen, Gegenwirkung Karls V. 3952 400

IV. Aufschwung des Protestantismus in den
dreißiger Jahren

4. Ohnmacht des Kaisers, Schmalkaldner Bund.
Verhältnis Karls zu den katholisch gebliebenen Reichs⸗
ständen, zu Frankreich und zum Papste, seine Auffassung der
kaiserlichen Gewalt. Aufschwung des Protestantismus: Schmal—⸗
kaldner Bund, Abschwächung des Gegensatzes zur schweizerischen
Reformation, soziale Wirkungen dieser Vorgänge im Verhält
nis der Territorien und Städte. Nürnberger Religionsfrieden
Karls Weggang aus Deutschland. . ...

2. Weitere Fortschritte des Protestantismus
bis zum Jahre 1538. Zerfall des schwäbischen Bundes,
Reformation in Württemberg. Unterdrückung der letzten
kirchlich-radikllen Regungen in Norddeutschland. Weitere
Verbreitung des Protestantismus in sterreich, im deutschen
Nordosten, in Mitteldeutschland, in den Rheinlanden. Außer
deutsche Anknüpfungen. Verhältnis zu Kaiser und Papst
die schmalkaldischen Artikel Luthers und die vrotestantische
Recusation vom 830. Januar 1538.

400 —409

409 417
        <pb n="7" />
        Inhalt.

Riertes Kapitel. Kämpfe der Protestanten und der revolu⸗
tionären Fürsten gegen den katholisch-absolutistischen
Kaiser; Augsburger Reichstag und Religionsfriede

des Jahres 1555.
J. Der Protestantismus in der Wende seiner Geschicke.
1. Vergebliche Vermittlungsversuche des
Kaisers, Stocken der protestantischen Bewegung.
Dritter Krieg Karls V. mit Franz von Frankreich, Waffen—
stillstand von Nizza. Regensburger Religionsgespräch. Letzte
Fortschritte der protestantischen Lehre, vornehmlich am Nieder
rhein. Rückgang der protestantischen Politik: innere Gegen
sätze im Schmalkaldner Bunde, Verrat Landgraf Philipps.
2. Vorbereitungen des Kaisers zur Vernichtung
des Protestantismus. Möglichkeit einer großen Koalition
gegen den Kaiser im Beginn der vierziger Jahre unter gleich—
zeitiger Protestantisierung des Niederrheines. Karl geht gegen
sie vor, ohne den Widerstand der Schmalkaldner zu finden
Er entschließt sich zum Kampfe gegen sie und wiegt sie durchk
Zugeständnisse in Sicherheit. Luthers Tod, innere Wand
lungen seiner Person und seiner Kirche.
II. Besiegung der Protestanten durch Karl V., Aus-
nutzung des Sieges im kaiserlichen Sinne.

1. Schmalkaldischer Krieg. Bündnis Karls V. mit
dem Papste, seine Bündnisbestrebungen in Deutschland, Ge—
winnung vornehmlich des Herzogs Moritz von Sachsen. Lage
der Schmalkaldner; glänzender Eintritt in den Krieg. Er—
folglose Kriegsführung, Verlust Süddeutschlands und der
Rheinlande, Schlacht bei Mühlberg, Gefangennahme des
sächsischen Kurfürsten und des hessischen Landarafen, Herzog
Moritz Kurfürst von Sachsen...

2. Ausnutzung der Siege über die Protestanten
durch den Kaiser. Bestrafung der protestantischen Reichs—
städte. Versuche zur Schmälerung der fürstlichen Gewalten.
Teilweise Ausscheidung der Niederlande aus der Reichsver—
fassung. Versuch einer Beilegung des konfessionellen Streites
durch das Augsburger Interim; dessen Aufnahme in der
Nation und beim Papste. Kandidatur Philipps für die
Kaiserwürde: einstimmiger Widerspruch der Nation und der
Fürsten. Allgemeiner Unwille über Karls Regiment.

VII

Seite

418 - 424

424 432

332 439

439 -446
        <pb n="8" />
        VIII

Inhalt.

III. Gegenwirkung der Fürsten, Abdankung Karls,
Augsburger Religionsfriede.

1. Die fürstliche Revolution. Norddeutsche Anfänge
der Fürstenverschwörung, Moritz von Sachsen. Verbindung
mit Frankreich. Überraschung des Kaisers, Passauer Vertrag

2. Letzte Zeiten Karls V.; Regelung der welt—
lichen und geistlichen Verhältnisse nach seiner Ver—
zichtleistung. Versuche des Kaisers, sich den Ergebnissen
der fürstlichen Politik zu entziehen, Verbindung mit Mark—⸗
graf Albrecht von Bayreuth. Gegenwirkungen der Fürsten im
Heidelberger Bund, Kampf und Tod des Herzogs Moritz.
Abdankung Karls V. Ferdinand J. und die Verhandlungen
des Augsburger Reichstages vom Jahre 1555; der Religions—
friede ..

Seite

447 -454

454 -461

Sechzehntes Buch.
Erstes Kapitel. Die naturalwirtschafttliche Reaktion, das Reich
und die Territorien in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.
. Sieg der fürstlichen Gewalten im Kampfe mit den
Städten; die Reichsstände und das Reich um die
Mitte des 16. Jahrhunderts . ...

Entwicklung der Fürstengewalt im Gegensatze zum
städtischen Republikanismus. Zusammenfinden beider Elemente
im Ständetum. Föderalistische Periode der Reichsverfafsung.
Fortdauernder Gegensatz zwischen Territorien und Städten;
Zurücktreten der Städte. Besondere Gründe für das Hervor—
treten der Territorien außerhalb des territorial⸗-städtischen
Gegensatzes. Das Reich und die Territorien. Letzte große
Lebensäußerungen der Reichsgewalt: Reichstagswahl, Ver—
waltung, Rechtsprechung, Friedenswahrung, Finanz⸗ und Heer—⸗
wesen. Die Habsburger und die Kaiserkrone.
IIJ. Wandlungen des Weltverkehrs, Verfall des
deutschen Handels.... .. WE .*
Hauptbedingungen und Hauptwege des alten Welthandels.
Wandel seit dem 15. Jahrhundert: Hervortreten der See—
wege, schließliche Verdrängung Italiens und Deutschlands aus
dem Welthandel. Oberdeutscher Handel: alte Beziehungen zur
pyrenäischen Halbinsel, Ausbeutung derselben in den ersten
Menschenaltern der ozeanischen Handelsbeziehungen, Verfall;
italienische Beziehungen. deren Verfall: Versuche anderweitiger

465—476

476 - 489
        <pb n="9" />
        Inhalt.

IX

Seite
Selbsthilfe. Aufblühen der Niederlande und teilweis auch
Hamburgs, Verfall der Hanse: Untergang des deutschen
Rheinhandels, des Handels nach Spanien und England, des
Ostseehandels.
III. Naturalwirtschaftliche Reaktion innerhalb der
Volkswirtschaft . .
Verfall des inneren Handels, Rückgang der Städte, Her
vortreten der Territorien. Schicksale des Münzwesens, Kipper
und Wipper.‘ Verfall der Industrie: Bergbau, zünftlerische
Gewerbe, Verknöcherung der Zünfte. Ruin des platten
Landes: Zerfall der Markgenossenschaft und der älteren
bäuerlichen Gesellschaft, Lage der Bauern im Mutterland, in
österreich, in den nordöstlichen Kolonialgebieten; Aufschwung
des Adels im Nordosten.
IV. Fürstenleben und Fürstengewalt in der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts .. .—
Bildungshöhe der Fürsten im allgemeinen, gesellschaft—
liches Leben an den Höfen, wissenschaftliche Interessen.
Standesbewußtsein, Thätigkeit für das Land. Die Theorie
des religiös-patriarchalischen Absolutismus und die Nation.
Verstärkung und Vermehrung der fürstlichen Hoheitsrechte im
Laufe des 16. Jahrhunderts, vornehmlich infolge der Refor—
mation.
V. Fürstliche Verwaltung und fürstlicher Regalismus
Lokalverwaltung: keine wesentlichen Fortschritte außer in
der Gerichtsverfassung (Kolonialgebiete, verschiedene Ent—
wicklung in den mutterländischen Gebieten). Centralver—
waltung: Residenz der Räte, ihr Amtscharakter, ihre Vor—
bildung und Herkunft; Entwicklung wirklicher Centralbe—
hörden. Der Fürst und die Centralverwaltung; fürstliches
Verordnungsrecht. Regalismus in den Urproduktionen. in der
Industrie und im Handel.
VI. Landesfinanzen, Stände und landesherrliche Ge
walt. ..
Ältere Finanzquellen ungenügend. öffentlicher Kredit.
Ständische Hilfe; Ausbau der indirekten Steuern (Zölle,
Accise). Politische Macht der Stände gegenüber der Landes-
regierung und in den einzelnen größeren Territorien. Landes—
gesetzgebung; ihr Zustandekommen, ihr Inhalt; Konservatis—

189 507

507—518

518 -532

532548
        <pb n="10" />
        Inhalt.

Seite
mus und fortschrittliche Strömungen auf Ausbau der Terri—
torialwirtschaft (Merkantilismus).

Zweites Kapitel. Niederlaͤndischer Ausstandz; Gründung der
nordniederländischen Republik.
. Die Niederlande unter Karl VB.·. . 544552

Allgemeine Einleitung: Bedeutung der naturalwirt—

schaftlichen Reaktion für die äußeren Geschicke der Nation. —

Soziale Lage in den Niederlanden. Politische Lage: Ein—

greifen der Centralgewalt gegenüber den Städten, Ver—

stärkung der centralen Regierung, ablehnende Stellung Karls

gegenüber der ständischen Entwicklung. Religiöse Lage:

Lutherie, Täufertum und Calvinismus; Inquisition.
II. Die Zeiten Granvelles.

Steigende Unzufriedenheit; Person Philipps, Festhalten
an der Politik Karls V.: Finanzen, kirchliche Politik (Ver—⸗
mehrung der Bistümer). Margareta von Parma Statthalterin;
der Staatsrat und Granvelle; Egmont, Hoorne und Oranien.
Begründung der Konsulta. Die Einführung der neuen
Hierarchie und die brabantischen Staaten. Philipps Angriffs—
politik gegen Frankreich von den Niederlanden aus nicht
gestützt; entgegengesetztes System Oraniens. Ruf nach General—
staaten. Granvelles Sturz.

III. Aufständische Bewegungen unter Margareta
ovon Parma, glückliche Politik Margaretens ..

Neue religiöse Erregung von Flandern her; Organisation
evangelischer Gemeinden; Beschwerden gegen die Inquisition
bei der Statthalterin, erneuter Ruf nach Generalstaaten und
Egmonts erfolglose Sendung nach Madrid. Wirkung der
verneinenden königlichen Antwort. Bewegung unter dem
niederen Adel und unter den Kaufleuten, von Oranien ge—
leitet; Petition vom 5. April 1566. Weiteres Hervortreten
der Protestanten, Zusammenkunft zu S. Trond zwischen Edel—
leuten und Protestanten, Petition vom 80. Juni 1566, Bilder—
sturm. Erfolgreiches Vorgehen Margaretens.

IV. Albas Schreckensregiment, Genter Vacifikation
vom Jahre 1576...

552-561

5622571

572—583
        <pb n="11" />
        Inhalt.

XI

Seite
Erscheinen Albas, seine Aufgabe. Einsetzung des Rates
der Unruhen, Exekution Egmonts und Hoornes. Vergebene
kriegerische Einfälle Oraniens. Absolutistische Experimente
Albas, vornehmlich auf dem Gebiete der Besteuerung;
deren revolutionierende Wirkung. Die Wassergeusen, Ein—
nahme von Briel und Vlissingen, Empörung der nörd—
lichen Städte. Oraniens diplomatische Thaten, seine Ver—
bindung mit den aufständischen Städten; er wird Statthalter
von Holland und Seeland. Albas Siege im Süden, Kämpfe
im Norden; seine Abberufung. Requesens Statthalter.
Interregnum des Staatsrats. Meuterei der spanischen
Truppen, Aufstand der südlichen Provinzen. Oraniens Thätig—
keit im Süden. Friede zu Gent.
V. Vom Genter Frieden bis zur Rückkehr der süd⸗
lichen Niederlande zu Spanien.

Don Juan d'Austria wird Statthalter, erste Brüsseler
Union, ewiges Edikt. Die oranische Partei im Süden; Ein—
nahme des Kastells von Namur durch Don Juan. Oranien
in Brüssel, zweite Brüsseler Union, Tod Don Juans. Innere
und äußere Lage der Provinzen. Alexander von Parma Statt⸗
halter, Vertrag von Arras, Union von Utrecht. Der Herzog
von Anjou Beherrscher der Niederlande, seine Vertreibung,
Ermordung Oraniens. Parma erobert die südlichen Nieder—
lande, Rückkehr derselben unter Spanien.
VIJ. Begründung der nordniederländischen Republik
Innere Gegensätze der unierten Provinzen. Englische

Hilfe, Graf Leicester in den Provinzen. Seine Teilnahme
an den inneren Gegensätzen und sein Weggang. Die Bundes—
verfafsung die einer aristokratischen Handelsrepublik. Auf—
schwung des Widerstandes gegen Spanien. Erzherzog Albrecht
Statthalter der südlichen Niederlande. Allianz mit Frank—
reich, Tripelallianz mit England, Friede von Vervins. Neue
Verbindung der isolierten Generalstaaten mit England, Kriegs—
züge nach Flandern. Zwölfjähriger Bestand des Jahres 1609.

584 595

595—2607

Drittes Kapitel. Brotestantismus und Gegenreformation im Reiche
bis zur Sprengung des Reichstages im Jahre 1608.
l. Die Entwicklung des Protestantismusin den ersten
Jahrzehnten nach dem Augsburger Religionsfrieden.
        <pb n="12" />
        XII

Inhalt.

Seite
1. Aufschwung des Protestantismus auf dem Ge—
biete des Schulwesens, seine Verbreitung in den höheren
Schichten der Nation. Böse Lage des Katholizismus
Politische Fortschritte des Protestantismus im Sinne eine
Protestantisierung der Reichsverfassung..

2. Gegensatz von Kurpfalz und Kursachsen
protestantische Parteibildung nach diesem Gegensatz. Ver
stärkung des Gegensatzes durch dogmatische Streitigkeiten
Luthertum und Calvinismus... F

3. Wirkung der inneren Gegensätze des Pro
testantismus auf die innere Reichspolitik und die Auf
fassung der auswärtigen Lage. Erweiterung der Gegensätze
durch den sächsischen Kryptocalvinismus. Konkordienformel
Zerfahrenheit der protestantischen Lage..

II. Aufschwung des Katholizismus.

1. Die Gesellschaft Jesu. Der heilige Ignatius.
Seine Genossen. Die geistlichen Übungen und das Prinzir
des Jesuitismus, Unterschied von Protestantismus und
mittelalterlicher Mystik. Begründung, Verfassung und Er—
folge des Ordens. Moral: Casuistik und Probabilismus.

2. Das Konzil von Trient. Innere Gründe für
die Berufung. Rom zögert. Eröffnung in Trient, Gegensatz
zwischen Papst und Kaiser, Verlegung nach Bologna und
Vertagung. Erneute Vertagung 1552. Wiederholte Be
rufung 1562, Verlauf unter pädvstlich-kaiserlich-spanischer
Spannung. Ergebnisse für Kirchenverfassung und Lehre.

3. Kirchliche Anfänge der Gegenreformation.
Anteil der Jesuiten: gelehrter Unterricht, sinnlicher Kult,
Mittelschulkollegien und marianische Kongregationen. All—
mähliche Verbreitung der Jesuiten in Deutschland, Begrün—
dung des Collegium germanicum in Rom. Anteil der
Kurie: Vergeistlichung des Papsttums, allgemeine Stellung zu
Deutschland. Eingreifen Gregors XIII; päpstliche Nuntia—
turen in Deutschland—.
III. Erstes Aufraffen der deutschen Katholiken,
Kölner Krieg.

Annahme des Tridentinums, weltlich geleitete Gegenrefor⸗
mation in Baiern; Anfänge der Gegenreformation in pro—
testantisierten Ländern. Wahl Rudolfs II. Das Evangelium
am Niederrhein, vornehmlich in Achen. Vergeblicher Versuch
des protestantischen Administrators von Maadeburg, seinen

308—2 6138

3132619

320 -627

327— 638

6382646

6464655

6552667
        <pb n="13" />
        Inhalt.

XIII

Seite
Platz im Reichssstag einzunehmen. Vergeblicher Reformations—
versuch in Koln, Gebhard Truchseß von Waldburg und sein
Schicksal. Günstige Folgen für den Katholizismus überhaupt
V. Mißlungene Versuche protestantischer Bündnis—
bewegungen und deren Folgen, 188551598 . ..
Zeitweilige Ausgleichung der Gegensätze zwischen Kur—

pfalz und Kursachsen, Fortschritte und Bedürfnisse des
Protestantismus im Westen Europas. Die deutschen Pro—
testanten der Unterstützung Heinrichs IV. von Frankreich gewiß;
Versuche innerer Bundesbildung. Scheitern dieser Versuche.
Fortschritte des Katholizismus im Bistum Straßburg, in Achen,
am Niederrhein überhaupt; jülich-bergische Erbfolgefrage. Nega—
tive Wendung der protestantischen Politik innerhalb des Reiches
V. Wirren in sterreich, Sprengung der Reichsver
fassung, 1598 —1686808.*
Die Türkenkriege der Habsburger in der 2. Hälfte des
16. Jahrhunderts. Rudolfs II. Forderung einer Türkensteuer
im Jahre 1594; Bildung der Partei der Korrespondierenden;
ihr Protest gegen die Türkensteuer des Jahres 1597. Gegen—
reformation in österreich; verworrenes Regiment Rudolfs II.
Reaktionäre Bewegung in Ungarn und sterreich, Eintreten
der Erzherzöge; Mathias wird Regent von Ungarn. In—
triguen Rudolfs gegen diese Lösung, erneutes Vorgehen
Erzherzog Mathias' unter Beihilfe der Stände. Beschrän—
kung Rudolfs auf Böhmen, Steigen des österreichischen
Protestantismus mit der wachsenden Bedeutung der Stände.
Lähmung der kaiserlichen Gewalt, auch soweit sie nur noch
auf der Hausmacht beruhte. Beeinträchtigung der Gerichts—⸗
verfassung des Reiches, Sprengung der Reichsverfassung durch
die Protestanten.

6672675

575 -689

Biertes Kapitel. Anion und Ciga; dreißigjähriger Krieg,
weltfälischer Friede.
l. Bildung der Union und der Liga; der Kaiser
tritt auf Seite der Liga, 1608-1613. 690-699
Lage um 1608, Entstehung der protestantischen Union.
Gründung der katholischen Liga. Die Jülicher Erbfolge—
frage, Eingreifen der katholischen und protestantischen An—
wärter, Politik Heinrichs IV. von Frankreich; Tod Heinrichs.
        <pb n="14" />
        Inhalt.

Seite
Regelung der Erbfolge durch den Tantener Vertrag des
Jahres 1614. Verstärkung der Union und der Liga durch aus⸗
wärtige Bündnisse. Reichstag des Jahres 1618, Staatsstreich
des Kaisers, erneuter Zerfall des Reichstages, der Kaiser wird
Mitglied der Liga.
II. Ssterreichisch-böhmische Wirren, pfälzisches
Winterkönigtum, Fall der Union und des Pro—
testantismus, 1618 -16238...

Weitere protestantische Gärung in sterreich und nament—
lich in Böhmen, Majestätsbrief vom Jahre 1609. Tod Rudolfs,
Mathias Kaiser: erneute Gegenreformation, unter starkem
Einfluß Ferdinands von Steiermark. Widerstand vor allem
in Böhmen, Berufung der Defensoren der böhmisch⸗protestan⸗
tischen Kirche, Fenstersturz vom 28. Mai 1618; Kurfürst Fried—
rich von der Pfalz König von Böhmen. Schlacht am weißen
Berge; Triumph der Gegenreformation, namentlich in
Böhmen; seine Folgen. Pfälzischer Krieg, Untergang der Union,
Übertragung der pfälzischen Kur und Herrschaft auf Bayern.
III. Eingreifen Dänemarks und der protestantischen
Mächte Europas; Wallensteins erstes Generalat
and diplomatisch-militärische Siege, 1628—1629

Siege der kaiserlichen Waffen in Norddeutschland, drohende
Gegenreformation des Nordens. Machtverstürkungen des
Hauses Habsburg in den Alpengegenden. Gegenwirkungen
Richelieus, Eintreten Dänemarks in den deutschen Krieg.
Emporkommen Wallensteins. Feldzüge der Jahre 1625 und
1626. Beendigung des dänischen Krieges, Wallenstein Herzog
von Mecklenburg, seine weiteren Pläne.
IV. Wallensteins Sturz, Eingreifen Schwedens, Tod
GBustav Adolfs, 1629 — 16323...
Beschwerden der deutschen Fürsten beim Kaiser über
Wallenstein; Restitutionsedikt vom 6. März 1629. Wallen—
steins Entlassung. Schwedens Lage um 1680. Gustav
Adolf und die deutsch-europäischen Beziehungen seines Reiches.
Erstes Eingreifen des Schwedenkönigs in Deutschland; Ver—
hältnis zu Frankreich, Brandenburg und Kursachsen. Schlacht
bei Breitenfeld. Eroberung Westdeutschlands, Zug nach
Bayern. Die Sachsen in Prag. Zweites Generalat Wallen—
steins, Vertreibung der Schweden aus Süddeutschland, Schlacht
bei Lützen.

399 2 710

711 —2 719

719—2733
        <pb n="15" />
        Inhalt.

XV

Seite
V. Wallensteins Fall, Prager Friede, Ende der
schwedischen Obmacht, 1632 -1635. 733- 745
Lage nach Gustav Adolfs Tode. Frankreich und die
schwedische Politik im Reiche. Friedensverhandlungen des
Kaisers mit Sachsen. Wallenstein und die böhmischen Emi—
granten, seine ersten Verhandlungen mit Schweden und
Sachsen. Abbruch dieser Verhandlungen, Erfolge Bern—
hards von Weimar, Agitation gegen Wallenstein
am kaiserlichen Hofe. Erneute Verhandlungen Wallensteins
mit Schweden und Sachsen⸗Brandenburg, deren Abbruch
seitens der Protestanten. Bernhard von Weimar nimmt
Regensburg. Wallensteins letzte Verhandlungen mit den
Protestanten, seine Ermordung. Siege des kaiserlichen Heeres
in Süddeutschland. Friede zu Prag.
VI. Sieg der vereinten französisch-schwedischen Macht,
Ende des Krieges, 1635-1648
Französische Politik gegenüber dem Hause Habsburg bis
zum Tode Gustav Adolfs. Richelieu und Oxenstierna;
Offener Eintritt Frankreichs in den Krieg. Französisch—
schwedische Kriegsführung der Jahre 1635—1638, Bernhard
von Weimar als französischer Heerführer, sein Tod. Charakter
der letzten Zeiten des Krieges, langsame Entwicklung eines
kriegerischen Übergewichts Frankreichs und Schwedens gegen
österreich und Bayern.
VII. Der westfälische Friede, 24. Oktober 1648 ..

Haltung Ferdinands II. und Ferdinands III. zur Friedens—
frage seit 1686. Haltung der deutschen Stände seit 1640.
Regensburger Reichsstag von 1640. Deputationstag zu
Frankfurt, Friedenskongreß zu Münster und Osnabrück.
Schwierigkeiten der Friedensverhandlung, Hebung von
Frankreich und Schweden. Territoriale Verschiebungen;
deren Folgen für sterreich und Brandenburg. Lösung der
an den geistlichen Vorbehalt und das religiöse Bekenntnis an—
müpfenden Fragen. Paritätische Umgestaltung der Reichs—
verfassung, Verselbständigung der Stände.

745—-756

756—2 768
        <pb n="16" />
        <pb n="17" />
        Drittes Kapitel.
Kirchliches und politisches Reifen des
Protestantismus.

Eine Fülle wichtiger Entwicklungen, äußerlich wider—
sprechender Erscheinungen ist in den letzten Kapiteln dieser Dar—
stellung an uns vorübergezogen. Kaum ein anderes Jahrzehnt
der deutschen Geschichte giebt es von solch staunenswertem Reich—
tum der Geschehnisse, wie die Jahre 18316 bis 1526, und wahr—⸗
lich war es eine Lust, damals zu leben. Wir aber halten jetzt
inne zu einem Augenblick der Sammlung; der Zusammenhang
in der Flucht so wechselnder Schicksale muß gesucht werden.

Die große geldwirtschaftliche Umwälzung im 12. und
13. Jahrhundert hatte, wie nicht anders zu erwarten, die soziale
Bewegung bald aufs nachhaltigste beeinflußt. Eigenartig aber
war, daß dieser Einfluß in seinen unmittelbaren Wirkungen
lange Zeit wesentlich auf die Städte beschränkt blieb. Um so
kräftiger, ja hypertrophisch entwickelten sich hier die individua—
listischen Formen der Geldwirtschaft; Banken und Großhandels—
häuser blühten empor; arm und reich schieden sich rasch in
bisher unerhörter Weise; einem benachteiligten Proletariat trat
eine prunkende Plutokratie gegenüber.

Lamprecht, Deutsche Geschichte V. 2.
        <pb n="18" />
        360 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Auf das platte Land wirkte diese Bewegung, soweit die
sozialen Verhältnisse in Betracht kamen, nur mittelbar ein.
Aber die ländlichen Stände, Adel und Bauerschaft, gingen im
Verlauf ihrer eigenen Geschichte dem Verfall entgegen: und
so genügte der ungünstige Einfluß der städtischen Entwicklung,
sie vollends zu stürzen. Unmittelbaren Vorteil vom neuen Wirt—
schaftsleben dagegen zogen die höchsten politischen Gewalthaber
des platten Landes, die Fürsten; sie vermochten jetzt ein erstes
wirkliches Beamtentum zu entwickeln und damit eine erste wirk—
lich eindringliche Herrschaft!.

So erscheinen in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts
als die begünstigten Gruppen der sozialen Entwicklung das
bürgerliche Patriziat und das territoriale Fürstentum, die aristo—
kratischen Schichten, die neuen partikularen Obrigkeiten der Stadt
und des Landes; gedrückt sind die Unterthanen, die Massen,
das städtische Proletariat, die Bauern, und mit ihnen der mit
dem bäuerlichen Schicksal verknüpfte, in seinen Gesinnungen wie
in seiner Stellung zum neu entwickelten Hochadel der Fürsten
demokratisch charakterisierte kleine Adel des Landes.

Die soziale Bewegung verläuft nun schon teilweise im
14. Jahrhundert, namentlich aber im 15. Jahrhundert in diesen
Gegensätzen; vollkommen scharf aber werden diese doch erst in
dem Augenblicke, da durch die religiöse Bewegung die Leiden—
schaftlichkeit einer an sich schon stark erregten Zeit ins Außerste
gesteigert wird, seit 1317 oder 1520. Jetzt kommt es zum
Kampf und zum Siege der aristokratischen Gewalten über
Proletariat, Bauern und Adel.

An diesem Siege hatte die religiöse Bewegung in ihren
gemäßigten, individualistischen Formen, wie sie sich ausprägte
im Evangelium Luthers, wiederum einen nicht geringen Anteil;
unvergessen ist unter den Bauern und den kleinen Leuten
der Städte die schroffe Stellungnahme Luthers im Jahre 1525
geblieben; seit seinen Schriften gegen die Empörung gehörte
der Reformator auf lange Zeit zu den unpovulärsten Männern

S. Band IV Buch XIII Kapitel J.
        <pb n="19" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 361
im Reiche. Nun waren, seit 15823 bis 1525, Adel, Bauern und
Proletariat besiegt, und mit ihnen zugleich die Ideen der Durch—
führung einer centralisierten Reichsverfassung, die von jetzt ab
auf Jahrhunderte nicht wieder auftauchen sollten; und es war
zunächst keinerlei größere Anderung mehr in den jetzt festgelegten
Zielen der sozialen Bewegung zu erwarten. Die Gemeinden in
den Städten murrten nicht mehr, der Edelmann verlotterte oder
ward allmählich zum Diener des gnädigsten Landesherrn, der
Bauer saß für Jahrhunderte Lin angestellter Gült hart in der
Herrschaft“.

Welche Grundstellung nahmen zu alledem die religiösen Be—
wegungen ein, mit denen nach 1527 noch gerechnet werden
mußte, die Reformation Zwinglis und vor allem die Reforma—
tion Luthers? Sie waren nur ein Teil, aber allerdings der her⸗
vorragendste, der geistigen Entwicklung zum Individualismus hin,
wie sie seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts eingesetzt
hatte; aus gleichen Wurzeln mit ihnen war die nationale Be—
freiung der Persönlichkeit in Denken und Anschauung, waren
Humanismus und Renaissance als Mittel dieser Befreiung ent⸗
sprungen. Offen zu Tage liegt dieser Zusammenhang fuͤr die
oberdeutsche Reformation Zwinglis; aber er gilt, bei allem
Widerwillen Luthers gegen einzelne Seiten des Humanismus,
auch für die Reformation in Sachsen.

Nun waren aber die sozialen Grundlagen dieses neuen
Geisteslebens nicht bei den überwundenen Ständen zu suchen.
Den besseren Bürgerkreisen des 15. Jahrhunderts entstammten
die Maler, die Bildhauer, die Baumeister und Schriftsteller, die
mit den mittelalterlichen Idealen der Kunst und Dichtung ge⸗
brochen hatten, und an den Fürstenhöfen des 15. Jahrhunderts
wie im Schoße der reichsten Geschlechter der Städte war der
Humanismus emporgeblüht; Luther selbst, mit welchem Recht
er sich auch einen Bauernsohn nannte, ist doch zugleich ein Kind
städtischer, bergmännischer Herkunft und städtischer, bettel—
mönchischer Erziehung.

Die Reformatoren sind sich auch über diese Zusammenhänge
nicht im unklaren gewesen — trotz aller Sympathien für die

24*
        <pb n="20" />
        362 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
sozial Unterdrückten und trotz allen Widerspruches gegen die
Brutalität der Sieger. Eben Luther kann hier als beweisendes
Beispiel gelten. Gewiß hat er den Ackerbau einen göttlichen Beruf
genannt und als die einzige Nahrung bezeichnet, die stracks vom
Himmel herabkommt:, die lieben Patriarchen haben sie auch gehabt.“
Aber trotzdem hat er die furchtbaren Schriften gegen die Bauern
geschrieben und die Erhebung des Adels mißbilligt. Gewiß
hat er aus seiner Abneigung gegen die unsittlichen Seiten des
patrizischen Handelsbetriebs alles andere als ein Hehl gemacht
und sich bis zu einem gewissen Grade für das kanonische Zins—
verbot erwärmt: aber das hat ihn nicht gehindert, das Werben
des Kapitals als Handelskapital verständnisvoll zu billigen;
nur dem Gedanken reinen Personalkredits war er unzugänglich.
Und gewiß hat er die Fürsten Mordbuben und Henkersknechte
Gottes genannt; aber wir werden sehen, daß ihn das nicht
abgehalten hat, der Obrigkeit eine höhere Stellung anzuweisen,
als sie bisher jemals in der christlichen Welt besessen hatte.

Jetzt hatten nun die sozialen Träger des emporkeimenden
Individualismus gesiegt: städtische Räte und vornehmlich Fürsten.
Es ist selbstverständlich, daß der Individualismus in den Formen,
in denen er um 1528 bestand, und namentlich auch in seiner
religiösen Ausbildung, sich an diese Sieger als seine Nährer,
Schützer und Erzeuger anlehnen mußte. Und das ist der Gang
der Entwicklung gewesen.

Man darf von einem gewissen Standpunkte aus sagen:
ein tragischer Gang, namentlich soweit die religiöse Seite der
individualistischen Entwicklung in Betracht kommt. Eine
Geistesströmung, die berufen ist, alle zu erfassen, die Erlösung
tragen soll in jedes Herz, wird an die Unterstützung aristo—
kratischer Mächte gewiesen. Ein Reformator, dessen Wesen fern
war jeder politisch-konventionellen Haltung, muß sich fügen in
die engen Bedenken fürstlicher und städtischer Politik. Luther
hat in der zweiten Hälfte seines Lebens die Tragik dieser Zu—
sammenhänge an seiner Person durchgekostet; sie hat ihm
Jahre neuer Anfechtung gebracht; sie hat seinem Herois—
mus unverzagten Draufgehens den tieferen Heroismus leidenden
        <pb n="21" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 363
Verzichtes hinzugefügt. Aber vermeidbar war dieser Zu—
sammenhang nicht. Er lag aufs tiefste in der Verschlingung
der sozialen und geistigen Entwicklungsfäden beschlossen; er
wirkt noch heute nach in dem mehr aristokratischen Charakter
des Protestantismus, wie er sich in jeder Gegend gemischter
Konfession gegenüber dem Katholizismus ausprägt, und er lebt
fort in der freieren geistigen Haltung des protestantis chen Bürger⸗
tums wie im landesherrlichen Charakter der evangelischen
Kirchen.

Zu Tage treten mußten die Folgen dieser tieferen Zu—
sammenhänge nach den großen Katastrophen der Jahre 1528
bis 1525. Es mußte das um so mehr geschehen, als der
Protestantismus, anfangs wesentlich nur ein Element der
Gärung und negativer Wirkungen gegenüber der alten Kirche,
nun zu einer positiven Lebenshaltung erstarkt war und eines
vollen Ausbaues bedurfte. Es war eine Notwendigkeit, der
man sich auch in Wittenberg nicht verschloß. Und nach manchen
Richtungen wenigstens standen hierfür Luther die regsten Helfer
zu Gebote, ein Nikolaus von Amsdorf und Justus Jonas, ein
Melanchthon und Bugenhagen. Vor allem aber war Luther
selbst ruhiger geworden; ein schäumender Gebirgsbach einst,
der Sohn hoher Gipfel, zog er jetzt in fröhlicher Gelassenheit
sanfter dahin. Dabei traten seine der rein praktischen Seite
des Glaubens zugewandten Neigungen immer mehr zu Tage;
die systematische Weiterbildung der Lehre und selbst die folge⸗
richtige Ausgestaltung eines neuen Kultus lagen ihm weniger
am Herzen. Seine Lehre war eben nicht vornehmlich intellektuell
verankert; er war kein Reinlichkeitsfanatiker des Denkens. Er
hatte bewiesen und bewies, daß nicht der Verstand in erster
Linie die Welt erobert, sondern die sittlichen Mächte der
Willenskraft und der Wahrhaftigkeit. Er kritisierte nur, wo ihn
Gewissensnot, Leidenschaft oder gemütliche Erregung trieben;
das kühle Spottwort des einsamen Denkers war ihm fremd.

So fielen denn vom alten Dogma eigentlich nur die
        <pb n="22" />
        364 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Theoreme der mittelalterlichen Sakramentskirche; vor allem trat
an die Stelle des Bußsakraments immer klarer entwickelt die
Lehre von der individuellen Rechtfertigung aus dem Glauben.
Damit schwand freilich zugleich auch der Begriff der Hierarchie;
die Kirche hatte nur noch die Anwendung des göttlichen Wortes
äußerlich zur Aufrechterhaltung feiner Zucht zu regeln. Und
der Gottesdienst blieb nicht Opferdienst, sondern ward zur Ver⸗
kündigung des Wortes, ging nicht in Messe auf, sondern in
Predigt. Hierin war denn, trotz der nach innen gewandten
Frömmigkeit gerade Luthers, die Gefahr gegeben, daß die Kult—
formen von der Lehre überwuchert würden. Es ist eine schon
früh nicht mehr zu verkennende Wendung. Und wie sollte dieser
tiefe Zug der Entwicklung abgelehnt worden sein in einem
Augenblick, da es unter allen Umständen notwendig war, eine
Tradition der neuen Anschauungen zu bilden!

Zur Aufrechterhaltung dieser Tradition aber bedurfte es
eines besonderen Standes. Freilich hatte Luther früher ge—
meint, der Geist Gottes wehe, wo er wolle, und in der Ge—
meinde solle als Lehrer und Leiter auftreten, wer immer ihr
dazu besonders geeignet scheine. Indes diese ideale Anschauung
ließ sich gegenüber dem geschichtlich gegebenen, einer verwickelten
Interpretationskunst bedürftigen Charakter der biblischen Offen—
bharung doch nicht halten. Es mußte ein Stand der Aus—
leger entwickelt und eine Methode für dessen wissenschaftliche
Vorbildung gefunden werden. So erwuchs, teilweise heraus
aus den Verbänden der alten Kirche, der evangelische Pfarr—
stand. Und nach einigen Schwankungen ward sein Bildungs⸗
zang humanistisch geregelt; die Pfarrer sollten gymnasiale und
akademische Lehre durchlaufen. Es war die engste Verschmelzung
des Humanismus mit dem Evangelium zu Gunsten der Kirche;
sie wurde eingeleitet durch Luthers Schrift vom Aufrichten und
Halten christlicher Schulen (1524), ihre Praxis begann mit der
Errichtung des Nürnberger Gymnasiums (1525); auf diesem
Gebiete liegen die größten Verdienste Melanchthons.

Indem aber nun die künftigen Diener der Gemeinden
vornehmlich auf den Tummelplätzen des Wissens geschult wurden,
        <pb n="23" />
        LKirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 365
nicht wie diejenigen der alten Kirche in der Praxis eines reich
entwickelten Kultus, drohten im Bereiche der neuen lehrhaften
Kirche die Bedürfnisse des Gemüts erst recht ins Hintertreffen
zu geraten. Dem gegenüber fand sich ein Mittel, das die neue
Geistlichkeit wieder mit allen Regungen des Herzens praktisch
und in dauerndem Selbsterlebnis der Gemeinde verband: das
Familienleben, die Verheiratung. Luther hat auch hier, nach—
dem schon einzelne Pfarrer vorausgegangen waren, doch durch
sein Beispiel und Vorbild den Ausschlag gegeben.

Luthers Ehe, die am 13. Juni 18525 geschlossen ward, ist
kein Ergebnis sinnlich gewandter Liebe, ja auch nur edleren
gegenseitigen Gefallens im Sinne der Erlebnisse gewöhnlichen
Liebeslebens gewesen. Dazu war die Zeit des Bauernkrieges,
in der sie geschlossen ward, zu ernst, und der Entschluß zu ihr
zu nüchtern. „Wenn ich,“ hat Luther später einmal am Mit—
tagstische, also wohl in Gegenwart seiner Frau, erzählt, „vor
13 Jahren hätte freien wollen, so hätte ich Ave Schönfeld ge—
nommen, die jetzt der D. Basilius, der Medicus in Preußen,
hat. Meine Käthe hatte ich dazumal nicht lieb, denn ich hielt
sie verdächtig, als wäre sie stolz und hoffärtig. Aber Gott gefiel
es also wohl, der wollte, daß ich mich ihrer erbarmte. Und ist mir,
Gott Lob, wohl geraten, denn ich habe ein frommes getreues
Weib, auf welches sich des Mannes Herz verlassen darf, wie
Salomo sagt: Sie verdirbt mir's nicht.“ Man sieht: keine
UÜberschwenglichkeiten, aber ein durch und durch vom edelsten
Bemütsleben gesättigtes gemeinsames Dasein in Scherz und
Ernst, in Freude und Schmerz. Es ist der Anfang jenes eigen⸗
artigen Familienlebens des evangelischen Pfarrhauses, dem
unsere Nation nicht bloß eine unverhältnismäßig große Anzahl
bedeutender Männer, sondern noch vielmehr einen niemals ver—
siegten Quell edelster gemütlicher Anregung verdankt. Und war
in späteren Zeiten die Gefahr nicht ausgeschlossen, daß sich aus
dem Stande der evangelischen Geistlichkeit eine Hierarchie, aus
der evangelischen Glaubensgemeinschaft eine Sakramentsanstalt
entwickele, so ist dem bisher der Geist des evangelischen Pfarr—
hauses in seinen besten Söhnen immer sieghaft entgegengetreten:
        <pb n="24" />
        366 J Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
schon früh hat er in freier Form zu ersetzen begonnen, was
hierarchische Kirchen in der geschlossenen Subordination ihrer
Grade an Kraft des Zusammenhaltes besitzen.

Unter diesen Umständen erwuchs die evangelische Kirche im
Laufe der zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts zu einer
Macht, die je länger je mehr die geistigen Errungenschaften des
Individualismus überhaupt vertrat; und die realen Mächte der
deutschen Welt, die Obrigkeiten, vor allem Fürsten wie Städte,
hatten mit ihr als einem Elemente von Dauer zu rechnen.

Und schon war den Fragen, die sich hier aufthun, von
seiten der Reformatoren her vorgegriffen worden. Indem die
Lehre Luthers anfangs überall auf staatlichen Widerstand stieß,
war Luther selbst zum Nachdenken über ihre Stellung zur
staatlichen Gewalt veranlaßt worden; schon in der Schrift an
den christlichen Adel deutscher Nation finden sich eindringende,
hierher gehörige Bemerkungen. Ausgesprochen trat dann Luther
dem Thema nahe in der Anfang 1528 erschienenen Schrift
„Von weltlicher Gewalt, wie weit man ihr Gehorsam schuldig
sei.“ Mehrere Reihen von Gedanken laufen in ihr nebeneinander
her, ohne bereits zu einem völlig festen System zusammen⸗
zuschießen. Die Grundvorstellung ist die einer fast absoluten
Unterordnung des einzelnen unter den Staat: der Unterthan
müsse gegenüber der Obrigkeit allerdinge im Gehorsam ver—
harren, er habe höchstens das Recht, sie über ihr Unrecht auf—
zuklären. Aber zugleich beherrscht Luther doch die bestimmte
gleichsam im Sinne eines Beweises betonte Hoffnung, daß der
evangelische Christ als solcher niemals mit der Obrigkeit in
Widerspruch geraten könne, und daß der Herr, dies zu ermög⸗
lichen, die Herzen der Obrigkeiten in evangelischem Sinne lenken
werde, wie Wasserbäche. Wie aber, wenn das nicht geschah?
Dann bleibt nach Luthers Lehre dem evangelischen Christen
nichts übrig, als sich leidend zu unterwerfen oder auszuwandern.
Das waren in der That die praktischen Ratschläge, auf die
sich Luther bei feindlicher Haltung von Fürsten und Städten
zurückzog.

Wie konnte nun bei einer solchen Auffassung die evange—
        <pb n="25" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 367
lische Bewegung, insofern sie Lebenshaltung ward und sich in
kirchlichen Einrichtungen niederschlug, hoffen dürfen, den städ—
tischen und fürstlichen Obrigkeiten selbständig entgegenzutreten?
Ihre Verfassung mußte über kurz oder lang der obrigkeitlichen
Einwirkung anheimfallen.

Freilich hatte sich Luther die Entwicklung einer Kirchen⸗
verfassung anfangs anders gedacht. In der Schrift an den
christlichen Adel (1520) zeichnet er die Verfassung der neuen
Kirche als reine Gemeindeverfassung; über der Gemeinde⸗
verfassung giebt es keine höhere Instanz obrigkeitlicher, sei es
kirchlicher oder weltlicher Art, und das Predigtamt in ihr ist
nicht ein Amt über der Gemeinde, sondern ein Dienst an der
Gemeinde zur Verwaltung der Offenbarung für alle. Hieraus
folgt, daß die Gemeinde das Recht hat, alle Lehre zu erteilen
und alle Lehrer zu berufen, ein⸗ und abzusetzen: eine Kon—
sequenz, die Luther in einer im Frühjahr 1528 erschienenen
Schrift ausdrücklich gezogen und aus der Bibel wie aus all—
gemeinen Erwägungen begründet hat.

Es ist ein völlig idealer Standpunkt, der sich nur ein—
nehmen läßt, wenn man von allem geschichtlich Gewordenen
und Werdenden absieht: „die Seele des Menschen ist ein ewig
Ding über alles, was zeitlich ist; darum muß sie nur mit
ewigem Wort regiert und gefasset sein“ Zu Grunde liegt
ihm die Gleichstellung der sichtbaren Gemeinde mit der Gemeinde
der Gläubigen, die Ineinssetzung des Zieles der letzten Tage
mit den Glaubenszuständen der Gegenwart.

Konnte eine solche Anschauung auf Verwirklichung hoffen?
Wie viele unter der Menge der Evangelischen waren durch die
Kritik der alten Kirche auf Luthers Seite gezogen worden, wie
viele durch das volle Erlebnis der Rechtfertigung allein durch
den Glauben? Luther selbst klagt im August 1625: „Das
Evangelium ist ins deutsche Land gekommen, viele verfolgen
es, viel weniger nehmen es an, und die es annehmen, stellen
sich so laß und faul dazu, lassen Schulen vergehen, Pfarren
und Predigtstühle fallen.“ Die Herstellung der idealen Gemeinde⸗
verfassung Luthers ist nirgends gelungen; ein Versuch des
        <pb n="26" />
        368 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Franzosen Franz Lambert in Hessen unter dem Schutze des
Landgrafen Philipp scheiterte kläglich, und die angeblich refor—
mierte Gemeindekirche Zwinglis war in Wirklichkeit eine
republikanische Staatskirche.

Für Luther aber gab es außer der Unausführbarkeit
noch einen anderen Anlaß, an dem ursprünglichen Ideale irre
zu werden. Die Bauern hatten sein Programm im Jahre
1525 scheinbar an ihre Fahnen geheftet; in den Zwölf Artikeln
findet sich der Satz, daß eine ganze Gemeinde Macht haben
solle, einen Pfarrherrn zu wählen und abzusetzen. Luther
antwortete darauf (in der Ermahnung zum Frieden, April
1525), der Artikel sei schon recht, wenn er nur auch christlich
vorgenommen würde. Allein die Bauern wünschten nur die
Verfügung über die altfundierten Pfarrstellen — und diese
stehe der Obrigkeit zu, von der die Fundierung sich herschreibe.
Darum sollten die Bauern ihren Pfarrer demütiglich bitten
von der Obrigkeit. Erst wenn diese sich versage, wähle die
bäuerliche Gemeinde einen eignen Pfarrer und nähre ihn von
ihren eignen Gütern: „wer anders thut, der handelt unchrist—
lich, als ein Räuber und Frevler.“

War Luther sich nicht völlig klar darüber, daß er mit
solchen Weisungen wenn nicht in thesi, so doch in praxi seinen
bisherigen Standpunkt völlig aufgab? Sah er nicht, daß not—
wendige Folgen dieser neuen Lehre Landesepiskopat und kon—
sistoriales Kirchenregiment sein mußten? Noch später hat er
wohl geäußert, das Predigtamt sei „nicht mehr, denn ein
öffentlicher Dienst, so etwa einem befohlen wird von der Ge—
meinde, welche alle gleich Priester sind'. Aber die Entwicklung
ging über diese Anschauung rasch hinweg. Schon im Jahre
1526 erfolgten die ersten, durch weltliche Gewalt geschützten
Kirchenvisitationen in den sächsischen Amtern Borna und Tenne—
berg; am 22. November 1526 beantragte Luther selbst eine
förmliche Kirchen- und Schulvisitation von Staats wegen zum
Ersatz der bischöflichen Diöcesangewalt, wie er denn auch den

1539, Auslegung des 110. Psalmes, Erlang. Ausg. 40, 167.
        <pb n="27" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 369
von Melanchthon verfaßten Visitationsunterricht an die Pfarrer
billigte; eine völlig staatliche Visitationsordnung wurde in
Sachsen am 22. März 1528 veröffentlicht. Es war die Ein—
leitung zum landesherrlichen Kirchenregiment; gleichzeitig aber
wurde das Recht der Obrigkeit anerkannt, sich in die Besetzung
der Pfarrstellen, und damit in die zartesten und primitivsten
Vorgänge der neuen Kirchenbildung zu mischen.

Nun sah freilich die Zeit diesen Sieg der obrigkeitlichen
Gewalten nicht als eine Niederlage der Kirche an. Kirche und
Staat wurden längst nicht in dem Grade, wie heute, als ge—
trennte Lebensgebiete empfunden. Sie griffen von alters her
ineinander; gemeinsam, sich gegenseitig zu gute kommend
dachte man ihre Wirksamkeit.

Unter diesen Umständen war es möglich, daß der Ruin
der alten Kirche auch finanziell nicht so sehr dem neuen Glauben,
als den Obrigkeiten zu gute kam. Was sollte jetzt mit der
Fundation all der verfallenen Institute der alten Kirche, der
Stifter und Klöster, der Gottesdienste und Seelmessen ges chehen?
Sie fielen dem neuen Kirchenregimente zu und somit der sigat—
lichen Gewalt; nicht eigentlich im Begriffe des 16. Jahrhunderts,
wohl aber nach unseren Anschauungen und nach dem schließ—
lichen Erfolg der Maßregel kam es zu einer umfassenden Säku—
larifation des Kirchenguts.

Am glücklichsten säkularisierten hierbei die Städte; denn
hier waren die modernen Staatsbedürfnisse der geistigen und
leiblichen Wohlfahrt, der Wissenschaft und Kunst, der sozialen
Fürsorge und der wirtschaftlichen Ausgleichung, die das Mittel⸗
alter im allgemeinen noch als Aufgaben der Kirche betrachtet
hatte, am weitesten schon von Staats wegen entwickelt und
darum der Hebung auf finanziellem Wege fähig. Aber auch
die Fürsten verwandten in der weitaus überwiegenden Zahl
von Fällen den größten Teil des eingezogenen Kirchenguts außer
zur Ausstattung der neuen Kirche zu Zwecken allgemeiner Wohl⸗
fahrt; namentlich begründeten auch sie Schulen und andere
Einrichtungen, die die errungene Höhe der neuen Geistesbildung
aufrecht zu erhalten geeignet waren.
        <pb n="28" />
        370 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Im ganzen aber ergab sich für die städtischen wie die
fürstlichen Obrigkeiten nicht bloß finanziell, sondern ganz all—
gemein aus der Reformation die wesentlichste Steigerung ihrer
Macht: rascher, als es sonst wohl geschehen wäre, wurden
ihnen die weiten Ziele des modernen Staates nahegelegt, un—
gleich mächtiger, als bisher, wurden sie wesentliche Elemente
auch der geistigen Entwicklung der Nation!.

Bei dem Verlaufe, den die Entwicklung des Verhältnisses
von Kirche und Staat unter der Einwirkung der lutherischen
Lehre nahm, kann man geneigt sein zu erwarten, daß das
Evangelium von den Obrigkeiten aufs lebhafteste und that—
kräftigste hätte angenommen und unterstützt werden müssen.

Indes das war doch nicht entfernt in dem Maße der Fall,
als man noch bis in neuere Zeit hinein geglaubt hat. Die
Zusammenhänge, die soeben erörtert worden sind, lagen noch nicht
klar vor dem geistigen Auge der Zeitgenossen; viel stärker da—
gegen, als die wirkliche Macht dies begründete, wirkte noch
das altvererbte, der Reformation ungünstige Ansehen der Reichs—
gewalt. Zudem war Luthers derbe Art, soweit sie sich gegen
einzelne Standesgenossen wandte, vielen Fürsten wenig genehm;
und einzelne Territorien, wie Brandenburg, das herzogliche
Sachsen und Ästerreich, hatten die materiellen Vorteile, welche
man zunächst von der Einführung der Reformation für die
Territorialgewalten erhoffen konnte, namentlich soweit eine
teilweise Säkularisation in Frage stand, schon während des
15. Jahrhunderts in Verhandlungen mit der Kurie vorweg
genommen.

Unter diesen Umständen fand die Reformation ihre sicherste
und früheste politische Vertretung durchschnittlich mehr in den
Städten, namentlich den Großstädten Süddeutschlands, in
Nürnberg, Augsburg, Ulm, Straßburg: hier traten die Räte

EVgl. auch unten Buch XVI Kapitel 2.
        <pb n="29" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 371
schon der Stimmung der Bürgerschaft folgend auf die Seite
des neuen Glaubens.

Unter den Fürsten hatte sich, wie wir wissen, selbst
Friedrich der Weise, der Landesfürst Luthers, der Reformation
mehr duldsam, als mit völlig offenem Herzen angeschlossen.
Er sammelte nach wie vor Reliquien; sein Allerheiligenstift in
Wittenberg behielt, ein Allerteufelsstift nach Luthers Ausdruck,
die Messe bei; innerlich noch immer schwankend ist der vor—
fichtige Fürst am 5. Mai 18528 gestorben, mitten in den
Greueln des Bauernkriegs; es schien, „als habe ihn Gott
weggezuckt, daß er solches UÜbel in der Welt nicht sehe“. Sein
Nachfolger Johann war nun freilich ein vollkommen überzeugter
Anhänger der Reformation. Aber er war zugleich ungemein
schwerfällig; die ganze Treuherzigkeit seines Glaubens trug er
in die äußeren Geschäfte; die Hoftheologen wurden Räte nicht
bloß seines Gewissens, sondern auch seines inneren obrigkeit—
lichen wie seines äußeren politischen Handelns. Unter diesen
Umständen mußte die weltliche Führung der protestantischen
Sache, die dem sächsischen Kurfürsten jetzt von Rechts wegen
gebührt hätte, in andere Hände fallen.

Die hessische Landgrafschaft hatte sich unter Ludwig J.
(1413 — 1458) ungemein erweitert; nach einigen Teilungen
war ihr gesamter Bestand im Jahre 1500 in den Besitz
Wilhelms II. gelangt; Wilhelm II. konnte seitdem als der
mächtigste Furst des westlichen Mitteldeutschlands gelten. Ihm
folgte sein im Jahre 1504 geborener Sohn Philipp; bald kannte
man ihn als einen der leidenschaftlichsten, aber auch gewand⸗
testen unter den deutschen Fürsten. Schon gegen Sickingen
hatte er sich hervorgethan; der energisch niedergeschlagene
Bauernkrieg in Hessen und teilweis auch in Thüringen zeigte
ihn dann als umsichtigen Landesherrn. Und schon begann er
an den großen Fragen der deutschen und europäischen Politik
selbständigen Anteil zu nehmen; soweit der Protestantismus
eine nationale und universale Macht ward, erschien Philipp
seit 1526 etwa als seine treibende politische Kraft.

Freilich standen neben ihm und dem Kurfürsten von
        <pb n="30" />
        372 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Sachsen im Centrum des Reiches, auf mutterländischem Boden
nur noch wenige Fürsten schon völlig entschieden zur Reforma—
tion, so der Pfalzgraf Ludwig von Veldenz und der Markgraf
Philipp von Baden im Süden, und im Norden eine Anzahl
niedersächsischer Fursten. Was half es dem gegenüber, wenn
die peripherischen, mehr oder minder republikanischen Landes—
teile des alten Reichs überwiegend dem neuen Glauben folgten,
so die Schweiz, Schleswig-Holstein, Ostfriesland, wenn selbst
einige wichtige Fürsten der kolonialen Gebiete, namentlich der
Hochmeister des Deutschordens, ihm beitraten? Von einer
politischen Übermacht der Reformation in den entscheidenden
Teilen des Reichsgebietes konnte einstweilen nicht die Rede sein.

Von grundlegender Bedeutung aber war es immerhin, daß
sich überhaupt Reichsstände, Fürsten wie Städte, gefunden hatten,
die dem neuen Glauben treu gesinnt waren. Damit war die
Reformation vertreten in den obersten Verfassungskörpern des
Reichs; damit erhielten ihre Interessen Zusammenhang mit der
Geschichte der alten und neuen Kombinationen ständischer Macht
im Reich; damit mußte sie nach ständischem Herkommen ein
Mittel bilden zur Trennung der Stände in Bünde und Gegen—
bünde; damit genoß sie einer selbständig zum Ausdruck ge—
langenden politischen Wertung.

Am frühesten wurde dieser Zusammenhang von der Kurie
erkannt und ausgenutzt: konnte er doch bei dem noch be—
stehenden starken Übergewicht der katholischen Stände vielleicht
zur politischen Vernichtung der religiösen Bewegung führen.
Als der Legat Campeggi auf dem Nürnberger Reichstag des
Jahres 1524 mit seinen Forderungen gegenüber den zögernden
Ständen nicht durchdrang, wußte er am 6. und 7. Juli 1524
besonders treue katholische Mächte, süddeutsche Bischöfe, ster—
reich und Bayern auf einem Tage zu Regensburg auf Grund
des Wormser Edikts gegen die Ketzer zu vereinigen; und bald
ging dieser Bund auf Erweiterung aus.

Das veranlaßte auf evangelischer Seite eingehende Be—
ratungen der Reichsstädte Süddeutschlands wie der evangelischen
rheinischen Grafen; auf einer Tagung in Speier beschloß man.,
        <pb n="31" />
        Lirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 373
daß nur das heilige lautere und klare Evangelium, durch die
apostolischen und biblischen Schriften approbiert, gepredigt
werden solle; auf einer späteren Zusammenkunft in Ulm einigte
man sich auf gemeinsamen Widerstand gegen die Durchführung
des Wormser Edikts.

In vollen Fluß kamen indes diese beiderseitigen Be—
strebungen erst, als sie mit dem Jahre 1525 vornehmlich auf
Mitteldeutschland und damit auf die Kernländer der fürstlich—
protestantischen und fürstlich-katholischen Gegensätze übertragen
wurden. Am frühesten gingen auch hier die Katholiken vor;
zu Dessau versuchte Herzog Georg von Sachsen im Juli 1525
eine Verfländigung von mittel- und auch norddeutschen Fürsten
gegen die „verdammte lutherische Sekte“.

Langsamer, doch schließlich erfolgreicher waren die Bündnis—
bestrebungen der evangelischen Fürsten. Hier handelte es sich
natürlich vor allem um den Landgrafen von Hessen und den
Kurfürsten von Sachsen. Sie versuchten sich, nach vorher—
gehenden Verhandlungen zu Friedewalde im Herbst 1525, zum
erstenmal im Februar 1526 zu Gotha zu verbünden ; außerdem
—DDDD— Nurnberg
sich aus Rücksichten auf den Kaiser fern hielt, kam am 2. Mai
zu Torgau ein ausschließliches Bündnis zwischen Hessen und
Sachsen zu stande.

Es war ein Anfang, der in dem Augenblick weiter führte,
als sich herausstellte, daß der Kaiser den katholischen Bündnis—
bestrebungen hold war; nun traten am 12. Juni 1526 die
Lüneburger, Mecklenburger, Anhalter, Mansfelder und teilweis
auch die Braunschweiger Fürsten dem Buude bei; auch die
Stadt Magdeburg meldete sich. Und bald erstreckten sich die
Beziehungen des Einverständnisses weiter, bis in die der Refor—
mation zugänglichen nordgermanischen Länder, bis Dänemark
und Schweden: die ersten Umrisse jener politischen Kombination
stellten sich ein, die die deutschen Geschicke bis zum Schlusse
des dreißigjährigen Krieges, ja teilweis länger beherrscht hat.
Und zugleich erhielt der Bund ein specifisch fuͤrstliches Gepraͤge,
so gern auch Philipp von Hessen, der füddeutschen Bewegung
        <pb n="32" />
        374 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
näher und von der finanziellen und politischen Bedeutung der
großen Städte, die sie trugen, überzeugt, die Städte heran—
gezogen hätte; er fand damit wenig Entgegenkommen bei seinen
fürstlichen Genossen, und auch die Räte hielten zurück, noch
immer in Nachfurcht vor bäurischen Unruhen.

Das war die Lage, als am 28. Januar 1526 ein neuer
Reichstag zu Speier zusammentrat. Er konnte der evange⸗
lischen Sache nur günstig verlaufen, umsomehr, da er von den
Altgläubigen schlecht besucht ward, und da man von allen
Seiten her dem kaiserlichen Statthalter, Erzherzog Ferdinand,
nur wenig traute. Dazu kam, daß eine besondere Maßregel
Ferdinands den Unwillen der Stände bald steigerte. Nachdem
man in der religiösen Frage schon hin und her diskutiert hatte,
wies Ferdinand, erst am 8. August, eine Weisung des Kaisers
vom 23. März vor, welche verbot, irgend etwas in Sachen der
Religion gegen die alte Kirche zu beschließen, welche ferner das
Wormser Edikt einschärfte und dazu aufforderte, vor allem weiteren
die Ankunft des Kaisers im Reiche abzuwarten. Was war da
zu thun? Man beschloß in der That, zu warten — ein den
Evangelischen an sich schon günstiges Ergebnis. Gleichzeitig
aber beschloß man, an den Kaiser eine Gesandtschaft zu senden,
die ihn unterrichten und ihm die Bitte nahelegen sollte, er
möge entweder schleunigst für die Ausschreibung eines all—
gemeinen Konzils Sorge“ tragen oder zur Abhaltung eines
Nationalkonzils nach Deutschland kommen, einstweilen aber das
Wormser Edikt gnädig in Ruhe stellen. Zu diesem, der Refor—⸗
mation sehr günstigen Beschlusse glaubte man sich umsomehr
berechtigt, als man eben im Verlaufe des Reichstags von
schweren Zwisten hörte, welche zwischen Kaiser und Vapst
beständen.

Für die nächste Zeit aber, bis zu dem vom Kaiser einzu⸗
berufenden Konzil und damit bis zu dem zu erwartenden kaiser⸗
lichen Eingreifen überhaupt, beschloß man am 27. August 1526,
in Sachen des Wormser Edikts also zu leben, zu regieren und
sich zu halten, „wie ein jeder solches gegen Gott und Kaiserliche
Majestät hoffet und vertrauet zu verantworten“.
        <pb n="33" />
        Rirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 375
Es war damit nicht die Anerkennung des Protestantismus
ausgesprochen, wie man wohl gemeint hat, wohl aber war in
sehr günstiger, Weise wiederum eine ins Unbestimmte erneuerte
Frist erstreckt worden für seine weitere Befestigung und Ver—
hreitung, eine Frist, in deren Gewährung die Evangelischen
immerhin eine Art provisorischen Anerkenntnisses ihrer Stellung
erblicken mochten. Für die weitere Entwicklung aber hing jetzt
alles ab von den Schicksalen der kaiserlichen Centralgewalt und
von den versönlichen Leistungen ihres Trägers.

II

Während der großen Bewegungen in Deutschland seit dem
Wormser Reichstag war Karl V. vom Reiche abwesend und in
Kämpfen beschäftigt, die in ihrer allgemeinen Richtung den
deutschen Vorgängen vollkommen widersprachen. Für ihn war
keine Rede von einer Sprengung der alten Kirche; das verbot
seine gläubige Anhänglichkeit nicht minder wie die Thatsache,
daß die alte Kirche die notwendige Ergänzung zu der weltlichen
Universalgewalt war, in deren Verwirklichung er das höchste
Ziel seines Lebens erkannte. Denn wie Max J. der letzte
Ritter des Mittelalters gewesen war, so war Karl V. der letzte
mittelalterliche Kaiser. Persönliche Anlage wie die besondere
Gruppierung der ihm untergebenen Länder bestimmten ihn in
gleicher Weise hierzu!. Wie sollte der Besitz Spaniens, Neapels,
Deutschlands nicht dazu verlocken, den Kern dieser peripherischen
Reiche, Mittel- und Oberitalien sowie Frankreich, zu besitzen
oder wenigstens der Hauptsache nach zu beherrschen? Und Karl
persönlich klammerte sich zäh legitimistisch, wie sein Urgroßvater
Kaiser Friedrich III., an die alten Ansprüche des Kaisertums;
rechthaberisch glaubte er sie durchführen zu müssen; ganz
Frankreich hat er einmal auf Grund einer Schenkung Papst
Bonifaz' VIII. als kaiserliches Eigen angesprochen.

1S. zum Folgenden oben S. 274ff.
Lamprecht, Deutsche Geschichte V. 2.
        <pb n="34" />
        376 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Die nächste Ergänzung aber, deren Karls Reiche im uni—
versalistischen Sinne bedurften, war zweifelsohne in Mittel—
und Oberitalien gegeben. Verbanden diese erst einmal den
neapolitanischen und den österreichisch-deutschen Besitz, dann
war der Zusammenhang des alten Kaiserreiches wiederhergestellt,
und geschlossen reichte die Macht des Hauses Habsburg von
den Dünen der Niederlande bis zu den Felshängen Apuliens
und der sizilischen Insel. Dann gab es nur noch zwei Hälften
der Universalmonarchie, Spanien und den Osten, und die
Eroberung Frankreichs hätte beide vereinigt.

So ward Italien zum eigentlichen Drehpunkt der kaiser—
lichen Politik, nicht Spanien und nicht Deutschland.

Italien war damals in eine Anzahl kleiner Staaten zer—
rissen, deren wichtigste in Oberitalien Mailand und das weit
auf die Terra ferma vorgestreckte Venedig, in Mittelitalien der
Kirchenstaat waren. Zerrissener aber, als das Land, war das
Volk. Ausschweifende Selbstsucht im Betrieb politischer Ge—
schäfte hatte fast jede Spur nationalen Sinnes getilgt; wo
patriotische Regungen auftauchten, wurden sie bald zu einem
durchsichtigen Vorwand des Eigennutzes. So lebte man im
Kriege aller gegen alle, und die hochentwickelte diplomatische
Kunst der Fürsten und Republiken ward für die kleinlichsten
Ziele eingesetzt.

In dieses Treiben war auch das Papsttum hineingezogen.
In der kurialen Politik des ausgehenden 15. Jahrhunderts
war sein Länderbesitz zu einem einfachen italienischen Terri—
torialfürstentum geworden; dementsprechend ging seine äußere
Politik gelegentlich ganz in den Interessen dieses Fürstentums
auf; Leo X. kannte kaum andere politische Ziele, als die,
kleine Territorien hinzuzuerwerben, und bei deren Auswahl
leitete ihn vielfach nicht einmal das Interesse des Patri—
moniums Petri, sondern das des mediceischen Hauses, dem
er angehörte. Als er am 1. Dezember 1621 starb, war das
Papsttum seiner früheren universalen Höhe fast verlustig ge—
gangen. Dann hat freilich Hadrian VI., jener fromme asketische
Erzieher Karls V., der letzte deutsche Papst, den großen Zielen
        <pb n="35" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 377
der päpstlichen Gewalt wieder nachgestrebt; er träumte von
einem Kreuzzug gegen die Türken; der Fall der Johanniterfeste
Rhodus, des letzten christlichen Bollwerks im Orient, war viel—
leicht das schmerzlichste Ereignis seines Lebens. Aber man
verstand ihn in Rom nicht mehr, geschweige daß man ihm
gefolgt wäre. Er ging nach kurzer Regierung dahin, ohne
eine Spur zu hinterlassen, verhöhnt, verachtet, verlassen; seine
Grabschrift meint, seine Wahl zum Papste sei sein Unglück
gewesen. Nun folgte ein neuer Mediceer, Clemens VII. Ob—
wohl in echt zeitgenössischer Weise zum Papsttum gelangt —
schon seine Geburt schloß ihn aus, Luther nennt ihn einmal
zutreffend einen florenzischen Hurensohn — hatte er doch
höhere Interessen, als der letzte Vorgänger aus seinem Hause
Leo X. Er war sparsam; wo Leo zerstreut hatte, sammelte
er; die Künstler fanden nicht die gleich verschwenderische Hand,
mit der Leo die Wunderblüte der klassischen Renaissance gepflegt
hatte. Und die Mittel, die noch zur Verfügung standen, suchte
Clemens wenigstens gelegentlich noch den wahren Zwecken des
Papsttums dienstbar zu machen. Aber auch er hatte doch im
wesentlichen nur territoriale Interessen, der Horizont seiner
äußeren Politik war zunächst durch Italien begrenzt, und schon
der Gedanke einer schlechthin italienischen Politik war ihm im
Grunde fremd und ward nur in besonderen Höhepunkten des
politischen Geschehens mehr von außen in ihm angeregt, denn
aus den Tiefen seiner Seele heraufbeschworen. Vor allem aber
war er ein halber Charakter wie damals so viele politisch
feingebildete und scharfsichtige Italiener: er war unzuverlässig,
schwankend und rätselhaft.

Mit diesen Gegensätzen der Personen und mit dem unge⸗
zügelten territorialpolitischen Egoismus der Italiener, vor allem
auch des Papsttums, hatte Karl V. zu rechnen. Und mehr noch.
Das Papsttum hatte immerhin, sobald ein weiteres Gesichtsfeld
als das italienische in Betracht kam, noch nicht aufgehört,
Universalmacht zu sein. Jedes Vorgehen in Italien berührte
mithin durch die kleinlichen territorialen Interessen des Papst⸗
tums hindurch zugleich auch dessen Stellung zur Welt, wirkte

95*
        <pb n="36" />
        378 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
zurück auf die Stellung vor allem der geistlichen und weltlichen
Universalmächte, des Kaisers und des Papsts, zu einander.

Und wenn nun Karl V. all dieser Schwierigkeiten Herr
ward, wenn er Italien sich unterwarf — war anzunehmen,
daß die übrigen selbständigen Mächte Westeuropas sich ihm
fügen würden? England und Frankreich nimmermehr. In
England wurde der große Staatsmann Heinrichs VIII., Kar—
dinal Wolsey, durch die Absichten Karls V. zu einer Politik
veranlaßt, die seitdem den Grundton für alle Beziehungen
Englands zu den kontinentalen Mächten gebildet hat; er ver—
suchte auf jede Weise, durch Vermittlung wie durch Stärkung
der kontinentalen Gegensätze, die Begründung einer universalen
Gewalt zu verhindern. Frankreich aber war seit Generationen
schon gewöhnt, den alten Rechten der Kaiser in Italien ent—
gegenzutreten!; es war nicht daran zu denken, daß es jetzt,
unter dem thatenlustigen Franz J., warten werde, bis die
kaiserliche Gewalt Italien unterworfen haben werde, um
Frankreich zu verschlingen.

So spitzten sich die Gegensätze in Italien naturgemäß zu
einem Kampfe zwischen dem Kaiser und Frankreich zu. Und
diese Lösung wurde um so natürlicher, als zwischen Karl und
Franz noch andere Gegensätze untergeordneterer Art bestanden,
so namentlich wegen der von Frankreich in Beschlag genommenen
Teile des burgundischen Erbes, und als Persönlichkeit und
Schicksal beider Herrscher sie von vornherein zu Widersachern
stempelte. Beide hatten sich um die Kaiserwürde beworben;
Franz J. war dem Sieger schwerlich ohne weiter zehrenden
Groll gewichen. Und wie mußte Franz, der lebensfreudige
Kavalier, herabsehen auf den geschäftigen Karl V., diesen
Schreiber auf dem Throne, der höfische Vergnügungen vor—
nehmlich als Verpflichtungen fürstlicher Würde ansah, dem
Freude in Herablassung, Fröhlichkeit in Repräsentation auf—
gingen! Franz konnte wohl wochenlang jagen oder Masken—⸗
scherzen huldigen, während seine kluge Mutter über den Rätseln

1S. oben S. 27.
        <pb n="37" />
        KRirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. J 879
der diplomatischen Lage Frankreichs brütete; Karl ward immer
mehr sein eigener Minister; tief in die Nacht hinein ging er
mit seinen Sorgen zu Rate, als junger Mann schon von
schwerer Bedächtigkeit und unter dem lastenden Gefühl einer
Verantwortlichkeit, die eines Menschen Kraft überragte.

So war der Zusammenstoß der kaiserlichen und der franzö—
sischen Macht uwvermeidlich; alle großen und kleinen Fragen
der europäischen Politik, alle persönlichen Gegensätze drängten
darauf hin: schon im Jahre 1520 hörte man von kleinen
Scharmützeln an der spanischen und niederländischen Grenze,
1521 ward der Krieg erklärt: das Ringen beider Herrscher be—
zann, das bald in diplomatischem, bald in kriegerischem Vor⸗
gehen sich bis zum Tode Franzens erstreckt hat.

Anfangs setzte sich der Kaiser, der Franz diplomatisch
ebenso überlegen war, wie dieser ihm finanziell, alsbald in den
Besitz wichtiger Vorteile. Er gewann schon früh den Papst
gegen Befriedigung seiner territorialen Ansprüche in Ferrara,
Parma und Piacenza; er wußte auch England auf seine Seite
zu ziehen. In einer persönlichen Zusammenkunft zu Brügge
brachte er den stolzen Kardinal Wolsey aus seiner neutralen
Haltung; am 25. August 1521 kam ein in seinen Einzelheiten
sehr merkwürdiger geheimer Vertrag zwischen Karl V. und
Heinrich VIII. zu stande, der sich gegen Frankreich wandte,
wenn auch Wolsey noch der Hoffnung lebte, eben durch seine
enge Verbindung mit Karl dessen hochstrebende Pläne lähmen
zu können. Und schon kamen diesen Erfolgen einige kriegerische
Begebnisse in Italien und in den Niederlanden zu Hilfe. In
Mailand, das die Franzosen seit der Schlacht von Marignano
hielten', hatten sie sich im Laufe eines noch nicht sechsjährigen
Aufenthalts bitter verhaßt gemacht; nun wurden sie, Herbst
1521, aus der Stadt und deren Gebiete vertrieben. Im Norden
aber fiel gegen Ende November 1521 das feste Tournay in die
Hände der Kaiserlichen. Von größerer Bedeutung aber wurden
die kaiserlichen Erfolge doch erst durch eine Niederlage des fran—

1 S. oben S. 44.
        <pb n="38" />
        380 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
zösischen Heerführers Lautrec, die dieser in dem großen Parke
der Villa Bicocca bei Mailand am 27. April 1522 bei einem
Versuche, Mailand wieder zu erobern, erlitt: es war ein erster
glänzender Sieg der deutschen Landsknechte unter Georg von
Frundsberg über die übermütigen, in französischem Solde
stehenden Reisläufer der Schweiz. Nun konnte England nicht
umhin, ganz auf kaiserliche Seite zu treten; am 22. Mai 1522
sagte ein englischer Herold König Franz förmlich den Krieg
an. Und in Italien traten Venedig und schließlich auch Papst
Hadrian, der Leo X. am 9. Januar 1522 gefolgt war, wenn
auch schweren Herzens, mit dem Kaiser ins Bündnis. Fast
wichtiger aber erschien, daß dem Kaiser von Frankreich selbst
her Hilfe kam. Der Herzog Karl von Bourbon, Connetable
Frankreichs, war von König Franz schwer gekränkt worden; er
schloß im Juli 1522 mit Karl ein Schutz- und Trutzbündnis,
er trat im September offen zu ihm über, und man erwartete,
daß seinem Beispiel mancher französische Edelmann folgen
werde.
So schien es nur noch eines letzten großen Angriffs auf
Frankreich, eines konzentrischen Vorgehens aller kaiserlichen
Bundesgenossen und des Kaisers selbst zu bedürfen — und
das verhaßte Land lag am Boden.

In der That griff Heinrich VIII. von England im Herbst
1523 an; hinweg ging er über alle Bedenken, die sein Staats—
mann Wolsey gegen die völlige Vernichtung Frankreichs vor—
brachte; er träumte von einer neuen englischen Herrschaft an
den Ufern der Seine und Loire; seine Truppen, mit den
niederländischen vereint, standen Ende Oktober vor Compiogne
und Senlis; in Paris begann man zu flüchten.

Und schon hatten die Franzosen auch Italien räumen
müssen, und seit 1324 drang Bourbon als Heerführer in kaiser—
lichen Diensten stattlich vor; am 19. August lagerte er vor der
Seefeste Marseille; um Allerheiligen. rühmte er sich, werde er
in Varis sein.

Der Einzige, der mit dem Vormarsch von Spanien und
Deutschland her zögerte, war der Kaiser. Es ist unverständ—
        <pb n="39" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 381
lich, was ihn aufhielt — genug, daß der große konzentrische
Angriff auf Frankreich, die Frucht der glücklichen Politik der
Jahre 1521 -1524, eben durch ihn selbst zu nichte ward.

In Frankreich aber hatte die nationale Gefahr nationalen
Wiederhall gefunden. Freudig stellte sich alles, auch der teilweis
bourbonisch gesinnte Adel, in den Dienst des Königs; im Herbst
1524 konnte Franz mit einem starken Heere gegen Bourbon
nach der Provence abrücken. Er ging über die Alpen; fast
schnitt er Bourbon, der vor Marseille den tapfersten Wider—
stand gefunden hatte, den Rückzug nach Italien ab; am
26. Oktober 1524 sah er sich wiederum im Besitze von Mai—
land. Nun wurden die kaiserlichen Bundesgenossen in Italien,
wurde auch England schwierig; der neue Papst Clemens VII.
(seit 19. November 1528) schlug sich Anfang des Jahres 1525
offen auf die Seite der Franzosen. Es war eine Wendung,
die Karl vor allem dem Papste niemals vergessen hat.

Aber einer jener unerhörten Glücksfälle, deren es im Leben
des Kaisers eine beträchtliche Anzahl giebt, versprach ihn rasch
aus allen Verlegenheiten zu reißen. Die verzweifelten kaiser⸗
lichen Truppen brachen am 24. Februar 1525 aus Pavia her—
vor, wo sie von König Franz J. belagert wurden; es kam zu
einer mörderischen Schlacht, die durch die Tapferkeit der deut—
schen Landsknechte und der spanischen Hakenschützen zu Gunsten
Karls entschieden ward, und in der das französische Heer so
gut wie vernichtet sowie König Franz selbst gefangen wurde:
es schien ein Gottesgericht zu Gunsten der kaiserlichen Sache.

Karl nahm die Siegesnachricht mit dem äußeren Gleichmut
asketischer Frömmigkeit hin; den Sieg zu nutzen verstand er
nicht. Indem er starr legitimistischen Sinnes an den gefangenen
Gegner Forderungen stellte, die alle, auch die ältesten Ansprüche
der kaiserlichen Universalgewalt einschlossen, die Frankreich zu
einer unbedeutenden Kleinmacht erniedrigt haben würden, die
Franz nimmermehr annehmen konnte — und indem er mit der
Verhandlung über diese Forderungen kostbare Zeit verlor, gab
er seinen Gegnern Zeit, den errungenen Vorteil wieder zu be—
seitigen. Wolsey, von Karl mit übermäßigen Zumutungen
        <pb n="40" />
        382 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
wegen eines französischen Beuteanteils abgewiesen, schloß am
30. August 1525 mit Frankreich einen einseitigen Frieden.
In Italien regte sich überall die Ansicht, jetzt oder nie sei die
Zeit gekommen, durch energisches Auftreten gegen Karl das
Land von Franzosen und Kaiserlichen zugleich zu befreien. In
Frankreich erweckte die Kunde von der Gefangenschaft des
Königs das Nationalgefühl in ungeahntem Maße; bald er—
schien das Land ohne König stärker, als vorher mit ihm.

Karl schien alle diese Vorzeichen künftigen Sturmes nicht
zu sehen; trotz der Warnungen seines klarsichtigen Kanzlers
Gattinara schloß er mit dem gefangenen Franz J. den exorbitanten
Frieden von Madrid. Nach ihm sollte Franz alle Ansprüche in
den Niederlanden und in Italien fallen lassen, Burgund in der
Ausdehnung, in der es Karl der Kühne besessen hatte, abtreten,
seine Flotte zur Verfügung Karls stellen und Bourbon zurück—
führen; und dieser neue Zustand der Dinge sollte durch die
Vermählung Franzens mit Eleonore, einer Schwester Karls,
besiegelt werden.

König Franz hat am 183. Januar 1526 diesen Frieden
unter seinem Eide auf Ritterehre zu halten versichert, nachdem
er einen Tag vorher vor seinem Gesandten in Madrid und
vor einigen anderen Franzosen feierlich gegen ihn protestiert
hatte, indem er sich aller erzwungenen Zugeständnisse entband:
er dachte nicht daran, ihn zu halten. Auch der Umstand, daß
er seine Söhne Karl als Bürgen des Friedens überlassen mußte,
hinderte ihn nicht, nur der Größe Frankreichs zu leben; als
er sich wieder auf dem Boden seines Landes befand, rief er
entzückt aus: Maintenant je suis roi, je suis roi encore!

Es war klar, daß dem Kaiser der Erfolg von Pavia in
Begriff war, unter den Händen zu zerrinnen; das Jahr 1526
begann mit der erneuten Sammlung aller seiner Geaner.

Bis zum Jahre 1826 hatten sich die Schicksale des Kaisers
und des Hauses Habsburg in Bahnen bewegt, die der Ent—
        <pb n="41" />
        Rirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 388
wicklung der evangelischen Bewegung weiten Raum ließen.
Seitdem beginnt ein Umschlag. Wie seitdem die Reformation
im Rahmen der inneren, rein deutschen Entwicklung dem Be⸗
reiche der fürstlichen und auch städtischen Obrigkeiten zugetrieben
ward, so wurden diese Obrigkeiten wiederum vielfach und je
länger je mehr in Entschluß und Schicksal bestimmt durch die
zunehmende Macht der habsburgischen Brüder Karl und Ferdinand.

Im Jahre 1527 wurden die habsburgischen Besitzungen im
deutschen Südosten, deren Regierung Erzherzog Ferdinand am
27. Februar 1521 von Karl erhalten hatte, dauernd durch
Ungarn und Böhmen ergänzt; es ist das Geburtsiahr der öster—
reichischen Monarchie.

Wie oft war nicht seit den Tagen des fränkischen Aben—
teurers Samo versucht worden, im Südosten Mitteleuropas ein
großes Reich zu errichten! Hier hatte der Mähre Swatopluk
in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts weithin geherrscht, bis
sein Reich den Ungarneinfällen zum Opfer fiel; hier hatte
Ottokar J., der Konig des erstarkten Böhmens, im 18. Jahr⸗
hundert die Lösung derselben Aufgabe versucht; dann waren
seine Absichten an Habsburger und Luxemburger übergegangen.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts schienen die Luxem⸗
burger ihrem Ziele nahe, der Sohn der letzten Luxemburgerin,
Ladislaus Postumus, hat wenigstens dem Namen nach fast zwei
Jahrzehnte über sterreich, Böhmen und Ungarn geherrscht.
Aber schon zu seinen Lebzeiten ging die Hegemonie im Süd—
osten thatsächlich an fremde Mächte über. In Böhmen erhob
sich die einheimische Macht Podiebrads; später hat Podiebrads
Schwiegersohn, Matthias Corvinus, von Ungarn her Hsterreich
und die böhmischen Nebenländer beherrscht. Am gewichtigsten
aber trat schließlich der polnische Staat hervor. Er war in
der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts kräftig gegen den
Deutschorden vorgegangen; jetzt, nach dem Tode Podiebrads und
des Corvinus hatten die Polen die Genugthuung, einen
Jagiellonen, Wladislaus, auf dem Throne von Böhmen und
Ungarn zu sehen; deutsche Ansprüche auf diese Länder, obwohl
rechtlich begründet, erschienen thatsächlich vereitelt.
        <pb n="42" />
        384 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Und gleichzeitig mit dieser Erhebung der außerdeutschen
Mächte des Südostens seit der Mitte des 15. Jahrhunderts
hatte sich eine tiefgreifende Reaktion gegen alles Deutsche
jenseits der Grenzpfähle des Reiches entwickelt; die deutschen
Kolonisten des platten Landes wurden geplagt, den Städten
der einst ausschließlich deutsche Charakter nach Kräften ge—
nommen; es ist die erste große Schädigung unserer Nationalität
im Südosten. Freilich zeigte sich bald, daß die Kultur der
Slawen und Magyaren allein noch nicht imstande war, auf
eigenen Füßen zu stehen. Die Staaten zerfielen; überall drängte
der niedere Adel reaktionär gegen die Kräfte des Königtums
an. Und das zu einer Zeit, da von Osten her neue Gefahren
mächtig herandrohten. Hier war jetzt das alte Reich von Byzanz
oöllig gestürzt; der Türke drängte das Donauthal herauf, und
gegen Polen begann sich in dem Großfürstentum Krakau eine
hdald gefährliche Macht zu bilden.

In dieser Lage mußte den Deutschen wiederum ein ver—
größerter Einfluß im Südosten zufallen, sobald sie entschlossen
—DDVO
Türken in sich zu verkörpern. Und eine Bereitwilligkeit in dieser
Richtung, mochte sie nun weitergehen oder enger begrenzt sein,
konnte nicht anders als dem österreichischen Zweige des Hauses
Habsburg zu gute kommen.

Dabei hatte noch Kaiser Max dafür gesorgt, daß den all—⸗
gemeinen Notwendigkeiten politisch-konkrete Zusammenhänge zur
Seite gingen. Die mehrfachen alten Erbansprüche seines Hauses
auf Böhmen und Ungarn aus dem 15. Jahrhundert hatten ihm
nicht genügt; er hatte im Jahre 1515 neue, auf Verlobungen
begründete Anrechte hinzugefügt, ganz im Sinne seines Vaters,
dem Politik die Stärke zu hoffen gewesen war. König Wladis—
laus von Ungarn und Böhmen hatte zwei Kinder, Anna und
Ludwig; Ludwig ist ihm im Jahre 1516 als König nachgefolgt.
Von ihnen ward nach den Abmachungen des Jahres 1615 Anna
1521 mit Erzherzog Ferdinand, Ludwig II. 1522 mit Ferdinands
Schwester Maria, beides Enkeln Kaiser Maxens, vermählt. So
        <pb n="43" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 385
war der Anfall beider Reiche an Österreich doppelt gesichert.
Und rascher, als man ahnen konnte, trat er ein.

Die Türkenmacht war von Sultan Selim J. wesentlich
Kleinasien, Persien und Agypten zugewendet worden; von seinem
Nachfolger Suleiman II. (von 1520 ab) wurde sie wieder gegen
Westen gekehrt. Fast gleichzeitig erfolgten schon in den Jahren
1521 und 1522 Angriffe im Donauthal und im Mittelmeer;
Ungarn litt unter türkischen Scharen, und Rhodus ging aus
den Händen der Johanniter über in türkischen Besitz (22. Dezbr.
1522). In den folgenden Jahren wurden dann vor allem die
Ziele an der Donau mit Macht verfolgt. Und nur vier Jahre,
und es kam für Ungarn zur Katastrophe. Im Sumpflande von
Mohacs ward am 27. August 1526 das letzte kleine Ungarn—
heer besiegt; Ludwig II. fiel; Suleiman feierte den kleinen
Bairam zu Ofen; schon zitterte Deutschland. Aber es lag
nicht im Wesen der türkischen Militärdespotie, sich dauernd in
so weit entfernten Ländern einzurichten; drängte ihre ganze
Organisation zu anhaltender kriegerischer Bethätigung und somit
zu immer wiederholten Angriffen auch auf Mitteleuropa, so
entbehrte sie doch der Mittel, das militärisch Errungene zäh zu
halten. Wie später im Jahre 1529 nach der Belagerung Wiens
zog das türkische Heer bald wieder ab, und der Gewinn des
Vorstoßes fiel an das Haus Hsterreich.

Mit dem Tode Ludwigs II. war die ungarische wie die
böhmische Krone erledigt. Sofort begann Ferdinand um sie
zu werben. Und trotz seiner finanziellen Bedrängnis, trotz
einer freilich ungeschickt vertretenen bayrischen Gegenkandidatur
in Böhmen, trotz des einheimischen Gegenkönigtums des Ma—
gnaten Johann Zapolya in Ungarn, der sich sofort mit Frank—
reich verband, erreichte er sein Ziel. In Prag wurde er am
24. Februar, in Stuhlweißenburg am 3. November 1527 gekrönt.

Es war die Begrundung der österreichischen Monarchie.
Lagen Schicksale und Ziele des neuen, rein dynastischen Staats⸗
wesens noch verschleiert, so war für die Zeitgenossen doch darüber
kein Zweifel möglich, daß Ferdinand von nun ab im Reiche
        <pb n="44" />
        386 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
nicht mehr bloß der machtlose Statthalter seines Bruders sein
werde. Und mochten die nächsten Jahre auch noch schwere
Sorgen um das Erworbene bringen, so namentlich das Jahr
1529 mit dem erneuten Vormarsch der Türken bis zur Er—
oberung Wiens: immerhin stand jetzt fest, daß von dem geeinten
Südosten her und von den mit diesem Südosten verquickten
Interessen des Hauses Habsburg aus ein bisher unbekannter
Einfluß namentlich auf den Süden Deutschlands, aber auch
weiter über das ganze Reich hin werde geübt werden.

Das mußte um so rascher hervortreten, als sich im Ver—
laufe der Jahre 1326-1529 auch die Lage des Kaisers über
Erwarten günstig gestaltete.

Nach dem Frieden von Madrid war es, nachdem König
Franz vom Papste seines Karl V. geschworenen Eides entbunden
worden war, in der Liga von Cognac vom 22. Mai 1526 zu
einem neuen Bund gegen Karl V. gekommen, in dem sich unter
Zustimmung und moralischer Protektion Englands Frankreich
und die italienischen Hauptstaaten, der Papst, Venedig, Florenz
und Mailand zusammengefunden hatten. Es war damit eine für
Karl V. äußerst kritische Lage geschaffen, falls die italienischen
Bundesgenossen rasch und energisch in den Kampf eintraten.

Allein gerade hieran mangelte es, soviel in Italien,
namentlich Venedig, von der künftigen Freiheit des Landes ge—
redet ward. Und Karl wußte in Italien den wundesten Punkt
des Bündnisses zu treffen. Er ging unmittelbar gegen Papst
Clemens VII. vor, der stets zu Schwankungen geneigt war,
der sich zudem durch andere als die finanziell so lastenden kriege⸗
rischen Waffen bekriegen ließ. Nach einigen früheren Aus—
einandersetzungen und nach einem vergeblichen Friedensangebot
vom Juli 1526 richtete der Kaiser an den Papst eine Denk—
schrift, die am 12. Dezember 1526 zu Rom in möglichst ein—
dringlicher Form mit großem Pompe überreicht ward, und die
der erstaunten Welt den tiefen Gegensatz zwischen den beiden
Universalgewalten in der dem Papsttum fürchterlichen Forderung
eines allgemeinen Konzils enthüllte. Und bald folgte der
Schwüle dieses geistigen Kampfes ein schreckliches militärisches
        <pb n="45" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 387
Strafgericht. Georg von Frundsberg, der tapfere Bandenführer
des unteren Innthals, sammelte in Tirol soeben eine Anzahl
von Fähnlein deutscher Landsknechte zum kaiserlichen Dienst in
Italien. Für sie bedurfte es nur der offenkundigen Thatsache
eines Zwistes zwischen Kaiser und Papst, um ihnen die Richtung
eines Zugs auf Rom zu geben; schon im Etschthal sprach man
davon, man wolle den Papst henken. Und so wälzte sich die
Lawine der deutschen Krieger, gegen 11000 Mann, darunter
4000, die ohne Sold dienten, unterwegs unter welschem Zu⸗
schuß immer mehr anschwellend, seit dem 19. Februar 1527
mit den kaiserlichen Truppen Bourbons vereinigt, gegen Rom.
Am 5. Mai lagerte man vor den Mauern der ewigen Stadt.
Im Morgengrauen des 6. Mai führte Bourbon zum Sturm.
Nur mäßig war der Widerstand im wallenden Nebel des Früh—
jahrs; gegen Abend beherrschten die Landsknechte die Stadt.
Und nun durchzog Rom der Würgengel der Plünderung; ein
seit Jahrhunderten aufgehäufter Reichtum ward vernichtet; und
der Papst, in die Engelsburg geflüchtet, mußte sich schließlich
den Landsknechten, die inzwischen Luther zum h. Vater aus—
gerufen hatten, ergeben, den 5. Juni 1527.

Es war wieder ein Ereignis, das der westeuropäischen Welt
gleich der Schlacht von Pavia als Gottesgericht erschien; und
wiederum wußte Karl, wie nach Pavia, die Lage nicht zu
nützen: er zögerte; monatelang lagen die frommen Lands—
knechte thatenlos in Rom.

Für die Gegner aber ward die unerhörte Katastrophe zum
Ansporn festeren Zusammenschlusses. England, bisher nur
moralisch der französisch »italienischen Koalition verbündet,
trat jetzt ganz auf Seite Frankreichs, indem es in dem Frieden
von Amiens vom 14. August 1527 endgültig auf seine alten
französischen Ansprüche verzichtete. König Franz aber hatte
schon vorher ein Heer unter Lautrec nach Oberitalien gesandt,
dem freudig Fürsten und Städte zufielen, darunter auch das
für die Beherrschung des Meeres und die Verbindung mit
Frankreich besonders wichtige Genua. Und bald, Mitte Oktober
1527, zog Lautrec nach Süden, gegen Karls Königreich Neapel;
        <pb n="46" />
        388 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
nicht lange, so belagerte er die Haͤuptstadt von der Landseite,
während der genuesische Admiral Doria sie von der See her
umschloß. Gleichzeitig verhandelte Venedig mit der Türkei über
einen Einfall ins obere Donauthal, um Ferdinand von der
Unterstützung Karls in Italien abzuhalten: die Lage ward für
den Kaiser im höchsten Grade kritisch; es schien, als sollte seine
Weltmacht von Neapel her aufgerollt werden.

Da halfen ihm unvorhergesehene Zwischenfälle. Das
französische Heer vor Neapel wurde von der Pest vernichtet;
Doria, von den Franzosen nicht nach Gebühr behandelt, ging
am 4. Juli 1528 zum Kaiser über. Es war das Ende des
italienischen Widerstands; bald hatte der Papst, in der Ge—
fangenschaft mürbe geworden, seinen Frieden mit dem Kaiser
gemacht; unter dem Schutze kaiserlicher Truppen kehrte er am
6. Oktober 1528, nun eine Kreatur des Kaisers, nach Rom
zurück.
So war Frankreich nur noch auf England angewiesen.
Aber hier begann eben das Interesse an der kontinentalen
Politik zurückzutreten; die tollen Liebeshändel Heinrichs VIII.
fingen an, die Welt zu beschäftigen, und das Land trieb der
Absetzung Wolseys und inneren Unruhen entgegen.

Konnte jetzt König Franz allein noch dem Kaiser wider—
stehen? Zum mindesten schien eine Verteilung der Kräfte
erreicht, die zu einem gegenseitigen Verschnaufen der unerbitt—
lichen Gegner Anlaß geben konnte. Es waren vor allem die
Frauen in den beiden fürstlichen Lagern, die diese Lage er—
kannten, Luise von Savoyen, die Tochter Franz J., Eleonore,
die Braut König Franzens und Schwester Karls, und die Statt—
halterin der Niederlande Margaretha, die Tochter Kaiser Maxens
und also Tante Karls. Sie suchten echt weiblich die Ver—
mittelung; ihnen wird der Damenfriede von Cambray, vom
5. August 1529, verdankt. Nach diesem Frieden wurden die
Söhne Franzens, die sich noch im Gewahrsam Karls V. befanden,
gegen Zahlung von 2 Mill. Goldthalern freigegeben; Frankreich
ließ seine italienischen Bundesgenossen fallen und verzichtete auf
        <pb n="47" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. J 389
die Oberlehnsansprüche über Flandern und Artois, während
Karl unter gewissen Vorbehalten Burgund aufgab.

Es war ein Abschluß, der viele Errungenschaften des
Madrider Friedens von neuem gewährleistete und somit Karl
günstig war; vor allem hielt er Italien der diplomatischen und
militärischen Einwirkung des Kaisers offen. So konnte Karl
glauben, wieder im Beginn der Verwirklichung seiner universalen
Pläne zu stehen; er verließ Spanien, landete am 12. August
1529 in Italien, ordnete widerstandslos die Verhältnisse des
Landes und ward von dem machtlosen Papste auf Neujahr
1530 in Bologna zum Kaiser gekrönt.

III.
Wie hatten sich inzwischen die Dinge in Deutschland ent—
wickelt?
Der Abschied des Speierer Reichstages vom Jahre 1526
hatte der weiteren Verbreitung und Fortbildung der evangelischen
Lehre noch Raum gelassen, obgleich kein Zweifel darüber bestand,
daß dem die katholischen Sympathien der Mehrheit des Reichs—
tages eigentlich widersprachen. Wie hätte man also Ruhe von
diesem Beschluß erwarten können? Die Gegensätze zwischen Alt—
und Neugläubigen erweiterten sich von Tag zu Tag.

Es lag dabei in der Natur der Sache, daß die Alt—
gläubigen, als die Angegriffenen, mit größerer Strenge gegen
die Neuerer verfuhren, als umgekehrt. Jetzt begannen in den
katholischen Ländern, namentlich am Rhein und in Bayern, die
Scheiterhaufen auch für die gemäßigt Evangelischen zu rauchen;
die Zeit der Blutzeugen war gekommen, und Luther sang sein
Schlachtlied unerschütterlichen Vertrauens in Kampf und Not:
Ein feste Burg ist unser Gott. Und mit den gegnerischen
Maßregeln gegen die Konfessionen verschärfte sich auch der Gegen—
satz der evangelischen und katholischen Stände des Reichs.
Zwar gab es noch auf lange verbindende Interessen — so
namentlich der gemeinsame Widerstreit gegen die vorauszu⸗
sehenden Versuche, die kaiserliche Gewalt zu steigern —, auch
        <pb n="48" />
        390 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
waren die sozialen und politischen Streitpunkte zwischen Fürsten
und Städten noch keineswegs gänzlich beseitigt. Aber diese
Momente ständischer Parteibildung erwiesen sich immer ohn—
mächtiger gegenüber dem Scheidemerkmal der religiös-kirchlichen
Haltung.

Bezeichnend für diesen Umschwung mit seinem Ergebnis
einer veränderten Gruppierung weitgehender Interessen ist das
Intermezzo der Packschen Händel. Im Februar 1528 hatte
der Kanzleiverweser des Herzogs Georg von Sachsen, Otto von
Pack, die Keckheit, den Führern der evangelischen Bewegung,
dem Landgrafen von Hessen und dem Kurfürsten von Sachsen,
vorzuspiegeln, ein großer Angriffsbund der Katholischen, von
dessen Abschluß man gelegentlich einer Zusammenkunft katho—
lischer Fürsten im Mai 1527 zu Breslau allerlei Unver—
bürgtes gemunkelt hatte, bestehe thatsächlich. Philipp und
Johann meinten, Ursache zu haben, dem Abenteurer zu glauben;
sie schlossen am 9. März 1528 ein neues Bündnis, und Philipp
zog aus den Mitteilungen Packs weitgehende Konsequenzen.
Mit dem künstlerischen Blick des geborenen Staatsmanns sah
er alsbald die gesamte europäische Politik im Bereich der
religiösen Gegensätze und erkannte in dem universalen Kaiser
den Hort des feindlichen Katholizismus: gegen ihn als Kirchen—
vogt, gegen die universalen Pläne der Habsburger zugleich gelte
es, die Evangelischen mobil zu machen. So knüpfte er mit allen
größeren evangelischen Städten an, unbekümmert um den
sozialen Gegensatz zwischen Land und Stadt, und begann mit
Frankreich vertraulich zu verhandeln und nicht minder mit
Dänemark, Polen und dem ungarischen Gegenkönig Zapolya;
rasch wollte er losschlagen, ehe die habsburgischen Brüder noch
mächtiger würden, und in der Eroberung der geistlichen Terri—
torien Deutschlands wie in der Zurückführung des vom Hause
sterreich vertriebenen Herzogs von Würtemberg sah er die
ersten, höchst volkstümlichen Ziele des Angriffs. Und all diese
Fäden waren Ende Frühjahr 1528 geknüpft, in einer Zeit, da
es um die kaiserliche Sache fast gethan zu sein schien: das Merk—
würdigste stand zu erwarten: da scheiterten Philipps Pläne
        <pb n="49" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 391
teilweise an der Aufdeckung der Fälschungen Packs, der sich
als gewohnheitsmäßiger Betrüger entpuppte, und fast noch mehr
am Widerstande Johanns von Sachsen, der, beraten von seinen
Theologen, die Theorie des leidenden Gehorsams auch gegenüber
dem Kaiser glaubte befolgen zu müssen.

Aber freilich: die durch den Zwischenfall kund gewordene
und vermehrte Gärung blieb.

Das war die Lage, als die Stände am 21. Februar 1529
zu Speier zu einem neuen Reichstage zusammentraten. Natür—
lich, daß sie von sich aus keine Verständigung über den Reichs—
tagsabschied vom Jahre 1526 hinaus finden konnten. Aber
jetzt trat ihnen in dem erstarkenden Kaiser eine neue Kraft ent⸗
gegen, und alsbald, obwohl der Kaiser persönlich noch fern
von Deutschland weilte, offenbarte sie ihr Gewicht. Es war
nicht genug, daß der Reichstag auf Grund der von neuem
drohenden Türkengefahr die Staͤnde sehr energisch in Anspruch
nahm; er sollte auch die religiöse Frage erledigen. Ein kaiser—
licher Vorschlag vom 185. März ging darauf aus, den Reichs—
tagsabschied vom Jahre 1526 aus kaiserlicher Machtvollkommen—
heit aufzuheben, da er zu „großem Unrat und Mißverstand“
Anlaß gegeben habe, und verbot jeden weiteren Abfall von der
Kirche bis zu einem gemeinen Konzil bei Strafe der Acht.

Konnte nun ein so selbstherrliches Eingreifen den Katho—
liken völlig genehm sein? Die Proposition wurde einem Aus—
schuß zur Beratung überwiesen. Allein andererseits entsprach
der Inhalt der Proposition im wesentlichen doch den Ansichten
der katholischen Stände, deren Zahl auch im Ausschuß bei
weitem überwog. So milderte der Ausschuß schließlich die
Proposition inhaltlich nur wenig und fand im wesentlichen nur
eine neue Form, wenn er dem Reichstag zum Beschlusse vor—
schlug, alle Stände, die bisher das Wormser Edikt befolgt
hätten, sollten in diesem verharren, die Evangelischen aber
sollten in ihren Gebieten dem römischen Gottesdienst freien Lauf
lassen und sich jeder weiteren Neuerung enthalten, sowie jeden
Eingriff in die Obrigkeit und die kirchlich bedingten finanziellen
Rechte jedes anderen Reichsstandes vermeiden. Diese Formu—

Lamprecht, Deutsche Geschichte V. 2. 26
        <pb n="50" />
        392 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
lierung fügten sich die kaiserlichen Kommissare am 19. April
1529; es war klar, daß der Reichstag mit ihr die Begrenzung
der evangelischen Bewegung auf das bisher errungene Gebiet
annehmen und jeder weiteren Entwicklung der evangelischen
Territorien und Städte zu rein evangelisch charakterisierten
Staaten vorgreifen würde.

Das konnten die evangelischen Obrigkeiten unter keinen
Umständen zulassen; schon hatten sie sich zum Protest ent—
schlossen. Rechtlich wurde dieser Schritt damit begründet, daß
der im Jahre 1526 einmütig beschlossene Abschied von Speier
nicht durch eine bloße Stimmenmehrheit aufgehoben werden
könne, nachdem er einmal gültig und Praxis geworden —
anderenfalls sei es leicht, jede früher einmal geschaffene Ein—
richtung des Reiches durch zufällige Stimmenmehrheit zu be—
seitigen. Tiefer in das Wesen des Gegensatzes führte eine
andere Motivierung, wonach es sich in religiösen Dingen um
Fragen des Gewissens handle, in denen Mehrheitsbeschlüsse ebenso—
wenig bindend sein könnten, als äußere Gewalt. Positiv aber
zogen die Evangelischen sich auf den Abschied des Jahres 1826
zurück: dem wollten sie nachleben.

Aber nur wenige Fürsten überreichten am 19. April eine
diese Anschauungen entsprechende formelle Protestation, die dann
später in die Form einer Appellation an den Kaiser und an
ein freies gemeines Konzilium oder eine deutsche Nationalver—
sammlung gebracht ward, nämlich Kurfürst Johann von Sachsen,
Landgraf Philipp von Hessen, Markgraf Georg von Branden—
burg, Fürst Wolfgang von Anhalt und, durch Bevollmächtigten,
die Herzöge Ernst und Franz von Lüneburg. Die evangelischen
Städte dagegen, durch katholische Einwirkung teilweise einge—
schüchtert, teilten sich zum erstenmal bei dieser Gelegenheit; schließ—
lich traten am 24. April 14 Städte bei, darunter Straßburg,
Nürnberg, Ulm und Konstanz. Und inzwischen war am 22. April
schon ein geheimes Bündnis zum Schutze des göttlichen Wortes
zwischen Kursachsen, Hessen, Straßburg, Nürnberg und Ulm
geschlossen worden.

Die Protestation von Speier bedeutet die politische Ver—
        <pb n="51" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 393
selbständigung der evangelischen Bewegung. Evangelische Fürsten
und Städte hatten sich fest zusammengefunden zur Verteidigung
ihres Glaubens auch gegen das Reich. Zwar war das in der
Form geschehen, daß man eben an einem alten Reichstagsbeschluß
festhielt und somit Stellung nahm auf dem Boden dar Reichs⸗
verfassung. Allein es war im Grunde mit einer Motivierung
geschehen, die den religiösen Individualismus höher stellte als
die auf diesen nicht zugeschnittenen alten verfassungsmäßigen
Formen: gegen die alte Macht der Verfassung waren kühn die
unzerstörbaren Kräfte der neuen geistigen Bewegung ins Feld
geführt.

Das war geschehen zu einer Zeit, da die Macht des Kaisers,
des höchsten Vertreters schließlich der alten Entwicklung, be—
drohlich anschwoll. Ihr entgegenzutreten, bedurfte es jetzt der
schroffsten Centralisation aller evangelischen Kräfte. Es war
eine Notwendigkeit, die Philipp von Hessen, der politische Kopf
unter den Protestanten, alsbald begriff. Aber ihr stellten sich
eigenartige Schwierigkeiten, eben aus der Entwicklung der
evangelischen Lehre her, entgegen.

Wir wissen, wie in der Schweiz aus humanistischem Boden
die Reformation Zwinglis emporgeblüht war, wie sie in den
Jahren 1524 25 auch oberdeutsche Städte, wie Lindau, Konstanz,
Straßburg, Reutlingen, Memmingen, Ulm und Augsburg er⸗
griffen hatte!. Und mit den religiösen hatten sich bald politische
Tendenzen gemischt: nicht erst jetzt sahen die oberdeutschen
Städte nach der Schweiz herüber als einem Horte politischer
Freiheit. Und Zwingli war weit davon entfernt, den politischen
Gesichtspunkt auszuschließen; selbst ebenso sehr Politiker wie
Theologe glaubte er mit seinen Landsleuten an den Beruf der
Eidgenossen, in Mitteleuropa die Fürstenknechtschaft zu stürzen,
und betrieb, namentlich seit 1527, den politischen Anschluß der
oberdeutschen Städte an Zürich und die evangelische Schweiz.
Es war eine Bewegung, die, anfangs noch gegengewogen
durch den Einspruch der römisch gebliebenen Kantone und deren

S. oben S. 310f.
        <pb n="52" />
        394 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Verbindung mit dem Hause sterreich, von dem Augenblick an
übermächtig ward, da die evangelischen Schweizer in einem
kurzen Feldzuge des Jahres 1529 ihre Gleichberechtigung neben
der alten Religion namentlich der Urkantone erstritten hatten.

Unter diesen Umständen konnte eine enge Verbindung der
deutsch-⸗evangelischen Mächte niemals die evangelischen Eid—
genossen ausschließen. Philipp von Hessen hat nach dem
Reichstage des Jahres 1529 diese Notwendigkeit auch keinen
Augenblick verkannt.

Aber welche Schwierigkeiten standen dem entgegen! Schon
früh hatte Luther die humanistische Abkunft der schweizerischen
Kirche erkannt; bereits im Jahre 1524 hatte er in seiner
Abendmahlslehre klar den dogmatischen Exponenten gleichsam der
abweichenden Anschauungen aufgestellti. Seitdem hatte gegen—
seitiger Verkehr die Gegensätze nicht gelindert, sondern ver—
schärft; zu den sachlichen Streitpunkten hatte die maßlose
Sprache Luthers persönliche Erbitterung gefügt; war Luther
in dem Sermon vom Sakrament des Leibes und Blutes Christi
wider die Schwarmgeister (1526) schon mehr als nachdrücklich
gewesen, so trat er wild und herausfordernd auf in dem Trak—
tate des Jahres 1527: „Daß die Worte: Dies ist mein Leib ꝛc.
noch feststehen.“

Landgraf Philipp überredete sich, an diese unversöhnlichen
Gegensätze nicht zu glauben; er versuchte, das politische Not—
wendige trotz allem zu erzwingen; er lud die Reformatoren
der Schweiz wie Sachsens zum Oktober 1529 nach Marburg
ein zu einem Religionsgespräch, das den dogmatischen Frieden
als Grundlage politischer Verständigung bringen sollte.

Zwingli nahm freudig an; mit Hedio, Okolampad und
Jakob Sturm, mit oberdeutschen Humanisten und Theologen
erschien er in Hessen. Luther kam mißmutig, mit ihm einige
Oberdeutsche und die Wittenberger, vor allem Melanchthon.
Die Erörterungen fanden in den Tagen des 2. — 4. Oktober
statt; sie verliefen in den Formen höflichen Anstands. Aber

1 S. oben S. 312f.
        <pb n="53" />
        Lirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 395
sie überbrückten die Gegensätze nicht; was man erreichte, war
nur die in 15 Artikeln von Luther zusammengefaßte Anerkennung
des vielen Gemeinsamen neben der trennenden Grundanschauung,
und auch dies magere Ergebnis ward nur dem Entgegenkommen
Zwinglis verdankt. Im übrigen ging man jetzt, wie bei
späteren Versuchen der Verständigung zu Schwabach und
Schmalkalden, unversöhnt auseinander; Luther schied mit dem
wiederholt ausgesprochenen Gedanken: „Ihr habt einen andern
Geist als wir.“

Was sollte nun geschehen? Philipp hielt fest an seinem
Plane eines großen evangelischen Bundes. Das trieb ihn in
Konsequenz der bisher befolgten Politik auf seiten der Schweizer.
Daneben suchte er, und teilweis mit ihm die Eidgenossen, inter⸗
nationale Hilfe bei Frankreich und Geldern, bei Venedig und
Dänemark. Aber war der Zeitpunkt günstig, da Frankreich
durch den Cambrayer Frieden gebunden war, da Italien der
Autorität des Kaisers huldigte? Von Dänemark kamen schließ⸗
lich ein paar hundert Reiter. Konnten sie die Zurückhaltung
der schroff Lutherischen, vor allem des sächsischen Kurfürsten
ersetzen?

Und schon nahte von Süden her der Kaiser siegreich den
deutschen Grenzen.

Karl V. ging im April und Mai 15330 nach neunjähriger
Abwesenheit von Deutschland über die Alpen. Der päpstliche
Nuntius Campeggi riet ihm das schroffste Auftreten gegen die
Protestanten an; er sprach von der Einführung der Inquisition
in Deutschland nach spanischem Muster.

Karl war nicht so entschiedenen Sinnes. Er kannte trotz
seiner damals günstigen Lage die Schwächen seiner universalen
Stellung. Er war finanziell erschöpft. Er wußte, daß Papst
Clemens VII. trotz aller augenblicklichen Freundschaft nur unter
den größesten Schwierigkeiten in die Berufung eines allgemeinen
Konzils willigen werde: nur durch ein Konzil aber meinte er
        <pb n="54" />
        396 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
die deutsche Frage lösen zu können. Das alles machte ihn
überlegt. Außerdem aber entsprach schroffes Dreinhauen nicht
seinem Charakter. Er hatte einen Zug vornehmen Abwartens,
der von den Evangelischen nur zu gern als Vorurteilslosigkeit
der Stellungnahme verstanden ward; noch im Jahre 1532 hat
Luther bemerkt, der Kaiser sei wohl fromm, nur Bischöfe und
Kardinäle seien Schälke.

So berief Karl seinen zweiten deutschen Reichstag nach
Augsburg im verbindlichsten Tone: er wolle alle eines
jeglichen Gutbedünken, Opinion und Meinung zwischen uns
selbst in Liebe und Gütlichkeit hören, verstehen und erwägen,
die zu einer einigen christlichen Wahrheit bringen und ver—
gleichen, alles, so zu beiden Teilen nicht recht ist ausgelegt
oder verhandelt, abthun'. Er habe sich in dieser Hinsicht mit
dem Papste verständigt; auch dieser wünsche, die deutschen
Dinge zu gutem Frieden und einmütigem Verstand und Wesen
zu bringen'.

Der Reichstag trat nach langer, vom Kaiser veranlaßter
Verzögerung am 20. Juni zusammen. In den der Eröffnung
vorhergehenden wie folgenden Verhandlungen privater und
öffentlicher Natur nahm die religiöse Frage alsbald den Vorder—
—0
Türkennot aufs stärkste hervorgehoben, ja fast den Ton der
Einberufung einer kirchlichen Nationalversammlung angeschlagen.
Der Aufforderung des Kaisers entsprechend reichten die evange—
lischen Fürsten der Speierer Protestation, dazu die Reichsstädte
Nuürnberg und Reutlingen, früh Artikel ihrer Opinion und
Meinung' ein; der Kaiser nahm sie am 25. Juni entgegen;
es sind die Artikel des Augsburgischen Bekenntnisses. Abgefaßt
hatte sie im wesentlichen Melanchthon; Luther, den Kurfürst
Johann verhindert worden war mit auf den Reichstag zu
bringen, hatte sie nur gebilligt. Er fand in ihnen freilich
nicht den lebendigen Zug des eigenen Geistes, doch meinte er,
es schicke sich für ihn nicht, daran zu ändern: 'denn ich so
sanft und leise nicht treten kann. In Wahrheit waren die
Artikel nicht bloß mit diplomatisierender Angstlichkeit abgefaßt,
        <pb n="55" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 397
sondern näherten sich auch so viel wie möglich den Lehren der
alten Kirche.

Melanchthon freilich glaubte, damit einen besonders glück—
lichen Schritt gethan zu haben. Und mehr noch. Auch nach
einer andern Seite hatten seine Auftraggeber und er geglaubt,
den Katholischen entgegenkommen zu müssen. Mit besonderer
Freude hatte man auf altkirchlicher Seite den steigenden Zwist
zwischen Luther und Zwingli verfolgt; seit dem Speierer
Reichsabschied des Jahres 1529 schon hatte man ihn zum
vollen äußeren Bruch zu gestalten gesucht, indem man diesem
Abschied nur für die Lutherischen Gültigkeit zuschrieb. Jetzt
kamen die Lutherischen diesen Bestrebungen entgegen, indem sfie
ihrem Bekenntnis eine Formulierung gaben, die deutlich den
Gegensatz zu Zwingli zeigte, und indem sie die Zwingli zu—
neigenden oberdeutschen Städte der Protestation von 1529 in
die Lage versetzten, mit ihrem Bekenntnis einseitig vorgehen zu
müssen. In aller Hast hatten diese, nachdem sie zur Konfession
Melanchthons kein Verhältnis gewonnen hatten, zur Aus—
arbeitung einer besonderen Schrift zu schreiten, die am 11. Juli
als die Confessio Teétrapolitana der Städte Straßburg, Kon⸗
stanz, Lindau und Memmingen eingereicht ward.

Und inzwischen war Melanchthon weitergegangen. Der
Glanz des kaiserlichen Hofes blendete ihn, der Verkehr mit
Juan de Quintana, dem Beichtvater Karls, und Campeggi,
dem päpstlichen Legaten, lähmte seine an sich nicht bedeutende
Entschlußkraft; eine servile Ader, die sich auch im Verkehr mit
Luther gelegentlich nicht verkennen läßt, trat erschreckend hervor.
Es kam dahin, daß Melanchthon nach Rom Vermittlungs⸗
oorschläge im Sinne des späteren Interims einreichte; ihre
Verwirklichung würde vom Kern des neuen Glaubens wenig
übrig gelassen haben. Und er mußte erleben, daß man dieses
Opfer von seiten der katholischen Stände, die sich durch die
Gegenwart des Kaisers sehr gestärkt fühlten, als selbstverständlich
aufnahm, daß die Kurie es gar als noch keineswegs ausreichend
abwies: ihr schien die Zeit, da der Protestantismus vernichtet
werden könne, nicht mehr ferne.
        <pb n="56" />
        398 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Unter diesen Vorgängen und Eindrücken hörte der Kaiser
am 3. August die Widerlegung (Confutatio) der Konfession,
wie sie Eck, Faber, Cochläus und andere katholische Theologen
im Auftrage der katholischen Stände ausgearbeitet hatten; und
so sehr er dafür gesorgt hatte, daß die Fassung der Confutatio
nicht zu unwürdigem Schimpfen entartete, so fest und feierlich
erklärte er andererseits, mit ihr sei das evangelische Bekenntnis
thatsächlich widerlegt; es könne sich nur noch um Unterwerfung
der Ketzer handeln, oder er werde seines Amts als allgemeiner
Kirchenvogt walten.

Unglaublich: trotz alledem trat Melanchthon in neue
kommissarische Verhandlungen mit den Gegnern ein, um noch⸗
mals eine Vereinigung zu versuchen.

Aber schon stand er fast völlig allein da. Luther hatte
seine Reise zum Augsburger Reichstag in Koburg unterbrechen
müssen; dort blieb er auf der Veste, gespannt der Nachrichten
aus Augsburg harrend. Es sind Tage, die noch einmal die
alte Größe des Reformators enthüllen; die Nähe tödlicher
Gefahr hob ihn von neuem ins Heroische. Trotz aller Angst
der Erwartung verlor er seinen Humor nicht; er schrieb an
seinen Kurfürsten in Augsburg launige Briefe; von Koburg
stammt auch das kindlich-selige Schreiben an sein Söhnlein
Hänsichen sowie der köstliche Sendbrief an seine Wittenberger
Freunde, in dem er eine Gesellschaft vor ihm auf- und ab—
krächzender Krähen mit einem Reichstag seiner Gegner ver—
gleicht. Daneben arbeitete er kräftig; in Koburg ist neben
anderen Schriften das äußerst lebendige, gelegentlich geradezu
humoristisch gehaltene Buch von der Schlüsselgewalt entstanden.

Als aber die ersten bösen Nachrichten aus Augsburg
kamen, als er Melanchthon schwach werden sah, da wallte in
ihm das Heldenblut auf, und er schrieb ihm Ermahnungen,
die zu dem Gewaltigsten gehören, das deutsche Männer gesagt
haben!. „Ich hasse von Herzen die großen Sorgen, von denen

Briefe vom 27., 29., 80. Juni 1530. Vgl. die Übersetzung von
Rade, Luthers Werke für das christl. Haus, Bd. 8, 418f.
        <pb n="57" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 399
Du verzehrt wirst. Sie beherrschen Dein Herz nicht wegen der
Größe der Gefahr, sondern wegen der Größe unseres Un—
glaubens ... Und laß die Gefahr groß sein, so ist Der viel
größer, der die Sache begonnen hat: sein ist sie, nicht unser ...
Als ob Ihr mit Euren thörichten Sorgen etwas schaffen könntet!
Was mehr kann der Teufel thun, als daß er uns würge?
Was noch? ... Aber die Wahrheit, meinst Du, wird in
Gottes Zorn untergehn! So laß uns mit ihr verderben, und
nicht durch eigne Schuld! ... An Deinem Briefe mißfällt
mir, daß Du schreibst, Ihr wäret in dieser Sache meiner
Führung gefolgt. Ich will Euer Führer hier weder sein noch
heißen ... Du zerquälst Dich, weil Du Ausgang und Ende
nicht mit Händen greifen kannft. Ja, könntest Du's begreifen,
ich wollte mit alledem nichts zu thun haben, oder gar Führer'
sein. Gott hat es an einen Ort gestellt, den Du trotz all
Deiner Kunst und Weisheit nicht kennst: er heißt Glaube' ...
Denn der Herr hat gesagt, er wolle im Dunkeln wohnen, und
Finsternis hat er zu seinem Gezelt gemacht ... Ich bete
für Dich, habe für Dich gebetet, werde für Dich beten. Und
ich zweifle nicht daran, daß ich erhört bin. Denn ich fühle
das Amen in meinem Herzen. Geschieht nicht, was wir wollen,
so wird geschehen, was besser ist. Denn wir erwarten ein
künftig Reich, wenn alles getrogen haben wird in dieser Welt.“

Sollten solche Worte nicht auch Melanchthon gehoben
haben? Auf andere verfehlten sie ihre Wirkung nicht. Die
evangelischen Theologen und Fürsten billigten je länger, je
weniger Melanchthons Art. Der Landgraf von Hessen verließ
am 6. August den Reichstag ohne kaiserlichen Urlaub. Es
war ein Schritt, der außerordentliches Aufsehen machte. Und
man wußte, daß auch der Kurfürst von Sachfen standhaft war
und entschlossen.

Melanchthons Vermittlungssucht scheiterte; der Kaiser,
der nochmals vergebens versucht hatte, die Kurie für den Ge—
danken eines Konzils zu gewinnen, konnte nicht umhin, am
22. September 1530 mit dem Entwurf eines schroffen, und
die Entscheidung dennoch wieder hinausschiebenden Reichstags⸗
        <pb n="58" />
        400 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
abschieds hervorzutreten. Nach ihm sollte den nunmehr gründ—
lichst widerlegten Protestanten nochmals Bedenkzeit bis zum
15. April 1531 gewährt werden, ob sie sich bis zu einem ge—
meinen Konzil hinsichtlich der Punkte, in denen zwischen ihnen
und den Katholiken noch keine Einheit hergestellt worden sei,
fügen wollten oder nicht; indes wurde diese besondere gnädige
Fristerstreckung an die Bedingung gebunden, daß sie sich bis zu
diesem Termin ruhig verhielten, die Kirche nicht störten und
Kaiser und Reich wider Schwarmgeister und zwinglische Re—
formierte beistünden.

Die Annahme dieses Beschlusses hätte die Vernichtung des
Protestantismus bedeutet. Darum legten die evangelischen
Fürsten unter Eingabe einer Apologie ihres Bekenntnisses gegen
die kaiserliche Proposition Verwahrung ein, und ihnen schloß
sich nach kurzem Bedenken eine größere Anzahl oberdeutscher
Städte an, darunter die Stadt des Reichstags, Augsburg.

Karl konnte, wollte er sich nicht selbst untreu werden, den
Vorgang nur mit gleich entschiedenem Auftreten beantworten.
Er veranlaßte einen Reichstagsabschied vom 19. November 1530,
der das Wormser Edikt erneuert und dessen energische Hand—
habung anbefiehlt, der die geistliche Gerichtsbarkeit und den
geistlichen Besitz allenthalben wiederherstellt, und der das Reichs—
kammergericht ausdrücklich anweist, die Durchführung dieser
Beschlüsse zu überwachen. Damit war die Stellung aller großen
Gewalten im Reich zur Reformation nunmehr grundsätzlich und
zweifellos entschieden: der Protestation des Jahres 1529 gegen—
über den altgläubigen Ständen war die Protestation des Jahres
1530 gegenüber dem Kaiser gefolgt: vereint standen Kaiser
und katholische Stände gegen das Evangelium Luthers.

IV.
Nach dem Reichstag von Augsburg hätte man eine all—⸗
gemeine Verfolgung der Protestanten bis zur Unterdrückung
erwarten sollen. Beinahe das Gegenteil trat ein. Mehr wie
andere Reichsschlüsse hatte der Augsburger Abschied den
        <pb n="59" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 401
Protestantismus verdammt; mehr wie andere ermangelte er
auch bei der eigenartigen Lage des Kaisers, der nunmehr in
Wirksamkeit getreten war, der Ausführung.

Konnte der Kaiser als Führer der protestantenfeindlichen
Bewegung auf die getreue Hilfe der kaiserlichen Reichsstände
hoffen? Fast nur Georg von Sachsen, dieser ehrliche, aber bei
seinen katholischen Reformbestrebungen etwas unbequeme Gegner
der Reformation, war als sicherer Bundesgenosse zu betrachten,
daneben wohl noch Kurfürst Joachim von Brandenburg und
allenfalls Herzog Heinrich von Braunschweig. Aber sie regierten
in Mitteldeutschland und im Nordosten; auf süddeutsche und
vestdeutsche Hilfe vor allem kam es an.

Karl versuchte hier zunächst die habsburgische Macht
selbst zu befestigen, indem er die vollste Interessengemeinschaft
mit seinem Bruder Ferdinand herstellte. Nachdem er ihn auch
förmlich und öffentlich in die selbsteigene Herrschaft der süd—
deutsch-habsburgischen Länder eingesetzt hatte, vermochte er die
Kurfürsten, mit Ausnahme Johanns von Sachsen, ihn am
5. Januar 1531 in Köln zum römischen König zu wählen: es
var ein, wenn auch nicht in jeder Hinsicht runder Erfolg.
Jedenfalls war damit etwa künftig erneuten Versuchen der
Fursten, das Reichsregiment in Abwesenheit des Kaisers wieder⸗
herzustellen, ein starker Riegel vorgeschoben; nun herrschte der
König an Kaisers Statt; die föderalistischen Ideen, an sich durch
die religiöse Bewegung längst in den Hintergrund gedrängt,
erschienen nun völlig beseitigt.

Indes mit diesem Erfolge entfremdete sich Karl zugleich
die wichtigste katholische Macht des Südens, die bayrischen
Wittelsbacher: sie hatten ihrerseits auf die Königswürde ge—
jofft; waren sie schon Ferdinand in Böhmen entgegengetreten,
so blieb, soweit bisher unsere Kenntnis reicht, von jetzt ab auf
lange ihre Grundhaltung Osterreich feindlich; mit allen habs—
hurgischen Gegnern, mit Zapolya vornehmlich, knüpften sie an.
Konnte demgegenüber der Westen dem Kaiser Ersatz bieten?
Vor allem von den drei geistlichen —DD—
muten sollen, daß sie gegen die Ketzer helfen würden. Aber
        <pb n="60" />
        402 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
die waren längst gewohnt, auf Frankreich und allenfalls noch
auf den Papst zu schauen, jene großen, Karl in tiefster Seele
abgeneigten Mächte; eben in der Haltung der Erzbischöfe ver⸗
quickte sich die internationale mit der deutschen Politik.

König Franz war nach dem Damenfrieden von Cambray
gegenüber Karl frei geworden von dem Augenblick an, da er
im Sommer 1530 nach endlosen und peinlichen Verhandlungen
seine Söhne aus spanischem Gewahrsam zurückerhalten hatte.
Zwar hielt er sich äußerlich freundlich; aber schon sprach man
am französischen Hofe von geheimen Hoffnungen auf die erneute
Eroberung Mailands, schon wühlten die französischen Gesandten
von neuem in Deutschland, und offene Verbindungen wurden
mit dem Hauptfeind des habsburgischen Donaureichs, dem
Türken, angeknüpft. So war die Stellung beider Herrscher ge—
spannt und blieb es jahrelang bis zum erneuten Ausbruch des
Krieges im Jahre 1536, den Karl schließlich nach langem
Zaudern gegenüber der steigenden Einmischung Frankreichs in
Italien und Deutschland nicht umhin konnte zu führen.

Nun waren aber fast während dieser ganzen Zeit die Be—
ziehungen zwischen Frankreich und der Kurie die allerengsten.
Beide Mächte fanden sich, wenn auch aus sehr verschiedenen
Gründen, zusammen in dem Abscheu vor einem gemeinen Konzil,
wie Karl es zur religiösen Beruhigung Deutschlands nicht
müde ward zu verlangen; zudem litt Clemens VII. in seinen
territorialen Hausbestrebungen unter der zweifellosen Übermacht
der kaiserlichen Gewalt in Italien, wogegen er Hilfe nur von
Frankreich erwarten konnte.

Und in diese eng verknotete Opposition Frankreichs und des
Papstes spielten nun alle sonst bedeutenden Elemente der euro—
päischen Politik in einer dem Kaiser ungünstigen Weise hinein;
die trüben Ehehändel Heinrichs von England, die den lüsternen
König auf lange Zeit von den kanonischen Entscheiden des
Papstes abhängig machten, das ungarische Gegenkönigtum des
siebenbürgischen Wojwoden Zapolya, der alsbald mit Frankreich
verhandelte, vor allem die nimmer müde Feindschaft der
Türken, deren Angriffe sich zur stillen und lauten Freude König
        <pb n="61" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 4038
Franzens gegen Ungarn und gegen sterreich, gegen Sizilien
und Spanien, gegen alle Süd- und Ostgrenzen der habsburgischen
Herrschaft ergossen.

So lastete auf Karl eine Konstellation, deren Druck sehr
wenig zu dem Pompe und der äußeren Sicherheit paßte,
womit der Kaiser seine universale Würde zu betonen pflegte.
Es war klar: trotz zweimaligen Sieges über König Franz
hatte Karl für den Augenblick doch seine Partie im inter—
nationalen Ringen nach kaiserlicher Allgewalt verloren, ver—
loren nicht infolge unglücklicher Zwischenfälle, sondern des—
halb, weil seine Auffassung der kaiserlichen Stellung nicht
mehr zeitgemäß war. Die christlichen Staaten Westeuropas
wollten keine Universalgewalt mehr, die deutschen Protestanten
keine allgemeine Vogtei der Kirche. Wie hätte der Kaiser da
gegen den Protestantismus vorgehen sollen? Eben jetzt kamen
Jahre ständigen Fortschritts in der neuen religiösen und kirch—
lichen Bewegung; und unter fortwährendem Zurückweichen des
Kaisers und der katholischen Stände entfaltete sich der Protestantis⸗
mus zu deutscher, zu internationaler politischer Macht.

Auf heimischem Boden standen dem Protestantismus zwei
Hindernisse vollkommener Einigung zu einem politischen Körper
entgegen: die Lehre Luthers vom bindenden Gehorsam, soweit sie
auch die Fürsten dem Kaiser widerstandlos unterwarf, und die
dogmatischen und sonstigen Differenzen zwischen den Schweizern
und Oberdeutschen einerseits und den Lutherischen Mittel—
und Niederdeutschlands andrerseits. Beide mußten beseitigt
werden, sollte eine Einheit von politischem Gewichte zu stande
fkommen.
In beiden Richtungen war mit Ausgang des Augsburger
Reichstages schon Wesentliches erreicht. Luther kam namentlich
seit der Billigung der Konfutation durch den Kaiser langsam
von der Meinung zurück, daß die religiösen Fragen, soweit sie
sich zwischen Ständen und Kaiser abspielten, gemäß den An—
forderungen obrigkeitlicher Unterwerfung zu behandeln seien; er
hoffte nichts mehr von dem frommen Kaiser; und die Juristen
        <pb n="62" />
        404 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
seiner Umgebung wußten bald eine Lehre aufzustellen, wonach
der Widerstand der Reichsstände gegen den Kaiser trotz der
Theorie vom bindenden Gehorsam erlaubt schien. Und gleich—
zeitig verhandelte mit Luther der kluge und diplomatisch wind—
same Straßburger Reformator Martin Bucer unter Beihilfe
des Straßburger Staatsmanns Jacob Sturm über eine dog—
matische Aussöhnung, wenn nicht zwischen Schweizerischen und
Lutherischen, so doch zwischen Oberdeutschen und Mittel- und
Niederdeutschen, und es gelang ihm, Formeln zu finden, die den
Gegensatz wenn nicht überbrückten, so doch verhüllten.

Damit war die Möglichkeit einer Einigung des Protestantis⸗
mus wenigstens innerhalb der engeren Reichsgrenzen gegeben.
Noch im Jahre 1530 kam darauf, in Verhandlungen der Tage
vom 22. bis zum 31. Dezember zu Schmalkalden, ein evangeli—
scher Verteidigungsbund zu stande, der sich gegebenenfalls auch
gegen den Kaiser wandte; ihm gehörten zunächst Kursachsen,
Hessen, Luneburg, Anhalt, die Grafen von Mansfeld sowie die
Städte Magdeburg und Bremen an. Aber bald darauf folgten,
wenn auch zögernd, neben einigen anderen Fürsten in dem
ersten völlig formellen Abschluß des Bündnisses vom 27. Februar
1531 auch Straßburg, Ulm, Konstanz, Reutlingen, Memmingen,
Lindau, Biberach und Isny; nur der Markgraf Georg von
Brandenburg, Nürnberg und einige kleinere fränkische Städte
blieben der Vereinigung noch fern.

Nun fehlten freilich noch die Schweizer, eine um so be—
denklichere Lücke, als die Zwinglische Reformation eben jetzt in
den oberdeutschen Städten, so besonders in Augsburg, reißende
Fortschritte zu machen begann. Und Zwingli selbst, früher
zum Entgegenkommen gegenüber Luther so bereit, betonte jetzt
aufs schärfste den Gegensatz; gerade bei dieser Haltung erhoffte
er den Sieg seiner Sache in Süddeutschland. Allein in dem
Augenblick, da er sich dem Ziel seiner Wünsche näher glauben
konnte als je, zeigte sich seine Macht in der Schweiz selbst
untergraben. In Zürich hatte er längst eine wachsende Zahl
von Feinden; die große politische Einheit der Eidgenossen, die
er fast im Sinne der heutigen schweizerischen Verfassung plante,
        <pb n="63" />
        LKirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 405
scheiterte an dem fortwährenden Widerstreit zwischen Zürich und
Bern; und noch waren die vier Waldstätten und Zug katholisch.
In dieser Lage führte die zu weit getriebene äußere Bedrängung
der katholischen Kantone — man haͤtte, übrigens gegen den
Willen Zwinglis, am 15. Mai 1531 gegen sie geradezu eine
Lebensmittelsperre eingeführt — zur Katastrophe. Die Fünf—
orte wehrten sich ihrer Haut; sie zogen gegen die Züricher und
schlugen sie bei Kappel am 11., beim Zuger Berge am 24. Oktober.
Schlimmer war, daß Zwingli als Feldprediger bei Kappel fiel.
Heldenhaft war er mit ausgezogen, schwerverwundet weigerte
er sich, zu beichten, da stieß ihn ein feindlicher Söldnerführer
nieder. Sein Leichnam ward von den Katholiken gevierteilt
und verbrannt. Mit Zwingli war die führende Gewalt unter
den evangelischen Schweizern geschwunden; es konnte zunächst
scheinen, als ob die Funforte nunmehr das Evangelium in der
Schweiz mit Hilfe des Hauses Habsburg ausrotten würden.
Indes hierzu reichte ihre eigene Kraft nicht aus, und der Kaiser
versagte trotz aller Bitten seines Bruders Ferdinand ihnen
machtlos, wie er war, die Hilfe. So kam es am 20. November
1531 zu Kappel zu einem Frieden, der im wesentlichen die
Parität beider Bekenntnisse bestehen ließ. Freilich, von der
alten Bedeutung der zwinglischen Reformation war nicht mehr
die Rede; ja es stellte sich in der deutschen Schweiz bald eine
katholische Reaktion ein. Erst einige Jahre später sollte in
Genf, durch Calvin, diejenige schweizerische Reformation be—
gründet werden, die zu weltgeschichtlicher Bedeutung erblüht ist.

Für die Sache der deutschen Protestanten aber, wie sie
jetzt im Schmalkaldener Bunde geeint waren, bedeutete die mit
dem Tode Zwinglis eintretende Abschwächung der konfessionellen
Gegensätze unzweifelhaft einen Gewinn: jetzt mochte es gelingen,
unter rückhaltlosester Teilnahme der bisher noch schwankenden
Oberdeutschen den Bund zur vollkommnen Vertretung aller
evangelischen Interessen zu entwickeln. In der That beantragte
jetzt Straßburg eine neue Tagung zur festeren Gestaltung des
Bundes, der mittlerweile in zahlreichen Versammlungen sich
immerhin schon gekräftigt und u. a. Frankfurt, Lübeck, Braun—
        <pb n="64" />
        406 — Funfzehmtes Buch. Drittes Kapitel.
schweig und Göttingen aufgenommen hatte; und bereits am
19.-27. Dezember 1531 trat man zu Frankfurt zusammen.
Hier wurden dann die Grundlagen einer Organisation verab—
redet, deren formeller Abschluß im April 1882 zu Schweinfurt
erreicht ward. Nach ihnen wurde ein festes Stimmenverhältnis
der einzelnen Bundesmitglieder hergestellt; es wurde ferner eine
nicht allzu schwerfällige Kriegsverfassung geschaffen, deren eilende
Hilfe auf 2000 Mann zu Roß und 10000 Mann zu Fuß und
deren zweimonatlicher Sold auf 140000 Gulden veranschlagt
ward; an ihrer Spitze sollten Hessen und Kursachsen in
gewisser Verteilung der Rechte des kriegerischen Oberbefehls
und der im Frieden regierenden Hauptmannschaft stehen.

Damit war eine politische Vertretung des Protestantismus
im Reiche geschaffen, der die katholischen Stände einstweilen
Gleichwertiges nicht entgegenzustellen hatten. Und auch dem
Kaiser war der so erweiterte Bund gewachsen, um so mehr, als
er alsbald als hauptsächlichstes Bollwerk gegen das Haus Habs—
burg überhaupt galt und von dieser Seite her intime Be—
ziehungen zu den Herzögen von Bayern anknüpfen konnte, wie
er auch mit Erfolg auswärtige Verbindungen mit Frankreich
und England einging.

Im übrigen aber führte Organisation und Bestand des
Bundes für die innere deutsche Entwicklung selbst bald zu
wichtigen Verschiebungen der sozialen und politischen Gegen—
sätze. Die oberdeutschen Städte, des schweizer Haltes nunmehr
auf religiösem wie politischem Gebiete bar, unterlagen all—
mählich dem fürstlichen Einfluß; nicht anders erging es den
norddeutschen Städten, die dem Bunde beitraten. Es ist wohl
zu verstehen, wenn sich unter den großen süddeutschen Städten
eben die mächtigste, Nürnberg, den Schmalkaldnern fernhielt:
die alte, den Fürsten einst ebenmäßige Stellung der Städte
wurde, soweit sie noch bestand, durch den Bund für den Norden
wie den Süden mächtig angegriffen und in vieler Hinsicht
beseitigt. Waren die Anfänge der Reformation wohl gleich—
mäßig getragen gewesen von den Sympathien der städtischen
Bürgerschaften und der Teilnahme frommer Fürsten, hatten
        <pb n="65" />
        Rirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 407
noch um 1526 Fürsten und Städte gleichmäßig die neue Kirchen—
verfassung zu obrigkeitlichem Vorteil zu entwickeln gesucht, so
traten nunmehr, in der politischen Verteidigung des neuen
Glaubens, die Städte in den Schatten der führenden fürstlichen
Personen, traten überhaupt zurück vor der wachsenden Be—
deutung der Länder. So wurde der Schmalkaldische Bund
zu einer der wichtigsten Triebkräfte wachsender Fürstenmacht;
in dieser Richtung vor allem hat die Niederlage der schweize—
rischen Reformation im Reiche politisch gewirkt.

Der Kaiser hatte inzwischen, an sich unsicher und noch dazu
durch drohende Türkengefahr bedrängt, mit den Protestanten
zu verhandeln gesucht und ihnen nach längeren Vermittelungs⸗
bemühungen am 8. Juli 1581 zugesagt, daß die Prozesse, die
das Reichskammergericht auf Grund des Augsburger Reichs—
tagsabschieds gegen sie eingeleitet hatte, zunächst bis zu einem
weiteren Reichstag eingestellt werden sollten. Es war die vor—
läufige Aufhebung des wesentlichsten Teiles der Augsburger
Beschlüsse.

Und nun sah man dem nächsten Reichstage entgegen. Der
Kaiser wünschte hier vor allem eine stattliche Unterstützung gegen
die Türken zu erreichen. Allein der Schmalkaldische Bund lehnte
seine Beihilfe ohne weiteres ab, es sei denn der Religionsfriede
zuvor hergestellt. So half es nichts; Karl mußte sich, zumal
ihn der Papst völlig im Stiche ließ, zu Verhandlungen in
dieser Richtung bequemen. Sie begannen am 9. April 1532
zu Schweinfurt. Hier legten zunächst die Schmalkaldner eine
Anzahl von Artikeln vor, deren Annahme den freien Lauf des
Evangeliums durch das Reich verbürgt haben würde. Natür—
lich nahm sie der Kaiser nicht an; nach manchem Feilschen
wurden die Verhandlungen auf den 8. Juni nach Nürnberg
vertagt.

Inzwischen war am 17. April der Reichstag zu Regens⸗
burg zusammengetreten. Alsbald hatte ihm der Kaiser seine
Türkenforderungen vorgelegt; er hatte gehofft, durch einseitige
Bewilligungen der katholischen Stände stark genug zu werden,
um in den Verhandlungen mit den Evangelischen seinen Willen

Lamprecht. Deutsche Geschichte V. 2. 5 27
        <pb n="66" />
        408 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
durchzusetzen. Allein das war ein Irrtum. Die katholischen
Stände waren weit davon entfernt, seine Propositionen ohne
Weiterungen zu bewilligen; sie wünschten, ihre Interessen in die
Verhandlungen mit den Evangelischen einzuführen. In der
That blieb dem Kaiser nichts übrig, als sich ihnen teilweise
unterzuordnen. Unter diesen Einflüssen kam es zum Abschluß
des sog. Nürnberger Religionsfriedens vom 28. Juli 1332.
Sehr natürlich, daß er gegenüber den ursprünglichen Forde—
rungen der Protestanten ein mageres Ergebnis zeigte; Philipp
von Hessen hat ihn erst nach einigen Wochen des Grollens
angenommen. Immerhin aber sicherte er den Protestanten, wenn
auch unter mancherlei formellen Winkelzügen, zu, daß sie im
gemeinen Frieden stehen sollten und daß die vor dem Reichs—
kammergericht gegen sie anhängigen Prozesse eingestellt werden
sollten bis zu einem nächstkünftigen Konzil, oder für den Fall,
daß ein Konzil nicht zu stande käme, bis zu einer anderweitigen
Verständigung zwischen den Ständen.

Es war trotz allem eine neue, wertvolle Fristerstreckung für
den Protestantismus. Der Kaiser aber erhielt jetzt eine kräf⸗
tige Hilfe gegen die Türken und die Protestanten zeigten in
seiner Unterstützung besonderen Eifer, ja wirkliche Begeisterung;
schon im Oktober 1532 waren etwa 80000 Mann bereit, dem
viel kleineren Heere des Sultans Suleiman entgegenzuziehen ˖
Und scheiterte der türkische Angriff im wesentlichen schon an
der tapfern Verteidigung der kleinen westungarischen Feste
Güns, so war doch nicht zu verkennen, daß die beträchtliche
deutsche Rüstung dem Türken Eindruck gemacht hatte.

Der Kaiser aber ging unmittelbar aus Ungarn, ohne auch
nur die Türken zu verjagen, zum großen Erstaunen der Welt
und zur bitteren Enttäuschung König Ferdinands nach JItalien.
Er wollte mit dem Papst über ein gemeines Konzil verhandeln;
es war ihm unzweifelhaft, daß eine Lösung der religiösen Frage
in seinem Sinne in Deutschland bei den im Reiche bestehenden
Machtverhältnissen nur durch Einschiebung einer fremden katholi—
schen Macht noch möglich sei. Allein hier wartete seiner eine
harte Enttäuschung. Clemens VII. verabscheute nach wie vor
        <pb n="67" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 409
den Gedanken eines Konzils, ja den Gedanken einer vertraulichen
Stellungnahme zur kaiserlichen Politik überhaupt. Karl aber
wurde bald mit seiner Thätigkeit in ganz andere Bahnen
gelenkt. Er ging von Italien nach Spanien; er bekämpfte im
Jahre 1585 das Seeräuberwesen des maurischen „Königs von
Algier“, Chaireddin Barbarossa, durch einen glücklichen, wenn
auch nicht konsequent durchgeführten Zug nach Tunis; er ward
im Jahre 1536 in einen neuen Krieg mit Franz J. verstrickt,
der ihn zwei Jahre lang fesselte.

Wie hätte er da den verwickelten deutschen Verhältnissen
eingehende Aufmerksamkeit widmen können? Nur aus sich her—
aus haben diese sich entfaltet, und das bedeutete auch nach
dem Religionsfrieden des Jahres 1532 noch lange Jahre pro—
testantischen Fortschritts.

Fast ungeschwächt hat während der dreißiger Jahre des
16. Jahrhunderts der Schmalkaldner Bund der Ausbreitung
des Protestantismus in Deutschland gelebt. Der Nürnberger
Anstand vom Jahre 1532 lähmte ihn bald nicht mehr; er ging
über dessen Bestimmungen hinaus und festigte sich stärker; im
Jahre 1535 kam es zu einer Erneuerung der 1530 und 1531
geschlossenen Verbindungen auf zehn Jahre, ohne daß die im
Sinne des Nürnberger Friedens begrenzte Zahl der Mitglieder
festgehalten ward, und bald darauf erfolgte eine Anzahl neuer
Beitritte, so von seiten der Städte Augsburg, Frankfurt,
Hamburg, Hannover und Kempten, sowie von seiten der Fürsten
Pommerns, Anhalts und Würtembergs.

Und eben der Beitritt des Herzogs von Würtemberg
zeigte, welche große Fortschritte inzwischen gemacht worden
waren. In Schwaben war das Haus Habsburg seit der Be—
gründung des schwäbischen Bundes mächtig emporgediehen;
seiner Hilfe hatte es im Jahre 1619 den Erwerb Würtembergs
verdankt, seiner Unterstützung im Jahre 1525 die Nieder—
schlagung der Bauernunruhen in einem Teil der vorderöster⸗
reichischen Territorien. Bei dieser Stellung war es selbstver—

97 *
        <pb n="68" />
        410 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
ständlich, daß der schwäbische Bund zugleich für die katholischen
Interessen eintrat; und so mußte sich mit seinem Schicksal zugleich
das Schicksal des Evangeliums in Schwaben zum guten Teile
entscheiden. Nun war der Bund schon in den zwanziger Jahren
durch den Austritt der evangelisch gewordenen Großstädte schwer
geschädigt worden. Im Jahre 15832 verlor er auch fürstliche
Außenglieder, indem die Pfalz, Mainz und Trier ein Bündnis
mit dem protestantischen Hessen eingingen. Um die Wende der
Jahre 1533 und 1534 war der Bund damit so weit zurück—
zgegangen, daß auf einem Tage zu Auasburg seine Auflösung
beschlossen ward.

Unter der Voraussicht dieses schon gegen Ende der zwan—
ziger Jahre drohenden Verfalls mußte es eine der ersten Auf—
gaben des Protestantismus sein, in Schwaben auch politisch
Fuß zu fassen. Landgraf Philipp von Hessen war es, der diese
Notwendigkeit im Gegensatz zu dem schwerfälligen Johann
Friedrich von Sachsen, der seinem am 16. August 1532 ver—
storbenen Vater in der Regierung gefolgt war, klar erkannte
und nach ihr handelte. Er trat in Verbindung mit dem ge—
ichteten Herzog Ulrich, dem alten Peiniger seines Landes, der
jetzt gleichwohl von seinem treuen Volke zurückersehnt ward,
während die Stände sich bei der habsburgischen, „spanischen“
Regierung beruhigt hatten. Er knüpfte mit Frankreich an;
nach langen Vorverhandlungen gelangte er im Januar 1534
zu einer persönlichen Aussprache mit König Franz J. zu Bar⸗
le-duc; Frankreich versprach gegen Verpfändung der Grafschaft
Mömpelgard bedeutende Summen zu einem würtembergischen
Feldzug zu zahlen. Nicht minder wurden der König von Däne—
mark und eine Anzahl deutscher Kurfürsten, darunter auch gut
katholische, welche das verfassungswidrige Einschreiten des
Kaisers in Würtemberg niemals gebilligt hatten, gewonnen.
Im April 1534 brachen darauf Landgraf Philipp und Herzog
Ulrich in Würtemberg ein; das habsburgische Heer stob in
rzinem Treffen bei Laufen am 12. und 13. Mai 1534 mehr
auseinander, als daß es besiegt ward; anfangs Sommer waren
heide Fürsten Herren des Landes. Und schon am 29. Juni
        <pb n="69" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 411
1534 kam es zu Kaden in Böhmen zur endgiltigen Ausein—
andersetzung mit sterreich. Weder der Kaiser noch Ferdinand
besaßen die Macht, dem vollendeten Ereignis entgegenzutreten;
so nahmen sie gern die Vermittlung von Mainz, Kursachsen
und Herzog Georg von Sachsen in Anspruch. Unter ihrem
Betreiben wurde festgestellt, daß Herzog Ulrich das Land
Würtemberg als im Mannesstamme vererbliches Afterlehen
sterreichs, jedoch mit Sitz und Stimme im Reichstage, er—
halten sollte, und daß es dem Herzog frei stehen sollte, im
Lande die Reformation einzuführen. Zugleich erkannte jetzt
Sachsen den Erzherzog Ferdinand als König an, während
dieser dem Religionsfrieden von Nürnberg erneut zustimmte
unter ausdrücklicher Anerkennung der Bestimmung desselben,
daß die rechtliche Verfolgung der Evangelischen durch das
Reichskammergericht aufhören solle.

Nach diesem glücklichen Abschluß begann nun in Würtem—
herg, wo bisher namentlich Johann Brenz das Evangelium
derkündet hatte, eine allgemeine im höchsten Maße gründliche
Reformation, die mehr, als irgend eine andere bisher landes—
herrlichen Charakter trug. Die Kirchengüter wurden zu Gunsten
des Staates eingezogen und vielfach nicht bloß zu kirchlichen,
sondern auch zu staatlichen Zwecken verwendet; das ganze kirch—
liche Leben auch der Einzelperson ward geregelt durch polizeilich-
staatliche Vorschriften. Auf diese Weise entstand im Südwesten,
mitten unter den großen evangelisch gewordenen Städten, nun
auch ein lebenskräftiger territorialer Protestantismus, dessen
Bedeutung um so höher zu schätzen war, als er in seiner Lehre,
wie sie der gemäßigte Zwinglianer Blaurer und der lutherische
Theologe Schnepf festgesetzt hatten, oberdeutsche und lutherische
Elemente vereinigte und somit geeignet war, einen festen Riegel
zegenseitigen Anschlusses für Süddeutsche und Mitteldeutsche
zu bilden.
Und das geschah zu der selben Zeit, da es dem Protestan—
tismus gelang, teils aus eigener Kraft, teils mit Hilfe konser—
vativ-katholischer Elemente der letzten großen Regungen des
evangelischen Radikalismus in Deutschland Herr zu werden:
        <pb n="70" />
        412 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
—ADDD
politische Bestrebungen in Lübeck scheiterten und da in Westfalen
das wiedertäuferische Königtum zu Münster, nicht zum geringsten
durch die Anstrengungen Philipps von Hessen, unterdrückt ward!.
Diese innere Stärkung und äußere Ausdehnung der poli—
tischen Stellung der Evangelischen veranlaßte naturgemäß auch
eine immer weitere Verbreitung ihrer Lehre. In Süddeutsch—
land hing ihr jetzt nicht bloß die Bevölkerung auch der kleineren
Territorien an, selbst in den deutschen Kernlanden Ästerreichs,
ja darüber hinaus, namentlich in Ungarn faßte sie Fuß. König
Ferdinand mußte das Traurige erleben, daß sogar an seinem
Hof sich lutherische Sympathien erhoben, denn namentlich der
Adel war in Österreich der Reformation günstig gesinnt, und
an der Spitze der frei Denkenden und darum Verdächtigen
ttand seine eigene Schwester, die ungarische Königin Maria.
Wie mußte dies alles um so mehr in Norddeutschland
wirken! Hier schien es, als sei der vollkommene Sieg des
Evangeliums nur noch eine Frage kurzer Zeit. Nachdem im
Jahre 1534 Pommern und Anhalt gewonnen worden waren,
wurde seit der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre auch im
Calenbergischen offen zur Reformation übergegangen, und etwa
zleichzeitig trat Heinrich von Sachsen, der Bruder Herzog
Georgs, dieses treuen katholischen Hortes in Mitteldeutschland,
dem Schmalkaldner Bunde zu. Als dann Herzog Georg im
Jahre 1537 seinen älteren Sohn Johann durch den Tod
verlor und nun das Nachfolgerecht an den nachgeborenen
schwachsinnigen Friedrich kam, war auch der Übergang
des Herzogtums Sachsen zum Protestantismus vorauszusehen.
Er erfolgte, freilich nicht unter Führung des mittlerweile
gestorbenen Friedrich, sondern unter dem Regiment von
Beorgs Bruder Heinrich, alsbald, nachdem Georg am 17. April
1539 gestorben war. Damit war Brandenburg jetzt das einzige
größere noch katholische Territorium im Nordosten. Aber auch
hier zog das Evangelium ein. Im Jahre 15385 starb Kurfürst
Joachim, der hartnäckigste Verteidiger der alten Kirche. Von
1 Val. Band IV Buch XIII Kapitel 3 Nr. V und oben S. 357.
        <pb n="71" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 413
seinen Söhnen trat Markgraf Hans von Küstrin schon 1537
zum evangelischen Glauben über, und der älteste Sohn, Kur—
fürst Joachim II., schwankte zwar noch lange, war aber in
seinen katholischen Gesinnungen innerlich wohl schon seit den An—
fängen seiner Regierung erschüttert. Als er dann am 1. November
1539 die Reformation, wie sie große Teile seines Landes längst
wünschten, einführte, indem er mit seinem Hofe in der Nikolai—
kirche zu Spandau das Abendmahl in beiderlei Gestalt nahm,
suchte er zwar den Anschein, als ob seine neue Landeskirche eine
gewöhnliche evangelische Kirche werden solle, zu vermeiden, um
sich gegenüber dem Kaiser womöglich eine besondere Stellung
zu verschaffen. Aber in Wahrheit wurde die brandenburgische
Kirche doch eine evangelische Kirche, nur mit besonders stark
betontem landesherrlichem Einfluß; wie denn schon längst in
der alten Mark die Bischöfe den energischen Einwirkungen
der Markgrafen, und in dem hohenzollerischen Kurfürstentum
des 15. Jahrhunderts die Domstifter vermöge besonderer Ab⸗
machungen mit der Kurie dem festesten Eingriffe der Kurfürsten
unterlegen waren.

Nun hielt im ganzen Osten und Centrum Norddeutsch-
—V00
alten Kirche. Und selbst im Westen, an der alten Pfaffen—
traße des Mittel- und Niederrheins, erschien das Evangelium
m Vordringen. Der Kardinalerzbischof Albrecht von Mainz,
der alte Freund des Humanismus, begann von neuem zu
schwanken oder ließ es wenigstens ruhig geschehen, daß sich im
Norden des Mainzer Gebietes wie im Erzbistum Magde—
hurg, das er zugleich regierte, das Evangelium weiteste Bahn
hrach. Der Kurfürst von Trier fing an, sich den Schmal—
kaldnern zu nähern, da er Säkularisationsgelüste des Kaisers
fürchtete, und am Niederrhein drang von den burgundischen
Landen her immer von neuem die evangelische Propaganda
vor, während gleichzeitig sich in Jülich und Cleve Entwick—
lungen anbahnten, die der evangelischen Sache auch hier, in
diesem festesten Bollwerk der alten Kirche, den Sieg zu ver—
sprechen schienen.
        <pb n="72" />
        14

Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
So befestigt sich der Eindruck, daß ziemlich alle Territorien
und Städte des Reiches sich der neuen Kirche mehr und mehr
öffneten, und die Zeit schien nahe, wo die kirchliche Stellung⸗
nahme gegen den Kaiser mit der ständischen Opposition zu⸗
sammenfallen würde, wo ständischer Föderalismus und freies
Kirchentum zugleich in Einem großen Ansturm der Central—
zewalt die Grundlagen eines vollen Lebens abtrotzen würden.

Und schon waren zu diesem Zwecke auch weithin inter—
nationale Verbindungen angeknüpft. Früh machte sich die Nei⸗—
gung zu solchen Verbindungen bei den Evangelischen, nament—
lich bei dem fernsichtigen Landgrafen von Hessen geltend; sie
war eine natürliche Folge der internationalen Stellung des
Kaisers. Bot Karl zur Leitung der deutschen Angelegenheiten
in seinem Sinne die finanziellen, politischen und militärischen
Mittel aller seiner Reiche auf, so war es nur folgerichtig,
wenn seine Gegner nicht minder Hebelpunkte außerhalb der
Reichsgrenzen suchten. Die Handlungsweise beider Seiten ist
gleichmäßig nur aus dem vollen Verfall der alten Autonomie
des Reiches, ja des Reichsgedankens überhaupt erklärlich.

Wir haben gesehen, wie die Teilnahme Frankreichs schon
bei der würtembergischen Umwälzung des Jahres 1534 eine
große Rolle spielte; auch Heinrich von England und der Gegen⸗
könig von Ungarn Zapolya waren damals schon in enger
Verbindung mit den Schmalkaldnern. Und diese Verbindung,
verstärkt durch Beziehungen zu den nordischen Königen, hat
seitdem mit geringen Unterbrechungen fortbestanden; auf dem
Tage des Jahres 1535, der die zehnjährige Erneuerung des
Schmalkaldner Bündnisses brachte, befanden fich auch Gesandte
von England und Frankreich.

Führten diese Beziehungen großenteils mehr zu Interessen⸗
zemeinschaften, denen an sich schon eine bedeutende politische
Wirkung gesichert war, als daß sie unmittelbare Eingriffe, eine
Teilnahme etwa der deutschen Protestanten an dem letzten
Kriege des Königs Franz gegen Karl V. veranlaßt hätten, so
mußten doch die Fortschritte des Protestantismus über Deutsch-
land hinaus durch sie außerordentlich gestärkt werden. In der
        <pb n="73" />
        llirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 415
That eroberte sich der neue Glaube in diesen Jahren in ganz
Mittel- und Nordeuropa immer weitere Gebiete. In Frank—
reich allerdings blieb die Opposition gegen die mittelalterliche
Kirche, zunächst auf humanistischem und nicht auf theologischem
Boden erwachsen, mehr freigeistig witzig als religiös tief, mehr
höhnend als verwundend. Man kam daher in religiösen
Fragen zwischen Deutschland und Frankreich nicht viel über
äußerliche Beziehungen hinaus; auch die Thatsache, daß Franz J.
im Jahre 1535 Melanchthon und Bucer zu einer Reise an
seinen Hof aufforderte, änderte daran nichts; es handelte sich
dem Könige dabei bloß um die religiöse Maskierung politischer
ziele.

Etwas inniger schon waren die Beziehungen zu England,
trotz der unglückseligen Begründung der englischen reformierten
Staatskirche durch Heinrich VIII. Hier wurde doch durch
den Erzbischof Cranmer von Canterbury und andere Theo—
logen eine Reihe von Fäden nach Deutschland hinübergezogen,
und eine gewisse geistige Verwandtschaft der lutherischen und
der englischen Reformation war immerhin nicht zu ver—
kennen. In viel höherem Grade erreicht aber ward diese
Gemeinschaft mit der Reformation der skandinavischen Länder:
kann diese doch geradezu als aus einer Abzweigung der
deutschen Bewegung erflossen betrachtet werden. Auch war
hier der Verlauf, soweit es sich um die Einmischung der staat—
lichen Gewalten handelt, ganz ähnlich. Wurden schließlich
Staatskirchen entwickelt unter starker Beteiligung des Adels an
der materiellen Verwertung des herrenlos gewordenen Besitzes
kirchlicher Körperschaften, so entsprach dieser Verlauf im all—
gemeinen ganz den Vorgängen in Deutschland, und auch die
auf den ersten Blick eigenartige Teilnahme des nordischen Adels
sindet in einigen nordostdeutschen Territorien ihr Gegenstück.

Mit alledem war die ursprünglich rein deutsche Bewegung
des Protestantismus seit den dreißiger Jahren ein Teil ge—
worden viel weiter greifender, europäischer Vorgänge: unbewußt
uind bewußt strömten die Wirkungen der religiösen Bewegungen
hinweg über die staatlichen und nationalen Grenzen. Die
        <pb n="74" />
        Us

Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Gefahr für das Papsttum, in den zwanziger Jahren noch
geringer und darum oft genug übersehen oder gegenüber poli—
tischen Anforderungen vernachlässigt, stieg damit höher und
höher: es war unmöglich, sie noch zu unterschätzen.

Clemens VII. war am 25. September 1534 gestorben.
Ihm folgte in Paul III. (1534 — 1549) ein Farnese, ein
politisch ungemein kluger, aber zugleich charaktervoller Papst.
Infolge einstimmiger, von allen Staaten gleichmäßig gebilligter
Wahl zum Papste erhoben, war er von vornherein in anderer
Weise als seine Vorgänger Herr des Primates; und von seiner
—
bald, daß nur ein Konzil noch geeignet sein werde, die Einheit
der Kirche wieder herzustellen und zu bewahren. Am 2. Juni
1536 schrieb er auf den 23. Mai des Jahres 1537 ein all⸗
gemeines Konzil aus, es sollte in Mantua zusammentreten.
Und zu diesem Konzil lud er auch die deutschen Evangelischen
ein, nachdem er schon im Jahre 1585 seinen Legaten Vergerius
unmittelbar mit Luther hatte verhandeln lassen, und erbat
hierfür deren freies Geleit vom Kaiser. Und der Kaiser ge—
währte dies Geleit und vereinigte seine Einladung mit der des
Papstes. Es war ein letzter großer Versuch der höchsten In—
stanzen der alten Kultur, die werdende neue Kirche nochmals
der alten einzuordnen, neuen Most in alte Schläuche zu fassen.

Die Einladung traf die deutschen Evangelischen in einem
Augenblick, da sie eben große innere Schwierigkeiten über—
wunden hatten. Der alte Streit zwischen Oberdeutschen und
Lutherischen war von neuem ausgebrochen und nur mit Mühe
in der den Gegensatz noch eben verdeckenden Wittenberger
Konkordienformel vom 29. Mai 1536 beseitigt worden. Wie
sollte man sich nun entscheiden? Daß der Papst ein Konzil
berufen könne, stand auch Luther völlig fest, und so war er
weit davon entfernt, die Einladung von vornherein abzulehnen.
Ja er entwarf für den konziliaren Gebrauch evangelische Be—
kenntnisartikel, die unter dem Namen der Schmalkaldischen
Artikel bekannt sind. Aber indem er so seine Bereitwilligkeit
hewies, zeigte sich doch alsbald die Unmöglichkeit einer
        <pb n="75" />
        Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 417
religiösen Versöhnung. Wie hätten die Katholischen es zugeben
können, daß Luther in diesen Artikeln die Messe als den
„größten und schrecklichsten Greuel“ bezeichnete und im Papst
zweifelsohne den Antichrist sah?

Während dessen wies der Kaiser nahezu gleichzeitig in einer
seinem Vicekanzler Held für die Verhandlungen des Schmalkaldner
Bundestages vom Februar 1537 erteilten Generalinstruktion
die Protestanten von neuem an, sich an den Nürnberger
Religionsfrieden und dessen Ausführungsbestimmungen zu halten,
namentlich dem Kammergericht zu gehorchen. Was war hierauf
nach fünf Jahren ununterbrochener weiterer Ausbreitung des
Protestantismus zu sagen? Die Schmalkaldner sahen sich jetzt
zweifellos als im Besitze eines neuen, wohlerworbenen Rechtes
unabhängiger Existenz an; sie dachten nicht daran, es aufzu—
geben; die ältere Ordnung des Reiches erschien ihnen als Un—
recht, ehemalige Vernunft war ihnen zu Unsinn geworden.
Sie erklärten das Kammergericht, das in seinen Prozessen
gegen sie trotz der Nürnberger und Kadener Abmachungen
fortfuhr, in der sogenannten Rekusation vom 80. Januar 1534
als partetisch und darum als für sie nicht mehr bindend; sie
behaupteten, ihr Erwerb geistlichen Besitzes sei gerecht: für sie
var das alte Reich nicht minder dahin, wie das Papsttum.

Es war der Abschluß der im Jahre 1525 und 1526
begonnenen Bewegungen. Ein Dutzend Jahre hatte genügt,
um durch Protest zunächst gegenüber ohnmächtigen Ständen,
dann gegenüber einem ohnmächtigen Kaiser, endlich gegenüber
der anfangs sorglosen und zu spät zur Einsicht erwachten
Kurie die evangelische Bewegung so weit vorwärts zu schieben,
daß an ein Rückwärts nicht mehr zu denken war. Das Recht
des Daseins war jetzt gewonnen; in einem letzten, an Errungen⸗
schaften reichen Jahrfünft war es befestigt; nur durch Gewalt
noch konnte es beseitigt werden: so standen jetzt gleich mächtig
altes und neues Recht gegeneinander, und das Gottesurteil
des Kampfes mußte entscheiden.
        <pb n="76" />
        Hiertes Kapitel.
Rämpfe der Protestanten und der revolutionären
Fürsten gegen den katholisch-absolutistischen Kaiser;
Augsburger Reichstag und Religionsfriede
des Jahres 1555.

Die allgemeine Lage der Herrschaft Karls V. hatte sich im
Verlaufe der Jahre 1536 bis 1540 wesentlich gebessert. Der
dritte Krieg gegen Franz J. von Frankreich, hervorgerufen durch
den eigenmächtigen Einmarsch der Franzosen in Savoyen, und
zrneute, für Karl unannehmbare Ansprüche auf Mailand, hatte
allerdings zu keinen hervorragenden Waffenthaten seitens der
Kaiserlichen geführt. Allein da auch die Franzosen in fast
unbegreiflicher Weise die ihnen schließlich zu Gebote stehende
Übermacht nicht ausnützten, so war der Abschluß des Krieges
im Jahre 1538 für Karl verhältnismäßig günstig. Ein Waffen⸗
sttillstand, der auf Andringen des Papstes zu Nizza für zehn
Jahre geschlossen wurde, leitete eine kurze Zeit anscheinend
innigsten Einverständnisses zwischen beiden Herrschern ein; im
Hochsommer trafen sie sich persönlich in Aigues Mortes bei
Nimes; eine neue AÄra der europäischen Politik, eine Zeit
energischen Kampfes gegen die Ungläubigen ward der staunenden
Welt als die nächste Folge der neuen Freundschaft verkündet.
        <pb n="77" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 419
Und wirklich hat die eigenartige Wendung einige Zeit vor—
gehalten. Als im Herbst 1539 in Gent Unruhen ausbrachen,
nicht ohne Zusammenhang mit früheren Aufständen der Jahre
1531 und 1532 und in gewisser Verbindung mit den religiösen
Bewegungen in Holland, da hat Franz J. dem Kaiser zur
rascheren Unterdrückung der Bewegung die Durchquerung Frank⸗
reichs angeboten und der Verlockung, sich mit den flandrischen
Revolutionären zu verbünden, widerstanden. Wesentlich dieser
Hilfe hatte es Karl zu danken, wenn er den Genter Aufstand
rasch bewältigte. Es war eine Stärkung seiner Macht in
den Niederlanden, die in den kommenden Jahren, als die Ver—
hältnisse am Niederrhein und in den belgisch-holländischen Ge—
hieten mehr hervortraten, besondere Bedeutung erhielt.

Allein schon im Laufe des Jahres 1540 trat die alte Lage
wiederum ein: überall bemerkte man von neuem französische
Umtriebe gegen die Herrschaft Karls, in der Türkei, in Italien,
an den westlichen Grenzen Deutschlands. Es war klar, daß
sich Karl vor Frankreich fast weniger sicher befand, als wenn
er in offenem Krieg mit ihm gestanden hätte: mit seinem
Widerstand mußte er auch bei der Behandlung der deutschen
Fragen, namentlich des Protestantismus, rechnen.

Hier hatte inzwischen Papst Paul III. den alten Wunsch
des Kaisers erfüllt; ein Konzil war zwar nicht zu Mantua, wie
ursprünglich die Absicht, wohl aber zu Vicenza zusammengetreten.
Allein es hatte keinen Erfolg gebracht; nach vergebenen Ver—⸗
handlungen war es am 21. Mai 1589 auf unbestimmte Zeit
bertagt worden.

Der Kaiser war damit wieder auf sich gestellt; er konnte
sich als oberster Hort der Christenheit erscheinen; er konnte
ähnlich wie Kaiser Sigmund zu dem Versuche fortschreiten, die
religiöse Frage von sich aus lösen zu wollen. In der That
ging er jetzt mit dem längst herkömmlichen Mittel der Religions—
gespräche vor und vermochte auch die Kurie, amtlich an diesen
teilzunehmen. Und in der gleichen Richtung kamen ihm auch
Vorschläge der Protestanten entgegen; schon seit Juni und
Juli 1540 konnte daher eine erste „Christliche Vergleichung“ in
        <pb n="78" />
        420 Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Gang gebracht werden, zunächst in Speier und Hagenau, dann
aussichtsreicher in Worms. Hier kam es neben den offiziellen
Verhandlungen, welche von dem päpstlichen Legaten Morone
als den Katholiken zu ungünstig ergebnislos hingezogen und
schließlich vom Kaiser abgebrochen wurden, in geheimer Verab—
redung protestantischer und katholischer Theologen zu einem
vom Kaiser gebilligten Entwurfe, der eher Aussichten auf eine
die Katholiken befriedigende Vereinigung bot; er enthielt den
Kern der evangelischen Rechtfertigungslehre, kam aber im
übrigen der alten Kirche aufs weiteste entgegen.

Darauf hielt es Karl an der Zeit, in öffentlicher und
völlig offizieller Weise die Unionsverhandlungen weiter zu
führen. Er eröffnete am 8. April 1541 einen Reichstag zu
Regensburg und ernannte in Verbindung hiermit eine theologische
Kommission von drei Katholiken, Eck, Pflug und Gropper, so—
wie drei Protestanten, Melanchthon, Bucer und Pistorius, zur
weiteren Vereinbarung auf Grund der Wormser Vorschläge.
Sie trat am 27. April zusammen, und schon am 2. Mai war
man sich über alle grundsätzlichen Fragen einig. Das trefflichste
Ergebnis schien erreicht, um so mehr, als der päpstliche Legat, der
sehr gemäßigte Kardinal Contarini, zustimmte: Karl konnte sich
am Schlusse seiner ehrlich gemeinten Versöhnungsarbeit glauben.

Allein konnte man im Ernste denken, die tiefen, nun auch
schon auf das wirtschaftliche, soziale und politische Gebiet über—
tragenen Gegensätze durch ein paar Formeln dogmatischer
Einigung ausgleichen zu können? Handelte es sich denn um
nichts, als um Abweichungen in der Formulierung der Lehre?
Katholische und protestantische Weltanschauung waren schwerlich
noch versöhnbar: die öffentliche Meinung und sie führend und
fördernd die obersten Instanzen der katholischen und der evan—
gelischen Kirche mußten sich gegen die Einung aussprechen.

Der Papst und unter dem Drucke Bayerns auch die
katholischen Stände des Reiches versagten sich trotz alles Mah—
nens von seiten Karls, und auch Luther trat dem Abkommen
entgegen. Eine förmliche Gesandtschaft, die aus Regensburg
an ihn abging, empfing er zwar höflich, zeigte ihr aber als—
        <pb n="79" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 421
bald das Unmögliche ihrer Forderungen, indem er die Bitte
aussprach, der Kaiser solle sofort die reine und klare Predigt
der vereinbarten Artikel auch in katholischen Gegenden anbe—
fehlen.

So verlief denn dieser Vermittelungsversuch, der ernsteste
und aussichtsvollste, der je unternommen worden ist, schließlich
völlig im Sande; der Kaiser mußte einsehen, daß auf diesem
Wege eine Ausgleichung der Gegensätze in Deutschland nicht
zu erreichen sei.

Inzwischen machten die Protestanten noch immer Fort⸗
schritte; soweit es sich um die reine Lehre, nicht auch um die
politische Stellung des Protestantismus handelte, schien der
Sieg des Evangeliums in ganz Deutschland nur noch eine
Frage der Zeit. Bisher hatte sich vor allem Nordwestdeutsch⸗
land noch dem Evangelium ferngehalten; in Westfalen war es
erst spät da und dort angenommen worden, und das nieder⸗
ländische Wiedertäufertum, in den Greueln von Münster hinein⸗
ragend in die Entwicklung rechts des Rheines, hatte die Ver—
breitung auch der lutherischen Lehre mannigfach, namentlich in
den breiteren Schichten des Volkes, gehindert. Dafür schien es
jetzt an den wichtigsten Stellen zugleich zu einer Reformation
von oben her kommen zu sollen. In Köln hatte der Kurfürst
Herrmann von Wied, ein ruhiger, milder Charakter, schon
früh Neigung zur evangelischen Lehre gezeigt oder sich wenig—
stens auf erasmischen Wegen gehalten; von dieser Stellung
aus hatte er 1536 unter dem Einfluß des friedlichen Johann
Gropper eine Reformation“ durchgeführt, die den alten Kultus
beibehielt, aber wesentliche Elemente der evangelischen Heils—
lehre einbürgerte. Jetzt nun, seit Ende 1541, ging er, gestützt
auf den Regensburger Reichstagsabschied, weiter. Er suchte
den Rat und die Predigt Bucers; im Mai 1548 kam Melanch⸗
thon an den Rhein, unter dem Beistand der Stände des Kur—
fürstentums mit Ausnahme der Stadt Köln, sowie unter Zu—
stimmung vieler Kapitulare sogar des Kölner Domstifts wurde
mit der vollkommenen Reformation des Stiftes begonnen. Und
schon schloß sich dem Erzbischof sein Suffragan, Franz von Waldeck,
        <pb n="80" />
        422 Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Bischof von Münster, Minden und Osnabrück an; und Herzog
Wilhelm von Jülich-Cleve nahm offen das Abendmahl unter
beiderlei Gestalt: die nächsten Jahre mußten den Sieg des
Protestantismus am Niederrhein, in unmittelbarer Nähe der
kaiserlichen Niederlande, bringen. Damit nicht genug, hatten
die protestantischen Fürsten des östlichen Norddeutschlands fast
alle noch bestehenden Gegner des Evangeliums in dieser
Zeit überwunden, so namentlich den widerwärtigen Herzog
Heinrich von Braunschweig, und hatten auch schon begonnen,
Bistümer zu säkularisieren, allen vorweg Naumburg im Jahre
1541. Und in Süddeutschland regte sich das Evangelium in
allen noch etwa zweifelhaften Reichsstädten von Metz bis
Regensburg, trat Pfalzgraf Ottheinrich völlig zum neuen
Glauben über, ergriff die Reformation in den österreichischen
Ländern immer weitere Kreise.

Welche Aussichten, hätte die politische Verbindung der
Protestanten an Umfang und innerer Festigkeit den Fortschritten
des Evangeliums die Wage gehalten. Allein hier war in dem
Schmalkaldischen Bunde, dem Wahrzeichen evangelisch-politischer
Finheit, seit etwa 1538 ein arger Rückschlag eingetreten.

Schon daß am 10. Juni 1838 ein katholischer Gegen—
bund zu Nürnberg ins Leben trat, in dem sich König
Ferdinand, Mainz, Salzburg, Bayern, Herzog Georg von
Sachsen, Heinrich und Erich von Braunschweig zusammenfanden,
mußte die bisher fast unumschränkte Handlungsfreiheit der
Schmalkaldner begrenzen, wenn dieser Bund auch zunächst nur
Verteidigungszwecke hatte, ja den Eintritt von Protestanten
zrundsätzlich nicht ausschloß; dem gegenüber bedeutete es doch
nur einen geringen Erfolg der Schmalkaldner, wenn die Ver—
——
ihren Bund noch einmal dem Kaiser gegenüber auf kurze Zeit
sehr selbständig hinstellten.

Schlimmer aber war und eigentlich erst zum Verderben gereichte
den Schmalkaldnern, daß sich innerhalb ihres Bundes selbst all—
mählich unversöhnbare Gegensätze regten. Von jeher war hier
die gegenseitige Stellung Kursachsens und Hessens ein Stein des
        <pb n="81" />
        KRämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 423
Anstoßes gewesen. Gebührte Kursachsen der Ruhm, die Wiegen⸗
tätte der Reformation zu sein, und war es politisch und
militärisch mächtiger, so konnten doch seine Fürsten von Fried—
rich dem Weisen an über Johann bis auf Johann Friedrich
es an persönlicher Bedeutung mit Philipp von Hessen in keiner
Weise aufnehmen. Diese persönliche Bedeutung hatte Philipp
zum kühnen Führer der Schmalkaldischen in den dreißiger Jahren
gestempelt.

Dieser Rolle, in der er schon längst von Kursachsen scheel
angesehen worden war, ward er nun infolge eines höchst eigen—
artigen Greignisses unwürdig, so daß Sachsen mit Recht seiner
rivalisierenden Stellung erfolareichen Ausdruck zu leihen ver—
mochte.

Die Gemahlin Philipps, Christine, eine Tochter Herzog
Georgs von Sachsen, war eine männlich kluge und eine fromme
Frau, aber reizlos; Philipp dagegen ein Mann von aus—
gesprochen sinnlichem Feuer. Er stand damit im Kreise seiner
fürstlichen Genossen nicht allein; die ehelichen Pflichten wurden
bvon der Mehrzahl der Fürsten sehr wenig ernst genommen;
Kurfürst Joachim J. von Brandenburg führte gelegentlich eine
schöne Maitresse in Mannskleidern mit sich; Herzog Heinrich
oon Braunschweig hielt sich in der Stille seiner Harzschlösser
ein Liebchen, das ihm Kind auf Kind gebar, während er es
hatte tot sagen, feierlich begraben, ja sogar Messen zu seinem
Bedenken lesen lassen.

Eine derartige Haltung empfand Philipp bei seiner religiösen
Natur aufs tiefste als unsittlich; aber gleichwohl wünschte er
freien Lauf für seine Sinnlichkeit. So kam er auf den Ge—
danken einer Bigamie, um so mehr, da auch im Neuen Testament
ein völlig unzweideutiges Verbot polygamischer Lebensweise
ich nirgends findet. Die Idee, schon früh erfaßt, reifte gegen
Schluß der dreißiger Jahre zur That; Philipp wußte sich den
Beirat Bucers und wenigstens auch die bedingte Zustimmung
Luthers und Melanchthons zu verschaffen; am 4. März 1540 wurde
x zu Rotenburg an der Fulda einer zweiten Frau, dem Hoffräulein

Lamprecht, Deutsche Geschichte V. 2. 28
        <pb n="82" />
        R
Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Margarete von der Sale mit Wissen seiner ersten Gemahlin
angetraut.

Der Vorgang sollte geheim bleiben nach dem zweifellos
unsittlichen Rate der Theologen; natürlich wurde er bekannt.
Die Folgen konnten nicht ausbleiben. Philipp, schon oft
genug den Schmalkaldnern, soweit sie zu Kursachsen hielten,
wegen seiner weitgehenden Pläne und angeblich demokratischen
Neigungen verdächtig, sah sich nun vollends aus der Verbindung
mit dem Kurfürsten von Sachsen und aus dem Schmalkaldner
Bunde moralisch verdrängt. Ohne daß viel von den Bundes—
zenossen gegen ihn geschehen wäre, zog er die naturgemäßen
Folgen eines unerhörten Schrittes: am 18. Mai 1541 trat er
in ein förmliches Bündnis mit dem Kaiser, dem er sich schon
längere Zeit vorher in wenig angemessener Weise genähert hatte.

Es war der Anfang zum Verfall des Schmalkaldner Bundes;
von einer ausschließlich protestantischen Zukunft Deutschlands
tonnte nicht mehr die Rede sein.

Der Abfall Philipps trat in einem Augenblicke ein, wo
der geeinte deutsche Protestantismus eben das Schlußglied
einer vernichtenden Koalition gegen Karl V. hätte bilden können.
Seit 1540 spätestens verhandelte Frankreich wieder mit den
deutschen Fürsten, katholischen wie protestantischen, wegen eines
Bündnisses gegen den Kaiser; im Jahre 1541 erhob der Sultan
Suleiman sich zum energischsten Angriffe gegen sterreich, nach—
dem ein Jahr vorher der ungarische Gegenkönig Zapolya ge—
storben war; er nahm ganz Ungarn ein; dauernd schien er sich
im Lande niederlassen zu wollen; der Sohn Zapolyas, zum
erneuten königlichen Widersacher der Habsburger ausgerufen,
ward auf Siebenbürgen beschränkt. In der That hielten sich
die Türken einstweilen in Ungarn; den Angriff eines schlecht
disziplinierten Reichsheeres unter der mangelhaften Führung
des Brandenburgischen Kurfürsten Joachim II. schlugen sie im
Jahre 1542 mit Leichtigkeit zurück. Und inzwischen beunruhigte
        <pb n="83" />
        Rämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 425
die Barbareskenmacht unter Chaireddin Barbarossa und Hassan
Aga die Küsten der Königreiche Neapel und Spanien; im
Einverständnis mit Frankreich beherrschte sie das Westbecken
des Mittelmeeres, und Karl V., der gegen den ewig plagenden
Feind einen erneuten Zug nach der afrikanischen Küste unter—
nahm, scheiterte vor Algier, Oktober 1541.

Unter diesen Verlegenheiten Karls dehnte Franz J. die
Fäden seiner Verbindungen gegen den Kaiser immer weiter aus;
schließlich gewann er neben Dänemark auch Schweden und grub
damit dem Kaiser die finanzielle Hilfe der Niederlande ab, deren
gewinnbringendster Handel auf die Ausbeutung der nordischen
Gebiete gewiesen war. Und er selbst begann im Jahre 1542
von neuem den offenen Krieg.

Welche Aussichten für die deutschen Protestanten, griffen
sie fest und einig in diese Kombination ein! Galt es doch in
diesem Falle, sich eines undeutschen, spanisch denkenden und
handelnden Kaisers zu erwehren, die religiöse Einheit des Vater—
landes herzustellen und zu sichern im Sinne der Nation gegen
eine formale, international gekennzeichnete, dem Herzen des
Volkes fernstehende Centralgewalt.

Und schon nahte in dem unmittelbaren Kampfe zwischen
Franz und Karl für die deutschen Fürsten die Notwendigkeit
einer zweifellosen und unzweideutigen Entscheidung. Am Nieder—
rhein hatten sich im Laufe des dritten und vierten Jahr—
zehntessdes 16. Jahrhunderts sehr eigenartige dynastische Ver—
hältnisse gebildet. Johann von Cleve hatte nach dem Aussterben
des Mannesstammes im Herzogtum Jülich von diesem Besitz
ergriffen; sein einziger Sohn und Nachfolger Wilhelm hatte
dazu? im Jahre 1588 nach freiem Entschluß der Stände des
Landes die Herrschaft in Geldern und Zütphen erhalten, nach—
dem der Herzog Karl, der Feind des Hauses Ästerreich und
Verbündete Frankreichs, gestorben war. Es war dadurch eine
große Laienherrschaft am Niederrhein entstanden, die sich drohend
zur Seite der niederländischen Herrschaft Karls V. erhob. Und
diese Herrschaft trat immer mehr auf die protestantische Seite.
Schon Herzog Johann hatte die Kirche seiner Territorien Rom

90 *
        <pb n="84" />
        26 Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
gegenüber äußerst unabhängig gestellt; zudem war seine älteste
Tochter Sibylla mit dem sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich
vermählt, womit dessen Erben, für den Fall, daß Herzog Wil⸗
helm kinderlos starb, zur Nachfolge berufen erschienen. Endlich
neigte Herzog Wilhelm selbst je länger je mehr dem Protestantis—
mus zu. Wie, wenn es jetzt gelang, mit Hilfe der westlichen
Feinde des Kaisers, Frankreichs und noch mehr des protestanti⸗—
schen Englands, dessen König sich Ende 1539 mit einer clevischen
Prinzessin vermählt hatte, vom Niederrhein her die Niederlande
in Schach zu halten und damit den Kaiser des einzigen unmittel⸗
baren Rückhaltes seiner Politik gegenüber Nord- und Mittel—
deutschland, gegenüber den Kernsitzen des Protestantismus, zu
herauben? Es wäre der Sieg der Protestanten gewesen.

In der That verband sich Herzog Wilhelm mit den
Franzosen; am 24. März 1543 siegte sein Feldherr Martin
van Rossum bei Sittard über die Kaiserlichen, zugleich drangen
die Franzosen von Süden her in die Niederlande vor und
eroberten Landrecies; aufs äußerste schien die Herrschaft Karls
in den Niederlanden gefährdet.

Allein Karl hatte schon die ersten Vorbereitungen zum
Gegenschlage getroffen. Heinrich VIII., dessen unglückliche Ehe—
händel so manchen unerwarteten Wechsel der europäischen
Politik dieser Zeit bestimmten, hatte soeben seine letzte, clevische
Gemahlin verstoßen; im Februar 1543 wurde er für die kaiser—
liche Seite gewonnen. Damit waren die Niederlands gegen
französische Angriffe von England her gedeckt, und der Kaiser
konnte sich unmittelbar gegen Herzog Wilhelm wenden. Wohl⸗
zemut, zum Kriegsmann gehärtet auf den jüngsten Schlacht—
feldern Afrikas und Südfrankreichs, erschien er mit einem statt—
lichen Heere selbstbefehligend an der Maas; stürmend ging er
zegen Düren vor; nach Dürens Fall ergaben sich ihm auch
Jülich und Roermond; anfangs September war die Wider—
standskraft Herzog Wilhelms erschöpft. Wilhelm mußte zu
Venlo fußfällig Abbitte thun; er mußte seinen Bund mit
Frankreich abschwören und versprechen, die alte Religion zurück—
        <pb n="85" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 427
zuführen; er verlor Zütphen und Geldern an die kaiserlichen
Niederlande.

Es war ein Zeichen dessen, was die protestantischen Fursten
vom Kaiser zu erwarten hatten. Aber niemand von ihnen war
dem Herzog Wilhelm zu Hilfe geeilt. Landgraf Philipp, der
nach Nachbarschaft und besserer Vergangenheit am ehesten
Berufene, hatte seinen Frieden mit dem Kaiser gemacht; er
stand in Feindschaft mit Kursachsen: sollte er einem Herzog
helfen, auf dessen Land die Ernestiner vielleicht bald Anspruch
erheben konnten? Und auch Kursachsen regte sich nicht.

Nicht vergebens bemerkte der Kaiser die auf gegenseitiger
Eifersucht und auf der unglücklichen Trennung Philipps beruhende
Uneinigkeit der Protestanten: ihr Bund, der ihm aus der Ferne
als eine kompakte und darum unangreifbare Macht erschienen
sein mochte, zeigte bei näherer Betrachtung der Risse und
Spalten genug, die einer in tausend Welthändeln erfahrenen
Politik Handhaben zur Sprengung bieten konnten; er fürchtete
die Protestanten nicht mehr. Allein unmittelbar gegen sie vor—⸗
zugehen besaß er auch nicht die Macht. Noch immer dauerte
der Krieg gegen Frankreich fort; noch immer war die Möglich⸗
keit nicht ausgeschlossen, daß die Protestanten in ihn eingriffen.
Den Krieg rasch zu beendigen, die Protestanten womöglich gegen
Franz J. mit heranzuziehen, mußte vielmehr das nächste Ziel
der kaiserlichen Politik sein. Um es zu erreichen, hat Karl
nicht die scheinbar größesten, in seinem Sinne aber gewiß nur
auf Zeit gemeinten Zugeständnisse an die Protestanten gescheut.

Es war eine hinterhaltige Politik, deren Charakter jener
damals älteren Generation deutscher Fursten niemals völlig klar
geworden ist, welche bei aller Roheit der Sitten doch für die
Politik noch in den sittlichen Forderungen des Evangeliums
aufging. Wie erstaunt war man hier, in dem Kaiser, dessen
Strafgericht man nach der Besiegung des Herzogs Wilhelm
gefürchtet hatte, einen milden Herrn zu begrüßen. Wie er—
freute man sich an dem Abschiede des Regensburger Reichstags,
der vom Februar bis zum Juni 1544 unter den Auspizien
        <pb n="86" />
        428 Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
des Kaisers getagt hatte. Nach ihm verzichtete der Kaiser darauf,
noch weiter auf ein den Protestanten längst lästig gewordenes
allgemeines Konzil zu warten; von Reichswegen wie von den
Ständen aus sollten bis zum nächsten Reichstag im Winter 1544
auf 1545 christliche Reformationen entworfen werden, auf Grund
deren eine Beratung die kirchlichen Verhältnisse bis auf weiteres
ordnen würde. Einstweilen aber sei der Besitzstand der Kon—
fefsionen zu wahren und in dem zu reformierenden Reichs—
kammergericht der Unterschied der Konfession für die Besetzung
der Ratsstellen außer Betracht zu lassen.

Wie sollten die Protestanten nach solchen Zugeständnissen
dem Kaiser nicht in dem Kampfe gegen Frankreich geholfen
haben! Sie zogen zahlreich zu Feld, und ihre Schuld war es
nicht, wenn die Kriegsführung keine glänzenden Erfolge
aufwies.

Trotzdem sah sich Franz J. zum Frieden gedrängt. Zu
Croͤpy, am 17. September 1544, wurde vereinbart, daß Karl
auf die Bourgogne, Franz J. auf Neapel, Flandern und Artois
oerzichten sollte; ferner sollte der zweite Sohn König Franzens, der
Herzog von Orleans, mit der Hand einer habsburgischen Prin—
zessin entweder Mailand oder die Niederlande erhalten. Es ist
ein Abschluß, der nicht verständlich ist ohne die geheimen Be—
dingungen, die Franz J. gleichzeitig einging: er wird jede Ver—
bindung mit den Protestanten abbrechen; er wird, obwohl der
Kurie bisher befreundet, doch den Papst vereint mit dem Kaiser
zur Berufung eines allgemeinen Konziles zwingen. Und diesen
Abmachungen folgte unter Vermittelung Franzens im November
1545 zu Adrianopel ein Waffenstillstand zwischen dem Sultan
und Karl V., während gleichzeitig der Kaiser mit allen Mitteln
dafür sorgte, daß ein bestehender Krieg zwischen Franz und
Heinrich VIII. von England fortdauerte: von Ost wie Westen
her erschien jetzt Deutschland durch Bindung der schlimmsten
Gegner des Kaisers isoliert.

Es war das erste Ausholen zum Sprunge des Löwen:
unter Verzicht auf ihm besonders teure dynastische Ansprüche,
unter entsagungsvollen Verhandlungen mit Engländern und
        <pb n="87" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 185855. 429
Türken hatte Karl V. die internationale Lage für die Ver—
nichtung des deutschen Protestantismus vorbereitet.

In diesen Zeiten, noch vor Ausbruch des verderbenbringenden
Kampfes, ist Martin Luther gestorben, in der Nacht vom 17. zum
18. Februar 1546. Ein Kind Gottes mitten in den Händeln
dieser Welt würde er die kommenden Jahre schwerlich verstanden
haben.

Freilich, dem tragischen Schicksale fast aller länger lebenden
Helden der Geschichte ist auch er nicht entgangen: er unterlag
zuweilen der Wucht des Selbstgeschaffenen. Zwar konnte er sich
seines Werkes in guten Stunden bis zuletzt herzlich freuen; aber
es gab auch Zeiten, in denen er irre ward an der sittlichen
Berechtigung seiner That. Freilich blieb er fern von dem
prometheischen Trotz und dem ausschweifenden Pessimismus so
vieler alternder Revolutionäre; an die Stelle traten bei ihm
grobkörniges Gottvertrauen und die Angst schwerer religiöser
Kämpfe. So hat er wohl äußern können: „Daß ich das rechte
und reine Wort Gottes lehre und predige, dafür setze ich meine
Seele zu Pfande und will auch darauf sterben.“ Aber er hat
auch erzählt: „Wenn mich der Teufel müßig findet, ... macht
er mir ein Gewissen, als habe ich unrecht gelehrt, den vorigen
Stand der Kirche, der unter dem Papsttum fein, still und
friedsam war, zerrissen, viel ÄArgernis, Zwiespalt und Rotten
durch meine Lehre erregt. Nun, ich kann nicht leugnen, mir
wird oft angst und bange darüber.“ Doch setzt er hinzu:
„Sobald ich aber das Wort ergreife, habe ich gewonnen!“

In der That: ein Mann des Wortes ist Luther von Jahr zu
Jahr mehr geworden. Er, der ein Mensch war des unabhängig—
sten und tapfersten Denkens, der anfangs mit dem Dogmenvorrat
nicht minder frei geschaltet hatte, wie mit dem biblischen Kanon,
der seine Gedanken nicht hatte bannen können in die engen
Schulformen hergebrachter Theologie, dessen Temperament das
niedrige Gestrüpp kahler Begriffe floh und die Umschreibung
der Idee in schlagfertigem Worte liebte statt feiner Spitzung
und Feilung —: er ward durch die trüben Leidenschaften der
religiösen Radikalen nicht minder, wie durch das Bedürfnis
        <pb n="88" />
        430 Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
verfassungsmäßiger Sicherstellung seines Werkes hingedrängt zum
Wohlabgewogenen, dogmatisch Festen. Es war eine unausbleib—
liche Entwicklung. Von der Veräußerlichung der Kirche indes
zur bloßen Institution hat Luther sich immer fern gehalten.
Die Kirche ist ihm niemals ausschließliche Sakramentsanstalt
geworden. Aber doch wurde sie ihm zur privilegierten Unter—
richtsanstalt; der Priester ward ersetzt durch den kirchlichen
Lehrmeister.

Und dieser Wendung lag eine tiefe Wandlung im Herzen
Luthers zu Grunde. Der Glaube ward ihm zur Wahrhaltung
theoretischer Sätze des Glaubens, die religiöse Erfahrung zum
Dogma. Und indem er den Glaubensinhalt als eine in sich
unterschiedslos wichtige Einheit faßte gegenüber den mannigfachen
Abstufungen des Glaubens-, Annehmens- und Wissenswerten der
alten Kirche, mußte ihm notwendig jede Seite der christlichen
Lehre als dogmatisch erscheinen. „Darum heißt's, rund und
rein, ganz und alles oder nichts geglaubt,“ sagt er in seinem
kurzen Bekenntnis vom Abendmahl, 1545. *

War nun dieser Standpunkt denkbar ohne lehrhafte Kirche,
ohne starke Entwicklung aller dogmatischen Konsequenzen? Wie
im kirchlichen Leben die Predigt, so trat in der theologischen
Wissenschaft eine neue Scholastik ins Recht, und Luther selbst gab
in seinen Spekulationen über die Ubiquität des Leibes Christi
m Abendmahl, über die Wirkungen einer absoluten Inspirations—
ehre, sowie überhaupt in der Pflege der tertullianischen Dis—
position gegenüber der freien Vernunft: certum est, quia
ineptum est: ein verhängnisvolles Beispiel. So konnte er
wohl dazu kommen, in dem Katechismus als dem Inbegriff
einer dogmatisierten göttlichen Offenbarung das vorzüglichste
und an sich ausreichende Werkzeug der Heiligung zu sehen,
dessen Hauptteile, zehn Gebote, Glaubensbekenntnis, Vaterunser
und Sakramente die doctrina doctrinarum, die historia histo-
riarum, die oratio orationum, die ceremoniae ceremoniarum
umfassen sollten, gleichwie das Hohe Lied Salomonis canticum
anticorum genannt werde.
        <pb n="89" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 431
Allein so sehr Luther mit steigenden Jahren an dem dog⸗
matisch gefaßten Wortlaut der Bibel hing, so wenig ist er je—
mals Fanatiker des praktischen Dogmatismus geworden. Drängte
ihn die Betonung seiner historischen Stellung gelegentlich zu
schroffem Vorgehen nach außen, so wahrte er sich bis an sein
Ende den unversieglichen Schatz eines goldenen Gemütes, ein
wahrer Deutscher, wahrer Gatte und Vater. Hier, im Frieden
des Hauses, der Familie, der Freundschaft, erquickte noch immer
die quellend ursprüngliche Religiosität seiner Frühzeit, hier ist
er niemals gealtert. Und hier hat er auch das höchste Ideal
der Frömmigkeit erreicht, ist ihm alles Irdische zum Gleichnis
zeworden. Anno 1536 den 6. September standen des Doktors
Kinderlein vor dem Tisch, sahen mit allem Fleiß auf das Obst
und Pfirsiche, so auf dem Tisch standen. Da das der Doktor
sahe, sprach er: „Wer da sehen will ein Bild eines, der sich in
Hoffnung freut, der hat hier ein rechtes Conterfei. Ach, daß
wir den jüngsten Tag so fröhlich in Hoffnung ansehen könnten!“
Anno 1539 am 11. April war D. M. Luther in seinem
Garten und sah die Bäume mit tiefen Gedanken an, wie sie
also schön und lieblich blühten, knospeten und grünten, und
bderwunderte sich sehr darüber und sprach: „Gelobt sei Gott, der
Schöpfer, der aus toten verstorbenen Kreaturen im Lenz alles
wieder lebendig macht! Sehen doch die Zweiglein, sprach er,
so lieblich und feist, gleich als wenn sie schwanger und voller
Junge wären und der Geburt nahe. Da haben wir ein schönes
Bild von der Toten Auferstehung. Der Winter ist der Tod, der
Sommer aber ist die Auferstehung der Toten, da es dann alles
lebendig wird und wieder grünet.“

In dieser Stimmung, mit der Gemütsdisposition eines
frommen Kindes, das wachsen will und jenseits Frucht tragen
unter der Sorge eines allgütigen Vaters, ist Luther in die
Ewigkeit gegangen. Seine letzten Aufzeichnungen, die sich
auf dem Tische seines Sterbezimmers fanden, schließen mit den
Worten: „Die heilige Schrift meine niemand genug geschmeckt
zu haben, er habe denn hundert Jahr mit Propheten, wie Elias
        <pb n="90" />
        132

Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
und Elisa, Johann Baptist, Christus und die Apostel, die Ge—
meinden kirchlich geleitt. Du aber lege nicht die Hand an
jene göttliche Aneis, sondern gehe tief anbetend ihren Spuren
nach!“

J
Als Luther starb, war der Kaiser zum deutschen Kriege
entschlossen; auch ließ er seinen Vertrauten keinen Zweifel
darüber, daß er diesen Krieg in erster Linie als Religions—
krieg ansehe: wären die Protestanten besiegt, so werde freilich
auch die verhaßte Libertät der Fürsten unterdrückt werden.
So schob sich Ziel zu Ziele; gegen die Verfassung des Reiches
nicht minder wie gegen die Reformation richteten sich die letzten
Gedanken Karls. Aber eben wegen dieser doppelten Aufgabe
meinte er, die Dinge aufs sorgsamste vorbereiten zu müssen.
Gleichwohl ward er schließlich vorwärts gedrängt durch die
Haltung der Kurie. Der Papst war durch den Verlauf des
Reichstages zu Regensburg im Jahre 1544 wie durch die Ver—
handlungen des Friedens zu Croͤpy, soweit sie ein Einverständnis
Frankreichs und Karls über ein allgemeines Konzil betrafen,
aufs äußerste mißtrauisch geworden; er hatte den Eindruck, daß
er unter allen Umständen den Folgen dieser Verhandlungen zu—
vorkommen müsse: am gleichen Tage mit dem Frieden von
Troͤpy erschien die Bulle, welche die Christenheit zu dem lange
verweigerten allgemeinen Konzil nach Trient auf den 14. März
1545 einberief.

Dem gegenüber blieb denn Karl nichts übrig, als dem
Papst zu zeigen, daß er im Grunde an keine Nachgiebigkeit gegen—
über den Protestanten denke; schon im Sommer 1545 begann
er mit dem Papst wegen eines Einvernehmens und finanzieller
sowie militärischer Unterstützung zu einem Kriege gegen die
Protestanten zu verhandeln.

Dem entsprach dann die weitere Haltung der Kurie. Als
das Konzil von Trient am 18. Dezember 1545 wirklich zu—
sammentrat, veranlaßte der Papst alsbald eine möglichst schroffe
        <pb n="91" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 483
Behandlung der protestantischen Frage; durch stärkste Stellung—
nahme gegen die deutschen Ketzer glaubte er den Kaiser am
besten bei seiner Absicht halten zu können. In der That schloß
Karl endlich, nach mannigfachen Bedenken und Täuschungs—
bersuchen gegenüber den Evangelischen in der ersten Hälfte des
Jahres 1546, erbittert durch weitere Fortschritte des Protestantis⸗
mus, am 9. Juni 1546 von Regensburg aus mit dem Papste
ab, und schon am 16. Juni ward der Vertrag zu Rom ratifi—
ziert. Hiernach bewilligte der heilige Vater dem Kaiser zu dem
Glaubenskrieg gegen die deutschen Ketzer eine Beihilfe von
200 000 Kronen und 12000 Mann zu Fuß, 500 zu Roß,
ferner die Hälfte des römischen Jahresertrags aus der spanischen
Kirche und den Verkauf spanischer Kirchengüter bis zur Höhe
oon einer halben Million Kronen.

Varallel mit diesen Geschäften hatte Karl in Regensburg
und von Regensburg aus auch mit deutschen Fürsten und
sonstigen Ständen verhandelt. Sein Ziel war dabei, die Häupter
des Schmalkaldner Bundes womöglich zu vereinsamen; waren
Hessen und Kursachsen etwa nur noch auf sich gestellt, dann
wollte er über sie herfallen, ein Exempel statuieren, schrecklicher
denn dasjenige Cleve-Jülichs, und sich somit den Gehorsam des
ganzen Reiches sichern.

Vor allem galt es hier, die alten sozialen Spaltungen der
Nation, das gegenseitige Mißtrauen der Städte, des Adels, der
Fürsten zu benützen. Von ihnen hatten die Fürsten im Verlauf
der dreißiger Jahre sich ganz in den Vordergrund geschoben,
namentlich der Adel war dagegen völlig zurückgetreten; überall
hatte er Eingriffe fürstlicher Herrschaft zu fürchten gehabt.
Diese Entwicklung trieb dem Kaiser jetzt den Adel in die Arme;
überall gewannen seine Abgesandten, namentlich unter dem
Einfluß des Grafen Reinhard von Solms, die Freiherren des
Reichs und die Grafen. Anders stand es mit den Städten.
Sie spielten im Schmalkaldischen Bunde immerhin eine noch
gewichtige Rolle; es war nicht abzusehen, wie sie dem Kaiser
ohne weiteres zufallen sollten. Der Kaiser begnügte sich daher,
        <pb n="92" />
        434 Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
sie kurz vor Ausbruch des Kampfes ebenso wie die schweizerische
Eidgenossenschaft zu benachrichtigen, daß er nur gegen einige
unbotmäßige Fürsten vorgehen wolle; die kirchlichen Ziele des
Krieges verschwieg er. Leichteres Spiel dagegen hatte der
Kaiser wiederum bei einzelnen Fürsten. Wann hätte die deutsche
Vergangenheit jemals eine volle Einheit seiner Fürsten gesehen?
Am natürlichsten war, daß die katholischen Wittelsbacher, denen
der Kampf als ein rein religiöser geschildert wurde, sich dem Kaiser
verbündeten; am 7. Juni 1546 kam zu Regensburg ein Ver—⸗
trag mit Wilhelm von Bayern zu stande, der den bayrischen
Wittelsbachern unter gewissen Bedingungen die Aussicht auf
die pfälzische Kur eröffnete.

Aber auch protestantische Fürsten ließen sich gewinnen.
Neben der älteren frommen Generation protestantischer Fürsten
war jetzt ein jüngeres Geschlecht im Aufwuchs, das die ersten
Tage des neuen Glaubens nicht gesehen hatte. Es wich weit
ab von dem treuherzigen Geschäftsbetrieb der älteren Generation,
die, in kleinen Verhältnissen groß geworden und gealtert, sich
glücklich schätzte, das eigene Land zu verwalten und dem Nachbar
auf diplomatisch weniger feine als äußerlich gewaltsame Art
das Seine zu rauben. Diese Jungen hatten die Welt gesehen,
sie kannten die weiten Geschäfte des Kaisers, sie waren mehr
oder minder seine Schüler. Gelassen, ruhig, diplomatisch
gewandt, minder ehrenhaft in Treue und Glauben, ent—
behrten sie des Funkens religiöser Begeisterung, ja gelegentlich
wohl völlig des religiösen Interesses. Es begreift sich, daß der
Kaiser in diesen Kreisen Bundesgenossen zu finden hoffen konnte
und fand. Von den Brandenburgern traten die Markgrafen
Hans und Albrecht auf seine Seite, von den Welfen Erich II.
von Braunschweig; auch die wittelsbachischen Pfälzer gerieten
ins Schwanken: vor allem aber gewann der Kaiser den glänzend⸗
sten Vertreter der neuen Fürstenart, den Herzog Moritz von
Sachsen. Alsbald nach seinem Regierungsantritt (1541) war
Moritz schon aus dem Schmalkaldener Bunde ausgetreten und
hatte sich dem Kaiser genähert zum Schutz gegen den kurfürst—
lichen Vetter, mit dem er in ewigem Zwiste lebte, wie in der
        <pb n="93" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1855. 435
Hoffnung ehrgeizigen Ländererwerbs: jetzt ward ihm die Schutz⸗
herrschaft über die Bistümer Magdeburg und Halberstadt sowie
eine gewisse Selbständigkeit des evangelischen Bekenntnisses in
seinem Lande, geeigneten Falls sogar die sächsische Kurwürde ver—
sprochen, falls er einstweilen wenigstens neutral bliebe. Es war ein
mehr als glänzendes Anerbieten; es blendete den religiös wenig
heanlagten Fürsten; noch in Regensburg nahm er es an.

Während all dieser Vorbereitungen waren die Schmal—
kaldener ruhig, ja beinahe sorglos geblieben, so sehr der Kaiser
auch schon, seitdem er länger in Deutschland verweilte, von
dem Nimbus des getreuen, frommen, ehrsamen Herrschers ver—
loren hatte, und so sehr man wußte, daß er rüste. Aber man
hatte im Bunde einstweilen zu viel mit sich selbst zu thun.
Seit Herbst 1544 hatte sich Landgraf Philipp den Verbündeten
wieder genähert; er hatte gleichzeitig Verhandlungen mit Eng—
land, Dänemark und Bayern aufgenommen; er sah seit dem
Frieden von Crépy das Schicksal, das den Protestanten drohte.
Aber eben seine Hellsichtigkeit machte ihn den Bundesgenossen
einigermaßen verdächtig, und die alsbald wieder auftauchende
Rivalität mit Kursachsen trug nicht dazu bei, die frühere
Sicherheit der Beziehungen aller Bundesmitglieder rasch wieder
herzustellen.

Erst in dem Augenblick, da man von Rom her vernahm,
daß Paul III. seinen Enkeln Kreuz und Fahne für den deutschen
Glaubenskrieg übergeben habe, daß er einen Ablaß verkündet habe
für den gemeinen Frieden und die Ausrottung der Ketzer, als man
erfuhr, daß der Kaiser auf eine Anfrage wegen seiner Rustungen mit
ausweichendem Lachen geantwortet habe — schlug die Stimmung
unter den Protestanten um. Und nun zeigte sich eine ganz un—
erwartete Einmütigkeit innerhalb der vom Kaiser nicht vorher
gewonnenen Glieder des Bundes. Schon Anfang Juli stand es
fest, daß die Protestanten dem Kaiser mit zunächst überlegenen
Truppen entgegentreten würden. Und es waren merkwürdige
Tage, die Sommertage des Jahres 1546, als sich die deutschen
Massen einiger, als seit langer Zeit, gegen das stammesfremde
Reichsoberhaupt und seine ausländischen Truppen erhoben;
        <pb n="94" />
        436 J Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
überraschend kam der Andrang, begünstigt ward er von einer
Verschiebung der internationalen Lage zu Ungunsten der kaiser—
lichen Politik; der Sieg der Protestanten erschien gewiß.

Allein wie anders endete der Feldzug. Die schwerfällige
Einrichtung eines Bundeskriegsrates, die nie völlig auszu—
tilgende Eifersucht zwischen Hessen und Kursachsen, die infolge
davon eintretende Langsamkeit aller Bewegungen hinderte schon
in der ersten Phase des Krieges jeden Erfolg.

Während der Kaiser in Regensburg saß, im Oberbefehl
einer an Zahl den Schmalkaldnern fünffach unterlegenen Truppe,
der erst spät von Italien und den Niederlanden her Zuzug
kommen konnte, hatten sich schon zwei Heere des Bundes formiert;
das eine im Süden, das andere im Centrum Deutschlands. Die
Truppen des Südens machten, vornehmlich von Schärtlin von
Burtenbach geführt, erfolgreiche Anfänge eines Versuches, den
Zumarsch der kaiserlichen Italiener zu hindern, indem sie die
Brennerstraße, zunächst im Unterinntal, besetzten. Aber mitten
im Vormarsch wurden sie vom Kriegsrat zurückberufen.

Inzwischen war das mitteldeutsche Heer, Truppen vor
allem Kursachsens und Hessens, zum Marsche gegen den Kaiser
aufgebrochen: wäre es unmittelbar auf Regensburg losgezogen,
hätte es sich vor den Thoren der Stadt mit den süddeutschen
Truppen vereinigt, so wäre der Kaiser aller Vermutung nach
verloren gewesen. Statt dessen bewerkstelligte man die Ver—
einigung fast 100 Km donauaufwärts bei Donauwörth. Das
gab dem Kaiser Zeit, die Italiener an sich zu ziehen und nun
mit etwa 835000 Mann den Schmalkaldner Truppen eben⸗
mächtig bis Ingolstadt entgegen zu marschieren. Hier blieben
die feindlichen Heere in Lagern gegenüber stehen; es kam gegen
Ende August zu einer erfolglosen gegenseitigen Kanonade; darauf
drängte der Kaiser die Schmalkaldner nach Schwaben hinüber,
während er gleichzeitig die niederländischen Truppen mit seinem
Heere vereinigte. Der Feldzug des Sommers war infolge
rein strategischer Unterlegenheit für die Schmalkaldner verloren:
eine Thatsache, die in Anbetracht der ursprünglichen Aus—
sichten in ganz Deutschland den schlimmsten Eindruck machte
        <pb n="95" />
        KRämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 437
und zugleich England und Frankreich endgültig bestimmte, sich
nicht in die deutschen Verhältnisse zu mischen.

Und während man in Schwaben ziemlich ratlos weilte,
brach Herzog Moritz von Sachsen in Mitteldeutschland los.
Am 27. Oktober 1546 ward die sächsische Kurwürde auf ihn
übertragen und ihm der Erwerb der gesamten kursächsischen
Länder in Aussicht gestellt. Am gleichen Tage erklärte er
Johann Friedrich die Fehde, und seine Truppen besetzten im
Verein mit böhmischer Hilfe König Ferdinands binnen kurzem
das ganze Kurland; nur Wittenberg und Gotha hielten sich
aufrecht. Es war das Signal zum Abmarsch der Schmal—⸗
kaldner aus Schwaben, zur Entwaffnung des Südens und
Westens überhaupt. Hier hatte Karl die großen Städte schon
längst empfindlich zu treffen gewußt, indem er ihre Handels—
güter in seinen Reichen mit Beschlag belegen ließ, überhaupt
ihren materiellen Interessen thunlichst entgegentrat. Jetzt er—
gaben sie sich ihm wehrlos — waren doch viele ihrer reichen
Geschlechter, vor allem die großen Bankhäuser der Fugger,
Welser, Baumgartner und andere, längst infolge alter Geschäfts—
bindungen mit dem Papste an den alten Glauben, infolge
außerordentlicher Vorschüsse und Verdienste an den Kaiser ge—
fesselt. Karl aber nutzte die Gelegenheit aus, um den Ein—
wohnern die schwersten Schatzungen aufzuerlegen; es war
der Beginn des Verfalls der finanziellen Größe des deutschen
Bürgertums. Unter diesen Umständen vermochte sich auch das
deutsche Fürstentum des Südens nicht mehr zu halten. Herzog
Ulrich von Würtemberg mußte sich unter Zahlung von
300 000 Gulden Kriegsentschädigung ergeben und ward aufs
grausamste gedemütigt. Und schon erstreckten sich die Wirkungen
des verlorenen Feldzugs weiter, den Rhein hinab; am 25. Februar
1547 verzichtete der evangelisch gesinnte Herrmann von Wied,
vom Papste seines Amtes entsetzt, auf das Kölner Kurfürsten—
tum, und an seine Stelle trat ein neuer katholischer Erzbischof,
Adolf von Schaumburg.

Das Schicksal des Schmalkaldner Bundes mußte sich jetzt
in Mitteldeutschland entscheiden. Hierhin war das Bundesheer
        <pb n="96" />
        138 Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
gezogen; hier entfaltete jetzt Johann Friedrich den größten
Eifer und Erfolg in der Rückeroberung seines Landes, ja er
suchte Moritz im eigenen Gebiete auf. Gleichzeitig begann es
in Böhmen zu gären, die alten hussitischen Ideen rangen sich
wieder empor; der utraquistische Adel ward aufsässig und suchte
Verbindungen mit Johann Friedrich von Sachsen. Ein zweiter
Abschnitt des Kampfes war eingeleitet: wird er zu Gunsten
der Reformation verlaufen?

Wiederum ward der rechte Augenblick der Offensive ver⸗
säumt. Johann Friedrich begnügte sich damit, sein Land
zurückzuerobern und das Land des neuen Kurfürsten Moritz
zu schädigen; statt sich gegen Franken hin nach Süden zu
wenden, unternahm er im April 1547 einen Vorstoß gegen
Dresden. So ließ er dem Kaiser freien Lauf, von Südwesten
her gegen ihn heranzuziehen. Und rascher, als man es ahnte,
stand das kaiserliche Heer nördlich des Erzgebirges. Am
24. April erreichte es zwischen Elbe und schwarzer Elster, süd—
lich der Lochauer Heide, in der Gegend von Mühlberg, den
rückwärts nach Norden zu marschierenden Kurfürsten, zersprengte
sein Heer ohne eigentlichen Kampf und nahm Johann Friedrich
selbst gefangen. Darauf ging der Kaiser zur Belagerung des
nahen Wittenbergs über, und im Lager vor der Stadt sah sich
Johann Friedrich am 19. Mai zu einer Kapitulation genötigt,
die seine Person, über die vorher das Todesurteil gesprochen
worden war, in die unbegrenzt dauernde Gefangenschaft des
Kaisers gab und seinem Hause die Kurwürde und die Kur—
lande absprach. Nichts blieb dem verlorenen Manne, als sein
Glaube, den er standhaft und siegreich verteidigte.

Es war ein unerhörter Schlag, der ganz Norddeutschland
dem Kaiser zu Füßen warf. Und schon schwankte auch der
letzte politische Hort des Protestantismus, Hessen.

Was vermochte Landgraf Philipp gegenüber dem nunmehr
allmächtigen Kaiser? Nur darauf kam es noch an, eine mög—
lichst vorteilhafte Form der Unterwerfung zu finden. Für den
Landgrafen vermittelten sein Schwiegersohn, Kurfürst Moritz,
und Kurfürst Joachim II. von Brandenburg. Allein sie erreichten
        <pb n="97" />
        Rämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 439
nicht mehr, als daß der Landgraf sich auf Gnade und Ungnade
ergeben müsse, wobei freilich Lebensstrafe, Konfiskation und
ewiges Gefängnis ausgeschlossen sein sollten. Wenigstens unter
diesen Aussichten, ja mehr noch: mit der sicheren, von beiden
Kurfürsten mit ihrer Person gewährleisteten Hoffnung, über—
haupt nicht gefangen gesetzt zu werden, stellte sich Philipp zu
Halle dem Kaiser.

Es kam anders. Während eines Abendessens beim
Herzog Alba ward Philipp am 19. Juni ergriffen und ge—
fangen gesetzt. Als grausamer Sieger, die Häupter der deut—
schen Protestanten gefangen mit sich führend, verließ der Kaiser
die Länder, in denen Luther geboren war und gelehrt hatte.
Und gleichzeitig schlug sein Bruder Ferdinand in Böhmen in
dem Aufruhr des hussitischen Adels den letzten Widerstand
nieder, der dem Hause Habsburg und dem katholischen
Glauben noch hätte gefährlich werden können.

Nach seinen Siegen berief der Kaiser zum Herbst 1547
einen Reichstag nach Augsburg. Noch war er, als er zu seiner
Eröffnung am 1. September in Augsburg einritt, von Massen seiner
fremden Söldner umgeben: es war ein „geharnischter Reichs—
tag“. Auf ihm begann Karl die Folgerungen aus seinem Siege
gegenüber dem Reiche und den Protestanten zu ziehen.

Da war es zunächst selbstverständlich, daß die Städte,
vornehmlich die oberdeutschen, den Preis des Kampfes zahlen
mußten. Dem Kaiser, der die Communidades Spaniens nieder—
geworfen, der den niederländischen Bürgersinn geknechtet hatte,
dem „Henker Brabants“ konnten sie von jeher nur als eine
Anomalie der deutschen monarchischen Verfassung erschienen
sein; jetzt war die Zeit gekommen, sie zu demütigen. Die
deutschen Fürsten sahen im allgemeinen in ihnen nur schlimme
Konkurrenten der Territorien; sollten zudem die protestantischen
Fürsten ihnen nach ihrem Verhalten während des Krieges be—
sonders gewogen sein? Man rechnete ihnen nach, daß sie mit

Lamprecht!. Deutsche Geschichte V, 2. 29
        <pb n="98" />
        440 Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Opferung eines kleinen Teils der Summen, die sie nachmals
dem Kaiser als Kontribution hatten zahlen müssen, dem Kriege
von Anfang an eine andere Wendung hätten geben können.

So fallen gelassen von Kaiser und Fürstentum, begannen
— V
man ließ sie zu den Beratungen über das Reichskammergericht
nicht zu; in Sachen der Reichssteuer wurden sie nicht befragt
und schwer überlastet. Es war der Anfang des Endes ihrer
politischen Stellung.

Um so mehr mußten die Fürsten hervortreten. Freilich erhob
sich über sie jetzt auch im Rahmen der Verfassung höher, wie
seit langem, der Kaiser. Man bemerkte, daß er sich an die
verbindlich ceremoniellen Formen, mit denen er die Reichsfürsten
bisher zu empfangen pflegte, minder gebunden hielt; man
sprach allgemein von seinen Plänen, dem Reich strenger
monarchische, wie man sich ausdrückte, „patrimoniale“ Formen
zu geben.

In der That war das die Absicht Karls. Er suchte sie
in der Art zu verwirklichen, daß er unter Vermeidung der
alten, eingewohnten Formen der Reichsverfassung in Reichstag
und Kurfürstenkolleg, deren Reform sehr schwierig gewesen sein
würde, vielmehr auf eine neue föderativ-⸗monarchische Verfassung
ausging, welche die alte allmählich ersetzen sollte. Eine Liga
aller Stände sollte begründet werden; sie sollte nach dem Muster
des schwäbischen Bundes für gute gemeinsame Finanzen und
ein hierauf zu begründendes Heer eintreten; ihre Beratungen
sollten auf Bundestagen in strafferer Form als der auf den
Reichstagen üblichen gehalten werden. Es wäre eine Ver—
jüngung des Reiches, zunächst noch auf föderativer Grundlage,
doch mit wesentlicher Verstärkung der die Centralgewalt kräf⸗
tigenden finanziellen und militärischen Faktoren gewesen.

Allein es ist bezeichnend, daß Karl selbst jetzt, im Zenith
seiner Macht, diese Reform gegenüber dem zähen Widerstand
der Stände, der Fürsten wie der Städte, nicht durchzusetzen
vermochte. Er mußte sich schließlich mit ein paar Einzelerfolgen
begnügen. Eine Reichskriegskasse wurde begründet, das Be—
        <pb n="99" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 441
setzungsrecht für die beisitzenden Räte des Reichskammergerichts,
bisher ständisch, wurde dem Kaiser überlassen. Wichtiger war
für den Kaiser, daß das Verhältnis der Niederlande zum Reiche
am 26. Juni 1548 in der Weise geordnet ward, daß die Lande
zwar nunmehr völlig in die Finanz- und Militärverfassung des
Reiches eintraten, aber gleich den Schweizern der Unterstellung
unter das Reichskammergericht entzogen wurden: also nur noch
„Anverwandte“ des Reiches sein sollten.

Es war eine Maßregel, der die Überweisung der Nieder—
lande an Philipp, den Sohn des Kaisers, nicht an Maximi—
lian, den späteren Kaiser Max II. und Sohn König Ferdinands,
zur Seite lief: Philipp, obgleich Vollblutspanier, sollte auf
diese Weise im Reiche in besonderer Selbständigkeit heimisch
werden, um dereinst an seines Vaters Statt dessen Krone tragen
zu können: es war die erste Vorbereitung für eine spätere Wahl
Philipps zum deutschen König.

Dringlicher indes, als diese Aussichten, erschien jetzt vor
allem die Regelung der kirchlich-religiösen Angelegenheiten der
Protestanten. Und hier war die Lage insofern schwierig genug,
als die Spannung zwischen Papst Paul III. und dem Kaiser
inzwischen den höchsten Grad erreicht hatte. Der Papst wünschte
für sein Haus die Erwerbung von Parma und Piacenza: der
Kaiser trat dem entgegen; die Kurie fühlte sich in Italien
nicht frei, solange die Halbinsel allein in der Hand der Spanier
war: Karl ging immer kräftiger in Italien vor, und deutlicher
bereits schien die Möglichkeit einer erneuten kaiserlichen Theo—
kratie bevorzustehen, der der Papst nur noch als Bischof von
Rom gelten werde.

Unter diesen Gegensätzen war das Konzil von Trient am
13. Dezember 1545 zusammengetreten; von Anbeginn nahm es
einen den kaiserlichen Wünschen entgegengesetzten Verlauf. An—
fang 1547 war dann der Gegensatz zwischen Papst und Kailer
soweit verschärft, war die Furcht in Rom vor einem allzu voll—
ständigen Sieg des Kaisers über die Protestanten soweit ge—
diehen, daß der Papst seine Truppen mitten in der Kreuzfahrt
gegen Hessen und Sachsen dem kaiserlichen Kommando entzog.

29 *
        <pb n="100" />
        442 Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Damit nicht genug, verlegte der Papst am 11. März 1547
das Konzil von Trient nach Bologna; er entfernte es vom deut⸗
schen Reichsboden, um dem Kaiser nicht die Möglichkeit einer
konziliaren Verständigung zwischen Katholiken und Protestanten
zu gewähren. Der Kaiser antwortete, nach einigen Versuchen
nochmaliger Aussöhnung, nun auch seinerseits aufs entschiedenste;
er verschloß dem Papst jede Aussicht auf Parma und Piacenza;
er sprach dem Konzil zu Bologna den Charakter eines katho—
lischen Universalkonzils ab; er erklärte, daß er nunmehr als
Vogt der Kirche für die Beilegung des religiösen Zwistes in
Deutschland allein werde zu sorgen haben.

Dieser Anschauung gemäß machte sich auf sein Geheiß
eine Dreizahl von Theologen, darunter von protestantischer
Seite der eitle brandenburger Hofprediger Agricola, ans Werk,
um im größten Geheimnis ein Verzeichnis derjenigen Punkte
zu entwerfen, in denen die Katholiken des Reiches den Pro—
testanten nachgeben könnten, ohne ihr Gewissen zu belasten.
Diese Punkte sollten den Protestanten dann von Reichswegen
zugelassen werden bis auf ein wirklich allgemeines und freies
Konzilium. Das Ergebnis der theologischen Beratungen, wie
sie durch Vermittelung einer Schrift des Naumburger Bischofs
Pflug auf das Regensburger Interim des Jahres 1541 zurück-
gingen, lag Mitte März 1548 vor in einem Gutachten, das
den inneren Kern des Protestantismus fo gut wie ganz ver—
neinte und nur in einigen äußeren Fragen, namentlich in der
des Abendmahls in beiderlei Gestalt und der Priesterehe, ein
tolerari posse aussprach. Es war ein Elaborat, das ganz die
Zustimmung des Kaisers fand; als sogenanntes Augsburger
Interim wurde es am 15. Mai 1548 vom Reichstag. an⸗
genommen, ohne daß sich formeller Widerspruch erhob.

So war denn ein Modus vivendi zwischen Katholiken und
Protestanten, in Wahrheit freilich fast eine Formel protestantischer
Unterwerfung gefunden, für welche der Kaiser Anerkennung ebenso
vom Papst und den Protestanten erhoffte, wie sie (indes nur in
ihrer Geltung für die Protestanten) die wahrhaftig gemeinte
Zustimmung der katholischen Stände des Reiches gefunden hatte.
        <pb n="101" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 4438
Allein da ergaben sich nun sofort Schwierigkeiten. Papst
Paul war trotz aller Bedrängung durch den Kaiser nicht dahin
zu bringen, das Interim rund anzuerkennen. Zwar übersah
er es schließlich, daß deutsche Bischöfe das Interim amtlich
veröffentlichten, auch löste er im September 1549 das dem
Kaiser anstößige Konzil zu Bologna auf; aber weiter ist er
bis zu seinem Tode, der am 9. November 1549 erfolgte, nicht
gegangen. Der neue Papst, Julius III., ein willensschwacher
und geistig wenig bedeutender Mann, hat dann allerdings das
Konzil von neuem nach Trient, auf deutschen Reichsboden,
geladen; am 1. Mai 1551 sollte es eröffnet werden. Allein
nun hatten sich die Dinge schon andererseits wieder so ver—
schoben, daß selbst bei größter Fügsamkeit ein voller Erfolg
des Interims nicht mehr zu erwarten stand.

Der Umschwung kam aus dem protestantischen Deutschland
wie aus den deutschen Fürstenkreisen überhaupt.

Wessen er sich in Sachen des Interims von der Nation
würde zu versehen haben, konnte Karl schon den AÄußerungen
der Fürsten auf dem Augsburger Reichstag entnehmen. Be—
zeichnend war, daß selbst der gefangene Kurfürst Johann
Friedrich sich erfolgreich weigerte, es anzunehmen: das gehe
gegen Seele und Gewissen. Ihm ähnlich sprach sich der
Markgraf Hans von Küstrin aus; andere Fürsten, selbst der
kluge Moritz von Sachsen, baten, es wenigstens stückweise und
langsam einzuführen, um die religiösen Bedenken der Unter—
thanen zu schonen.

Ganz anders klar aber äußerte sich bald die öffentliche
Meinung der Protestanten, und sie war fast identisch mit
der Meinung der Nation. Man fand das Interim bald lächer—
lich, bald anmaßend; eine Flut von Spottversen und höhnischen
Broschüren ergoß sich über den Text und seine Urheber; Agri—
cola wäre in Thüringen bald gesteinigt worden. Es war klar:
von einer eigentlichen Aufnahme so ungeschickter Reform—
bestrebungen war in der Nation keine Rede.

So gelang es dem Kaiser, nur da, wo er unmittelbar
energisch einwirken konnte, wenigstens eine äußerliche An—⸗
        <pb n="102" />
        Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
erkennung des Interims zu erreichen. Es geschah namentlich
in den süddeutschen protestantischen Gegenden und in den süd—
deutschen Reichsstädten, die jetzt vollends geknebelt und vielfach
auch der älteren freieren Verfassung beraubt wurden. Für die
größten Territorien Mittel- und Norddeutschlands dagegen mußte
der Kaiser damit zufrieden sein, daß man sich langsam und
unzufrieden dem Interim bis zu einem gewissen Punkte an—
bequemte; geschah das namentlich auch in dem Wiegenlande der
Reformation unter der persönlichen Einwirkung des Kurfürsten
Moritz und unter traurigem Entgegenkommen der Wittenberger
Reformatoren, namentlich Melanchthons, so wurde dem doch
von anderer Seite her energisch und mit Glück, namentlich
von den Magdeburger Theologen, widersprochen.

Im ganzen war der Erfolg mehr scheinbar, als von
dauernder Wirkung, und der Kaiser nahm es gern hin, als ihm
das Papsttum die Möglichkeit bot, aus der verfahrenen Lage
in Deutschland wieder herauszukommen. Das geschah durch
die erneute Eröffnung des Trienter Konzils im Mai 165651, dem
beizuwohnen der Kaiser auch die Protestanten in einem Reichs—
tagsabschied vom Februar 1551 veranlaßt hatte. Freilich be—
deutete diese Wendung gegenüber der bisherigen Haltung des
Kaisers eine Niederlage: die Stellungnahme hoch über Papst
und Protestanten zugleich war aufgegeben, die Zukunft des
deutschen Schismas den konziliaren Beratungen, den ordent—
lichen Verfassungsorganen der alten Kirche anheimgestellt.
Und war aus solcher Lösung Gutes für Deutschland und
den Kaiser zu erwarten? In dem Augenblick, da sie eintrat,
handelte es sich in Deutschland schon nicht mehr so sehr um
protestantische, als um politische Interessen; die Opposition
gegen den Kaiser hatte sich verschoben und umfaßte jetzt das
gesamte Fürstentum, d. h. nach der vom Kaiser selbst herbei—
geführten Lage der Dinge alle Vertreter des Föderalismus im
Reiche.

Seit etwa 1547 kränkelte der Kaiser aufs bedenklichste;
schon den Feldzug gegen Johann Friedrich hatte er großenteils
nur in der Sänfte mitmachen können. Um 1550 schien sein
        <pb n="103" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 18555. 445
Ende in nächster Zeit zu erwarten; sein niemals starker Körper
zeigte sich durch die Anstrengungen eines seit Jahren durchaus
persönlichen Regiments nicht minder wie durch die Anforde—
rungen einer dem Übermaß des Essens und Trinkens gewidmeten
Muße völlig verbraucht.

Wie die Welt, so mußte auch der Kaiser selbst sich in
dieser Lage mit der Zukunft seines Hauses und seinem Reiche
beschäftigen. Nun war für die nächste Nachfolge an der Krone
schon gesorgt; seit 13831 war Karls Bruder Ferdinand römischer
König. Allein bei den nicht weit voneinander entfernten Jahren
der Brüder trat darüber hinaus die Frage auf, wer denn dessen
Nachfolger sein werde? Und hier kam für den Kaiser neben
Marimilian, dem jovialen, in Deutschland außerordentlich be—
liebten Sohne Ferdinands, vor allem, ja ausschließlich sein
eigener Sohn, Philipp, in Betracht. Philipp war der Kandidat
des Kaisers; seine Wahl durch die deutschen Kurfürsten sollte
den mit dem Jahre 1547 eingeleiteten Umschwung der deutschen
Verhältnisse krönen.

Natürlich trat dem zunächst der Widerstand Ferdinands
entgegen. Konnte der Kaiser wirklich glauben, daß er seinen
Bruder durch einen am 9. März 1551 abgeschlossenen Vertrag
dauernd gefesselt habe, wonach zunächst Philipp und erst nach
dessen Kaiserkrönung Maximilian zum deutschen König gewählt
werden sollte? Jedenfalls versuchte er die Wahl Philipps zum
deutschen Könige mit allen Mitteln durchzusetzen.

Aber da erlebte er eine grausame Enttäuschung. Mochte
er auch nicht auf die augenblickliche Erfüllung seiner Absichten
gerechnet haben; die Thatsache, daß von allen Kurfürsten sich
nur zwei zu dem Reichstag begaben, von dem man vermutete,
er werde zur Beschäftigung mit der Wahlfrage Anlaß geben,
war über alle Maßen beschämend. Und die zwei erschienenen
Kurfürsten, die Erzbischöfe von Mainz und Trier, erklärten
vor dem päpstlichen Nuntius, niemals würden sie der Wahl
Philipps zustimmen; ja sie empfahlen sich päpstlichem Schutze
gegenüber den Zumutungen des Kaisers!

Es war klar: die fürstlichen Libertätsgelüste waren, soweit
        <pb n="104" />
        146

Fünfzehntes Buch. Viertes RKapitel.
sie sich im Einklang mit dem Interesse der Nation äußern
konnten, noch mit nichten gebrochen. Und eben in diesem
Zusammenfall lag das Bezeichnende des Vorgangs. In Philipp
mied man nicht so sehr den Sohn Karls V. als den Spanier.
Man war jetzt in allen Kreisen der Nation von dem Ergebnis
gleich wenig erbaut, das die Vereinigung so vieler Kronen auf
dem Haupte Karls für Deutschland gehabt hatte; die Ablehnung
der Wahl Philipps war eine unzweideutige, wenn auch späte
Kritik der Wahl des Jahres 1519. Und sie war zugleich eine
Kritik der Regierung Karls überhaupt. Erst seit den vierziger
Jahren hatte der Kaiser längere Zeit in Deutschland zugebracht,
hatte er sich und sein persönliches Regiment der Nation klar
gezeigt. Das Ergebnis war allgemeine Enttäuschung; der
Kaiser war alles andere, als populär. Und noch weniger
populär war seine Umgebung. Während die Spanier und
Italiener derselben, weitaus vorherrschend in allen wichtigen
Posten, auf die Deutschen höhnend herabsahen, merkten sie
nicht, welch ein Haß sich gegen sie, gegen die spanische Solda—
teska, gegen die Fremden überhaupt in der Nation anzusammeln
begann: Karl ist der erste und letzte fremde Kaiser des alten
Reiches gewesen.

Nun, gegenüber der Forderung, Philipp zum König zu
wählen, trafen sich all diese Anstände gegen den Kaiser, seinen
Hof, sein Heer gleichsam in einem Brennpunkte: niemals würde
die Nation eine solche Wahl ertragen haben. Die Fürsten
aber, die sich dieser Wahl zunächst zu entziehen suchten, han—
delten dabei im Sinne dessen, was sie im Laufe des letzten
Jahrhunderts wirklich geworden waren, im Sinne der führenden
Vertretung der Nation. So trat in dieser Frage die religiöse
Seite völlig zurück: ein einheitlicher Zug ging durch die deutsche
Welt, und gerade ihm zeigte sich der Kaiser nicht gewachsen. Es
war eine Erfahrung, die bei den Fürsten, die soeben noch in den
Personen ihrer Vettern von Würtemberg, Sachsen und Hessen
durch den Kaiser aufs ärgste gedemütigt worden waren, leicht
weitere Erwägungen veranlassen mußte.
        <pb n="105" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 15585. 447
III.
Lange bevor der Kaiser offen mit dem Plane der Wahl
Philipps auftrat und dadurch die gesamte deutsche Fürstenwelt,
die er durch die Behandlung der gefangenen Fürsten und die
Beibehaltung des spanischen Kriegsvolks längst persönlich er—
bittert hatte, auch politisch stutzig machte, hatten die protestan—
tischen Fürsten des Nordens schon an einen neuen Bund zum
Widerstand gegen ein erneutes Vordringen des Kaisers gedacht.
Sie waren dabei gedeckt durch das protestantische Dänemark,
durch den dem Kaiser fast unerreichbaren Preußenherzog, der
des Reiches Acht ohne viel Mühsal trug, wie durch Polen,
wo die Reformation namentlich unter dem Adel Fortschritte
gemacht hatte. Außerdem konnten sie sich der Sympathien der
größeren nordostdeutschen Städte gewiß halten.

So begann schon Anfang des Jahres 1548 Herzog Otto
von Braunschweig-Harburg mit Frankreich zu verhandeln; er—⸗
folglos. In den Mittelpunkt eines vornehmlich nordischen
Bundes trat darauf der Markgraf Johann von Küstrin; er
brachte schließlich auf der Hochzeit des Herzogs Albrecht von
Preußen in Königsberg während des Februars 1550 einen Ver—
teidigungsbund zwischen sich, dem preußischen Herzog und Herzog
Albrecht von Mecklenburg zu stande.

Der Bund hatte an sich keine große Bedeutung, wenn ihm
auch noch einige Teilnehmer zutraten. Wichtig wurde er erst,
als Moritz von Sachsen thätig eingriff und bald die Führung
in ihm erreichte. Kurfürst Moritz war unter allen deut—
schen Fürsten der gelehrigste Schüler der kaiserlichen Politik;
strupellos, nur eigene und allenfalls noch allgemeinere fürstliche
Standesinteressen anerkennend, wußte er sich mit allen Mitteln
eines weit umherschauenden Blickes, größter Schlauheit und
ungemessenen Ehrgeizes zu fördern. Erstaunlich wandelbar in
den Mitteln zu feststehenden Zielen war er ungemein schwer
zu enträtseln; deshalb dem Mißtrauen aller ausgesetzt,
hat er gleichwohl alle überlistet. Schon seit mehreren Jahren
hatte der Kaiser ihn bitter verletzt. Nach der Besiegung des
        <pb n="106" />
        448 Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Kurfürsten Johann Friedrich hatte er gehofft, die Bistümer
Magdeburg und Halberstadt zu erhalten; der Kaiser hatte nicht
daran gedacht, sie ihm zu geben. Auch war er nicht in den
vollen Besitz aller wettinischen Länder gelangt, vielmehr hatte
er zur Ausstattung der der Kurwürde entsetzten Ernestiner
diesen einen Teil der thüringischen Lande abtreten müssen.
Dem allen war dann die Gefangennahme seines Schwieger—
vaters Philipp von Hessen gefolgt gegen das ausdrückliche, ihm
gegenüber geleistete Versprechen, er solle nicht durch Gefangen—
setzung bestraft werden. Und empörend wurde Philipp in der Ge—
fangenschaft behandelt. Während Johann Friedrich von Sachsen,
der dem Kaiser gegebenenfalls noch gegen Moritz nützen konnte,
freundlich angesehen und gleichsam aufgespart ward zum Aus—
spielen gegen den verdächtigen neuen Kurfürsten, mußte Philipp
alle Härten einer wirklich grausamen Haft erdulden. Man ging
soweit, ihn ständig zu beaufsichtigen, ihn bei Ablösung der
Wachtposten in der Nacht im Schlafe zu stören; man brachte
den lebenslustigen Mann bis zum Gedanken des Selbstmordes.
Wie hätte Moritz, der stolze Fürst und Sohn, dies nicht
empfinden sollen? Und über das Gefühl der Rache hinaus
trieb ihn sein Ehrgeiz nach weiterem Besitz und höherer Würde:
zum mindesten wollte er der Retter der fürstlichen Libertät
werden gegenüber einem absolutistischen Kaiser.

So begann er seit Anfang 1550 eifrig Verbindungen zu
suchen. Er wußte sich mit den jungen Ernestinern zu stellen,
die nun in Thüringen regierten und aus ihren Gefühlen gegen
den Kaiser kein Hehl machten; er knüpfte durch die Vermitte—
lung des hessischen Hofes mit König Heinrich II. von Frank—
reich an. Er stellte sich freundlich mit Kurfürst Joachim II.
und trat durch den Markgrafen Albrecht Alcibiades von Bran—
denburg, jenen fürstlichen Räuberhauptmann der Mitte des
16. Jahrhunderts, in Beziehungen zu dem nordischen Bunde
des Markgrafen Johann von Küstrin.

Nun begegneten allerdings diese Anknüpfungsversuche
namentlich bei den nördlichen Fürsten wieder einigen Zweifeln,
als Moritz sich im Herbst 1550 mit seinen Truppen als Reichs—
        <pb n="107" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 449
felbherr gegen das geächtete Magdeburg wandte und sich
schließlich sogar mit Reichsmitteln in den Besitz der Stadt
und des Erzstiftes zu setzen suchte. Und gewiß leitete ihn
hierbei das eigene Interesse, das so lange begehrte Land zu er⸗
werben; zugleich aber vermochte er auf diese Weise auch un—
auffällig, ja im Dienste des Kaisers ein Heer aufzustellen,
das weiterhin andern Zwecken dienen konnte. Eben während
der Zeit des Magdeburger Feldzugs trat Moritz allmählich in
voller Energie und ohne Hintergedanken an die Spitze der dem
Kaiser feindlichen Bewegung der norddeutschen Fürsten. Und
es gelang ihm, sie unter seiner Führung zu einigen. Im Mai
1551 kam es zu einer Zusammenkunft zu Torgau, an der neben
Moritz Johann von Küstrin, der sich nun, wenn auch ungern,
seiner führenden Stellung im bisherigen Bunde begab, ferner
der fromme und kühne Herzog Johann Albrecht von Mecklen⸗
burg und der junge Landgraf Wilhelm von Hessen teilnahmen.
In ihr wurde beschlossen, in einem geeigneten Augenblick den
Krieg gegen Karl V. aufzunehmen, der es wage, die deutsche
Nation „von ihrer alten Freiheit in eine ewige viehische Ser—
oitut zu dringen“.

Zur Vorbereitung dieser Absicht wurde beschlossen, die
jungen Ernestiner in Thüringen als Feinde anzusprechen, wenn
sie nicht in dem kommenden Kampfe Neutralität als Beihilfe
versprächen, vor allem aber Verhandlungen mit Frankreich ein—
zuleiten; dem französischen Könige sollte für eine wirkungs—
volle Unterstützung sogar die Wahl zum römischen König in
Aussicht gestellt werden. Das hinderte nicht, daß man gleich—
zeitig beschloß, König Ferdinand unter allen Umständen zu
schonen: nach dieser Seite hin galt es, klug die Spaltung
auszunützen, die zwischen Karl V. und seinem Bruder wegen
der Kandidatur Philipps für die deutsche Köniaswürde ent—
standen war.

Am wichtigsten von alledem waren die Verhandlungen mit
Frankreich. Sie wurden denn auch mit um so größerem Eifer
betrieben, als von Frankreich her, obwohl dieses im allgemeinsten
internationalen Gegensatz zur kaiserlichen Politik stand, dennoch
        <pb n="108" />
        450 Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
die Neigung zur Verständigung nicht übermäßig groß war.
—
Deutschland mit Freuden begrüßt; allein er wünschte aus
Gründen der inneren französischen Politik keinesfalls als Be—
schützer der deutschen Protestanten angesehen zu werden. So
wurde das konfessionelle Element, das anfangs noch gelegentlich
in den Verhandlungen hervorbrach, immer mehr ausgemerzt:
die rein dynastischen, fürstlichen Gesichtspunkte traten weiter
hervor; nur zu Gunsten der fürstlichen Libertät wünschte König
Heinrich zur Hülfe gerufen zu sein. Die Verhandlungen, die
teils durch hessische Vermittelung, teils durch den Markgrafen
Albrecht von Brandenburg geführt wurden, fanden nach langen
Vorbesprechungen zu Annaburg im Oktober 1551 endlich am
15. Januar 1552 zu Schloß Chambord ihren Abschluß; die militä—
rischen Verabredungen hatten Mitte Februar 1552 zu Friede—
walde statt. Nach ihnen hatte Frankreich für die ersten drei
Monate des kommenden Feldzugs gegen den Kaiser 240000
Kronen, für jeden der folgenden Monate 70000 Kronen Hülfs—
gelder zu zahlen. Dafür versprach der Bund, bei der nächsten deut—
schen Königswahl den Wünschen Frankreichs zu folgen, und trat
an König Heinrich als Vikar des Reiches die Städte Cambrai,
Metz, Toul und Verdun ab. Es war ein Vorgang ohne—
gleichen. Wann hatten sich deutsche Fürsten herausgenommen,
über Reichsgebiet zu verfügen? Man durfte auch nicht anführen,
daß diese Städte für Deutschland weniger Wert hatten, da sie
fremdsprachig waren. Es ist ein dem 16. Jahrhundert noch fast
völlig fremder Gesichtspunkt. Es handelte sich einfach um Ver—
rat am Reiche, um damit dynastische Interessen im Innern zu
wahren. War das Verfahren so nach allen Seiten hin un—
—DD—
freilich nach der andern Seite zu bedenken, daß das Reich um
diese Zeit fast schon in Auflösung zu einem losen Staatenbund
begriffen erschien, daß eben die Kaiser es gewesen waren, die
den Eidgenossen sowie den Niederlanden eine mit dem her—
gebrachten Begriff der Reichseinheit unvereinbare freie Stellung
gegeben hatten, und daß weiter abliegende Länder des Reichs,
        <pb n="109" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 451
wie Mailand, vom regierenden Reichsoberhaupt keineswegs wie
unveräußerliche Bestandteile des Reiches, sondern wie lose Tausch—
objekte der internationalen europäischen Politik behandelt wurden.

Während so die nordischen Fürsten gegen den ihrer Frei—
heit entgegentretenden Kaiser bis zum Losschlagen gerüstet hatten,
weilte dieser sorglos, ja anscheinend ununterrichtet in Innsbruck.
Vergebens hatte seine Schwester Maria, die Statthalterin der
Niederlande, wiederholt gewarnt, er möge sich nach dem Westen,
nach den Niederlanden zu bewegen; vergebens hatte auch König
Ferdinand seine Stimme erhoben. Der Kaiser war apathisch,
krank; die Politik, in deren Gesamtlage sich wenig Gutes für
ihn fand, widerte ihn zeitweilig an.

Und Kurfürst Moritz wußte seine Absichten aufs trefflichste
zu verheimlichen. Noch am 9. November 1551 nahm er die
inzwischen eroberte Stadt Magdeburg feierlich in den Schutz
des Kaisers, während er sich gleichzeitig insgeheim gegen Zu—
lassung des evangelischen Glaubens Treue als Erbherr schwören
ließ, und noch im Winter versprach er, den Kaiser zu besuchen,
und ordnete eine sächsische Gesandtschaft an das Konzil zu
Trient ab.
So wurde der Kaiser völlig überrascht, als im März 1552
die Franzosen gegen Lothringen losbrachen und gleichzeitig ein
Heer des fürstlichen Bundes, dem sich Markgraf Albrecht
Alcibiades mit seinen Truppen anschloß, in Franken erschien,
um noch vor Ablauf des Monats bis Augsburg vorzudringen.

Und auch jetzt wußte Moritz den Kaiser hinzuhalten. Er
war in Verbindung mit König Ferdinand getreten; er hatte
ihn gebeten, zwischen dem Kaiser und den Fürsten zu ver—
mitteln; er hatte ihm für den Fall, daß es zu einer Aus—
gleichung der Gegensätze komme, seine Teilnahme an einem
großen Zug gegen die Türken versprochen, die eben damals von
neuem gegen die Habsburger Besitzungen losstürmten. Und
es war ausgemacht worden, daß zu diesem Zwecke zwischen
Ferdinand und Moritz am 4. April 1552 eine Unterredung zu
Linz stattfinden solle.
        <pb n="110" />
        — Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Man begreift das schmerzliche Erstaunen Ferdinands, als
statt dessen Moritz am selben 4. April an der Spitze des siegreichen
Bundesheeres in Augsburg einzog. Und schon fürchteten fast
alle Fürsten in Süddeutschland und am Rhein den von der
klugen Energie Moritzens getragenen Bund; nur wenige große
Städte, vor allem Ulm und Straßburg, widerstanden ihm noch,
zum Zeichen des immer noch lebenden fürstlich-städtischen
Gegensatzes. Und inzwischen hatte Markgraf Albrecht in
schwerer Kriegsfahrt Nurnberg und die Bischöfe am Main
gebrandschatzt, war König Heinrich von Frankreich von Westen
her eingebrochen und hatte Toul, Verdun und Nancy genommen,
sowie Metz erobert: übermächtig drang von allen Seiten die
Kunde von den Erfolgen des Bundes heran.

Moritz ward dadurch alles andere als übermütig. Er sah
wohl, wie die seinem Unternehmen anfangs günstige Stimmung
der Fürsten aus Zuneigung und Verwunderung immer mehr
in peinliche Überraschung über so bedenkliche Erfolge umschlug;
er hörte zugleich die nationalen Vorwürfe über seine Zugeständ—
nisse an Frankreich. Abschüttelung Frankreichs, rascher Abschluß
mit dem Kaiser war jetzt sein nächstes Ziel.

Er gab den Bund mit Frankreich auf; er suchte den Kaiser
in Innsbruck zu erreichen. Am 18. Mai wurden die Kaiser—
lichen in den bayrischen Alpen an der Ehrenberger Klause be—
siegt — der Weg nach Innsbruck stand offen; der Kaiser mußte
nach Villach entfliehen; am 28. Mai zogen die Verbündeten
in Innsbruck ein. Es war ein großer moralischer Erfolg; er
traf zusammen mit der Räumung der Reichsgebiete durch die
Franzosen.

Aber auch jetzt bedachte Moritz kühl das Ende. War der
Bund stark genug, den Kaiser in Italien anzugreifen? Würden
die deutschen Fürsten noch maßlosere Fortschritte eines der
Ihrigen dulden? Man mußte jetzt mit dem Kaiser verhandeln;
und betonte man ihm gegenüber die Libertät der Fürsten, so
war man allgemeiner Zustimmung der deutschen Fürstenwelt
sicher. Am 28. Mai ritt Moritz in Passau ein, am 1. Juni
        <pb n="111" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 453
begannen dort Verhandlungen zwischen ihm, König Ferdinand und
den zahlreich versammelten Fürsten, in denen eine Grundlage
zum Friedensschluß mit dem Kaiser gewonnen werden sollte.
Moritz forderte den Sieg der fürstlichen Libertät über eine
Anzahl kaiserlicher Ansprüche und die Gewährleistung religiöser
Duldung unter allen Umständen und für immer, möchte eine
künftige konfessionelle Einigung zwischen Evangelischen und
Katholiken erzielt werden oder nicht. Es war vorauszusehen,
daß er mit seinen Forderungen ziemlich allgemein durchdringen
würde; seine Propositionen wurden zu Propositionen der selb—
ständig verhandelnden Reichsstände gegenüber dem Kaiser.

Allein der Kaiser weigerte sich aufs hartnäckigste, diese Vor—
schläge seinerseits anzunehmen: sah er sich doch damit unmittel—
bar vor einem Ruin seiner deutschen kirchlichen wie monarchi—
schen Politik, der den Verfall auch seiner internationalen Be—
strebungen zur Folge haben mußte. Erst nach langem Mühen
gelang es Ferdinand, ihm die Zulassung einer stark veränderten
Fassung des Passauer Vertragsinhalts abzuringen. Hiernach
sollten die Beschwerden über den Absolutismus des kaiserlichen
Regiments wie die Frage eines endgültigen Religionsfriedens
erst auf einem künftigen Reichstage erledigt werden und die
geforderte Duldung einstweilen nur bis zu dessen Zusammentritt
gelten. Und auch diese Bedingungen, denen sich schließlich die
in Passau versammelten Stände wie Moritz — nicht aber als—
bald dessen Verbündete — fügten, hat der Kaiser erst am
15. August 1552 zu München widerwillig genug unter—
zeichnet.

Zweifelsohne ward damit der Sieg des fürstlichen Födera—
lismus und der religiösen Duldung nur auf kurze Zeit ge—
sichert, bis Karl neue Kraft zur Unterdrückung der Libertät
und des Protestantismus gesammelt haben würde. Gleichwohl
sind die Verhandlungen zu Passau von großer Bedeutung: zum
erstenmal fanden sich in ihnen Katholiken und Protestanten in
gemeinsamer Forderung der Toleranz, in gemeinsamem Wider—
stand gegen die absolutistische Auffassung der Kaisergewalt zu—
        <pb n="112" />
        454

Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
sammen. Das aber sind die Gesichtspunkte, an welche der
Augsburger Reichstag und der Augsburger Religionsfrieden
des Jahres 1555 angeknüpft haben.

Kurfürst Moritz hatte große Schwierigkeiten gehabt, das
schließliche Ergebnis der Verhandlungen seinen Mitverbündeten
genehm zu machen; war er selbst doch mit den vom Kaiser durch—
gesetzten Veränderungen des Vertrages keineswegs zufrieden. Dabei
hörte man, daß der Kaiser, nun ganz aus'seiner Unthätigkeit er—
wacht und von Spanien her mit Geld versehen, energisch rüste.
In der That erschien er bald von Südosten her im Lande;
und in den großen Reichsstädten des Südens, die sich den
Fürsten längst ungünstig gezeigt hatten, in Augsburg, in Ulm,
ward er aufs feierlichste empfangen. Freilich war das nur
möglich, indem er auf die Durchführung seines kirchlichen
Programms einstweilen verzichtete und nur den Gegensatz zu
den Fürsten betonte; er hat die evangelische Predigt in Augs—
burg und Ulm geduldet; von dem verunglückten Interim des
Jahres 1548 war kaum noch die Rede.

Und auch außerhalb der städtischen Kreise handelte der
Kaiser einstweilen nur im Sinne eines scharfen Vorgehens
gegen die Fürsten. In dieser Hinsicht war ihm jedermann
willkommen, der sich mit ihm gegen die Passauer Vertragsmächte
wandte, mochte er sogar evangelisch sein und sich dessen be—
kennend rühmen.

Nun hatte Markgraf Albrecht von Brandenburg-Culmbach
von Anbeginn im mauricianischen Bunde eine eigenartige
Stellung eingenommen. Ein gewissenloser fürstlicher Condottiere,
groß geworden in den uralten Händeln der fränkischen Hohen—
zollern mit Nürnberg, keinem anderen Ziel, als dem materiellen
Verdienst in Kriegsraub und Plünderung hingegeben, hatte er
mit Moritz ein Einverständnis nur gesucht, um die reichen
fränkischen Stifter mainabwärts sicherer zu brandschatzen. Natür—
lich kam ihm da der Passauer Vertrag wenig bequem, zumal er
        <pb n="113" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 455
seine vermeintlichen Eroberungen nicht bestätigte; er hat ihn
nicht anerkannt; er plünderte weiter nach Lothringen zu, 'er
dachte an einen Anschluß an den französischen König.

In diesem Augenblick machte der Kaiser mit dem fürst—
lichen Mordbrenner Frieden! Die Welt war darüber höch—
lichst erstaunt; der Schritt bedeutete das volle Aufgeben der
kirchlichen Position des Kaisers; selbst geplünderte Bischöfe
fanden den Schutz des Reiches nicht mehr! Freilich erschien
damit Karl im Vorteil, wenn er sich etwa zunächst zur
Bekämpfung des französischen Verbündeten des Fürstenbundes
wenden wollte, in der Absicht, nach dessen Besiegung die Ord—
nung der inneren Verhältnisse Deutschlands in seinem Sinne
in die Hand zu nehmen.

Gegen Schluß des Jahres 1552 zog Karl gegen König
Heinrich; die Wiedereroberung von Metz sollte ihm freie Luft
schaffen. Allein die Belagerung zog sich hin; Anfang Januar
1553 mußte sie unvollendet abgebrochen werden; der erste
Schritt zur Herstellung der alten Autorität war mißlungen.

Inzwischen war Kurfürst Moritz, seinem früheren Ver—
sprechen gemäß, mit König Ferdinand nach Ungarn in den
Kampf gegen die Türken gezogen. Deutschland war dadurch
gleichsam frei und aufsichtslos; es war ein Moment, der so recht
für eine erneute Thätigkeit des Markgrafen Albrecht geschaffen
schien. Der Markgraf kehrte nach Franken zurück, noch immer
im Bunde und Schutze des Kaisers; alle seine Gegner, vor
allem die fränkischen Bischöfe, zitterten. Diese Not zunächst
trieb jetzt die süddeutschen Fürsten zu dem Vereine von Heidel—
berg vom 29. März 1553; in ihm verbanden sich Bayern,
Württemberg, Pfalz, Jülich, Mainz und Trier, Katholiken
wie Protestanten gleichmäßig zum gegenseitigen Schutz ihres
Besitzstandes; es war ein völlig interkonfessioneller Bund, der
seine Spitze zunächst gegen Albrecht, mittelbar aber auch gegen
den Kaiser richtete.

Aber Markgraf Albrecht ließ sich dessen nicht verdrießen.
Vom Kaiser, der eine äußerst zweideutige Haltung nach wie

Lamprecht, Deutsche Geschichte. V. 2. 30
        <pb n="114" />
        66 fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
vor bewahrte, wenigstens thatsächlich nicht gehindert, stürzte er
sich auf seine Feinde, namentlich die Bischöfe; in furchtbarer
Fehde brannte er Hunderte von fränkischen Dörfern aus; es
war das Hausen eines Verbrechers. Und schon reckten sich
seine Gedanken höher. Bisher ein Bundesgenoß des Kaisers,
doch dessen nicht mehr völlig sicher, wollte er sich mehr auf die
evangelischen Sympathien Mittel- und Norddeutschlands stützen,
soweit diese dem Kurfürsten Moritz abgünstig waren. So hoffte
er besonders auf die Freundschaft der Ernestiner in Thüringen,
vornweg des gealterten Johann Friedrich, der sich noch immer
einen geborenen Kurfürsten nannte und Gotha stark befestigt
hatte, ja er wollte als Retter des protestantischen Adels und
Bürgertums vor der fortschreitenden Fürstengewalt überhaupt
auftreten, indem er zunächst in den Streitigkeiten der braun—
schweigischen Ritter und der Stadt Braunschweig gegen ihren
katholischen Herzog, den tollen Heinz, jenen zu Hilfe kam.
Allein diesen Bestrebungen, wie sie der Kaiser zur Ent—
wicklung einer vollen Anarchie im Reiche und zur gegenseitigen
Schwächung der Fürsten vielleicht nicht ungern sah, trat nun
alles entgegen, was eine ruhige Zukunft und den Sieg der
Fürstengewalt im Reiche erhoffte. Der süddeutsche Fürstenverein
zwar hielt sich einstweilen äußerlich noch ruhig, in seinem Innern
schon durch beginnende konfessionelle Gegensätze gelähmt; um so
mehr aber trat Kurfürst Moritz hervor, in dessen Nachbarschaft
Albrecht sein wüstes Heer geführt hatte, und mit ihm neben den
fränkischen Bischöfen, NJurnberg und Herzog Heinrich von Braun⸗
schweig auch König Ferdinand, der von den fränkischen Gegenden
her in Böhmen zuerst bedroht werden konnte; in einer Zusammen⸗
kunft zu Eger verabredeten sie gemeinsame Maßregeln gegen
den Wütenden. Im Sinne dieser Verhandlungen trat Moritz
an der Seite des Herzogs Heinrich von Braunschweig Albrecht
entgegen. Es kam zu dem für die Verbündeten siegreichen Gefecht
bei Sievershausen, am 9. Juli 1558. Allein der Sieg war
teuer erkauft. Neben anderen Fürsten ward Kurfürst Moritz
schwer verwundet; am 11. Juni starb er unter dem Rauschen
von mehr als 60 erbeuteten Feldzeichen des Feindes, zweiund—
        <pb n="115" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 457
dreißigiährig, der begabteste Sproß vielleicht des Hauses Wettin.
Aber noch im Tode hatte er das entscheidende Ereignis für die
föderalistische Fortentwicklung Deutschlands geschaffen. Zwar
war Markgraf Albrecht durch die Niederlage von Sievershausen
noch nicht völlig gedemütigt. Aber doch mußte er sich jetzt auf
sein fränkisches Heimatgebiet zurückziehen; seine Pläne schrumpften
zusammen, er ward am 1. Dezember 1553 — endlich — ge—
ächtet, und von den fränkischen Fürsten am 18. Juni 1554
auf der Heide zwischen Volkach und Kissingen besiegt, mußte
er sich zur Flucht nach Frankreich entschließen.

Es waren nur Folgeereignisse des Sievershäuser Gefechtes.
Und sie trugen durchaus den Charakter der mauricianischen
Politik. Die Fürsten sind es gewesen, die schließlich Albrecht
vertrieben und damit Ruhe in Deutschland geschaffen haben.
Und sie haben das gethan ohne irgend welche Rücksicht auf
ihre gegenfeitige Konfession, lediglich im Interesse ihrer Ruhe
und der ungehinderten Fortentwicklung der fürstlichen Präro—
gativen und Gewalten.

Karl V. sah die Wendung der Geister und der Ereignisse
in Deutschland in tiefer Entsagung. Er war alt geworden
und grau vor der Zeit; die Politik begann ihn anzuekeln als
ein Metier, das ihm selbst bei meisterhafter Ausubung die
Gewährung seiner höchsten Wünsche versagte. Wie weit ent—
fernt war er jetzt von der Besiegung des Protestantismus und
dem Aufbau einer absoluten Verfassung, von seinen universalen
Plänen nicht zu reden! Selbst die Wahl seines Sohnes Philipp
zum römischen König schien unerreichbar.

Er konnte nicht umhin, die Folgen eines verfehlten
politischen Lebens zu ziehen. Er verzichtete auf die Wahl
Philipps und suchte einen Ersatz für diese Enttäuschung, indem
er seinen Sohn mit einer Base, Maria der Katholischen von
England, vermählte; der Katholicismus, in Deutschland be—
stritten, sollte wenigstens in England durch spanische Hilfe eine
erneute Stätte finden. Er verzichtete ferner darauf, seine innere
Politik in Deutschland durchzuführen, indem er die Sorgen
der deutschen Regierung im Sommer 1554 seinem Bruder

30 *
        <pb n="116" />
        458 Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Ferdinand übertrug: der sollte als römischer König selbständig
sein Glück mit den Deutschen versuchen. Darauf folgte
der Verzicht auch auf die niederländische Herrschaft, deren
weitere stellvertretende Führung Karls Schwester Maria im
Sommer 1555 abgelehnt hatte; thränenden Auges übergab der
Kaiser am 25. Oktober 1555 seinem Sohne die Regierung
über diese herrlichen Lande, deren Zukunft ihm an die Aus—
rottung der protestantischen Ketzerei gekettet schien. Es war
— DV—
völlig von Deutschland trennte, ähnlich wie durch die frühere Über—
weisung Neapels und Mailands an Philipp die uralte staat—
liche Einheit Italiens und Deutschlands ohne viel Aufsehens
—DDDDD0
Spanien ab; am 1. Januar 1556 hat er auf die Krone auch
dieses Landes verzichtet, um seine ferneren Jahre, noch immer
ein eifriger Verfolger der politischen Händel Europas, in der
Einsamkeit des Klosters von San Yuste in Estremadura zu
verleben. Hier ist er, in Reue, die deutsche Ketzerei nicht als—
bald im Blute ihres Urhebers erstickt zu haben, am 21. Sep⸗
tember 1558 gestorben.

An Ferdinand J. war es inzwischen seit dem Sommer des
Jahres 1554, sich für Deutschland auf den Boden der einmal
geschaffenen Thatsachen zu stellen. Es bedurfte hierzu nach dem
Passauer Vertrag der erneuten Auseinandersetzung auf einem
Reichstag. Ferdinand hat ihn nach wiederholten Verzögerungen
zum 18. November 1554 nach Augsburg berufen; aber erst
am 5. Februar 1555 ward er eröffnet. Und alsbald zeigte
sich, daß die Verhandlungen nicht eben leicht verlaufen würden.

In den Vordergrund trat jetzt, nachdem die Versuche Karls,
die fürstliche Libertät zu brechen, abgewehrt waren, die religiöse
Frage. Zwar suchte die Proposition des Königs sie noch zu
umgehen, indem sie die Beratung eines allgemeinen Landfriedens
in den Vordergrund rückte. Allein die protestantischen Stände
waren nicht gewillt, so verfahren zu lassen. Sie waren mit Aus—
nahme des Herzogs von Württemberg, der alle Protestanten auf
dem Reichstag vertreten sollte, überhaupt gar nicht persönlich
        <pb n="117" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 459
erschienen, sondern vielmehr zum größten Teile zu einer Sonder—
versammlung in Naumburg zusammengetreten. Von hier aus
forderten sie einen vollen Religionsfrieden für alle Stände
unter gleichmäßiger Anerkennung beider Konfessionen und auf
Grund der Wahrung des zur Zeit des Passauer Vertrages
vorhandenen Besitzstandes. Nach längerem Zögern konnte man
nicht umhin, ihnen diese Forderung zu gewähren. Es war die
wichtigste Grundlage eines künftigen Friedens: der Grundsatz
der Toleranz war wenigstens insoweit verkündet, als die
Konfession der Stände in Betracht kam, nicht freilich die der
Unterthanen, welche der Religion ihrer Herren zu folgen
hatten.

Im einzelnen blieben freilich auch dann noch viele Fragen.
Vor allem: wie stand es mit der künftigen Propaganda?
Keine der beiden Konfessionen, am allerwenigsten die bisher im
Fortschritt begriffene evangelische, konnte den Wunsch haben,
daß die einmal gesetzten Grenzen auf ewig gelten sollten. Wie
——
von der Freiheit eines Christenmenschen oder wenigstens eines
fürstlichen Christen, seinem Glauben völlig ungebunden nach—
zuleben, vertragen können?

Freilich für die praktische Durchführung des Grundsatzes
ergab sich eine große Schwierigkeit vornehmlich in den geist—
lichen Territorien. Konnte ein geistlicher Fürst Bischof oder
Abt seines Territoriums bleiben, wenn er zum evange—
lischen Glauben übergetreten war? Die Anerkennung dieses
Grundsatzes würde binnen kurzem die Säkularisation der geist—
lichen Fürstentümer veranlaßt haben: sie hätte damit eine
wahre Revolution in den gegenseitigen Machtverhältnissen des
Fürstenstandes überhaupt hervorgerufen. So vereinigte man
sich hier schließlich, freilich unter heftigem Widerstreben einiger
evangelischer Reichsstände, namentlich Kurbrandenburgs, auf
den Vorbehalt (Reservatum), daß jeder Bischof und Prälat
überhaupt, der zur evangelischen Konfession übertrete, seine
Lehen und ÄÜmter verlieren sollte, und stellte dem eine Dekla—
        <pb n="118" />
        460 Fünfzehntes Buch. Viertes Kapitel.
ration gegenüber, wonach in den Gebieten geistlicher Fürsten
ausnahmsweise die protestantischen Unterthanen Religionsfreiheit
genießen sollten.

Allein nun wurden diese Ausnahmen, denen noch eine
ganze Reihe anderer minder bedeutender Sonderbestim—
mungen zur Seite trat, doch nicht vollkommen unzweideutig
formuliert, und beide Parteien bewahrten ihnen gegenüber ein
unverhohlenes Mißtrauen. Das Reservatum kam daher wohl
in das Instrument des Religionsfriedens, aber unter verklausu—
liertem Protest der Evangelischen, und die Deklaration ward
zwar vom König verkündet, aber dem Reichskammergericht zur
Nachachtung nicht eingereicht und daher von vielen katholischen
Ständen nicht anerkannt.

Es blieb also eine große Reihe von Unklarheiten und
Zweifeln, welche dem Frieden, wie er am 25. September 1555
verkündet ward, doch in mancher Hinsicht den Charakter des
Provisorischen verliehen. Es war ein Abschluß etwa gleich
dem des Wormser Konkordates; eine nicht unbedeutende Fläche
des bisherigen Kampfplanes ward den Gegnern als neutral
entzogen und unter gemeinsamen Frieden gestellt, die Grenzen
aber blieben strittig; und erst die Zukunft mußte lehren, ob
auch sie in friedlichem Ausgleich beider Varteien abgesteckt
werden könnten.

Viel vollere Ergebnisse wurden in der anderen Richtung,
in der sich die deutsche Geschichte seit etwa einem Jahrzehnt
bewegt hatte, gewonnen, in der Frage des gegenseitigen Ver—
hältnisses von Reichsgewalt und Fürstengewalt. Hier siegte
jetzt in wichtigen Punkten der fürstliche Föderalismus; weder
Städte noch Centralgewalt traten ihm noch kräftig genug ent—
gegen. Die Fürsten setzten eine Reichskammergerichtsordnung durch,
die die Kontrolle und Besetzung der Richter fast noch mehr als bisher
in die Hand der Stände legte; sie schufen eine neue Kreisordnung
des Reiches, nach der das- Recht der Friedenssicherung im
Reiche, das älteste und am längsten festgehaltene Recht der
Könige, nun im wesentlichen ebenfalls an die Stände, d. h.
        <pb n="119" />
        Kämpfe der Protestanten; Religionsfriede von 1555. 461
fast nur die Territorialgewalten überging. In dieser Richtung
leitete somit der Augsburger Reichstag des Jahres 1555 eine
neue Zeit ein: das Zeitalter eines erstarkenden, nunmehr auch
schon die letzten Reste der Verwaltung des Reichs zersetzenden
Territorialismus, der schließlich bis zum fast völligen Erwerb
fürstlicher Souveränetät im westfälischen Frieden fortschritt.
        <pb n="120" />
        <pb n="121" />
        Sechzehntes Buch.
        <pb n="122" />
        <pb n="123" />
        Erstes Kapitel.
Die naturalwirtschaftliche Keaktion, das Reich und
die Territorien in der zweiten Hälfte des sech—
zehnten Jahrhunderts.

Die letzten zwölf Menschenalter hatten eine steigende Ent—
wicklung des deutschen Fürstentums gesehen. Unter allen den
zerstörenden Gewalten, die im frühen Verfall unserer Lehns—
monarchie seit den Staufern hervortraten, waren die Fürsten
zuerst am Platze: das Jahr 1180 etwa brachte ihnen den Ab—
schluß ihres höheren fürstlichen Standes!, das Jahr 1280 etwa
die erste Kodifikation kommender Hoheitsrechte der Landes—
gewalt?.

Nur eine von allen anderen zersetzenden Mächten der alten
Reichsgewalt hatte sich schließlich neben ihnen in leidlichem Wett—
hewerb entwickelt: die freie Gemeindegewalt der großen Städte;
seit der zweiten Hälfte etwa des 18. Jahrhunderts, seit den
Tagen des rheinischen Bundes von 1254, seit den ersten An—
fängen der Hanse, seit dem Bunde zur Wahl eines einheit—
lichen Königs (1273) und dem Rostocker Landfrieden des Jahres
12833 trat sie ihnen zur Seite, ja, trat sie ihnen in den Weg

1 Vgl. Band III S. 96.
» VBol. Band III S. 77 ff., 114ff., 276ff.
3 VBgl. Band III S. 288ff. Band IV S. 142ff., 18f., 147.
        <pb n="124" />
        166 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
bei allen Bestrebungen, die königliche Gewalt in ihren Rechten
zu schädigen. Wenn es trotzdem zu immer stärkerem Verfall
der Reichsgewalt kam, so war hierfür nicht zum geringsten eben
der Wettbewerb der Städte und Fürsten um die führende Rolle
im Reiche der Anlaß. Die ewigen Kämpfe zwischen Städten
und Territorien, die nicht selten durch selbständige Teilnahme
des niederen Adels noch verwickelter wurden, enthielten in sich
schon, noch mehr in ihren Wirkungen gegenüber dem Königtum
Elemente der Zersetzung. War ihr Verlauf, wie er von tausend
gegenseitigen Einungen und Zerwürfnissen abhängig war, noch
von den Königen der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts leid⸗
lich beherrscht worden, so verlor schon Karl IV. teilweis, gänz—
lich aber Wenzel die Herrschaft darüber. Seitdem bestanden
Einungen trotz der Goldenen Bulle, die sie verbot, und gegen
die Erlaubnis der regierenden Könige: der Körper des Reiches,
bisher nur mit einem Centrum ausgestattet, begann deren zwei
zu erhalten: dualistisch trat neben die Monarchie die in sich
freilich noch vielfach zerrissene und spaltendurchzogene Autorität
der Stände.

Mit diesem Verlauf wurde der Eintritt einer föderalistischen
Periode der Reichsverfassung unter Beibehaltung der könig—
lichen Spitze notwendig: in föderalistischen Ansprüchen zunächst
mußte sich das ständische Machtbewußtsein auswirken. Es ge—
schah seit dem Egerer Landfrieden des Jahres 13891, und die
mit ihm beginnende Bewegung, anfangs nur der Entwicklung
einer dem Königtum ebenbürtig zur Seite stehenden Nebengewalt
zugewandt, schritt schließlich in der zweiten Hälfte des 15. Jahr—
hzunderts und namentlich unter Kaiser Maximilian J. bis zu
dem Wagnis fort, eine Föderativregierung über dem Könige zu
schaffen. Ihr galt schließlich die Monarchie nur noch als re—
präsentatives Element der Verfassung; die Macht sollte bei dem
Reichsregiment, der Regierungsbehörde der Stände beruhen.

Wir wissen, daß diese große Bewegung unter Kaiser Max
heinahe ihr Ziel erreicht hätte; erst unter Karl V. haben es

1Vgl. Band IV S. 375ff.
        <pb n="125" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 467
besondere Umstände veranlaßt, daß sie scheiterte. Als Er—
gebnis ihrer mehrere Menschenalter hindurch bestehenden Ein—
wirkung aber blieb die offenkundige Schwäche der Reichsgewalt.

Aber während der einheitliche Gesamtverlauf der ständischen
Bewegung so der bisherigen Wirksamkeit der monarchischen Macht
geschadet hatte, hatten die Spaltungen innerhalb dieser Be—
wegung selbst nicht aufgehört, war vor allem der Gegensatz
zwischen Reichsfürsten und Reichsstädten eher stärker als schwächer
zeworden.

Freilich, auf sichtbar und empfindlich kriegerische Weise
war er eigentlich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, seit der
Soester Fehde und dem Nürnberger Kriege!, nicht mehr aus—
getragen worden. Auf offenen Kampf ließen es die Städte
seitdem nicht mehr ankommen; sie fühlten wohl, nachdem sich
manche von ihnen durch kostbare Befestigungsanlagen fast an
den Rand des Bankerotts gebracht hatten, daß seit spätestens
Ende des 15. Jahrhunderts die fürstlichen Angriffswaffen ihren
Verteidigungsanstalten immer mehr überlegen wurden, und sie
fürchteten auch die in immer sorgsamerer Verwaltung auf—⸗
gespeicherte Gesamtkraft der Territorien. So waren sie es zu⸗
frieden, wenn sich der Kampf der Fürsten gegen sie auf das
Gebiet friedlicher Gegenwirkungen in der Territorialpolitik und
zähe Beschneidung des städtischen Einflusses in der Reichs—
volitik beschränkte. Daß sie freilich bei solcher Haltung schon
eigentlich die Besiegten waren, versteht sich von selbst, wurde
auch um 1520 überall schon durchgefühlt? und zeigte sich bald
deutlich in dem Schicksal ihrer bisherigen verfassungsmäßigen
Stellung.

Erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts hatten
sie eine eigentliche, ziemlich feststehende Reichsstandschaft erreicht.
Jetzt, seit den harten Kämpfen um den Föderalismus unter
Maximilian, ward sie ihnen wiederum bestritten. Und behielten

VBgl. Band IV S. 451 ff. 456 ff.
2 So z. B. in der Reformation Kaiser Friedrichs III.; die Kaufleute
erscheinen hier gegenüber den Fürsten schon als der bedrängte, bittende Teil.
        <pb n="126" />
        168

Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
sie schließlich auch das formale Recht, so nützte ihnen doch
dessen Ausübung unter dem schwankenden Zustand der Reichs—
verfassung während der Religionskämpfe nur wenig. Hier galt
schließlich nicht mehr die Stimme, sondern das Schwert; und
unter dessen Herrschaft zogen die Städte ständig den Kürzeren,
obgleich sie die frühesten Herde der Reformation gewesen waren.
Schon bei den ersten konfessionellen Bundesbewegungen auf
protestantischer Seite traten sie in den Hintergrund?; da sie sich
in der neuen Welt dieser Vorgänge nicht angesehen fanden, so
wurden sie in ihrer Haltung unsicher?; und weil sie unsicher
wurden, so lhatten sie schließlich von beiden Seiten her, von
den Fürsten wie von dem siegenden Kaiser, für ihren Wankel—⸗
mut zu büßen?. Mit dem Ausgang des schmalkaldischen Krieges,
noch mehr seit dem Religionsfrieden des Jahres 1555, hatten
sie ihre selbständige Rolle ausgespielt; der niedere Adel, längst
besiegt und sozial gesunken, hat wohl im Jahre 1564 noch
einmal hier und da selbständig gemurrt; die Städte bildeten
um diese Zeit schon ein fast ausschließlich passives Element der
allgemeinen Entwicklung, das höchstens dann sich äußerte, wenn
s sich in seinem innersten Leben getroffen fand.

War so der große Gegensatz der politischen Entwicklung
des späteren Mittelalters beseitigt, wie er im wesentlichen auf
die besondere, rein örtlich partikulare Entfaltung der frühesten
Geldwirtschaft in Deutschland zurückging, waren die Fürsten
schließlich politisch allein auf dem Platze geblieben, so hatte
dazu außer ihrem Siege in dem jahrhundertelangen Kampfe
mit den Städten auch eine ganze Anzahl mehr untergeordneter
Ursachen beigetragen. Die Geldwirtschaft war seit der zweiten
Hälfte des 15. Jahrhunderts auch den Territorien nicht mehr
so fern geblieben, als früher; mit ihren eigenen Mitteln hatten
die Landesherren die ständischen Räte zu bekämpfen gelernt.
Die soziale Umsturzbewegung war seit dem 15. Jahr—

S. oben S. 373, dazu 406 f.
S. oben S. 392.
3 S. oben S. 406f., 439.
        <pb n="127" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 469
hundert vornehmlich bäuerlich-proletarisch gewesen; wurde sie
— DVD00
als den städtischen Gewalten der Nation zu. Die Reformation
endlich fand wohl in den großen Städten besonders treuen An—
hang, aber Luther war der Unterthan eines Fürsten, und Fürsten
allein wußten die nationalen und internationalen Verbindungen
herzustellen, deren Bestand die Reformation gerettet hat, seitdem
hre Durchführung ein politisches Problem geworden war.

Nun waren freilich nicht alle Fürsten Protestanten, so wenig
wie die Reformation in allen Großstädten Eingang gefunden
hatte. Aber indem Kaiser Karl V. in dem letzten Jahrzehnt
seiner Regierung die Absicht, den neuen Glauben zu unterdrücken,
mit dem Plane einer mehr absolutistischen Monarchie, einer
Unterdrückung folglich auch der fürstlichen Libertät verquickt
hatte, waren dem Handeln der protestantischen Fürsten auch die
Sympathien der katholischen Vettern nicht vorenthalten ge—
blieben. Man war zu einem ziemlich weitgehenden allgemein—
fürstlichen Einverständnis über die Notwendigkeit eines Kampfes
gegen jeden kaiserlichen Absolutismus gleichviel welchen Be—
kenntnisses gelangt, und in dieser Form war die Errungenschaft
der Reformation auch den katholischen Fürsten zu gute gekommen.

Jetzt war nun dieser Kampf geführt worden, und er hatte
mit der Abdankung Karls V. geendet. Nichts Unüberwindbares
schien jetzt den sieben Kurfürsten und den etwa achtzig Fürsten
des Reiches mehr entgegenzustehen, wenn nicht ihre Uneinigkeit;
föderativ erschien, ging man gemeinsam vor, die Zukunft.
Ist es trotzdem, bei den bestehenden konfessionellen Gegensätzen
wie infolge der Ungleichheit des Machtbereiches der einzelnen
Fürsten — das Kurfürstentum Brandenburg umfaßte 700, das
Stift Worms 83 Geviertmeilen — zu einer so glatten Lösung
der Verfassungsfrage nicht gekommen, so war doch so viel klar,
daß die Wirksamkeit der Reichsgewalt von nun ab noch weit
zeringer bemessen sein würde, als bisher.

In der That fallen, vom Standpunkte der letzten Zeiten
des alten Reiches bemessen, die spätesten großen Lebensäußerungen
der Reichsgesetzgebung und Reichsverwaltung in die erste Hälfte
        <pb n="128" />
        470 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
und die Mitte des 16. Jahrhunderts. Und hier sind wieder,
trotz aller politischen Erbärmlichkeit der Zeit, doch noch die
Regierungsjahre Kaiser Maximilians J. die fruchtbarsten ge⸗
wesen: hatten sie sich doch immerhin durch einen entschieden
organisatorisch beanlagten Regenten ausgezeichnet, sowie durch
Reichsstände, die als Ganzes um die Reichsinteressen noch stetig
besorgt waren.

Vor allem war damals das Reichstagsrecht einigermaßen fest
entwickelt worden: eine bestimmte Ordnung in dieser Hinsicht war
freilich die wesentliche Voraussetzung auch föderalistischer Fort⸗
schritte. Es wurde jetzt zur feststehenden Übung, daß der Reichstag
vom Kaiser nach Zustimmung der Kurfürsten berufen wurde; den
oersammelten Ständen wurden kaiserliche Vorlagen gemacht,
und diese Propositionen hatten die Beratung und Beschluß⸗
fassung der drei Kurien der Kurfürsten, Fürsten und Reichs—
tädte zu passieren. Über das Endergebnis dieser Behandlung
fanden dann, ganz im Sinne eines diplomatischen Hin- und
Herfeilschens, Verhandlungen zwischen den Kurien statt, bis
daraus eine Anzahl von Beschlüssen als allen genehm hervor⸗
zing. Zu diesen Beschlüssen hatte darauf der Kaiser seinerseits
Stellung zu nehmen: er konnte sie einzeln annehmen oder ab⸗
weisen oder auch unter ihm zusagenden Anderungen zu neuer
Beratung zurückweisen; er war in diesen Dingen noch ziemlich
freier Herr seiner Entschlüsse. Aber freilich erforderte eine
Verhandlungsart in der Weise der angedeuteten ungemeine
Ruhe und sehr viel Zeit, zumal die Stände meist nur durch
Gesandte vertreten waren, die, ohne Vollmacht in wichtigeren
Dingen, jede schwere Sache ad referendum nahmen. So konnte
es bei dringenden Geschäften schon im 16. Jahrhundert häufig
vorkommen, daß ein Reichsschluß erst unter bereits veränderter
Lage der Dinge, darauf er sich bezog, zu stande kam.

Und wie schwer war es in den meisten Fällen, das einmal
Beschlossene zur Ausführung zu bringen! Der Kaiser besaß
eine Verwaltung fast nur noch als Landesherr; die habs—
burgischen Herrscher konnten also für die Durchführung von
Reichssachen nur durch ihr — übrigens häufig vermißtes —
        <pb n="129" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Cerritorien im 16. Jahrh. 471
landesherrliches Beispiel wirken: das Reich als solches ent—
— 0
diesen Umständen die ziemlich umfangreiche Reichspolizeigesetz—
gebung des 16. Jahrhunderts helfen! Wesentlich nur als Vorbild
für verwandte Territorialgesetzgebungen und, wo diese nicht ein—
traten oder ausreichten, als deren Ersatz wurde sie wirksam.
Wurden doch dem Reiche sogar seine vornehmsten mittelalter—
lichen Zwecke und Rechte, Rechtssprechung und Friedenswahrung,
halb und halb entzogen!

Gewiß hatte das Reich seit 1495 in dem Reichskammer—
gericht ein starkes Organ der Rechtspflege erhalten, dessen Aus—
bau im ganzen mit dem Jahre 1555 abschloß. Aber es war
nur mit 24, zudem meist von den Ständen ernannten Beisitzern
unter dem Vorsitze des Kammerrichters ausgestattet, und so war
nicht daran zu denken, daß diese geringe Anzahl von Richtern
den Erfordernissen der obersten Rechtssprechung auf die Dauer
gerecht werden konnte; schon früh ertönten laut und lauter die
Klagen über Verschleppung und Reste. Und das, obwohl die
Kompetenz des Gerichtes ziemlich begrenzt war: nur die Be—
rufungssachen aus solchen Ländern, die kein Privilegium de
non evocando erworben hatten, standen ihm zu, dazu die
Rechtssprechung bei Rechtsverweigerung in den niederen Ge—
richten und bei Klagen gegen Reichsunmittelbare. Nun war
allerdings sein mittelbarer Einfluß auf die gesamte deutsche
Rechtspflege und Gerichtsverfassung nicht gering; als Appell⸗
instanz, die nach römischem Rechte urteilte, hat es viel zur Auf—
nahme dieses Rechtes auch in den unteren Instanzen beigetragen,
und der Civilprozeß ist in Hunderten von territorialen und
städtischen Civilprozeßordnungen zumeist nach dem Muster der
Reichskammergerichtsordnung festgestellt worden. Aber un—
nittelbar politischer Einfluß wurde durch solche Zusammenhänge
für das Oberhaupt des Reiches schwerlich begründet.

Wie aber war gar die Wahrung des Friedens, die Reichs⸗
sicherheitspolizei, seinen Händen entglitten! Seitdem die zu
Zeiten Kaiser Maxens unternommene Einteilung des Reiches
in zehn Kreise nach der Hauptmasse seiner Länder durch—

Lamprecht. Deutsche Geschichte. V. 2. 31
        <pb n="130" />
        472 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
geführt war, stand die Macht, den Frieden aufrecht zu erhalten,
in jedem Kreise zunächst durchaus bei den Reichsständen, die
diesem Kreise angehörten; sie bildeten den Kreistag, der die
Landfriedenssachen verhandelte; sie wählten sich den Kreis—
obersten und dessen Zugeordnete. Und war ein Kreis nicht im—
stande, die Sicherheit in seinen Grenzen aus eigner Kraft auf—⸗
recht zu erhalten, so wandte er sich keineswegs an den Kaiser,
sondern zunächst vielmehr an seine Nachbarkreise und bei noch
zrößerer Not an den Erzbischof von Mainz, der ihm die Hilfe
von fünf Kreisen — des halben Reiches also — zur Verfügung
stellen konnte; erst wenn die Gefahr die Grenzen der damit
aufgebotenen Hilfe überschritt, wurde der Kaiser gerufen. Es
war eine Depossedierung des Kaisers von jeder gewöhnlichen Ein—
wirkung in Landfriedenssachen; in der Reichsexekutionsordnung
des Jahres 1555, durch welche die Friedensgesetzgebung im
—
sache geworden.

Was sollten da dem Kaiser noch finanzielle und militärische
Rechte viel helfen! Es schien nur folgerichtig, wenn es zu
deren gesetzgeberischer Ausgestaltung unter Kaiser Max trotz
tausend Anläufen überhaupt nicht kam. Freilich: unter Karl V.
erwartete man sie um so mehr. Und in dieser Voraussicht be—
schnitt man dem jungen Herrscher schon in der Wahlkapitula—
tion des Jahres 1519 die Flügel. Nach ihr sollte der Kaiser
ohne Beistimmung des Reichstags oder wenigstens der Kurfürsten
keinen Krieg erklären dürfen, womit denn auch sein Bündnis—
recht an die Genehmigung wenigstens der Kurfürsten geknüpft
schien. Es war eine Bindung wichtigster kriegsherrlicher Rechte.
Und ferner sollte der Kaiser nach der Kapitulation ohne Zu—
timmung der Kurfürsten keine heimgefallenen größeren Reichs—
lehen vergeben und keine neue Zollstätten errichten oder die
Zollsätze der bestehenden erhöhen dürfen. Es waren Beschrän—
kungen, die, an sich nicht unbillig, doch in die finanzielle Frei—
heit des Königtumes eingriffen.

Indes, hatte man in der kommenden Regierungszeit Karls V.
zine neue AÄra gesetzgeberischer Maßregeln zum Ausbau des
        <pb n="131" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 473
Reiches erblicken wollen, so hatte man sich getäuscht. Für den
Kaiser war Deutschland nur ein Besitz neben manchem andern;
es war ein Moment in seiner Beurteilung jener internationalen
Lage, die er beherrschen wollte; nur als Ganzes, wie es war,
in seiner Wirkungsfähigkeit nach außen, nicht als im Innern
verbesseriswert war es für ihn zunächst wichtig. Dazu
kamen die staatlichen Wirkungen der Reformation. In den großen
Zeiten des dritten Jahrzehnts wurden dadurch die Funktionen
des Staates überhaupt bis zu einem gewissen Grade matt ge—
setzt; späterhin begründete der Unterschied der Konfession, der
ja nicht die einzelnen Menschen, sondern nach dem Grundsatze
cuius regio eéius reéligio vielmehr die einzelnen Territorien
schied, eine so schroffe Zweiteilung der Reichsstände in evange—
lische und katholische, daß an eine große gemeinsame Gesetz⸗
gebung beider Teile, etwa gar noch unter besonderem Einfluß
des Kaisers, um so weniger zu denken war, als beide konfessio—
nellen Lager in Wechselbeziehungen zu auswärtigen Mächten
getreten waren und nicht selten die Religionsgemeinschaft der
Reichsgemeinschaft vorzogen.

Unter diesen Umständen war von der Begründung kräftiger
Reichsfinanzen, etwa gar der Einführung eines Reichszollwesens,
wie man eine Zeitlang geträumt hatte!, nicht die Rede; es
war genug, wenn sich das Reich durch Matrikularbeiträge
wenigstens für die Erhaltung des Reichskammergerichts und für
die Bedürfnisse vorübergehender Kriegsführung kümmerlich hin—
fristete. Maßgebend für die Berechnung dieser Beiträge wurde
dabei die Matrikel des Wormser Reichstags vom Jahre 1521.
Sie ergab als Umlageeinheit den sogenannten Römermonat von
128000 Gulden, d. h. die Unterhaltungskosten eines Heeres
von 20000 Mann zu Fuß und 4000 zu Roß auf die Dauer
eines Monats. Erhoben wurde diese Einheit oder ein gewisses
Vielfaches von ihr nur auf besonderen, für einmal geltenden
Beschluß des Reichstags; eine regelmäßige Einnahme ist aus
ihr niemals hervorgegangen.

S. oben S. 324f.
        <pb n="132" />
        174

Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Wie konnte nun das Reich in dieser Lage von sich aus
verwalten, ja auch nur die allgemeine Verwaltung der Terri—
torien beaufsichtigen wollen! Es fehlten dazu alle Mittel. So
mußte auch die Wohlfahrtsgesetzgebung des Reiches sich im
Grunde auf wohlwollende Empfehlungen beschränken, blieb,
da diese Empfehlungen nur teilweis Beachtung fanden, leicht
unwirksam und schlief endlich ein. Munterer erhielt sie sich
auf längere Zeit nur da, wo sie von interterritorialen, durch
bloße Landesgesetzgebung nur schwer zu befriedigenden Interessen
getragen ward, z. B. auf dem Gebiete des Verkehrswesens.
Indes wird sich später zeigen, daß die größte Errungenschaft
auch dieses Gebietes, das Reichsmünzgesetz vom Jahre 1559,
dennoch gegenüber den partikularen Zielen der Landesgesetz-
gebungen Schiffbruch litt?.

So begreift es sich, daß Reichsgesetzgebung und Reichsverwal⸗
tung nach der Zeit Karls V. Wichtiges überhaupt kaum noch
geschaffen haben. Zwar wurden noch einige Entwicklungen der
früheren Zeit legislatorisch zum Abschluß gebracht, und Kaiser
Ferdinand J. begründete im Jahre 1559 im Wettbewerb mit
dem wesentlich ständischen Reichskammergericht in dem Wiener
Reichshofrat noch ein oberstes, rein kaiserliches Reichsgericht,
— D
war. Aber darüber hinaus die monarchische Gewalt in Gesetz—
gebung und Verwaltung stärker zu betonen, mißlang. Wenn später,
im Jahre 1609, der junge Gießener Jurist Reinkingk die These
aufstellte, das Reich sei nach Maßgabe der niemals wider—
rufenen Lex regia des alten Rom eine absolute Monarchie,
so haben dem selbst in der Zeit des Erscheinens dieser Schrift,
in den Wiegenjahren der Theoreme der absoluten Monarchie,
die Stände wie die Publizisten, vor allem Hippolithus a La—
dide, mit leichtem Erfolg widersprochen.

Die nächsten Nachfolger Karls V. aber, Ferdinand J. wie
Maximilian II., Rudolf II. wie Mathias, waren gar nicht in
der Lage, sich praktisch zu solchen Anschauungen zu bekennen.

S. unten S. 492.
        <pb n="133" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 475
Sie alle litten unter der engen, nur auf Deutschland und seine
östlichen Nachbarn begrenzten Ausdehnung ihrer Hausmacht;
sie waren kaum stärker als mancher Kurfürst; die Weltmacht
Karls V. stand ihnen nicht zur Verfügung. Ja mehr: gegen⸗
über dem andauernden Vordringen der Türken waren sie ständig
auf die Unterstützung des Reiches angewiesen. So galt für sie
eine konservative Politik. Sie suchten fast durchweg die persön—
liche Freundschaft der wichtigsten Fürsten; sie wollten ihre Gewalt
im Einverständnis mit den Kurfürsten ausüben; die religiöse
Spaltung war ihnen politisch unbequem; gern hätten sie, selbst
soweit sie unduldsam waren, wenigstens im Reiche der Haupt—
sache nach darüber hinweggesehen. Da dies aber nicht möglich
war, so stellten sie sich immerhin auf die vielfach trügerische Grund—
lage des Augsburger Religionsfriedens und versuchten auf ihr
in ihren besten Momenten wenigstens die politischen Vertretungen
der feindlichen Konfessionen gegenseitig zu nähern. Damit er—⸗
hielt ihre Politik zumeist einen föderalistischen Zug, und dem—
entsprechend traten die Humanisten mit ihren national⸗
monarchischen Gedanken aus dem Kreise ihrer Räte zurück;
Leute von der Art des vermittelnden Sleidan wurden lieber
gesehen; und die kaiserlichen Juristen und Staatsmänner nament⸗
lich der späteren Zeit traten leise, soweit sie nicht gar den
den Fürsten günstigen Zug der Entwicklung offen anerkannten.

Das alles hatte eine anfangs erhaltende, bald aber müh—
selige, bei allem Streit im kleinen doch im ganzen schläfrige
Politik zur Folge. Man war im Reichstag zumeist freundlich
gegeneinander, ja behaglich froh; aber die Entwicklung stockte.
Es kam dahin, daß der Kaiser nur freundwillige Mandate und
Erinnerungsschreiben an die fürstlichen Vettern erließ, um einem
Reichsabschied Befolgung zu sichern; weiter wagte er sich
nicht; die Ausführung hing schließlich vom Willen der Landes—
herren ab.

So hätten die Fürsten rasch siegen und das ganze Feld
nationaler Entwicklung einnehmen müssen, hätten die Reichs—
institutionen nicht schließlich doch eine gewisse Trägheitsmacht be—
sessen, die bedächtig überwunden sein wollte, und wäre nicht
        <pb n="134" />
        476 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.

im Innern der einzelnen Territorien dem Willen des Landes—
herrn noch oft genug der Wille der Stände entgegengetreten.
Auch die Thatsache, daß im Nordosten, wo das Reich weniger
einwirkte, die weniger entwickelten Territorien lagen, während
eben die fortgeschrittensten Länder den noch etwas kräftigeren
Lebenscentren des alten Kaisertums angehörten, hielt die fürst—
lichen Fortschritte auf und gestaltete sie zugleich für den ganzen
Umfang des deutschen Bodens gleichmäßiger. Daß aber diese
Fortschritte im Sinne einer Stärkung aller landesherrlichen Ge⸗
walten bis zum inneren Bruche der Gesamtmonarchie eintreten
würden, daran war schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts
ein Zweifel nicht mehr möglich. Erhielt sie sich dennoch in
einer Beständigkeit und Lebensdauer von Jahrhunderten, so
lagen die entscheidenden Gründe hierfür zum besten Teile in
ganz anderen als einheimischen und politischen Entwicklungen.

1

Seit der großen Reise Ferdinand Magelhäes' in den Jahren
151922 kannte Europa die wesentlichen Umrisse der Erde. Diese
Kenntnis wurde aber handelspolitisch anfangs nur wenig nutzbar
gemacht. Das 16. Jahrhundert war noch weit davon entfernt,
an den Küsten des Stillen Oceans einen europäisch-internatio—
nalen Verkehr von einiger Bedeutung zu sehen; ja auch die
atlantischen Küsten Amerikas waren vor den schließenden Jahr⸗
zehnten dieser Zeit im allgemeinen noch nicht in den Handel
Europas einbegriffen. Aber gleichwohl hatten sich in dem
europäischen Handelssystem die schwersten Umwälzungen schon
vollzogen oder wenigstens drohend angekündigt. Sie bestanden im
wesentlichen darin, daß an Stelle der bisherigen internationalen
Landwege soviel wie nur möglich Seewege traten: was hatte
nicht die Nautik für Fortschritte gemacht, welch kühner Wage—
sinn war nicht jede seemännische Bevölkerung überkommen,
uind wie sehr wurden nicht Schiff und Schiffsgerät verbessert!

Nun war bisher das Mittelmeer das Herz des Weltverkehrs
        <pb n="135" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 477
gewesen, und als seine Hauptschlagadern hatte man die von
dort nach Osten, nach den reichen Ländern Asiens führenden
Straßen bezeichnen können; denn der Austausch der tropischen
Produkte gegen die Güter der gemäßigten Zone bildete noch
immer das Thema des internationalen Handels der Alten Welt.
Stufenweise waren darum die Völker, die an den Mundungs—
stellen der orientalischen Straßen saßen, die vermittelnden Handels⸗
völker der alten Weltteile gewesen: Phönicier, Syrer, Araber,
Byzantiner, bis seit dem 12. Jahrhundert der Schwerpunkt
des Levantehandels von Byzanz und der Balkanhalbinsel nach
Italien verlegt worden war. Von hier hatten die Waren dann
lange Zeit hindurch im wesentlichen den ÜUberlandweg nach Westen,
Norden und Osten eingeschlagen; spärlicher war, obgleich schon
im 14. Jahrhundert blühend, der Vertrieb zur See durch die
Meerenge von Gibraltar gewesen.

Jetzt aber, mit der steigenden Bedeutung der Seewege,
nach der Entdeckung weiterhin der Fahrt um Afrika, die energisch
auf Lissabon als neuen Endpunkt asiatisch-europäischen Verkehrs
hinwies, gewann diese Straße von Jahrzehnt zu Jahrzehnt an
Bedeutung: Portugal wurde zum wichtigsten Lande internatio—
nalen Austausches; und mit und neben ihm wuchs der Handel
Spaniens, der bald auch durch amerikanische Einfuhr, nament—
lich von Edelmetallen, unterstützt ward!. Es war ein Umschwung
von um so fühlbarerer Wirkung, als den alten Transportwegen
zu Lande keinerlei Verbesserungen zu gute kamen, und als noch
nicht jene Abflachung der hohen Bedeutung einzelner Welthandels—
traßen eingetreten war, die sich heute als Folge starker Ver—
inderungen der Motoren und Fahrbahnen überall geltend macht
und die moderne Kultur von geographischen Bedingungen bei
weitem unabhängiger hinstellt, als irgend ein früheres Zeitalter.

So trat denn an Stelle des Mittelmeers, des mare clausum,
immer mehr der freie Ocean als allgemeines Verkehrsbecken;
und damit verschob sich der Anteil, den die einzelnen europäischen
Länder an den Wohlthaten des Welthandels bisher gehabt

Vgl. hierzu und zum Folgenden auch oben S. 50f.
        <pb n="136" />
        178 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
hatten. Die centralen Länder, Italien, Deutschland, sahen sich
von der großen internationalen Verkehrsbefruchtung in steigen⸗
dem Maße ausgeschlossen; ein Zustand der kommerziellen Ver—
eisung gleichsam trat in ihnen ein, wie ihn Norwegen phy—
sisch erleben würde, verlöre es die erwärmende Umspülung des
Golfstroms. Und diese Folge trat für beide Länder, soweit sie
sich etwa noch an oceanischen Unternehmungen zu beteiligen
suchten, doppelt stark hervor, da der neue Verkehr die stärkste
Anwendung von Kapitalien zu gewinnreichem Betriebe erforderte,
von Kapitalien, wie sie in genügender Höhe nur von politisch
geschlossen auftretenden Nationen, nicht aber von der Bevölkerung
der kleinen Teilstaaten deutschen und italienischen Charakters
erzeugt und zusammengebracht werden konnten.

Die Folgen dieser einfachen Zusammenhänge waren nament⸗
lich für das deutsche Reich, das binnenländische Herzstück Europas,
auf die Dauer vernichtend. Während in Portugal und Spanien,
in den Niederlanden und in England Zeitalter glänzenden Reich—
tums anzubrechen begannen, während auch Frankreich durch seine
halb oceanische Lage an den Vorteilen der neuen Entwicklung teil⸗
nahm, so daß Jean Bodin es als eines der wirtschaftlich
blühendsten Länder Europas rühmen konnte, versiegten für unsere
Nation, mit Ausnahme der teilweis von Frankreich her be—
fruchteten Schweiz und mit Ausnahme Hollands, alle Reich—
tumsquellen, die dereinst, seit dem 12. Jahrhundert, durch die
Einbeziehung in den Welthandel erschlossen worden waren; und
erst das 19. Jahrhundert mit seiner Umwälzung der Trans—
portmittel und Verkehrswege, sowie mit seiner neuen politischen
Einigung hat uns aus der Vereinsamung des 16. Jahrhunderts
errettet.

Von Oberdeutschland her, aus den wohlhabenden Städten
von Nürnberg bis Augsburg und Basel, hatten schon früher
doppelte Straßen nach Spanien geführt: ein ausschließlich über
Land verlaufender Weg durch Südfrankreich nach Barcelona,
Saragossa und anderen Binnenstädten, und ein zweiter Weg
durch die Schweiz nach den französischen und italienischen Häfen
und von dort nach Barcelona und Valencia. Seit Anfang des
        <pb n="137" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und CTerritorien im 16. Jahrh. 479
15. Jahrhunderts waren dann diese Wege lebhafter besucht
worden; namentlich hatte der Safranhandel mit Saragossa zu
blühen begonnen. So war man einigermaßen vorbereitet auf
die Zeit, da sich der Welthandel an den Küsten der pyrenäischen
Halbinsel niederzulassen begann. Sieht man von den vielen
deutschen Männern ab, die als Büchsenschützen und Lands—
knechte, als Bergleute und Ackerbauer, als Matrosen und Steuer⸗
leute sich früh in fremdem, namentlich auch spanischem und
portugiesischem Dienste befanden, so bestand schon in der zweiten
Hälfte des 15. Jahrhunderts in Lissabon eine Kolonie ober—
deutscher und vlaamischer Landsleute; steht doch selbst die portu—
giesische Malerei dieser Zeit zur niederländischen im Verhältnis
schulmäßiger Abhängigkeit!. Aus dieser Kolonie wurde Jakob
Hurter von Brügge Statthalter der Azoren; er hat die Eilande
mit Vlaamen besiedelt; bis ins 17. Jahrhundert hinein hießen
sie IIhas Flawmengas. Hurter kehrte um 1500 reich und
glücklich nach Lissabon zurück; sein Schwiegersohn war der
Nürnberger Geschlechter und Geograph Martin Behaim.

An diese Verhältnisse schloß sich die Thätigkeit der großen
oberdeutschen Kaufleute an. Zunächst in Lissabon begründeten
sie Filialen; die Fugger haben von hier aus schon im Jahre
1505 einen Molukkenhandel entwickelt. Als dann der Deutschen—
freund König Manuel der Große in Portugal 1521 gestorben
und dafür der junge Spanierkönig Karl zugleich deutscher König
und Kaiser geworden war, wandten sich die Deutschen mehr
Sevilla zu, bis sie schließlich vornehmlich in Spanien Fuß faßten.
Und hier lohnten sich nun die Dienste, welche die Fugger und
Welser dem jungen Karl beim Erwerb der Kaiserkrone geleistet
hatten. Die Fugger bemächtigten sich des Bergwerksbetriebes
in Almaden, sie suchten Anknüpfungen im Stillen Ocean und
baten im Jahre 1530 um die Erlaubnis, Niederlassungen in
den Ländern zwischen Peru und der Magelhäesstraße zu gründen;
die Welser erwarben, vielfach in Verbindung mit anderen
deutschen Häusern, seit 1529 unter Aussendung eigner Kon—

S. oben S. 171.
        <pb n="138" />
        480 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
quistadoren die Kolonie Klein-Venedig (Venezuela) — freilich
mit schließlich ungünstigem Erfolge: der letzte ihrer Macht—
haber, ein Hutten, fiel in der Charwoche des Jahres 1546
spanischer Tücke zum Opfer, und 1555 verzichteten die Welser
auf ihre Ansprüche zu gunsten der kastilischen Krone. Neben
diesen großen Unternehmen aber standen andere, von denen wir
einstweilen nur mehr oder minder flüchtige Kunde haben. So
begegnet man 1531 einem Fuggerschen Faktor in Yukatan, sieht,
wie Ulrich Schmiedel mit deutschen Schiffen nach dem La Plata,
Hans Staden nach Brasilien fährt, findet die Ellinger und
Welser in der Pacht der Kupferbergwerke von San Domingo,
die Cromberger im Besitze der Silberminen zu Sultepeque, die
Tetzel im Genuß der Kupfergruben ˖von Cuba.

Welch weitgespannte Pläne blicken aus diesen bisher ver—⸗
einzelt bekannt gewordenen Thatsachen hervor! Es entspricht
ihnen, wenn sich der indische Gewürzhandel in den Jahren
1576-1580 in der Hand eines Lissaboner Deutschen befand,
wenn das Negersklavenmonopol, übrigens unter Beteiligung
Kaiser Ferdinands J., ebenfalls lange Zeit Deutschen gehörte.
Aber mit dem Verlauf der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
brechen diese Beziehungen ab — fast wie eine Phantasmagorie
verschwindet das lebendige Treiben —, seit Mitte des Jahr—
hunderts mehren sich in Augsburg die Bankerotte, im Jahre
1614 fallieren schließlich die Welser, und 1653 liquidieren auch
die Fugger, fast als die letzten, ihr spanisches Geschäft.

Was war geschehen, den Wandel hervorzurufen? Es
hatte sich früh gezeigt, zumal nachdem seit der Verzicht—
leistung Karls V. auf die Kaiserkrone der unmittelbare persön—
liche Zusammenhang der deutschen Herrschaft mit Spanien hinweg⸗
gefallen war, daß die Deutschen selbst mit größter Anstrengung
von ihrer binnenländischen Lage aus die großen spanischen
Beziehungen kaum festhalten konnten: es schien nur möglich
auf Grund altererbten Kapitals und anerzogenen Wagemuts.
Aber auch diese Vorteile reichten auf die Dauer zur Aufrecht—
erhaltung des gewonnenen Zustandes nicht aus, als ihn be—
sondere Ursachen noch schwieriger machten. Im Jahre 1581
        <pb n="139" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 48]
eroberte Spanien Portugal. Damit begannen alle Völker, die
Spanien feindlich waren und bisher ihre orientalischen Waren
aus Lissabon bezogen hatten, vor allem Niederländer und Eng—
länder, nunmehr unter Umgehung Spaniens selbst nach Indien
zu fahren; und sie siegten in dieser Richtung seit Ende des
16. Jahrhunderts. Es war der Ruin Spaniens und Portugals
und damit auch der Ruin des oberdeutschen, auf die pyrenäische
Halbinsel gestützten oceanischen Handels.

Und inzwischen war auch der oberdeutsch-italienische Handel
mindestens sehr zurückgegangen. Die Zeit, wo die Thatsache
eines doppelten Bezugswegs orientalischer Waren, über Lissabon
wie über Italien, die Intensität des oberdeutschen Handels aufs
außerordentlichste gesteigert hatte, war jetzt vorüber; zwar bezog
Venedig noch Karawanengüter über Aleppo, die nach Deutsch—
land weiter gingen, aber der Handelsweg über das Rote Meer
war von Süden her durch die Portugiesen geschlossen!. So
handelte es sich im italienischen Verkehr vornehmlich nur noch
um den Austausch deutscher und italienischer Erzeugnisse, und
dieser fiel fir den wichtigen Zweig der Luxuswaren bald vor—
nehmlich italienischen, in Deutschland ansässigen Häusern zu,
den Viati, Torisani und anderen. Unter diesen Umständen,
zumal bei der abnehmenden Produktionsfähigkeit Italiens unter
der spanischen Herrschaft, sahen sich die Oberdeutschen bald im
ganzen auf sich angewiesen. Und da vermochten sie allerdings
noch reiche Hilfsquellen auszunutzen. Sie besaßen zum Teil
eine außerordentlich rege Industrie, namentlich der Luxuswaren.
Sie hatten einen alten Metall- und Geldhandel im Zusammenhang
mit der Vermittlung von Zahlungsausgleichungen Deutschlands
gegenüber den südlichen und westlichen Ländern. Sie konnten
versuchen, hausindustrielle Exportgewerbe zu begründen, zur Be—
lebung des Handels mit den mitteldeutschen Städten, Leipzig,
Magdeburg, Breslau, und zur Aufnahme des Verkehrs mit dem
Norden und Osten. Alle diese Hilfsmittel sind erschlossen worden.
Aber konnten sie die Gunst früherer Zeiten ersetzen? Die ober—

S. oben S. 51.
        <pb n="140" />
        482 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
deutschen Städte gingen trotzdem zurück; einige Menschenalter
zehrten sie noch von ererbtem Reichtum — dann traten alle
Folgen ihres Abschlusses von den Welthandelslinien erschreckend
zu Tage.

Dieselben Ursachen aber, die das süddeutsche Verkehrsleben
lahm legten, kamen dem Aufblühen der oceanischen Küsten
Deutschlands im höchsten Maße zu gute. Die Niederlande vor
allem genossen hier, mit, dem Beginn der neuen Periode des
Welthandels, einer unvergleichlichen Gunst der Lage. Verkehrs⸗
politisch mitten zwischen Levante und Ostsee, den großen Welt⸗
gebieten wesentlich passiven Handels, gelegen, in ihrem Rücken
das bedeutende Konsumtionsgebiet der Stromsysteme des Rheines,
der Maas und der Schelde, waren sie naturgemäß zum Centrum
der neuen Verkehrsverbindungen geschaffen. Und diese außer—
ordentlichen Vorteile fielen im Verlaufe der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts vornehmlich wieder nur den nördlichen Nieder⸗
landen, besonders der Provinz Holland zu. Die südniederländischen
Städte hatten, ähnlich der niederrheinischen Großstadt Köln, ihre
Blütezeit schon seit dem Ende des 14. Jahrhunderts hinter sich —
nur Antwerpen war als Scheldehafen seit dem 15. Jahrhundert
noch in ununterbrochenem Aufblühen. War schon diese Lage
für die in junger Stärkung begriffenen nordniederländischen
Städte nicht ungünstig, so wurde sie während der Kampfesjahre
des niederländischen Aufstandes gegen Spanien ganz zu ihrem
Vorteil gewandt. Im Jahre 1585 fiel Antwerpen den Nord⸗
niederländern in die Hände; nun wurde die Schelde gesperrt,
und aller Gewinn einer einziggearteten Küstenlage übertrug sich
auf den Norden; Amsterdam wurde die größere Nachfolgerin
Antwerpens. Es sind die Anfänge holländischer Weltmacht
zur See.

Neben Holland aber kam, wenn auch viel weniger und im
wesentlichen nur mit dem einen Emporium Hamburg, auch die
heutige deutsche Nordseeküste in Aufnahme. In Hamburg ent⸗
faltete sich nach der Mitte des 16. Jahrhunderts, trotz aller
Vernichtung drohenden Zwischengriffe der Holländer, doch ein
Abglanz der niederländischen Macht. Niederländis che Emigranten,
        <pb n="141" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 483
portugiesische Juden und englische Kaufleute führten hier neue
Industrien ein und begannen im Wettbewerb mit den altham—
burgischen Geschlechtern einen regen Seehandel. Schon 1597
konnte der Physiker Bökel es aussprechen, diese Stadt sei nicht
eine gemeine Landstadt, in welcher Kühe, Schweine und ander
Viehe gehalten werden, sondern ein RHorentissimum Emporium
totius Germaniaeé!. Und nach 1648 wurde Hamburg als
volkreichste Stadt Deutschlands besungen. In der That war
schon in diesen Zeiten seine Stellung in Deutschland einzig
und sein Handel ausgedehnt. Der alte Islandshandel der ersten
Hälfte des 16. Jahrhunderts hatte sich zu einem wichtigen
nordischen Handel überhaupt erweitert; außerordentlich hatte
seit Ende des 16. Jahrhunderts der Verkehr nach den Nieder—
landen zugenommen, so daß er um 1625 nach Schiffen und
Lasten rund ein Drittel der ganzen hamburgischen Schiffahrt
betrug; darüber hinaus wurde Getreide und Kriegsmaterial
nach Spanien gebracht, und ein schwächerer Verkehr führte
hamburgische Schiffe auch in die Häfen des Mittelmeers und
nach Brasilien.

Freilich: gegenüber der Blüte Hollands trat dieser Handel
immerhin noch in den Hintergrund, wie denn vor ihr die ge—
samte mittelalterliche Handelsorganisation des Nordens, die
deutsche Hanse, an sich schon im Rückgang begriffen, nun vollends
in Zerfall geriet.

Mit welchen Mitteln sollten sich die rheinisch-westfälischen
Hansestädte halten, wenn die Holländer, wie sie die Schelde
sperrten, so im Verlaufe ihres Kampfes gegen Spanien auch
den Rhein für jeden Rivalen so gut wie unzugänglich machten?
Schon die Zölle waren, abgesehen von anderen Plackereien und
Erpressungen, abgesehen auch von der seitens spanischer Kriegs—
schiffe bisweilen drohenden Gefahr der Kaperei, ganz unerträg—
lich: eine Last Heringe kostete von Holland bis Köln früher
6—8, seit 1594 48 -50 Thaler Zoll, und die Fahrt erforderte
infolge des steten Anhaltens an Zollstätten nunmehr eine Frist von

1Baasch in Zeitschrift f. hamb. Gesch. 9, S. 300.
        <pb n="142" />
        484 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
6—9 Wochen. Unter diesen Umständen waren die Holländer
fast allein Herren des Rheins, Herren damit auch des nord—
westdeutschen Binnenhandels bis hinauf zu den Messen Frank—
furts und den Märkten Westfalens.

Aber auch der ostwestliche Handel Norddeutschlands, der
Hauptverkehr der alten Hanse, strich vor Holland die Segel.

Hätten die hansischen Handelsherren nicht versuchen können,
sich des neuen oceanischen Verkehrs mit zu bemächtigen, wie es,
freilich nur als Kaufleute, seltener dagegen als Reeder, die großen
oberdeutschen Handelsfürsten seit der Auffindung des Seewegs
nach Ostindien gethan hatten? Und wäre die Nation nicht berech—
tigt gewesen, von ihrer Vergangenheit eine solche Initiative zu
erwarten? Es zeigte sich hier mit am frühesten, daß die
hansische Kaufmannschaft trotz vielleicht noch gleichbleibender
Höhe des hansischen Gesamtumsatzes doch schon um 1500 in
einer Neigung zu jenem Verfall begriffen war, der dann ein
Menschenalter später offen hervortrat; außerdem aber hatte die
Hanse beim Vertrieb ihrer nordöstlichen Güter nach dem roma—
nischen Süden niemals eigentlich die Niederländer aus der Rolle
der bevorzugten Zwischenhändler nach den spanischen und portu—
giesischen Häfen herausgedrängt, so daß sie jetzt bei jedem Vor—
stoß in den freien Ocean des Südens alsbald deren übermäch—
tigem Wettbewerb begegnete.

Gewiß hatten hansische Schiffe seit Ende des 14. Jahr—
hunderts gelegentlich den Weg über die Baye und Rochelle
hinaus nach den galicischen Häfen, nach Lissabon, später auch
nach Sevilla gefunden, indes eine bedeutendere Thätigkeit, die
etwa gar mit Unterdrückung der niederländischen Fahrten in
dieser Richtung geendet hätte, wurde während des ganzen
15. Jahrhunderts und während der größeren Hälfte des 16. Jahr—
hunderts, also in der entscheidenden Zeit, niemals entfaltet.
Späterhin, in den Jahren des erbitterten Unabhängigkeitskampfes
der Niederlande, suchte dann wohl Spanien die Hanse gegen
den niederländisch-spanischen Verkehr auszuspielen; und in der
That sandte die Hanse im Jahre 1606 eine Gesandtschaft mit
großen Hoffnungen an den Hof von Madrid. Allein selbst
        <pb n="143" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 485
wenn man von dem rastlosen Widerstand der Holländer und
—RVV —
läßt, daß wenige Jahre darauf ein langer Stillstand in den
spanisch-niederländischen Kämpfen eintrat, so zeigten sich auch sonst
die veralteten Einrichtungen und Anschauungen der Hansekauf—
leute nicht geeignet, die neuen, weiten Wege zu bezwingen. Nur
der Wagemut einzelner Städte griff schließlich durch; hier lag,
wie wir sahen, einer der Anlässe zum kommerziellen Aufschwung
Hamburgs.

Noch früher aber als der spanische Verkehr ging den Hansen
der englische Verkehr verloren!“. Die alten Privilegien im
Lande des Stahlhofs sind vollständig zum letztenmal durch
Eduard VIJ. im Jahre 1547 erneuert worden. Allein es war
nicht mehr daran zu denken, daß sie erhalten blieben; gegen—
über der einstimmigen Verwahrung des Landes mußte sie der
König schon 1552 widerrufen, und die Zölle wurden aufs
Zwanzigfache erhöht. Und schon drangen die Engländer, der
Ostsee längst gewöhnt?, nun auch in die Nordseegebiete der
Hanse ein. Hamburg, das jetzt auf neuen, eigenmächtigen Pfaden
zu kommerzieller Größe auch außerhalb des Bereiches der Hanse
begriffen war, öffnete im Jahre 1567 den Merchant adven-,
turers seinen Hafen; seitdem nahm der englisch-hamburgische
Verkehr gewaltig zu, namentlich überschwemmten englische Tuche
ganz Deutschland zum schweren Schaden wenigstens der nord—
deutschen Webindustrie. Und als dann das Reich, zum Teil
auf Klagen der Hanse, gegen diese hamburgische Sonderpolitik
ungeschickt eingriff und den Engländern den Hamburger Handel
— natürlich erfolglos — verbot, da antwortete deren Heimats—
staat mit vernichtenden Repressalien. Hatte die Königin Elisabeth
schon im Jahre 1579 nochmals alle hansischen Privilegien auf—
gehoben, so wurden jetzt, am 23. Januar 1508, die Hansen
auch aus ihrer uralten Gildhalle, dem Londoner Stahlhof, ver—
trieben: es war das letzte Verzucken alten Ruhmes: „sind wir ...

2

Vgl. Band IV S. 483
Val. Band IV S. 478.
        <pb n="144" />
        486 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
mit Betrübnis unseres Gemütes, der Aldermann voran und
wir andre hernacher, zur Pforte hinausgegangen, und ist die
Pforte nach uns zugeschlossen worden, haben auch die Nacht
nicht drinnen wohnen mögen. Gott erbarm' es!“

Aber blieb den Hansen nicht wenigstens die älteste Handels—
domäne Lubecks, ihres Oberhauptes, die Ostsee?

Auch hier hatten sich die Dinge inzwischen zum schlimmsten
gewendet. Wie lange war es her, daß die Verbindung zwischen
Ostsee und Nordsee vornehmlich den Überlandweg zwischen
Lubeck und Hamburg gewählt hatte! Schon gegen Ende des
13. Jahrhunderts war demgegenüber der Seeweg durch den
Sund, die „Umlandsfahrt“, gewöhnlich geworden. Er bedeutete
zweierlei: die Möglichkeit viel umfangreicheren Transportes
von Massenartikeln und, mit dem Verweis des Verkehrs auf
die offene See, den Wettbewerb der Holländer mit den bis—
herigen Trägern des Handels, mit Westfalen und Oster—
lingen.
Indes einstweilen hatte dieser Wettbewerb noch nicht viel
zu befagen gehabt. Die nordwestlichen Niederlande waren im
späteren Mittelalter noch fast durchweg kapitalarm; fast nur
Fischerei und Frachtgeschäft in den Formen einer bäuerlichen
Reederei wurden von ihnen aus betrieben. Gefährlich wurde diese
Konkurrenz erst von dem Augenblicke an, wo die skandinavischen
Reiche sich derselben im Streite gegen die Hansen als eines der
wichtigsten Kampfmittel bedienten. Nun belebte sich der Sund
mit zahlreichen holländischen Schiffen; Segel an Segel ver⸗
mochte man an schönen Tagen von dem Kärnan, dem alten
Hanseturm Helsingborgs, aus zu erblicken; und im Jahre 1586
galt der Sundzoll längst als „des Königreichs Dänemark größte
Intrada“.
So hing das Vordringen der Holländer in der Ostsee vor
allem von dem Verhältnis der Hanse zu den nordischen König—
reichen ab. Und hier häufte sich nun Unglück auf Unglück.
Wir kennen den traurigen Ausgang des waghalsigen Ver—
suches Jürgen Wullenwevers, Dänemark noch einmal unter das
        <pb n="145" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Cerritorien im 16. Jahrh. 487
Gebot Lübecks zu beugen!; seit der Grafenfehde der Jahre
1534 1536 war die weitere Durchführung einer solchen Absicht
schlechterdings unmöglich — und Amsterdam, durch den Ostsee—
handel gehoben, erlebte ein erstes Aufblühen.

Für die Hanse aber konnte es sich jetzt nur noch darum
handeln, wenigstens in Schweden festen Fuß zu behalten, viel—
leicht im Verein mit Schweden auch Dänemark nochmals zu
fesseln. Aber Schweden zeigte keine Neigung, der Hanse ent—
gegenzukommen. Im Jahre 1548 wurden vielmehr alle alten
Privilegien des deutschen Kaufmanns in Schweden als der
nationalen Entwicklung unzuträglich unterdrückt und schließlich,
trotz aller Gesuche der Hansen, nur höchst unvollkommen und
auch nur für die Städte Hamburg, Lübeck, Rostock und Danzig
wiederhergestellt.

Dagegen trat Schweden kurz nach der Mitte des 16. Jahr—
hunderts in seine große baltische Politik ein, in deren Verlauf
später Gustav Adolf auf deutschem Boden erschienen ist. Sie wurde
damit eingeleitet, daß König Erich Reval einnahm und den
Hansen die russische Fahrt nach Narwa untersagte, um Reval
in den Alleingenuß des russischen Handels zu bringen: wie der
Sund durch Dänemark, so sollten die russischen Handelswege
durch Schweden beherrscht sein. Gegen diese letzte aller Ver—
gewaltigungen führte dann freilich Lübeck, übrigens von den
Hansen fast allein gelassen, noch einmal einen großen Krieg;
sieben Jahre lang warf es sich den Schweden in verzweifeltem
Ringen entgegen, und der Friede von Stettin vom Jahre 18570
sprach ihm dann thatsächlich wieder den freien Verkehr nach
Rußland zu. Allein die Abmachungen wurden von den Schweden
nicht gehalten; rücksichtslos griffen sie die lübischen Rußland—
fahrer an und brachten sich in den Besitz der meisten livlän—
dischen Kolonien.

Nach alledem hätte man nunmehr ein schwedisches Handels—
übergewicht auf der Ostsee erwarten sollen. Allein die Schweden
waren und sind kein Handelsvolk. Es fehlte an Kapital zur

1S. Band IV S. 488 ff.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. V. 2.
        <pb n="146" />
        488 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Begründung von Reedereien und Handelshäusern, es fehlte
noch mehr an Aufnahmefähigkeit für eine große Einfuhr, und
ein bloßer Ostseehandel von Küste zu Küste erschien bei der
Gleichheit aller küstenländischen Erzeugnisse wenig gewinnreich.
So errangen die Schweden nur die politische und militärische
Obergewalt über die Ostsee, die sie in Seezöllen ausnützten:
der Handelsgewinn ihres Vordringens aber fiel den Holländern
zu, um so mehr, als sie sich mit dem großen polnischen Hafen
der Ostsee, Danzig, aufs beste zu stellen wußten. Um die
Wende des 16. Jahrhunderts waren sie darum das Handels—
bolk der Ostsee; ihre geistige Kultur eroberte wenigstens
Dänemark — der sogenannte Baustil Christians IV. ist ein
holländischer Stil; selbst der Dom zu Roeskilde, dieses ehr—
würdige Denkmal deutscher Kunst, erhielt holländische Anbauten —;
und im Jahre 1666 ergaben sich drei Viertel des Kapitals der
Amsterdamer Börse als im Ostseehandel angelegt.

Was war da den Hansen noch übrig zu thun? Zu den west—
lichen Verlusten sahen sie jetzt ihre eigenste Domäne, die Ostsee,
in fremde Hände gekommen. Es war ihres Bleibens nicht mehr.
Zwar behielt Lübeck noch einen Rest russischer Geschäfte; in
den Handelshöfen zu Nowgorod, Sskow und Iwanograd, auch
in der deutschen Vorstadt (Sloboda) Moskaus sah man noch
seine Kaufleute. Und einige andere Städte, vor allem das
vpolnische Danzig an der Ostsee und Hamburg an der Nordsee,
machten sogar Fortschritte. Aber sie fühlten sich wenig mehr
an die Hanse gebunden. Diese zerfiel.

Indem die binnenländischen Städte den deutschen Fürsten—
gewalten, die Seestädte im Osten dem Druck schwedischer Hoheit
oder schwedischer Flotten- und Zollrechte anheimfielen, begrenzte
sich die Mitgliederzahl der Hanse bald vornehmlich auf Bremen,
Hamburg und Lübeck; diese Städte, schließlich unter Abstreifung
alles Verständnisses der großen hansischen Erinnerungen Ansee—
städte genannt, haben im Jahre 1630 noch einmal den alten
Bund erneuert. Aber auch sie hielten kaum noch zusammen,
obgleich ihnen der Westfälische Frieden noch einmal eine Be—
stätigung ihrer Privilegien brachte; als Bremens Reichsfreiheit
        <pb n="147" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 489
in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von Schweden
wiederholt aufs schärfste angegriffen ward, hat weder Lübeck
noch Hamburg sie verteidigen helfen. Unter diesen Umständen
war der Hansetag vom Jahre 1669 fast nur noch eine Farce:
wenige Städte besuchten ihn, ergebnislos verliefen seine Ver—
handlungen: es ist die letzte Tagung der Hanse gewesen.
III.

Ziehen wir die Summe der Erscheinungen, von denen soeben
erzählt worden ist, so lautet sie: Verlust jeder Weltmachtstellung
Deutschlands im Handel, Beherrschung seiner Küsten, ja seiner
wichtigsten Flußgebiete kommerziell durch Holland, handels—
volitisch, wenigstens teilweis, durch Schweden. Ein trauriges
Ergebnis, diese Verstopfung fast aller Poren des nationalen
Körpers, das im wesentlichen bis ins 19. Jahrhundert bestehen
blieb, ja zeitweis noch Verschärfungen erfuhr: sehen wir von
den mißglückten Versuchen des Großen Kurfürsten zur See wie
herwandten Bestrebungen anderer deutscher Mächte ab, so hat
erst die Losreißung der Vereinigten Staaten von England wieder
deutsche Schiffe durch den offnen Ocean geführt.

Wir begreifen heute, in einem Zeitalter reißend wachsender
Handelsbeziehungen unserer Nation nach allen Weltteilen hin,
was dieser Vorgang bedeutete. Er versetzte Deutschland in die
Rolle des Aschenbrödels unter den Nationen; er verschüttete die
Quellen seines Fortschritts seit dem 15. Jahrhundert, er
begann es von neuem auf das Niveau einer spätmittelalter—
lichen Naturalwirtschaft hinabzudrücken, das in dem wirtschaft—
lichen Leben wenigstens der Großstädte der Reformationszeit
sowie in dessen sozialen und geistigen Folgeerscheinungen längst
überschritten schien. Es war, als sollten einige Menschenalter
reichsten Geschehens in der Entwicklung der Nation wieder
zestrichen werden.

Der Fall des auswärtigen Handels zog natürlich den
Fall des Binnenhandels nach sich, um so mehr, als der
deutsche Handel noch in vielen Beziehungen Passivhandel war.

32*
        <pb n="148" />
        490 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Und indem seine befreienden Wirkungen auf die politische
Struktur des Gesamtkörpers der Nation wegfielen, wußten
sich die Territorien mehr, als man um die Wende des 15.
Jahrhunderts je hätte vermuten können, zu eignen Wirt—
schaftskörpern auszubilden. Sie behielten jetzt ihr altes,
den interterritorialen Verkehr vielfach unterbindendes Zoll—
system und dessen hohe Tarife; ja sie begannen es hier und
da zu einem wirklichen Schutzzollsystem umzubilden, so daß der
alten, regellos verknöcherten Zollpolitik des Mittelalters da,
wo sie ohne weitere Entwicklung fortdauerte, sogar noch der
Ehrenname des liberum commercium zu teil werden konnte.
Namentlich das Haus Habsburg ist auf diese Weise schon in der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zum vollendeteren wirtschaft—
lichen Abschluß seiner Lande fortgeschritten. Konnte es unter diesen
Umständen wunder nehmen, wenn nunmehr die wirtschaftliche
Entwicklung sogar von der religiösen Bewegung geschädigt
ward? Indem der Grundsatz cuius regio eéius reéligio in
katholischen Territorien vornehmlich gegen die protestantischen
Stadtbürger angewandt wurde, kam es, namentlich in Bayern
und OÖsterreich, zur Vertreibung der Kaufleute und Hand—
werker: bis auf die einzelnen Personen herab griffen die
Landesgewalten in den freieren wirtschaftlichen Fortschritt ein.

So begreift es sich, wenn gegenüber der städtischen Blüte
und dem Seehandel der früheren Generationen jetzt vor allem
die Binnenländer hervortreten: Österreich, Pfalz, Sachsen ge—
langen an die Führung der deutschen Geschicke. Und gleich—
zeitig, schon um 1550, ertönen die Klagen über Verarmung in
den Städten, über Verfall der Kaufmannschaft und über Ver—
zdung der Landstraßen. Fremde Importhändler ziehen ein
in Augsburg und Wien, in Nürnberg und Leipzig; das groß—
städtische Transportgewerbe krampft sich in enge Genossen—
schaften nach dem Vorbilde der verknöcherten Zünfte zusammen;
die städtische Rechtsentwicklung büßt den geldwirtschaftlichen
Zug des 15. Jahrhunderts teilweis ein, und auch in den
Territorien bemerkt man den Rückgang der Hantierungen trotz
zuter Gelegenheit und schiffbarer Flüsse.
        <pb n="149" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 491
Schon in den siebziger und achtziger Jahren des 16. Jahr⸗
hunderts sieht man dann mit Schrecken, wie ganz allgemein
die Grundlagen naturalwirtschaftlicher Kultur wieder zu Tage
treten. Waren die einsichtsvollen Münzschriften der sächsisch—
albertinischen Linie in der ersten Hälfte des Jahrhunderts
wie auch noch der treffliche sächsische Rat Melchior von Osse in
seinem politischen Testament vom Jahre 1556 der Meinung
gewesen, das Geld vermehre den Handel und verhüte die
Absatzlosigkeit der erzeugten Waren, so konnten jetzt die Be—
soldungen wiederum fast nur noch in Naturalien, in einzelnen
Territorien auch in Bergwaren (Salz, Metallen, Hütten⸗
produkten) gewährt werden; in Brandenburg hat noch unter
dem Großen Kurfürsten jede mehr geldwirtschaftliche Ge—
haltszahlung gestockt, bis erst etwa das Jahr 1683, noch
mehr das Jahr 1713 eine Besserung brachte. Und auch
die Fürsten selbst sehen wir im bloßen Tauschhandel für ihren
Hofbedarf; sie kaufen mit Naturalerzeugnissen, und für größere
Landesausgaben, für Kanal- und Wegbau, für Kriegsführung
und Friedenspolitik muß das Geld im Auslande gesucht werden.
Es ist der unglückselige Zustand, der unsere Fürsten auf viele
Menschenalter hin den Tributzahlungen der westlichen Geldmächte,
Frankreichs, Hollands, Englands, nur zu geneigt gemacht hat.

Will man sich ein eingehenderes Bild von dem zeitlichen
Fortschritt dieses unglücklichen Verlaufes machen, so führt
hier, zumal bei der Lage der heutigen Forschung, kaum eine
andere Entwicklung deutlicher ein, als die des Geldwesens.

Mit dem außerordentlichen Aufschwung des Verkehrs im
14. Jahrhundert war in Deutschland nach Florentiner Vor—
bild der Goldgulden entstanden, zunächst als Handelsmünze?:
dieselben Motive im kleinen hatten seine Prägung veranlaßt,
die unsere Tage auf den Weg der Goldwährung des neuen Reiches
—DDDDDD—
und 16. Jahrhunderts — Deutschland war einst, zur Römerzeit,

Zum Gegensatz vgl. oben S. 94.
2 S. oben S. 55.
        <pb n="150" />
        492 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
ein ungemein silberreiches Land gewesen und barg auch damals
noch große Schätze — hatte dann den Goldgulden im Verkehr wieder
fast verschwinden lassen: in Bayern kam seit den dreißiger Jahren
des 16. Jahrhunderts für alle größeren Zahlungen die stehende
Formel auf: so und so viel Gulden (rheinisch) in Münß,
d. h. in Silber!; und bereits im Jahre 1486 hatte der
Herzog Sigmund von Tirol silberne Gulden prägen lassen,
worauf die Grafen von Schlick zu Joachimsthal, seit 1520 mit
Münzrecht ausgestattet, in der Prägung verwandter Münzen,
der späteren Thaler, gefolgt waren?.

Diese Bewegung zu gunsten des Silbers suchte nun die
Reichsgesetzgebung noch einmal zur Einführung einer allge—
meinen Münze zu benutzen. Im Jahre 1524 wurde zu
Eßlingen eine Reichsmünzordnung auf Grund des Thaler—
fußes beraten, freilich schließlich ohne Erfolg: es gelang
nicht, zwischen den südwestdeutschen und Donaumünzen
und dem rheinischen Gulden einen genügenden Ausgleich
herzustellen. Auch eine weitere Beratung der Angelegen—
heit im Jahre 1551 führte schließlich zu keinem Er—
gebnis; erst die Reichsmünzordnung vom Jahre 1559 brachte,
wenigstens auf dem Papiere, eine Verständigung. Von nun
ab sollten im ganzen Reiche Münzen auf der Grundlage des
Münzfußes der süddeutschen Währung geprägt werden; die
Münzstätten sollten auf die Reichsstände beschränkt werden,
die Silberbergwerke besäßen; und die Organe der Reichskreis—
oerfassung sollten die Ausmünzung beaufsichtigen.

Es war ein im ganzen gutes System, und man wußte
es durch eine eingehende Probierordnung noch glücklich zu
ergänzen. Aber freilich: „Alles will an der Exekution gelegen
sein,“ schrieb Kurfürst August von Sachsen an den Kaiser —
und hier kam es, soweit es sich um Einführung der vollen
Maßregel handelte, zu geringen Erfolgen. Es half nichts, daß
man die Sache zur Durchführung an die Kreise verwies; die

Schmeller J S. 899.
2 S. dazu oben S. 54.
        <pb n="151" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 493
im Jahre 1571 beschlossene Errichtung von Kreismünzhäusern
hlieb ohne Ergebnis, und die Kaiser dachten für ihre Erb—
lande am wenigsten daran, die Reichsordnung einzuführen.

Indes wurde doch soviel, namentlich infolge eines
Reichsschlusses vom Jahre 1566, erreicht, daß die groben
Münzsorten, namentlich die Gulden und Thaler, in der allge—
mein gültigen Relation von 68 Kreuzern auf den Thaler aus—
geprägt wurden, wenn auch einige Territorien in der bisher
bestehenden Prägung von 72 Kreuzern auf den Thaler fort—
fuhren. Und damit schien immerhin die notwendigste Stetig—
keit des Münzwesens gewährleistet.

Allein es kam anders. In der Intensität des Kleinver—
kehrs lag so wenig Zwang mehr zur Aufrechterhaltung guter
Münze, daß man schon früh den Feingehalt der Teilmünzen
der groben Sorten, der Kreuzer, Heller u. s. w,, zu verringern
begann. Auf der Frankfurter Messe des Jahres 1585 stand
der Thaler bereits zu 74 Kreuzern, Dezember 1594 in Straß—
burg zu 84 Kreuzern. Im Jahre 1614 war das Verhältnis
dann auf 1: 92 gesunken, und nun ging es reißend abwärts,
1619 auf 1: 188-124, 1620 auf 1: 124-140, 1621 auf
1: 140-170, 1622 bis auf 1: 6001!

Und wenn nun wenigstens der Feingehalt der groben
Sorten festgehalten worden wäre! Allein der geschilderte
Verlauf hatte eine Steigerung wie der Preise so des Nenn—
werts nun auch der groben Münzen zur Folge. Und da diese
in ihrem wahren Werte durch keinerlei Bürgschaften eines
großen inneren wie internationalen Verkehrs gehalten wurden,
so begannen sie außer Landes zu gehen, nach dem Südosten und
den Niederlanden besonders, und an ihre Stelle traten zunächst
leichtere niederländische, spanische, ungarische, polnische Gepräge.
Welche Versuchung aber lag hierin für die deutschen Münz⸗
herren, nun auch ihrerseits leichter auszumünzen, zumal es zu
den staatsmännischen Grundsätzen der Zeit gehörte, Münzver—⸗
Roscher, Geschichte der Nationalökonomik S. 172. Doch darf be—
zweifelt werden, daß diese Zahlen völlig sicher und überall gleichmäßig
zutrafen.
        <pb n="152" />
        194

Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
ringerungen zur Verhinderung der Geldausfuhr vorzunehmen!.
Schon um 1576 begann man über Beschneidung von Schrot
und Korn zu klagen, und 1609 wandte sich der Wirtschafts—
theoretiker Obrecht dagegen aufs schärfste. Da aber mit
diesem Vorgehen für die Münzherren zugleich ein starker Gewinn
verbunden war, so überwogen die fiskalischen Gesichtspunkte
alle etwa auftauchenden volkswirtschaftlichen Bedenken. Es kam zu
einem allgemeinen Ruin des Münzwesens; jeder Reichsstand
münzte minderwertig aus — je kleiner er war, um so mehr; und
schon wurden Kesselschmiede und Schlosser als Münzmeister
eingestellt.

Jetzt bedurfte es, unter immer stärkerem Abflusse des guten
alten Geldes, nur noch der Furcht vor kriegerischen Ereignissen
oder gar des Eintretens solcher, und eine schwere Krisis war
unvermeidlich. Dieser Augenblick kam nach verhältnismäßig
friedensseligen Jahren erst spät, im Jahre 1618. Um so
furchtbarer war die Wirkung. Jetzt zogen die Kapitalisten ihr
letztes Geld aus dem Verkehr zurück, gutes Geld war kaum
noch zu haben, und die Preise stiegen bedrohlich.

Diese kritische Lage machten sich nun die in ihrem Ge—
wissen inzwischen unsicher gewordenen Munzherren erst recht zu
nutze. Sie begannen dem Bedürfnis nach Geld durch eine fast un⸗
glaubliche Schlecht- und Falschmünzung zu Hilfe zu kommen;
in zahlreichen Münzstätten ließen sie schließlich Silbermünzen
aus Kupfer, Messing, ja Glockenspeise ausbringen. Der Kaiser,
Ferdinand II. ging damit billigerweise voran. Allein die Wiener
Juden, die die leichte Münze in den Verkehr brachten, zahlten
ihm wöchentlich 19 000 Gulden; das mährische und böhmische
Münzwesen brachte ihm in anderthalb Jahren 6 Millionen Gulden
ein. Vor allem aber war der Wahnwitz in Mitteldeutschland
und Niedersachsen, besonders Braunschweig, zu Hause, während
die Gebiete, denen ein leidlicher Handel noch die erreichte Höhe
der Geldwirtschaft ziemlich aufrecht zu erhalten gestattete, am
wenigsten litten, so der Niederrhein, die Hansestädte und die Ost—

Sully, Mémoires C. XIII.
        <pb n="153" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 495
seeländer, sowie die Reichsstädte Oberdeutschlands mit Aus—
nahme von Augsburg und Nürnberg, wo örtliche Ursachen
partikulare Verheerungen herbeiführten.

Während so die Volkswirtschaft im allgemeinen aufs
schwerste litt, nahm der Handel mit Edelmetallen einen
wundersamen Aufschwung. Schon die Messen der Jahre 1618
und 1618 zeigten das. Bald aber sah man Einzelhändler in
Dorf und Stadt umherschleichen, um alle guten alten Thaler,
ja Dreikreuzerstücke und Halbbatzen zur neuen Falschmünzung
aufzukaufen: schließlich wurden auf die Mark schweres Geld
zu 7 Gulden 4 Gulden Aufgeld gegeben; an 100 Gulden
waren dem Nennwert nach 57 Gulden 3 Groschen zu verdienen,
und alles Volk, Junker und Pfaffe, Jude und Christ, suchte das
Mannah: es war die hohe Zeit der Kipper und Wipper.

Die Folgen des Paroxysmus ließen nicht auf sich warten.
Bald wies der Verkehr alles fremde, schließlich sogar das ein—
heimische Geld zurück; die Kaufleute lieferten nur auf guten
Kredit, die Handwerker nur auf Tausch; für Beamte, die
in Geld bezahlt waren, mußten öffentliche Sammlungen veran—
staltet werden; die Kapitalisten erlitten unglaubliche Verluste
durch Schuldabtragung in schlechter Münze. Schließlich kam
es da und dort zu Aufruhr, so namentlich in Magdeburg, und
männiglich stürzte sich auf die Geldvertreiber und Münzpächter,
während die Münzherren selten genannt wurden. Tausend
Schimpfnamen wurden auf die betrogenen Betrüger erfunden
und angewandt: Erzkipper und Schandfunke, Kauderer und
Geldwanst, Schindfässel und Galgenhuhn klang noch gemäßigt.
Daneben schoß eine unsäglich unflätige und geistlose Litteratur
von Pamphleten auf; in einem derselben nennt Lucifer seine
Lieben und Getreuen: Junker Wolf von Kipperg, Laux von
Wipperheim, Wucherhausen und Schindeberg, Fuchs von Geb—
—V
Schacherhausen und Münzberg.

Wie aber nun helfen? Auch vernünftige Männer schlugen
als Rettungsmittel allgemeinen Aufruhr gegen die Obrigkeit,
Judenschlachten, Gütergemeinschaft und das Erwarten des
        <pb n="154" />
        196

Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
tausendjährigen Reiches vor. Am klügsten waren die Kauf—
leute; sie begrundeten die Girobanken zu Hamburg (1619) und
Nürnberg (1621). Aber auch die Münzherren hatten ein
Einsehen. Nachdem schon in Münzbedenken der Reichs—
kreise aus den Jahren 1608 und 1607 der Vorschlag
eines Verbotes der Geldausfuhr aufgetaucht war, erschien
schließlich die Rückkehr zur alten Reichsmünzordnung als das
Beste. Sie wurde zuerst, schon im Herbst 1621, von dem
Herzog Christian von Braunschweig-Lüneburg, Bischof von
Minden, unter Reduktion der schlechten gangbaren Münzen
angebahnt. In den folgenden Jahren half man sich dann auf
diesem Wege ziemlich allgemein weiter; claudite iam rivos,
pueri, sat prata biberunt, wurde wohl einem Fürsten zugerufen;
1624 war der Taumel zu Ende!.

Was blieb, das war ein außerordentlicher Verlust an
Nationalvermögen und die Thatsache, daß man sich in der
oollsten Ebbe der großen geldwirtschaftlichen Bewegung des 15.
und 16. Jahrhunderts angelangt sah.

Die Konsequenzen dieser Lage aber waren inzwischen auch
nach anderen Seiten hin gezogen worden.

Die Bergwerke waren in Verfall geraten. Hatte man im
14. und 15. Jahrhundert mit Tagesschürfen eifrig begonnen
und war man darüber hinaus bald zum Stollenbau vorge—
schritten, so fehlte jetzt das Kapital zu diesem kostspieligeren
Betrieb, und das Steigen der Arbeitslöhne machte die Aus—
beutung noch schwieriger. Schon mit den zwanziger Jahren des
16. Jahrhunderts ließ darum der Abbau hier und da nach,
vornehmlich wohl in Sachsen; anderswo, in Böhmen, in
Tirol. schleppte er sich unter dem Bankbruch der großen Berg⸗—

Die Geschichte der Preisrevolution des 16. Jahrhunderts in eine
allgemeine Darstellung der deutschen Geschichte, ja auch nur in die Geschichte
des Geld- und Münzwesens einzuführen (obwohl die letztere zweifellos von
ihr beeinflußt worden ist), halte ich auch nach dem trefflichen Buche Wiebes
Zur Geschichte der Preisrevolution des 16. und 17. Jahrhunderts; Leipzig
1895) noch immer für ein gewagtes Unternehmen, dem noch sehr intensive
Studien vorausgehen müßten.
        <pb n="155" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 497
werksgesellschaften wohl noch ein Menschenalter langsam dahin;
doch schon um 1570 konnte er in einer Anzahl von Berawerken
nur noch mit Verlust fortgeführt werden.

Über den Bergbau hinaus aber litt die gesamte Industrie.
Daß die Industrie der Massenartikel durch das Sinken des
Ausfuhrverkehrs hart getroffen wurde, liegt auf der Hand. Aber
auch die Erzeugung gangbarer Artikel für den einheimischen
Verbrauch wurde durch den steigenden Abschluß der Territorien
unterbrochen. Lebenskräftig blieb auf längere Zeit nur noch
die Industrie der Luxus- und Galanteriewaren — noch weit
und breit sprach man bis zum Schlusse des 16. Jahrhunderts
von den Nürnberger geschwindigen Fünden —, bis auch
diese Gewerbe dem Rückgang der sich verzehrenden Kaufkraft der
Nation zu unterliegen begannen.

Und mit der Erzeugung verfielen die gewerblichen Betriebs⸗
formen. Die mittelalterlichen Zünfte hatten noch bis ins
16. Jahrhundert hinein ihre Lebenskraft in der Fortbildung
der ihnen eigentümlichen Arbeitszerteilung bewiesen: Schmiede
und Schlosser, Klingenschmiede und Messerschmiede, Gürtler
und Spengler, Drechsler und Tischler, bisher vereint, waren
in eigne Zunfte auseinandergegangen. Jetzt aber zeigte sich,
daß die weitere Durchbildung dieser Entwicklung zu stocken begann.
Wo es zu neuen Teilungen kam, da erschienen sie den Verbrauchs—
bedürfnissen der Nation, die ihnen nicht mehr folgten, als künstlich
und unpraktisch; überall erhoben sich kleinliche Kämpfe um die
gegenseitige Abgrenzung der Erzeugungsgebiete: und die alte
Gewerbeverfassung erwies sich gegenüber diesen inneren Kämpfen
nicht mehr elastisch genug; ja in vielen Fällen zerbrach sie.

Zugleich aber führte der Rückgang des Absatzes vornehm—
lich in den alten Zünften auf verhängnisvolle Bahnen. Die
Zünfte begannen die Preise willkürlich zu steigern; sie bildeten
Verkaufsringe!; keine Spur fast ihres früheren gemeinnützigen
Charakters blieb übrig. Und wenn ihr Verfahren öffentlicher
Kritik unterworfen ward, so schlossen sie sich nur um so

1 S. oben S. 64.
        <pb n="156" />
        498

Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
enger ab. Die Schwierigkeiten der Zulassung von Meister⸗
kandidaten wurden erhöht, die Zahl der Meister selbst begrenzt,
die Gesellen durch stärkere Anspannung ihrer Arbeitskraft bis
zu sechzehnstündiger Tagesbeschäftigung ausgemergelt und ge—
knechtet: rücksichtslos trat der Egoismus der Meister zu Tage.
So gingen ihre Genossenschaften den Weg des Verfalls und
verloren das öffentliche Vertrauen; die Reichspolizeiordnung
vom Jahre 1530 hatte Handwerkshändel noch vor die ein—
schlagende Zunft zum Austrag verwiesen; die Ordnung vom
Jahre 1577 setzt fest, daß alle solche Händel allein von der Obrig—
keit geschlichtet werden sollen.

Indem aber die Zünfte verknöcherten, zog sich das städtische
Leben überhaupt in sich zurück und veraltete; denn von wem
war es in seinen älteren und tieferen Grundlagen mehr getragen,
als eben vom Handwerk? In der ersten Hälfte des 16. Jahr—
hunderts hatte es wohl scheinen können, als ob die Trennung von
Stadt und Land, wie sie sich seit dem 13. Jahrhundert aus—
gesprochener entwickelt hatte, von einer glücklichen Durchdringung
städtischer und ländlicher Interessen abgelöst werden könne. Bürger—
liche Händler hatten die Landeserzeugnisse auf den Dörfern auf—
zukaufen begonnen, Hausierer vertrieben hier die städtischen
Manufakte; in den Anfängen der Hausindustrie zog sich städtischer
Betrieb selbst teilweis auf das platte Land; und in den Dörfern
ergab sich eine lebendige Preisbildung selbst für die Lohnan—
sprüche des täglichen Arbeiters. Wie später die großen Handels—
kompagnien des 17. Jahrhunderts die alte Stadtwirtschaft
thatsächlich gesprengt haben, so ließ sich eine solche Wirkung
schon durch den dauernden Bestand der Monopolgesellschaften
des 15. und 16. Jahrhunderts erwarten.

Jetzt, mit dem Rückgang der Volkswirtschaft, blieb sie aus.
Schroffer wie je trennten sich Stadt und Land. Es kam soweit,
daß bewaffnete Mannschaften der Zünfte gegen die Bönhasen auf
dem Lande zu Felde zogen, daß sie ländliche Verkehrs- und
Gewerbsanlagen zerstörten, ja daß sie die Niederlegung der
eignen Vorstädte vor den Mauern erzwangen. Selbstverftänd—
lich, daß demgegenüber das platte Land auch den Handel der
        <pb n="157" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und CTerritorien im 16. Jahrh. 499
Städte nicht mehr zulassen wollte. An Stelle der heimischen
Hausierer sah man lieber fremde Tabulettkrämer, Schotten und
Savoyarden; und der Adel, auf den Absatz seiner Landespro—
dukte bedacht, wandte sich namentlich im Nordosten gegen das
Monopol bürgerlichen Aufkaufes und zeigte ihm gegenüber
freihändlerische Neigungen.

Vor allem aber wandten sich die führenden Klassen des
Landes wie der Stadt mit gleich eindringlicher Bitte an das
Reich wie namentlich die Territorien, sie in ihren hergebrachten
Rechten zu schützen: die Gesetzgebung der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts ist von diesen Tendenzen vollkommen durch—
setzte. Und in der That erreichte man, was man bezweckte:
mit einer unerhört scharfen Scheidung der Stände, soweit es
sich um die Abgrenzung ihrer Berufe handelte, schloß das Jahr—
hundert.

Es war eine Entwicklung, die dem platten Lande so wenig
fast als den Städten zu gute kommen konnte.

Zwar sollte man glauben, die naturalwirtschaftliche Reak⸗
tion, wie sie um die Wende des 16. Jahrhunderts sogar
die deutschen Wirtschaftstheoretiker zur Anerkennung eines
wesentlich naturalwirtschaftlichen Gesamtzustandes der Nation
zwang?, hätte für das platte Land Vorteile bringen müssen.
Indes das war in keiner Weise der Fall. Vielmehr vereinten
sich die Folgen der absterbenden geldwirtschaftlichen Periode
mit den Wirkungen der zurückkehrenden Naturalwirtschaft auch
für den Landmann zu besonders schwerer Schädigung. Freilich
geschah das in den alten mutterländischen Gegenden und in den
Gebieten der seit dem 12. Jahrhundert erschlossenen Kolonial⸗
——

Im Mutterland hatte der geldwirtschaftliche Aufschwung
des 15. und 16. Jahrhunderts mehr oder minder zur Sprengung

S. unten S. 539f.

Besonders klar ist das bei dem in Danzig lebenden, 1609 ge⸗—
storbenen Keckermann. Er kennt zwar die Geldwirtschaft als höhere wirt—
schaftliche Lebensform, steht aber gleichwohl auf dem Standpunkte der
Naturalwirtschaft: Roscher, Geschichte der Nationalßkoönomik S. 147.
        <pb n="158" />
        M Sechzehntes Buch. Erstes Rapitel.
wichtiger Grundlagen und Bindeglieder der alten Markgenossen—
schaft geführt. Die alten Hufen waren mit steigender Be—
völkerung immer mehr zersplittert worden; für einzelne Gegen—
den nahm man schon eine unsern Verhältnissen ähnelnde Ver—
teilung des Bodens wahr; jedenfalls war in den meisten Fällen
die Vollhufe als Substrat bäuerlicher Wirtschaft nicht mehr vor—
handen. Dementsprechend war die soziale Gliederung mannig—
faltiger, aber die soziale Haltung auch ärmlicher geworden; neben
reicheren Bauern stand eine Fülle dürftiger Elemente, und sie ver—
stärkte sich gern noch durch nichtshäbige Ankömmlinge. Damit kam
es zum Bruche des alten markgenössischen Systems als maßgeben—
der Grundlage der einheitlichen Dorfwirtschaft. Entweder hielten
die reicheren, auf alten Hufen sitzenden Bauern unter Ausschluß
der kleinen Leute an den alten Formen fest: dann begannen sie eine
Realgemeinde absterbenden Charakters innerhalb der neuen Per—
sonalgemeinde zu bilden —, oder aber sie nahmen alle Einwohner
des Dorfes als mehr oder minder vollberechtigt in die Genossen—
schaft auf: dann erfuhr diese grundstürzende Änderungen ihrer
Struktur und starke Verschiebungen ihrer wirtschaftlichen Be—
deutung. Auf alle Fälle aber schwand der bisher so feste Horizont
bäuerlichen Thuns, ging das Amterwesen der Gemeindeverwaltung
zurück und wurden die gemeinsamen Allmendebezüge so dürftig,
daß Hader unter den Gemeindegenossen einzog. Und indem
diese unerquicklichen Zustände nun vom Hauche eines gewissen
Verkehrs getroffen wurden, ohne doch in diesen aufgehen zu
können, gerieten sie erst recht in verderbliche Richtung. Massen—
haft lösten sich jetzt kleine Leute vom heimatlichen Boden; das
ländliche Gesindel nahm überhand; in ganzen Banden zog es
herum, zündete Dörfer an und hielt den Adel in Schrecken.
Gingen die Territorialordnungen dagegen an, so schreckten es
auch Todesandrohungen durch Strick, Schwert und Rad nur
vorübergehend; es überdauerte die Bauernkriege, es schwoll ins
Unerträgliche an seit der Mitte des 16. Jahrhunderts. In der
Absicht, es zu unterdrücken, kam man wohl gar zu dem verzweifelten
Entschluß, alle freie Lohnarbeit auf dem platten Lande zu ver—
hieten; so bestimmte die bayrische Landesordnung von 15883,
        <pb n="159" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 501
es sollten „alle ledige Manns- und Weibspersonen, die ihrer Leib
halben zu dienen geschickt, häuslich nicht angesessen noch von
ihrem eigenen Gute oder sonderer Handtierung so viel Nahrung
haben, sich selber zu nähren, bei Leibesstrafe sich füran zu
Diensten verdingen und nicht mehr im Taglohn arbeiten“!.
Die naturalwirtschaftliche Wendung war also dem länd—
lichen Proletariat keineswegs günstig. Wie hätte das auch mög—
lich sein sollen, da dies Proletariat schon nicht mehr über Grund
und Boden verfügte? Sie war es aber auch nicht für den Bauer.
Zwar in denjenigen Teilen des Mutterlandes, in denen
der große Aufstand der Jahre 1625— 1526 getobt hatte, ver—
schlechterte sich seine Lage nur langsam; und hier und da kam
es wohl gar zu kleinen Reformen. Im ganzen aber ergab sich
doch ein Stillstand; die Reichsgesetzgebung, die im Jahre 1526
für den Bauern eingetreten war?, schwieg seitdem fast ein
Menschenalter hindurch beharrlich. Und als sie wieder sprach,
zeigte sie ganz veränderte Grundlagen der Anschauung: im
Jahre 1555 gewährleistete sie den Grundherren die Leibeigen—
schaft und alle daraus fließenden Rechte?. Es war die erste all—
gemeine amtliche Kundgebung einer Ansicht, die den Bauern
überhaupt als Sklaven zu betrachten begann; im Jahre 1629
war sie so weit entwickelt, daß der Jesuit Contzen in seinem Buche
Politica der bäuerlichen Sklaverei aus Gründen der Wohl—
feilheit, der Arbeitswirksamkeit, ja selbst der Staatsfinanzen
ein aufrichtiges Lob singen konnte. Eben dies war die Folge des
bäuerlichen Stillstands, der auf die Dauer den Rückgang bedeutete,
sowie der alten, längst verhaltenen revolutionären Gärungen.
Schon 1534 schildert Sebastian Franck die Bauern als jeder—
manns Fußhader und als mit Fronen, Scharwerken, Zinsen,
Gülten, Steuern, Zöllen hart beschweret und überladen und
bemerkt zugleich, daß sie deshalb doch nicht „dester frümmer,
1 Daneben mag in dieser Bestimmung sich auch das Interesse aus—
prechen, den Tageslohn auf dem platten Lande billig zu halten.

2S. oben S. 851.

8 Es handelt sich hier um den mutterländischen, seit dem 14. Jahr—
hundert langsam entwickelten Begriff der Leibeigenschaft; s. oben S. 88.
        <pb n="160" />
        302 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
auch nicht, wie etwan, ein einfältig, sondern ein wild hinter—
listig ungezähmt Volk“ geworden seien. So lagen neue Auf—
stände in der Luft; und mindestens in vereinzelten Totschlägen
und Leibesquälereien adliger Bedrücker trat die allgemeine
Mißstimmung zu Tage.

Härter aber verlief die Entwicklung in sterreich; hier kam
es zu offenem Aufruhr. Ferdinand J. hatte zwar noch in den
Jahren 1541, 1542, 1552 Ordnungen zum Schutze der
Bauern vor adliger Bedrückung erlassen. Aber im Jahre 1563
rangen die Stände der Herrschaft Zusagen dahin ab, daß sie sich
um die Gemessenheit der Fronden nicht weiter kümmern wolle;
und nun wurden überall die Leistungen ins Unerträgliche ge—
steigert, wurde der Grundsatz des Gesindezwangsdienstes auf⸗
gestellt, wurde den Bauern die freie Nutzung des hergebrachten
Besitzes wie die ruhige Führung grundholder Selbstverwaltung
unterbunden: in Ober- und Niederösterreich zergeht die reiche
Blüte der Weistümer seit der Mitte des 16. Jahrhunderts. Die
Folge waren Aufstände. Im Jahre 1578 brachen die Bauern
in Untersteiermark, Krain und Kroatien los; mit blutigen Köpfen
wurden sie heimgeschickt. Viel gefährlicher war der ober- und
niederösterreichische Aufruhr der Jahre 1594-1597; wir
werden ihm in der politischen Geschichte dieser Zeit noch be—
gegnen!.
Erhob sich so grade in sterreich die Bedrängnis der Bauern
zu offener Empörung, so mag dazu wohl auch die Thatsache
mit gewirkt haben, daß dort einige der geschichtlichen Voraus—
setzungen für die Wirtschaft des platten Landes ähnlich lagen,
wie in den Kolonialgebieten des Nordens. Namentlich wird
man annehmen dürfen, daß der österreichische Adel nicht anders
als der nordische sich im Gegensatz zu dem Adel des Mutter—
landes im Besitze größerer Ländereien sah, deren gesteigerter und
erweiterter Anbau sich nur unter immer stärkerem Heranziehen
bäuerlicher Arbeitskräfte durchsetzen ließ.

Kam es indes in dem kolonialen Nordosten zu einer noch
odiel stärkeren Bindung der Bauern, ohne daß sich doch vor dem
1 S,. unten im dritten Kapitel unter Nr. V.
        <pb n="161" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 503
Ende des 18. Jahrhunderts Aufstände erhoben hätten?', so liegt
der Grund hierfür in den abweichenden Entwicklungsbedingungen,
die hier aus dem Mittelalter in die neuere Zeit mit herüber—
genommen worden waren?. Im Mutterlande hatte sich das grund⸗
herrlich-grundholde Verhältnis von unten her entwickelt: eine
ursprünglich unfreie oder hörige, überhaupt abhängige Bevölke—
rung war von den einzelnen Adligen in grundherrlicher Organi⸗
sation zusammengefaßt worden. Im Siedlungsgebiet dagegen
saß der Landjunker ursprünglich über freien Bauern; aber er
hatte allmählich die Ausübung fast aller staatlichen Rechte in
feinem Dorfe an sich gebracht und nutzte sie nunmehr in privat⸗
rechtlicher Form zu seinem Vorteil. Im Mutterlande fand dem—
gemäß die Grundholdengemeinde jedes grundherrlichen Fronhofs
von sich aus ihr Recht und ihre Pflicht gegenüber dem Herrn:
dieser war in seiner Gewalt durch die Standesrechte der Grund⸗
holden beschränkt. Im Siedlungsgebiete dagegen hatten die
unterthänigen Bauern keinerlei gesichertes Recht gegenüber dem
Gutsherrn ihres Dorfes: dieser regierte über sie fast unum⸗
schränkt, kraft der Derivation fürstlicher Gewalten.

Aber wenn damit auch für die Kolonialgegenden die rechtliche
Möglichkeit schwerer bäuerlicher Bedrückung gegeben war, so hat
doch schließlich die wirtschaftliche Blüte ihres Bauerntums noch
lange vorgehalten. Von Pommern erzählt noch Kantzow*: „die
Pauren stehen in diesem Lande wohl ..., daß offte ein armer
Fdelman einem reichen Pauren siene Tochter gibt und die Kinder
sich darnach halbedel achten.“ Dabei galten die pommerschen
Bauern noch nicht einmal für am besten gebettet; die märkischen
z. B. waren glücklicher daran; von ihnen meinte man noch
im dritten Viertel des 16. Jahrhunderts, daß sie über der
Durchschnittswohlhabenheit des Mutterlandes ständen.

Dennoch drohte diesem reichen Bauernstande, der sich an
keinem Aufstand der zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts
Auch damals traten sie wohl nur in Kursachsen, Holstein und
Livland ein.
Vgl. Band III S. 417 ff.
3Pommerania II, 433; 15386.
Lamprecht. Deutsche Geschichte. V. 2.
        <pb n="162" />
        504 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
beteiligt hatte, bald die Vernichtung; schon um die Mitte des
16. Jahrhunderts äußert sich ein vorurteilsloser Berichterstatter
über das Verhältnis der pommerschen Gutsherren zu den Bauern
mit den Worten: „Itzund deit men, wat men will“l. Woher
dieser Umschwung?

Der Adel der Kolonialgebiete war von jeher auch wirt—
schaftlich anders charakterisiert gewesen, als der mutterländische.
Er hatte früh schon verhältnismäßig viel Land selbst gebaut,
hatte niemals bloß von Naturalleistungen seiner Untergebenen
gelebt; wie wäre diese Art des Unterhalts unter den freien
und gering zinsenden Bauern der Siedlungsperiode denkbar
gewesen? Und einmal wirtschaftlich thätig, hatte er sich ge—
legentlich auch den bürgerlichen Geschäften der Kaufmannschaft
zugewandt. Daneben freilich war er vor allem Ritter, d. h. Krieger
gewesen, und aus seinem reisigen Leben war ihm nicht bloß Ein—
fluß, sondern auch reicher Erwerb zugeflossen. Aber in dieser
Hinsicht trat nun seit Verlauf des 15. Jahrhunderts eine Ande—
rung ein. Die Zeiten wurden, soweit kleine Fehden zu führen
waren, unter dem zunehmenden Walten der Landesfürsten immer
friedlicher; im großen Kriege aber wurde das Ritterheer durch
Söldner zu Fuß ersetzt. Und auch die Kaufmannschaft versagte
bei dem engeren Abschluß der Städte vom platten Land. So
blieb die Landwirtschaft als Grundlage des Unterhalts übrig;
der Edelmann wurde Krautjunker. Bedingte dieser Umschwung
schon den Versuch, die bäuerlichen Unterthanen der neuen
Lebensweise dienstbar zu machen, so wurde die Neigung hierzu
durch weitere Momente verstärkt. Die Vermehrung der Ge—
schlechtszugehörigen von Generation zu Generation trieb zur
Teilung der Güter, die Reformation beseitigte die vielen Pfründen,
in denen man Nachgeborene des Hauses untergebracht hatte:
da mußte durch neuen Landerwerb und straffere Bewirtschaftung
geholfen werden. Konnte man nun aber Land aus den Säkulari⸗
sationen des Kirchengutes, hier und da, z. B. in Pommern,
auch aus der Zerschlagung fiskalischen Besitzes sowie durch

1 Normann bei Fuchs S. 63.
        <pb n="163" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 505
eigne Rodung daheim noch verhältnismäßig leicht erwerben, so
fehlten doch die Arbeitskräfte zu seiner Bestellung, wenn man
nicht an die bäuerlichen Unterthanen griff. Eben dies vor allem
mußte darum geschehen. Und hatte man nicht über sie zu be—
fehlen?

In dem kurfürstlich sächsischen Vorwerk Stolpen finden sich
um 1570 nur drei Pferde, in dem Vorwerk Holnstein keines;
Knechte werden nur zur Schäferei und zur Pflege des Rind—
biehs erwähnt, außerdem ist noch von einem obersten Verwalter
und einigen die Arbeit beauffichtigenden Vogten die Rede —
alles andere beim Betriebe beider Vorwerke haben die Unter—
thanen zu leisten!. Es ist ein vollendetes Bild der Maßregeln,
welche die Gutsherren des Nordostens seit etwa einem Jahr—
hundert zur Durchführung ihrer erweiterten Landwirtschaft
vorgenommen hatten. Wie waren sie im einzelnen beschaffen?

Zunächst beschränkte man die Freizügigkeit der Dorfunter—
thanen; es galt, sie dienstgewärtig an die Scholle zu fesseln. So
ist in Brandenburg nach Versuchen, die bis ins Jahr 1484
zurückreichen, in den Landtagsabschieden der Jahre 1536, 1538,
1539, 1572, 1602 die Schollenbindung zur strengsten Wirklich—
keit geworden. Den so festgelegten Bauern begann man dann
die Dienste ins Ungemessene zu erhöhen; es gelang wesentlich
unter dem Einflusse des römischen Rechts?, das noch bis tief
ins 17. Jahrhundert als ratio scripta galt und überall die
Präsumtion unbegrenzter Dienste aufstellte. Um die Mitte
des 16. Jahrhunderts war diese Bewegung schon weit fortge—
schritten; im Jahre 1580 hielt der sächsische Kurfürst schon
folgende Verfügung für nötig: „Die armen Bauersleute, die
man sonst wohl in der Woche brauchen kann, sollen am Sonn⸗
tag nicht mit Fronen, Diensten und anderem beladen werden,
da man auch das Vieh und die Ochsen am Feiertage ruhen läßt.“
Dabei handelte es sich bald nicht mehr bloß um Ackerfronden im
alten Sinne; in dem Gesindezwangsdienst, wonach jeder ein—
geborene Dienstbote sich zunächst der Herrschaft (anfangs gegen
Falke, Kurfürst August S. 61.
2 S. dazu oben S. 103.
        <pb n="164" />
        506 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Lohn, später unentgeltlich) zu Dienste stellen solle, ergriff man
die ganze Person des Unterthanen: es war eine neue Leib—
eigenschaft.

Natürlich waren diese Maßnahmen nicht möglich ohne
stärkste Verschlechterung der gesamten Rechtslage der Bauern —
die Patrimonialgerichtsbarkeit und die mit ihr gegebene Polizei⸗
gewalt griffen jetzt unter Konnivenz der Landesherren nach
allen Seiten kräftig durch: im Jahre 1517 hat Kurfürst
Joachim J. von Brandenburg der Ritterschaft versprochen, dem
Bauern kein Gerichtsgeleit zu geben, ehe er nicht den Edel—
nann gehört habe.

So gewann denn der Adel auf einfachste Weise das
Arbeiterpersonal, dessen er bedurfte. Ja er sah die Möglichkeit
stärkerer Arbeitsleistungen vor sich, als er zunächst bedurft
hatte. Wie nahe mußte es ihm da liegen, diese Möglichkeit
durch Erwerb weiteren Grundes und Bodens zu verwirklichen!

Schon im 14. Jahrhundert war es, wenigstens in
Brandenburg, vorgekommen, daß einzelne Adlige Bauernhufen,
meist wohl unbesetzte, zu ihrem Lande eingezogen hatten!. Das
wird nun, unter Anwendung der Lehre des römischen Rechts
don der Expropriation, schon seit etwa 1500 an einzelnen
Stellen gewöhnlicher; seit etwa 1540 spricht man allgemein
davon; in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wird
dabei in Brandenburg „großer Mißbrauch und Unordnung
gespuret“, und der Jurist Koeppen meint um 1600: constat
rusticos „plus aeque compeélli, ut praedia sua dominis
vendant“. Sind nun auch in einzelnen Gegenden, z. B. in
Sachsen, weniger Bauerngüter gelegt worden, und begriffen die
Landesherren schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
insoweit das Verderbliche des Vorganges, um, freilich sehr
vereinzelt und schüchtern, mit Verboten dagegen einzuschreiten,
so steht doch andererseits fest, daß z. B. in der Mittelmark
das autsherrliche Areal in den letzten zwei Generationen vor

Desolatio; s. Droysen, Preuß. Politik 12, S. 51.
Großmann S. 27 Anm. 5: Rezeß von 1606.
        <pb n="165" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 507
dem dreißigjährigen Kriege um die Hälfte seines bisherigen
Bestandes gewachsen ist, und daß in einzelnen Gegenden Holsteins
und namentlich Pommerns fast von einer Ausrottung der
Bauern zu sprechen war.

Fast noch schlimmer aber waren die rechtlichen Wirkungen
des Vorganges. Indem man einzelne Bauern abmeierte, kam
man zu der Meinung, offenbar seien ursprünglich alle Bauern
auf Ritteracker angesetzt worden, also deren homines proprii
at coloni glebae adscripti — mithin einfache Sklaven. Es
waren Ansichten, denen der mecklenburgische Jurist Husanus in
seinem Buche De hominibus propriis (1590) die gelehrte
Unterlage gab, und die der auf Husanus fußende prak—
tische Jurist Cothmann zu dem Rechtsgrundsatz verdichtete: schon
die Thatsache, daß jemand ein Bauer sei, genüge zum Beweise
seiner Leibeigenschaft.

Der Bauer der Kolomialgebiete war mit diesem Entwick—
lungsgange zum vollsten Paria der gesamten bäuerlichen Ent—
wicklung der Nation herabgedrückt. Aber der nordostdeutsche
Adel stieg um so höher; in diesen Zeiten legte er den Grund zu
jener besonderen Stellung, die er in den folgenden Jahr—
hunderten entwickelte und heute noch teilweise einnimmt. Er
allein fast von allen sozialen Schichten der Nation hat aus
der naturalwirtschaftlichen Reaktion der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts Vorteil gezogen — neben ihm kam der
Verfall teilweise nur noch den Fürsten, überhaupt der Steige—
ung der Territorialgewalten zu gute.

IV.

Der Verlauf der großen geistigen Bewegung der ersten
Hälfte des 16. Jahrhunderts hatte auch den Fürsten ein
höheres geselliges und geistiges Dasein gebracht. Die
Schriften der Humanisten über Fürstenerziehung von Aeneas
Sylvius bis auf Konrad Heresbach waren nicht ohne Erfolg
geblieben; und mit ihnen hatten sich die Mahnungen der
Reformatoren vereint, um eine gewisse Geistesbildung, Kenntnis
        <pb n="166" />
        508 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
des Lateins, des Rechtes, der Geschichte, vor allem auch
theologisches Wissen als notwendige Voraussetzung fürstlichen
Lebens erscheinen zu lassen. Freilich standen dem auch in der
Höhezeit des Humanismus und der Reformation noch starke
gegnerische Strömungen gegenüber. „Wenn ein Fürst die
— —
„so fürchten die vom Adel und Recht, er werde ihnen zu gelehrt
und klug, und sagen: Potz Marter was? Will Euer fürstliche
Gnaden ein Schreiber werden? Euer Gnaden müssen ein
regierender Fürst werden, müssen weltlichen Handel lernen
und was zur Reiterei und zum Kriege gehört, damit Land
und Leute geschützt und erhalten werden u. s. w.: das ist, ein
Narr bleiben, den wir mögen mit der Nase herumführen, wie
einen Bär.“
Indes war doch seit dem Aufkommen der zweiten Fürsten—
generation des 16. Jahrhunderts, seit den dreißiger und
vierziger Jahren, ein wenig gelehrte Bildung für den Fürsten
fast unerläßlich; später, um die Wende des 16. Jahr—
hunderts, haben einmal in Ingolstadt gleichzeitig 7 Reichs—
fürsten, 36 Grafen und 45 Freiherren studiert. Und zur ge—
lehrten Bildung kam dann als zweites Erziehungselement der
Aufenthalt an fremden Höfen, am deutschen Kaiserhof etwa
oder am französischen, gelegentlich auch am spanischen Hofe.

Dementsprechend finden wir seit spätestens der Mitte des
16. Jahrhunderts eine große Anzahl gut gebildeter Fürsten, so
die Brüder Moritz und August von Sachsen, die ernestinischen
Fürsten, Albrecht von Bayern, Christoph von Württemberg,
Wilhelm von Hessen, Julius von Braunschweig, Joachim von
Brandenburg. Und eine jüngere Generation ging noch über
sie hinaus: die bayrischen und österreichischen Herrscher wurden
zu Kunstmäcenen; die landesfürstlichen Architekten lösten an ihren
Höfen die mittelalterlichen Dombaumeister der Städte ab, und
unter den protestantischen Fürsten wurden einige feine Naturen
sogar geistig höchst pvroduktiv: der Herzog Heinrich Julius von

Tischreden 2759.
        <pb n="167" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Cerritorien im 16. Jahrh. 509
Braunschweig-Wolfenbüttel war ein gelehrter Jurist und dabei
deutscher Komödienschreiber; der Landgraf Moritz von Hessen
liebte Philosophie, Musik und Dichtung und hat neben Ge—
sangskompositionen, neben einer Ethik und Metrik auch
lateinische Schauspiele verfaßt. So blühte an fürstlichen Höfen
ein nicht unbedeutendes geistiges Leben empor; seinen Höhepunkt
erreichte es in der Stiftung und Ausbreitung der Frucht—
bringenden Gesellschaft seit dem Jahre 1617.

Allein wie falsch würde es doch sein, wollte man aus
alledem für die Fürsten der zweiten Hälfte des 16. Jahr—
hunderts schon ein völlig individualistisch gehobenes Dasein
ableiten! Sie lebten im ganzen doch immer noch im alten
Stil, ja sie fielen in die Lebenshaltung des Mittelalters zurück.
Unumschränkt herrschte an ihren Höfen der naturalwirtschaft—
liche Luxus maßloser persönlicher Konsumtion; niemals hat
der Trinkteufel in Deutschland größere Opfer gefordert; auch
Frauen unterlagen der Trunksucht, und unglaubliche Völlerei,
Delirium, ja tödliches Siechtum infolge Trinkens waren in
fürstlichen Kreisen nicht seltene Erscheinungen: — hat sich doch
im Jahre 1561 der Rheingraf Philipp Franz an Malvasier
sogar akut zu Tode getrunken. Daneben stand eine nicht
minder große Völlerei im Essen; sieben bis acht Stunden des
Tages saß man an der Tafel; gute Köche schienen bisweilen
gesuchter zu sein, als gute Räte. Dabei herrschte, um diese
Launen zu finanziell vollends verderblichen zu machen, noch der
alte Gefolgsluxus des Mittelalters; am weimarischen Hofe, dessen
Gebiet 77 Geviertmeilen umfaßte, speisten um 1560 täglich an
50 Tischen etwa 400 Personen; der bayrische Hof hatte 1588
täglich etwa 771 Personen zu verköstigen, und das Gefolge
des Winterkönigs auf seiner Brautreise nach England im Jahre
1613 betrug 191 Personen. Was half es da, wenn die Frauen
noch nach guter alter Weise selbst zum Rechten sahen, die
Küche selbst mit bestellten, persönlich die Stoffe zu ihren Kleidern
wählten? Die Höfe verschlangen mehr, als die Länder er—
tragen konnten; fast alle Fürsten waren schwer verschuldet.

Das um so mehr, als sich in ihren mittelalterlichen
        <pb n="168" />
        510 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Aufwand nun doch auch moderne Elemente mischten. Es kam
wohl noch vor, daß man bei Festen nur Schalksnarren, Sänger
und Spielleute, das alte Volk der Fahrenden, vorführte und mit
dem bloßen Vorzeigen von Schatzstücken prunkte; noch um die
Wende des 16. Jahrhunderts hieß der Bischof von Bam—
berg bei Gelegenheit eines Besuches des hessischen Land—
grafen sechs Edelknaben mit großen goldenen Ketten während
der Mahlzeit hinter sich stehen, die nichts anderes zu thun
hatten, als die Ketten stracks vor sich zu halten. Im ganzen
aber war man über diese Art des repräsentativen Luxus hinaus.
Narren und Zwerge waren nur dann noch zulässig, wenn sie
im ständigen Solde des Fürsten standen; die alten Fahrenden
waren verpönt. Statt dessen suchte man fremde Meister zu
gewinnen, die sich auf „Inventionen“, allerlei dekorative und
teilweis lascive Aufzüge von Zauberern und Feen, von antiken
Göttern und Göttinnen im Renaissancestil verstanden, bis sich
neben ihnen seit Ende des 16. Jahrhunderts auch der franzö—
sische Balletmeister einfand. Und darüber hinaus wurde man
wohl auch selbst thätig. Waren noch immer Kampfspiele und
Tiergefechte, namentlich Bärenkämpfe, beliebt, so traten jetzt
neben sie doch immer mehr teilweis selbstgespielte dramatische
Aufführungen, etwa der Historie der Königin Tomyris, wie
—
Kambyses, der einen ungerechten Richter zu schinden gebietet.
Der Synkretismus mittelalterlicher und humanistischer Neigungen
beherrschte diese Feste.

Der gleiche Synkretismus zeigt sich auf den ernsten
Gebieten der Wissenschaft. Selten waren hier Fürsten, die
vertieftes, nur der Sache selbst lebendes Interesse besaßen. Fast
alle dagegen liebten an den Wissenschaften, was auffällig,
neuartig, allenfalls nebenher auch nützlich war; so kamen sie
über ein mittelalterliches Staunen nicht hinaus, es beherrschte
sie der Zauber des Kuriosen. Darum lassen sie sich in ihre
Tiergärten zu den gewohnten Bären, Elentieren und Auer—
ochsen jetzt Affen und Papageien kommen, sammeln Skelette
von Mißgeburten und absonderliche Geweihe, zeigen Interesse
        <pb n="169" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 511
an mechanisch-wissenschaftlichen Arbeiten, Astrolabien, Qua—
dranten, Globen, Kompassen, sind auch wohl selbst mechanisch
geübt: so Karl V. und Kurfürst August von Sachsen. Vor
allem aber haben sie es mit den geheimen Wissenschaften zu
thun; ein Astrologe darf in einem größeren fürstlichen Hof—
staate so wenig fehlen, wie ein Alchymist. Da läßt man sich
die Nativität, die Geburts-Konstellation, seiner Freunde und
Feinde, ja aller großen Männer, selbst Christi stellen, vor allem
natürlich die eigene, und handelt nach der orakelnden Aus—
kunft. Da verwendet man Wochen und Monate auf die Gesell⸗
schaft und die Experimente glücksritterlicher Chemisten; aller
Spott aufgeklärter Zeitgenossen hat die Höfe von Gottorp und
Brandenburg, von Dresden und Prag, von Passau und
Heidelberg, von Mainz und Köln nicht abgehalten, schwere
Summen für Goldmacherei zu opfern, weniger eifriger Höfe
nicht zu gedenken.

Freilich nahm nun dies Interesse am Halbwissenschaftlichen,
Kuriosen nicht selten eine Wendung zum Nutzen des Landes;
persönliche und landesväterliche Interessen verbanden sich dabei
zu einer für die Zeit höchst bezeichnenden Mischung. So gab
es Fürsten, die in den Prozessen der Verhüttung rationell und
erfolgreich experimentierten; andere wieder beschäftigten sich mit
der Erfindung neuer Geräte und Schmuckgegenstände für
Erzguß und Schmiede. Vor allem aber wandten sich diese
Interessen der Landwirtschaft zu. Hier war seit dem Beginn des
Jahrhunderts eine reiche, durch die Schriften der Alten befruchtete,
freilich teilweis auch durch sie gehemmte Fach-Litteratur ent—
standen; eifrig wurde sie gelesen, und überall machte man Versuche
mit Pfropfen und Okulieren, mit Zucht neuentdeckter Pflanzen,
mit Kreuzung des Viehs; und darüber hinaus wurden die Fragen
des Betriebs aufgeworfen: ob man besser in Pacht oder Regie
wirtschafte, ob Vorwerke und Beundenland zerschlagen werden
sollten oder nicht, ob neue Kontrollsysteme für Schösser und
Meier Nachteile oder Vorteile bringen würden.

Über all diese Fragen aber, ja über das ganze Leben und
Treiben an den Höfen bis hinauf zur Aussprache über die
        <pb n="170" />
        512 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
höchsten politischen Aufgaben des Reiches entspann sich zwischen
den Fürsten ein reger, wenn auch zumeist durch Kanzleisekretäre
geführter Briefwechsel. Merkwürdig mischen sich in ihm
schwerlastende Kurialien und herzliche, oft sonderbar offene
Töne; stets aber ist er durchwoben von dem lebendigsten
Standesbewußtsein, mag es sich um die Vorbereitung eines
diplomatischen Feldzuges am Reichstag handeln oder um den
naiv geäußerten Wunsch nach Übersendung von Erzstufen oder
um die Mitteilung irgend einer mechanischen Erfindung. Und
zu Tage tritt überall, daß diese Fürsten selbst zugreifen, wahr—
hafte Herrscher ihrer Länder. „Einem Herrn zu christlicher
glückseliger Regierung ist von Nöten,“ sagte Melchior von Osse
1556, „daß er für sich selbst ein verständiger Mann sei und alle
Gelegenheit seiner Regierung und Lande erkunde, damit er, was
jedes Falles zu thun, selbst wissen möge und nicht alle Wege
mit fremden Augen sehen und leiden dürfe, daß er wie ein
Bär oder ander unvernünftig Tier von andern und von denen
zeleitet und regiert werde, die allein was für sie, und nicht
was dem Herrn oder gemeinem Autz zuträglich ist, bedenken
und suchen.“

Nach diesen Grundsätzen handelten die tüchtigen Fürsten
der Zeit. Kurfürst August von Sachsen, dieser Musterherrscher,
der Friedrich Wilhelm J. des 16. Jahrhunderts, hatte die
Regierung seines Landes nicht mit voller Kenntnis der finan⸗
ziellen Lage angetreten. Da legte er sich 15683 schriftlich
Rechnung. „Wie ich ins Regiment kommen bin, sind Schulden
gewesen 1667078 fl. 12 gr. 4pf.; jetzt sind Schulden
2000 000 und darüber. Was ich mich damit gebessert
habe? Nichts! Wo es hin ist kommen? Das weiß Gott!“
Und so begann er selber genau zum Rechten zu sehen. In
den Jahren 1583 bis 1585 brachte er es auf durchschnittlich
5366967 Gulden 15 Groschen Einnahmen bei nur 401 263
Gulden 13 Groschen Ausgaben; bei seinem Tode im Jahre
1586 hinterließ er einen Schatz von 1828 000 Gulden (etwa
10 Millionen Mark in unserem Münzfuße)!. Derselbe

Falke, August, S. 21 - 26.
        <pb n="171" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 513
Herrscher bereitete seine Maßnahmen statistisch aufs sorg—
samste vor. Im Jahre 1571 veranstaltete er vor Erlaß einer
Getreideordnung eine Untersuchung über die Voraussetzungen,
die für die Verpflegung seines Landes bestehen möchten; dabei
wurde jeder Schösser verpflichtet, die Haushaltungen seines Bezirks
nach Zahl, Alter, Hantierung der Männer, Frauen und Kinder
aufs genaueste anzugeben, bei 10 Gulden Strafe für jede
ausgelassene Person.

War es nicht selbstverständlich, daß Fürsten, die sich bei
allen Schwächen einer noch halbmittelalterlichen Lebenshaltung
so sehr den Interessen ihrer Länder hingaben, diese Länder
auch voll zu beherrschen trachteten? Und längst kam ihren
Ansprüchen in dieser Hinsicht eine von den Anschauungen des
Mittelalters weit abweichende politische Theorie entgegen.

Gewiß hatte schon das späteste Mittelalter die Teilung
der kirchlichen Gewalten zwischen Papst und Landesfürst ange—
hahnt und damit die staatlichen Aufgaben grundsätzlich auf
das Gebiet der Kultur erweitert. Aber erst Luthers Lehre
hat doch den damit eröffneten Weg ganz eingeschlagen; erst ihm
war die Fürstengewalt thatsächlich weltliche Vorsehung!; und
mit Recht konnte er behaupten, daß „seit der Apostel Zeit das
weltliche Schwert und Obrigkeit nie so klärlich beschrieben und
herrlich gepreist sei“, als durch ihn. „Das weiß ich wohl,“
sagt er schon 1520 in dem Traktat De captivitate babylonica
aↄcclesias, „daß kein Staat durch Gesetze gut regiert werden
kann. Denn ist die Obrigkeit verständig, so regiert sie alles
besser nach natürlichem Rechtssinn, als nach Gesetzen ...
Darum ist in den Staaten mehr dafür zu sorgen, daß gute
und verständige Männer an der Spitze stehen, als daß Gesetze
gegeben werden, denn diese selber werden die besten Gesetze
sein, da sie alle Mannigfaltigkeit einzelner Fälle nach lebendigem
Rechtssinne zu beurteilen wissen werden.“ Und im selben
Jahre führt er aus: „Ein Fürst des Landes flößt in seine
Unterthanen alles ein, was er in seinem Willen und Sinn

S. dazu oben S. 366.
        <pb n="172" />
        514 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
hat, und macht, daß alle seine Unterthanen ihm einen gleichen
Sinn und Willen empfangen, und thun also das Werk, das er
will“1.

Bei solcher Auffassung? war der Absolutismus gegeben,
und es fragte sich nur, welchen sittlichen Inhalt er empfangen
sollte. Nun waren die Jahrhunderte der Territorialbildung
gewiß von roher Gewaltthat erfüllt gewesen, Landerwerb war
als Hauptzweck der Politik, ja als Selbstzweck erschienen; ohne
sittlichen Sktrupel war man ihm nachgegangen; das böse Wort
Ludwigs XI. Dissimulare est regnare hatte in gewissem Sinne
auch für Deutschland gegolten. Indes daneben war doch ein
anfänglicher Besitz fürstlicher Tugenden in den landesherrlichen
Geschlechtern weiter gemehrt worden; während die alte Schu—
lung im kaiserlichen Dienste, die treue Pflege delegierter Ge—
walten noch keineswegs vergessen war, hatten sich heimatlich—
landesväterliche Gefühle gebildet, und von Jahrzehnt zu Jahr—
zehnt wirkte mehr die soziale Zucht standesgemäß fürstlicher
Formen. So war schon in den ersten Jahrzehnten des
16. Jahrhunderts ein Fürstengeschlecht herangewachsen, dessen
absolutistische Triebe begünstigt, weil veredelt werden konnten.

Und auch hier war Luther entscheidend. Er führte in
seiner Schrift „Von weltlicher Gewalt“ (Ende 1522) aus, der
Fürst müsse sich nach vier Seiten hin bewähren, zu Gott in
rechtem Vertrauen und herzlichem Gebet, zu seinen Unter—⸗
thanen mit Liebe und christlichem Dienst, gegen seine Räte und
Gewaltigen mit Vernunft und ungefangenem Verstand, gegen
die Übelthäter mit verständigem Ernst und mit Strenge. Und
er gab über diese allgemeinen Sätze hinaus ein reich gerütteltes
Maß von Vorschlägen im einzelnen, denen ein frommer Fürst
folgen solle; hat er doch gelegentlich die stärksten sozialen
Verpflichtungen des Fürsten gegenüber den Unterthanen aus
dem siebenten Gebot abgeleitet, denn dieses heische die alt—
germanische Herrentugend der Milde.

Ein grundsätzlicher Absolutismus, doch von christlich—
mVom Papsttum zu Rom, 1520, Weimarer Ausgabe VI, 298, 8.
2 Vgl. auch oben S. 264.
        <pb n="173" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 515
patriarchalischer Farbung: das ward somit zur Forderung der
deutschen öffentlichen Meinung gegenüber den Fürsten in eben
jener Zeit, da Macchiavelli seinen Principe schrieb. Und diese
Forderung hat Bestand gehabt bis tief hinein ins 17. Jahr—
hundert, solange noch die großen religiösen Impulse dauerten.
Weder die dem römischen Recht zu Grunde liegende Idee des
Absolutismus, noch die antimonarchischen Strömungen Frank—⸗
reichs, Spaniens und Schottlands, wie sie in der Lehre der
Monarchomachen gipfelten, noch die Theorien der Calvinisten
von einem Vertrage zwischen Fürst und Volk, eines Languet
etwa oder Hotman, haben bei uns Eingang gefunden. Zwar
vergaß die Nation gelegentlich nicht, das fürstliche Treiben an
der Hand ihrer religiösen Auffassung des Absolutismus zu
kritisieren, und fürstliche Räte, welche in diesem Sinne frei—
mütig auftraten, wie die Herzog Albrechts V. von Bayern,
sind allgemeiner Sympathien sicher gewesen. Aber dabei blieb
doch die Idee des Fürstentums, ja des fürstlichen Absolutismus
an sich unerschüttert; und es fand den Beifall der Unterthanen,
wenn ein Fürst, wie etwa Herzog Julius von Wolfenbüttel,
sich ausdrücklich als Vater des Vaterlandes bekannte.

Diese Auffassung wird freilich erst voll verständlich, wenn
man sich vergegenwärtigt, wie außerordentlich im Verlaufe des
16. Jahrhunderts die fürstlichen Hoheitsrechte erweitert wurden.

Der Kurfürst Moritz von Sachsen hat einmal den Grafen
und Herren seines Landtags erklärt: „Ihr wisset, daß wir in
unserem Lande, soweit sich das in seinen Berainungen erstreckt,
der Landesfürst und deshalb schuldig sind, Achtung zu haben,
daß darinnen die Unterthanen mit Ruhe und Frieden wandeln
und leben, und Gleichheit zwischen ihnen erhalten werde“!
Es ist die vollendete Proklamation des mittelalterlichen Staats—
ideals unter dem Bewußtsein, daß dies Ideal im wesentlichen
verwirklicht sei und die Mindestforderung staatlichen Lebens
bilde; und diese Proklamation erfolgt auf Grund der That—
sache, daß das landesfürstliche Gebiet in sich abgeschlossen sei,

v. Langenn 2, 7.
        <pb n="174" />
        516 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
ein Staatsgebiet bilde. In der That, das Territorium
Staatsgebiet: das war eins der Endziele der mittelalterlichen
Entwicklung gewesen. Und was noch daran gefehlt hatte, es
zu erreichen, das wurde im 16. Jahrhundert beigebracht. Alle
Fürsten größerer Territorien setzten es jetzt durch, daß jeglicher
Rechtszug an die alten Oberhöfe außerhalb des Landes hin—⸗
wegfiel: so wurde der jurisdiktionelle Abschluß nach außen hin
gewonnen und damit die reale Einheit des Landes ausgesprochen.
Und ihr trat die personale Einheit zur Seite. Wo noch keine
Erstgeburtsordnungen eingeführt worden waren, da kamen sie
jetzt zu stande, anfangs noch auf Grund kaiserlicher Privilegien,
später autonom, durch Hausordnungen des regierenden Geschlechts,
zu denen nun noch die kaiserliche Bestätigung eingeholt ward.
Und wenn auch der Inhalt dieser Hausordnungen auf Anregung
des regierenden Fürsten und unter Anhörung der Agnaten und
männlichen Descendenten noch gewissen Abänderungen unter—
liegen konnte, so standen doch die prinzipiellen Punkte, und
unter ihnen vor allem das Erstgeburtsrecht, im allgemeinen
gegen jeden Widerspruch fest; die Personaleinheit der Regierung,
die volle Einheit des Territoriums als fürstlichen Landes war
gesichert.

Und wie hatte sich innerhalb dieses Territoriums der
Umfang der staatlichen Zwecke vervielfacht und damit der
Bereich fürstlicher Einwirkung erweitert! Gewiß hatten schon
im 15. Jahrhundert die Landesherren mehr oder minder
die Besetzung der geistlichen Amter, die Visitation und Refor⸗
mation der Klöster, gewisse Rechte des Eingriffs auch in die
Pfarreien beansprucht. Allein erst die Reformation rief die
weltlichen Gewalten zur Ordnung der kirchlichen Verhältnisse
uüberhaupt zu Hilfe. Und wie verändert trat diesen Gewalten
nunmehr wenigstens die protestantische Kirche entgegen! Die
Bischöfe und geistlichen Korporationen waren fast ganz aus ihr
ausgeschieden; die monarchischen und aristokratischen Elemente
der Kirche waren verschwunden; übrig geblieben war allein die
lokale, demokratische, unbeholfene Gemeindeverwaltung. So be—
mächtigte sich der Staat der Aufsicht über diese Verwaltung;
        <pb n="175" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 517
und da die Kirche unvermögend erschien, aus sich über sie
hinaus höhere Verfassungsorgane zu entwickeln, so nahm der
Staat zunächst provisorisch, dann endgültig den Aufbau solcher
Organe, nunmehr aber natürlich im Sinne staatlicher Institute,
in die Hand. Die Konsistorialverfassung wurde entwickelt; als
ihre Krönung erschien der Summepiskopat des Landesfürsten.

Es war eine Entwicklung, die zunächst nur den protestan—
tischen Fürstenhäusern zu gute zu kommen schien. Allein ihre
Wirkungen reichten weiter. Neben die Kirchenherrschaft trat
die Glaubensherrschaft. Denn indem überall zwei streitende
Konfessionen gegenüberstanden, ihr Nebeneinander im Sinne
individueller Toleranz für die einzelnen Personen aber der Zeit
nach undenkbar erschien, wurde die Frage, welcher Konfession
das einzelne Land angehören solle, Sache fürstlichen Entscheides:
„Ein jeder glaubt der Obrigkeit zu Lieb und muß den Landes⸗
gott anbeten,“ sagt schon Sebastian Franck. „Stirbt ein Fürst
und kommt ein anderer Anrichter des Glaubens, so wechselt auch
bald das Gotteswort.“ So fiel den Fürsten der volle Religions⸗
bann, das ius reéformandi, zu; erst seine Proklamation gab
den lutherischen Bekenntnisschriften den Charakter von Sym⸗
bolen, und sein Bestand machte auch den katholischen Fürsten
zum Glaubensherrn seines Landes.

Welch außerordentlicher Zuwachs aber an Rechten und
Aufgaben kam damit an die fürstlichen Gewalten! Im Mittelalter
war die Kirche die einzige Kulturmacht gewesen. Geistige und
moralische Bildung waren vor allem von ihr ausgegangen; jetzt
fielen Universitäten, mittlere und niedere Schulen in
staatliche Hand!. Alle soziale Fürsorge weiter für sittlich und
wirtschaftlich Verwahrloste hatte in kirchlicher Hand gelegen;
jetzt wurden die Füͤrsten aufgefordert, das grausame Wesen des
Fressens und Saufens abzuthun, den wuchersüchtigen Zinskauf
zu unterdrücken, die Frauenhäuser zu sperren, und schon die
Reichspolizeiordnung des Jahres 1530 setzte ihre Aufsicht über
die Hospitalverwaltungen als allgemein bestehend voraus.

Val. oben S. 187f.
        <pb n="176" />
        518

Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Und damit nicht genug. Die Reformation hatte mindestens
den protestantischen Fürsten, doch mittelbar vielfach auch den
katholischen durch Einziehung von Kirchengut oder Überweisung
kirchlicher Einnahmen wesentlichen Zuwachs an materiellen
Mitteln gebracht. Das war, bei den erweiterten Aufgaben des
Staates, selbst da der Fall, wo für die Verwendung der über—⸗
kommenen Mittel der Kulturzweck der alten Kirche, der Aus—
bau von Schulen, Kirchen, Hospitälern, im Auge behalten wurde.
Um wie viel mehr aber traf es für solche Territorien zu, wo
man die eingezogenen Güter einfach zum Fiskus schlug und
die Renten zu landesherrlichen Zwecken im engeren Sinne ver—⸗
wandte: so hat z. B. in Brandenburg erst die Säkularisation
wieder ein größeres Domanium geschaffen.

So materiell wie geistig gestärkt gingen die Territorien
und ihre Herrscherhäuser der zweiten Hälfte des 16. Jahr—
hunderts entgegen. Es bedurfte jetzt nur energischer Entwick—
lung des Machtwerkzeuges der Landesverwaltung, und ein be—
merkenswerter Aufschwung der Landesgewalt mußte erreicht
werden.

Die fürstlichen Lokalverwaltungen des späteren Mittelalters
waren da, wo sie den vorschwebenden Zielen entsprechend
funktionierten, an sich nicht schlecht gewesen. Allein bei dem
fast völligen Versagen des öffentlichen Kredits waren sie nur
zu häufig durch Anleihen der Fürsten bei ihren Beamten ge—
stört worden; Amterverpfändung und Verselbständigung der
Amter in den Händen der Pfandinhaber waren dann die Folge.
Diese Plagen blieben auch im 16. Jahrhundert noch in schlecht
verwalteten Territorien bestehen; daneben kam die etwas weniger
verderbliche Amterverpachtung auf; noch in den Jahren 1616
bis 1619 rieten die märkischen Stände dem Kurfürsten wieder⸗
holt, die Amter nach Vorgang anderer Regierungen zu ver—
pachten. Und wie die Möglichkeit der Verpachtung und noch
mehr der Verpfändung im tiefsten Grunde auf der Basis natural—
wirtschaftlicher Decentralisation beruhte, so war auf eben dieser
        <pb n="177" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 319
Basis das Rechnungswesen, eines der wesentlichsten Momente in
der Ausbildung eines technischen Beamtentums, noch wenig ent—
wickelt worden; noch um 1530 war es die gemeine Ansicht,
daß „kein Zöllner seiner Oberkeit Rechnung anders schuldig sei,
denn im Jahr einmal“?.

Diesen Mängeln war nur durch Ausbildung eines kon⸗
sequenten Besoldungssystems und eines daraufhin möglichen
strengen Amtsrechts abzuhelfen. Allein hierfür fehlten am Ende,
nach einem kurzlebigen besseren Anlauf in der ersten Hälfte des
16. Jahrhunderts, die volkswirtschaftlichen Voraussetzungen.
Die Versuche Herzog Georgs von Sachsen, Herzog Heinrichs
von Braunschweig, auch späterhin Christophs von Württemberg
und Augusts von Sachsen, die Beamtengehälter ganz zu regeln
und womöglich in Geld zu zahlen, blieben erfolglos;
auch sonst wurde das Ziel nirgends erreicht, und in vielen
Territorien ist es überhaupt erst viel später energisch auf—
genommen worden.

So blieb auch die Ausbildung des Amtsrechts für die
Lokalverwaltung im wesentlichen auf spätmittelalterlicher Stufe
stehen. Hatte für die Beamten des früheren Mittelalters der
Begriff nicht des staatlichen Berufes, sondern des königlichen
Hausdienstes die Grundlinie des ganzen Rechtsverhältnisses ab⸗
gegeben, so dauerte die Erinnerung an diese Konstruktion noch
immer fort und fand in den Amtseiden, die freilich für die
einzelnen Beamten typischer zu werden anfingen, durch das
ganze 16. Jahrhundert hindurch Ausdruck.

Dennoch blieb die Verwaltung nicht ohne jegliche Ver—
besserung. Die vermehrten Geschäfte konnten nur bei weiterer
Arbeitsteilung erledigt werden; hatte wenigstens in kleinen
Territorien hier und da der Amtmann bislang alle Geschäfte
in seiner Hand vereinigt, so wurden nun seine Untergebenen,
namentlich die Finanzbeamten, die Kellner, Schösser, oder wie
sie sonst hießen, selbständiger hingestellt. Und zugleich trat in
besonders gut verwalteten Ländern, z. B. in Kursachsen, die

1Reformation Kaiser Friedrichs III. 8b.
Lamprecht,. Deutsche Geschichte. V. 2.
        <pb n="178" />
        520 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Frage auf, ob man denn den mittelalterlich ungelenken Amtmann
zu'gunsten einer besseren, rein technischen Verwaltung nicht über—
haupt entbehren könne!. Der Amtmann des 14. und 13. Jahr—
hunderts war zunächst noch Grundherr und Ritter zu eignem
Dasein gewesen; die Verwaltung war von ihm nebenbei, als eine
Ergänzung eigner Einnahmen und eignen Einflusses, übernommen
worden, und er hatte sie noch immer gern von den militärischen
Gesichtspunkten des alten Burggrafen aus geführt. Aber wie
hatten sich seitdem die Zeiten geändert! Mit steigendem Land—
frieden waren die militärischen Funktionen zu einfach polizeilichen
geworden; einige Landreiter statt der alten Fähnlein und Gleven
genügten zur Aufrechterhaltung der Ruhe. Und gleichzeitig
waren die eigentlichen Verwaltungsfunktionen, war der schrift—
liche Verkehr mit den Vorgesetzten weit mehr entwickelt worden.
Waren nun die Herren vom niedern Adel, aus denen die mittel—
alterlichen Amtleute fast ausschließlich hervorgegangen waren?,
die geeigneten Kräfte, diesen Wandel durchzumachen und zu er—
—DDDD—
die Amtleute vom Adel thatsächlich zu bloßen Titularen und
Sinecuristen geworden.

Im ganzen aber paßte sich der Adel doch den unvermeid—
lichen Fortschritten an und suchte nunmehr seine Vorbildung
auch für die lokale Amtsverwaltung mehr auf der Universität als im
Marstall und auf dem Fechtboden. Und dieser Wechsel gestattete
denn doch nicht unwesentliche Verbesserungen der Verwaltung
überhaupt und namentlich der Rechtspflege, wenn sie auch keines—
wegs gleichzeitig eintraten und allen Territorien in gleicher
Weise zu gute kamen.

Auf kolonialem Gebiete zunächst hatte die Gerichtsverfassung
sich wenigstens im Nordosten meist in so stark absteigender Linie
bewegt, daß das 16. Jahrhundert nur mit äußerster Anstrengung
dem Verfall Einhalt thun und einige Versuche der Besserung
unternehmen konnte. So war z. B. in Brandenburg schon
1Melchior von Osse (1556) od. Thomasius S. 188 ff.; s. dazu Roscher,
Gesch. d. Nationalök. S. 117; Schmoller, Acta borussica J S. (99)..
2 S. Band IV S. 318.
        <pb n="179" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 521
seit Ende des 14. Jahrhunderts die alte Gerichtsverfassung
völlig aufgelöst: von den alten Vogtdingen, den öffentlichen
Gerichten der Amtsbezirke mit ihren sechswöchentlichen Gerichts⸗
tagen, war kaum noch die Rede. Statt dessen hatten gewisse
adlige Geschlechter, so namentlich in der Altmark die Alvens—
leben, Schulenburg, Knesebeck, aus Splissen alter Gerichte,
die ihnen zugefallen waren, patrimoniale Gesamtgerichte auf—
gebaut; daneben hatten die geistlichen Gerichte in subsidiärer
Rechtsprechung schließlich fast über alle Materien des Rechtes
verheerend um sich gegriffen. Demgegenüber suchte nun die
fürstliche Gewalt ihrerseits durch Errichtung fürstlicher Land—
gerichte (für die Altmark schon 1460, für die Uckermark 1518,
für die Priegnitz 1546) wenigstens subsidiär in die unteren
Gebiete der Rechtsprechung einzutreten.

Weit besser stand es um die Rechtspflege im Mutterland.
Hier bestanden wenigstens überall die aus dem Verfall der alten
Reichsgerichtsverfassung hervorgegangenen partikularen Bil—
dungen zu anerkanntem Recht; sie hatten sich längst gegeneinander
abgegrenzt, und eine minder sorgsame Landesverwaltung konnte
sich schon bei einer Beaufsichtigung dieser in sich sehr ver⸗
schiedenartigen Institutionen begnügen. So ist es anscheinend
3. B. in Hannover, in Kleve-Mark, im Erzstift Köln, in Württem—
berg geschehen. In diesem Falle erhielten dann die Amtleute
im 16. Jahrhundert nur ein Recht der Kontrolle; und erst
später, meist seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts,
machte sich darüber hinaus, namentlich am Rhein, bald schroff
bald verbindlich der Wille geltend, den Amtleuten eine unmittel—
bare Einwirkung auf die Rechtsprechung zu verschaffen oder
sie geradezu zu den ordentlichen Richtern ihrer Bezirke aus—
zubilden.

Aber diese Neigung wurde in manchen gut verwalteten
Territorien auch schon im 16. Jahrhundert wirksam. Das
eigentliche Ziel war dann immer die Unifikation der Gerichte;
für den Amtsbezirk sollte ein besonderes, auch in Strafsachen
kompetentes Amtsgericht geschaffen werden. War das geschehen,
so trat an dessen Spitze entweder ein besonderer Beamter, der

34*
        <pb n="180" />
        322 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Schultheiß, so z. B. in Hessen, wohl auch in der Pfalz, oder
aber der Amtmann rückte neben seinen sonstigen Geschäften in
die Stellung des ordentlichen Richters ein. Indes mochte nun
der erste oder der zweite Fall eintreten, so entwickelte sich doch
wohl fast überall neben der Rechtsprechung des ordentlichen
Gerichtes auch noch eine schiedsrichterliche Thätigkeit des Amt—
manns; die Parteien, gelegentlich auch die Schöffen, vertrugen
sich „in die Güte“, den Oberentscheid des Amtmanns. Nahm
dann diese Gewöhnung allmählich feste Formen an, wie viel—
fach um die Wende des 16. Jahrhunderts, so konnte aus
ihr ein Beamtengericht hervorgehen, welches mit dem alten
Amtsgericht, das meist noch mit Schöffen besetzt war, konkur—
rierte; und diesem fiel dann in den späteren Zeiten des Absolu—
tismus nicht selten der Sieg zu.

Sehen wir jedoch von diesen zumeist späteren Erscheinungen,
sowie von der sehr verwickelten und verschiedenartig gelösten
Frage der Weiterbildung der Gerichtsverfassung überhaupt ab,
so ist nicht zu verkennen, daß eine grundsätzlich ins Gewicht
fallende Entwicklung der Lokalverwaltung im 16. Jahrhundert
nur in geringem Grade stattfand. Was die noch decentralisierte
Kultur der Territorien des 14. und 15. Jahrhunderts an Ver—
waltungsapparat erfordert hatte, das war schon damals ge⸗
schaffen worden; das 16. Jahrhundert bedurfte nach keiner
Seite hin schon einer administrativen Erweiterung. Lebhaft
fortgebildet dagegen wurde die Centralverwaltung. Wir wissen,
wie sehr diese noch im 15. Jahrhundert im Argen lag!. Nun,
mit den Einwirkungen der Geldwirtschaft auf die Territorien
der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, regte sich allenthalben
das Bedürfnis stärkerer Centralisation, und ein Zeitalter
rührigsten Experimentierens an den centralen Verwaltungsstellen
begann. Freilich wurde auch auf diesem Gebiete Befriedigendes
schließlich nicht erreicht. Mitten in dem langwierigen Verlauf
der unternommenen Versuche schwand deren nationalökonomische
Grundlage, der geldwirtschaftliche Aufschwung der Reforma—

S. Band IV S. 321 ff.
        <pb n="181" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 528
tionsjahre, dahin, und nur unvollendete Ausführungen des
ursprünglich Beabsichtigten wurden in das 17. Jahrhundert
hinübergenommen. Gleichwohl blieb der Unterschied einer gut
organisierten Centralverwaltung der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts von einer solchen des 15. Jahrhunderts noch
immer groß genug.

Wo waren die Zeiten hin, da ein geduldiger Esel etwa
das Hauptkopienbuch des fürstlichen Landesherrn bei dessen
ständigen Fahrten durchs Land von Ort zu Ort getragen hatte,
da auch die Kanzlei des Kaisers diesem auf einigen Wagen⸗
ladungen in seine wechselnden Residenzen gefolgt war! Jetzt
bestand für die Centralverwaltung mit ihren immer reicher
anschwellenden Aktenbeständen längst die Forderung fester
Residenz, und mit ihr waren die Räte ständig geworden. Es
gab jetzt nur noch nebenher und ausnahmsweise die alten
landesherrlichen Heimlichen, Gefrunden oder Räte von Haus
aus, und sie wurden nur noch für besonders wichtige Beschluß—
nahmen zu Hof entboten. Daneben hatten sich jetzt vor allem
die „täglichen“ Räte ausgebildet, die stetig anwesend in der
Ratsstube saßen; sie besorgten die laufenden Geschäfte, sie
waren dauernde Organe der fürstlichen Gewalt, und fromme
Fürsten pflegten ihren Beratungen vorzusitzen.

Freilich waren sie noch nicht Beamte in unserem Sinne.
Ein mit Geld bezahltes Berufsbeamtentum, mit besonderer
Vorbildung, mit geregelter Laufbahn, mit gut ausgestaltetem
Amtsrecht, kurz eine Bureaukratie hat sich in Deutschland nicht
vor dem 18. Jahrhundert zu entwickeln begonnen. Die Räte
des 16. Jahrhunderts dagegen waren noch alles andere als
Bureaukraten. Ihre Beschäftigung war weder nach der Materie
noch nach der Zeitdauer fest abgegrenzt; monatelang konnten
sie noch immer vom Hofe weg bleiben; in Württemberg hielten
sie sich während der Ernte und des Herbstes daheim, um zum
Rechten zu sehen, und fast immer wird ihre Stellung als eine
auch zu Hofdiensten verpflichtende betrachtet.

Auch ein festes Amtsrecht besaßen sie kaum in den An—
fängen; sie waren noch jederzeit entlaßbar, sie dienten oft
        <pb n="182" />
        524 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.

mehreren Herren zugleich; typische, für die einzelnen Kategorien
gleichlautende Amtseide sind beim höheren Beamtentum in
Preußen erst während des 18. Jahrhunderts eingeführt worden.
So konnte auch bei ihnen von einer festen Besoldung im
modernen Sinne noch nicht gesprochen werden. Gewiß hat
Kurfürst August von Sachsen im Jahre 1563 eine solche
Besoldung für seine Kammerräte einzuführen versucht, aber
das war eine Ausnahme. Im allgemeinen war dem Rate des
16. Jahrhunderts die Thätigkeit in der Centralverwaltung
nicht so sehr ein mit Gehalt ausgestattetes Amt, als eine Ehre
und ein Geschäft. Er suchte dadurch Einfluß, er erhielt die
Möglichkeit, neben seinen verhältnismäßig kleinen Bezügen in
Naturalien und Geld sich an den Untergebenen auch wirt—
schaftlich zu erholen, er hoffte auf gelegentliche Pensionen und
Belehnungen, sei es seitens seines Herren, sei es seitens
anderer Fürsten, die ein Interesse daran hatten, seine Dienste zu
brauchen, und er sonnte sich unter Nachwirkung alter vasalli—
tischer und ministerialischer Vorstellungen als Hofmann in der
Gunst seines gnädigsten Dienstherrn. So bot er nur sprödes
Material zu einer systematischen, rein nach sachlichen Gesichts—
vpunkten verfahrenden Organisation der oberen Verwaltung.
Tröstlich war es in dieser Lage, daß das bürgerliche
Element unter den Räten immer mehr zunahm. Ein Erzeugnis
der geistigen Bewegung zum Individualismus!, war es schon
um die Mitte des 16. Jahrhunderts unentbehrlich geworden;
Melchior von Osse kann sich ein tüchtiges Beamtentum ohne
ausgezeichnete Universitäten und deren bürgerliche Schüler kaum
noch denken, und in den meisten Centralverwaltungen dieser
Zeit mochte mindestens die Hälfte der Räte bürgerlich-gelehrten
Charakters sein. Damit war nun viel gewonnen. Diese
Bürgerlichen brachten nicht die psychologischen Voraussetzungen
des Adels mit; mochten sie Patrizier- oder Handwerkersöhne
sein — der brandenburgische Kanzler Lampert Distelmeyer war
ein Leipziger Schneidersohn —: sie wollten in erster Linie

S. oben S. 125.
        <pb n="183" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 525
nicht höfisch leben, sondern dienen. Gewiß klebten sie darum
auch nicht so am einzelnen Lande; mehr als die Adligen
nahmen sie bald bei diesem, bald bei jenem Fürsten Dienste;
aber der Mangel an partikularem Interesse, dem Fürsten an
sich oft ein Vorteil im Kampfe gegen eigenwillige Stände,
wurde in jedem Falle reichlich ersetzt durch ihre gelehrte Vor—
bereitung, ihre juristischen Kenntnisse, ihre weitere Verwend—
barkeit und unumschränktere Bereitschaft. So schufen sie recht
eigentlich erst die Möglichkeit reicherer Entfaltung der Central—
verwaltungen, und ihr Dienst in den arbeitsteilig entwickelten
Centralen bewährt sich so sehr, ja wurde so unentbehrlich, daß
— DD—00
die Universitäten aufsuchte und damit Züge bisher vornehmlich
bürgerlichen Charakters und Bildungsganges annahm.

Die Umformung der verhältnismäßig noch ungegliederten
spätmittelalterlichen Centralverwaltung in ein System von
Centralstellen ist in unseren Territorien wesentlich aus eignem
Bedürfnis hervorgegangen und trägt dementsprechend auch
wesentlich deutschen Charakter. Burgundische und vielleicht
auch französische Einwirkungen, wodurch die ersten Versuche
unter Kaiser Max, vermutlich aber auch die Anstrengungen
einiger Landesherren am Rhein mitbeeinflußt worden sind,
haben auf die Dauer nur geringe Spuren zurückgelassen. Auch
der Einfluß der deutschen Stadtverwaltungen war gering.

In den mittelalterlichen Territorien waren in der Centrale
insofern schon Spuren einer kommenden kollegialischen Arbeits—
teilung vorhanden gewesen, als für gewisse Arbeitsgebiete mehr
oder minder feste Kommissionen von Räten thätig waren. Es
bedurfte daher nur einer Regelung und sicheren Durchbildung
dieser Gewohnheit, und die ersten Sonderbehörden der Centrale
waren begründet. In der That ist die Entwicklung wesentlich
auf diesem Wege vor sich gegangen. Neben der Kanzlei, der
alten Behörde zur schriftlichen Ausfertigung aller Regierungsakte,
traten aus der ungeteilten Masse der Räte zunächst die Umrisse
der Kammer hervor, einer centralen Finanzbehörde, die um so
nötiger wurde, je mehr mit dem Aufhören des mittelalterlichen
        <pb n="184" />
        26 Sechzehntes Buch. Erstes LKapitel.
Anweisungssystems und der Zunahme der Steuern ein regel⸗
mäßigeres Budget aufgestellt und eine schärfere Kontrolle der
Einnahmen und Ausgaben durchgeführt werden mußte, als sie der
alte Landrentmeister, bisher zumeist der einzige centrale Finanz⸗
beamte, herzustellen imstande war. Wir sehen daher an
seiner Statt eine Kammer, kollegialisch zunächst mit etwa drei
oder vier Räten besetzt, auftauchen; ihr zur Seite steht noch
eine besondere Rentei, an deren Spitze nun der Rentmeister
tritt. Und bald entwickeln sich noch weitere, besser abgegrenzte
Behörden; Räte mit juristischer Vorbildung werden in das
Hofgericht gezogen, solche mit besonders religöser Gesinnung
finden sich als Konsistorium zusammengefaßt, andere mit mili—
tärischen Erfahrungen bilden etwa den Kriegsrat, bis endlich
die besonders bewährten oder den Fürsten besonders genehmen
Räte zu einem Geheimen Rat für die wichtigsten Juteressen
des Landes, zu einem engeren Kollegium gleichsam über dem
Gros der Räte, zusammentreten.

All diese Entwicklungen vollzogen sich nun in den meisten
Territorien langsam, unter vielen Schwierigkeiten und unglück—
lichen Experimenten; selbst in sterreich, wo die ersten Versuche
nach schweren Anfängen unter Marimilian J. besonders zu—
friedenstellend verliefen, wo 1526 der Hofrat, 1527 die Hof—⸗
kammer, 1556 der Hofkriegsrat ins Leben traten, hat es an
Rückschlägen nicht gefehlt. Um so mehr litten daran die
kleineren Territorien; am frühesten erreichten noch Bayern
und namentlich Sachsen einen gewissen Abschluß, etwa in den
ersten Jahrzehnten der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts;
Brandenburg hat noch viel später eine bessere Centralver—
waltung entbehren müssen.

Der Grund für diese langsame Entwicklung lag, abge—
sehen von den Einwirkungen der allgemeinen wirtschaftlichen
Reaktion, zum großen Teile an dem steigenden persönlichen
Absolutismus der Fürsten. Verfassung und Verwaltung stehen
sich ja nicht einflußlos gegenüber; namentlich der Charakter
der Monarchie ist durchaus von den konkreten Werkzeugen ab⸗
hängig, in denen sie sich auswirkt. Indem nun die Fürsten
        <pb n="185" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 527
sahen, wie ihnen mit der herandrängenden Ausgestaltung der
Centralverwaltung eine ganze Anzahl von Rechten, die sie
bisher persönlich ausgeübt hatten, durch Übertragung ihrer
Behandlung an irgend eine höhere Verwaltungsstelle that⸗
sächlich verloren gehen mußte, konnten sie sich wenig bewogen
fühlen, zu solch einer Übertragung ihrerseits die Hand zu bieten.
Andererseits drängten freilich aus demselben Grunde die Stände
als Vertreter des Landes auf diese Übertragung; sie sahen
wohl, wie aus der erweiterten Wirksamkeit der Centralbehörden
das wichtigste Hemmnis eines persönlich gefaßten Absolutismus
hervorging.

Indem nun so Wirkung und Gegenwirkung nebeneinander
traten, zeigte sich doch, wie sehr die Fürsten, schon wegen ihrer
dauernden und führenden Berührung mit der Verwaltung, hier
im Vorteil waren. Außerdem war die Ausscheidung der
einzelnen Behörden aus der gleichartigen Masse der Räte wirklich
nicht leicht — eben weil man an Kommissionsbildungen vor—
übergehender Natur gewöhnt war. Wie lange dauerte es da,
ehe die Räte einer Spezialbehörde nicht doch auch im Sinne
einer Personalunion zugleich Räte weiterer Spezialbehörden,
sowie der gesamten Körperschaft, des Collegium formatum
aller Räte waren! Und wie lange hielt die Kanzlei daran
fest, daß allein von ihr aus alle schriftlichen Geschäfte sämt—
licher Spezialbehörden schriftlich zu betreiben seien, bis sich
endlich partikuläre Protokollführer, Referenten, Kanzleien der
einzelnen Behörden einfanden!

Indes würde man doch irren, hielte man die Wirkungen
des neu begründeten Komplexes centraler Behörden für gering.
Je mehr sie sich ineinander einarbeiteten, je sicherer sie durch
Hof-, Kammer-, Gerichts- und Geheimratsordnungen gegenein⸗
ander abgegrenzt wurden, um so bedeutender griffen fie ein;
schon um 1550 boten sie in der Hand kräftiger Fürsten eine
unvergleichliche Handhabe zu intensiver Regierung des Landes.
Und längst schon hatten die Fürsten hierfür die Anfänge einer
konsequenten Territorialpolitik entwickelt.

Wie stark waren doch inzwischen die alten Landrechte des
        <pb n="186" />
        528 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
späteren Mittelalters, meist nur Kodifikationen bestehenden
Rechtes, durch eine Flut landesherrlicher Verordnungen
überholt worden, die mit und ohne Bitten oder Rat
der Landstände neues Recht schufen! Vom Deutschordensland
wie von Burgund aus waren sie ins Land gedrungen; bald
erfüllten sie alle Kanzleien, und jegliches Recht fast unterlag
ihnen, das der bürgerlichen Unterthanen ebenso wie der
Bauern und des Adels, das der Schiffahrt nicht minder wie
des Ackerbaues und des Handels, und auch das erwachende
neue Geistesleben der Nation fand sich von ihnen gegängelt.
Denn es gab für sie kein anderes Gesetz, als das des öffent—
lichen Wohls; keine Zeit hat dem Fürsten „den gemeinen Nutz“
so rückhaltlos anvertraut, als das 16 Jahrhundert.

So entstanden dickleibige neue Landesordnungen, die
jederlei Stoff umfaßten, kasuistisch gelegentlich, väterlich—
umständlich und väterlich-drakonisch, und daneben traten
Finzelerlasse fir Großes und Kleines. Wenn sie für das
religiöse Leben der Unterthanen sorgten, so gingen sie wohl
so weit, ohne Entschuldigung versäumten Sonntagsgottesdienst
mit Geld oder Halseisen zu strafen, und wenn sie die guten
Sitten aufrecht erhalten wollten, so kümmerten sie sich sogar
um das schnelle Fahren durch städtische Straßen und das gewiß
seltene nackte Tanzen von Mannspersonen. Und wie das geistige
Leben von ihnen umfaßt ward, so noch mehr das weltliche,
soziale, wirtschaftliche. Sie umschrieben bis ins kleinste die
landesherrliche Teuerungspolitik und sorgten für Preistaren,
sie ordneten die Benutzung von Lazaretten, Hospitälern und
Findelhäusern an, sie schrieben möglichst rationelle Systeme der
Straßenreinigung vor und wachten über Müßiggang und
Bettel. Ja selbst vor der dem ganzen Mittelalter heiligen
Sphäre der Gemeindeverwaltung machten sie nicht Halt. Sie
drangen in die Weistümer der Markgenossenschaften ein und
regelten die Nutzung der Wässer; sie befahlen die Besserung
der Weiden, damit die Fleischnahrung im Lande vermehrt
werde, und sie beschränkten die markgenössischen Gerechtigkeiten
am Walde: bis aus ihrer Anhäufung große Dorfordnungen
        <pb n="187" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 529
hervorgingen, in deren engerem Bewegungsraume die eingeborene
Freiheit der dörflichen Selbstverwaltung erstickt ward. Und
wie die Fürsten durch das Mittel der Dorfordnungen hindurch
den Ackerbau zu regeln suchten beinahe im Sinne der Vor—
aussetzung eines mittelalterlichen Bodenregals, so unterzogen
sie sich nicht minder der Aufgabe, die modernere gewerbliche
Arbeit zu regeln; hat doch eine starke öffentliche Gewalt immer
die Neigung, sich die jeweils wichtigen Grundlagen der Güter—
verteilung einzuverleiben oder wenigstens sie zu beherrschen.
Hierhin gehört der freilich meist mißlungene Versuch,
die Zünfte staatlich eingehend zu regulieren, wie ihn
namentlich einer der stärksten Autokraten, Herzog Christoph
von Württemberg, seit dem Jahre 1554 unternommen hat,
während Kurfürst August von Sachsen sich gleichzeitig mit
Bestätigung der alten Zunftordnungen und Fürsorge fuͤr die
technische Hebung der Handwerke begnügte; und nicht minder
ist hierher das fürstliche Konzessions- und Privilegierungswesen
für Mühlen, Apotheken, Buchdruckereien, Papierfabriken,
Kupferhämmer, überhaupt Wirtschaftsgewerbe größeren Stils
zu rechnen, das sich freilich erst später vollends entwickelt hat.
Daß bei solcher Auffassung die Fürsten sich für den Ausbau der
territorialen Handelswege, für Durchführung von Transport⸗
gelegenheiten, Herstellung guter Münze, Brechung fremder
Handelskonkurrenz namentlich der reichsfreien Großstädte in
ihrem Gewissen verantwortlich hielten, ist selbstverständlich.

Wandelte sich nun aber nicht, indem alle diese Maßregeln
bis in die kleinste Konsequenz des Systems hinein getroffen
wurden, die fürstliche Auffassung der Landeshoheit im Sinne
eines öffentlichen Rechtes in eine andere Anschauung, nach der
das Land fast als privates Eigen des Fürsten, als ein persön—
liches Herrsch- und Wirtschaftsgebiet erschien? Es ist in der
That die Anficht, der das 16. Jahrhundert mit steigenden
Jahrzehnten immer näher trat; vor dem dreißigjährigen Kriege
ist sie schließlich, teilpweis auf Grund fremden, namentlich
französischen und spanischen, schließlich auch italienischen
Vorbildes ziemlich vollkommen entwickelt gewesen.
        <pb n="188" />
        580 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Jetzt erhalten die Wohlfahrtsmaßregeln der Fürsten nebenher
gern einen fiskalischen Zweck, das Sportelwesen bildet sich üppig
aus; die Staatsmaschine erscheint fast als große Privatunter⸗
nehmung, für deren Benutzung von den Unterthanen zu dienen
und zu zahlen ist. Jetzt wird der Grund und Boden des Staates
prinzipiell als fürstliches Eigen betrachtet, jetzt greifen die
Fürsten in die Allmendenutzung der Bauern und die All—
menderechte des markherrlichen Adels ein und nehmen die
Land- und Wasserstraßen in Beschlag. Vor allem aber be—
mächtigen sie sich nun völlig der Forsten; bei entschlossenstem
Vorgehen werden alle Wälder als dem Forstregal unterworfen
erklärt. Und damit beginnt eine bisher unbekannte forstliche
Ausnutzung. Indem bisherige Gemeinderechte am Walde als
bloße Servitute erklärt werden, ist die Möglichkeit gewonnen,
den Wald viel strenger als früher zu beförstern, ja ihn ge—
legentlich ganz zu schließen. Der auf diese Weise isolierte
Besitz aber wird nun in genauere Wirtschaft genommen; er
wird in Reviere und Schläge geteilt; zu seiner Besserung
werden Forstgärten und Schonungen angelegt, und Floßgräben
und Wege vermitteln die Abfuhr des rationeller geschlagenen
Holzes. Wichtiger freilich noch als die Holznutzung erscheint
dann den Landesherren die Jagd!. War das 16. Jahrhundert,
namentlich seine zweite Hälfte, eine kriegsstille Zeit, so mußte
die Jagd den Fürsten, deren Ahnen tausend Fehden geführt
hatten, die Abenteuer und Gefahren des Kampfes ersetzen. Wochen⸗
—A
Dutzende von Wölfen und Bären wurden von ihnen erlegt.
Es war eine Leidenschaft, die in einzelnen Fällen geradezu
landverwüstend zu wirken begann. Ganze Heere von Treibern
wurden aufgeboten; der Kurfürst von Sachsen hatte um 1617 etwa
500 Jäger, ungerechnet die Jungen; Herzog Heinrich Julius
von Braunschweig erschien 1592 mit 600 Rüden zu einer
Sauhatz; ganze Gegenden wurden durch Legung von Bauern⸗
höfen zur Wildfuhr verödet; unerträglich drückten die

Vgl. oben S. 84.
        <pb n="189" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 331
Fronden. Und wie schroff wurden sie verlangt, wie wenig
wurden die bäuerlichen Fluren bei der Hofjagd geachtet, wie
furchtbar waren die Strafen für den Wilddieb. In Brandenburg
mußte jeder Hirsch mit 500 Thalern gebüßt werden; selbst auf
Abschuß von Raubzeug stand harte Strafe. So begreift es
sich, wenn das Jagdregal als eine der schlimmsten Plagen des
Zeitalters galt: Kurfürst Moritz von Sachsen hat auf seinem
Totenbette reuig den Ersatz des unter seiner Regierung verübten
Wildschadens befohlen.

Freilich nicht alle Fürsten waren Nimrode; Herzog Julius
von Braunschweig sagt einmal in seinem stillen Humor von
sich: „wie andere Chur- und Fürsten meistenteils dem Jagd—
teufel anhängig, also hats mit uns die Gelegenheit, daß wir
dem Bergteufel nachhängen““. Gewiß war die volle Entwick—
lung des Bergregals und seine Ausdehnung auch auf alle
Fossilien und Halbmetalle da, wo Bergsegen vorhanden war,
eine der glücklichsten und folgenreichsten Bethätigungen des
fürstlichen Regalismus. Trotz des Nachlassens des alten
Bergwerkbetriebs, wie er freilich vielfach auch durch die zu—
nehmende Mattigkeit der städtischen Kapitalisten veranlaßt
ward?, führte sie in der späteren Zeit des 16. Jahrhunderts
in manchen Territorien, in den kaiserlichen Erblanden, in
Bayern, im kursächsischen Erzgebirge, vor allem auch im Harz
zu einer neuen Blüte der bergbaulichen Interessen. So ließ
z. B. Julius von Braunschweig sein Land geognostisch bis ins
Einzelne untersuchen, begründete neue Salinen, darunter das
nach ihm genannte Juliushall bei Harzburg, ließ auf Stein⸗
kohlen schürfen und erschloß Alabaster- und Marmorbrüche.
Und mit dem Bergbau verband sich vielfach und viel stärker
als in der Vergangenheit ein einträgliches Hüttenwesen. Und
auch hier suchten die Fürsten dem Regalismus Boden zu schaffen.
In Sachsen gelang es thatsächlich, den Betrieb halb zu ver—
taatlichen, und aller Handel mit Metallen, vielfach auch mit

Bodmann, Zeitschr. für Kulturgesch, herausg. von Müller 1, 200.
2 S. oben S. 496f.
        <pb n="190" />
        532 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Halbmetallen, sowie mit Salz, Salpeter und Mühlsteinen
wurde in der Hand des Fürsten monopolisiert. Aber auch
sonst ging man dieses Weges, wenn er auch nirgends in
Deutschland mit der in Frankreich und England festgehaltenen
Folgerichtigkeit zur vollen Proklamation eines allgemeinen
fürstlichen Handelsmonopols geführt hat. Immerhin aber gab es
doch eine Anzahl von Fürsten, die, meist auf der Grundlage
größeren Hüttenbetriebs, die bedeutendsten Kaufleute ihres
Landes waren, und Kurfürst August von Sachsen hat im
Jahre 1579 in Verbindung mit einem angesehenen Augsburger
Handelshaus sogar den Pfefferhandel für Deutschland und den
Nordosten Europas, freilich vergebens, in seiner Hand zu mono⸗
polisieren gesucht.

VI.
Wurden nun durch all diese Mittel finanzielle Wirkungen
erzielt, welche die Fürsten selbständig hinstellten gegenüber den
vorwärts drängenden Anforderungen der neuen Zeit mit ihren
Kulturbedürfnissen?

Keineswegs! Wohl sahen die Fürsten neidischen Blickes
nach den Staaten Westeuropas, wo die stetig steigende Höhe
der Geldwirtschaft in Verbindung mit einem folgerichtig durch—
geführten Regalismus die Herrscher auch finanziell halbwegs
absolut machte. In Deutschland konnte von solch einem Er—
gebnis selbst da, wo man am stärksten regalistische Politik trieb,
in Württemberg etwa unter Herzog Christoph und in Salzburg
seit 1587, in keiner Weise die Rede sein. Gelegentlich wurde
wohl versucht, den zumeist großen Domanialbesitz der altfürst⸗
lichen Grundherrschaft so zu erweitern, daß er die Erträge des
fremden industriellen und kommerziellen Regalismus liefere. So
hat namentlich Kurfürst August von Sachsen die mannigfachsten
Versuche zur Vermehrung der Domauialeinnahmen umd zu
ihrer Verflüssigung in Geld gemacht; er änderte zu diesem
Zwecke wiederholt die Bewirtschaftung, und am liebsten hätte
er deren System mit dem der staatlichen Lokalverwaltung ver⸗
schmolzen. Ein Schritt in dieser Hinsicht war die „Besserung
        <pb n="191" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und CTerritorien im 16. Jahrh. 533
der Empter“; sie bestand im wesentlichen in Zukäufen ganzer
Rittergüter und Dörfer zu den Domänen; dazu kamen Mittel,
welche vor allem Geld liefern sollten, der Ersatz der Natural⸗
zinse durch Geldzinse und die Vererblichung kündbarer Güter
der Domanialbauern unter Ablösung der Frondienste durch Ab—
gaben in klingender Münze. Allein das Ergebnis all dieser
Schritte war doch gering, und noch weniger als in Sachsen
gelang es anderswo, dem mit den Regalieneinnahmen ver—
einigten Ertrage der Domänen die vollen Mittel zur Befriedi—
gung der stetig anschwellenden staatlichen Bedürfnisse zu ent—
nehmen.

Da boten sich nun den Fürsten außerdem freilich auch ältere
Steuern, die noch vielfach mehr oder weniger frei ohne die
Notwendigkeit einer Bewilligung durch die Landstände erhoben
werden konnten. Hierher gehörte die mittelalterliche Bede, auch
soweit sie nicht grundherrlichen und vogtherrlichen Ursprungs
war; sie war häufig radiziert und fixiert worden. Hier—
hin ließen sich auch mehrfach speziell ständische direkte Steuern
ziehen, die, anfangs nur außerordentlich gemeint und für kurze
Zeit und bestimmte Zwecke bewilligt, gewohnheitsrechtlich doch
zu festen Jahresabgaben geworden waren oder werden konnten,
so der württembergische „Landschaden“ oder die fränkisch—
hohenzollernsche Gülte.

Aber auch diese Mittel genügten den staatlichen und fürst⸗
lichen Anforderungen nicht. Was kostete nicht, abgesehen von
allen öffentlichen Bedürfnissen, allein der fürstliche Hofstaat mit
seinem naturalwirtschaftlichen Status von vielen hundert Per—
sonen, die nun doch geldwirtschaftlich erhalten sein wollten!
Und was kostete gar ein Krieg in diesem Zeitalter des Sold—
wesens! Der siebenmonatliche, mit 7000 Mann geführte Kampf
des Kaisers gegen Geldern im Jahre 1528 hat 1270000 Lires,
etwa 27 Millionen Mark unseres Geldes, verschlungen.

Es war mit den regelmäßigen Einkünften nicht auszu—
kommen; und wurden von den Ständen keine neuen Steuern

Henne III, 194 bei Baumgarten, Karl V., II, 106 Anm.
        <pb n="192" />
        534 Sechzehntes Buch. Erstes Rapitel.
bewilligt, so blieb nichts übrig, als die Inanspruchnahme des
Kredits. Allein auch hier sahen sich die Fürsten vor ver—
schlossenen Thüren. Das Zeitalter großen staatlichen Schulden⸗
wesens, organisierten und freigebigen öffentlichen Kredits hat
erst mit der Wende des 18. und 19. Jahrhunderts begonnen;
die fürstlichen Kassen des 16. Jahrhunderts konnten wohl auf
Einzelzuschüsse fürstlicher Beamten, Unterthanen und Freunde
rechnen, darüber hinaus aber hatten sie im allgemeinen keiner—
lei zahlungsbereite Gläubiger zur Verfügung, und es war ein
schwacher Trost, wenn die Theorie sie versicherte, daß ein Fürst
viel besser zu guter Stunde thesauriere, um die Spargroschen
in Zeiten der Not zu opfern, als daß er in dieser borge.

Wie aber, wenn es trotzdem einem Fürsten gelang, Schulden
zu machen? Dann galt es als höchste Pflicht des Landes,
diese möglichst rasch abzutragen; alsbald wurde zu diesem Zweck
ein „Kreditwerk“ begründet, und bei dieser Gelegenheit fiel der
Fürst dann doch, und nun besonders gründlich, in die Hände
seiner Landstände, d. h. jener Macht, deren Einmischung
er eben durch Aufnahme von Schulden hatte vermeiden
wollen.
So ergab sich stets dieselbe Folgerung, wie auch die fürst—
lichen Verwaltungen die Dinge drehten und wandten:; bei
ungedeckten Ausgaben mußte der Fürst die Hilfe der Stände
in Anspruch nehmen. In der That ist dies im Laufe des
16. Jahrhunderts fast überall in steigendem Maße geschehen.
Hatte man im späteren Mittelalter zur Deckung der erst in
geringerem Grade steigenden Bedürfnisse zunächst direkte Steuern
bewilligt — und auch jetzt kam es noch zu neuer direkter Be—
lastung, namentlich im Sinne unserer Vermögenssteuer —, so
ging man nun doch vornehmlich an den Ausbau der indirekten
Steuern. Da konnten zunächst alte indirekte Verbrauchssteuern
und Verkehrsabgaben von Kauf und Verkauf, namentlich in den
Städten, verstaatlicht werden. Da wurden dann vor allem die
Zölle umgestaltet. Zwar gelang es zumeist nicht, die alten
Durchgangszölle im Binnenland im Sinne von Wegemauten,
ein unglaublich wirres Konglomerat der verschiedensten staat—
        <pb n="193" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 535
lichen und ständischen Rechte, Tarife und Erhebungsweisen, auch
nur annähernd zu beseitigen, und für sie vor allem galt das Wort
Agricolas: „und ist hie nichts frei, es muß sich Alles verzollen
lassen, damit man auf Erden handelt.“ Aber daneben suchte
man doch ein wirkliches Grenzzollsystem zu errichten, so 1650
in Böhmen, 1556 in Schlesien; und man stattete dieses dann
mit leidlich rationellen Tarifen von mehreren Dutzend Positionen
aus und regulierte es so, daß der Fiskus zu Gelde kam. Und
über die Zölle hinaus wurde schon der kühne Gedanke indirekter
Steuern für das gesamte Land in der Form von Accisen ge—
faßt. Zwar bekämpfte die Theorie dieses System, dem die
Holländer schon im 16. Jahrhundert reiche Einnahmen ver—
dankten, für das innere Deutschland teilweis noch um die Mitte
des 17. Jahrhunderts: nur bei dichter Bevölkerung und lebhaftem
Verkehr sei es gewinnbringend. Aber gleichwohl werden schon
in einzelnen Territorien Versuche in dieser Richtung gemacht,
am lehrreichsten vielleicht in Sachsen in Anknüpfung an die
Zise schon des Jahres 14838, bis schließlich aus allen Experi—
menten das glänzende Acecisesystem des Jahres 1707 hervor⸗
ging. Im ganzen freilich blieb der Ausbau des inneren in—
direkten Steuersystems Aufgabe späterer Zeiten. Soviel indes
ward doch erreicht, daß das Steuersystem der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts schon auf dem doppelten Fuße direkter
und indirekter Steuern stand — in Bayern hielten sich um etwa
1600 direkte und indirekte Steuern die Wage —, und daß aus
ihm heraus die steigenden Bedürfnisse der fürstlichen Regierungen
im wesentlichen Befriedigung fanden.

Aber dies Ergebnis hatte trotz Domanialwirtschaft und
Regalismus nur durch den bereiten Willen der Stände ge—
sichert werden können. Es war klar, daß damit all dem zu—
nehmenden Absolutismus der Fürfsten immer noch das stetige
Hindernis einer Landesvertretung theoretisch wie praktisch ent—
gegengetreten war.

Freilich darf man sich die Macht der Stände im All—
gemeinen nicht mehr so groß vorstellen, wie sie im späteren
Mittelalter vielfach gewesen war; nur an wenigen Stellen
hielten sie an Herrschaftsrechten und Verwaltungsfunktionen

Lamprecht, Deutsche Geschichte. V. 2. 35
        <pb n="194" />
        536 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
dem Fürsten noch die Wage, ein zweiter Brennpunkt gleichsam
der staatlichen Ellipse. Schon das Reich hatte zur Minderung
ihrer Macht beigetragen, indem es in der Exekutionsordnung
von 1555 festsetzte, daß die für Landfriedens- und Reichszwecke
zu erhebenden Territorialsteuern von den Ständen unweigerlich
bewilligt werden müßten. Vor allem aber war ihnen die fürst-
liche Regierung mit ihrer Ausgestaltung der Centrale über den
Kopf gewachsen; was hatten sie deren Landeskenntnis, stetiger
Wirksamkeit, breitem Einfluß auf eine weitverzweigte Lokal—
verwaltung entgegenzusetzen! Nur das eine Bestreben noch
konnte sie gegenüber dieser überlegenen Macht erfüllen, an der
Ausübung ihrer Gewalten möglichst teil zu haben; darum be—
strebten sie sich, dem Fürsten die Verpflichtung zur Anstellung
nur eingeborener, d. h. ständisch geborener Beamten aufzuerlegen.
Aber in sorgsam regierten Territorien hatten sie damit keinen
durchschlagenden Erfolg; die Fürsten zogen „Gäste“ vor; und
nur in Kursachsen, dem alten Pflanzlande tüchtigen Beamten⸗
tums, hielt man sich an Einheimische, freilich unter der schon
um 1550 ertönenden Klage, daß das Beamtentum von , vornehm⸗
lichen Freundschaften, Verständnissen und Ketten“ durchsetzt sei.
Aber selbst da, wo die fürstlichen Beamten im wesentlichen den
Ständen entnommen wurden, brachten es die Stände dennoch
auf die Dauer nirgends mehr zu einer dem Fürsten ebenbürtigen
Macht. Ihr politischer Horizont war zu begrenzt; ihre städtischen
Mitglieder waren Spießbürger geworden, ihre adligen Krautjunker;
selten, daß aus ihnen weitsichtige Vertreter territorialer Gesamt—
interessen hervorgingen: wie hätten sie da die Schicksale des
Landes leitend bestimmen sollen?

Gewiß war die Lage in den einzelnen Territorien sehr
verschieden. Am Rheine hielten sich Fürsten und Stände im
allgemeinen das Gleichgewicht. In den südöstlichen Teilen des
alten mutterländischen Bodens wußten die bayrischen Herzöge
mit ihren Ständen wenig fertig zu werden, bisKurfürst
Maximilian J., ein trefflicher Verwalter, seit 1605 Überschüsse
erzielte und damit der ständischen Bevormundung langsam ledig
ward. Auf dem mitteldeutschen Übergangsboden zum kolonialen
        <pb n="195" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 5337
Gebiete befestigten sich in Kursachsen die Stände immer mehr;
gerade unter dem kräftigen Moritz haben sie den Grund zu einer
gesicherten, wenn auch nicht entschneidenden Machtstellung gelegt.
Die beiden großen Mächte des Kolonialgebiets endlich, Branden—
burg und sterreich, in deren Bereich man während des späteren
Mittelalters wenig vom Einfluß der Stände gespürt hatte,
unterlagen diesem jetzt in hohem Grade. In Brandenburg
wußte man in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wenig
mehr von den Tagen, da der Kurfürst (1490) die ständischen Räte
als „seine Räte“ bezeichnet hatte. In Österreich war die Ent—
wicklung schon unter Kaiser Max J. so weit gediehen, daß sich
sein Nachfolger Ferdinand J. der Stände nur mit Mühe er—
wehren konnte. Später wurde dann ihre Macht durch die
außerordentlichen finanziellen Anforderungen der Türkenkriege
wie durch die inneren Wirren des Herrscherhauses unter Rudolf II.
so gestärkt, daß sie beinahe als Herren des Landes gelten konnten.
Als Ferdinand II. die Regierung ergreifen wollte, erhoben sie
sich hiergegen zu feindlichem Widerstand; von den ungarischen
und böhmischen Ständen unterstützt, erließen sie 1619 ein „offenes
Manifest an alle europäischen Mächte“ über des Kaisers „wider⸗
rechtlichen und gewaltthätigen Regierungsantritt und verübte
grausame Verheerung der Erbländer“. Ferdinand II. hat dann
freilich ihre Macht eben in den Erbländern und in Böhmen
gebrochen.

War so die Lage in den einzelnen Territorien sehr ver—
schieden, so konnte man trotzdem im ganzen sagen, daß es unter
zunehmenden Machtäußerungen der Fürsten ziemlich überall zu
einem verständnisvolleren gegenseitigen Einleben in die Be—
dürfnisse der Territorien gekommen war. Zwar blieben in zu—
sammengesetzten Staaten fast regelmäßig die einzelnen Landtage
noch erhalten; am Rhein z. B. tagten die Stände der Länder der
jülichschen Fürsten, Jülich, Berg, Ravensberg, Cleve, Mark, wohl
öfters am selben Ort und zur selben Zeit, aber niemals in
innerer Verbindung. Aber die einzelnen Landtage waren doch
nun ganz mit ihrem Lande verwachsen und identifizierten
damit ihre Interessen mehr, als bisher, auch mit denen des

35 *
        <pb n="196" />
        538 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Fürsten: sie wurden jetzt wirklich immer mehr sens du pays,
wie sie im Bistum Lüttich hießen. Gewiß dachten sie auch
— ——
Steuerprivilegien; sie sorgten dafür, daß alle Lasten möglichst
auf die ständisch nicht vertretenen Bauern abgewälzt wurden.
Aber sie ließen sich doch ab und zu auch schon zu persönlichen
—00
da, z. B. in Bayern, bestand kürzer oder länger sogar die
Neigung, die landständische und die fürstliche Steuerverwaltung
zu verschmelzen. Und auch wo das gegenseitige Verständnis
von Fürst und Ständen nicht so weit ging, beachteten die Stände
doch eine Anzahl allgemeiner Bedürfnisse des Territoriums: sie
sahen darauf, daß der Landesherr die Unterthanen nicht mit
Diensten überlaste; sie beschlossen mit über die Territorialsteuern
auch der unmittelbar landesherrlichen Unterthanen; sie hielten
auf stracken Verlauf der Rechtsprechung vor den ordentlichen
Gerichten. So wirkten denn Stände und Fürst in verständnis—
vollem Dualismus nebeneinander, und indem sie beide das
Beste des Landes suchten, ergab sich für sie ein gleiches Ziel,
die Beförderung des öffentlichen Wohles. Es ist ein Vorgang
von großer Bedeutung: aus einzelnen Handlungen, Ansichten,
Verständigungen heraus ward langsam der Begriff des modernen
Staates als einer über den Parteien stehenden, objektiven, idealen
Macht gewonnen.

Natürlich mußte eine solche Entwicklung schon in ihren
Anfängen zu umfassender gemeinsamer Thätigkeit, zu reicher
territorialer Gesetzgebung führen, mochten sich dieser auch immer
noch partikulare, bald mehr fürstliche, bald mehr ständische
Motive einflechten. In der That sah das 16. Jahrhundert
einen unerhörten Reichtum von Landesgesetzen; anfangs einzeln
erlassen, sind sie später, zumeist im 17. und 18. Jahrhundert,
in dickbändigen Kodifikationen gesammelt worden!. Sie be—
handelten alle Materien des staatlichen und privaten Lebens,
wie es wohl gelegentlich heißt „Gott zu Lobe und dem Fürsten
Eine belehrende Zusammenstellung bei Ritter, Deutsche Geschi
1, 40 Anm. 1. J sche Geschichte
        <pb n="197" />
        Naturalwirischaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 539
Land und Leuten zu Ehren, Nutz und Frommen“. So haben
sie vielfach neues Privatrecht geschaffen, auch den Rechtsgang
moderner geregelt; schon die Rezeption des römischen Rechtes
durch das Reichskammergericht gab hierzu reichlichen Anlaß,
wenn auch das heimische Recht, namentlich das sächsische Recht
in den berühmten Konstitutionen Kurfürst Augusts vom Jahre
1572 nicht minder fortgebildet ward. Indes vor allem wandte
sich die Landesgesetzgebung doch der Regelung der neuen, eben
durch den Abschluß des Territoriums gebildeten inneren Verhältnisse
zu; in ihrem Verlaufe und durch ihre Vermittlung haben sich
Fürst und Unterthanen im Lande gleichsam häuslich eingerichtet.

Das geschah nun, dank den Ständen wie infolge tieferer
wirtschaftlicher Bewegungen!, wesentlich in konservativem Sinne.
Die Thatsache, daß die politischen Stände zugleich sozialen
Charakter hatten?, machte sich hier geltend: Aufrechterhaltung
der hergebrachten sozialen Gliederung erschien als oberstes Er—
fordernis; wie es ein brandenburgischer Landtagsabschied vom
Jahre 1536 ausdrückte: jedermann soll sich an dem seinem
Stande entsprechenden Berufe genügen lassens.

Diese Tendenz bedingte vor allem die strenge Durchführung
der alten Trennung von Stadt und Land. Mit allen Mitteln
wurde sie aufrecht erhalten; wirksam sekundierte hier dem landes⸗
fürstlichen Verordnungsrecht einer Fülle von Spezialgesetzen
über Verkaufsbeschränkungen von Landeserzeugnissen, städtisches
Bannmeilenrecht und ausschließliche Anwartschaft der Junker
auf die Großgüter des Landes; es war eine Fortsetzung der
alten Privilegienwirtschaft des Mittelalters in gesetzgeberischen
Formen.

Wie aber konnte die Trennung aufrecht erhalten werden,
befestigte man nicht auch die führenden Stände des platten
Landes wie der Städte wiederum in ihren Rechten nach unten?
So wurde dem Adel, der dem Fürsten zudem militärisch und
administrativ notwendig war, das platte Land zur Herrschaft
1S. darüber oben S. 496 ff.
2 S. Band IV S. 336.
s Mylius 6G, 37.
        <pb n="198" />
        540 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
überlassen; der Bauer ward zum Stiefkind der Entwicklung.
So wurde weiter in den Städten die Herrschaft des einmal
vorhandenen Patriziats gleichviel welcher Herkunft geduldet, und
den Handwerkern wurden, wenn auch unter gewisser Regelung,
die Zünfte bestätigt.

Aber widersprachen nun diesen Festsetzungen nicht, wenigstens
in gewissen Grenzen, die Interessen des Territoriums als eines
wirtschaftlichen und sozialen Gesamtkörpers? Der Fürst und
langsam ihm folgend auch die Stände mußten diese Interessen
zur Geltung bringen. Von diesem Standpunkte erschienen
ihnen alle Handwerker desselben Gewerbes innerhalb der
Landesgrenzen als eine Genossenschaft oder wenigstens ein Kreis
gleichartiger Lebenshaltung; dem entsprach es, wenn eine terri—
toriale Regelung der Zünfte, z. B. in Österreich und in
Württemberg, versucht ward. Von diesem Standpunkt galt
ihnen ferner der kaufmännische Beruf innerhalb des Territoriums
als einheitlich, gleichgültig, an welcher Stelle er betrieben ward;
so lag eine territoriale Regelung der kaufmännischen Gesellschaften,
des Wechsel- und Darlehnsrechts in der Luft. Vor allem
aber: wie konnte ein ruhiges und einheitliches Wirtschaftsleben
innerhalb des Territoriums erblühen, wenn nicht das Ver—
hältnis der Territorialwirtschaft nach außen hin gleichmäßig
geordnet ward? Schon früh hatte man dazu in der Landes-
zollpolitik ein vorzüglich geeignetes Mittel gefunden; Verbote
der Getreideausfuhr, der Bier⸗ und Weineinfuhr, Beschränkungen
des Wollimports und Wollexports gehen nicht selten bis ins
15. Jahrhundert zurück. Jetzt schritt man weiter. Man suchte
sich hinweg zu heben über momentane Regelungen und Einzel⸗
maßregeln, wie sie bald durch dieses, bald durch jenes Vor—
kommnis angezeigt erschienen; man suchte eine Theorie ständig
festen Verhaltens zu entwickeln. Dabei knüpfte man natur—
gemäß an die Betrachtung der Ein- und Ausfuhr und deren
jetzt allgemeinen wirtschaftlichen Wertmesser, das Geld an —
um so mehr, als die wirtschaftlichen Theorien dem Gelde
schon seit dem 15. Jahrhundert ganz besondere, geheimnisvolle
Kräfte der Prosperität zuzumessen begonnen hatten. Eine
        <pb n="199" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 541
gute Handelsbilanz schien sich damit in dem Verbleib möglichst
vielen Geldes im Lande auszudrücken, und glücklich überhaupt
schien ein Land zu sein, das vor allem über einen großen
Reichtum an baren Mitteln verfügte. Es ist die anfängliche
Lehre des Merkantilismus, wie sie in der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts, bei fallendem geldwirtschaftlichen Niveau,
besonders einleuchtend erscheinen mußte; der Schweidnitzer Rat
Bornitz hat sie 1608 in folgenden Ausführungen zusammen—
gefaßt!: „Es liegt im öffentlichen Interesse, nicht nur, daß
Geld im Staate vorhanden ist, sondern es ist zur Befestigung
der Macht des Staates höchst nötig, daß es in größter Menge
vorhanden ist. Denn das Geld ist der Nerv der Dinge ...
Kampfunfähig muß der Staat heißen, der Überfluß hat an
andern Dingen, aber Mangel an Geld ... Wie man sich auf
zweierlei Weise Geld verschafft, so wird auch der Staat
auf zweierlei Weise reich daran: durch Verfertigung von Geld
und durch Einführung fremden Geldes.“ Wie aber kann
fremdes Geld zur Einfuhr gelangen? Offenbar nur durch
Ausfuhr von Gütern, die durch menschlichen Fleiß einen
—D
durch Hebung einer Werte schaffenden Industrie und durch
Vertrieb der von dieser hergestellten Werte seitens eines regen
Handels. Und wie wiederum läßt sich eine solche Industrie
schaffen? Am besten anscheinend durch billige Bereitstellung
der nötigen Rohprodukte und durch Gewährleistung eines
sicheren heimischen Absatzes. Diese Voraussetzungen aber
schienen durch eine kluge Schutzzollpolitik erreichbar. Und so
sehen wir denn fast alle größeren Länder des Reiches im Laufe
des 16. Jahrhunderts zu einer solchen Politik übergehen; allen
voran das mächtigste und einflußreichste Territorium, gsterreich.
Nun geschah das allerdings zumeist noch stoßweise, schwankend
und inkonsequent; aber die Grundlagen einer Schutzzollpolitik
wurden gleichwohl gelegt, und soviel wurde immerhin erreicht,

De nummis Lib. II cap. 8; Roscher, Geschichte der Rational—
ökonomik S. 1091.
        <pb n="200" />
        542 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel.
daß die größeren Länder nunmehr als besondere, gegeneinander
mehr oder minder abgeschlossene Körper partikular verlaufenden
Wirtschaftslebens erschienen.

Es war eine Wendung, die vor allem die Städte treffen
mußte. Ließ sich bei solchen Vorgängen ihre alte Absperrung
vom platten Lande, ja auch nur voneinander noch aufrecht
erhalten? Wenn die Landesherren das Recht des Ausfuhr⸗
verbots oder der Ausfuhrbeschränkung in Anspruch nahmen,
so konnte es naturgemäß nicht mehr von den Städten ausgeübt
werden; nur große Städte, wie z. B. Braunschweig, haben im
16. Jahrhundert noch unabhängig vom Landesherrn das Recht
der Getreidesperre besessen. Und weiter: ließen sich auch nur
für den Binnenhandel die städtischen Sondervorrechte halten,
wenn erst einmal für das ganze Land eine gemeinsame Wirt—
schaftspolitik begründet war? In langsamem Verdorren oder
jäher Ausrottung mußten sie dahin fallen, die Stapelrechte, die
Niederlagsrechte, die Münzprivilegien, das Vorrecht öffentlicher
Wage, die Meilen- und Straßenrechte, die Rechte des Marktes
und des Verkaufs — frei mußte der Handel innerhalb der
Landesgrenzen werden; auch dem platten Lande mußten
Hausierertum und Produktenhandel erlaubt sein; es war eine
Lebensbedingung des Territoriums. Freilich nicht rasch setzte
sie sich vollends durch; im 16. Jahrhundert beugten sich ihr
höchstens die kleinen Städte; die großen Emporien blieben
noch lange selbständige, nur wenig angetastete Wirtschafts⸗
gebiete im Land, so Königsberg in Ostpreußen, Stettin in
Pommern, Leipzig in Sachsen.

Aber immerhin ward eine Lockerung der alten städtischen
Verhältnisse erreicht. Und galt sie schon für den Nordosten,
so noch bei weitem mehr für den stärker bevölkerten Westen mit
seinen kleinen Territorien; hier öffneten sich schon im 16. Jahr—
hundert die Spalten, aus deren Tiefen die Keime eines
neuen, nicht mehr städtisch, sondern territorial charakterisierten
Bürgertums hervorwuchsen. Freilich, wirklich in Kraft getreten
und erblüht ist dies Bürgertum erst in späteren Zeiten, unter
der Gunst wiedergewonnener, wenn auch langsam verlaufender
        <pb n="201" />
        Naturalwirtschaftliche Reaktion, Reich und Territorien im 16. Jahrh. 543
geldwirtschaftlicher Entwicklung. Brach es im 16. Jahrhundert
nur wurzelhaft hervor, so war hierfür, neben der Schwierigkeit
seiner Ausscheidung aus den gegebenen Verhältnissen, vor
allem das der Naturalwirtschaft wieder zusinkende Niveau des
nationalen Wirtschaftslebens der Anlaß. Den Territorien
aber erwuchs aus dieser Lage der Vorteil einer wesentlich noch
einheitlichen, mittelalterlich-konservativen, wenn auch schon
ein wenig verknöcherten sozialen Schichtung der Unterthanen;
darum standen ihnen Menschenalter friedlichen Auslebens in
Sicht: so half ihnen die Gunst der volkswirtschaftlichen
Reaktion des Jahrhunderts.
        <pb n="202" />
        Zweites Kapitel.
Niederländischer Aufstand; Gründung der nord—
niederländischen Republik.

Überschaut man jene Zusammenhänge der deutschen
Geschichte, die im vorigen Kapitel zur Darstellung gelangten,
so ist es leicht, sich vorzustellen, daß auch die äußere Geschichte
unserer Nation im 16. Jahrhundert noch mehr als früher
nach verschiedenen Richtungen auseinandergehen mußte. Was
hatten die Lebensvoraussetzungen der Territorien des Binnen—⸗
landes noch gemein mit den Grundlagen der Entwicklung, die
für die Länder der atlantischen Küste galten? Dort regster
geldwirtschaftlicher Aufschwung und darum Fortbestand, ja
Steigerung der Daseinsbedingungen, unter denen im 15. Jahr⸗
hundert noch die ganze Nation gelebt hatte — hier unabwend⸗
barer Rückfall in überwundene, halb naturalwirtschaftliche
Zeiten; dort eine glänzende Ausgeftaltung städtischen Lebens,
internationalen Verkehrs, geistig-protestantischer Regsamkeit —
hier unverkennbarer Sieg der Territorien, engster gegenseitiger
Abschluß und eine in elenden dogmatischen Streitigkeiten und
künstlerischer Unfruchtbarkeit verlaufende Mißwirtschaft mit den
geistigen Errungenschaften der letzten Vergangenheit!.
Ahnlich wie niederländische verlief aus verschiedenen miteinander
konkurrierenden Ursachen auch die Entwicklung der Schweiz. Es ist
        <pb n="203" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 545
Unmöglich konnte so verschiedener Bewegung des allge—
meinen materiellen und geistigen Daseins das gleiche äußere
Schicksal beschieden sein. Die Nordseeküsten, soweit sie dem
internationalen Handel zugänglich wurden, scheiden jetzt aus
aus der sonst eingeschlagenen politischen Entwicklung der Nation;
die Niederlande, schon längst in eignen Geleisen, führen nun—
mehr, von den innerdeutschen Gebieten fast völlig getrennt, ihren
furchtbaren Kampf gegen Spanien um Verkehrs- und Geistes—
freiheit, und ein Kind gleicher Wurzel mit ihnen, blüht Hamburg
am östlichsten Punkte der Nordseeküste empor, allein fast von
allen fpeziell deutschen Städten lebendig in neuen Wandlungen
seiner Verfassung, Amsterdam ähnelnd nach Lebenshaltung und
öffentlichen Einrichtungen, auf geistigem Gebiete bald die Metro—
pole des deutschen und standinavischen Nordens. Die Territorien
des Binnenlandes aber nehmen einen ganz anderen Entwick
lungsgang. Für sie giebt es bald kaum noch allgemeine Welt—
händel, soweit diese sich nicht mit Reichssachen verknüpfen;
sie vertragen alles andere, als die Anerkennung geistiger
Elastizität und sozialen Fortschritts; sie freuen sich eines
trägen, faulen Friedens — bis die aus den großen Jahren
der Reformation her aufgespeicherten Gärungsstoffe, trotz aller
Zersetzung durch das Einwirken der Gegenreformation, endlich
doch noch entzündet in der furchtbaren Flamme des dreißig—
jährigen Krieges emporschlagen.

—A
Geschichte im Zeitraum des nächsten Jahrhunderts einheitlich
zu überschauen; in seinen zwei Strömungen, der niederländischen
und der gemeindeutschen, muß er gesondert betrachtet werden.

Die Niederlande hatten sich schon seit dem 12. Jahr—
hundert von den Bahnen zu entfernen begonnen, die die Ent—
wicklung im centralen Deutschland eingeschlagen hatte. Immer
mehr hatten auf ihrem Boden Handel und Gewerbe überwogen.
Vom Süden war schon im 14. und 15 Jahrhundert bekannt.
darauf genauer einzugehen, sobald die Wirkungen der besonderen schweize—
rischen Entwicklung für die Gesamtentfaltung des deutschen Wesens von
Wichtigkeit werden.
        <pb n="204" />
        546 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
daß er sich nicht mehr aus den Erträgen heimischen Ackerbaus
zu ernähren vermochte; später, nach der Mitte des 16. Jahr—
hunderts, hat dann die Statthalterin Margaretha von Parma
geklagt, daß die heimischen Erzeugnisse kaum für ein Viertel
des Jahres genügten; Frankreich müsse den Wein, England das
Bier, die baltischen Küstengebiete das Getreide liefern. Und
auch im Norden, der während des Mittelalters minder
kultiviert war, zählte die Bevölkerung der Provinz Holland
doch bereits im Jahre 1514 unter 400 000 Seelen insgesamt
190 000, die in Städten lebten!.

So war es begreiflich, daß mit der städtischen Kultur auch
die politische Bedeutung der Städte überwog. Im Süden gab
es schon während des Mittelalters neben den Stadtstaaten eigent—
lich keine großen Vasallen mehr?; die vorhandenen Markgraf—
schaften, Grafschaften und Herrschaften waren klein, wenn auch
noch Sitze eines nicht unbedeutenden Adels. Und auch nördlich
des Deltas, wo die städtische Entwicklung anfangs etwas zurück⸗
geblieben war, hielten sich'immerhin schon im 14. Jahrhundert
Bürgertum und Adel die Wage?s. Seitdem aber hatte die
Stellung des Adels sich keineswegs gebessert. Seine niedrigeren
Stufen waren lange Zeit hindurch fast völlig untergetaucht vor
dem Glanze des städtischen Patriziats, der Poorters im Süden, der
Vroedschappen im Norden. Der hohe Adel aber hielt zwar mit den
Standesgenossen des centralen Deutschlands enge Fühlung und
wahrte dadurch seine Ebenbürtigkeit — so hat noch später Hoorne
eine Gräfin von Neuenahr, Egmont eine Schwägerin Kurfürft
Friedrichs III. von der Pfalz, Oranien eine Tochter Kurfürst Mo—
ritzens von Sachsen geheiratet —, aber er ruinierte sich im Staats—
dienst der Heimat. Und doch konnte er diesen nicht aufgeben,
seitdem die Herrscher Burgunds das Land mit gering dotierten
Statthaltereien ausgestattet hatten, deren Verwaltung fast allein
noch Einfluß, militärisch-aktiven Charakter und hoheitliche
Funktionen im Lande verlieh. So lebten denn gerade die
Fruin, Eene hollandsche stad 2, S. 2.
2 S. Band IV S. 454.
s S. Band IV S. 136.
        <pb n="205" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 547
führenden Kreise des Adels ebenso glanzvoll als verschuldet
— Oranien hatte später nach Außerungen Granvellas mehr als
900 000 Gulden Schulden, während seine Jahreseinnahme
kaum 25000 Gulden betrug —, und es konnte kein Zweifel
—

Aber längst schon, bevor sie den Adel in die Kreise ihres
Regimentes zu ziehen begonnen, hatten die burgundischen
Herrscher auch die Städte sich stärker zu unterwerfen gesucht;
bereits im 15. Jahrhundert hatten sie deren Autonomie an—
gegriffen!; und im 16. Jahrhundert gingen Karls V. Versuche
selbstherrlicher Regierung eben von diesem, freilich wesent—
lichstem Punkte aus; wie er 15819 den Zünften von Mecheln die
Wahl ihrer Schöffen nahm und neben verwandten Maßregeln
im Jahre 1521 den Brüsseler Schöffen jeden Einfluß auf die
städtischen Finanzen bestritt, so kam ihm schon 1522 der Ge—
danke, zur tiefsten Erschütterung der bürgerlichen Selbständig—
keit spanisches Kriegsvolk in die großen Städte zu legen. Es
waren Maßregeln und Pläne, die man mit Murren aufnahm,
und die nur deshalb nicht schärferen Widerstand fanden, weil
sie vereinzelt auftraten und Karl als geborener Niederländer
beliebt war.

Karl aber ging weiter. Suchte er das Niveau der ört—
lichen Ansprüche auf politische Mitherrschaft herabzudrücken, so
konnte dies Bestreben nur Erfolg haben, wenn für die allge—
meine Landesherrschaft zugleich das Werkzeug einer einschneiden⸗
den centralen Verwaltung geschaffen ward. Ein Erlaß vom
1. Oktober 1531 änderte demgemäß den Regierungsapparat.
An Stelle der bisher gering differenzierten Centralverwaltung
traten drei Kollegien, der Staatsrat als politisches Ministerium,
der Geheime Rat, wesentlich als Justizministerium, und der
Finanzrat; es war eine Ausstattung, deren Intensität den Ver—
waltungsbedürfnissen des Landes bis zum Ende des 18. Jahr—
hunderts genügt hat. Zugleich war es damit möglich geworden,
die Gerichtsverfassung in den 17 verschiedenen Provinzen des

S. Band IV S. 454.
        <pb n="206" />
        548 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Landes einheitlich umzugestalten; ein außerordentlicher Schritt
zur Herstellung des Einheitsstaates stand in Aussicht, wie ihn
die Herzöge des 15. Jahrhunderts vergebens erstrebt hatten.
Und Karl that ihn. Unter dem Geheimen Rat erhielt jede
Provinz, mit Ausnahme Gelderns und Overijssels, ein höchstes
Provinzialgericht; in der Ausübung der vornehmsten Pflichten
des Staatslebens herrschte damit ein Zug und ein oberster
Wille.

Adel und Bürgertum aber, ja auch der Klerus, begleiteten
diese Bestrebungen des Souveräns mit geteilten Gefühlen.
Würde nicht unter ihnen jene Einheit des Landes Schaden
leiden, die sie selbst allmählich, unter ängstlicher Schonung der
Sonderstellung des Einzelnen, zu schaffen bestrebt gewesen
waren?

Aus zwanzig einzelnen Territorien sehr verschiedenen
Charakters waren die Niederlande zusammengeschweißt worden.
Jedes dieser einzelnen Territorien hatte nach deutschem Ver⸗
fassungsrecht seine Stände besessen, bald mit, bald ohne Teil⸗
nahme des Klerus, in den meisten Fällen unter starker Be⸗
tonung der Städte. Und keiner dieser Stände oder Staaten,
wie man sie in den Niederlanden nannte, war bei der Ver—
einigung der Länder unter einen Herrscher zu Grunde ge⸗
gangen. Im Gegenteil, da sie bei der Kleinheit der Territorien
nur aus einer geringen Anzahl von Mitgliedern bestanden, so
hatten sie allmählich Verwaltungsfunktionen an sich gezogen,
waren neben dem Fürsten und dessen Statthalter zu halben
kollegialischen Regierungsbehörden autonomen Rechts erwachsen.
Mußte es da nicht nahe liegen, aus diesen Staaten der
einzelnen Provinzen durch Zusammentritt Delegierter eine
gemeinsame Vertretung des ganzen Landes, Generalstaaten,
im Sinne eines autonomen Vertretungs⸗ und Verwaltungs⸗
körpers neben dem Herrscher zu schaffen? Die Herzöge des
15. Jahrhunderts waren seit 1465, mit steigender Finanz⸗
not, diesen Bestrebungen entgegengekommen; mindestens zur
Bewilligung und Verwaltung von Steuern hatten sie General—
staaten berufen. Doch schien es nun, als sollte diese Ent—
        <pb n="207" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 549
wicklung zu gunsten stärkerer Entfaltung der monarchischen Central⸗
gewalt wieder unterbunden werden — und das, obgleich die
Finanzlage Karls zumeist die kläglichste von der Welt war, und
obgleich die Niederlande auf alle Weise zu ihrer Besserung,
wie sie nur durch ständische Bewilligung erfolgen konnte, heran—
gezogen wurden. Ernste Bedenken erhoben sich gegen diesen
Lauf der Dinge, sowohl innerhalb der ständischen Vertretungen,
wie bei den Statthaltern der Provinzen, die meist zugleich dem
standesberechtigten Adel angehörten: autonome wie administra⸗—
tive Kräfte schienen in gleicher Weise einer ungewissen Zukunft
entgegenzutreiben.

Und damit noch nicht genug. Zu allen Schwierigkeiten
der sozialen und politischen Lage war schon früh der Drang
religiöser Bewegungen gekommen. Wie rasch hatte die Lutherie
in den Niederlanden Fuß gefaßt; auf belgischem Boden starben
die ersten Märtyrer des neuen Glaubens!. Dann hatten sich
die Reste der Widertäufer in dies Land der großen Städte,
differenziertester sozialer Bewegung und geistig besonders offenen
Fortschritts geflüchtet?. Das mennonitische Märtyrerbuch „Die
Opfer des Herrn“, eine Sammlung von Bekenntnissen, Briefen
und Testamenten von „Schlachtlämmern Christi“, dankt nieder⸗
ländischer Bedrängnis seine Entstehung. Und über diese
—DD
weit bedenklichere Konfession, als irgend eine der früheren: der
Calvinismus.

Calvin, im Jahre 1509 zu Noyon in der Picardie geboren,
eine echt französische, vornehme, zum klaren Leiten anderer
geborene Natur, juristisch und humanistisch gründlich gebildet,
war im Jahre 1585 den Protestanten von Paris näher ge—
treten; und aus dem Bekehrten, der ihnen genaht war, war
bald ihr Beherrscher geworden. Von Paris verjagt, flüchtig
in verschiedenen Exilen der Schweiz und Italiens lebend, hatte
er sich schließlich an Genf gefesselt gefunden und hatte nun

1 S. oben S. 279, 285.
2 S. oben S. 355.
        <pb n="208" />
        550 Sechzehntes Buch. Zweites NKapitel.
hier seine Idee eines evangelischen Gottesstaates verwirklicht,
unbeugsam, in starrer Feindschaft gegen den Papismus, in
Kampf mit Fleisch und Blut seiner Anhänger, ohne Umschauen
und ohne Duldung, bis das ihm vorschwebende Ziel erreicht
schien.

Und schon früh hatte er, im Jahre 1535, sein Institutio
christianas religionis, ein Programm gleichsam späteren Han⸗
delns, erscheinen lassen. Wie er in ihrer Diktion die Sprache gewalt⸗
sam gemeistert hat, so unterwarf er in ihrem Inhalt die Gedanken
Zwinglis seiner klärenden, reinigenden, freilich auch verflachenden
Herrschaft. Von den großen Elementen des Zwinglischen
Systems wurde abgestreift, was gefühlstief einen künftigen
Panentheismus allzu klärlich andeutete; in den Vordergrund
traten dafür die großen religiösen Themata vom absoluten
Machtwirken Gottes, von der Gnadenwahl und von der Ein—
wohnung Gottes in seiner Gemeinde als einem Körper der Er—
wählten. Es waren Motive, welche die Anhänger Calvins
mit dem äußersten Fanatismus religiösen Handelns, namentlich
auch auf dem Wege der Propaganda, zu erfüllen geeignet
schienen: da sie sich nicht mehr selbst gehörten, sondern in der
Gnadenwahl teil geworden waren des Herrn, so kannten sie nur
den einen Zweck, in unermeßlicher Hebung des Selbstgefühls
Gottes Zwecke, die Zwecke eines eifernden Gottes alttesta⸗
mentlichen Charakters zu erfüllen.

Nun fand allerdings weder die Genfer Kirche, die savoische
Gesandte vor Papst Sixtus V. einmal eine caverna dei furie in-
fernali, ein asilo e refugio del diavolo genannt haben, auf
niederländischem Boden unmittelbare Nachahmung, noch auch
entsprach die Lehre von der absoluten Vorherbestimmung dem
germanischen Genius. Immerhin aber setzten sich mit der Ein—
wanderung von Anhängern Calvins, namentlich mit der Ankunft
fanatischer Vertriebener, einzelne Keime der neuen Lehre früh
genug fest, und ein Geist feindseligeren Vorgehens gegen das
Bestehende überkam die von ihnen beeinflußten Lande.

Und diese Feindschaft erhielt alsbald auch politischen
Charakter. Das Luthertum hatte sich jeder Obrigkeit passiv
        <pb n="209" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 55)
zu fügen bereit erklärt, die Wiedertäufer waren staatlich in—
different gewesen, ehe man ihnen durch Folterqualen wahnwitzige
Projekte eines religiösen Kommunismus einimpfte: der Calvinis—
mus dagegen zeigte von vornherein die Absicht, isich auch staatlicher
Interessen anzunehmen. Wie sehr seine Anhänger auch im
Frommleben aufzugehen strebten, immer lockte sie doch das
Ideal eines freien, im Grunde republikanisch gedachten Gottes—
staats.

Wie hätte da Karl V—., der eifrige Ketzerverfolger, nicht
—DD0
längst schon vor ihrer Zeit waren die Ketzergerichte in den
Niederlanden organisiert worden.

Während Utrecht und Antwerpen im Mai und Juli 1521
die Verbrennung lutherischer Schriften sahen, erschien das erste
jener Religionsedikte, deren Summe dann in dem berüchtigten,
wenn auch in gewissem Sinne mildernden Plakat vom 25. Sep⸗
tember 1550 zusammengefaßt ward. Es verdammte mit seinen
Nachfolgern jede Art der Ketzerei bei Strafe der Enthauptung
für Männer, des Lebendigbegrabens für Frauen, der Ver—
brennung für besonders Hartnäckige, und es unterwarf diesen
Strafen nicht bloß die Andersgläubigen, sondern auch deren
Helfershelfer, Herberger und Freunde. Es war eine Fackel des
Zorns, die jedem leuchten konnte, und zu ihrem Träger ward
schon am 28. April 1522 ein besonderer Inquisitor mit unbe—
schränkter Gewalt ernannt?. Dem folgte bald die Einsetzung
eines Inquisitionstribunals, das für die bessere Durchführung
seiner Zwecke in Beziehung zu den weltlichen Gerichten gesetzt
ward. Es waren äußerlich erfolgreiche Neuerungen; allein in
Holland und Friesland sind bis zum Jahre 1546 mehr als
3000 Menschen wegen Ketzerei justifiziert worden.

Im Grunde aber halfen sie nichts. Vergebens zog man
noch andere Mittel geistiger Bevormundung hinzu, Censur,
Index, Aussonderung der Niederlande aus den milderen Ge—
1S. M. Ritter, Deutsche Geschichte 1 S. 322328.
2 S. hierzu und zum Obigen Fredericq, De Nederlanden onder
Keizer Karel S. 1, 29, 88, 137.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. V. 2.
        <pb n="210" />
        552 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
setzesbestimmungen des übrigen Deutschlands; vergebens suchte
man an der Universität Löwen ein besonderes katholisches
Geistesleben zu wecken und ließ jeden Studenten eidlich erklären,
daß er dem Glauben der Väter treu bleiben werde; das Volk
verharrte in ketzerischen Neigungen, und verstohlen glomm
überall der Funke des Protestantismus.

So kam zum politischen und sozialen Unbehagen für
jeden im Lande, mochte er Neuerungen geneigt oder alt—
gläubig sein, auch das geistige, religiöse; in tausend alte
Lebensnormen, Familienzusammenhänge, Berechtigungen schoben
sich die rauhen Anforderungen und Strafen des monarchischen
Staats: die Bevölkerung schien reif für eine Revolution, als
sie ihr langiähriger Herrscher Karl im Jahre 15386 auf Nimmer—
wiedersehen verließ.
II.

War Karls Sohn und Nachfolger Philipp, der noch bis
zum Jahre 1559 in den Niederlanden blieb, um von hier aus
einen siegreichen Krieg gegen Frankreich zu führen, geeignet,
das drohende Wetter abzuwenden? Der Vater hatte als
Landsmann gegolten; er hatte zumeist mit Niederländern regiert,
und man hatte ihn wohl leutselig mit den Bürgern irgend
einer Großstadt nach dem Papagei schießen sehen. Der Sohn
war zurückhaltend, ja ängstlich und menschenscheu, ein Mann
des Bureaus und der Feder, unendlich mißtrauisch und un⸗
endlich gewissenhaft und doch nicht in der Lage, vom Schreib⸗
stuhl aus das wahre Antlitz der Dinge zu erkennen, dabei
bureaukratisch langsam im Entschluß, umgeben von verhaßten
Spaniern, dem Typus nach alles andere als ein Niederländer.
Und bei seiner Thronbesteigung zerrissen jene uralten Zu—
sammenhänge des Landes mit der Gesamtnation und dem
Reiche, die wenigstens in der Person des kaiserlichen Vaters
noch immer gewahrt gewesen waren: nachdem Philipps Pläne,
England seinen Reichen einzuverleiben, durch den Tod der
katholischen Königin Maria vereitelt worden waren, war das
Land nichts als eine abgeschieden liegende Dependenz Spaniens.
        <pb n="211" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 553
Schon dies allein hätte im Laufe der Jahre die ganze Lage
ändern müssen: wie konnten die im lebendigsten Treiben des
Welthandels stehenden Provinzen vom stillen Escurial aus
regiert werden?

Der König freilich glaubte, es werde genügen, die alte
Regierungsweise Karls aufrecht zu erhalten, um das Land zu
beherrschen. Er blieb bei ihr, suchte sie höchstens, übrigens in
allem Wohlwollen, weiter zu bilden.

Anders aber sahen die Niederländer die Dinge. Der
Krieg mit Frankreich hatte zwar zu den glänzenden Waffen—
thaten des niederländischen Adels bei St. Quentin und
Gravelingen, in denen Egmont der Held des Tages war, ge—
führt, aber seine Folgen lasteten auf dem Lande. Zahlreiche
Dörfer waren verwüstet, dazu brachte das Jahr 1557 Mißernte,
Hungersnot und Pest; nach dreißig Jahren kaum glaubte man
die Herstellung des alten blühenden Zustandes wieder erwarten
zu dürfen. Und als schwerstes Überbleibsel der Kriegsnöte
hatten sich fremde Truppen im Lande eingenistet: es schien,
als sollten auf diese Art alte Drohungen Karls V. gegen die
Selbständigkeit der Städte verwirklicht werden. Nun versprach
zwar Philipp, das spanische Fußvolk wieder aus dem Lande
zu ziehen, obgleich er es neben der berühmten einheimischen
Kavallerie, den von niederländischen Adligen befehligten
Ordonnanzbanden, zum Schutze gegen Frankreich für notwendig
erklärte; aber trotz des am 30. Dezember 1559 ausgefertigten
Abberufungpatents blieben die Völker dennoch bis zum
10. Januar 1561 im Lande.

Und wie sollten gar die Schädigungen im Landeshaushalt
beseitigt werden, die jetzt neben der ewigen Finanznot der
spanischen Herrscher der Krieg doppelt veranlaßt hatte! 8war
die Niederländer hielten Spanien für äußerst ergiebig und
—BDD——
materielle Forderungen stellen könne, indes er selbst wohl
sorgenvoll und schlaflos ein Defizit von 9 Millionen Dukaten
jährlich herausrechnete. Aber die niederländische Regierung
mußte handeln. Obgleich der Handel infolge der Feind—

36 *
        <pb n="212" />
        554 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
schaft Frankreichs, wie aus Anlaß der glänzend emporstrebenden
Wirtschaftspolitik Elisabeths von England zurückging, wuchs
die finanzielle Belastung. Man versuchte es mit Monopoli⸗
sierung des Salzhandels; es kam zu dem Wagnis einer direkten
Besteuerung der Immobilien mit J, der Mobilien mit 20/0; schon
wurde minderwertig ausgemünzt. Damit ging Amterverkauf
Hand in Hand, und als neue Steuern und Subsidien nicht
mehr leicht bewilligt wurden, machte man Schulden auf noch
zu bewilligende. Während die Lande sich immer mehr zu
Gunsten Spaniens ausgebeutet glaubten, hatte man schließlich
in den Centralkassen kaum noch einen Heller; es kam vor, daß
die Kuriere nach Spanien nicht bezahlt werden konnten; und
später, im Januar 1564, konnte man in Madrid anfragen, ob
die Galeerensklaven entlassen oder hingerichtet werden sollten;
nähren könne man sie jedenfalls nicht mehr.

Und trotz alles dieses Verfalls dennoch die alte Hartnäckig—
keit gegenüber dem wichtigsten geistigen Bedürfnis des Landes,
gegenüber dem Protestantismus! Noch kurz vor seiner Abreise
hatte Philipp dem Lande wie der Regierung die besonderen
katholischen Pflichten ans Herz gelegt. Und demgemäß wurde
verfahren. Wohin man fühlte, merkte man das Wirken der
Inquisition. Und weitere positive Maßregeln zu Gunsten des
Katholizismus traten zur Seite. Es schien nicht mehr zu
genügen, daß Löwen die Kinder des Landes, die sich den
Wissenschaften widmeten, katholisch erzog; für die französisch
sprechenden Landsleute, die bisher vielfach nach dem ketzerisch
verseuchten Frankreich gezogen waren, wurde eine zweite rein⸗
gläubige Universität in Douai errichtet.

Vor allem aber wurde die Zahl der Bistümer vermehrt.
Nun war der Gedanke, die Niederlande, in denen es bisher
nur drei Bistümer, Arras, Tournai und Utrecht, gab, mit
einer stärkeren Hierarchie auszustatten, alt; schon Karl der
Kühne hatte ihn gehabt. Er war auch zweifellos berechtigt!:
umfaßte doch die Diöcese Utrecht allein etwa 1100 Kirchen

Val. dazu Band III S. 307.
        <pb n="213" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 555
und mehr als 200 Städte. Wie hätte ein Bischof seinen
Pflichten bei solcher Ausdehnung seines Sprengels eingehend
genügen können! Zudem griffen eine Fülle fremder Bistümer
in das Land ein, so die vier westfälischen Bistümer, Köln,
Trier, Lüttich, Rheims, Cambray, Verdun, Metz und das ehe—
malige Bistum Thérouanne: in der Provinz Luxemburg allein
vollzogen die Hirten von sechs fremden Diöceesen geistliche
Handlungen. Aber die Durchführung des alten Planes, wie
sie jetzt, aufs heimlichste von Philipp vorbereitet, zu Tage
trat, erregte gleichwohl einen Sturm der Entrüstung. Statt
dreier Bistümer erhielt man achtzehn, darunter drei Erzbistümer
zu Mecheln, Cambray und Utrecht! Das war des Guten zu
viel; und deutlich schaute aus der Umstrickung des Landes
mit einem so ausgedehnten geistlichen Apparat der Plan her—
vor, die kirchliche Aufsicht bis zu dem Grade intensiv zu ge—
stalten, daß für die verhaßte Ketzerei keinerlei Schlupfwinkel
mehr übrig bleibe. Sollten doch in jedem neuen Kathedral—
kapitel zwei unter den angeordneten neuen Domherren aus⸗
drücklich als Inquisitoren thätig sein.

So wuchs die religiöse Erregung im Lande von Tag zu
Tag, vor allem in den unteren und mittleren Schichten — in
denselben Kreisen, die durch die neuen Geldbedürfnisse der
Regierung finanziell getroffen wurden; der revolutionäre Reson—
nanzboden für jede kühne That der führenden Schichten war
gebildet.

Und schon hatten sich im hohen Adel des Landes Männer
gefunden, die für sich und das Land eintraten.

Als Philipp die Niederlande verließ, stellte er sie unter
die Statthalterschaft Margaretens von Parma, seiner Halb—
schwester. Margaretha war nicht ohne Geist, dazu besaß sie
die habsburgische Entschlußzähigkeit; in schweren Zeiten stand
sie ihren Mann, nicht umsonst trug ihre Oberlippe starke
Spuren eines Bärtchens. Margareten zur Seite traten nun
die drei von Karl V. begründeten Kollegien der Centralver—
waltung, vor allem der Staatsrat und der Geheime Rat.
Verbunden wurden diese beiden durch die gemeinsame Präsident—
        <pb n="214" />
        556 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
schaft des Friesen Viglins; in der Kombination seiner Ämter
hätte daher die Regierung des Landes ihren Drehpunkt finden
müssen. Allein Viglius war zwar gelehrt und unterrichtet,
aber keineswegs ein Charakter. Und so fiel die politische
Leitung und damit vor allem das Übergewicht im Staatsrat
einem andern zu, dem Burgunder Anton Perrenot von
Granvelle. Granvelle war schon ein bewährter Staatsmann
Karls V. gewesen; aus niederen Kreisen emporgestiegen, wohl⸗
lebig und kunstliebend, konnte er Beachtung um so eher bean—
spruchen, als es bekannt war, daß er mit Philipp hinter dem
Rücken der Statthalterin in einem jener geheimen Briefwechsel
stand, die Philipp für nötig hielt, um amtlich kontrollierte
Organe nochmals außerordentlich zu beaufsichtigen.

Selbstverständlich aber, daß eine so heikle Stellung ihn
gleichzeitig seinen Amtsgenossen wie der Regentin verdächtig
machen mußte. Und wie mußte ein solcher Argwohn Fuß
fassen, wenn sich unter den Mitgliedern des Staatsrats nicht
bloß reine Vertreter der Regierung befanden, sondern auch
Niederländer hoher Geburt, die ihre Thätigkeit nicht minder im
Sinne des Landes, wie zum Vorteil des Königs glaubten
auffassen zu müssen. Solcher Mitglieder aber gab es vornehm⸗
lich drei: den Grafen Egmont, den Grafen Hoorne und den Prinzen
von Oranien. Von ihnen sonnte sich Egmont im Ruhme seiner
Waffenthaten bei St. Quentin und Gravelingen, im übrigen
flatterhaft, ungebildet und äußeren Einflüssen zugänglich; war
Hoorne durch die Behandlung, die er als Generalintendant der
Niederlande bis zum Jahre 1561 in Madrid erfahren, für
immer beleidigt, ein Mann geringer Auffassungsgabe, kaum ein
Durchschnittsvertreter seines Standes: der Bedeutende von ihnen
war Wilhelm von Oranien.

Mit dem Prinzen Wilhelm geht der Zweig des Hauses
Nassau, der durch Beerbung der nassau⸗niederländischen Linie
mächtig geworden, unter anderem in den Besitz des kleinen
Fürstentums Orange in Südfrankreich gelangt war, seiner welt—
geschichtlichen Bestimmung entgegen: länger als ein Jahr⸗
hundert hindurch ist ihm kein mittelmäßiger Kopf entsprossen.
        <pb n="215" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 557
Wilhelm selbst, damals jugendfrisch, im Jahre 1560 sieben—
undzwanzigjährig, galt schon als ein tapferer Heerführer aus
der Schule Karls V.; bald sollte er sich auch als macchiavel—
listischer Diplomat gleicher Schule glänzend bewähren. Religiös
fühlte er in diesen Jahren noch nach Bedürfnis mit jeder Partei,
anscheinend durch keinerlei innere Erfahrungen geistig gefestigt;
als Gesellschafter war er beliebt und durch ein luxuriöses
Leben, wie es die Stellung eines Mitgliedes des hohen Adels
zu fordern schien, im Ansehen zweifelhafter Berühmtheit;
adelsstolz blickte er auf die Habsburger als ein Geschlecht von
Emporkömmlingen herab; und seiner leidenschaftlichen, in Plan
und Absicht unergründlich tiefen, in den Mitteln beinahe wahl—
losen Natur traute man früh die weitgehendsten Unterneh—
mungen zu.

Wie hätten nun diese Adligen ruhig neben Granvelle
wirken sollen, der für sie ein Plebejer blieb, selbst nachdem er
Erzbischof von Mecheln geworden war? Schon früher einmal,
im November 1555, hatte sich Egmont geweigert, im Staatsrat
zu dienen: das hieße sich in seinen Kreisen unbeliebt machen;
zudem würde er schlechte, aber durch Mehrheit beschlossene oder
gar von oben her vorgeschriebene Maßregeln vor dem ganzen
Lande mit seinem Namen zu decken haben. Sehr begreiflich
also, daß der Adel, nun er einmal in den Staatsrat einge—
treten war, auch wirklich regieren wollte.

Und doch sah er sich bald jede Möglichkeit hierzu ver—
schlossen. Granvelles Einfluß beim König stieg; Staatsrat
und Statthalterin wurden machtlos. Und mehr. Oranien
war Statthalter von Holland, Seeland und Utrecht, Egmont
von Flandern und vom Artois; als solche zählten sie, wie
ihre edlen Mitstatthalter in den übrigen Provinzen, unter
ihre wichtigsten Obliegenheiten das Recht, zahlreiche Beamte zu
ernennen. Das war Granvelle längst ein Dorn im Auge, und
so erlebte er es, daß für die Ernennung der wichtigeren Be—
amten ein besonderer Rat unmittelbar unter der Statthalterin,
eine spanische Consulta, eingesetzt ward, nach deren Organisation
ihm persönlich fast aller Einfluß ausschließlich zufiel. Es war
        <pb n="216" />
        558 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
zur selben Zeit etwa, da ihm mit der Neuordnung der nieder—
ländischen Kirche die Nomination von achtzehn Bischöfen namens
des Königs zufiel: es schien, als wollte er allein über die großen
amtlichen Würden des Landes, die alte Domäne des Adels,
verfügen. Genug, um ihn, den bald persönlich Verhaßten, für
die höchsten Kreise des Landes auch sachlich unerträglich er—
scheinen zu lassen.

Mit der Einführung der neuen Hierarchie aber verband
Granvelle zugleich noch weitere Pläne. In den Ständen des
Landes, wie sie sogar Philipp während seiner Anwesenheit im
Jahre 1558, in richtiger Würdigung ihrer finanziellen Leistungen,
zu einer Generalstaatensitzung berufen hatte, befanden sich viele
oppositionelle Elemente. Und zu diesen gehörten nicht zum
geringsten die Äbte der reichen Klöster; sie bewegten sich fast
durchweg im Schlepptau des hohen Adels. Jetzt nun, bei der
Frage nach der Dotierung der neuen Bistümer, zu deren
Lösung Philipp eine besondere Kommission, natürlich unter
Granvelles Vorsitz, berufen hatte, schien sich die Möglichkeit
zur Unterdrückung dieser Opposition zu bieten. Wie, wenn
man die neuen Bischofswürden teilweis mit den Abtswürden
der fettesten Klöster unierte? Dann war die Dotation für die
Bistümer beschafft und die Opposition der Äbte beseitigt; ja
da der Regierung das Nominierungsrecht der Bischöfe zustand,
so war zugleich für ein neues ergebenes geistliches Element in
den Ständen gesorgt. Granvelle glaubte in diesem Sinne
handeln zu dürfen; auf der Grundlage entsprechender Vorschläge
hin ernannte Papst Pius IV. am 10. März 1561 elf nieder—
ländische Bischöfe und Erzbischöfe, darunter Granvelle selbst.

Aber Granvelle hatte sich in der Annahme getäuscht, daß
die Stände diesen Schritt ruhig ertragen würden. In Brabant,
der unruhigsten aller Provinzen, hatte man allein drei Bischofs⸗
sitze auf alte Abteien zu fundieren versucht: alsbald nach—
dem der Plan bekannt geworden war, hatte sich hiergegen
Widerstand erhoben. Jetzt nun erreichte die Opposition durch
Androhung der Steuerverweigerung in der That, daß Granvelle
sich mit einer Beisteuer der Klöster zur Fundierung der neuen
Bistümer begnügte, im übrigen aber die alten Zustände erhalten
        <pb n="217" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 559
blieben. Es war ein offenbarer Sieg des Landes über die
fremde Regierung.

Und schon gesellte sich dazu ein zweiter über Philipp selber.

In Frankreich war der Protestantismus als ein Kind vornehm⸗
lich der calvinischen Bewegung emporgekommen. So besaß er als—
bald die innigste Verwandtschaft mit dem niederländischen Prote—
stantismus, ja wurde diesem wesensgleich, je mehr der Calvinis—
mus hier siegte. Nun war aber in den letzten Jahren eine
festere Organisation des französischen Protestantismus einge⸗
treten. Seit 1560 hatten adlige Parteihäupter, Coligny, der
König Anton von Navarra und bald für diesen sein Bruder,
der Prinz Ludwig von Conds, seine politische Vertretung über⸗
nommen. Die Folge war, nachdem protestantischer Adel
und protestantisches Bürgertum in Bündnis miteinander ge⸗
treten waren, der erste Religionskrieg des Jahres 1662. In
diesen energisch einzutreten, durch Erhöhung und Sieg des
französischen Katholizismus seinen Glauben zu schützen, Navarra
zu erobern und die Niederlande vor dem Ketzertum zu bewahren
sowie seiner Krone und dem Katholizismus wieder näher zu
bringen, war nun eine der großen Herzensangelegenheiten König
Philipps.

Aber davon wollte man in den führenden Schichten der
Niederlande nichts wissen. Mit dem Deutschen Reiche müsse
man es halten gegen Frankreich; das sei altererbte politische
Weisheit; fast unverhüllt zeigten sich Sympathien für die
Hugenotten. Es waren Ansichten, die seitens der nieder—
ländischen Mitglieder im Staatsrat mit solcher Energie ver—
treten wurden, daß die Statthalterin gar nicht daran denken
konnte, nach dem Wunsche Philipps die Ordonnanzbanden und
etwa gar noch deutsche Landsknechte in niederländischem Sold
über die französische Grenze in Bewegung zu setzen.

Und weiter noch als der Staatsrat ging Oranien. Zum
erstenmal begann er die Grundzüge eines ganz anderen, auf
Verbindungen innerhalb des Deutschen Reiches gestützten
politischen Systems dem des spanischen Königs gegenüber—
zustellen. August 1561 hatte er sich, sehr zum Verdruß Gran—⸗
velles und Philipps, mit Anna von Sachsen, der Schwester
        <pb n="218" />
        560 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
des sächsischen Kurfürsten August, vermählt; damit war ihm
der Zugang zu den intimeren politischen Kreisen des Reiches er—
öffnet worden. Und schon im Jahre 1562, gelegentlich der
Wahl Maximilians II. zum römischen König, nutzte er diese
Lage. Er erschien gegen den Wunsch der niederländischen Re—
gierung als deutscher Reichsstand auf dem Kurfürstentag zu
Frankfurt und schloß Verbindungen genauen Verkehrs mit den
Fürsten des Nordwestens, mit Hessen und Sachsen.

Inzwischen aber hatten in Frankreich die Hugenotten ge—
waltige Fortschritte gemacht, und im März 15683 sahen sich
ihre Gegner zur Anerkennung des Edikts von Amboise ge—
zwungen, das das Recht freier Religionsübung verbürgte, ohne
daß die Hugenotten gezwungen waren, sich als kirchliche und
politische Partei aufzulösen; erhielt doch ihr Führer, Ludwig
von Condé, sogar die langersehnte Statthalterschaft in der
Picardie, in der Nachbarschaft Flanderns. Sollte da Oranien
nicht auch hier anknüpfen? Im Jahre 1564 führen deutliche
Spuren aus dem Lager der Hugenotten in die Schlösser des
Vrinzen.

So waren die Linien einer großen französisch-niederländisch—
deutsch-⸗protestantischen Zukunftspolitik gezogen, die ganz im
Gegensatz zu den Absichten Philipps stand; und da, wo diese
Absichten in unmittelbaren Widerstreit zu den Anschauungen
Oraniens traten, waren sie gescheitert. Die Zeit zu einem all—
gemeinen Ansturm gegen das spanische Regiment in den Nieder—
landen, wie es sich in Philipps treuestem Diener, ja teilweis
dem Beherrscher seiner Gedanken, in Granvelle. verkörperte,
schien damit herbeigekommen.

Schon längst, seit April etwa des Jahres 1561, waren
persönliche Zwistigkeiten zwischen Granvelle und Oranien
wie andern Häuptern des Adels ausgebrochen; es war ein Jahr
etwa nach der Zeit, da der englische Gesandte nach London be—
richtet hatte: „Der Bischof beherrscht die Regentin und den
Rat.“ Und seitdem war der Haß gegen Granvelle höher
gestiegen und in noch weitere Kreise gedrungen. Zum Ausdruck
gelangte das im Mai 1562, in eben jenen Tagen, da man
        <pb n="219" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 561
im Staatsrat über den etwaigen Einmarsch niederländischer
Truppen in Frankreich beriet, wozu, als zu einer besonders
wichtigen Beschlußfassung, nach altem Brauch außer den Mit—
gliedern des Staatsrats auch die Ritter des goldenen Vließes
und damit die bedeutendsten Vertreter der Aristokratie des Landes
überhaupt berufen worden waren. Hier wurde die Ansicht laut,
solle es anders werden im Lande, sollten die außergesetz⸗
lichen Einflüsse, die sich geltend machten, verschwinden, so sei
vor allem die Einberufung der Generalstaaten nötig. Es
war, als habe ein Blitz die verworrene Lage erhellt. Die
Forderung, die sich Oranien alsbald zu eigen machte, ist nicht
wieder verklungen.

Granvelle aber widersprach ihr. Er sah die Folgen
voraus: Zulassung des Protestantismus, Verlust der monar⸗
chischen Obmacht. Aber indem er widersprach, richteten sich die
Angriffe des Adels nun unmittelbar gegen seine Person: er
solle gehen. Im März des Jahres 1568 war man so weit,
daß die wichtigsten Mitglieder des Staatsrats, Oranien, Eg⸗
mont und Hoorne, dem König offen die Bitte aussprachen,
Granvelle zu entlassen. Und als sie nicht erhört ward, da
erweiterten sie im Juli 1563 im Verein mit den Provinzialstatt⸗
haltern und den Vließrittern das Gesuch zu dem Verlangen,
Granvelle solle entlassen und die Generalstaaten sollten ein⸗
berufen werden — andernfalls werde man sich vom Staatsrate
fern halten.

In der That war schon seit März 1568 niemand mehr
im Staatsrate erschienen, der damit auf die Consulta, d. h.
im Grunde auf Granvelle, beschränkt blieb; zugleich wurde
die Haltung der Provinzialstatthalter zweifelhaft. und kühn
die der Stände.

Knirschend, überzeugt von dem hochverräterischen Charakter
der Handlungen Oraniens und seiner Gesinnungsverwandten,
doch nicht minder klar über seine augenblickliche Ohnmacht, gab
Philipp nach. Im März 1564 verließ Granvelle die Nieder—
lande.
        <pb n="220" />
        562 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.

III.

Inzwischen hatte die Aufregung in den Tiefen zugenommen.
Vor allem die religiöse. Hier bot die Durchführung der neuen
hierarchischen Ordnung dauernden Anlaß zu übertriebenen Ge—
rüchten. Die spanische Inquisition wolle man einführen, hieß
es; dann würde nicht bloß die persönliche und die Gewissens—
freiheit, nein auch jede von den Altvätern heraus überlieferte
politische Freiheit verloren gehen. Und nicht bloß Protestanten
erzählten dies teilweis auf Vorspiegelungen hin, deren Ursprung
bis zu Oranien heraufreichte; nicht anders dachten auch gute
Katholiken; die antikatholische Strömung ward weit von einer zwar
nicht glaubens-, wohl aber kirchenfeindlichen Bewegung über—
holt, und diese war allgemein. Wer sollte ihr auch entgegen⸗
treten? Etwa die Statthalter? Sie fühlten mit ihrem Volk,
und nur wenige glaubten sich zur Durchführung der strengen
Plakate der Centralregierung verpflichtet.

Naturgemäß aber wuchs mit diesen Strömungen der
Protestantismus. Und zwar von Südwesten, von der Picardie
her und in der besonders spanienfeindlichen Gestalt des Calvinis—
mus. Schon im September 1562 war es in Tournai zu offenen
Zusammenkünften der Calvinisten in Wald und Flur gekommen;
knüttelbewaffnete Männer schützten die andächtigen Haufen,
aus deren Mitte Psalmengesang der Gemeinde und leiden—
schaftlich mahnendes Wort der Wanderprediger erklangen. Es
half nichts, daß man dagegen, übrigens lässig genug, einschritt;
die Bewegung verbreitete sich trotzdem durch ganz Westflandern
und fand im Jahre 1563 einen neuen Mittelpunkt in
Valenciennes. Nun setzte zwar die Statthalterin dagegen
Ordonnanzkompagnien und einige Fähnlein geworbenen Fuß—
volks in Bewegung, und es kam zu neuen Konfiskationen und
Hinrichtungen. Erreicht aber wurde fast nichts. Das neue
Wesen breitete sich vielmehr weiter nach Nordflandern aus,
und gewaltig zeigte es sich vor allem in der Welthandelsstadt
des Landes, in Antwerpen. Hier sollte im Oktober 1564
        <pb n="221" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 368
ein calvinistischer Karmeliter verbrannt werden. Dem Exekutions—
zug folgte eine unabsehbare Menge; hingerissen von den düster
ertönenden Klängen des 131. Psalms brach sie los, als der
Henker an sein Handwerk ging, und die Gerichtspersonen mußten
vor ihren Steinwürfen fliehen, während es dem Henker noch
eben gelang, seinem Opfer den Kopf zu zerschmettern und den
Dolch ins Herz zu stoßen. Welchen Eindruck mußten Scenen
wie diese und verwandte hinterlassen! Der Protestantismus
nahm zu, und schon war er organisiert.

Im Jahre 1563 hatten sich, anscheinend zum erstenmal,
Beauftragte einzelner Gemeinden in Tournai, Armentidres und
Antwerpen zu förmlichen Synoden, zur Begründung einer
Kirche versammelt; 1564 bestanden in Antwerpen bereits
mehrere protestantische Gemeinden verschiedenen Glaubens.

Die Behörden konnten sich dem Eindruck all dieser bald
gekannten, bald nur mit geheimem Schauer geahnten That—
sachen nicht entziehen. Sollten sie nach den Plakaten handeln
und in Blut waten? Die Inquisition erlahmte ziemlich überall;
und als der entsetzliche Inquifitor Titelmans in Flandern
wieder wütete, wandten sich Ende 1564 zuerst die Brügger
Ratsherren, dann die flandrischen Stände Beschwerde führend
an Margareta. Die Bewegung der tieferen Schichten des
Landes ward damit durch die Landesvertretungen selbst auf—
schwellend zu den Stufen des Throns geleitet, und in der
Forderung nach Berufung der Generalstaaten fand sie wiederum
den umfassendsten Ausdruck.

Was sollte Margareta thun? Sie war in peinlicher
Lage. Der Staatsrat blieb schließlich der niederländischen
Mitglieder beraubt, so freundlich sich auch der hohe Adel nach
der Entlassung Granvelles eine Zeit lang gestellt hatte; darum
fehlte es ihm an jeder Verbindung mit dem empörten Volke.
Andererseits konnte die Statthalterin die Beschwerden nicht ein⸗
fach dämpfen oder überhören. Sie war finanziell beinahe ohne
Mittel; sie konnte die Truppen nicht ablöhnen; es war kaum
ein Zweifel, daß diese, fast unbezahlt seit 1363, bei dem ge—
ringsten Versuche, sie zu gebrauchen, meutern würden; sie
        <pb n="222" />
        564 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
gegen die Aufstand drohenden Landsleute zu führen, war
vollends unmöglich. So blieb ihr nichts übrig, als sich zu
fügen.

Es geschah in der Form, daß sie Oranien gegenüber ihre
Einwilligung zur Absendung einer Gesandtschaft gab, die in
Madrid dem Könige das Los der Niederlande und die Forde—
rungen des Volkes ans Herz legen sollte. Die Instruktion der
Gesandtschaft aber wurde auf eine feurige Rede Oraniens in
dem nun wieder vollzähligen Staatsrat dahin gefaßt, daß mit
dem System der Plakate und Inquisition zu brechen sei; daß
Seine Majestät aufzuklären sei über die Korruption im öffent—
lichen Dienst, vor allem in der Rechtspflege; daß der Staats⸗
rat seiner Bestimmung gemäß frei zu jeder wichtigen Beratung
hinzugezogen und durch etwa zehn bis zwölf neue Mitglieder
verstärkt werden möchte; daß endlich die Regierung des Landes
nicht mehr ohne Berufung der Generalstaaten geführt werden
dürfe.

Im Januar 1565 ging Egmont als Vertrauensmann des
Landes mit diesen Instruktionen nach Spanien. Der König
empfing ihn aufs ehrenvollste; er umstrickte den schwachen Mann
mit Liebenswürdigkeiten; er zog die Antwort hin, bis der Graf
seinen Auftrag und die Not der Niederlande fast vergessen
hatte. Endlich, Anfang Mai, kam Egmont mit einem vor—
läufigen Bescheide zurück. Er lautete verzögernd: eine Anzahl
gelehrter und frommer Männer solle beraten, was in den schweren
Dingen der Religion zu thun sei. Von Margareta berufen,
tagte die Neunerkommission dieser Männer Ende Mai — und
zeschloß, daß alles beim alten bleiben möge.

Sollte das etwa das Ergebnis aller Anstrengungen des Landes
und des Staatsrats sein? Noch mußte die endgültige Antwort
des Königs eine günstige Lösung bringen. Am 14. November end⸗
lich traf sie im Staatsrat ein. Sie lautete auf nachdrücklichste
Aufrechterhaltung der Inquisition und aller hierarchischen Ord—
aung, auf Durchführung der Religionsedikte, vor allem auch
auf Ablehnung jeden Tagens der Generalstaaten, es sei denn
zuvor kirchliche Ruhe geschaffen.
        <pb n="223" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 565
Der König konnte den Führern des hohen Adels kein
trefflicheres Agitationsmittel zur Hand geben, als diese
Antwort. Auf Anraten Oraniens, Egmonts, Hoornes wurde
ihr Inhalt am 18. Dezember 1565 den Statthaltern und
obersten Gerichtsbehörden bekannt gegeben. Inquisition und
Plakate sollten nun stracks gehandhabt werden; zugleich
ward die wiederholte Publikation der Tridentiner Beschlüsse
eingeschärft.

So wurde der königliche Bescheid im Lande bekannt, und
die Wirkung war die eines Sprengmittels. In Antwerpen, jetzt
dem geistigen Haupt des Landes, leerten sich die Kaufhallen
und Werkfstätten; die Fremden begannen wegzuziehen; zugleich
forderten öffentliche Anschläge zur Ermordung der Geistlichkeit
auf, und auf den Straßen verlas man Pasquille und sang
Spottlieder auf Regierung und Klerus. Und mächtig ver⸗
breitete sich die Bewegung auch in die Kleinstädte und Flecken.
Die Statthalter aber weigerten sich, nach Margaretas In—
struktionen zu handeln; es herrschte halbe Anarchie, die Regie⸗
rung war machtlos.

So trat die Bevölkerung des Landes selbst aktiv hervor;
und an ihre Spitze stellte sich jetzt ein Element, das bisher
mehr zurückgehalten hatte, der niedere Adel. Freilich waren
seine Kreise schon längst nicht mehr zufrieden gewesen. Der
Luxus der Bürger hatte sie bereits vor Menschenaltern zu ohn—
mächtiger Nachahmung verdammt und dadurch wirtschaftlich er—
aiedrigt; neuerdings waren auch die Kriege seltener geworden, die
neben dem Austoben roher Leidenschaften vor allem die Ein—
nahme reicher Lösegelder gebracht hatten. Und kein neues Ideal
war an Stelle der alten, verlorenen getreten. Zwar gab es einige
Edelleute, die zugleich Theologen oder Philologen, Stilisten
oder Dichter, Rechtsgelehrte oder Diplomaten waren — denen
der Segen der tiefgefurchten humanistischen Bildung zu gute kam.
Aber sie waren Ausnahmen, wie nicht minder die religiös Er—⸗
griffenen. Im allgemeinen lebte der Stand zwecklos dahin, bereit
zur Erregung von jederlei Aufruhr. Da fand er nun jetzt
ein günstiges Feld — mit fast elementarer Leidenschaft begann
        <pb n="224" />
        566 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
er den neuen revolutionären Zielen nachzujagen — bis er
an ihnen zu Grunde ging.

Führer auf diesem Wege waren vor allem Ludwig von
Nassau, der lebenslustige, fatalistisch-kühne Bruder Oraniens;
Brederode, im häufigen Trunke ein Polterer und Prahlhans,
bei nüchternen Sinnen tapfer und scharfsinnig, nicht ohne
Mutterwitz und irisierenden Humor; endlich Marnix von
St. Aldegonde, eine alttestamentlich leidenschaftliche Natur,
Dichter, Gelehrter und Held, nach katholischer Erziehung durch
Calvin hinweggehoben über die Eindrücke seiner Kindheit und
von so glühendem Protestantismus, daß er in seinem „Bienen—
korb der heiligen römischen Kirches! das Papsttum nicht mehr
des Angriffs, sondern nur noch des Spottes für wert hielt.

Diese Männer brachten Bewegung in die gärungsreifen
Kreise des niedern Adels. Ludwig von Nassau hatte schon im
Sommer 1565, als die Antwort König Philipps noch ausstand,
mit einigen vom Adel zu Spa konspiriert; die Beratungen
wiederholten sich im Dezember. Und nun kam es zum Ent—
wurf eines Schriftstückes, in dem ein heiliger Bund der Unter—
zeichnenden zur Abschaffung der Inquisition und der Plakate
errichtet ward; wahrscheinlich von Marnix verfaßt, wurde es
in den ersten Monaten des Jahres 1566 von Schloß zu Schloß
kolportiert und bedeckte sich bald mit mehr als zweitausend
Unterschriften.

Während aber so der Adel sich zwar zusammenfand, aber
doch noch nicht völlig klar war über die Mittel wirklicher Aktion,
hatten die praktischeren calvinistischen Kaufleute von Antwerpen,
die bevorzugtesten Träger der steigenden geldwirtschaftlichen
Bewegung, übrigens im Einvernehmen mit Ludwig von Nassau,
bereits gehandelt. Auch sie hatten einen Bund geschlossen, aber
mit der bestimmten Absicht, durch einen Gesandten im Reiche,
vor allem bei dem calvinischen Kurfürsten von der Pfalz,
ihre Not zu klagen und dessen Fürsprache bei König Philipp

1Zuerst erschienen 169 (De Byenkorf der heil. Roomsche Kerckeé).
bis 1671 22 Auflagen.
        <pb n="225" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 567
zu erwirken. Am 17. Dezember 1565 war der Advokat Giles
Le Clerc von Tournai zu diesem Zwecke nach Deutschland ab—
gefertigt worden.

Was aber hierüber hinaus noch not that, das war vor allem
einiges Handeln. Das hat dann Oranien, gegen den Willen
vieler seiner bisherigen Freunde, vor allem Egmonts, zu stande
gebracht: zwar nicht offen, nicht vollkommen durchsichtig, aber
um so wirksamer trat der Mann, der bisher die Opposition
des hohen Adels geführt hatte, jetzt, entsprechend einer schon
längst durch seinen Bruder Ludwig vermittelten Haltung, an
die Spitze der Opposition auch des niederen Adels und des
kaufmännischen Bürgertums. Und klar war ihm, was da zu⸗
nächst zu thun war. Die alten Forderungen: Abschaffung der
Religionserschwernisse, Berufung der Generalstaaten, mußten
beibehalten werden; aber nachdem sie vergebens vom hohen Adel
befürwortet worden waren, mußten sie jetzt der Statthalterin als
Bedürfnis der Mittelstände noch dringender ans Herz gelegt werden.

Am 5. April 1566 bewegte sich ein merkwürdiger Zug
durch die Straßen Brüssels. Paarweise zogen niederländische
Adlige, an die sechshundert Mann, von dem Culemborgschen
Hause zu dem Palast der Statthalterin, um ihr eine Petition
vorzutragen. Und Margareta, eingeschüchtert durch allerlei im
Staatsrat vorgetragene Gerüchte von kriegerischen Rüstungen,
dazu ihrer Truppen thatsächlich nicht sicher, empfing sie. Auf⸗
hebung der Plakate, Berufung der Generalstaaten — das waren
ihre Forderungen. Margareta wagte nicht zu widerstehen.
Doch mit der duldungsgewandten Tapferkeit ihres Hauses fand
sie einen Ausweg. Die Inquisition werde gemildert werden;
im übrigen werde sie an den König befürwortend berichten: über
die Generalstaaten kein Wort.

Aber der Adel fühlte sich Sieger. Am Abend des Tages,
da Margareta geantwortet hatte, fand im Culemborgschen
Palast ein wildes Gelage statt; unter dem Jauchzen der Zechgenossen
wurde der Parteiname der Geusen angenommen ; angeblich in
Parodie einer verächtlichen Charakteristik, die ihnen von einem
Mitgliede des Staatrats geworden war, wollten die Edelleute

Lamvprecht. Deutsche Geschichte. V. 2. 87
        <pb n="226" />
        568 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
als Bettler mit hölzernem Napf und lederner Tasche „treu zwar
dem König bis zum Bettelsack“, doch vor allem dem Lande
dienen.
Merkwürdig aber wirkte ihr Erfolg im Lande. Aus tausend
Schlupfwinkeln traten jetzt die Protestanten hervor, mit ihnen
jubelnd über die Grenzen einziehende Verbannte der Inquisition.
Nicht mehr in Feld und Hain, — dicht an den Mauern der Städte,
ja in den Städten selbst trafen sie sich jetzt unter Gottes freiem
Himmel zu Gottes freiem Dienst; verschollene Wanderprediger
eilten aus der Ferne herbei und redeten in neuen Zungen;
Plakate Margaretens gegen das Unwesen halfen nichts mehr,
ja konnten in Antwerpen nicht einmal veröffentlicht werden:
die Zeit der Glaubensfreiheit schien nahe herbeigekommen.

Sollte unter diesen Umständen der niedere Adel feiern?
Gewiß war er teilweis katholisch, und nicht eigentlich für die
protestantische Sache war er auf dem Kampfplatz erschienen.
Aber wie er schon früh mit den protestantischen Kaufleuten
Antwerpens in Verbindung getreten war, so sah er sich doch
immer mehr in seinen Zielen denen des Protestantismus ge—
nähert; ein engerer Zusammenschluß ließ sich kaum noch um—
gehen.
In St. Trond, Mitte Juli 1566, kam er zu stande. Hier
tagten Adlige, Lutherische und Reformierte; und man beschloß,
daß jedem bescheidenen Religionsdienst bis zur Berufung der
Generalstaaten der Schutz des Adels zur Seite stehen solle. Zu—
gleich aber kam es bald darauf zu weiteren Verständigungen.
Die Kaufleute Antwerpens und anderer Orte schossen jetzt,
da man ersah, daß das frühere Hilfsgesuch beim Reiche keine
Frucht getragen, Gelder zusammen, mit denen der Adel Söldner
in Deutschland werben sollte: da der Kaiser und die Fürsten
lau blieben, so war man bereit zur Selbsthilfe.

Und gleichzeitig ging man gegen die heimische Regierung
weiter. Zur Ausführung des Versprechens, das sie den Adligen
gegeben, hatte Margareta die sog. Moderation, mäßigende Be—
stimmungen über die Ausübung der Inquisition, ausarbeiten
        <pb n="227" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 569
lassen. Aber dies Elaborat genügte den erregten Gemütern
keineswegs; als Morderation ward es verhöhnt und verspottet.
So erwartete man von Margareta nichts mehr, und man be—
schloß, sie zu entmündigen. Am 30. Juli überreichte ihr ein
Ausschuß von zwölf Adligen, die zwölf Apostel, wie sie im
Volksmunde hießen, unter persönlicher Führung Ludwigs von
Nassau, unter geistiger Leitung Oraniens, eine neue Bittschrift.
Sie enthielt das Gesuch, die Statthalterin möge Oranien,
Hoorne und Egmont mit den weiteren Verhandlungen, mit dem
Schutze des Landes und mit der Vollmacht, Truppen zu werben,
betrauen: sie forderte die Abdankung Margaretens zu gunsten
eines Triumvirats niederländischer Großen.

Sollte das das Ende der spanischen Herrschaft sein? Ge—
ängstet, bedrückt, vorwärtsgestoßen, sagte Margareta eine Ant—
wort zum 20. August, nach vorheriger Beratung mit den Vließ—
rittern, zu.

Da kam ihr unerwartete Hilfe.

Je mehr sich den niederländischen Protestanten die Aus—
sicht eröffnet hatte, auf gewaltsamem Wege zur Anerkennung
ihres Glaubens zu gelangen, um so mehr hatten unter ihnen
die Calvinisten die Führung übernommen; während die Luthe⸗
rischen sich ihres stillen Glaubens genügen ließen, und die Wieder—
täufer, lüngst wiederum quietistisch gestimmt, sich auf Grund
ihrer Überzeugungen jedes Eingriffs in die öffentlichen Angelegen-
heiten enthielten, drängte gerade die calvinische Überzeugung
jetzt vorwärts, denn ihr Ideal war die Einverleibung des Staats
in die Kirche. Und der aktionsfähige Geist traf auf aktions—
lustige Massen. Lange Zeit hindurch war die protestantische
Bewegung, soweit sie den Staat für sich zu gewinnen gesucht
hatte, aristokratisch gewesen trotz der weiten Verbreitung des
neuen Glaubens gerade in den niederen Klassen; vor allem die
Großkaufleute hatten ihr angehört. Jetzt aber, wo das Wort
niemand mehr verschlossen schien, wollten auch die niedrigsten
Kreise reden. Und wie wurden ihre rohen Leidenschaften auf—⸗
gerüttelt durch die Ausbrüche des Hasses bei den heimkehrenden
Emigranten, durch das Gedenken erlebter Martyrien, durch die

7 *
        <pb n="228" />
        570 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Flammenreden der Prädikanten! War es verwunderlich, wenn
diese Erregung endlich in wüstem Aufruhr hervorbrach?

Am 14. August begann in Westflandern der Bildersturm.
Unheimlich rasch, verzehrender Flamme, epidemischer Krankheit
gleich, wälzte er sich fort durch die reichen Städte Ostflanderns,
durch Brabant, durch Utrecht, Holland und Seeland, bis er im
September im fernen Friesland erlosch. Überall dieselben Bilder
des Jammers, erbrochene Kirchenthüren, gestürzte Altäre, ver—
streute Hostien, zertrümmerte Kelche, zerrissene Handschriften,
zerschnittene Gemälde — und zwischen alledem ein wüster Pöbel
im traurigen Mummenschanz liturgischer Gewänder, trunken
von Stiftswein und Klosterbier; ein ekles Vorbild der Szenen
eines Steen oder Ostade. Und vielfach hinter ihm Prediger
des neuen Glaubens, nun aus den Regenschauern und Sturm—
nöten freier Versammlungen einziehend in die verwaisten Kirchen,
und mit ihnen triumphierende, jeder Gewaltthat fähige Ge—
meinden.

In der That, noch lange nicht glaubte man sich, nament—
lich in Flandern, am Ende der Erfolge. Die Kirchen thaten
sich zusammen, ein Heer aufzustellen; eine Synode in Gent be—
schloß, von König Philipp die Freiheit des Glaubens um 83 Mill.
Gulden zu erhandeln, und verfügte, seiner Zusage noch un—
gewiß, einstweilen wenigstens die Sammlung einer halben Million
zur Löhnung von Söldnern. Auf der Spitze des Schwertes
ruhte das Heiligste, das man erstrebte; am 1. Dezember 1566
stellten die Bevollmächtigten der reformierten Konsistorien zu
Antwerpen fest, Aufruhr wegen Bruchs der Landesgesetze sei
erlaubt, und ein von den großen Kaufleuten besoldetes Heer
trat unter Brederodes Führung unter die Waffen.

So schien der Protestantismus in der That gesiegt zu
haben, um so mehr, da Margareta unter den Eindrücken des
Bildersturms am 25. August meitaebende religiöse Zugeständ—
nisse gemacht hatte.

Allein das Unmaß richtete auch diesmal sich selbst. Wie
sollten die Landedeln, wie die kaufmännisch-aristokratischen Kreise
des städtischen Protestantismus auf die Dauer mit den trunkenen
        <pb n="229" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 571]
Heiligen der jüngsten Tage zusammengehen können? Der Adels—
bund hatte seine nächsten Ziele einstweilen durch die Zugeständ⸗
nisse des 25. August erreicht; der bedeutendste Teil seiner Mit—
glieder wünschte nicht weiter zu gehen. Die großen Kaufleute
fühlten sich angewidert durch den Proletariergeruch des Heers
der Calvinisten; sie zogen sich einstweilen zurück. Nicht
anders verfuhren die Mitglieder des hohen Adels; Egmont, in
Gutem wie Schlimmem ein Tyyus ihrer Art, fühlte sich durch
das Entgegenkommen der Statthalterin völlig befriedigt. Oranien
endlich sah sich in seinen Plänen durch den Aufstand unter—
brochen; nachdem er sich überzeugt hatte, daß aus dem Reiche
weder eine Werbetruppe der Geusen noch kriegerische Hilfe
protestantischer Fürsten zu erwarten sei, gab er einstweilen
das Spiel verloren.

So bekam die Statthalterin Luft. Ja mehr: mit ihr
waren bis zu einem gewissen Grade die Sympathien der
besseren Klassen. Und sie nutzte den Umschwung. Bis zum
Oktober 1566 hatte sie, nach oft wiederholten Bitten, von
König Philipp die Verfügung über eine halbe Million Gulden
erhalten; nun endlich konnte sie sich ihrer Truppen durch Lohn⸗
zahlung versichern und an die Werbung neuen Volkes denken.
Damit hatte sie die Mittel, den offenen Aufstand zunächst ge—
waltsam niederzuschlagen. Nachdem Antwerpen und Tournai
— DDDD
Valenciennes. Die widersetzliche Stadt wurde umschlossen; am
283. März 1567 fiel sie in die Hände der Belagerer. Und in—
zwischen waren andere Regierungstruppen gegen die elenden
Truppen Brederodes vorgegangen; sie hatten sie rasch zersprengt
wie nicht minder die wenigen Fähnlein der Geusen; Brederode
selbst floh an die deutschen Küsten der Nordsee. Im Frühjahr
1567 lag das Land geknechtet zu den Füßen Margaretens.

Und nun dachte die Statthalterin nicht mehr daran, ihre
Zugeständnisse vom August 1566 zu halten. Langsam, Schritt
für Schritt, führte sie das alte Regime wieder ein, bis ein
Erlaß vom 24. Mai 1567 die Wiederaufnahme auch der
vollen Inquisition, ja neuen Schreckens verkündete.
        <pb n="230" />
        572 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.

IV.

So schien endgültig Ruhe hergestellt. In allen Nöten
hatte die Statthalterin sich schließlich doch bewährt; am
22. April war ihr schlimmster Feind, Oranien, vor ihr flüchtig
nach dem Reiche entwichen. Glückliche Zeiten schienen für die
Regierung in Aussicht.

Aber Philipp hatte längst anders beschlossen. Während
in den Niederlanden sich alles beugte, ertönte das Trompeten⸗
zeschmetter eines spanischen Heereszugs von den Alpen her,
und am 22. August 1567 hielt Alba mit den glänzendsten
Truppen der damaligen Welt, 1000 Mann zu Roß, etwa
18 000 Mann zu Fuß, seinen Einzug in Brüssel.

Nach anfänglichem Schwanken, ob er nicht selbst nach den
Niederlanden gehen solle, hatte König Philipp den Ferdinand
Alvarez de Toledo, Herzog von Alba, zu seinem Stellvertreter
in den aufrührerischen Landen bestimmt. Er wußte, wen er
sandte. Alba, damals sechzigjährig, sah auf eine Reihe hoher
Ahnen und eine große Summe persönlicher Verdienste in
Krieg und Frieden zurück; keinen besseren Feldherrn hätte der
König erwählen können. Aber er war auch als Staatsmann
nicht unbedeutend; entgegenkommend, väterlich fürsorgend für
den, der sich ihm unterwarf, galt er als furchtbarer Systema—
tiker des Hasses gegenüber hartnäckigen Gegnern. Dann konnte
er blutdürstig sein und hinterlistig, habsüchtig und hart: es
waren die Eigenschaften, die sich in den Niederlanden bald un—
ablässig zum Entsetzen lebender und künftiger Geschlechter be—
thätigen sollten.

Indes nicht sinnlos zu strafen war der Absicht Philipps
nach die Aufgabe Albas. War man aber jetzt, wo das Land
im Innern beruhigt war, fremden Angriffs, der Einmischung
der Protestanten Englands, Frankreichs, Deutschlands sicher?
Auf die erlittenen Demütigungen hin die monarchische Gewalt
absolut und gegen jeden Angriff fest zu begründen, das war
das von Philipp gesetzte Ziel. Freilich bedeutete das Kassierung
        <pb n="231" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 573
aller bestehenden Freiheiten und Privilegien, Ertötung der
Selbstverwaltung, militärische Knebelung des Landes durch
Festungsbau und Einquartierung, willkürliche Handhabung der
Finanzen und der Gesetzgebung durch den König und seine
Bewalten. Und es fragte sich, ob selbst hiemit das Ziel
ohne weiteres zu erreichen war.

Alba, neben dessen ausgedehnten Vollmachten Margareta
so in den Schatten trat, daß sie bald ihre Entlassung nach—
suchte, fand, daß es zunächst weiteren Schreckens bedürfe. Und
indem er zugleich, hierin völlig mit seinem König einig, die
Wiederherstellung der einen, katholischen Religion als Vorbe—
dingung jedes spanischen Absolutismus betrachtete, begann er,
eine furchtbare Zeit der Knechtung über das Land herbeizu—
führen — bis zu dem Grade, daß die Verbreitung von Ent—
setzen beinahe als Selbstzweck erscheinen konnte.

Am 8. September 1567 wurde für die Verbrechen der
Ketzerei und der Teilnahme an ketzerischen Akten ein Aus—
nahmegericht, der Rat der Unruhen, eingesetzt; es erschien nötig,
da man den gewöhnlichen Gerichten bei der weiten Verbreitung
der genannten Verbrechen nicht die nötige Energie der Abur—
teilung zutraute. Der Rat der Unruhen, geleitet von blut—
dürstigen Spaniern wie Vargas und del Rio, machte sich
dieses Fehlers nicht schuldig. Nach einigen Vorbereitungen
begann er am Aschermittwoch 1568 unter dem Drängen Albas
seine eigentliche terroristische Arbeit; Tausende von Niederländern
wurden verhaftet; Alba berechnete um Mitte April, daß die
ersten Exekutionen vor Ostern wohl etwa 800 Köpfe treffen
würden. Es war der Anfang eines Henkergeschäfts, das dem
Herzog, der wegwerfend von einem Volk von Butterhändlern
sprach, den furchtbaren Namen des Bluthundes eintrug; allein
in den Provinzen Holland und Friesland sind bis zu seinem
Abzuge 18600 Einwohner dem Scharfrichter überwiesen worden.

Doch was besagte der Tod von Hinz und Kunz? Alba
hatte für eine kluge Steigerung des Schreckens gesorgt; immer
höher drang die Flut des Blutes in die oberen Schichten.
Den Bürgern folgten Mitglieder des adligen Kompromisses;
        <pb n="232" />
        574 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
gekrönt ward das Werk durch die Exekution Egmonts und
Hoornes. In blindem Vertrauen waren beide kurz nach der
Ankunft Albas dessen Einladung nach Brüssel gefolgt, während
der kluge Oranien in Deutschland verharrte; einen Tag vor
der Errichtung des Rates der Unruhen waren sie verhaftet
worden. Jetzt, am 4. Juni 1568, unterschrieb Alba kaltblütig
ihr Todesurteil, das sie als Aufrührer und Hochverräter
ausgab; und kaltblütig wohnte er der Exekution am 5. Juni
bei. Es war, als bräche der Himmel über den Niederlanden
zusammen, als ertönte die erbarmungslose Posaune des jüngsten
Gerichts.

Eben diesen Eindruck hatte Alba gewünscht. Jetzt meinte
er freien Weg zu haben zur Aufrichtung aller Wohlthaten des
Absolutismus.

Und er schien Recht zu behalten. Was half es, daß
Oranien, im Feuer dieser Jahre zu tieferem Christentum sich
härtend, mit den Hugenotten wie mit den protestantischen
Fürsten Verbindung suchte zum Angriff gegen die nieder—
ländische Herrschaft, daß er thatsächlich im Jahre 1568 von
Nordosten wie Südosten her jenen Kampf um die niederländische
Freiheit eröffnete, den erst späte Enkel nach acht Jahrzehnten
völlig beschließen sollten? Seine kleinen Söldnerheere
meuterten, zerliefen sich, wurden geschlagen; vergebens war die
persönliche Aufopferung Oraniens und seines Bruders, ver⸗
gebens die Zuschüsse des Kurfürsten von der Pfalz und der
hessischen Landgrafen, vergebens eine durch die Kurfürsten be⸗
wirkte Einsprache des Kaisers bei König Philipp. Alba blieb
Sieger; von niemand ernstlich gehindert unterzog er das Land
jeinen absolutistischen Versuchen.

Religionsedikte und Inquisition wurden wieder aufgerichtet,
die noch nicht völlig ins Leben getretene Neuordnung der katho—
lischen Hierarchie nun gründlichst nach den Plänen Granpvelles
und unter Störung der ständischen Verhältnisse der einzelnen
Provinzen durchgeführt. Vor allem aber hielt es Alba für
nötig, die außerordentlichen Kosten, die durch die militärische
Besetzung des Landes aufliefen, auch von diesem tragen zu
        <pb n="233" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 575
lassen und zu diesem Zwecke den lästigen Bewilligungsapparat
der Generalstaaten und Provinzialstaaten durch ein einfaches
königliches Ausschreibungs- und Verordnungsrecht zu ersetzen.
Die hierzu eingeleiteten Maßregeln waren systematisch in⸗
einander eingegliedert, und klug erschienen sie dem ohne die
Imponderabilien des Volkslebens rechnenden Verstande. Am
21. März 1569 legte Alba den Generalstaaten zunächst das
Projekt einer einmal zu erhebenden Steuer von 10/0 alles
Vermögens vor; es wurde nach einigem Anstand der Überlieferung
gemäß bewilligt. Daneben machte er, nach dem Muster der
spanisch-arabischen Steuer der Alcabala, einen weiteren, für
die Verhältnisse eines Handelsvolks wahrhaft ungeheuerlichen
Vorschlag: dauernd sollten 50/0 des Wertes bei jedem Verkauf
von Immobilien, 100/0 des Wertes bei jeder Veräußerung oder
Vererbung von Mobilien als Steuer erhoben werden. Es
waren geradezu unmögliche Steuerhöhen; gleichwohl setzte Alba
ihre Genehmigung bei fast allen Provinzialstaaten, welche die
Sache von den Generalstaaten zur Beratung erhalten hatten,
durch, wenn auch nur mit den elendesten Mitteln des Terroris—
mus. Was aber war dabei seine Absicht? Niemals konnte
die bewilligte Steuer ganz erhoben werden; es wäre der Ruin
des Landes gewesen. Aber dafür war sie jetzt zeitlos gemacht
und dauernd in der verlangten Höhe bewilligt. So war es
möglich, sie unter Anwendung des königlichen Verordnungs⸗
rechts — gleichsam noch im Gnadenwege! — zu ermäßigen:
bis zu einer unmöglichen Belastungshöhe hinauf war das Be—
steuerungsrecht den Ständen genommen und diese selbst damit
in ihrer Thätigkeit überflüssig gemacht, in ihrem Dasein gefährdet.
Von dieser Auffassung aus, mit deren Zulassung der
staatischen Entwicklung das Herz ausgebrochen war, schrieb
dann Alba Mitte 1571 selbständig geringere Steuern aus.
Und lautlos ertrug das Land zunächst das neue Verfahren.
Aber auch diese Steuern waren noch unerträglich hoch.
Und was schlimmer war, sie trafen den Kleinverkehr, den ge—
meinen Mann, der nichts mehr zu verlieren hatte. Und so
bewirkten sie, was keine inquisitorischen Schrecken, keine mili—
        <pb n="234" />
        576 Sechzehntes Buch. Zweites RKapitel.
tärischen Bedrückungen, kein Angriff auf die politischen Rechte
des Landes, keine trüben Erfahrungen mit einer fremdländischen
und korrupten Verwaltung hatten bewirken können: sie machten
einem jeden ohne Ausnahme das Verzweifelte der Lage klar,
und mächtig hob sich aus popularen Beängstigungen der Wille
des Aufstands.

Und schon fand diese Stimmung kräftigen Anhalt in Vor—
gängen außerhalb des Landes. Vom Reiche her versuchte
Dranien seit dem Jahre 1568 in rastlosem Eifer, Truppen
gegen Alba zu werfen; und vom gleichen Jahre ab war von
Westen her die See in der Gewalt aufständischer Niederländer.

Denn was dem Wuüten Albas im Westen des Landes, in
Flandern, in Seeland und Holland auszuweichen Anlaß gehabt
hatte, was flüchtig geworden war in diesen Gegenden vor Todes⸗
urteil, Konfiskation und Verbannung, Ackerbauer und Klein—
bürger, Kaufmann und Edelmann, das hatte sich zum großen
Teil auf das elementare Gebiet der See gerettet. Die spanische
Flotte ward gerade um diese Zeit im Mittelmeer festgehalten;
wer wollte den Elenden den freien Gebrauch der Woge wehren?
Bald fanden sie in Dover und La Rochelle Schlupfwinkel, der
Graf von Ostfriesland machte mit ihnen gemeine Sache, sie
wurden zu Herren der England zugekehrten Nordseegestade und
des nördlichen Armelkanals; bettlerhaft, piratenhaft, unter der
Losung Vive le Geus! lebten sie hier ein verzweifeltes Leben
flüchtigen Raubes und unsteter Drangsal. Furchtbar und
grausam gingen sie mit ihren Feinden um; ihr wetterfester
Protestantismus wandte sich auch gegen ihre katholischen
Stammesgenossen; mit einem Kannibalismus, der die Feind—
seligkeit der mittelalterlichen Handwerker und Poorters, der
Hoecks und Kabeljaus noch übertraf, wüteten sie gegen die
Papisten. Während ihre schwermuttriefenden Lieder von Folter
und Aufstand, von vergossenem Blut und kommender Rache
meldeten, nagelten sie wohl Priester an die Masten fest oder
spielten grotesk mit geweihten Gefäßen und ihren Hostien,
dem gebackenen Herrgott, oder verspotteten Maeyken, Maey—
kenmoer, Mariechenmutter, die heilige Jungfrau.
        <pb n="235" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 577
So vor nichts zurückschreckend, überall gegenwärtig und
doch nirgends angreifbar, übertrugen die Wassergeusen den
Grundsatz des Guerillakriegs auf die See. Und anfangs un⸗
discipliniert, unter kühnen Einzelführern wie Lumey, dem Grafen
von der Marck, einem Nachkommen des Ardennenebers, nahmen
sie doch bald Bestallungen, Kaperbriefe von Oranien an, er—⸗
hielten schließlich von ihm 1570 in Guislain von Fiennes
sogar einen Admiral und erschienen in der Zeit des vollendeten
Wütens Albas als mächtige, inbrünstig ersehnte Retter.

Am 1. April 1572, zu einer Zeit, da die Bevölkerung
namentlich der handeltreibenden Provinzen infolge der Steuer—
erpressungen Albas reif war zum Aufstand, nahmen sie Briel
an der Maas ein, bald darauf auch Vlissingen; ganz Walcheren
mit Ausnahme von Middelburg fiel ihnen zu; es war der An—
fang der Übertragung des Widerstands von Flandern auf die
nördlichen maritimen Provinzen.

Und nun erhoben sich hier überall die städtischen Elemente:
Enkhuizen und Alkmaar, Gouda, Haarlem, Dordrecht und
Leiden, Schiedam, Rotterdam und Delft empörten sich: —
Ende Juli war ganz Holland mit Ausnahme von Amsterdam
in Aufruhr und verkündete die Geusen und Oranien als Retter.
Und alsbald, wenn nicht gleichzeitig, erhoben sich auch Zutphen
und Zwolle, Hasselt und Kampen, anderer Orte nicht zu ge—
denken: auch die inneren Provinzen, Friesland, Overijssel, ja
Teile von Geldern fielen von Spanien ab. Und überall ward
zugleich der Calvinismus öffentlich gepredigt und zugelassen;
politische Selbständigkeit und protestantischer Glaube erschienen
als die Fermente einer einzigen, verheißungsvollen Bewegung des
Nordens.
Oranien hatte inzwischen, seit 1869, traurige Tage erlebt.
Lange Zeit hindurch waren alle seine Pläne gescheitert, das
Reich, Frankreich und England, sei es einzeln, sei es in Ge—
meinschaft, gegen Alba und Spanien in Bewegung zu setzen.
Aber zur selben Zeit, da die Geusen losbrachen, konnte er sich
doch eines Erfolges wieder gewiß halten. Frankreich, wo die
Hugenotten inzwischen, nicht zum geringsten durch die Mühen
        <pb n="236" />
        578 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
des in ihre Dienste getretenen Ludwigs von Nassau, zu starker
Stellung gelangt waren, schien zum Einfall in die südlichen
Niederlande bereit; Ende April 1572 hatte es sich zu diesem
Zweck mit England verbunden, und schon am 24. Mai er—⸗
öffnete Ludwig von Nassau den Krieg vom französischen Norden
her mit einem glänzenden Handstreich, indem er Mons, die
Hauptstadt des Hennegaus, einnahm. Und auch das Deutsche
Reich hatte Maßregeln zu gunsten der Sache Oraniens ge—
troffen; trotz aller Anschuldigungen des spanischen Gesandten
gegen den ostfriesischen Grafen, daß er es mit den Geusen halte,
waren die Stände nicht zu bewegen gewesen, gegen ihn vor—⸗
zugehen; und der Kaiser hatte auf Andringen der pfälzischen
Protestantenpartei Werbungen niederländischer Söldner auf
deutschem Boden gestatten müssen.

So war Spanien durch Oranien diplomatisch isoliert
und in den südlichen Niederlanden angegriffen, Deutschland
günstig gesinnt, und alles kam jetzt darauf an, den Fort—
schritten des nordniederländischen Aufstands die Hand zu
hieten.
Es geschah im Verlaufe des Sommers 1572. Dordrecht,
als die älteste Stadt des aufständischen Landes, berief zum
19. Juli die holländischen Provinzialstaaten in seine Mauern,
und nach kurzer Beratung einigte man sich unter dem Betreiben
oranischer Agenten dahin, Oranien als Statthalter anzuerkennen.
Es ist der erste Akt politischer Begründung der nordniederländischen
Republik; ihm folgte, nachdem inzwischen schon neben Oranien
ein Staatsrat geschaffen war, am 26. April 1575 ein zweiter
in der Union Hollands und Seelands, wobei Oranien zum un—
umschränkten Befehlshaber der Land- und Seemacht ernannt ward.
Aber freilich war damit der Abfall von Spanien noch nicht aus—
gesprochen; ausdrücklich betonten die holländischen Staaten im
Jahre 1572, daß sie Oranien nur als königlichen Statthalter
anerkännten, „was Seine Excellenz vorher gewesen war, und
wozu er auch von Seiner Majestät von Spanien gesetz- und
ordnungsmäßig ernannt worden ist, ohne daß später irgend eine
        <pb n="237" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 579
gesetzmäßige, den Gebräuchen und Rechten dieses Landes ent⸗
sprechende Veränderung darauf gefolgt wäre“.

Aber konnte Alba diese Auffassung anerkennen? Als Hohn
mußte sie ihm erscheinen — und längst schon war er nach
Süden wie Norden hin dem Kampfe mit Kampf, der Gewalt
mit Gewalt begegnet.

Vor allem im Süden lag ihm daran, Ruhe zu schaffen.
Noch hatte Frankreich an Spanien nicht offen den Krieg erklärt;
wurden seine ersten Erfolge rasch vereitelt, so mochte es sich
wohl bedenken, den großen Schritt zu thun. So erschien schon im
Juni 1572 Albas Sohn Don Fadrique vor Mons, um die Stadt
zu belagern; und bald schlug er ein aus Frankreich nahendes
Entsatzheer. So war für Mons, die französische Besatzung wie die
ralvinische Bevölkerung, Heil nur noch von Oranien zu erwarten.
Unter unglaublichen Schwierigkeiten hatte dieser inzwischen
am Niederrhein ein Heer zusammengebracht; jetzt brach er über
Roermonde vor, erschien Ende August in Brabant, nahte, ein
Retter, dem Hennegau.

Da hörte er die zerschmetternde Nachricht von der Bartholo—
mäusnacht, vom völligen Umschlag der französischen Politik —
seines Bleibens im niederländischen Süden war nicht mehr.
Ludwig von Nassau, jetzt völlig sich selbst überlassen, mußte
Mons übergeben, und ein furchtbares, acht Monate andauerndes
Blutregiment zeigte der protestantischen Bevölkerung der Stadt,
vas es bedeutete, Alba trotzen.

Inzwischen war Alba mit den im Süden frei gewordenen
Truppen dem Norden zugezogen. Gedeckt durch die geldrischen
Festungen wollte er besonders Holland bestrafen. So zog sein
Sohn, nachdem er die Binnenlande östlich des Zuidersees unter—
worfen, unter anderem in Zutphen die Besatzung über die
Klinge gejagt und neben vielem Morden 500 Bürger ertränkt
hatte, über Amsterdam gegen Haarlem. Haarlem vor allem
mußte genommen werden; dann war der Zusammenhang zwischen
Nord- und Südholland durchschnitten, und das Divide et impera
tonnte befolgt werden. Aber wie zäh hielt sich die Stadt!
        <pb n="238" />
        580 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Am 11. Dezember 1572 begann Don Fadrique die Belagerung,
mit unerhörter Grausamkeit wurde sie geführt, die Gefangenen
pflegte man auf beiden Seiten zu erhängen, und bald wütete
im Innern der bleiche Hunger. Trotzdem ergab sich die Stadt
erst am 12. Juli 1573, nach siebenmonatlicher Umschließung.
Es war schließlich ein spanischer Sieg — aber wie war er
errungen! Die Gebeine von mehr als 12000 spanischen
Kriegern, Soldaten der Kerntruppe, moderten vor den Mauern
der Stadt, und jubelnd pries man im Lande den Heldenmut
der Verteidiger.

Und es war nicht die letzte Stadt in diesem vermaledeiten
Lande der Deiche und Überschwemmungen, die zu gewinnen
war. Mauer lehnte sich da an Mauer; gegen Alkmaar und
Leiden, die benachbarten größten Vesten im Süden wie Norden
Haarlems, lautete die nächste Losung. Am 21. August 1578
begann Don Fadrique die Belagerung Alkmaars; sie mißlang.
Van Alkmaar begint die victorie' ward später zum ge—
flügelten Wort des niederländischen Volksmundes. Und in der
That, auch die darauf unternommene Belagerung Leidens
cheiterte.

Inzwischen aber hatte sich in der spanischen Regierung
eine merkwürdige Veränderung vollzogen. Am 18. Dezember 1578
war Alba gegangen. Schon längst hatte er geahnt, daß sein
System sich nicht werde durchführen lassen. Und er war nicht
der Mann, vor verfehltem Ziele zu weilen. Seit mehr als zwei
Jahren hatte er um, seinen Abschied zu bitten begonnen, und
der König hatte ihn schließlich bewilligt, weil er wie andere
von der Nutzlosigkeit weiterer Bemühungen Albas überzeugt war.

Zum Nachfolger Albas war nach einigen Schwankungen
der Großkommandeur von Kastilien, Don Luis de Requesens,
ernannt worden; am 29. November 1578 übernahm er sein
neues Amt. Gern hätte er Ruhe und Frieden herbeigeführt;
mit den Staaten wie mit Oranien hat er verhandelt. Allein
es war jetzt zu spät. Der Gegner kannte die schlimmen Ver—
legenheiten finanzieller wie auch militärischer Natur, in denen sich
der Vertreter der Krone Spaniens befand; wie hätte er sich fügen
        <pb n="239" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 5381
sollen. Vorwärts! hieß es für Requesens, vorwärts zum
Kampfe.

Und tüchtig griff er ein. Er besiegte auf der Mookerheide
(14. April 1574) ein neues Heer des Oraniers, das Ludwig
von Nassau vom Rheine herangeführt hatte; Oranien mußte er⸗
leben, daß das Schicksal seiner Brüder Ludwig und Heinrich in
diesem Kampfe sich erfüllte; beide wurden nach beendeter Schlacht
vermißt. Er ließ die Belagerung Leidens von neuem beginnen;
und scheiterte sie schließlich im Herbst 1374 an dem heroischen Mute
der Geusen wie dem sieghaften Duldersinn der Bevölkerung, so
—D—
es gelang ihm auch nach diesem Schlage noch, Lorbeeren zu
pflücken; mit Erfolg hat er im Jahre 1575 die Belagerung
von Zierikzee eingeleitet.

Aber was er that, das that er in der Überzeugung, gleich—
wohl wenig zu nützen. Im Februar 1576 erklärte er dem
Könige als Ergebnis seiner Erfahrungen, daß man dem Lande
alle Forderungen, selbst bis zur Freiheit einer Republik, werde
zugestehen müssen, solle anders die katholische Religion noch
gerettet und die Autorität des Königs aufrecht erhalten werden.
Es war sein politisches Testament: am 5. März 1576 ist er
gestorben.

Jetzt hätte von Spanien aus eiligst für einen Nachfolger
in dem verantwortungsvollen Amte gesorgt werden müssen.
Aber die Ankunft des neuen Statthalters verzögerte sich, und
Philipp übertrug dessen Gewalten einstweilen dem Staatsrat.
Es war das Unklügste, was er thun konnte. Der Staatsrat
war in sich zerrissen; und im Grunde unterdrückten die nieder⸗
ländischen Sympathien in den Herzen seiner Mitalieder das
pPflichtbewußtsein gegen den König.

Unter diesen Umständen fiel Zierikzee am 29. Juni 1576
an Mondragon, den Führer der spanischen Truppen. Man
hätte davon einen neuen Aufschwung der königlichen Macht
erwarten sollen. Das Gegenteil trat ein. Wie früher schon
wiederholt, meuterten auch jetzt, durch Absage einer erhofften

Plünderung und Ausbleiben erwarteter Soldzahlungen ent—
        <pb n="240" />
        582 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
täuscht, die siegreichen Truppen; nach altem Brauch stellten
sie einen Eletto an ihre Spitze und verhandelten wie Macht
zu Macht mit den gesetzlichen Gewalten. Neu aber war, was
geschah, als ihre Ansprüche von der in tausend Finanz⸗—
nöten befindlichen Regierung nicht befriedigt wurden. Sie
rotteten sich zusammen; wie ein Chorus der Würgengel durch—
zogen sie das Land und setzten sich schließlich in Flandern,
in der Stadt Aalst, fest. Von hier fanden sie dann Fühlung
mit der spanischen Besatzung Antwerpens: ein meuternder
Militärstaat spanischen Charakters schien im Entstehen.

Das wollten die Südniederländer trotz alles geduldig er—
tragenen Jammers nicht mit erleben. In Brüssel riefen die
Bürger zu den Waffen; „Tod den Spaniern“ schrie es durch
die Gassen, und die tumultierende Masse steckte den Staatsrat
—A

Es war das Signal zur allgemeinen Erhebung gegen die
Spanier überhaupt; vielerorts übernahmen rasch berufene
Bürgerwehren den Schutz der Städte: — frei wollte man sein —
und sehnsuchtsvoll schaute man nach Norden aus, nach Oranien.

Die nördlichen Lande aber fühlten trotz allen herben
Mutes, mit dem sie ihre Heimat verteidigt hatten, dennoch,
was die jahrelangen spanischen Schläge bedeuteten; die Deiche
waren vernachlässigt, das fette Gras der Weiden sah fast kein
Vieh mehr, der Handel lag darnieder; und noch neuerdings
war Zierikzee gefallen und das Land diplomatisch völlig ver—
einsamt. Dennoch verzagte Oranien nicht. Alsbald nach dem
Brüsseler Aufstand hatte er engere Beziehungen mit der dortigen
Bürgerwehr angeknüpft; nicht lange und er versicherte sich der
Sympathien der Staaten von Brabant. Darauf galt es zu
handeln; das Ziel konnte nur eine Vereinigung der südlichen
Provinzen mit den nördlichen zu gemeinsamem Widerstand sein.
Am 4. September wurde der Staatsrat in Brüssel unter
Sprengung der Thüren seines Sitzungssaales aufgehoben;
zeitweis ging die Gewalt an die Brabanter Staaten über,
und diese wußten alsbald die flandrischen Staaten zu gemein—
samem Handeln zu veranlassen. Darauf ward der Staatsrat
        <pb n="241" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 583
wieder eingesetzt, doch nur, um am 20. September ein Ein—
ladungsschreiben an alle Provinzialstaaten zur Beratung eines
gemeinsamen Bundes mit den Nordprovinzen zu erlassen.
Mitte Oktober trat die damit berufene Versammlung zu Brüssel
zusammen. Aber sie war äußerst unvollständig: es schien, als
sollte Oraniens Plan noch kurz vor dem Ziele scheitern.

Da half die Furie von Antwerpen aus aller Not. Die
meuterische Soldateska von Aalst hatte wohl gemerkt, daß es ihr
bald an den Kragen gehen werde. Dem beschloß sie glänzend
zuvorzukommen. Am Morgen des 4. November erschien sie bei
den befreundeten Truppen in Antwerpen, und nun stürzten sich
beide Massen aus der spanischen Zwingburg zur Plünderung
auf die unglückselige Stadt. Am Abend bedeckten die Leichname
von 8000 Ermordeten die Straßen, mehr als ein Halbtausend
friedlicher Häuser war verbrannt; der Schade belief sich auf
etwa 24 Millionen Gulden: auf Menschenalter hat sich die Stadt
von diesem Schlage nicht wieder erholt.

Wenige Tage darauf aber, am 8. November 1576, unter—
zeichneten die in Gent versammelten Deputierten der General—
staaten den Bund Oraniens; nur an wenigen Stellen fand er
schließlich Widerspruch, und am 18. November ward er vom
Staatsrat namens des Königs bestätigt.

Die 26 Artikel der Genter Pacifikation errichten zwischen
den Provinzen einen Bund zur Ausrottung der Fremdherrschaft,
zur Tagung der Generalstaaten in alter, unter den früheren
Herrschern geübter Weise, zur Aufhebung der Religionsedikte
und zur Durchführung einer allgemeinen Amnestie. Sie stellen
weiterhin die Herrschaft der reformierten Kirche in Holland und
Seeland fest, und sie gewährleisten bei allem UÜberwiegen des
katholischen Glaubens in den übrigen Provinzen doch den ruhigen
Aufenthalt der Anhänger des vrotestantischen Glaubens auch
in diesen Landen.

Ein Schutz- und Trutzbündnis mit besonderer Rücksicht auf
die brennendsten Fragen der Gegenwart umschlang damit dreizehn
Provinzen der Niederlande: Oranien hatte gesiegt.

Lamprecht, Deutsche Geschichte. V. 2. 38
        <pb n="242" />
        584 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Am Tage vor der Antwerpener Furie war in Luxem—
burg, der Hauptstadt fast der einzigen Spanien treu gebliebenen
Provinz, von wenigen Dienern begleitet ein fremder Ritter ein—
gezogen. Es war Don Juan d' Austria, der neue Statthalter
der Niederlande. Halbbruder König Philipps, umstrahlt vom
Glanze seiner Siege über die Morisken in Granada und über
die Türken bei Lepanto, sollte er nach dem Willen Philipps
in den Niederlanden die königliche Gnade verkünden und in
unbezweifelter, friedlich-stiller Autorität Ruhe schaffen: Ruhe
selbst um den Preis mancher königlichen Prärogative, wenn nur
die Stellung der katholischen Kirche gewahrt werde. Aber hitzig,
bis zum Wahnwitz ruhmgierig und durch Ausschweifungen und
rücksichtslose Zumutungen an seine Lebenskraft gelegentlich einem
wahren Paroxysmus der Erregungen zugedrängt, trug Don Juan
ganz andere Pläne in seiner Brust. Gewiß, rasch sollten die
Niederlande beruhigt werden; dann aber wollte er seinen Fuß
über die Meerenge auf Englands Boden setzen, wollte die ge—
fangene Maria befreien und als Englands katholischer König
im Bunde mit Spanien der Welt gebieten.

Die Generalstaaten zu Brüssel, denen Don Juan seine Er—
nennung und Ankunft freundlich anzeigte, die er zugleich zu
Unterhandlungen einlud, konnten nicht umhin, sich auf sein
Angebot einzulassen: freilich gegen den Willen Oraniens, der
in solchem Entgegenkommen eine erste bedenkliche Regung des
südniederländischen Katholizismus erblickte. In der That legte
am 3. Dezember eine Deputation der Generalstaaten Don Juan
die Bedingungen vor, unter denen das Land ihn aufnehmen
wollte: Amnestie, Abzug der spanischen Truppen, vor allem
Aufrechterhaltung der alten Verfassung und Anerkennung der
Genter Pacifikation und damit auch der Duldung des Pro—
testantismus überall, seiner Herrschaft aber in Holland und
Seeland.

Die Auseinandersetzung über diese Bedingungen bedeutete
        <pb n="243" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 585
für die Rechte des Statthalters wie für den Inhalt des Genter
Friedens eine gleich harte Probe. Niemals, so schien es, würde
sich Don Juan namentlich auf die konfessionellen Bestimmungen
von Gent einlassen können.

Da fand die gemäßigte, Oranien abgeneigte Partei des
Südens ein Mittel, sie ihm schmackhafter zu machen. Unter
dem Namen der Union von Brüssel verbreitete sie ein Schrift—
stück zur Unterschrift, das als den anzunehmenden Inhalt des
Genter Bundes vor allem die Aufrechterhaltung der alten Ver—
fassung und die Befreiung des Landes von spanischen Garnisonen
hervorhob, die kirchlichen Fragen dagegen, vor allem die be—
sondere Stellung Hollands und Seelands, im Zweifel ließ.

Die Partei Oraniens wandte alle Mühe auf, die Unter—
zeichnung dieses Schriftstückes zu hintertreiben. Und gewiß
konnte sie sich dabei auf die niederen Kreise des Volkes in fast
allen Großstädten auch des Südens verlassen. In dem langen
Kampfe gegen die spanische Obergewalt waren vor allem die
höchsten Volksschichten, vorweg der Adel, wenigstens Flanderns
und auch Brabants, dezimiert worden; immer mehr begann
das Bürgertum, besonders auch in seinen niedrigeren, radikal—
calvinisch gesinnten Bestandteilen, hervorzutreten. Aber noch
waren es diese Kreise nicht, welche die Meinung der General—
staaten und der durch sie regierenden höheren Schichten der Be—
völkerung stark beeinflußten oder gar beherrschten; ja eben ihre
weit über Oraniens Absichten hinausführende Maßlosigkeit war
es, die dem Schriftstück der Union zu lebhafter Förderung
diente: am 9. Januar 1577 wies es 257 Unterschriften be—
kannter Namen auf.

So wurden, grundsätzlich auf seiner Basis, die Verhand—
lungen mit Don Juan wieder aufgenommen. Sie führten am
12. Februar 1577 zum Abschluß; in einem ewigen Edikt er—
kannte der Statthalter den Genter Frieden, doch ohne Er—
wähnung der Sonderstellung Hollands und Seelands, an und
versprach den Abmarsch der spanischen Truppen. Darauf hielt
er am 1. Mai 1577 seinen feierlichen Einzug in Brüssel; ein
neues Leben schien in Frieden beginnen zu wollen.

90*
        <pb n="244" />
        586 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Aber längst schon hatte Oranien die Grundlagen der von
ihm gefürchteten neuen Statthalterschaft unterhöhlt. Er hatte,
wenn auch zunächst vergebens, in England und Frankreich son—
diert wegen Annahme einer irgendwie gearteten Herrschaft über
die Niederlande, und namentlich den ehrgeizigen Herzog von
Alençon, späteren Herzog von Anjou, den Bruder König
Heinrichs III von Frankreich, hatte er mit Träumen künftiger
niederländischer Gewalten erfüllt. Er hatte sich ferner noch
mehr als bisher in den Großstädten auch des Südens, nament—
lich in Gent und Brüssel, blind anhängliche radikale Parteien
geschaffen. Er begann endlich jetzt, den Norden enger aneinander
zu schließen; Utrecht zeigte Neigung, sich an den besonderen
Bund Hollands und Seelands anzugliedern, nicht minder einige
andere binnenliegende Lande.

Wie sollte nun Don Juan, waffenlos, wie er war, dem
allen entgegentreten? Er führte Verhandlungen mit Oranien,
um ihn an Spanien zu fesseln. Aber vergebens waren alle
Lockungen. So blieb seinem leidenschaftlichen Sinne, der sich
mit Ungeduld in die unerträglichen Fesseln langatmiger Ver—
handlungen und heimlicher Intriguen verstrickt sah, nur ein
Ausweg: die Gewalt. Schon früh schrieb er an Philipp,
Seine Majestät möge sich bereit halten, seine und Gottes Ehre
in einem höchst grausamen und schrecklichen Kriege zu ver—
teidigen, und am 24. Juli 1577 bemächtigte er sich, gelegentlich
einer Reise nach dem Süden, plötzlich des Kastells von Namur.
Es war, militärisch betrachtet, ein ausgezeichneter Schachzug:
die Maasgegend beherrschend, lehnte der Statthalter sich jetzt
nach Osten zu an Luxemburg an, die einzige treue Provinz,
und im Westen hatte er die Nachbarschaft des starken katholischen
Adels der südlichen Grenze.

Aber die Generalstaaten verstanden, was gemeint war.
Oranien zog jetzt sieghaft, am 28. September, in Brüssel ein;
zum erstenmal sah er die Stadt wieder, in der Egmonts
—DDDDDD—
sich wieder in den Räumen seines von Alba geplünderten
Palastes: vollkommen erschien er Herrscher des Landes.
        <pb n="245" />
        VNiederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 587
Es war eine Lage, die den gemäßigten, namentlich den
katholischen und katholisierenden Bestandteilen der Generalstaaten
unhaltbar erschien; sollten zudem die Südprovinzen, bisher
weitaus das Centrum der politischen wie der kulturellen Ent—
wickelung der Lande, ein in der Person Oraniens so offen aus—
gedrücktes Ubergewicht des Nordens anerkennen? Sie be—
schritten einen Weg, den sie in anderer Lage schon öfters ein—
geschlagen hatten; sie suchten die Hilfe des Reichs, vor allem
des Kaisers. Bereits im verflossenen Jahre hatte sich ihnen
Matthias, Kaiser Rudolfs II. Bruder, ein leichtlebiger und leicht—
sinniger Herr, der spätere Kaiser, zum Statthalter angeboten,
wie denn die deutschen Habsburger schon längst Philipp um
die Ernennung eines Erzherzogs zum Statthalter angegangen
hatten; jetzt erschien er auf Begehren der Staaten am
29. Oktober in Diest, bereit zur Ubernahme von Don Juans
Herrschaft.

Aber schon war Oranien diesem Eifer zuvorgekommen.
Am 17. Oktober hatte seine Partei in Brüssel vorgeschlagen, daß
er zum Ruwaard von Brabant ernannt würde; bald darauf
nahmen seine Helfershelfer in Gent den Herzog von Aerschot,
den auf staatischer Seite stehenden Statthalter von Flandern,
gefangen. Es waren Maßregeln, wodurch die Generalstaaten
veranlaßt wurden, nunmehr Don Juan abzusetzen und am
10. Dezember eine neue allgemeine Konföderation jetzt aller
17 Provinzen, die sogenannte zweite Brüsseler Union, ein—
zugehen. In ihr erreichte Oranien seine letzten innerstaatlichen
Ziele; auf der Grundlage des Genter Bundes wurde jetzt das
reformierte Bekenntnis als völlig gleichberechtigt neben dem
katholischen anerkannt.

Erst nachdem dies alles geschehen, ließ Oranien Matthias
als Statthalter zu, als dekoratives Element der neuen, im
Grunde republikanischen, doch ganz unter der Autorität Oraniens
stehenden Verfassung. Als „Greffier des Prinzen“, wie ihn
der Volkswitz bezeichnete, hat dann Matthias eine zeitlang den
Herrscher gespielt.

Inzwischen aber hatte auch König Philipp das Unhalt—
        <pb n="246" />
        588 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
bare der Lage Don Juans eingesehen. Und noch einmal
machte er eine äußerste Anstrengung, mit ihm vereint den Weg
der Gewalt zu erzwingen. Er sandte außerordentliche Summen,
ein neues Heer zu werben; Prinz Alexander von Parma, ein
Sohn der Statthalterin Margareta, führte spanische Kern—
truppen heran; im Beginn des Jahres 1578 sah sich Don
Juan in der Lage, einen entscheidenden Feldzug zu beginnen.
Und nichts fast hatten die Generalstaaten ihm gegenüberzu—
stellen; ihr elendes Heer wurde alsbald, schon am 81. Januar,
bei Gembloux von einem Teile der Truppen Don Juans zer—
rieben. So sah Don Juan freudig in die Zukunft. Aber eben
jetzt wurde er von Philipp nicht mehr genügend unterstützt.
Es zeigte sich, daß der Staatsschatz Spaniens, daß die Nation
erschöpft war. Vergebens bat Don Juan um Geld, um In—
struktionen. Philipp, völlig ohnmächtig, nahm die Vermittlung
des Reichs und des Kaisers an, und gebrochenen Herzens starb
der Sieger von Lepanto am 1. Oktober 1578, von einer pest—
artigen Krankheit dahingerafft.

Der Stellung Oraniens hatte die Niederlage der Staaten
bei Gembloux zunächst alles andere als geschadet. In der
Erwartung neuer Drangsale waren die Calvinisten noch radikaler,
als bisher, hervorgetreten; in Gent feierten sie ihren Sieg in
erneutem Bildersturm, in allen katholischen Städten nahmen
sie überhand und machten sich weit über Zahl und innere Be—
deutung hinaus geltend; und im Norden trat jetzt die letzte katho—
lisch widersetzliche Stadt, Amsterdam, auf Seite des Prinzen.
Es schien eine durchaus erfreuliche Wendung; im Grunde freilich
erweiterte sie die bestehenden Gegensätze der Bekenntnisse in
einem Grade, der der zukünftigen Gemeinsamkeit auch nur der
politischen Anschauungen im Bereiche aller Provinzen an—
scheinend vorgriff.

Vorläufig indes bedurfte es, nachdem die innere Einheit ge—
wonnen war, vor allem des Schutzes nach außen. Und hier
lagen Aufgaben, denen der Kopf Oraniens besonders gewachsen
schien.

Drei protestantische Mächte kamen hier, wie vor alters,
        <pb n="247" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 589
für den Schutz der Niederlande in Betracht: das Reich, jetzt durch
das habsburgische Kaisertum und dessen Emissär, den Erzherzog
Matthias, schlecht und recht vertreten, und weiter Frankreich
und England. Während der Einfluß des Reichs in mäßigen
Grenzen noch immer als legitim erachtet wurde, hatten die
beiden andern Mächte ganz die Rollen auswärtiger Staaten.
Aber von diesem Gesichtspunkte her waren sie seit Jahrhunderten
gewöhnt, die Niederlande als Domäne ihres Einflusses zu be—
trachten und sich auf diesem Kampfplatze gegenseitig zu befehden.
Es war eine Lage, die mit den Eroberungsversuchen Frankreichs
im 12. Jahrhundert eingesetzt hatte, die mit den Zeiten der
Artevelde vollkommen ausgebildet erschien!, und die nur durch
die Einbeziehung der Niederlande zuerst in die burgundische,
dann in die spanische Macht für einige Zeit verdunkelt worden
war. Jetzt, mit der Verselbständigung der Provinzen, trat sie
ohme weiteres wieder hervor.

Nun hatte England schon die Berufung des Erzherzogs
Matthias gern gesehen und bald darauf mit den Generalstaaten
einen günstigen Unterstützungsvertrag abgeschlossen in der
einzigen Absicht, dem Kandidaten Frankreichs für eine etwa zu
beg ründende niederländische Herrschaft, dem Herzog von Anjou—
Alençon, das Wasser abzugraben. Für Oranien ergab sich aus
dieser Lage der Entschluß, mit einer endgültigen Lösung der
Herrschaftsfrage zu zögern, um England sowohl als Frankreich
an der Hand zu behalten, so sehr er auch begriff, daß die
Niederlande Spanien gegenüber vor allem auf Frankreichs
Wohlwollen angewiesen waren.

Indes, ehe diese auswärtigen Fragen in voller Klarheit
hervortraten, war die innere Einbeit der Provinzen schon wieder
in Frage gestellt.

Nach dem Tode Don Juans hatte der Prinz von Parma,
ein ebenso trefflicher Heerführer als maßvoller Staatsmann,
sich alsbald der niederländischen Statthalterschaft im Namen
Spaniens bemächtigt. Und belehrt durch das Schicksal Don

1G. u. a. Band IV 1388f., 455 f.
        <pb n="248" />
        590 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Juans, suchte er seine Würde sofort dadurch zur Macht zu
entwickeln, daß er den Provinzen alle Wohlthaten des Genter
Friedens wie der Brüsseler Union anbot — d. h. alle staat⸗
lichen Wohlthaten, die Oranien den Generalstaaten zugesichert
hatte, mit Ausnahme allein der Freiheit des protestantischen
Bekenntnisses. Es war eine Lockspeise für die südlichen,
katholischen Provinzen mit ihrem noch immer starken, Oranien
feindlichen Adel, die ihre Wirkung nicht verfehlte. Am
17. Mai 1579 schlossen die Staaten von Artois und Hennegau,
sowie Abgeordnete von Douai, Lille und Orchies zu Arras
einen Vertrag mit Parma, wodurch sie sich unter den ange—
botenen Freiheiten seiner Statthalterschaft unterstellten; die Ein—
heit aller Provinzen begann sich zu lösen; Spaniens Statt—
halter hatte, wohin er sein Haupt legte.

Oranien vermochte der langsamen Entwicklung dieser Vor—
gänge gegenüber die übrigen Provinzen kaum noch beiein—
ander zu halten. Die Formen eines bundesstaatlichen Lebens
waren fast noch unbekannt; keine der Provinzen wollte sich
ihnen völlig fügen, und das gemeinsame Organ, die General⸗
staaten, begann gelegentlich zu versagen. Da blieb nichts
übrig, als dem südlichen Kern einen nördlichen gegenüberzu—
stellen; denn nicht mehr nach einfacher, centraler Gliederung,
nach einer elliptischen Entwicklungsform vielmehr mit zwei
Brennpunkten schien das Leben der Provinzen zu streben. In
der That, wie gefestet waren die sozialen Gegensätze schon zwischen
dem Süden und Norden! Im Süden war dem regen Bürger⸗
tum und den republikanischen Neigungen des 14. Jahrhunderts
schon längst kommerzieller Verfall und ein neuer Aufschwung
des Adels gefolgt — im Norden dagegen vollzog sich eben jetzt
in den Küstenprovinzen, die nunmehr ganz vor den alten Kultur⸗
gegenden Gelderns, Overijssels, Utrechts in den Vordergrund
traten, der Aufschwung eines kommerziellen Bürgertums; ganz
neue Lebenshaltungen sollten hier bald emportauchen, die des
Reeders, des Großhändlers in wenigen oder gar nur einer

S. Band IV 139f.
        <pb n="249" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 591
Ware, des Staatsgläubigers, des Aktionärs und des speku—
lierenden Unternehmers. Und nicht minder stark waren die
geistigen Gegensätze zwischen Nord und Süd. Der Süden
war schon verwelscht!, im Norden herrschte durchaus deutsche
Sprache und Sitte; der Süden war vorwiegend katholisch,
der Norden in seinen wichtigsten Städten und Provinzen zu—
meist protestantisch. Da war eine Trennung auf die Dauer
schwerlich zu vermeiden.

Im Norden wurde das am ehesten in Holland empfunden;
wie dies Land sich ehedem am längsten südlicher Beherrschung
gefügt hatte?, so wurde es nunmehr zum frühesten Mittelpunkte
dauernder Emancipation. Von hier ging bereits im Jahre
1577 das Bestreben aus, den schon bestehenden besonderen
Bund der Provinzen Holland, Seeland und Utrecht zu dem
größeren der spätern sieben nördlichen Provinzen zu erweitern.
Der erste und wichtigste Schritt hierzu ward in der Union von
Utrecht vom 23. Januar 1579 gethan. Darnach sollten all
die Provinzen, Städte und Gebiete, die sich dieser Union an—
schlössen, unter sich in einem ewigen Bunde vereinigt sein.

Freilich wurde der Bund staatsrechtlich noch schwach genug
ausgestattet. Im wesentlichen war es nur ein Verteidigungs—
bund; die durch die einzelnen Provinzialstaaten vermittelst
Delegierter zu besendenden Generalstaaten sollten vornehmlich
nur über Krieg und Frieden und damit dann allerdings auch über
die Führung der auswärtigen Politik und über die Aufstellung
von Heeren entscheiden. Diese Rechte zogen dann noch ein Bundes—
besteuerungsrecht nach sich, doch waren die Erhebungsbehörden
für die hauptsächlichsten gemeinsamen Einnahmen, die Zölle,
wiederum nicht bundesstaatlichen, sondern nur provinzialen
Charakters. Und wenn noch für wichtigere Abstimmungen innerhalb
der Generalstaaten ein Mehrheitsrecht gegolten hätte! Aber davon
war nicht die Rede; für alle Entscheidungen von Bedeutung
wurde Einstimmigkeit verlangt und oft erst in mühsamen Ver—

S. Band IV S. 455.
2 S. Band IV S. 136.
        <pb n="250" />
        592 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
handlungen mit den Provinzialstaaten als Auftraggebern der
generalstaatischen Deputierten hergestellt. Schon diese That—
sache schloß jede regere Gesetzgebung über gemeinsame innere
Interessen beinahe aus. In der That ist es auch erst sehr
langsam zu einer Gesetzgebung sogar über einheitlicher Regelung so
bedürftige Materien, wie Handel und Schiffahrt, Transport⸗
wesen und gewerbliche Fragen, gekommen; als Gegenstand
gemeinsamer Legislatur wurde anfangs fast nur das Münz-
wesen bezeichnet, und die Ausführungsorgane gemeinsamer
Vorschriften sind selbst auf dem Gebiete der Post und des
Bankwesens lange provinzialen Charakters geblieben.

Der Bund war also nach unseren Begriffen schwach, ganz
abgesehen davon, daß es jedem nordniederländischen Gemein—
wesen auf lange hin noch frei stand, ihn anzunehmen oder nicht.
Gleichwohl enthielt er das erste Grundgesetz jener Verfassung,
unter der Nordniederland mehr als zwei Jahrhunderte hindurch
geblüht hat: ein deutlicher Beweis dafür, welch unerhörte
Daseinskraft bundesstaatlichen Einrichtungen innewohnt, die,
wie z. B. die nordamerikanische und die heutige deutsche Ver—
fassung, der Selbstverwaltung der einzelnen Bundesglieder klare
Luft zum eigenen Gedeihen belassen.

Der eben im Werden begriffene Bund hatte alsbald eine
doppelte Probe seiner Lebensfähigkeit zu bestehen. Der Kaiser,
besorgt um die Stellung des Erzherzogs Matthias, der noch
immer dem weiteren Bunde aller Provinzen vorstand, unter—
nahm zu Köln eine große Vermittlungsaktion zwischen Spanien
und den Provinzen, deren Erfolg wohl ohne weiteres den Unter—
gang der Utrechter Union herbeigeführt haben würde. Und
Parma näherte sich kriegerisch den Grenzen der nördlichen
Provinzen. Die erste Gefahr wurde, dank der Entschlossenheit
Oraniens und der Hartnäckigkeit der Spanier, rasch beseitigt;
der Kongreß verlief erfolglos. Anders stand es mit dem Vor—
gehen Parmas. In einem furchtbaren Blutbad nahm der
Prinz am 29. Juni 1579 Maastricht; im Januar 1880 gewann
er Groningen durch Verrat, und vergebens versuchte die Union
diesen wichtigen Platz des Nordens wieder in ihre Gewalt zu
        <pb n="251" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 593
bekommen. War es da nicht wahrscheinlich, daß Parma, zu—
dem in den südlichen Provinzen immer mehr anerkannt, den
furchtbaren Feldzug Albas gegen Holland wiederholen würde?
Und die nördlichen Provinzen waren nicht genügend gerüstet,
sich erfolgreich zu wehren.

In dieser Not blieb nichts übrig, als sich auf eine äußere
Macht zu stützen. Und diese konnte, sollte anders der große
Verband der 17 Provinzen, noch immer das Ideal aller weit—
blickenden Staatsmänner, vor allem Oraniens, erhalten bleiben,
nirgends sonstwo, als im Süden der von Parma schwer be—
drohten Provinzen, in Frankreich, gesucht werden. Es war
eine Thatsache, die dem gemeinen Verständnis der protestantischen
Nordniederländer nur schwer einging, und Oranien bedurfte
all seiner Überredungskunst, um sie begreiflich zu machen. Aber
endlich, nach unablässigen Mühen, gelang es ihm; und in dem
Vertrage von Plessis les Tours vom 19. September 1580
konnte festgesetzt werden, daß der künftige Herrscher der Nieder⸗
lande der Herzog von Anjou sein würde. Darauf schworen
wenigstens die nördlichen Provinzen sowie Flandern und
Brabant feierlich die Herrschaft des spanischen Königs ab, und
jubelnd begrüßt erschien, während der Erzherzog Matthias still
verschwand, der neue französische Herrscher, am 10. Februar 1582.

Wäre jetzt nur der Prinz seiner Aufgabe auch nur einiger—
maßen gewachsen gewesen! Aber in diesem unansehnlichen,
pockennarbigen Zwerge wohnte ein verschrobener Geist, den
man vergebens durch geheiligte Verträge dazu hatte erziehen
wollen, Herrscher eines freien Volks zu sein. Kaum im Lande,
versuchte er sich in sinnlosen Anschlägen auf die beschworene
Verfassung, und die französische Furie von Antwerpen fegte
im Januar 1583 ihn und seinen Anhang mit einem Ruck
wieder aus dem Lande.

Damit war die Lage schwieriger, als je zuvor. Und in
diesen Nöten traf die Niederlande fast das schwerste Unglück,
das sie heimsuchen konnte. Schon längst hatte Spanien einen
Preis auf den Kopf des Oraniers gesetzt; mit Mühe war er
am 18. März 1582 einem ersten Anschlag auf sein Leben
        <pb n="252" />
        594 Sechzehntes Buch. Zweites Napitel.
entgangen. Jetzt traf eine zweite Kugel besser; am 10. Juli 1584
ward Wilhelm von Oranien zu Delft, nahe dem Speisesaal
des baumumschatteten Statthalterhofes, ermordet. Seine letzten
Worte galten seinem Volke.n

Parma wußte wohl, daß er mit Oranien den einzigen
ebenbürtigen Gegner verloren hatte. Das Schicksal der Süd—
staaten war jetzt besiegelt. Hatte sie schon Oranien nur unter
den größten Schwierigkeiten beiden nördlichen Provinzen
festhalten können, wie sollte das nach seinem Tode gelingen?
Zwar thaten die Generalstaaten der vereinigten Provinzen alles,
was in ihrer Macht lag, Oranien zu ersetzen; schon einen Tag
nach dem schrecklichen Ereignis verkündeten die sechzehn in
Delft anwesenden Mitglieder der Staaten, daß sie mit Gottes
Hilfe die gute Sache bis zum AÄußersten schützen wuͤrden, ohne
Sparung Blutes und Gutes; und im August 1584 fand eine
Rekonstruktion der obersten Regierung unter der Leitung
Moritzens, des zweiten Sohns des Oraniers, statt, der sich außer
den Staaten der Nordprovinzen auch die von Mecheln, Brabant
und Flandern noch unterzogen.

Allein schon waren die wallonischen Teile der Südprovinzen
abgefallen. Von ihnen war der Vertrag von Arras ausge—
gangen; sie hatten schon im Mai 1582 eine Unterwerfungs—
botschaft nach Madrid gesandt. Dann hatte Parma, auf sie und
ein gutes Heer von 60 000 Mann gestützt, die ersten germanischen
Bestandteile des Südens unterworfen: Eindhoven, Diest, Dün—
kirchen, Nieuwpoort, Brügge. Jetzt ging er weiter. Während er allen
Staaten Verzeihung unter den billigsten Bedingungen anbot,
freilich ohne im Norden Gehör zu finden, bedrängte er zugleich
Flandern und Brabant durch immer drohendere Kriegszüge.
Im März 1585 fiel Brüssel in seine Hand, im Juli darauf
Mecheln; schon schien das Land überhaupt zur Unterwerfung
bereit, und nur noch das stolze Antwerpen, jetzt unbestritten
die erste Stadt des Südens, widerstand ihm Aber er schloß
Uüber die Echtheit der Worte „Mon Dieu, aye pitié de moy et
du pauvre peuplé“ ist viel gestritten worden. S. dazu namentlich
Fruin im Gids 1884, 2, S. 244 f.
        <pb n="253" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 595
es bereits enger und enger ein; vergebens suchte man Stadt
und Hafen zu entsetzen — und am 17. August 1585 mußte
auch das letzte Bollwerk südniederländischer Freiheit die Waffen
strecken.

Es ehrt Parma, daß er der Stadt glimpfliche Bedingungen
bot, wenngleich er durch das Verbot des protestantischen
Gottesdienstes ihre reichsten und unternehmendsten Bürger für
immer vertrieb und hierdurch dazu beitrug, die Stadt auf
Jahrhunderte ihrem eigentlichen Lebenselemente, dem übersee—
ischen Großhandel, zu entziehen. Aber mit Stolz konnte er
großmütig sein: mit dem Fall Antwerpens lagen die südlichen
Niederlande für immer zu seinen Füßen, sie waren Spanien
zurückgewonnen; und nur um den Kampf gegen Nordniederland,
gegen die in der engeren Union von Utrecht vereinigten Pro—
oinzen konnte es sich fürder noch handeln.
VI.

Wie leicht aber erschien in diesem Augenblicke ein Kampf
gegen die nördlichen Niederlande! Kaum aus dem alten
Verbande mit den südlichen Provinzen herausgetreten, schienen
sie alsbald innerer Zersetzung anheimzufallen.

Es ist schon betont worden, daß die früheren Jahrhunderte
eine höhere Kultur auf niederländischem Boden eigentlich nur
in den Binnenlanden, in Geldern, in Utrecht und in dem
früher seebeherrschenden Friesland mit seinen Zuiderseehäfen
gezeitigt hatten. Dementsprechend waren dort die alten Standes—
bildungen des 12. bis 16. Jahrhunderts vertreten, neben dem
Bürgertum ein nicht unbedeutender Klerus, der sich als sozial—
politische Schicht teilweis noch bis in die neuesten Jahrzehnte
hineingerettet hatte, sowie ein zahlreicher, wenn auch im
einzelnen nicht mächtiger Adel. Und in den Städten huldigten
die herrschenden Bürgerfamilien streng konservativen Tendenzen,
was denn schon seit der Wende des 15. Jahrhunderts,
wie im übrigen Deutschland, die Entstehung einer radikal ge—
sinnten Gemeinde zur Folge gehabt hatte. Besonders deutlich
        <pb n="254" />
        596 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
zum Ausdruck gelangte diese Lage im ehemaligen Bistum
Utrecht, dem höchsteivilisierten Lande alter Zeit; und in der
Stadt Utrecht speziell bestand zwischen dem Rat und den
Ratsgeschlechtern, den extrem aristokratischen Regenten der
Vroedschap auf der einen Seite, und den fortschrittlich⸗
calvinischen Fuührern der Gemeinde auf der anderen Seite
ausgesprochene Feindschaft.

Das hinderte aber beide Parteien nicht, mit der ganzen
Bevölkerung der Binnenlande überhaupt erregt und neidvoll
auf Holland und Seeland zu blicken. Was war aus diesen
Ländern einst ewiger Wassersnot und mühsamen Deichbaus im
Laufe der letzten Menschenalter geworden! Kühn hatten sie
sich des einzigen Vorteils bemächtigt, den ihre Lage unter den
allgemeinen Wandlungen des Welthandels jetzt bot!, der Nähe
des Meeres. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt hatten sie mehr
Schiffe auszurüsten, kühnere Fahrten zu planen begonnen; jetzt
beherrschten sie schon den wichtigsten aller europäischen Zwischen⸗
händel, den Transport des Getreides aus den menschenarmen
Küstengebieten der Ostsee nach den kulturerschöpften Gegenden
der Mittelmeerländer, vor allem auch nach Spanien. Das
hatte den westlichen Städten von Dordrecht und Rotterdam
hin bis nach Amsterdam einen unerhörten Aufschwung gegeben:
schon trugen sie weit über die Hälfte aller gemeinsamen
Bundeslasten; schon bildete sich in ihnen die bisher unbekannte
Schicht eines moderneren, kommerziell beanlagten Großbürger⸗
tums aus; und unter der aristokratischen Haltung dieses
Bürgertums gewann auch die religiöse Stimmung, so sehr sie
noch vorherrschte, einen besonderen, getrageneren Charakter.

Es war unmöglich, daß all diese Gegensätze in der Union
ohne Wirkung blieben. Es war um so weniger denkbar, als
Holland und Seeland bisher schon eine führende Rolle gespielt
hatten, und als sie auf Grund dieser Vergangenheit neuerdings
Moritz, den Sohn Oraniens, zum Generalkapitän und Admiral
von Holland gewählt, sich mithin die Traditionen des großen

S. oben S. 482 ff.
        <pb n="255" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 597

Toten der Union gleichsam besonders einverleibt hatten,
während sich etwa gleichzeitig der Syndikus der holländischen
Provinzialstaaten, der staatsmännisch glänzend beanlagte
Johann von Oldenbarneveld zum Syndikus der Generalstaaten
der Union überhaupt aufzuwerfen begann und damit eine
Verbindung von Amtern schuf, der sich heutzutage etwa die
Vereinigung der preußischen Ministerpräsidentenschaft mit dem
Amte des Reichskanzlers vergleichen läßt.

Eigen aber war die Art, in der diese inneren Gegensätze
der jungen Union zu Tage traten, und eigen die Art, wie sie
sich auslebten.

Nach dem Tode Oraniens und dem Fall Antwerpens
hatte die Union vor allem eine rasche Überrumpelung durch
Parma zu fürchten; nie schien die volle Wiederherstellung der
spanischen Herrschaft wahrscheinlicher, als damals. Die
Generalstaaten sahen dagegen nur eine Rettung, die Hilfe des
Auslands. Konnte man sich aber wieder an Frankreich
wenden, wie Oranien früher in verwandter Bedrängnis? Frank⸗
reich hatte inzwischen in dem Edikt von Nemours die Ausübung
jeder anderen als der katholischen Religion bei Todesstrafe
verboten. Oder war deutsche Hilfe zu erwarten? Das Reich
—
mation!. So blieb nur England. Und England, das eben
damals Frankreich spanischen Einwirkungen immer zugänglicher
werden sah, hatte in der That demgegenüber ein Interesse, die
Union zu halten. So kam am 10. August 1585, noch vor
dem Falle Antwerpens, ein Vertrag zwischen Königin Elisabeth
und den Deputierten der Generalstaaten zu stande, wonach die
Königin den Staaten eine kleine militärische Unterstützung sowie
die Gemeinsamkeit aller künftigen Friedensverhandlungen mit
Spanien versprach, während diese ihr die Städte Briel und
Vlissingen als Pfand überließen und sich verpflichteten, zwei Eng—
länder mit Sitz und Stimme in ihren Staatsrat aufzunehmen.

Auf Grund dieses Vertrages kam Lord Leicester, als

S. unten Kap. 3 Nr. III.
        <pb n="256" />
        598 J Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Führer der englischen Truppen, an 19. Dezember 1585 ins
Land. Allein bei dem lebhaften Bedürfnis nach äußerer Unter—
stützung, das die Staaten empfanden und das sie früher schon
bis zum Angebot der Unterthanschaft gegenüber Königin
Elisabeth geführt hatte, begnügten sie sich nicht mit der unter—
geordneten, rein militärischen Stellung Leicesters. Sehr uner—
wartet für die Königin riefen sie ihn vielmehr durch Accord
vom 1. Februar 1586 zum Generalgouverneur der Union
mit beinahe souveränen Gewalten aus.

Leicester wurde dadurch unmittelbar zur Stellungnahme
in den sich ankündigenden inneren Gegensätzen der Union
getrieben. Und er nahm sie, da er in Holland und auch See—
land Moritz von Oranien in einer mit seinen neuen Gewalten
kaum verträglichen Stellung fand, auch den sich aufdrängenden
Einfluß des Großbürgertums unter Oldenbarneveld scheute,
sehr begreiflicherweise zu gunsten der Binnenlande und inner—
halb der binnenländischen Gegensätze wieder zu gunsten der
großen, besonders calvinisch gesonnenen Gemeinden, vor allem
derjenigen Utrechts. Damit mußte sich in seinem durch diese
Gemeinden gestützten Kampfe gegen Moritz, Oldenbarneveld und
die Seelande überhaupt der künftige innere Charakter der
Union ausbilden.

Leicester begann damit, daß er von Utrecht aus am
4. April 1586 ein Ausfuhrverbot für Lebensmittel erließ,
ganz im Sinne seines radikalen Utrechter Anhangs, zum
schweren Schaden aber des holländischen Getreidehandels nach
Spanien. Er versuchte weiterhin, entsprechend den Wünschen
der calvinischen Intransigenten, eine einheitliche Ausgestaltung
der reformierten Kirche durch alle Provinzen zu erreichen, sehr
gegen den Wunsch der mehr indifferenten Neigungen des Groß—
handels, der die staatliche Beherrschung der Kirche und eben
darum deren decentralisierte Verfassung begünstigte. Er ging
endlich mit unmittelbarer Gewalt gegen die Provinz Holland
und Oranien vor, indem er Nordholland, das alte Westfriesland,
von ihr abtrennte, indem er in einzelne Städte des Landes
Garnisonen legte und endlich an Stelle der Oranien unter—
        <pb n="257" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 599
stehenden Admiralität drei Admiralitätskollegien provinzialen
Charakters errichtete. Es waren Maßregeln, die in Verbindung
mit anderen, geringfügigeren, in den Seeprovinzen die äußerste
Aufregung hervorriefen und selbst dann zu energischem Wider—
stand geführt haben würden, wenn Leicester nicht gleichzeitig
durch Verlust der Maasfestungen das Vertrauen zu seinen
militärischen Fähigkeiten verscherzt hätte.

Unter diesen Umständen aber ging Holland erst recht gegen
ihn vor. Als er am 31. Oktober 1586 die Niederlande zu ver—
lassen erklärte, um wichtige Geschäfte in England zu besorgen,
übrigens nicht ohne für die Regierung der Lande ungesetzliche
Anordnungen zu hinterlassen, da brach der Haß der Seelande
gegen ihn los. Das Ausfuhrverbot vom 4. April 1586 wurde
in allen seinen lästigen Bestimmungen aufgehoben, den Städten
wurde die Erlaubnis erteilt, gegen die teilweis meuternden
englischen Truppen eigne Söldner, die Waardgelders, in Dienst
zu nehmen, und schließlich wurde gar Moritz zum Höchstkom—
mandierenden der Union ernannt und der Königin Elisabeth
ein in heftigen Ausdrücken abaefaßtes Beschwerdeschreiben gegen
Leicester zugefertigt.

Es waren Schritte, die, auch soweit sie von den General—
staaten ausgingen, durchaus im Sinne von Holland gehalten
waren. Wie war das nun bei dem früheren regen Widerstand
der Binnenstaaten gegen die Seeprovinzen möglich? Schon längst
hatte sich in diesen eine Holland günstige Klärung der inneren
Lage vollzogen. Hatte sich Leicester auf die Seite der hier vor—
handenen, stramm calvinisch gesinnten Stadtgemeinden ge—
stellt, so waren dem früh die Vroedschappen, die aristokratischen
Räte und ihre Geschlechter, entgegengetreten; noch Leicester hatte
deren sechzig aus Utrecht verbannen müssen. Aber gerade diese
Kreise besetzten die Provinzialstaaten und damit auch deren
Repräsentanz, die Generalstaaten. So stimmten in den General—
staaten auch die Vertreter der Binnenlande aus Widerwillen
gegen die Gemeinden zum größten Teile für Holland und gegen
Leicester. Für Leicester und gegen Holland blieben mithin nur
noch die Neigungen der Gemeindeparteien der Binnenlande,

Lamprecht. Deutsche Geichichte. V. 2. 39
        <pb n="258" />
        600 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
daneben auch die Neigungen der eben jetzt erst langsam zu
politischem Denken erwachenden Gemeindeparteien der großen
Städte der Seelande, Amsterdams etwa und Leidens. Mit
ihnen allein konnte Leicester noch rechnen und handeln. Nach
seiner Rückkehr hat er das thatsächlich versucht. Indes der
Erfolg war gering; nirgends kam es trotz aufreizender Plakate
und teilweis sogar persönlichen Erscheinens des Grafen zum
Aufruhr; in Amsterdam wurde die Erhebung dadurch vereitelt,
daß der Bürgermeister den Grafen nach seiner Ankunft mit
Truppen, angeblich einer Ehrenwache, umgab.

So war für Leicester im Lande kein Bleibens mehr, um
so weniger, da man in allen Schichten des Volkes unter dem
Eindruck lebte, die Königin von England wolle mit den ver—
haßten Spaniern Frieden schließen; verbittert hat er darum
Ende 1588 das Land verlassen. Für die Union aber stand
von diesem Augenblicke an fest, daß sie eine aristokratische Handels—
republik unter der Führung der Seelande, vor allem Hollands,
sein werde.

Was die Union aber mit dieser Erledigung innerer Schwie—
rigkeiten an Stärke gewonnen hatte, das wandte sie in den
nächsten Jahren mit großem Erfolge gegen den alten Feind,
gegen Spanien. Schon im Jahre 1588 hatte sie sich mit Ruhm
an der Abweisung der spanischen Armada beteiligt, die Philipp,
nochmals der umfassendsten Konzeption einer katholischen Welt—
macht lebend, gegen England gesandt hatte; es war eine Haltung,
die ihr den Dank und das nach der Regierung Leicesters einer
Erneuerung dringend bedürftige Vertrauen Englands eingebracht
hatte. Dann aber wandten sich ihre Heere unter Führung des
jungen Moritz von Oranien und seines trefflichen Vetters, Wilhelm
Ludwigs von Nassau, vor allem gegen Parma.

VParma war in diesen Jahren, eigner Neigung wie aus—
gesprochener Weisung König Philipps folgend, vor allem gegen
Frankreich thätig gewesen, mit dem Spanien im Kriege lag;
er war zudem auf Schritt und Tritt durch Meutereien seiner
unbezahlten Truppen, jetzt auch spanischer Regimenter, behindert;
bis zu seinem Tode (3. Dezember 1592) hat er dem nörd—
        <pb n="259" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 601
lichen Kriegsschauplatz wenig Aufmerksamkeit mehr geschenkt.
Um so ruhiger, systematischer gleichsam kräftigte die Union
ihre Heere; und von Belagerungen, deren Technik bald meister⸗
haft geübt ward, gingen Moritz und Wilhelm Ludwig mit ihren
jungen Truppen schließlich sogar zu dem Wagnis offner Manöver
und zur Beteiligung an den franzöfisch-spanischen Feldzügen
über. Vor allem aber galt es die volle Befreiung der Heimat.
Da ward zunächst Breda den Spaniern durch kühnen Hand—
streich entrissen, dann folgte eine Anzahl kleinerer Festungen in
Nordbrabant; hierauf erlagen Zutphen, Deventer und Nymwegen
den Belagerern: endlich, in den Jahren 1392 - 1594, wurden
auch Steenwijk und Coevorden, Geertruidenberg und Groningen
genommen: der ganze Norden war vom Feinde gesäubert.

Inzwischen aber war es in den südlichen Niederlanden zu
beachtenswerten Veränderungen gekommen. Am 30. Januar 1594
war der österreichische Erzherzog Ernst, Schwager des Königs Philipp
und Bruder des Kaisers, als neuer Statthalter eingezogen; er
war mit starken Geldmitteln ausgestattet; man erwartete von
ihm ein energisches Vorgehen gegen den Norden und eine neue
Blüte des von so vielen Kriegsjahren schrecklich mitgenommenen
Südens. Nun trat freilich in der kurzen Zeit seiner schwachen
Regierung nichts dergleichen ein; als ihm aber sein Bruder
Albrecht, bisher Vizekönig von Portugal, folgte, ein Mann wahr—
haft königlichen Wesens und festen Auftretens, da konnte
man auf einen neuen Aufschwung der spanischen Angriffe ge—
faßt sein.

Die Generalstaaten suchten gegen diese neuen Verwicklungen
die alte Hilfe Frankreichs. Und nach manchem Zaudern ward
sie ihnen in unzweideutigster Weise gewährt; am 17. Januar
15985 erklärte König Heinrich IV. an Spanien den Krieg. Unter
diesen Umständen galt es, vor allem eine Gemeinsamkeit der
staatischen und der nordfranzösischen Kriegsführung gegen die
spanisch⸗niederländischen Truppen herzustellen; und schon im
Februar 1595 bemächtigte sich ein staatisches Heer zu diesem
Zwecke des lüttichschen Platzes Huy: er sollte über Luxemburg
die Verbindung mit den Franzosen sichern. Indes dieser günstige

39 *
        <pb n="260" />
        602 Sechzehntes Buch. Zweites KNapitel.
Anfang blieb vereinzelt. Die Spanier nahmen Huy bald wieder
ein und verjagten die Franzosen aus Luxemburg; ein glänzender
Sieg Heinrichs IV. auf dem burgundischen Kriegsschauplatze
bei Fontaine Française nützte wenig; die Spanier begannen
gleichwohl die wichtige Festung Cambray zu belagern und
nahmen sie am 9. Oktober 1895. Und auch das folgende
Kriegsjahr brachte nur Enttäuschungen. Die Spanier eroberten
Calais und sahen sich damit außer Dünkirchen noch im Besitz
einer zweiten Seefeste, von der aus sie der holländischen und
französischen Schiffahrt schaden konnten; bald darauf fiel auch
Hulst in ihre Hände. Freilich war die Eroberung Hulsts ihnen
teuer zu stehen gekommen; ihre Kassen wie ihr Heer waren
gegen Ende des Jahres 1596 erschöpft; aber dennoch waren
sie Sieger.

Es war eine Verschiebung der kontinentalen Kräfte am
Ärmelkanal, die Elisabeth von England besorgt machte. Längere
Zeit schon hatte sie die immer enger werdenden Beziehungen
zwischen Frankreich und den Generalstaaten mit Mißtrauen
beobachtet, um so mehr, als sie sich, auf Grund des Vertrages
vom Jahre 1585 noch immer im Pfandbesitz von Briel und
Vlissingen, als natürliche Vormünderin der Staaten betrachtete;
jetzt konnte sie nicht umhin, sich dem durch Unglück gefesteten
Bunde zur Kontrolle anzuschließen. Indem sie aber der Aktion
Frankreichs und der Generalstaaten zur Seite trat, mußte sie
andererseits trotz ihrer Schutzstellung die Staaten als selbständige
kriegsführende Macht auffassen lernen; am 31. Oktober 1596
hat sie im Verein mit Heinrich IV. mit ihnen vertragsmäßig
abgeschlossen. Es war für die Staaten ein immerhin wichtiger Vor⸗
gang; denn von nun ab waren sie als selbständige europäische
Macht wenigstens von den Feinden Spaniens allseitig anerkannt.

Wer nun freilich geglaubt hätte, daß die neue Tripel—⸗
allianz die Kriegfuhrung gegen Spanien energischer aufnehmen
werde, der würde sich arg getäuscht haben. Zwar trugen die
staatischen Heere unter dem Generalat Moritzens bei Turnhout
einen schönen Sieg davon, nahmen auch Geldern wie einige
andere Gegenden am Niederrhein mit Erfolg in Besitz; allein
        <pb n="261" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 603
König Heinrich, von allen Mitteln entblößt, mußte sich auf die
wirksame Verteidigung von Amiens zurückziehen, und Elisabeth
ging, abgesehen von Vorbereitungen zum Schutze vor einer
neuen spanischen Armada, nicht über eine mißtrauische Kontrolle
ihrer festländischen Verbündeten hinaus.

Unter diesen Umständen wurde es dem erschöpften Spanien,
dessen alternder König sein Haus zu bestellen allen Anlaß hatte,
leicht, mit den königlichen Teilnehmern der Allianz Friedens—
verhandlungen einzuleiten, deren Ergebnis zum mindesten die
spanischen Niederlande vor weiteren Beunruhigungen schützen
sollte. Am 2. Mai 1598 kam zunächst mit Frankreich der
Friede zu Vervins zu stande. In der That konnten auf ihn
hin noch vor dem Tode Philipps (18. Sept. 1598) die süd—
niederländischen Verhältnisse geregelt werden. Erzherzog Albrecht,
der bisherige Statthalter, vermählte sich mit Philipps Tochter
Isabella, die ihrerseits die Niederlande als Erbteil erhielt;
im wesentlichen selbständig, wenn auch noch in wichtigen Punkten
von Spanien abhängig, hielt das neue Paar, die Erzherzöge,
wie man sie zu nennen pflegte, im September 1599 zu Brüssel
feierlich Einzug.

Für die Generalstaaten aber war diese Regelung eine neue
Bedrohung. Und noch befanden sie sich mit ganz Spanien im
Kriegszustande. Es war eine Lage, die sie von neuem nach
Bundesgenossen ausschauen ließ. Vor allem handelte es sich
da um England. Unter den drückendsten Bedingungen, wie
sie in einem Vertrage zu Westminster niedergelegt wurden, ver—
stand sich Elisabeth schließlich wirklich dazu, einen Frieden mit
Spanien, den sie beabsichtigt hatte, nicht zu unterzeichnen, viel—
mehr den Generalstaaten in engbegrenzten Fällen der Bedrängnis
zu Hilfe zu eilen. War in England nicht mehr zu erreichen,
so versagte auch Frankreich, so sehr es an der selbständigen
Stellung der Generalstaaten Interesse hatte, jede offene Hilfe.
Die Staaten mußten sich mit dem Versprechen König Heinrichs
begnügen, daß er die Republik bei der Fortführung des Kampfes
gegen Spanien insgeheim unterstützen werde. Und derartige
geheime Hilfen erhielten die Staaten allerdings auch sonst noch
        <pb n="262" />
        304 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
von mancher Seite her, so im Reiche von der Pfalz, von
Brandenburg, von Ansbach und von Anhalt. Waren ihnen diese
Subsidien bei der immer stärkeren Belastung ihrer Kriegskasse
gewiß willkommen, so ließ sich doch nicht verkennen, daß deren
Genuß ihrer Diplomatie wie ihrer Kriegführung auch schwere
Verpflichtungen auferlegte.

Und so erschien denn Spanien im ganzen, trotz aller Er—
schöpfung, noch immer im Vorteil. Mendoza, Albrechts Stell—⸗
vertreter in den südlichen Niederlanden, brach im Herbst 1598
über die Maas und den Niederrhein vor, und nur mit Mühe
und durch überlegene Kriegskunst wußte ihn Moritz von dem
größten Teile Gelderlands fern zu halten. Erst im Jahre 1600
schien sich eine Wendung vorzubereiten; die staatischen Truppen
griffen über die rechten Uferlandschaften des Rheins hinaus
bis Venlo und eroberten das feste Wachtendonk.

Aber weitere militärische Fortschritte in der eingeschlagenen
Richtung wurden jetzt durch die Bedürfnisse der staatischen
Diplomatie abgeschnitten. Man vernahm im Haag von neuen
Anknüpfungen zwischen Spanien und England, und man empfand
ihnen gegenüber das Bedürfnis, Frankreich stärker für die
staatische Sache zu erwärmen. Das war nur möglich, wenn
der Kriegsschauplatz vom Rhein nach dem Ärmelkanal, von
Norden nach dem Südwesten, nach Flandern, verlegt ward.
Und so zog Moritz, wenn auch widerwillig, noch im Jahre 1600
mit einem stattlichen Heere zwischen Gent und Brügge hindurch
nach Nieuwpoort: war dieser Hafen erobert, so war man, auch
abgesehen von Ostende, im Besitze eines trefflichen flandrischen
Widerparts gegen den spanischen Seeräuberhafen Dünkirchen,
wahrscheinlich aber auch künftiger französischer Unterstützung
gewiß. Aber der Plan mißlang. Zwar siegte Moritz in der
Nähe Nieuwpoorts, aber die Stadt einzunehmen vermochte
er nicht.

Den Erzherzog aber hatte der Zug auf die Wichtigkeit
des Nieuwpoort benachbarten Ostende aufmerksam gemacht, das
sich noch im Besitze der Generalstaaten befand; im Juli 1601
begann er dessen dreijährige Belagerung. Vergebens suchte ihn
        <pb n="263" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 605
Moritz durch eine Diversion am Rhein von seinem Ziele abzu—
bringen, vergebens verwüstetete er Brabant, vergebens auch
machte er im Jahre 1604 einen unmittelbaren Entsetzungsver—
such: am 20. September 1604 kapitulierte die Stadt und
ging in den Besitz der Erzherzöge über. Und nun wälzte sich
das freigewordene Belagerungsheer unter der Führung des
trefflichen Generals Spinola der Maas und dem Rhein zu;
mit Mühe nur hielt es Moritz in den Gegenden der heutigen
deutsch-holländischen Grenze auf; wären die spanischen Kriegs—
kassen gefüllt gewesen, so hätte man einen neuen Einfall in
das Herz der Republik zu erwarten gehabt.

Allein eben an der materiellen Kraft, die kriegerischen
Erfolge nachhaltig zu gestalten, fehlte es Albrecht. Und bei
dieser Lage war nicht zu ermessen, wie der Krieg anders denn
durch einen Vergleich oder wenigstens durch einen längeren
Waffenstillstand beendet werden sollte. Die Einsicht dieser Zu—
sammenhänge war es, die sich jetzt beiden Seiten aufdrängte.

Dazu kamen noch besondere Anlässe friedlicher Stimmung.
In Spanien konnte man sich nach dem niederländischen Vorgang
Oldenbarnevelds nicht bloß berechnen, daß der bisher durch vier
Jahrzehnte geführte Krieg etwa 200 Millionen Dukaten und
300 000 Soldaten verschlungen hatte, man sah auch den hollän⸗
dischen Handel bis zu dem Grade Fortschritte machen, daß die
Freiheit der spanisch-westindischen Kolonien und die Sicherheit
der Silberflotten immer mehr bedroht schien. In den Provinzen
der Generalstaaten aber seufzte man trotz alles materiellen
Aufschwungs doch auch über die Kriegskosten; das Geschlecht
der alten Geusen war dahin gesunken, und kaufmännisch
denkende Männer schätzten jetzt den Sport des Unabhängigkeits—
kampfes mit seinem Defizit von 9 Millionen Gulden in der
Kriegskasse weniger hoch, als die friedlich zu erhoffende Aus—
beutung Ostindiens. Endlich war für die niederländischen
Staatsmänner die Gefährlichkeit der internationalen Lage un—
verkennbar. Am 24. März 1603 war Königin Elisabeth von
England gestorben, trotz aller Zähigkeit in der Verfolgung des
eignen Vorteils doch immer noch eine von alten Zeiten her gleich
        <pb n="264" />
        306 Sechzehntes Buch. Zweites Kapitel.
den Holländern protestantisch denkende Frau. Ihr Nachfolger
Jacob J. hatte 1604 mit Spanien glattweg Friede geschlossen.
Vom Reiche war trotz aller schönen Redensarten einzelner
Fürsten, namentlich des Pfalzgrafen, nichts zu erwarten; es
befand sich in den ersten Todeskrämpfen seiner alten Verfassung.
Frankreich endlich war lange passiv geblieben, trotz aller
flandrischen Feldzüge der Republik; und als es endlich, im
Jahre 1606, sich regte, waren seine Sympathien eigner Art
— König Heinrich wollte für die Republik eintreten, wenn sie
ihn zum Herrscher wählte.

Unter diesen Umständen schien eine Verständigung zwischen
Spanien und der Republik auch für die Generalstaaten das
Beste. Am 9. April 1609 ward sie nach endlosen Verhand⸗
lungen durch die glänzenden Bemühungen Oldenbarnevelds
und unter thatkräftiger Mitwirkung König Heinrichs von
Frankreich endlich in der Form des sogenannten Bestandes,
eines zwölfjährigen Waffenstillstands, erreicht. Nach den Be—
stimmungen des Bestandes wurde die Republik als freier,
selbständiger Staat von Spanien anerkannt, leistete Spanien
demgemäß Verzicht auf seine bisher beanspruchte Souveränetät,
ließ für die Unterthanen der Republik freie Fahrt und freien
Handel auf dem Meere und nach Ostindien zu und beruhigte
sich in der Frage des katholischen Bekenntnisses mit einigen
allgemein gehaltenen Zusagen der Parität.

Damit hatte die Republik für den Umfang der in ihr
vereinigten Provinzen erreicht, was alle Niederländer seit mehr
als vierzig Jahren erstrebt hatten: politische Freiheit, Gewissens⸗
freiheit und Freiheit der wirtschaftlichen Bewegung auf dem
Weltmarkt. In langen einigenden Kämpfen trotz innerer
Gärungen zu einem Ganzen zusammengeschweißt, stand sie als ein
neues der Verfassung wie der sozialen Gliederung nach fremdartiges
Glied der europäischen Staatenwelt da; es war durchaus uͤn—
wahrscheinlich, daß ihr Bestand noch untergraben werden
würde. In der That hat der endgültige Friede mit Spanien
im Jahre 1648 im wesentlichen nur die Bestätigung der Ab—
machungen des Jahres 1609 gebracht.
        <pb n="265" />
        Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 607
Indem die Republik aber, ein Bundesstaat bisher unbe—
kannten Charakters, aus den Prüfungsjahren ihrer ersten
Bildung heraustrat, stellte sie sich zugleich thatsächlich schon
frei hin neben das Reich, mochte auch der formale Zusammen⸗
hang mit diesem noch bis zum Westfälischen Frieden erhalten
bleiben. Sie war nicht mehr, was die Territorien und Städte
im Reiche waren. Ihre innere staatliche Zusammensetzung
wiederholte allerdings die Motive der Reichsverfassung, wenn
auch in ungleich modernerer Modellierung. Aber die konsti—
tuierenden Kräfte waren andere. Wo gab es im Reiche
einen Kaufmannstand, wie den ihrigen, wo fehlte gleich
stark der Adel, wo dachte man in gleich geschlossenem
politisch⸗calvinischem Geist, wo war ein Stamm gleich stark
auf dem Wege, sich nach Sprache wie Sitte und Empfindung
zur Nat ion zu gestalten? Nicht eine identische, nur eine parallele
Entwicklung zum Reiche haben seit dem 16. Jahrhundert jene
edlen deutschen Bestandteile erlebt, die heute die Bevölkerung
des Königreichs der Niederlande bilden.
        <pb n="266" />
        Drittes Kapitel.
Protest antismus und Gegenreformation im Reiche
bis zur Sprengung des Reichstages im Jahre 1608.

Das nächste Jahrzehnt nach dem Augsburger Religions—
frieden war für die Protestanten in den engeren Grenzen des
Reiches die Zeit der höchsten Entwicklung ihrer Macht.

Darüber, daß jetzt die Fortschritte der deutschen Geistes—
kultur fast ausschließlich auf protestantischer Seite zu suchen
seien, herrschte nirgends ein Zweifel. Während die höheren
katholischen Bildungsanstalten zerfielen, während selbst so be—
deutende theologische Fakultäten, wie die zu Wien, Ingolstadt
und Köln, im Laufe der vierziger oder fünfziger Jahre des
16. Jahrhunderts zeitweis gänzlich eingegangen waren, zählte
das einst kleine Wittenberg um die Mitte des Jahrhunderts
etwa zweitausend Studierende, und neben ihm blühten im
Süden das protestantische Tübingen und im Norden das pro—
testantische Rostock, sowie in Mitteldeutschland die teils neube—
gründeten, teils neueröffneten evangelischen Hochschulen Jena,
Marburg und Heidelberg. Unter dem Lehr- und Lernbereich
der Hochschulen aber, der neben der Theologie hauptsächlich
noch der Rechtswissenschaft zu gute kam, kräftigten sich auf
orotestantischem Boden vor allem die mittleren Studien.
        <pb n="267" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 609
Hier besonders vermochten sich die Fürsten Freunde zu
machen mit dem ungerechten Mammon der eingezogenen geist⸗
lichen Güter. Schon im Jahre 1543 hatte Kurfürst Moritz
von Sachsen aus altem Klostergut die noch heute blühenden
sächsisch-thüringischen Landesschulen zu Meißen, Grimma und
Schulpforte begründet. Jetzt schuf Herzog Christoph die
württembergischen Klöster zu theologischen Vorschulen um,
errichteten Kurfürst Friedrich IIII von der Pfalz und Landgraf
Philipp von Hessen eine Anzahl von Gymnasien und sorgten
für theologische Konvikte an den Universitäten Heidelberg
und Marburg. Und alledem traten noch weitaus glänzender
die stolzen Gymnasien der protestantischen Reichsstädte zur
Seite, um günstigenfalls fast zu kleinen Universitäten zu er—
wachsen: so die Anstalten zu Straßburg, Nürnberg und
Bremen.

Und daneben ward die Pflicht, für den Elementarunter—
richt zu sorgen, nicht versäumt. Fast überall stieß man auf
die regulierten Anfänge eines protestantischen territorialen
Volksschulwesens; schon die württembergische Kirchenordnung
des Jahres 1559 enthält den abgeschlossenen Plan der einfachen
protestantischen Dorfschule.

Diesen Bestrebungen entsprach nun, bei allen Mängeln
und allem gelegentlichen Wiederaufbrechen mittelalterlicher
Roheit, dennoch der Fortschritt auch der geistigen Haltung jenes
Teiles der Nation, der protestantisch war oder zum Protestan—
tismus hinstrebte. Bessere Bildung und protestantische
Neigungen begannen fast zusammenzufallen; selbst in den
grundsätzlich und von Herrschaftswegen durchaus katholischen
Territorien, wie z. B. in Bayern und Osterreich, gingen die höheren
sozialen Schichten zum Protestantismus über; in Wien wurden
auch Angehörige des augsburgischen Bekenntnisses zur Promotion
zugelassen; in den Rechnungen der Abtei St. Florian figurierte ein
Posten für Studiosi in Wittenberg; und am Hofe huldigte gar der
Thronerbe, Kaiser Ferdinands Sohn Maximilian, seit spätestens
dem Jahre 1555 Neigungen, die nach der protestantischen Seite
hingingen; in der Augustinerkirche, nahe der Wiener Hofburg,
        <pb n="268" />
        5310 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
ertönten unter seinem Schutze ungestört die Worte des Evangeliums;
und als er, ein katholischer Fürst, zum deutschen Throne berufen
ward, da hat er gleichwohl am Morgen des Krönungstages —
freilich unter heimlichem Dispens des Papstes — das Abendmahl
in beiderlei Gestalt genommen. So begann das alte katholische
Bekenntnis auch da, wo es sich in den breiteren Volksmassen
erhielt, als die zurückgebliebene Form des christlichen Glaubens
betrachtet zu werden. Und dem entsprach im allgemeinen der
innere Zustand der alten Kirche; ihre Bischöfe lebten weltlich
oder neigten, wenn sie fromm waren, wenigstens im Sinne
eines zu erhoffenden Kompromisses dem Protestantismus zu; in den
Klöstern aber, diesen Horten einst asketischen Lebens und eifriger
Gelehrsamkeit, waren Unbildung und Sinnlichkeit zu Hause: in
Osterreich ergab eine 1361 in 86 Mönchsklöstern angestellte Visi⸗—
tation neben 182 Ordensleuten 185 Weiber und 2283 Kinder!.

Unter diesen Umständen mußte sich auch die politische
Bedeutung des Protestantismus über das bisher erreichte
Niveau heben. In der That geschah das vielfach, wenn auch
durch langsame, im einzelnen oft unscheinbare Verschiebungen.
In den Reichsstädten wurde eine immer größere Anzahl von
Räten protestantisch; schließlich blieben als ziemlich sichere
Sitze des Katholizismus am Rhein nur Achen und Köln und
in Süddeutschland Augsburg, die Stadt der großen Bankherren,
übrig. In die Stifter und die Kapitel der Bistümer drangen
ferner immer mehr protestantische Mitglieder ein, sehr natürlich
bei dem meist dem Adel, d. h. den protestantisch gewordenen
höheren Laienschichten, vorbehaltenen Recht des Eintritts in die
Pfründen dieser Institute. Damit aber mußten, indem die
Gremien evangelisch wurden, auch die aus ihnen durch Wahl
hervorgehenden Pröpste und Bischöfe in immer größerer Zahl
sich der alten Kirche entfremden.

Hier war nun einer der Punkte, in denen der geistliche
Vorbehalt des Augsburger Religionsfriedens dem politischen
Vordringen der Vrotestanten entgegentrat; denn nach ihm

Ritter, Deutsche Geschichte 1, 108.
        <pb n="269" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 611
sollten protestantische Vorstände geistlicher Institute, insbesondere
soweit diese Reichsunmittelbarkeit besaßen, durch ihr Bekenntnis
an sich schon ihrer Stellung verlustig gehen.

Aber hatten nun die Protestanten dieses Reservat in dem so—
eben gegebenen oder in einem anderen Verstand — eine Fülle
von abweichenden Auffassungen im einzelnen war denkbar —
vorbehaltlos anerkannt? Jedenfalls widersprach ihr Thun einer
solchen Auffassung, wie ihr ganzes Dasein den naturgemäß
katholischen Formen der alten Reichsverfassung, und sie waren
nicht gewillt, sich zu fügen.

Vor allem war das der Standpunkt der protestantischen
Fürsten, die jetzt noch ganz anders, als das bisher geschehen, in
den Bestand der geistlichen Fürstentümer der alten Kirche eingriffen.
Für sie kam es darauf an, durch Protestantisierung namentlich der
Bistümer, dann auch der kleineren geistlichen Institute uner—
hörten Zuwachs an Land und Leuten zu gewinnen.

Diese Politik ist nirgends mit gleicher Energie durchgeführt
worden, wie von den protestantischen Kurfürsten des Nord—
ostens. Kursachsen gliederte sich die Bistümer Meißen, Merse—
burg und Naumburg an, Kurbrandenburg die Bistümer Branden⸗
hurg, Havelberg und Leubus; zugleich gab Kurbrandenburg
den früher für den Prinzen Sigmund erworbenen Stiftern
Magdeburg und Halberstadt protestantischen Charakter: in
kurzem war die ehemals so wichtige politische Stellung der
Kirche an der Elbe und in deren Nachbarschaft fast gänzlich
—DDV0
Lübecks, Pommern Cammins; Schwerin und Ratzeburg waren
schon vor dem Augsburger Religionsfrieden an Mecklenburg
gefallen. Fügt man dem hinzu, daß im Jahre 1566 auf den
bremischen Erzstuhl in dem Herzog Heinrich von Sachsen⸗Lauen—⸗
burg ein Charakter gelangte, dem es wesentlich um fette Pfrunden
zu thun war, und der, religiösen Kompromissen zugeneigt, selt—
sam zwischen alter und neuer Kirche schwankte, so ergiebt sich,
daß zehn Jahre nach dem Augsburger Frieden alle Bistümer
im deutschen Nordosten, ja weit nach Westen hin, mit Aus—
nahme Hildesheims, protestantisch geworden waren.
        <pb n="270" />
        312 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitei.
In Süddeutschland waren die Erfolge verwandten Vor—
gehens nicht gleich beträchtlich. Aber wirkten die protestantischen
Fürsten hier weniger im großen, so bemächtigten sie sich im
kleinen um so radikaler der katholischen Institute. In Württem—
berg zog man erbarmungslos Stifter und Klöster ein; in der
Pfalz wurden unter Friedrich III. von den 55 geistlichen In—
stituten etwa 40 beseitigt.

Das alles bedeutete nun, vornehmlich soweit es sich um
reichsunmittelbare Institute handelte, zugleich den Beginn
einer tiefgreifenden Anderung der deutschen Verfassung; denn
fiel das katholische Übergewicht der geistlichen Fürsten im
Reichstage hinweg, wurde auf diesem Wege auch das Kur—
fürstenkolleg wenigstens der Überzahl seiner Mitglieder nach
protestantisch, so hieß das die Protestantisierung der mittel—
alterlichen Verfassung des Reiches.

Und wer wollte dem entgegentreten? Der Kaiser? Ferdi—
nand J. war ein gewissenhafter Mann; aber niemand erwartete
von ihm übersprudelnde Initiative, zudem war er durch die
Türkengefahr in Anspruch genommen und dadurch von jeder
beharrlichen und folgerechten Politik im Reichsinnern abgelenkt.
Sein Sohn Marximilian II. aber, der ihm 1564 folgte, ent—
sprach fast ganz den protestantischen Wünschen; hatte man ihn
gewählt, damit die Krone bei Österreich bleibe, der deutschen
Vormauer gegen die Türken, so wußte man andererseits wohl,
daß er den konfessionellen Veränderungen im Reiche nicht ent—
zegentreten werde. Oder hätten etwa die katholischen Reichs—
stände dem Andrängen der Protestanten widerstehen sollen?
Gern hätten sie es, teilweis wenigstens, versucht. Indes die
Gesamtlage des Reiches war nicht derart, daß sie eine Stellung
fester Abwehr einnehmen konnten. Noch durchzitterten die Wehe—
rufe über die Abenteuer des tollen Markgrafen Albrecht von
Brandenburg-Kulmbach die Luft, und schon wieder traten in den
Maingegenden bis nach Thüringen zu, also gerade an den
Grenzen des kompakt gelagerten Katholizismus und Protestan—
tismus, neue Schwierigkeiten hervor, die niemand zu lösen
wußte; der fränkische Ritter Wilhelm von Grumbach begann
        <pb n="271" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 613
hier mit thörichten Anschlägen auf alles und jedes und fand
in dem phantastischen und bigotten Ernestinerherzog Johann
Friedrich zu Jena einen kritiklosen Gönner. Wie sollte man
sich da auf weite Unternehmungen einlassen? In lässiger und
doch ängstlicher Aufmerksamkeit, unter fortwährendem ergeb—
nislosem Hin- und Herverhandeln über eine einzuleitende
Besserung sahen die katholischen Stände der protestantischen
Entwicklung der Dinge zu.

Dem Protestantismus wäre anscheinend der Sieg gewiß
gewesen, wäre er politisch wie geistig in voller Einheit zur
Erscheinung gelangt. Allein eben das war in keinem Sinne
der Fall.

Politisch war der deutsche Protestantismus eigentlich
niemals ganz einig gewesen. Dem Unterschiede der Charaktere
Philipps des Großmütigen und der sächsischen Kurfürsten
ernestinischer Linie waren doch auch schon sachliche Gegensätze
zur Seite getreten; Hessen als lange Zeit westlichstes evan—
zelisches Territorium, als Bollwerk gleichsam des neuen Be—
kenntnisses auf dem mutterländischen Boden des Reiches bedurfte
anderer Lebensbedingungen, als das im Mittelpunkt der neuen
Glaubenseinung zur Hälfte kolonial gelegene Kursachsen. So
war man im Augenblick großer Entscheidungen, im Schmalkal⸗
dischen Kriege z. B., schließlich zwar vereint vorgegangen, aber
nicht auf Grund jahrzehntelang intimen Ineinanderwachsens.
—E0
ausgeblieben.

Jetzt aber begann der alte Gegensatz zwischen Hessen und
Kursachsen einem neuen, weit verhängnisvolleren zu weichen,
dem zwischen Kursachsen und Kurpfalz. Schon dadurch mußte
dieser Gegensatz, bildete er sich überhaupt, stärker wirken, daß jetzt
heide Antipoden dem Kurfürstenkollegium angehörten, mithin ihr
Widerstreit alsbald im höchsten Verfassungskörper des Reiches
zu Weiterungen führte. Dies um so mehr, als nach altem
        <pb n="272" />
        314 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Reichsrecht der Kurpfalz die Führung der Laienstimmen im
Schoße des Kollegiums zufiel, während Kursachsen als Wiegen—
land des Protestantismus die Leitung wenigstens der Mehr—
heit dieser Stimmen, insofern sie evangelisch waren, bean—
pruchen konnte.

Außerdem ging Kurpfalz seine besonderen Wege anfangs
wesentlich aus denselben Gründen, wie früher Hessen, nur daß
diese Gründe nun weitaus verstärkt wirkten. Wie Hessen war
die Pfalz stark zersplittert und von geistlich-katholi schen Besitzungen
umringt und durchsetzt: so mußte sie, wie Hessen, dieser katho—
lischen Nachbarn Herr zu werden suchen; die Folge war eine
besonders und andauernd kriegerische Stimmung gegen den alten
Glauben und seine Kirche. Wie Hessen einst, so war die Kurpfalz
jetzt weiter vor allem die größte Westmacht des Protestantismus;
darum fühlten sich ihre Fürsten im besonderen Sinne als Vor—
kämpfer des Glaubens. Wo nur die Evangelischen im Westen litten,
innerhalb wie außerhalb des ganzen Reiches, da konnten sie min—
destens der Teilnahme, oft auch der Unterstützung der Pfalz
gewiß sein, so vor allem die Hugenotten in Frankreich und die
Evangelischen der Niederlande!. Aus diesen Zusammenhängen
ergab sich dann von selbst eine fast unablässige evangelische
Propaganda vornehmlich den Rhein hinab und ein dauernder
Gegensatz zu den großen katholischen Mächten, vor allem zu
Spanien und dem Hause Habsburg, und aus diesem wieder,
wie auch aus unmittelbaren Beziehungen, ein Gegensatz gegen
die Reichspolitik der habsburgischen Kaiser.

Die Anfänge dieser pfälzischen Politik, die sich dann
fast drei Generationen hindurch wesentlich gleich geblieben ist,
fallen schon unter Ottheinrich; durchgebildet aber hat sie
namentlich sein Nachfolger Friedrich II. (seit 1356). Und
Friedrichs Persönlichkeit konnte vielleicht für ihre Entwick—
lung, namentlich mit Rücksicht auf die nicht allzugroßen
thatsächlichen Machtmittel des Landes, als besonders ge—
eignet gelten. Er war, wenn nicht schlau,. so doch hinter—⸗

S. oben S. 566, 574, 578 u. a. m.
        <pb n="273" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 615
haltig, dazu fanatisch religiös und äußerlich genügsam, wenn
auch übertriefend von anspruchsvoll gottseligen Reden.

Ihm trat nun in Kursachsen ein fürstlicher Vetter von nicht
minder ausgeprägtem Wesen entgegen. Kurfürst August, der
seinem bei Sievershausen gefallenen Bruder Moritz gefolgt
war, erschien da, wo er sich frei geben konnte, als ein Mann
von unbeugsamem, ja gelegentlich tyrannischem Wesen, steif⸗
nackig und zäh und doch wieder von jähestem Zorn, dabei stets
eingenommen von den kleinsten wie den größten Interessen,
an sich haltend, ein ausgezeichneter Wirtschafter. In seinen
politischen Beziehungen aber hatte er gelernt, äußerst be—
hutsam aufzutreten, um gerade durch Maßhalten zu herrschen.
Diese Kunst, die ihm anfangs schwer genug gefallen sein
muß, war freilich durch die Interessen seines Hauses und
Landes fast unverbrüchlich gebbten. Nachdem Kursachsen
die kleinen Bistümer in seiner Nähe verschlungen hatte, war
es ein gesättigtes Land; es grenzte wesentlich an evangelische
Nachbarn, es war in sich konsolidiert, es konnte von jeder
großen Umwälzung nur Schaden leiden. Als Ganzes aber er—⸗
schien es — und das war das eigentliche Verhängnis der Politik
Augusts — noch keineswegs sicher in der Hand des regierenden
Hauses; Moritz erst hatte es in revolutionären Handlungen den
Ernestinern abgewonnen; noch sprach man von der Möglich—
keit einer Wiedereinsetzung dieser; nur durch eine durchaus
reichs⸗ und kaisertreue, konservative Politik schien es dem andern
Zweige der Wettiner gesichert werden zu können. Und lud zu
einer solchen Politik nicht auch sonst alles ein? Kursachsen
grenzte nachbarlich an die österreichischen Erbländer; lagen da
nicht Beziehungen zum Hause Habsburg besonders nah? Und
wenn das Jahrhundert immer wieder, und vornehmlich im
deutschen Osten, vor den Türken zitterte, so führte auch hier
die gemeinsame Gefahr Osterreich und Kursachsen zusammen;
nicht umsonst birgt Dresden noch heute das nördlichste aller
deutschen Zeughäuser mit großen Erinnerungen aus türkischer
Zeit. Zudem: diese Politik, die freilich dem aggressiven Vor—
schreiten des Evangeliums im Reiche entgegentreten, die den

Q0w precht. Deutsche Geschichte. V. 8. 10
        <pb n="274" />
        31 6 J Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Katholizismus als gegebene Macht anerkennen mußte, entsprach
auch auf religiösem Gebiete ganz der Sinnesweise des Kur—
fürsten. Gewiß sah auch er im Katholizismus den alten bösen
Feind, aber er hielt ihn für nunmehr unbedeutend, für mehr
als halb schon vernichtet. „Wir befurchten,“ hatte er 1866
—
welt dermaßen an den tag geben, das es in sich selbst felt
und zu boden gehet) weniger schadens und nachteils, als von
der uneinigkeit, spaltung und gehessigen gezenk derjenigen, so
sich des evangelii und Augustanae confessionis rühmen“.

Kurfürst August begründete nun von seinem Standpunkte
aus mit all der Energie, die ihn auszeichnete, und mit all der
Autorität, die die Geschichte seines Landes ihm gewährte, all—
mählich eine große protestantisch-konservative Partei. Er gewann
Kurbrandenburg für sich und ebenso Hessen, mit dem er im
Jahre 1555 ältere Erbeinigungen erneuert hatte, und dieser
Trias folgten die kleineren protestantischen Stände fast des ge—
samten inneren Norddeutschlands.

Kurpfalz konnte gegen diese geschlossene Bildung nicht auf—
kommen. Aber allmählich verstand auch Kurfürst Friedrich
Freunde zu sammeln; neben kleineren Reichsständen des Westens
hielt namentlich Württemberg nicht selten zu seiner Fahne.

Mit dem Gegensatz der pfälzischen und sächsischen Partei
war eine verhängnisvolle Spaltung des Protestantismus an—
gebahnt, deren Wirkungen sich fast bis zum schließenden Jahr—
zehnt des dreißigjährigen Krieges erstreckt haben. Und wenn
es bei den politischen Differenzen geblieben wäre! Aber zu ihnen
kamen religiöse, dogmatische, wie sie gerade dem überreich
sprudelnden geistigen Leben des Protestantismus entquellen mußten.

Luther hatte in seiner großen Zeit das neue Evangelium
als Lebenshaltung entdeckt; kaum daß es sich ihm anfangs
um die Frage eines besonderen Bekenntnisses handelte. Aber
den Jahren der ersten Begeisterung folgten Zeiten systematischen
Ausbaues des Gewonnenen; und schon die Abgrenzung gegen
die alte Kirche zwang zur Auseinandersetzung mit dem dog—
matisch fixierten Gedankenvorrat vieler Jahrhunderte. Nun
        <pb n="275" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 617
entwickelte aber die junge Kirche kein amtliches Organ für diese
Aufgaben; diese fielen vielmehr ihrer Theologie zu. Es ver—
steht sich, daß sie demgemäß sehr mannigfaltig gelöst wurden.

Klar blieb dabei aber immer, daß, zumal bei dem sinkenden
Ansehen der Zwinglischen Kirche, Luthers Lehre maßgebend sein
sollte. Indes Luther hatte nicht selbst die erste Dogmatik seiner
Lehre geschrieben, sondern vielmehr Melanchthon in dem viel
gedruckten Buche der Loci theéologici; und überhaupt hatte
Luther Melanchthon vielfach die begrifflich-feinere Durchbildung
und Vertretung seiner Lehre in den Streit- und Ausgleichs—
verhandlungen mit den Katholiken wie sonst überlassen.

Dabei konnte nun Melanchthon, trotz aller Weichheit und
Anpassungsfähigkeit seiner Natur, dennoch nicht bloß das andere
Ich Luthers bleiben. Er bildete sich seine eigenen Anschauungen,
und er wurde bei seinem irenischen Eifer nicht selten auch,
mindestens für die Formulierung seiner Meinung, von den
Gegnern beeinflußt. Und dieser Einfluß verstärkte sich natur—
gemäß nach dem Tode Luthers So nahm bei ihm allmählich
eine Anzahl von Lehren eine von Luthers Sinn abweichende
Färbung an, so besonders die Lehre von der Bedeutung der
guten Werke für die Erreichung der Seligkeit, die Frage nach
dem Mitwirken des eigenen Willens bei der Rechtfertigung
und endlich das schwere Problem, ob Christi lebendiger Leib
im Brote und Weine des Abendmahls unmittelbar gegenwärtig
gedacht werden müsse oder nicht.

Melanchthon indes war sich dieser Abweichungen nicht be—
wußt oder wollte sie wenigstens nicht Wort haben. Ein bei
dem regen Interesse der Zeitgenossen an dogmatischen Fragen
bald unhaltbares Verfahren. In Flacius Illyricus, einem Lieb—
ling des verstorbenen Luther, fand sich der scharfe Kopf, der
den ursprünglichen Luther gegen Melanchthon zu retten unter—
nahm: offen traten die Gegensätze des Melanchthonismus und
des Luthertums zu Tage; und wenn Melanchthon zu Witten—
berg der unbestrittene Lehrer des albertinischen Sachsens blieb,
so eiferte jetzt Flacius von Jena her, aus der neubegründeten
Universität des ernestinischen Thüringens. Mit all dem groben

40 *
        <pb n="276" />
        318 Sechzehntes Buch. Drittes Lapitel.
Schlagzeug des 16. Jahrhunderts wurde der Kampf von beiden
Seiten her von Jahr zu Jahr erbitterter geführt, Kirchen und
Lehrsäle hallten wieder von schimpflichem Geschrei; und schon
im Religionsgespräche zu Worms (Herbst 1557) wurden die
Gegensäte aller Welt und damit auch den Katholiken offenbar.

Vor allem ergab sich da immer mehr, daß die wichtigsten
der besonderen Lehren des alten Humanisten Melanchthon nahe
Verwandtschaft besaßen mit den Lehren der reformierten Schweizer,
mit Anschauungen Zwinglis — und vor allem mit Anschau—
ungen Calvins. So glaubten z. B. die Flacianer schon zu
Worms Melanchthon treffen zu können, indem sie beantragten,
Talvins Abendmahlslehre zu verdammen. Und so mischte sich
in die bestehenden Gegensätze des Altluthertums und des Me—
lanchthonismus ein drittes Element, das des Calvinismus. Dies
Element aber wurde rasch von um so größerer Wichtigkeit, ja
drängte sich schließlich überwuchernd in den alten Gegensatz,
als die Lehre Calvins im Westen Deutschlands und namentlich
jenseits der Westgrenzen anfing, eine mächtige Verbreitung zu
finden!.
Nirgends aber faßte der Calvinismus fester und früher
Fuß, als in der Kurpfalz; bereits Ottheinrich hat den refor—
mierten Franzosen Boguin in der Heidelberger theologischen
Fakultät angestellt, und schon bei seinem Tode (1856) erwiesen
sich Geistlichkeit, Beamtentum und Universität nach calvinischer
und lutherischer Lehre gespalten.

Was aber bei Ottheinrichs Lebzeiten mehr selbständig ein—
gedrungen war, das wurde von Friedrich III. von Jahr zu
Jahr bewußter und systematischer eingeführt. Im Jahre 1563
war Friedrich so weit gelangt, daß er eine neue Kirchenver—
fassung in calvinischem Sinne begründete; Jahrs darauf krönte
er sie durch endgültige Einrichtung eines völlig calvinisch gedachten
obersten Kirchenrats. Und gleichzeitig hiermit erschien, von den
calvinischen Theologen Olevianus und Ursinus verfaßt, der
Heidelberger Katechismus, und in den Gemeinden des Landes
verschwanden die lutherischen Pfarrer, ohne daß es übrigens,
1S. oben S. 549 ff.
        <pb n="277" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 619
wenigstens am Rheine, zu stärkerer Bewegung der Laienwelt
gekommen wäre.

Konnten nun Reich und Kaiser, lutherische und zwinglische
Protestanten diesen Vorgängen lautlos zusehen? Und gar die
Katholiken? Sie, die die Unduldsamkeit des Calvinismus aus
den Vorgängen jenseits der westlichen Grenzen zur Genüge kannten?

Kaiser Maximilian II. suchte wohl, aus dem alten Hasse
seines Hauses gegen die pfälzischen Wittelsbacher heraus, den
pfälzischen Calvinismus einfach zu vernichten; auch besorgte
er von den französischen Verbindungen des Pfälzers Böses und
mochte vielleicht ahnen, welche Bedeutung die Pfalz einst als
Vormacht des deutschen Calvinismus erlangen könne. Aber seine
Thätigkeit, auf dem Augsburger Reichstage des Jahres 1566
anfangs erfolgreich, blieb schließlich doch völlig vereinzelt
und wirkungslos. Man mußte sich auf den Calvinismus als
Reichsgenossen einrichten.

So kam alles auf die Haltung der älteren protestantischen
Richtungen zu ihm an. Und hier zeigte sich nun, daß diese
gegenüber dem neuen Feinde ihrer älteren Zwiste anscheinend
vergaßen. Melanchthon war am 18. April 1560, streitens- und
lebenssatt, gestorben; Flacius war Ende 18561 aus Jena ver⸗
trieben worden und führte seitdem ein halbverborgenes Wander⸗—
leben ohne Bedeutung. Es gab damit weder einen gellenden
Rufer im Streite, noch einen verehrenswürdigen Vertreter ein⸗
seitiger Prinzipien mehr: die trennenden Momente des Flacianismus
und Melanchthonismus schienen vergessen werden zu können;
leidlich einmütig schloß sich das Luthertum zusammen.

Und ganz einmütig trat es dem Calvinismus entgegen.

Indem dies aber geschah, fingen die politischen und reli—
giösen Gegensätze im Protestantismus an, sich zu decken: die
calvinistischen Pfälzer standen gegen die lutherische Partei Kur—
sachsens. Konnte unter diesen Umständen der glänzende Auf—
schwung des Protestantismus im ersten Jahrzehnt nach dem
Augsburger Religionsfrieden fortdauern, war ihm etwa gar die
Eroberung Deutschlands gewiß?
        <pb n="278" />
        320 J Sechzehntes Buch. Drittes LKapitel.
Die beginnenden Gegensätze unter den Protestanten äußerten
sich früh in der innerdeutschen Politik. Der allgemeine
Schauplatz dieser Politik aber war von jeher, und erst recht,
seitdem die Macht des Fürstentums aufs stärkste gewachsen war,
der Reichstag.

Schon während der Tagungen der Jahre 1556 und 1557
war da die Pfalz als Vertreter der schärferen protestantischen
Tonart aufgetreten; ihre Staatsmänner hatten versucht, jenen
geistlichen Vorbehalt hinwegzuräumen, der den Protestantismus
nach Meinung der Katholiken vom Erwerb der geistlichen Fürsten—
tümer gesetzlich fernhielt. Dabei war ihre Absicht gewesen, an
dessen Stelle eine allgemeine Duldung in dem Sinne treten zu
lassen, daß das Recht jedes Standes oder Unterthanen zum
Anschluß an irgend ein Bekenntnis gewahrt werde!. Es war
eine protestantische Politik, in der sich stolz die Zuversicht zur
eignen Sache spiegelte.

Aber schon damals war Kursachsen der Pfalz entgegen—
getreten; es wünschte nicht an den Friedensabmachungen des
Jahres 1555 gerüttelt zu sehn; und völlig zuwider war ihm,
daß die Pfalz ihren Duldungsvorschlag durch Verweigerung
einer Türkensteuer zu ertrotzen suchte, die der Kaiser gefordert
hatte.

Der Ausgang aber war trotzdem der Kurpfalz verhältnis—
mäßig günstig. Zwar wurde die Türkenhilfe, wenn auch längst
nicht in der von Kursachsen befürworteten Höhe, bewilligt,
aber in Sachen des geistlichen Vorbehaltes vereinten sich doch
am Ende alle Evangelischen, einschließlich sogar Kursachsens,
zu einer feierlichen Verwahrung dahin, daß sie sich an ihn
nicht gebunden erachteten.

Verwandt, wenngleich für Kursachsen nicht mehr gleich
unbefriedigend, verliefen die Verhandlungen der Reichstage der

1 Dies verstanden die Pfälzer damals unter Freistellung. Die Litte—
ratur zu ihrer engeren und weiteren Auffassung verzeichnet jetzt am besten
Hansen, Nuntiaturber. 2, S. XXI Anm. 1. Vgl. auch Ritter, D. Gesch. 1,
503 Anm. 2; Wolf in N. Arch. f. sächs. Gesch. u. Altertumskde. 11 S. 816
und Hansen a. a. O. 1. S. 2 Anm. 6.
        <pb n="279" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 621
Jahre 1559 und 1566, sowie des Regensburger Tages zur Wahl
König Rudolfs II. (im Jahre 1575). Noch dauerte die allge—
gemeine politische und geistige Vorwärtsbewegung der Pro—
testanten, wenn auch in immer weniger energischen Schritten,
fort; und ihr Charakter verlieh der pfälzischen Politik noch
immer soviel Kraft, daß sie dem von Sachsen geführten, an
sich viel mächtigeren Luthertum die Wage halten konnte.

Aber der Reichstag zu Augsburg vom Jahre 1576 brachte
den Umschlag und damit die offene Spaltung der protestan—
tischen Parteien.

Zu Regensburg hatte Kurpfalz im Jahre 1575 wieder ein—
mal die Aufhebung des geistlichen Vorbehaltes beantragt, und zwar
bornehmlich in dem Sinne, daß den geistlichen Ständen die
Freiheit gewährt werde, unbeanstandet zur Augsburgischen
Konfession überzutreten. Zugleich aber hatten die Pfälzer
Räte die längere Zeit fast vergessene Deklaration König Ferdi—
nands J. vom 24. September 1558, ursprünglich das Korrelat
zum geistlichen Vorbehalt!, wieder hervorgeholt; nach ihr sollten
die protestantischen Unterthanen geistlicher Fürsten Duldung
zenießen. Diese Deklaration wünschten sie jetzt feierlich bestätigt
und dem Religionsfrieden von 15565 einverleibt zu sehen.

Auf dem Tage zu Regensburg hatten die pfälzischen
Staatsmänner ihr Ziel nicht erreicht; wohl aber war ihnen
die erneute Erörterung ihrer Wünsche auf dem kommenden
Reichstag zu Augsburg, 1576, versprochen worden. In der
That brachte jetzt Kurpfalz, von den protestantischen Ständen
des Westens gut unterstützt, die Sache wieder vor und erreichte,
daß fast sämtliche protestantische Gesandte die auch diesmal
wieder geforderte Türkenhilfe zu verweigern drohten, es sei denn
zuvor wenigstens die Deklaration bewilligt.

Aber in diesem Augenblick trafen die Verbündeten auf den
hartnäckigsten Widerstand des Kaisers, der Katholiken und vor
allem des päpstlichen Nuntius Morone, der die katholische
Sache mit Geist und Eifer vertrat. Und nun stellte sich Kur—

1 S. oben S. 459 und 460.
        <pb n="280" />
        322 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
sachsen, und unter seinem Einfluß auch Kurbrandenburg, auf
die Seite des Kaisers. Hatten sie vorher schon veranlaßt, daß
die Frage nach Aufhebung des geistlichen Vorbehaltes zu Boden
fiel, so erklärten sie jetzt, noch viel weitergehend, sie würden
der Kurpfalz nimmermehr in der Politik der Steuerverweigerung
für den Türkenkrieg folgen, dessen Schäden sie freilich am
ehesten treffen konnten; und schließlich zogen sie sogar den
Antrag auf Anerkennung der Deklaration ihrerseits zurück.

Damit fiel die pfälzische Aktion; klar lag jetzt der Bruch
in der inneren Reichspolitik zwischen Pfalz und Sachsen,
zwischen westlichem und östlichem Protestantismus vor Augen.
Es war kurze Zeit vor dem Tode Kaiser Maximilians II.
(12. Oktober 1576), dem in Rudolf II. ein gehorsamer Sohn
der Kurie, ganz ein Werkzeug göttlich-katholischer Vorsehung
zu folgen schien; vergnügt kehrte Morone nach Italien heim
zu den Palästen des Papstes.

Inzwischen aber war auch auf dem Gebiete der aus—
wärtigen Politik der Gegensatz unter den Vrotestanten zu Tage
getreten.

Die auswärtigen Beziehungen der Protestanten wiesen aus
der Zeit Karls V. her vor allem auf Frankreich: die franzö—
sischen Herrscher waren als Gegner des spanischen Universalis—
mus naturgemäß Freunde der deutschen Geisteserhebung gewesen.
Inzwischen aber war nun in Frankreich selbst eine mächtige
protestantische Bewegung erwachsen. Da war es angemessen,
daß die deutschen Protestanten vor allem mit ihr in Verbindung
traten. In der That fühlten die evangelischen Stände
wenigstens des Westens das Solidarische der gegenseitigen Ent⸗
wicklung; im Jahre 1562, nach Ausbruch des ersten französischen
Religionskrieges, brachten sie 100 000 Gulden zur Unterstützung
Colignys und seiner Partei auf. Allein da die französische
Kirche calvinischen Charakter hatte, so stellten sich intimere
Beziehungen schließlich doch nur zur Kurpfalz ein.

Außer der französischen Bewegung war weiter, und noch
viel mehr, das Schicksal der Niederlande geeignet, die Augen
der Protestanten aus dem engeren Kreise des Reiches auf sich
        <pb n="281" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 628
zu ziehen: war man ihnen als Reichsverwandten nicht doppelt
zur Hilfe verpflichtet? entschied sich nicht in ihren Kämpfen
ein großer Teil der Schicksale des katholischen Hauses Habs—
burg? Diesen Erwägungen waren die Protestanten im Reiche in
der That zugänglich; allein da die Niederlande vor allem dem
Calvinismus zuneigten, da fernerhin eine nicht unbedeutende
religiöse Propaganda gerade von der Kurpfalz aus nach dem
Niederrhein und den Niederlanden betrieben zu werden schien,
so verflachten sich auch hier die allgemeinen protestantischen
Sympathien — und übrig blieb nur eine intensive Teilnahme
der Pfalz.

So war der pfälzische Kurfürst, um so mehr, da seine
Räte an eine allgemeine europäische Verschwörung des
Katholizismus gegen die Protestanten glaubten, allein der
Träger einer aktiven protestantischen Politik über die westlichen
Grenzen des Reiches hinaus; und nur gelegentlich wußte er
etwa noch Württemberg oder Hessen für seine rastlosen Pläne
eines Eingreifens in dieser Richtung zu gewinnen. Und auch
wenn er es unternahm, mit Hilfe fremder Mächte, bald Frank—
reichs (im Jahre 1567), bald Englands (im Jahre 1569), die
übrigen protestantischen Stände aufzurütteln, scheiterte er
regelmäßig an deren Indolenz und dem Einspruch Kursachsens.
So blieb die kurpfälzische Aktionspolitik trotz fortwährender
Verhandlungen mit den protestantischen Ständen im Reiche wie
mit den französischen Protestanten und Oranien doch schließlich
fast völlig unfruchtbar; es mußte für sie schon als ein Erfolg
gelten, wenn sie im Jahre 16570 einen Reichsabschied durch—
setzte, wonach es fremden Mächten nicht geradezu verboten ward,
in den Territorien deutscher Fürsten für sich zum Kriegsdienst
werben zu lassen?, und wenn sie auf Grund dieses Abschieds
noch mehr als ein Jahrfünft hindurch bald die Hugenotten,
bald die Niederländer mittelbar zu unterstützen in der Lage war.

Überschaut man aber auf Grund all der soeben geschilderten
Vorgänge die Lage des Vrotestantismus etwa im ersten Jahr—

1 S,. oben S. 578.
        <pb n="282" />
        624 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
fünft der siebziger Jahre, so läßt sie sich, im Vergleich zu dem
frohen Aufschwung des ersten Jahrzehnts nach dem Augsburger
Religionsfrieden, befriedigend nicht mehr nennen. Die
kurpfälzische Politik war im Innern wie im Außern lahm
gelegt, und die inneren Gegensätze waren keineswegs aufge—
hoben; das einzige, was man zu gunsten des Bestehenden
anführen konnte, war, daß es noch nirgends zum offenen
Konflikte gekommen war.

Dieser Konflikt aber drohte nun immer näher, da sich die
Gegensätze zwischen West und Ost, zwischen Pfalz und Sachsen,
zwischen Calvinismus und Luthertum immer mehr erhoben.
In dieser Richtung verlief vor allem die konfessionelle Ent—
wicklung der siebziger Jahre.

Kurfürst August von Sachsen war stolz auf sein unver—
fälschtes Luthertum. Er kannte sich zwar in den dogmatischen
Feinheiten nicht recht aus; aber er war überzeugt, daß es kein
»ollendeteres lutherisches Kompendium gebe, als das dog—
matische Grundgesetz seines Landes, das von Melanchthon im
Jahre 1559 verfaßte Corpus doctrinae Misnicum.

Konnte aber nun dies Corpus, bei der Stellung Melanch—
chons in seinen letzten Jahren, wirklich die reine lutherische
Lehre enthalten? Und wurde Luthers Glaube an den sächsischen
Universitäten Wittenberg und Leipzig, die ganz den Spuren
Melanchthons folgten, in Wahrheit noch ohne Falsch gelehrt?
Das war die Frage, die aus den Kreisen der sächsischen Landes—
kirche von dem Augenblick an immer dringlicher erscholl, da
durch den Vergleich des calvinischen Dogmas mit dem
utherischen auch blöderen Augen die Lehrunterschiede Melanch—
thons und Luthers klarer entgegentraten. Auch in die
Ohren des Kurfürsten drang diese Frage, und da er ihrer nicht
Herr zu werden vermochte, so begann er bedrängt, verdrießlich,
mißtrauisch zu werden. Spielten seine obersten kirchlichen
Berater nicht etwa verstecktes Spiel mit ihm?

In der That war, man in Wittenberg, wie sonst in den
Kreisen der — sich des eingeschlagenen krypto—
ralvinischen Wegs vollkommen bewußt; und man glaubte,
        <pb n="283" />
        Hrotestantismus und Gegenreformation im Reiche. 625
auf ihm durch langsames und verdecktes Vorgehen die Lehre
Luthers wirklich allmählich beseitigen zu können. Ein gefähr—
liches Unternehmen, falls etwa dem Kurfürsten die Augen
geöffnet wurden.

Und das geschah im März 1574. Ein aufgefangener
unvorsichtiger Briefwechsel der Vertreter des Kryptocalvinismus
am kursächsischen Hofe enthüllte dem Kurfürsten alles. Der
jähzornige Mann wütete. Die schuldigen Mitwisser, der ge—
heime Rat Crato und der Leibarzt Dr. Peucer, wurden festge—
setzt und teils durch Folter, teils durch Verlesung des Todes—
urteils körperlich und geistig gemartert; nicht viel besser
erging es dem Hofprediger Schütz und dem Superintendenten
Stößel. Und überall im Lande ward die böse Saat des
Kryptocalvinismus aufgesucht und ausgerottet.

Aber damit nicht genug. Die Sorge vor der Wieder—
kehr solcher Überraschungen gebot positive Maßregeln: eine
absolut sichere Zusammenfassung der lutherischen Lehre, und
nicht bloß für Kursachsen, sondern für alle Bekenner des
Luthertums mindestens auf deutscher Erde, mußte hergestellt
werden.

Nun war der fromme Herzog Christoph von Württemberg
schon längst darauf ausgegangen, eine solche „Konkordie“ zu
stande zu bringen; und nach seinem Tode hatte sein Kanzler
Jacob Andreä diese Bestrebungen in großen Rundreisen an den
protestantischen Fürstenhöfen fortgesetzt. Jetzt nahm sich Kur—
fürst August dieser Anfänge aufs eifrigste an: Theologen und
Fürsten sollten nun endgültig zusammenwirken, die reine Lehre
festzulegen. So holte der Kurfürst Jacob Andreä aus Württem—
berg herbei, Martin Chemnitz aus Braunschweig, David
Chytraeus aus Mecklenburg, anderer nicht zu gedenken. Und
die begannen darauf die Formel dogmatischer Einheit zu suchen,
und ihre Feststellungen ergänzten sie durch die drei ältesten
Glaubenssymbole, die ungeänderte Confessio Augustana und
ihre Apologie, die schmalkaldischen Artikel des Jahres 1537
und die Katechismen Luthers zu einem großen Buch der Be—
kenntnisse, zu einer Konkordienformel, die allgemeine Anerkennung
        <pb n="284" />
        326 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
fordern dürfe. Nach wiederholter Begutachtung von allen Seiten
ging das Buch schließlich aus einer letzten Beratung Andreäs,
Chemnitzens und Selnekkers, die zu Kloster Bergen bei Magde—
burg im Jahre 1577 stattfand, vollendet hervor. Und nun
wußte Kurfürst August, ob auch die widerlichsten theologischen
Kämpfe weiter tobten, dem Buche dennoch allmählich wie die Zu—
stimmung seiner Landeskirche, so die Anerkennung vieler fürstlicher
Glaubensgenossen und protestantischer Reichsstädte zu gewinnen;
und am 25. Juni 1580 konnte er es, von diesen Zustimmungen
begleitet, feierlich veröffentlichen.

Es war gewiß eine bedeutsame Kundgebung des protestan—
tischen Geistes. Aber sie besiegelte für Deutschland zugleich den
dogmatischen Zwiespalt der protestantischen Entwicklung. Und
auch an eine Ausgleichung der calvinischen und lutherischen Gegen—
sätze selbst nur für das praktisch-politische Handeln war jetzt nicht
mehr zu denken. Das bedeutete in diesem Augenblick die Ver—
rwigung des Zwiespalts der westlichen und östlichen Protestanten:
alsbald schon nach der Entdeckung der kryptocalvinischen Strö—
mungen in Sachsen war Kurfürst August in schneidenden
Gegensatz zur Kurpfalz getreten.

Nun war zwar in der Pfalz nach dem Tode Friedrichs III.
26. Oktober 1576) unter dem neuen, kränklichen und schwachen
Kurfürsten Ludwig das Luthertum wieder eingeführt worden und
Ludwig hatte nach einigem Zögern sogar die Konkordienformel
unterschrieben: das wichtigste Verbreitungsgebiet des Calvinismus
in Deutschland schien beseitigt. Mit nichten beseitigt aber
war der calvinische Glaube. Die weitverbreitete Hinneigung
zu den Lehren Melanchthons kam jetzt überall dem Calvinismus
zu gute; allenthalben, namentlich am Rhein, wuchs die Zahl seiner
Bekenner. Schon traten hier und da neue kleine Calvinisten⸗
kirchen hervor, so in Nassau⸗Dillenburg, in Bremen — und
wie lange konnte es währen, bis auch in der Pfalz die Lehre
Calvins von neuem zum Durchbruch kam?

So war die Powen— Einheit der Protestanten jetzt
für immer dahin. Sié war es um so mehr, als auch einzelne
hedeutende protestantisch-lutherische Stände wiederum der
        <pb n="285" />
        Drotestantismus und Gegenreformation im Reiche. 627
Konkordienformel nicht beigetreten waren. Die Losung war
daher für alle Denominationen des Protestantismus von nun
1b mehr als je engherziger Abschluß. Indem die Gegensätze
reinlich ausgearbeitet wurden, traten sie erst recht hervor; und
aus den konfessionellen Differenzen erwuchsen neue Verschieden—
heiten auch der politischen Stellung.

Zur selben Zeit aber, da der Protestantismus so zu
ebben begann, stieg hoch und höher die Flut des Katholizis—
mus. Die katholische Frömmigkeit erlebte einen neuen Auf—
schwung, der nach mannigfachen, teils halb politischen, teils
frei gesellschaftlichen Anfängen seinen vornehmsten Ausdruck in
der Gründung des Jesuitenordens fand; das Papsttum ward
wiederum ein kirchliches Amt; der Kirche erwuchs aus den
Satzungen des Konzils von Trient ein gewaltiger Halt; und
einmütig schließlich und mitthätig vertrauten die deutschen
Katholiken von neuem auf die Wirkungen ihrer glücklich wieder
geordneten Kirche.

II.

Der heilige Ignatius (Don Jñigo Recalde de Loyola),
im Jahre 1491 geboren, war ein jüngerer Zeitgenosse Luthers.
Aber nicht in der rußigen Stube einer armen Bergmannsfamilie
erblickte er das Licht der Welt. Er war der Sproß eines
der ersten Adelshäuser jenes rätselhaften, mit feurigster Ein—
bildungskraft ausgestatteten Volkes der Basken; nicht weit von
San Sebastian ragte das Schloß seiner Ahnen hoch in die
hlaue Luft der Pyrenäen. Als von edelster Geburt hat er sich
auch sein ganzes Leben hindurch erwiesen; niemals ist ihm Gemeines
nahe getreten. Sein Beruf schien zunächst mit seinem Stande ge—
geben; als kühner Kriegsmann zeichnete er sich schon in jungen
Jahren aus. Da bannte ihn im Jahre 1521 eine schwere Ver—
wundung, die er sich im Kampfe um das navarresische Pam⸗
pelona zugezogen, ans Krankenlager; der Ritterromane satt las
er Heiligenlegenden; und der Thatsache gewiß, daß er, wenn
auch genesen, doch zum Kriegsdienste niemals mehr werde tauglich
        <pb n="286" />
        328 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.

sein, entdeckte er, verwundert zunächst, den in den verborgensten
Tiefen seines Herzens rauschenden Quell religiöser Gefühle.

In Rätselreden eine Zukunft christlicher Entsagung an—
deutend, verließ er das Schloß seines Bruders in Guipuscoa;
ein Asket im Sinne des früheren Mittelalters, ein Bettler,
wollte er im Lande umherziehen. So ritt er in kriegerischem
Schmuck zum Kloster Montserrat, der Stätte längst geheiligter
Verehrung; knieend während der Nacht, vor dem Feste der Ver—
kündigung Mariä, im uralten Brauche der Waffenwacht, weihte
er sich zum Ritter der heiligen Jungfrau. Arm, waffenlos zog
er darauf von dannen; dem nächsten Bettler überreichte er sein
letztes glänzendes Gewand; im Büßerhemd, die Lenden mit
rinem Stricke umgürtet, wird er von nun ab Gott in der Hand—
reichung der Krankenpflege dienen.

Aber bald genügte seinem nimmer schlafenden Intellekt
die praktische Askese nicht mehr; er rettete sich in die Einsamkeit
des Dominikanerklosters Manresa; und nervös erregt ja ange—
—0
Fasten, suchte er die Selbstbetrachtung im Sinne des heiligen
Bernard, des Bonaventura und des Franz von Assisi. Und
welcher Wunder wurde sein glühendes Hirn gewürdigt! Fort—
gerissen von den Schauern der Vision erblickte er das Geheimnis
der heiligen Dreifaltigkeit, ward er des unmittelbaren An—
schauens der göttlichen Weltordnung teilhaftig; bis zur Dauer
achttägiger Verzückung erdehnte sich seine Ekstase.

Aber in all diesen Gnadenzuständen, jetzt wie später, blieb
Don Jüigo der willensstarke Rittersmann, der er gewesen. Er
ruhte in der Ekstase nicht lässig aus, wie einst die Mystiker
Deutschlands, wie damals noch zahlreiche mystisch bewegte
Seelen Spaniens; er ließ sich von ihr nicht aus sich heraus—
drängen; seine Selbstbeherrschung — wie er es ausdrückte, seine
discretio — ging niemals verloren. So ging er auch nicht unter
in der frommen Wollust dieser Übungen; ein organisatorisches
Genie vielmehr, wie einst Bonifaz, wurde er aus den Erfahrungen
persönlicher Frömmigkeit immer wieder den Daseinsfragen der
Kirche zugedrängt: dem Ganzen wollte er dienen.
        <pb n="287" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 629
Und alsbald begriff er, daß es hierzu anderer Vorkennt⸗
nisse als der seinigen bedürfe. Nach einer fromm⸗abenteuer—
lichen Fahrt zu den Stätten des Morgenlandes, da seine gegen—
ständliche Phantasie greifbar die Fußspuren des Herrn zu be—
rühren meinte, studierte er eifrig zu Barcelona, zu Alcala und
Salamanca, sowie, nachdem er dort als religiöser Sonderling
der Inquisition verdächtig geworden war, seit Anfang des Jahres
1528 zu Paris. Und indem er nun im geistigen Centrum der
westeuropäischen Nationen der vollen Auffassungswelt dieser
Nationen näher trat, indem er sah, wie sich in Deutschland der
freche Geist einer angeblich neuen evangelischen Freiheit zügellos
züngelnd erhob, ward er sich klar über die Ziele eines christlichen
Ritters. Nicht dem äußeren Kampfe gegen die Heiden, wie er
wohl geträumt, sollen seine Dienste gewidmet sein, der Vertei—
digung vielmehr der mittelalterlichen Frömmigkeit, in der er
lebte, und die in seinem Heimatland bald in den Meditationen
des Petrus von Alcantara und der seligen Theresia von Jesu
wie in den Heiligenbildern der großen spanischen Maler eine glän—
zende Auferstehung feiern wird. Dieser Frömmigkeit, der Kirche,
die sie entwickelt hat, und dem Papsttum, das diese Kirche krönt.
soll der Strom seines Lebens fließen.

Und nicht bloß der seine. Schon längst hatte er erkannt,
daß es für seine Ziele der vereinten Anstrengung gleichge—
stimmter Geister bedürfe. So hatte er eine Schar begeisterter
Genossen zu sich heranerzogen, den Savoyarden Petrus Faber,
den künftigen Verbreiter des Jesuitismus in Deutschland, eine
schwärmerisch-unselbständige Natur, doch unter energischer Leitung
der größten Dinge, selbst höchster diplomatischer Klugheit fähig,
ferner den Navarresen Franz Tavier, dereinst den großen Heiden—
apostel des Ordens, dann die Kastilianer Diego Lainez, den
klar Zerlegenden, und Alonso Salmeron, den Feurigen, die beiden
großen Theologen, die Helden des Tridentinums, endlich den
liebenswürdigen Alfons Bobadilla und andere. Und sie alle
wußte er völlig eins mit sich zu machen, indem er sie denselben
Bildungsgang durchlaufen ließ, den seine eigene Entwicklung
genommen hatte.
        <pb n="288" />
        530 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
In geistlichen Ubungen (exereitia spiritualia) wurden sie
unter Umständen äußerer Askese unterworfen, dem Tragen von
Cilicien, der Geißelung, der Verwundung. Vor allem aber
wurden sie eingeführt in die Geheimnisse kontemplativer Selbst⸗
erforschung und Selbstzermarterung; und aus ihnen heraus,
wie fie in systematischer Gewissensleitung durch Loyola selbst
wochenlang währten, wurden empfängliche Seelen sogar empor⸗
gezückt zu visionärem Verhalten. Als ficheres Ergebnis aber
fand sich allezeit während der Übungen eine knechtische Furcht
ein vor dem unergründlichen Walten des Allerhöchsten und der
eine Gedanke, daß Gott, ein Herr aller Dinge, ein furchtbarer
Richter vor allem sei aller sündigen Geheimnisse der Menschen—
seele. Es war ein Zustand, der, planmäßig mit allen Mitteln
südlich erregter Vorstellungskraft, allen Werkzeugen erprobter
mittelalterlicher Frömmigkeit herbeigeführt, ähnliche Wirkungen
hervorrief, wie sie Luther in der Einsamkeit der Erfurter Kloster—
zelle mit verwandten Mitteln erzeugt hatte.

Aber während Luther aus den Schauern der Verzweiflung
heraus durch ein persönliches Verständnis der Bibel dem un—
mittelbaren Verhältnis seiner wie jeder anderen Menschenseele
zum alten und doch nun so neuen Christengotte Bahn brach,
wies Loyola die also Verzweifelten zurück auf die objektiven
Gnadenmittel der Kirche: in ihnen sollte der einzelne sich, sein
Heil, seinen Verstand und seinen Willen geborgen fühlen. Es
ist der entscheidende Unterschied zwischen Protestantismus und
modernem Katholizismus.

Der moderne Katholizismus beruht auf der Fesselung des
Einzelnen an die Wirkung der Sakramente, der magischen Gnaden⸗
mittel der Kirche; er bedarf, um diese begehrenswert zu machen,
der fortwährenden Wiedererregung mittelalterlicher Frömmigkeit
in Kontemplation und Askese, ja gelegentlich sogar in ekstatischer
Narkose. Der Protestantismus dagegen, der den Einzelnen seinem
Gotte unmittelbar, ohne objektive Zwischenglieder der Vermittlung,
gegenüberstellt, bedarf der mittelalterlichen Frömmigkeitserreger
nicht mehr und hat statt dessen neue Stufen einer weit ver—
        <pb n="289" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 631
geistigteren Frömmigkeit vom Pietismus ab bis auf unsere
Tage durchschritten.

Für Loyola aber bedeutete das Aufsuchen der Kirche aus
den unbefriedigenden Schrecken der mittelalterlichen Frömmigkeit
heraus ein einziges, ein volles Heil. In der Kirche hat
der verzweifelte und verlassene Fromme sich ganz zu finden:
sie ist sein Verstand und sein Wille. Erscheint uns etwas weiß,
wovon die Kirche lehrt, es sei schwarz, so werden wir unser
Urteil durch das ihrige ersetzen. Befiehlt die Kirche etwas, so
wird es der Fromme vollbringen: denn er ist ein Werkzeug der
Kirche. Das gilt für jeden Frommen; um wie viel mehr für
die, die in Frömmigkeit vollkommen sein sollen, für die be—
sonderen Diener und die Erwählten der Kirche. Von diesem
Standpunkte hat es der heilige Ignatius gegenüber seinen
Jüngern ausgesprochen: „Ich will, teuerste Brüder, daß alle
durch wahren und vollkommenen Gehorsam, durch Verzicht auf
Urteil und Willen, hervorragen .... Daher müßt ihr auch
eifrig das verhüten, daß ihr euch nicht bemüht, zu irgend
einer Zeit den Willen der Oberen, den ihr für den göttlichen
halten müßt, nach eurem Willen zu beugen .... Wer aber
—D
auch die Einsicht, die Vorstellungsgabe darbringen, daß er nicht
nur dasselbe wolle, sondern auch dasselbe denke, wie der Obere,
und dessen Urteile das seinige unterwerfe, soweit der ergebene
Wille den Verstand zu beugen vermag.“

Es sind Worte, die zugleich den ganzen praktischen Unter—
schied der Lehren des heiligen Ignatius von denen der mittel—
alterlichen Mystik, mit der seine Frömmigkeit sonst so verwandt
ist, begreifen lassen; nicht vergebens haben die Jesuiten später
die deutschen Mystiker des Mittelalters systematisch in Ver—
gessenheit zu bringen gewußt. Die mittelalterliche Mystik sucht
ein Aufgehen des Willens wie des Verstandes in Gott anzu—
bahnen; in diesem Sinne erstrebt sie Gelassenheit, d. h. quietistisches
Ausruhen im transcendentalen Prinzip. Der heilige Ignatius
dagegen wendet die durch alle Mittel der Askese und der
Kontemplation angefachte religiöse Stimmung ins Diesseits,

Lamprecht, Deutsche Geschichte. V. 2. 41
        <pb n="290" />
        332 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
bezieht sie auf die Kirche, gießt sie in wild entfesselte Energie
um und macht sie in diesem Sinne, einen unwiderstehlichen
Strom weltvergessender Begeisterung und Thatkraft, der einen
Kirche dienstbar.

Damit drängte die neue Frömmigkeit ohne weiteres auf
Thaten. Und indem sie zu einem Gemeingut des Kreises
junger Leute geworden war, die der heilige Ignatius um sich
gesammelt hatte, war sie an die Lebensäußerungen eben dieses
Kreises gebunden. Welche Pläne wurden da nicht geschmiedet!
Man wollte in Palästina der Kirche Ritterdienste verrichten.
Man verbrachte manches Jahr in halb abenteuerlicher
Predigt und Seelsorge in den oberitalienischen Ländern und
zu Rom. Endlich aber fanden sich, um die Wende der
dreißiger und vierziger Jahre des sechzehnten Jahrhunderts, die
rechten Formen für die neue Absicht. Am 17. September 1540
erhielt der heilige Ignatius für sich und seine Schar durch
eine päpstliche Bulle mit den bezeichnenden Eingangsworten
„Regimini militantis ecclesiae“ den Charakter eines Kriegs⸗
fähnleins Christi, einer Compañia de Jesus: einer frommen
Truppe, die sich der Förderung der Seelen in Leben und Lehre und
der Verbreitung des rechten Glaubens widmen sollte in Keuschheit
und Armut und in absolutem Gehorsam gegen den Oberen, in
dem Christus als gleichsam gegenwärtig anzuerkennen und zu
verehren sei. Als Oberster aber aller menschlichen Oberen er—
schien der Papst, der Herrscher der hierarchischen Kirche. Es
sind die Anfänge des Jesuitismus.

Die Gesellschaft sollte anfangs nicht über sechzig Mit—
glieder umfassen; bald aber fanden sich der frommen Streiter
mehr, und eine Bulle vom 14. März 1548 hob die Begrenzung
der Mitgliederzahl auf. Damit erst recht begann unter der
Leitung Ignazens als des ersten Generals der neuen Armee
die Organisation des Kampfes.

Natürlich, daß sie eine monarchische, ja eine absolutistische
sein würde. Was besagte das Bestehen einer Generalkon—
gregation des Ordens neben dem General? Die untersten Glieder
der Gesellschaft begaben sich ihres Willens und Intellekts zu
        <pb n="291" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 633
gunsten der nächsten Oberen, diese zu Gunsten höherer, die
höchsten zu gunsten endlich des Generals: dieser war geistlicher
Diktator, war Ohristus quasi praesens. Es war eine Organi—
sation, die der heilige Ignatius der göttlichen Weltordnung,
die er einst visionär geschaut, unmittelbar nachgebildet hatte;
damals war ihm durch die göttliche Vorsehung alles sanft ge—
ordnet erschienen, das Unterste durch das Mittlere, das Mittlere
durch das Höchste; was Wunder, daß dem Orden späterhin
die Konstitutionen seines Gründers als unmittelbare Offen—
barungen galten!

Aber indem der General allein meinte und befahl, bedurfte
er der Ausführung seines Willens und des Geheimnisses zur
Sicherung seiner Herrschaft. Denn was ist groß ohne Unter—
bau und was erhaben, ohne unfaßbar zu sein? So waren die
Mitglieder der Gesellschaft gleichsam in mehrere konzentrische
Ringe geordnet, um in immer höherer Reinheit Gott nach dem
Munde seines Vertreters, des Generals, zu dienen. Den innersten
Ring bildeten die Professen, eine kleine Anzahl erprobter Männer,
die tadellos alle tieferen Stufen des Ordens durchschritten
hatten, hochgebildete Leuchten vor allem der Theologie und
Philosophie und dennoch unanfechtbar in der einzigen Be—
geisterung für die Ziele des Ordens. Sie allein hatten
aktives und passives Wahlrecht für die Nennung des Generals;
sie sind das Mark der Gesellschaft.

Einen weiteren Ring bildeten die geistlichen Koadjutoren,
Mitglieder von voller Geistesbildung, die der Gesellschaft durch
ihren Eid rückhaltlos verbunden waren, während der General
sie unter Umständen entlassen mochte. Sie waren zahlreich;
sie bildeten die äußerlich werkthätigen Mitglieder; ihr Kampf—
platz war die Predigt und die Lehre, die Mission und vor
allem der Beichtstuhl. Unter den Koadjutoren aber standen
die Mitglieder noch weiterer äußerer Ringe bis hinab zu den
Novizen und allen denen, die in der reichen Zahl der Proben
standen, ehe ihre volle Aufnahme in die Gesellschaft er—
folgte.

Denn Jahre des Duldens und der Selbstertötung ver—

11*
        <pb n="292" />
        334 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
gingen, ehe der Zugelassene sich den heiligeren Zirkeln des
Ordens nahen durfte. Da gab es Probezeiten im Feuer immer
wiederholter geistlicher Exercitien und Jahre, in denen der
Einzelne vornehmlich nur noch beobachtet, untersucht, getadelt,
zerügt ward. Da gab es Prüfungen in der Krankenpflege
und in der Demut des Bettels, im Lehramte und in der Seel—
sorge, im Kirchendienst und in der Wahrnehmung der niedrigsten
Verrichtungen des Hauses. Es war eine volle neue Welt
mannigfachen Thuns, die sich den Mitgliedern des Ordens,
wie jetzt etwa den Offizieren einer unserer modernen Armeen,
die ja auch Staaten im Staate bilden, erschloß.

Aber so reich und den verschiedensten Begabungen ange—
messen auch das Feld der Thätigkeit war — der handelnde
Jesuit gehörte niemals sich selbst. Hatte er von vornherein
sein Vaterland und die Sprache seiner Kindheit vergessen, hatte
er Eltern und Geschwister verleugnet und verzichtet auf Ehre
und Besitz —, so fand er im Orden nicht einmal den freien
Odem der Freundschaft wieder. Willenlos, wehrlos, fiel er nur
dem Ideal der Gesellschaft anheim; sein Denken, sein Thun,
sein Lieben gehörte nur ihr. Und Einrichtungen mechanischen
Zwanges sorgten dafür, daß er in diesem Zustand verharre.
Schritt für Schritt, Stunde für Stunde sah er sich beaufsichtigt,
all sein Handeln und Sinnen lag offen vor dem Auge einer
allgegenwärtigen Denunziation, deren Ausübung Pflicht war;
nicht vor dem Verhältnis des Freundes zum Freunde, nicht
vor den Beziehungen des Lehrers zum Schüler machte die
Delationspflicht Halt. Und damit jene Gebundenheit des
Geistes und Willens aufrecht erhalten werde, die der Orden
oerlangte, und die sonst nur dem Geistesleben niedriger Kulturen
noch kommunistischen Wirtschaftslebens entspricht, ward im
Orden selbst als Voraussetzung des geistigen Daseins ein wirt—
schaftlicher Kommunismus entwickelt. Das ist der Sinn der
Lehre von der Tugend der heiligen Armut, die gebot, daß bei allem
Reichtum des Ordens der Einzelne niemals eine Sache als
eigen ansehen und gebrauchen dürfe.

All das Menschliche aber, das die Gesellschaft so, auf ihr
        <pb n="293" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 635
großes Ideal hingezogen und hingestimmt, sich einverleibte, das
wandte sie nun in scharfem Schliff nach außen, ein Orden des
Kampfes. So trat sie auf zu einer Zeit, da die Kirche tödlich
darnieder zu liegen schien, und lehrte alsbald die oberhirtliche
und lehramtliche Souveränität des Papstes; so nahm sie sich
der Heidenmission an; so wirkte sie gegen die Protestanten; und
so schuf sie vor allem in der eigenen Kirche wieder Sammlung,
Zuversicht und Hoffnung des Sieges.

Und wie gelang ihr Werk! Schon beim Tode Loyolas,
im Jahre 1556, zählte der Orden in 18 Provinzen und 100
Niederlassungen über 1000 Mitglieder; siebzig Jahre später
hat er 15493, im Jahre 1762 gar 22787 Mitglieder
gehabt. Doch“ abgesehen von dem Aufschwung eigner Macht,
mit welcher Wucht der Wirkung wurde der Orden ins All—
gemeine thätig!

Wir verfolgen seinen Einfluß in dieser Richtung hier nicht
auf dem Gebiete der Staats- und Kulturgeschichte; oft genug
werden wir da seinem Namen noch begegnen. Wohl aber sei
hier seine noch viel tiefere Bedeutung für die sittliche Haltung
der Kreise erörtert, die seinem Wirken sich öffneten.

Die Frömmigkeit des Ordens, der religiöse Urquell all
seines Thuns, ist mittelalterlich. Im Mittelalter hatten einst
die Klöster, einsame Träger der vergangenen Bildung kultur—
hoher Zeiten, als Atolle gleichsam eines großen, künftigen Fest⸗
landes hoher Bildung das gemeine Niveau des Lebens
überragt. Demgegenüber werden jetzt, mit dem Tagen der
Neuzeit, die Häuser der Gesellschaft Jesu zu stehenbleibenden
Resten der untergehenden mittelalterlichen Welt — den Vulkanen
berschwundener Weltteile gleich, die eine veränderte Umgebung
noch immer mit unterirdischer Erregung bedrohen. Indem die
Gesellschaft ihre Mitglieder und Jünger in Erlebnissen mittel—
alterlicher Frömmigkeit bildete und umgestaltete, erweckte sie in
ihnen das gebundene Wesen mittelalterlichen Geistes, machte sie sie
im modernen Sinne personenlos: in einem Zeitalter des Individu—
alismus sollten sie gleichwohl keine Individuen sein. Es war ein
hom Standpunkte individualistischer Sittenbegriffe aus zweifels—
        <pb n="294" />
        336 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
ohne unmoralisches Ziel; es war von diesem Standpunkte
aus schlimmer als körperlicher Totschlag, es war geistiger
Mord.
Allein, nimmt man die Gesichtspunkte der Gesellschaft Jesu
auf, so brauchte immerhin, abstrakt betrachtet, der sittliche
Aktionsboden eines jesuitisch erzogenen Menschen noch nicht zu
schwanken, auch wenn er nicht mehr individuell im eigenen Ge—
wissen verankert war. Der Adept hatte seinen Willen mit Gott
identifiziert; Gott aber will nichts Böses. Nun war freilich
der Wille Gottes innerhalb der Gesellschaft mit dem Willen
des Oberen ganz — oder nach einigen anderen Äußerungen des
heiligen Ignatius wenigstens nahezu — identifiziert, und die Frage
konnte auftreten, ob denn der Obere immer obiektiv nur Gutes
zu befehlen imstande sein werde.

Aber hiervon abgesehen: in der Praxis des Lebens blieb
das persönliche Handeln unter allen Umständen an fremde Ein—
wirkung von Fall zu Fall gebunden und bestand mithin nur
in einer Anzahl in sich unzusammenhängender Handlungsfälle.
Damit wurden die Moralgrundsätze des Einzelnen ersetzt durch
wuchernde Kasuistik obrigkeitlicher Vorschriften, durch eine iuris-
prudentia divina, durch ein äußerliches Gesetzbuch einzelner,
von außen her auferlegter Verbote und Gebote, das je länger
je mehr ausgebildet ward und schließlich nur noch wenig von
den allgemeinen großen Anschauungen ahnen ließ, die der Ge—
wissensbestimmung ursprünglich, in den ersten Blütejahren des
Ordens, noch zu Grunde gelegen hatten.

Und die Gesellschaft Jesu hatte sich zur Lenkung ihrer
mittelalterlich gestimmten Geister nicht erst eine solche neue
Kasuistik zu schaffen: — längst war diese, nach kleinen An—
fängen schon in der Zeit der Patristik, seit dem dreizehnten Jahr—
hundert als ein natürliches Lebensbedürfnis des Mittelalters
entwickelt worden. Und indem man schon damals die einzelne
pflicht als solche nicht mehr aus einem höheren Prinzip ab—
geleitet, sondern als für sich nach irgend welchen niedrigeren
Rücksichten gegeben gedacht hatte, war man schon längst von
        <pb n="295" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 637
der Kasuistik weiter zum Probabilismus fortgeschritten !. Denn
indem man die Pflichten nach äußeren Auffassungen und Gründen
abmaß, begann man, diese Auffassungen und Gründe gegen—
einander auszuspielen, und fand dann, daß je nach ihrem Gewicht
bald die eine, bald die andere Anschauung einer Pflicht, einer
That billigenswerter, probabler erscheine.

Diesen Probabilismus nun, die Methode, Pflichten und
Handlungen nicht nach ihrem innersten sittlichen Charakter,
sondern mehr nach äußeren Umständen als notwendig oder
billigenswert zu beurteilen, erweckte jetzt die Gesellschaft zu neuem
Leben. Schon der heilige Ignatius hatte an Stelle der Moral
eine bedenkliche Klugheitslehre aufgestellt, die nur noch durch
seinen vornehmen Charakter sittlich gehalten ward. Nachdem
dann aber der spanische Dominikaner Bartholomäus de Medina
zuerst im Jahre 1577 und bald darauf auch einige andere Spanier
wieder den vollen Probabilismus des Mittelalters gelehrt hatten?,
konnte ihn der Jesuit Gabriel Vasquez schon 1598 als das
herrschende System unter den Theologen seiner Zeit und damit
als den vor allem im Jesuitenorden geltenden Brauch be—
zeichnen.

Es war die schlimmste Entwicklung, die für die Moral
der katholischen Völker eintreten konnte. In den mittelalter—
lichen Kulturen gebundener Persönlichkeit konnte der Proba—
bilismus allenfalls noch als der nicht allzusehr schädigende Aus—
wuchs einer an sich teilweise notwendigen sittlichen Kasuistik
bezeichnet werden; für ein Zeitalter freier Persönlichkeit und
selbständig werdenden Gewissenlebens, wie es die Jesuiten trotz
allen Bemühens dennoch nicht unterdrücken konnten, bedeutete
er moralische Vergiftung. In der That entwickelten sich erst
jetzt, auf dem wucherisch üppigen Nährboden eines anderen Zeit—
alters, die furchtbarsten Schäden des Probabilismus und die

S. oben S. 148.

ber den Zusammenhang des mittelalterlichen und des neueren
Probabilismus fehlen eingehende Studien; behauptet wird er von Harnack
Dogmengesch. 832, 5890 Anm. 1, 6*40. Val. auch Döllinger, Moral—
streitigkeiten S. 28ff.
        <pb n="296" />
        338 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
traurigsten Künste einer von ihm aus bestimmten Seelsorge:
die moral-theologische Anerkennung der Amphibolie und des
geheimen Vorbehaltes, die Kunst, die Absicht zu lenken, und,
als Gipfel des religiös Unsittlichen, die dévotion aisée des
Paters Pierre Le-Moine (1652).

Indes hier befinden wir uns noch in den ersten Zeiten
— D
später unvermeidlichen Folgen jener Prinzipien, die aus den großen
Erlebnissen des heiligen Ignatius entwickelt waren; sie waren im
ganzen ein reiner, lebendigster Ausdruck neuer katholischerßrömmig—
keit; und jedenfalls bewiesen sie, daß die alte Kirche noch lebe.

Bald aber sollte sich zeigen, daß auch auf dem Gebiete der
Institutionen der alte Stamm noch neue Sprossen, neue Blüten
zu treiben vermochte.

Die mittelalterliche Kirche hatte aus sich heraus kein Be—
dürfnis gehabt, den aufgespeicherten Vorrat ihrer Dogmen zu
sichten und in ein überschaubares System des Glaubens zu
bringen. Soweit man ein solches Bedürfnis von wissenschaft—
lichem Standpunkte aus empfunden hatte, war es durch die
Scholastik befriedigt worden; das kirchliche Leben aber hatte
sich nach örtlichem Herkommen und kurialer Vorschrift geregelt.
Bei dieser Lage bereitete die immer klarere Ausbildung von
Glaubenssystemen, wie sie sich seit dem 16. Jahrhundert in den
ketzerischen Kirchen vollzog, dem Katholizismus manche Unan—
nehmlichkeit; wie konnte man sie bekämpfen, setzte man ihnen
das Alte nicht geordnet und als Ganzes entgegen?

Besonders fühlte man die Not dieser Lage natürlich in Deutsch—
land, und niemand begriff sie mehr, als Karl V. Daher erscholl
vornehmlich auf kaiserliche Veranlassung immer wieder der Ruf
nach einer systematischen Auseinandersetzung amtlicher Art zwischen
den Konfessionen, und damit nach einem allgemeinen Konzilium.

Ungern ward der Ruf in Rom vernommen. Würden auf
einem solchen Konzil nicht zugleich die alten Forderungen nach
einer Reform der Kirchenverfassung, vor allem der Kurie, dringender
als je wieder erhoben werden? Noch gellten den Kurialisten aus
        <pb n="297" />
        Orotestantismus und Gegenreformation im Reiche. 639
den Verhandlungen der zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts
her die hundert Gravamina der deutschen Nation in den Ohren,
und was schlimmer war, Thomas Campeggi hatte bei stiller
Nachprüfung im Jahre 1586 ihre durchschnittliche Be—
rechtigung anerkennen müssen!. Sollte sich da die Kurie den
Fährlichkeiten einer allgemeinen Kirchenversammlung anvertrauen,
trotz aller guten Erfahrungen, die sie mit dem letzten vatikanischen
Konzil gemacht hatte?

Papst Paul III., ein Farnese von sinnlicher Vergangenheit
und weltlichen Zielen, dabei aber wohlwollend-klug, frei von
Kleinlichkeit, ja hochsinnig, ein naiver Sünder, suchte jahre—
lang das begehrte Konzil zu vermeiden. Nachdem er es indes
zum 28. Mai 1537 ausgeschrieben, auf den 1. November 1587
verschoben, vor seinem Zusammentritt zu Bologna auf den
1. Mai 1538 nach Vicenza verlegt und schließlich auf unbestimmte
Zeit vertagt hatte, sah er sich dennoch durch die politische Haltung
des Kaisers am Ende veranlaßt, es zum 15. März 1545 nach
Trient einzuberufen. In Trient gab es damals noch eine deutsche
Gemeinde, das Bistum des Orts war das südlichste innerhalb
der Grenzen der deutschen Lande, und der Kardinal Madruzzi,
der Trientiner Bischof, war als geistlicher Fürst des Reiches mit
den politischen und religiösen Vorgängen nördlich der Alpen
leidlich vertraut.

Nach einigem Zögern ward das Konzil am 13. Dezember
1545 eröffnet; außer einer großen Anzahl italienischer Be—
sucher waren nur wenige Spanier, einige Engländer, Franzosen
und Griechen, kaum ein Deutscher erschienen. Gleichwohl be—
gannen die Sitzungen unter der Leitung pädpstlicher Legaten,
von denen der Jurist Monte den Vorsitz der Versammlung und
der kluge Cervino die Leitung der Debatten übernahm, während
der feurige, einsiedlerische Pole nur eingriff, wenn es galt, durch
hinreißendes Pathos Begeisterung, durch strengen Tadel Ord—
nung zu schaffen. War Rom so von vornherein ausgezeichnet
bertreten, so brachten die Legaten das Konzil ganz unter den

Vgl. seine Denkschrift bei Friedensburg, Nuntiaturber. 2, 341 ff.
        <pb n="298" />
        340 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Einfluß der Kurie, indem sie die Abstimmung nach Köpfen
durchsetzten; denn diese gab den kurialistisch gesinnten und stets
besonders zahlreich erscheinenden Italienern den Ausschlag.

Unter diesen bald fest geschaffenen Voraussetzungen ging
nun das Konzil früh an die Fixierung des dogmatischen
Gegensatzes zu den Protestanten. Natürlich: dogmatische Er—
örterungen störten die Kurie weit weniger, als die gefährlichen
Materien der Kirchenreform.

Anders aber dachte jetzt der Kaiser. Er stand soeben im Be—
griff, gegen die deutschen Protestanten loszubrechen!; ihm mußte
es in diesem Augenblick gerade darauf ankommen, daß diese einge—
schläfert und in ihrem Glaubensstand nicht durch amtliche katholische
Angriffe gestört wurden. So wünschte er nunmehr vor allem eine
Reform der alten Kirche; und er blieb bei dieser Meinung trotz allen
Widerstrebens der Kurie. Damit war das nächste Ergebnis der Be—
rufung des Konzils steigende Spannung zwischen den beiden
Polen der mittelalterlichen, katholischen Welt, zwischen Papst
und Kaiser: es kam so weit, daß der Kaiser befahl, die feierliche
Veröffentlichung gewisser dogmatischer Beschlüsse zu gunsten
reformatorischer Beratungen aufzuschieben. Aber eben als dies
geschah, trat eine Seuche in Trient auf, und der Papst konnte
das Konzil aus dem Machtbereich des Kaisers hinweg nach
Bologna verlegen — den 11. März 1547.

Der Kaiser antwortete auf die Maßregel mit Verwahrungen
und dem Befehl an die deutschen Bischöfe, in Trient zu bleiben.
So kam man in Bologna zu keiner Tagung; die Bischöfe ver—
ließen, einer nach dem andern, sachte die Stadt, und im Sep—
tember 1547 vertagte der Papst das Konzil von neuem ins
Unbestimmte.

Allein der Ruf nach einem Konzilium ertönte weiter von katho—
lischen wie protestantischen Lippen, so daß der Kardinallegat
Monte, nun als Julius III. Papst geworden, sich veranlaßt
sah, die Viter von neuem zu berufen: am 1. Mai 1551 trat
man zu Trient wiederum zusammen. Freilich, die Haltung der

S. oben S. 432f., 441 f.
        <pb n="299" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 64]
Kurie blieb die alte, umsomehr, als Protestanten an den
Sitzungen teilnahmen; und als das kühne Vordringen Moritzens
von Sachsen den Kaiser aus Innsbruck verscheuchte! und das
Herannahen eines protestantischen Heeres südlich des Brenners
zu befürchten schien, so daß die Väter eiligst von dannen wichen,
sprach die Kurie von neuem die Suspension des Konziliums aus.

Diese Vertagung hat fast ein Jahrzehnt gewährt. Aber
währenddes änderten sich die Dinge auch an der Kurie. Auf
die wüsten Tage Papst Pauls IV., der durch leidenschaftlichste
Erhebung mittelalterlich-hierarchischer Ansprüche sich alle Welt,
—
liche Zeit Pius' IV. (1560 -1565); und dieser Papst sah nun—
mehr, zum großen Teil aus der Initiative seiner Kurie, seiner
Kardinäle heraus, das Konzil nicht ungern zu Trient am
12. Januar 1562 von neuem eröffnet.

Indem aber jetzt von einem Ausgleich mit den Protestanten
oder gar von einer unmittelbaren Zurückführung der Ketzer in
den Schoß der Kirche nicht mehr die Rede war, schoben sich
auf dem neu zusammengetretenen Konzil vor allem die eigensten
Bedürfnisse des Katholizismus in den Vordergrund, und damit
wurden neben den dogmatischen auch die Reformfragen brennend.
Es war ein Wechsel der Konstellation, der namentlich in Wien
begriffen ward; Kaiser Ferdinand als Universalvogt der Kirche
griff darum ein und beantragte in einer Denkschrift zahlreiche
kirchliche Verbesserungen, ja stellte sogar einige dem Protestan—
tismus sich nähernde Anträge, so auf Aufhebung des Cölibats
und auf Zulassung des Abendmahls unter beiderlei Form.
Natürlich, daß ein solches Vorgehen der Kurie trotz einigen
Reformeifers sehr wenig genehm war. Wie aber gar, als es
sich nun mit einer Opposition von andrer Seite her verknüpfte!

Im Konzil waren neben den Italienern vor allem die
Spanier zahlreich vertreten; kein Wunder: die Kirche Spaniens
feierte gerade damals ihren höchsten Aufschwung, sie konnte sich
stolz als den Hort katholischer Frömmigkeit, als die Hüterin

S. oben S. 452.
        <pb n="300" />
        642 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
katholischer Wissenschaft betrachten. Aber eben in dieser Lage
wollten die spanischen Bischöfe unter der Führung des tapferen
Erzbischofs Guerrero von Granada sich die Selbständigkeit ihrer
Kirche nicht rauben lassen; sie befanden sich auf dem Wege zu
ähnlichen Anschauungen, wie sie die konziliare Bewegung des
15. Jahrhunderts gegenüber der Kurie gezeitigt hatte. Zu Tage
trat das vor allem in der nunmehr aufgeworfenen Frage nach
dem Verhältnis der päpstlichen zur bischöflichen Gewalt. Den
Spaniern erschien die Gewalt der Bischöfe trotz des päpstlichen
Primates dennoch immer noch als von Gott unmittelbar ge—
geben; ein Satz, dem die Kurialisten und Jesuiten aufs heftigste
widersprachen.

Nun war klar, daß mit jeder Erörterung über diesen Punkt
das wichtigste Problem einer Kirchenreform an Haupt und
Gliedern auf die Tagesordnung gebracht war; denn eben das
Verhältnis des päpstlichen Einflusses zu den Diözesanver—
waltungen galt es da festzulegen. So hatten von diesem Augen⸗
blick an die Spanier und der Kaiser gleiche Interessen, ihre
Kirchenpolitik zog mindestens desselben Weges: es war eine
für die Kurie höchst bedrohliche Wendung, und deren Gefahr
ward noch verstärkt durch den Übertritt der Franzosen auf die
spanisch-kaiserliche Seite.

Aber merkwürdig wußte man sich in Rom zu helfen.
Man trennte die Gegner, indem man die spanischen Bischöfe
durch ein halbes, naturgemäß unklares Zugeständnis befriedigte,
und ging dann gegen den Kaiser allein vor. Es geschah in
der Form, daß ein kurialer Reformentwurf vorgelegt wurde,
der einem großen Teile der geäußerten Reformwünsche, soweit
diese außerhalb der Einflußsphäre des Protestantismus lagen,
gerecht ward, — der aber zugleich in einem der letzten Kapitel
eine Reform der weltlichen Regierungen zu beschließen vorschlug.

Gegen eine solche Zusammenstellung war weder vom
papalen noch vom konziliaren, also überhaupt von keinem
katholischen Standpunkte aus etwas einzuwenden: Päpste wie
Innocenz III. nicht minder wie das Basler Konzil hatten
auch alle weltlichen Angelegenheiten als im Bereich ihrer
        <pb n="301" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 643
rechtmäßigen Einwirkung liegend erachtet. So trat das
Konzil auch in die Beratung der weltlichen Vorschläge der
Kurie ein.
Was aber sollten die weltlichen katholischen Regierungen
dazu sagen? Sie waren am Ende froh, als der Papst, nach
Abschwächung der weltlichen Reformvorlage zu einigen all—
gemeinen und darum nichtssagenden Sätzen und nach Annahme
einiger immerhin nicht unbedeutenden kirchlichen Reformen, das
Konzil am 4. Dezember 1568, und nun für immer, schloß.

Falsch wäre es indes, wollte man nach den eigenartigen
äußeren Schicksalen des Konzils nun auch dessen innere Ergeb—
nisse beurteilen. Je länger je mehr hatte sich in den Be—
ratungen des Konzils trotz allem das Beste an Empfinden,
Denken und Wollen zusammengefunden, das der Katholizismus
um die Mitte des 16. Jahrhunderts aufwies. Und das
Resultat war die Schöpfung jener katholischen Kirche, die bis
zum Vaticanum des 19. Jahrhunderts bestanden hat.

Selbst auf dem verhältnismäßig spät in Angriff ge—
nommenen Gebiete der kirchlichen Reformen wurde schließlich
Großes erreicht. Dem Klerus in seinen verschiedenen Ab—
—D
noch mehr eine sichere kirchliche Gesinnung verbürgender Er—
ziehungsweg vorgeschrieben und durch allmähliche Einrichtung
von Seminarien ermöglicht; das kirchliche Verhalten der ange—
stellten Kleriker wurde durch das protestantische Mittel der
Visitationen beaufsichtigt und geregelt, sowie durch eine strenge
Durchbildung der bischöflichen Gerichts- und Disziplinargewalt
noch mehr gefestigt. Endlich wurde für alle Grade der Geistlichkeit
die Residenzpflicht und das Verbot der Häufung von Pfründen in
einer Hand durchgeführt, so daß man sich einer vernünftigen
Ausnützung der finanziellen Mittel der Kirche gewiß halten
durfte.
In der Durchführung all dieser Maßregeln hat sich die
katholische Kirche allmählich eines vielfach pflichtvergessenen
Klerus entledigt und Diener herangezogen, die im kirchlichen
        <pb n="302" />
        644

Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Leben aufgingen und wirksame Werkzeuge wurden einer geistig—
religiösen Beherrschung der Laienwelt.

Ein Halt wurde diesem Reformeifer erst zugerufen, als
man das schwierige Problem der Stellung des Papstes zu den
obersten Stufen der Hierarchie in Angriff nahm. Auf diesem
Gebiete wurde schließlich nichts Genaueres festgestellt; es blieb
bei den mittelalterlichen Unklarheiten, und nur das eine war
deutlich, daß einer weiteren Entwicklung der papalen Allgewalt
trotz aller Einsprache der spanischen Bischöfe nirgends vorge—
griffen war. Mit diesem negativen Triumph schieden Jesuiten
und Kurialisten aus dem Konzil, um nach dessen Schluß als—
bald an den thatsächlichen Ausbau einer kirchlichen und lehr—
amtlichen Alleinherrschaft des Papstes heranzutreten.

Und die Möglichkeit einer energischen Wirksamkeit in
dieser Richtung war noch von den Vätern des Konzils selbst
geschaffen worden. Als das Konzil einem überhasteten Ende
entgegenging, hatte man dem Papste die Bestätigung und Aus—
führung der konziliaren Beschlüsse überlassen. Dieser Auftrag
genügte ihm zum Erlaß einer Bulle, wonach er sich die
Auslegung aller dieser Beschlüsse vorbehielt. Das Recht der
dogmatischen Interpretation und der autoritären Fortbildung
der Lehre auf dem Wege der Interpretation war damit dem
Papste zugefallen bis auf weitere allgemeine Konzilien, deren
aber keines mehr, bis zum Vaticanum der Jahre 1869/70, be—
rufen worden ist. Es war fast schon die Abdankung der Kirche
in Glaubenssachen.

Ferner entnahm der Papst seinem Rechte, die Konzilsbe—
schlüsse zur Ausführung zu bringen, ein Mittel, der Kirche
eidliche Unterwerfung unter den römischen Stuhl zu Pflicht zu
machen. Die höheren Geistlichen wurden veranlaßt, ein Be—
kenntnis zu den Beschlüssen des Konzils abzulegen; diesem so—
genannten Tridentiner Glaubensbekenntnis aber wurden die
Worte eingefügt: „Sanctam catholicam et' apostolicam
Romanam ecclesiam omnium eécclesiarum matrem et magistram
adgnosco, Romanoque pontifici, beati Pétri apostolorum
principis successori ac Jesu Christi vicario, veram obedi-
        <pb n="303" />
        Protestantismus und Gegenreformation im BReiche. 645
eontiam spondeo et iuro.“ Darnach gab es in der katholischen
Kirche nur ein wirksames Verfassungsferment noch, den Papst.
Sah sich aber der Papst im Besitze des eidlichen Gehor—
samsversprechens aller Bischöfe und der Unterwerfung der Ge—
samtkirche unter seine dogmatische Interpretation — was bedurfte
es dann noch wesentlicher Vorbereitungsstufen, um seine admini—
strative Allgewalt und dogmatische Unfehlbarkeit zu entwickeln?
Im Dogma selbst jedenfalls waren solche Hindernisse nicht
mehr gelegen. Nach den dogmatischen Festsetzungen des Triden—
tinums kamen für die katholische Kirche als Erkenntnisquellen der
Wahrheit von gleicher Wichtigkeit in Betracht die Bibel und
die Tradition. Da nun aber zugleich festgestellt ward, daß
das Recht der Auslegung der Schrift und der Anerkennung
der Tradition allein bei der Kirche beruhe, so war eben die
Kirche in Wahrheit die einzig feststehende Autorität, denn sie
stand über den Dogmen. Indem aber sie wiederum in ihrem
Auslegungsrecht durch den Papst vertreten und abgelöst wurde,
stand allein der Papst jenseits der dogmatischen Grenzen.
Diese Zusammenhänge sind wichtig, will man die Bedeu
tung des dogmatischen Systems richtig würdigen, das im Ver—
laufe des Tridentinums festgestellt ward. Es konnte, da es
eben nur von sekundärer Bedeutung war, auch in einem Zeit—
alter ganz anders gearteter Kultur im wesentlichen mittelalter⸗
lich bleiben. Und das war in der That der Fall. Zwar
wurden in der Lehre von der Sünde, von der Gnade und
namentlich von der Rechtfertigung der kirchlichen Bewegung,
der der Protestantismus entsprungen war, einige Zugeständnisse
gemacht; die rein mechanische Ansicht von der Gnadenwirkung
Gottes wurde z. B. nicht mehr gebilligt. Aber doch erfolgte die
Feststellung der Lehre im einzelnen so, daß für mittelalterlich—
nominalistische Auslegungen Raum blieb: und gerade diese
sind dann durch Vermittlung der Jesuiten bald zur Geltung
gebracht worden. Vor allem aber wurde jede Berührung mit
dem Begriffe des Glaubens in dem individualistischen Sinne der
Reformation ferngehalten; Glaube im katholischen Sinne sollte
auch ferner Gehorsam bedeuten, d. h. bestenfalls Fürwahrhalten—
        <pb n="304" />
        346 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
wollen der Dogmen, schlimmstens äußerliche Unterwerfung unter
unbegreifliche Lehrsätze. Natürlich waren die mittelalterlichen
Sakramente unter diesen Umständen als Nahrung frommer
Gefühle notwendiger als je, und das Tridentinum hat darum
ihre Lehre ganz besonders gepflegt; ihre magischen Wirkungen
sollten den protestantischen Glauben, den freien Aufschwung
der Einzelpersönlichkeit zu Gott, ersetzen. Und in demselben
Sinne geschah es, daß das Konzil über Ablässe, Bilder- und
Reliquienverehrung, Heiligenkult und verwandte Werkzeuge
mittelalterlicher Frömmigkeit die eingehendsten Bestimmungen
der Regelung und Wiederbelebung traf.

Erreicht ward mit alledem für die künftige Lebenshaltung
des Katholizismus, trotz der theoretisch unsicheren Stellung des
Dogmas, dennoch praktisch Gewaltiges. In beständigem Gegen—
satze zum Protestantismus, dessen Lehren ein ununterbrochenes
Anathema zugerufen ward, erschien in dem System des
Tridentinums das mittelalterliche Glaubensleben verjüngt und
von den Schlacken des Verfalls befreit; und berechtigt erschien
die Hoffnung, daß die Wogen des vordringenden Protestantis⸗
mus sich an ihm als einem sturmbewährten Felsen der Vorzeit
horechen würden.

Das war die innere Gewißheit, mit der sich die besten
Geister der alten Kirche ein Jahrzehnt etwa nach dem Triden—
tinum zu erfüllen begannen. Und schon erschienen um diese
Zeit die Gesellschaft Jesu wie die Kurie als sichere Leiter und
Berater dieser Besten.

Die Gesellschaft Jesu hatte noch während der Konzils⸗
jahre ihre Angriffsstellung in Deutschland zu entwickeln be—
gonnen.
Klar hatte sich vor allem gezeigt, daß der Protestantismus
am besten mit den Mitteln des klassischen Unterrichts bekämpft,
der Katholizismus am besten durch sie gekräftigt werden könne.
Der Protestantismus, an sich eine neue Stufe frommen Ver—
haltens zu Gott, hatte doch zu seiner Entwicklung eines mit
        <pb n="305" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 647
den Mitteln des Humanismus neu erschlossenen Verständnisses
der Bibel bedurft; darum hatten seine Anhänger überall den
klassischen Mittelschulunterricht entwickelt oder ausgebaut:
humanistische Bildung und Protestantismus waren eng ver—
schwisterte Erscheinungen.

Der Jesuitismus kam dieser Verbindung bei, indem er
auch seinerseits einen gelehrten Unterricht humanistischen
Charakters entwickelte. Möglich war das, weil dieser Unter—
richt an sich im 16. Jahrhundert überall ein formaler war.
Er lief auch auf den protestantischen Schulen keineswegs darauf
hinaus, ein geschichtliches Verständnis des klassischen Altertums
zu erwecken oder auch nur eine sogenannte humane Gesinnung
heranzubilden: das Ziel war die philologische und praktische
Beherrschung der alten Sprachen, ja fast ausschließlich des
Lateins; es war ein rhetorisches Ziel im Sinne der Alten.
Diese Bildung nun zu verleihen war gerade der Jesuitismus
besonders befähigt, denn ihr Formalismus ordnete sich ganz
den religiösen Erziehungsgrundsätzen des Ordens ein. So schien
der klassische Unterricht der Jesuitencollegia bald den der pro—
testantischen Gymnasien zu übertreffen; zu Hunderten strömten
ihm lernbegierige Schüler zu, zumal Erziehung und Unter—
weisung für Unbemittelte unentgeltlich war und nicht einmal
das katholische Bekenntnis zur Bedingung der Teilnahme ge—
macht ward.

Und eben weil der Unterricht formal war und jede Ein—
führung in den andersgearteten Geist der alten Autoren
bermied, ward er sogar bald zu einer nicht unwesentlichen
Vorbedingung jesuitisch-religiöser Erziehung. Neben den heiligen
Thomas traten Aristoteles und Cicero gleichsam als Schul—
heilige des Ordens; vermittelten die letzteren die Form, so der
erstere den Inhalt der Bildung: Selbstdenken ihnen gegenüber
schien gefährlich und vermessen. Damit fügte sich der Erwerb
des Wissens ganz der Bildung des Charakters ein, die um so
mehr gefördert werden konnte, als alle Zöglinge fast das Leben
des Internats führten; und das Ergebnis war die beinahe
schrankenlose Überleitung jesuitischer Lebensprinzipien in die

Lamprecht, Deutsche Geschichte. V. 2. 12
        <pb n="306" />
        348 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
jungen Seelen. Das bedeutete aber den Gewinn der künftigen
Generationen der Gebildeten in Deutschland — eben jener
Gebildeten, in deren Herzen am frühesten und zähesten das
Evangelium Fuß gefaßt hatte.

Und die Jesuiten machten beim Mittelschulunterricht nicht
Halt; bald, wie wir sehen werden, fielen ihnen und ihrem
System mit gleichem Erfolge auch die Lehrstühle der Univer—
sitäten zu.

Andrerseits wußten sie auch die unteren Volksschichten zu
gewinnen. Zwar weniger durch Unterricht; sie sahen wohl,
daß das Elementarschulwesen der Zeit die Entfaltung großer
Wirkungen noch nicht gestattete. Wohl aber durch die Aus—
bildung eines religiösen Kultus greifbarer, mechanischer und
berauschender Gattung. Jetzt kam die pomphafte Ausstattung
der Kirchen auf, wie sie das feierliche Barock ermöglichte, bis
ein förmlicher Typus des Jesuitenstils in tausend Künsten des
Stucks, der Bemalung, der Beleuchtung und der Beflitterung
entwickelt war; nun wurde der Bilder-, Reliquien- und Heiligen⸗
dienst, wie die Teilnahme an Prozessionen, Wallfahrten und
besonderen Andachten bis ins Narkotische gesteigert, und den
Einzelnen begleiteten Zauberformeln und geweihte Skapuliere,
wunderwirkende Gürtel, Medaillen und Amulette auch außerhalb
des kirchlichen Pomps in das Gewühl des Lebens.

Den Gipfelpunkt dieses Wesens aber bildete eine neue
Mariolatrie von traumhafter Überschwenglichkeit. Jetzt erschien
die Jungfrau als Adoptivtochter Gott Vaters, Mutter Gott
Sohnes und Gemahlin des heiligen Geistes und somit als das
durchdringende Prinzip der zur Viereinigkeit entwickelten
Trinität; und ihre Mutter, die heilige Anna, jene große
Modeheilige des 15. Jahrhunderts, fand jetzt als Großmutter
Gottes und Schwiegermutter des heiligen Geistes Verehrung.

Und diese massive Lehre, dieser veräußerlichte Gottesdienst
ward nicht etwa zunächst das gemeine Labsal bloß der niederen
Klassen. Im Kult der marianischen Kongregationen umwarb er viel⸗
mehr die höheren Kreise, die, in mittelalterlichen Dienst- und Betge⸗
nossenschaften jesuitischer Färbung zusammengefaßt, sich asketischer
        <pb n="307" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 649
Vorschrift und häufiger Beichte unterwarfen und im Gehorsam
der Jesuiten dahinlebten, jedes seelsorgerischen Winkes der
Väter gewärtig.

Und wie faßten all diese Mittel in der meuternden
katholischen Gesellschaft Deutschlands Fuß! Allseitig wurden sie
schließlich angegriffen, diese im Glauben schwankenden Bischöfe,
diese konfessionell gemischten Domkapitel, dieser verlaufene und
sittlich verwahrloste Klerus; und mehr noch als ihnen wurde
der Laienwelt erfolgreich zugesetzt.

Im Jahre 1540, gelegentlich des Religionsgespräches zu
Worms, betrat in Petrus Faber der erste Jesuit den deutschen
Boden. Er richtete im Religionsgespräch nichts aus, erfolg—
reich aber bemühte er sich um die Besserung des Klerus der
Bistümer Worms und Speier. Dann ging er, 1541, nach
Regensburg; und hier, angesichts der katholischen Hauptmacht
Bayern, wirkten seine während des Reichstages abgehaltenen
geistlichen Ubungen so anziehend, daß ihm zwei Brüder zur
Seite treten mußten, Le Jay und Bobadilla. Bald darauf
gewann er in Mainz den Holländer Pieter de Hondt, den
heiligen Canisius, seinem Orden; Canisius ist später der erste
Ordensprovinzial für Deutschland gewesen. Bobadilla aber
ging an den Hof der zweiten katholischen Macht, Österreichs;
noch im Jahre 1541 erschien er bei König Ferdinand zu
Innsbruck.

In der That mußten vor allem Bahern und österreich ge—
wonnen werden.

In Bayern ward bald Ingolstadt zum Hochsitz der Jesuiten.
Im Jahre 1546 war Eck, die Säule der theologischen Fakultät
der Ingolstadter Universität, gestorben; es waren auch weitere
Vakanzen eingetreten. Da beschloß Herzog Wilhelm IV. eine
volle Reorganisation und erbat dafür Jesuiten aus Romm. Im
Jahre 1549 trafen deren drei ein, darunter Canisius; unter
mannigfachen Kämpfen setzten sie schließlich im Laufe von
dritthalb Jahrzehnten die Umwandlung Ingolstadts in eine
iesuitische Universität durch. Inzwischen aber hatten sie längst
in München (1559) ein besonders blühendes Gymnasium er—

42 *
        <pb n="308" />
        350 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
richtet: den Anfang einer rasch wachsenden Anzahl weiterer
gymnasialer Gründungen, die ihnen bald für Bayern das that—
sächliche Mittelschulmonopol eintrugen — bis ihnen schließ—
lich gegen Ende des 16. Jahrhunderts auch die Aufsicht über
die Elementarschulen zufiel.

Inzwischen waren, 1551, die Jesuiten auch in Wien er—
schienen. Es waren ihrer zwölf; sie richteten in dem ver—
ödeten Karmeliterkloster eine Schule ein; dann folgte ein
Kolleg und schon im Jahre 15858 die feste Übertragung von
zwei Lehrstühlen der Universität. Nachdem dann im Jahre
1556 zu Prag und im Jahre 1562 zu Innsbruck neue Kollegien
eröffnet worden waren, gab es im letzteren Jahre schon 80 Jesuiten
in den habsburgischen Ländern; neben der oberdeutschen konnte
eine besondere österreichische Ordensprovinz errichtet werden.

Waren so die beiden wichtigsten katholischen Territorien,
in Bayern unter begeisterter Unterstützung, in Osterreich wenigstens
unter wohlwollendem Schutze der Herrscher, gewonnen worden,
so galt es nun vor allem, die wankenden geistlichen Territorien
der Nachbarschaft wieder zu festigen. Es gelang leicht zu Augs—
burg, wo in dem Bischof Otto Truchseß zu Waldburg ein der
römischen Sache treu ergebener Mann regierte, ohne größere
Anstrengung auch in Würzburg, wo den Jesuiten bald die theo—
logische und philosophische Fakultät der wieder erweckten Uni—
versität zufiel, langsamer in Regensburg, Passau und Bamberg.

Schwierig aber waren die Anfänge am Rhein. In Köln
waren zwar schon im Jahre 1542 Väter erschienen, aber erst
1556 wurde ihnen ein Gymnasium überwiesen; in Trier
machten sie sich erst 15660 heimisch und brachten es erst 1570
zu einer ausreichenden Dotation; ähnlich verliefen die Dinge
in Mainz, wo sich erst 1561 der eifrige Erzbischof Daniel
Brendel ihrer recht annahm, sowie in Speier.

Immerhin war aber etwa nach dem Schlusse des Konzils
von Trient bereits soviel gewonnen, daß man einer starken
Kräftigung des Katholizismus in den letzten Vesten entgegen—
sehen konnte, die er in Deutschland noch gehalten hatte,
trotz entgegenstehender protestantischer Propaganda. Und schon
        <pb n="309" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 651

hatte dieser Aufmarsch der Jesuiten in der Front wie in der
westlichen Flanke des Protestantismus einen immer stärkeren
centralen Stützpunkt erhalten in Rom.

Noch der heilige Ignatius (f 1556) hatte eingesehen, daß
zur vollen Wirkungsstärke des Ordens in Deutschland zweierlei
fehlte: dem Orden gehörten zu wenig Deutsche an, deren Kennt—
nis der Sprache und Landessitten kaum zu entbehren war; und
die Stationen des Ordens lagen zu weit auseinander, um sich
ohne Zwischenglieder ausreichenden Einflusses zu bemächtigen.
Deutsche Jesuiten und jesuitisch gezogene deutsche Priester —
das war, wessen der Orden bedurfte.

Dem doppelten Bedürfnis wurde das auf Ignazens Ver—
anlassung von Papst Julius III. im Jahre 1552 gestiftete
Dollegium germanicum zu Rom gerecht: ein Jesuitenkollegium
in der ewigen Stadt zur Ausbildung ausschließlich deutscher
Zöglinge für die deutschen Domkapitel, für wichtige deutsche Pfarr—
imter und für deutsche Posten im Bereiche der Gesellschaft Jesu.
Mitte Dezember 1552 trafen die ersten Insassen des neuen Kollegs
aus Wien, Prag und Köln ein; die Erstlinge einer bald wachsenden
Zahl von Zöglingen, wie sie noch heutigen Tages aus ganz Deutsch—
land in Rom zusammenströmt. Und bald wurde das Collegium
germanicum noch durch ein Externat ergänzt, eine Erziehungsan⸗—
stalt für vornehme deutsche Adelige, die ihre Ausbildung hier auch
für weltliche Zwecke erhielten; und dies Institut blühte so rasch
empor, daß es bald mehr als zweihundert Kostgänger umfaßtel.

Das Collegium germanicum aber bildete nun wiederum,
ganz abgesehen von seinen Wirkungen in Deutschland, das
Zwischenglied, das den Jesuitenorden und die Kurie zum Be—
triebe der Gegenreformation in Deutschland moralisch verband;
wie konnte die Kurie in ihren Anstalten zurückbleiben, sah sie
das eifrige Wirken der Jesuiten täglich vor Augen?

Spätestens seit Ausgang des Trienter Konzils wurde der
1Dem Collegium germanicum zu Rom entsprach das Collegium
helveticum zu Mailand, das der h. Karl Borromeo begründete, wie denn
überhaupt von ihm seit etwa 1570 die Gegenreformation der Schweiz ihren
Ausgang nahm.
        <pb n="310" />
        352 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Geist des Papsttums überhaupt ein anderer. Der Sacco di
Roma (152719) hatte in Italien die heitere Höhezeit der
Renaissance abgeschlossen; das Antlitz der besseren Gesellschaft
zeigte seitdem hippokratische Züge. Auf dem Stuhle Petri
kann der Farnese Paul III. (15334-1549) als letzter Renaissance—
papst gelten; seine Schwester war noch die Maitresse Alexanders VI.
gewesen, auch seine eigene Vergangenheit machte ihn nicht eben
des obersten Hirtenamtes der Kirche würdig. Trotzdem hat
schon er die Inquisition gegen die Ketzer verschärft, und sein
Hof lebte bereits ein ernsteres Dasein. Die Nachfolger Pauls
aber waren der würdige Julius III., der edle Marecellus II.,
trotz eines Pontifikats von nur 21 Tagen unsterblich durch die
Messe Palestrinas, dann der leidenschaftliche Eifrer Paul IV.,
bis mit Pius IV. eine ehrfurchtgebietende Reihe frommer und
tapferer Päpste einsetzt. Schon Pius IV. selbst (18530 65) machte
seinem Namen keine Unehre; sein Nachfolger aber, Pius V.
(1566—-72), ein Dominikaner, war geradezu ein Asket: ihn
allein von den Päpsten der letzten Jahrhunderte hat die Kirche
der Heiligsprechung gewürdigt. Dann folgten Gregor XIII.
(1572-85) und Sixtus V. (156885—90), Greise von reichster
Lebenserfahrung und Kirchenfürsten von starker Hand, und an
sie schloß sich in kurzem Zeitraum noch eine Anzahl von
Päpsten, die das große Erbe der Vorgänger mindestens zu
wahren wußten.

So waren alle persönlichen Vorbedingungen eines refor—
matorischen Papsttums gegeben, und nirgends winkte diesem ein
so reiches und zudem durch die Sorgen der Jesuiten bereits
so klug gelockertes Arbeitsfeld, als in Deutschland.

Nun waren freilich die Beziehungen der Kurie zu
Deutschland seit dem zweiten und dritten Jahrzehnt des
16. Jahrhunderts arg vernachlässigt worden, trotz leiser
Anfänge zur Entwicklung ständiger Nuntiaturen seit etwa
dem Jahre 1504. Die Verbindung der deutschen Königsgewalt
mit jenem spanischen Universalismus Karls V., der notwendig

S. oben S. 387.
        <pb n="311" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 653
eine Wendung gegen die Territorialbestrebungen des Papsttums auf
talienischem Boden bedeutete, hatte es niemals zu einer innigen Ver⸗
ständigung der obersten weltlichen und kirchlichen Instanzen kommen
lassen, trotz alles Katholizismus des Kaisers; gerade in diesem
Verhältnis hatte eine der wesentlichen Vorbedingungen für den
Erfolg des Protestantismus beruht. Nun war diese Kon—
stellation freilich mit der Abdankung Karls V. gefallen; allein
der auf dem Tridentinum so rege bekundete Reformeifer
Ferdinands wie die schillernde religiöse Haltung Maximilians II.
ließen es auch jetzt noch nicht zu engeren Beziehungen der
Päpste und Kaiser und damit zur wichtigsten Voraussetzung
stärkeren Eingreifens der Kurie in Deutschland kommen.

Gleichwohl war doch mit dem Abschluß des Trienter Konzils
das Eis gebrochen. Die Jesuiten, Sendlinge ihrer Gesellschaft
und der Kurie zugleich, breiteten sich immer stärker aus, und
Einzelbeziehungen zu den deutschen katholischen Fürsten sowie
ein näheres Verhältnis auch zum Kaiser wurden angebahnt.
Es bedurfte nur noch eines Papstes, der besonderes Verständnis
für die deutschen Dinge besaß und sich ganz mit dem Reichs—
oberhaupt zu stellen wußte, und eine wohlbegründete Einfluß⸗
nahme der Kurie auf die deutschen Katholiken, auf das Reich
überhaupt, eine spezifische katholische Politik der alten geist—
lichen Universalgewalt des Mittelalters, konnte beginnen. Dieser
Papst erschien mit Gregor XIII.

Gregor begann alsbald, schon im Jahre 1573, sich um
Deutschland zu sorgen. Er festigte den Bestand des jesuitischen
Collegium germanicum, das nach hoffnungsvollen Anfängen
zurückgeblieben war; es hat von nun ab der Regel nach hundert
deutsche Zöglinge aufgewiesen. Er setzte eine besondere Kardinals—
kommission zur Förderung der deutschen Gegenreformation ein,
die Oongregatio germanica. Er ergänzte die bisher einzige
Nuntiatur in Wien durch ein Kommissariat in Salzburg
und bald auch eine niederdeutsche Nuntiatur in Köln.

Die Leiter dieser Nuntiaturen vor allem wurden nun un—
mittelbare Werkzeuge der päpstlichen Politik. Sie hatten die
Aufgabe, für Annahme des Tridentinums im Reiche zu sorgen
        <pb n="312" />
        654 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
und besonders sollten sie die katholischen Fürsten der kirchlichen
Sache gewinnen. Das gelang ihnen verhältnismäßig leicht bei
den Laienfürsten. Unter den Habsburgern wurden der Erz⸗
herzog Karl von Steiermark, dessen Residenz Graz 1580 sogar
eine besondere Nuntiatur erhielt, und Erzherzog Ferdinand von
Tirol und Niederösterreich ihre Freunde; vor allem aber er—
hielten sie in Herzog Albrecht V. von Bayern einen wahren
Hort ihrer Bestrebungen. Viel schwerer war es, sich den geist⸗—
lichen Fürsten zu nähern; diese zeigten unverhohlenes Mißtrauen,
der Bischof von Bamberg vermied sogar jede Verhandlung
mit irgend einem der Nuntien. Es zeigte sich, daß mit dem
lebenden Geschlecht dieser Bischöfe nichts zu erreichen war; sie
waren zumeist religiös indifferent, aber zu Kompromissen mit
den Evangelischen geneigt, ja bisweilen glaubte man in streng
katholischen Kreisen gar an ein geheimes Einverständnis aller
mit den Protestanten. So wurde für die Nuntien das Ab—
sterben dieser Herren zum wichtigsten Augenblick: denn nun kam es
darauf an, einen sicheren katholischen Nachfolger durchzusetzen.
Es geschah meist, indem man für die Einschiebung junger
Prinzen aus den katholischen Laienhäusern sorgte, mochte sich
auch, ganz gegen die Tridentiner Bestimmungen, in deren Händen
eine Anzahl wichtiger Pfründen und Bistümer häufen: wurde
doch damit zugleich wieder das Wohlwollen dieser Laienfürsten,
namentlich der Habsburger und Wittelsbacher, gewonnen; und
so erscheint die Cumulation hoher geistlicher Würden in den
Händen weniger, oft minder würdiger Prinzen bald als eine
der bezeichnendsten Erscheinungen der Gegenreformation.
Freilich kam man auf diesem Wege vorwärts. Und vor—
wärts bewegte sich seit den siebziger Jahren überhaupt der Einfluß
des Katholizismus. Die Nuntien galten bald an Höfen viel, wo
man sie lange nicht oder gar noch niemals gesehen hatte; der stille
Einfluß der Jesuiten schob sich überall ein; in den Domkapiteln,
im Pfarramt und in der Gesellschaft wirkten die Zöglinge des ger⸗
manischen Kollegiums. Und über all dem lag der Hauch neuer
geistiger Regungen, das frohe Bewußtsein gleichsam stiller
Rekonvalescenz. Der Katholizismus atmete wieder, er lebte
        <pb n="313" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 655
langsam auf: was sollte seine Wirkung sein auf die deutschen
Geschicke?
III.

Die ersten größeren Regungen der Gegenreformation führen
bis auf die Jahre 1565 und 1566 zurück. Während damals
in einzelnen katholischen Kreisen, namentlich am Niederrhein,
noch von einem Ausgleich zwischen Protestantismus und Katho—
lizismus etwa im Sinne der Vorschläge des Theologen Cassander
geträumt ward, bewog der päpstliche Nuntius Commendone
auf dem Augsburger Reichstage die katholischen Stände zur
grundsätzlichen Annahme wenigstens der dogmatischen und
kultischen Beschlüsse des Tridentinums: es war die endgiltige
Trennung vom Protestantismus.

Dementsprechend legte der neue Erzbischof Jakob von Trier
im Jahre 1569 das Tridentiner Glaubensbekenntnis ab; diese
feste Stellungnahme veranlaßte dann den schwankenden Kölner
Erzbischof Friedrich von Wied, abzudanken; und ihm folgte in
Salentin von Isenburg ein fester Katholik, der den Eid ebenfalls
leistete. Und ziemlich zur selben Zeit konnten in einigen süd—
deutschen Bistümern, in Konstanz, Augsburg, Salzburg, Pro⸗
vinzialsynoden einberufen werden, die nicht bloß die Dogmen,
sondern auch schon die Reformdekrete des Trienter Konzils an—
nahmen und zur Richtschnur örtlicher Verbesserungen machten.

Ging man so, wenn auch langsam, in den geistlichen
Territorien besseren Zeiten entgegen, so trat doch alles, was
hier geschah, zurück gegen den Eifer, der in dem führenden
Laienterritorium, in Bayern entfaltet ward. Hier, wie sonst,
hatte sich das Evangelium namentlich in den höheren gesellschaft—
lichen Schichten verbreitet, unter dem Adel und unter dem
Patriziat der Städte, d. h. unter den Schichten, aus denen
sich die politischen Stände des Landes zusammensetzten. Und
da diese politischen Stände gegenüber der aufstrebenden Landes—
herrschaft die aristokratische Leitung der Landesangelegenheiten
beanspruchten und damit in Gegensatz zum Landesfürsten traten,
so hatte sich kirchliche und politische Opposition bei ihnen ver—
        <pb n="314" />
        656 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
bunden. Es ist ein Zusammenhang, der überall in der Ge—
schichte der Gegenreformation Beachtung verdient: die Interessen
der Stände und des Evangeliums liefen auf der einen, die
der Fürsten und des Katholizismus auf der anderen Seite zu—
sammen. Nun trat in Bayern dieser Zusammenhang aber nicht
bloß wegen des strengen Katholizismus des Herrscherhauses
zuerst besonders hervor. Herzog Albrecht war bei aller Frömmigkeit
zugleich ein lebensfreudiger Herr; er ist der Gönner Orlandos
di Lasso gewesen, unter ihm hielten die italienischen Baumeister
ihren Einzug in München — er bedurfte großer Summen zur
Führung seines Hofhalts. So machte er Schulden, und nach—
träglich verlangte er von den Ständen deren Begleichung.
Diese Verhältnisse legten den protestantischen Ständen nahe,
die volle Anerkennung ihres Bekenntnisses von der Übernahme
der fürstlichen Schuldenlast abhängig zu machen: im Jahre 1563
forderten sie unter der Führung des Grafen Joachim von
Ortenburg in diesem Sinne die Freigabe der Augsburger Kon—
fession. Aber rasch und brutal trat Albrecht dieser Auffassung
entgegen; den sich ankündigenden Widerstand der Stände schlug
er nieder; ein- für allemal beseitigte er den Zusammenhang
zwischen landständischer Politik und kirchlichen Forderungen.
Und dem folgten dann unablässig und immer tiefer greifend
systematische Maßregeln zur Rekatholisierung des gesamten Landes.
Zunächst wurde ein den Wittelsbachern schon im 15. Jahr—
hundert gewährtes kirchliches Visitationsrecht zur Bestärkung
des katholischen Klerus und zur Austreibung der Prädikanten
und anderer eifriger Bekenner der evangelischen Lehre aus—
genutzt; selbst einen Rückgang des städtischen Lebens infolge
dieses Vorgehens trug der Herzog ohne Bedenken. Dann wurden
diese Visitationen, nunmehr eine gesicherte Einrichtung, im
Jahre 1570 einem besonderen herzoglichen geistlichen Rats—
kollegium unterstellt. Und gleichzeitig wurde im Sinne des
Tridentinums für die Hebung des katholischen Klerus und des
katholischen Unterrichts gesorgt: für den Pfarrklerus wurde
eine Zulassungsprüfung, für die Schulen eine herzogliche geist—
liche Kontrolle eingerichtet; wie dann die Jesuiten hierüber
        <pb n="315" />
        Protestantismus und Gegenreformation im rReiche. 657
hinaus den Mittelschulunterricht und die Universität Ingolstadt
eroberten, ist schon erzählt worden!. Damit bedurfte es
nur noch weniger weiterer Maßregeln, der Errichtung einer
Zensur, des Verbots, auswärtige Universitäten zu besuchen, der
Forderung gegenüber allen Beamten das tridentinische Bekennt—
nis abzulegen: und das Land Bayern mußte einem ausschließ—
lichen Katholizismus zufallen.

In der That war der Erfolg so groß, daß Anfang der
siebziger Jahre Bayern allen Katholiken als Hort ihres Glaubens
erschien; von ihm erhoffte man sogar eine politische Einigung
aller katholischen Stände, und wirklich wußte Herzog Albrecht
den alten, katholisch charakterisierten Landsberger Bund um diese
Zeit zu verstärken. Und als im Jahre 1573 in Hildesheim,
dem einzigen noch katholischen Bistum östlich der Weser, der
Bischofssitz verwaist war, da wählte das Domkapitel, unbe—
kümmert um die Werbungen von Braunschweig und Holstein,
zum neuen Bischof den Prinzen Ernst, den nachgeborenen Sohn
Herzog Albrechts, obwohl er bereits das Bistum Freising besaß.

Und schon hielt man in einigen Gegenden Deutschlands,
unter dem frohen Eindruck aller dieser Vorgänge, die Zeit für
gekommen, um fast ganz evangelisch gewordene Länder dem
Katholizismus zurückzuerobern. In dem Gebiet der alten
Reichsabtei Fulda, das, vom hessischen Lande fast ganz um—
schlossen, dem Evangelium zugefallen war, führte der jugendliche
Abt Balthasar von Dermbach seit 1573 die alte Lehre mit
Hilfe der Jesuiten siegreich wieder ein; und ein Jahr darauf
begann man von Mainz aus die Gegenreformation im Eichs—
feld. Es waren Erfolge, die deshalb doppelt von Bedeutung
waren, weil sie nur mit kaiserlicher Unterstützung möglich
geworden waren: die Proteste der evangelischen Landstände und
der evangelischen Nachbarn von Fulda hatte man in Wien einfach
unberücksichtigt gelassen.

Und wie hätten sie auch Gehör finden sollen? Wie auch
der Kaiser persönlich denken mochte: die Institutionen des Reiches

S. oben S. 649f.
        <pb n="316" />
        358 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
waren auf der Grundlage der alten, mittelalterlichen Kirche
erwachsen; sie sprachen auf allen Gebieten grundsätzlich zu gunsten
des Katholizismus; und triumphiert hatten die Evangelischen
über sie im Siegeslauf ihrer Ausbreitung bis in die sechziger
und siebziger Jahre hinein allein durch ihre Überschreitung.
Jetzt aber, wo vermöge der inneren Spaltungen die Triebkraft
des Protestantismus immer mehr nachließ, mußte ihr eigent—
licher Charakter wieder stärker zu Tage treten.

Nirgends zeigte sich das besser, als gelegentlich der Ver—
handlungen der Jahre 1574 und 1575, in denen bei dem bald
zu erwartenden Abscheiden Maximilians II. die Wahl eines
neuen Königs betrieben ward. Die Protestanten waren kaum
in der Lage, einen Kandidaten ihres Bekenntnisses aufzustellen;
mit Ausnahme der Pfalz empfanden sie eine solche Maßnahme
jetzt selbst schon als gegen den Geist der Verfassung. Ja, als
es feststand, daß Rudolf II., der Sohn Maximilians, auch sein
Nachfolger sein werde, wußten sie sich bei der Abfassung der
Wahlkapitulation nicht einmal vor einem Eingreifen des Kaisers,
wie sie es gelegentlich der Fuldaer Gegenreformation erlebt
hatten, zu sichern. War es da ein Wunder, wenn sie im Jahre
1576 auf dem Augsburger Reichstage trotz aller Bemühungen
der pfälzischen Partei wieder einmal nicht die geringste Anderung
des geistlichen Vorbehalts durchsetzten? Das einzige Ergebnis
war die nunmehr völlig zu Tage tretende Spaltung zwischen
dem pfälzisch-calvinischen und dem sächsisch-lutherischen Anhang!.

Inzwischen aber konnte es scheinen, als wenn das allmäh—
liche Ermatten der protestantischen Vertretung auf dem centralen
politischen Kampfplatze innerhalb des Reichs, auf dem Reichs—
tage, noch einmal durch eine, freilich der Hauptsache nach calvinische
Bewegung an der Peripherie werde wett gemacht werden können.

Nirgends war in mittel- und niederdeutschen Gebieten der
Katholizismus sicherer erhalten geblieben, als am Rhein. Hier
bildeten die Gebiete der drei geistlichen Kurfürsten von Mainz,

S. oben S. 621 f.
        <pb n="317" />
        Orotestantismus und Gegenreformation im Reiche. 659
Trier und Köln einen achtenswerten Mittelpunkt des Wider—
stands, der noch verstärkt ward durch die im Ganzen beinahe allein
katholisch gebliebenen Reichsstädte Köln und Achen und die
Länder des katholischen Herzogs von Jülich-Cleve und des
Bischofs von Lüttich. Dazu war dies System im Osten von
einer Reihe gleichsam planetarischer geistlicher Fürstentümer um—
geben, den Bistümern Osnabrück, Paderborn, Münster, Worms
und Speier; und im Westen war es durch die spanisch-katho—
lische Macht der Niederlande gedeckt.

Trotzdem war es auch hier zu evangelischen Regungen ge—
kommen. Aber der Reformationsversuch Hermanns von Wied
in Köln war kläglich gescheitertt, und nicht minder waren
evangelische Bewegungen in Trier und Achen unterdrückt worden.
In Trier hatte Caspar Olevianus 1559 gepredigt und zahl—⸗
reiche Anhänger gefunden; indes der Erzbischof nahm alsbald
seine Hauptstadt ein und säuberte sie, nicht ohne spanische
Unterstützung von den Niederlanden her, von Ketzern. In
Achen hatte sich um dieselbe Zeit aus Einheimischen wie nieder—
ländischen Flüchtlingen eine protestantische Gemeinde gebildet;
sie wurde auf die Hilferufe der katholischen Einwohner von
den Spaniern und einer kaiserlichen Untersuchungskommission
chleunigst beseitigt.

So herrschte um 1560 wieder Ruhe an Mittel- und Nieder—
chein; das katholische System bestand scheinbar unangreiflich fort.
Allein nun kamen die Jahre der Schreckensherrschaft Albas in den
Niederlanden; die benachbarten deutschen Städte wie die Grenz-—
gegenden überhaupt füllten sich mit Tausenden von Emigranten;
ind wiederum erhob sich unter ihrem Einfluß der niemals ganz
ausgerottete Protestantismus. Es kam zu neuen Gemeinde—
bildungen; größere Gruppen wallonisch-calvinischer, niederländisch—
ralvinischer, teilweis auch lutherischer Observanz bildeten sich
bor allem in Wesel, aber auch in Köln und Achen. Diese
überall emporsprossenden Anfänge lehnten sich bald im Norden
in die protestantische Grafschaft Friesland an, wo in Emden

S. oben S. 421.
        <pb n="318" />
        360 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
eine der größten niederländischen Emigrantengemeinden bestand,
und im Süden an die Pfalz, von wo aus eifrige Emissäre am
Niederrhein wie in den Niederlanden zu predigen pflegten. Und
bald kam es auf dieser Grundlage zu einer festen Organisation.
Im Herbst des Jahres 1571 wurden die neuen Gemeinden auf
der Synode von Emden in das große Verfassungssystem der
calvinischen Kirche der Niederlande, Englands und Westdeutsch—
lands eingefügt; sie bildeten darin die Quartiere Köln und
Wesel.

Natürlich wirkten die Katholiken diesen Fortschritten ent—
gegen. Aber es geschah lässig. Die Edikte des Herzogs von
Jülich-Cleve wurden nicht beachtet, der Ketzereifer des Kölner
Rats erkaltete, sobald sich her ausstellte, daß unter den religiösen
Verfolgungen der Handel der Stadt mit den Niederlanden zu
leiden begann. In Achen aber machte das Evangelium solche
Fortschritte, daß es politisch wirksam werden konnte; 1574
kamen die ersten Protestanten in den Rat; sechs Jahre darauf
war seine Mehrheit protestantisch, und Calvinische wie Lutherische
konnten die Bitte an ihn richten, ihnen öffentliche Religions—
übung zu gestatten.

Aber nun wandten sich die Katholiken der Stadt um Hilfe
an Jülich-Cleve, an Lüttich und vor allem an den Kaiser. Die
Achener Angelegenheit wurde damit zur Reichssache und zu einem
wichtigen Moment der allgemeinen Bestrebungen katholischer
und protestantischer Mächte im Reiche.

Kaiser Rudolf II. verfügte die Absetzung des protestantischen
Rates. Allein als die kaiserlichen Kommissare in Achen vorgehen
wollten, kam es zum Aufruhr; und der Rat blieb. Darauf
ergriff der Herzog von Jülich eigenmächtig feindliche Maßregeln
gegen die Stadt; von den Niederlanden her schob der Herzog
von Parma unter Verletzung des Reichsfriedens Truppen gegen
sie vor; die protestantischen Stände gerieten überall in
Erregung; der Handel wurde zur großen Sache im Reiche:
kein Zweifel, daß er auf jenem Reichstage zu Augsburg eine
Rolle spielen würde, den der Kaiser nach langer Pause wegen
einer Türkensteuer zum Jahre 1582 berufen mußte.
        <pb n="319" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 661
Rudolf II. sah diese Verwicklung auch seinerseits voraus;
um sie zu verhindern, unterließ er es, Achen zum Reichstag
zu entbieten. Allein die Achener Gesandten erschienen trotz⸗
dem, und eben ihre Vernachlässigung trug ihnen jetzt erst recht
die Sympathien fast aller anderen Reichsstädte ein: einmütig
erklärte man vonseiten der Städte, keine Reichssteuern bewilligen
zu wollen, es sei denn die Achener Beschwerde vorher erledigt;
und man verharrte bei dieser Weigerung um so mehr, als
sie die Zustimmung der Fürstenbank gefunden hatte.

So blieb der Achener Protestantismus einstweilen un—
behindert; es war ein letzter Sieg des neuen Bekenntnisses, ein
etzter Sieg zugleich der vereinigten Macht der Reichsstädte.

Aber er wurde gegengewogen durch einen schweren gleich—
zeitigen Verluft protestantisch-fürstlichen Ansehens.

Das Erzstift Magdeburg stand um diese Zeit unter der
Administration des verheirateten brandenburgischen Prinzen
Foachim Friedrich. Der Prinz hatte aber noch nicht die für
geistliche Fürstentümer seit dem Wormser Konkordat vorge—
schriebene Belehnung mit dem Stifte seitens des Kaisers
erhalten; und der Kaiser zögerte mit deren Erteilung an den
Protestanten, wozu er bei seiner Auffassung des geistlichen
Vorbehalts völlig berechtigt war. Da faßte nun Joachim
Friedrich den Gedanken, die Gesetzmäßigkeit seines Besitzes trotz
fehlender Belehnung dadurch zu erweisen, daß er auf dem Reichstage,
dessen Sitzungen er bisher nicht besucht hatte, den Platz des
Magdeburger Erzbischofs auf der Fürstenbank einnahm. Wäre
diese Absicht gelungen, so wäre damit dem geistlichen Vorbehalt
präjudiziert gewesen; alle protestantischen Administratoren,
gleichgültig ob belehnt oder unbelehnt, würden ihre Plätze zu
Recht haben einnehmen können; und das hätte die Protestan—
tisierung der Fürstenbank bedeutet. So handelte es sich hier

keineswegs um kleine Interessen; Maximilian von Bayern hat
später einmal mit Recht bemerkt, daß der Sieg Joachim
Friedrichs der sichere Anfang zu einer Protestantisierung der
Reichsverfassung und damit zum Sturz der katholischen Kirche
gewesen wäre.
        <pb n="320" />
        362 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
In den ersten Tagen des Augsburger Reichstages vom
Jahre 1582 erschien nun ein Vertreter Magdeburgs auf der
Fürstenbank.

Aber der wichtige Zusammenhang wurde auf katholischer
Seite sehr wohl erfaßt, und deshalb sah sich der päpstliche Legat
am Reichstage, der Trienter Bischof Madruzzi, alsbald veran—
laßt, die Katholiken zu energischem Widerstand anzuspornen.
Und in der That erreichte er, daß die Katholiken mit ihrem
Rückzug aus dem Reichstage, d. h. der Möglichkeit einer
Sprengung der Reichsverfassung, drohten, falls der Administrator
seinen Sitz behalte. Und die Protestanten gaben nach. Unter
kursächsischer Einwirkung verließ Magdeburg den Reichstag,
wenn auch unter lahmem Protest und mit der Versicherung,
die Sache ein andermal besser zu machen. Der Kaiser aber
entnahm dem Vorgange die Lehre, daß er die Protestanten,
denen er wiederholt hatte näher treten wollen, ein wenig fester
zu behandeln habe, und daß er namentlich mit der Belehnung
protestantischer Administratoren in Zukunft vorsichtig sein müsse.

Das war die Lage der Dinge im Reiche, als am Nieder—
rhein Ereignisse eintraten, die zum erstenmal zum ernsteren
Messen protestantischer und katholischer Kräfte führten.

Im Erzbistum Köln war im Jahre 1567 auf Friedrich
von Wied in Salentin von Isenburg ein hochgemuter Herr
gefolgt, ein Edelmann, der gern im strahlenden Harnisch ins
Feld zog, kein geistlicher Furst im Sinne des Tridentinums:
—
entzogen. Indes so sehr man in Rom gelegentlich über den
originellen Bischof seufzte, so man war doch froh, in ihm
einen immerhin zuverlässigen Mann auf dem wichtigen Platze
zu haben; zudem wußte man, daß er nicht lange Bischof
bleiben werde, denn er war der Letzte seines Stamms und
fühlte die Verpflichtung, diesen in rechtmäßiger Ehe fortblühen
zu lassen. Damit schien für die Kurie die Hauptsache, für den
Fall, daß Salentin entsagen werde, zu rechter Zeit für einen
geeigneten Nachfolger zu sorgen. Ihr Kandidat war dabei der
Prinz Ernst von Bayern. Er war zwar schon mehrfach gewählter
        <pb n="321" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 663
Bischof, und Häufung von Pfründen war durch die Bestim—
mungen von Trient verboten. Indes in der Not der Gegen—
reformation mußte man darüber hinwegsehen. Er war auch,
wenn zwar eifrig katholisch, doch nach den eigensten Worten
eines Nuntius ein großer Sünder; indes man betonte, daß
man den Rock nach dem Maße des Leibes schneiden müsse.

Als Salentin im Jahre 1577 verzichtete, wurde Ernst
von dem päpstlichen Nuntius in jeder Weise empfohlen. Allein
das Domkapitel, dessen freies Wahlrecht unbestreitbar war, ver—
abscheute jeden Prinzen aus einem großen regierenden Hause
und wählte darum nicht Ernst, sondern den Grafen Gebhard
Truchseß zu Waldburg. Es war für die Kurie eine schwere
Enttäuschung. Immerhin aber durfte sie auch mit Gebhards
Wahl an sich zufrieden sein; Gebhard war ein Neffe des
eifrigen Kardinalbischoffs von Augsburg, er bereitete den
Jesuiten in Köln eine feste Stätte, und er konnte auf Grund
seiner persönlichen Lebenshaltung in der Umgebung des
Nuntius Castagna bald als der deutsche Borromäus gefeiert
werden.

Aber Gebhard war leidenschaftlich. Im Jahre 1879
faßte er eine tiefe und feurige Liebe zu einer Stiftsdame des
Klosters Gerresheim bei Düsseldorf, der Gräfin Agnes von
Mansfeld; und Anfang 1580 war er entschlossen, protestantisch
zu werden, um sie zu heiraten.

Sollte er nun das Erzstift aufgeben? Gegen Ende des
Jahres 1581 hatte ihn der Rat protestantischer Freunde zu
dem kühnen Plane fortgerissen, gleichwohl an der Spitze seines
Landes zu verharren und die Religion in ihm frei zu geben.
Es wäre, gelang die Absicht, der furchtbarste, vielleicht der
entscheidende Schlag gegen den deutschen Katholizismus gewesen.
Es hätte geheißen, dem katholischen System des Mittel- und
Niederrheins das Herz nehmen; eine westliche Bastion des
norddeutschen Protestantismus bilden, die bald durch Prote—
stantisierung der westfälischen Bistümer mit den Hauptveste
verbunden worden wäre; einen Zufluchtsort ferner schaffen für
die niederländischen Protestanten, und nicht bloß einen Zu—

Lamprecht, Deutsche Geschichte. V. 2. 19
        <pb n="322" />
        364 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
fluchtsort, nein, auch eine Stätte stetigen Ausfalls; es hätte
endlich bedeutet, die süddeutschen Fürstentümer, in denen viel—
fach halbprotestantische Dom-⸗ und Stiftskapitel vorhanden
waren, auf den Weg der Protestantisierung fortreißen. Im
Reiche aber wäre die Protestantisierung des Kurfürstenkollegs
und damit die Aussicht auf ein protestantisches Kaisertum und
eine protestantische Reichsverfassung die Folge gewesen.

Gebhard wollte mit seinem Plane nicht hervortreten, ehe
nicht der Reichsstag zu Augsburg geschlossen wäre. Allein eben
dies Warten hatte zur Folge, daß man bald allerseits in
Gebhards Geheimnis eindrang und mißtrauisch zu werden
begann. Der Kaiser warnte, die Kurie dachte schon an die
Absetzung des Erzbischofs und hielt Ernst von Baiern von
neuem bereit, und Kölner Domkapitel und Kölner Stadtrat
traten dem Erzbischof drohend entgegen.

Gebhard blieb schließlich nichts mehr übrig, als zu handeln,
obwohl er von Bundesgenossen erst den Grafen von Nassau
und den unzuverlässigen Pfälzer Prinzen Johann Casimir
gewonnen hatte. Ende Dezember 1582 bekannte er sich aus—
gesprochen zum evangelischen Glauben; im Januar 1583 ver⸗
kündete er für das Stift die Religionsfreiheit und vermählte
sich bald darauf öffentlich mit Agnes von Mansfeld.

Aber schon fühlte er sich des rheinischen Teils seines
Landes nicht mehr sicher. Er verließ Bonn und ging nach
Westfalen. Hier fand er in den stiftischen Landen volle
Sympathie; ein Landtag vom 12. März 1883 erklärte sich
für ihn; es folgte eine reformatorische Bewegung, die sich
teilweis in argen Übertreibungen erging.

Indes das waren, bei den geringeren Hilfsmitteln der
westfälischen Stiftslande, keine entscheidenden Ereignisse. Den
Ausschlag mußten die Lande am Rhein geben. Und hier
hatten die Dinge eine ungünstige Wendung genommen. Das
Domkapitel hatte gegen den Erzbischof mobil gemacht, es
hatte den Herzog von Parma um Hilfe gebeten und die von ihm
einberufenen Stände zu der Erklärung vermocht, daß die Hand—
        <pb n="323" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 665
lungen des Erzbischofs gegen die Grundgesetze des Landes
verstießen.

Gleichwohl war die Lage Gebhards noch keineswegs ver—
zweifelt, falls seine neuen Glaubensgenossen sich nur einiger—
maßen seiner annahmen. Aber auf diesem Boden machte er
nun die trübsten Erfahrungen. Schon im Dezember 1582
hatten die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg gemeint,
die Kölner Sache sei übereilt; man könne in ihr nicht mehr
thun, als vermitteln. Dabei blieben sie jetzt, wenn sie sich
auch, übrigens zusammen mit Kurmainz und Kurpfalz, über
die Anwesenheit spanischer Truppen auf dem Reichsboden
—
Pfalz half jetzt nicht, nachdem er wieder einmal vergebens
—D——
Versammlung der Stände augsburgischer Konfession zu wecken.

Schließlich griff nur der abenteuernde Johann Casimir zu
den Waffen. Aber ehe er auftrat, hatten die Katholiken
gehandelt. Der Papst hatte Gebhard am 22. März 1583
abgesetzt; darauf war Ernst von Bayern am 23. Mai vom
Kapitel zum Erzbischof gewählt worden. Und alsbald er—
schienen bayrische Truppen des neuen Kurfürsten, um die
wenigen Plätze am Rhein, die noch in Gebhards Händen
waren, vor allem Bonn, zu belagern. Nun trat ihnen Ende
August allerdings Johann Casimir entgegen. Allein ein minder
mutiger Feldherr, ein schlechter Zahler des Truppensolds, zu⸗
dem von kaiserlichen Edikten verfolgt, kam er zu keiner That — bis
ihn, sehr nach seinem Wunsche, der Tod seines Bruders, des
Pfälzer Kurfürsten, am 12. Oktober zur vormundschaftlichen
Verwaltung nach Heidelberg abrief. Nun stand den bayrischen
Truppen Ernsts nichts mehr im Wege; durch spanischen Zuzug
verstärkt nahmen sie die Veste Godesberg mit stürmender Hand
und setzten sich im Anfang des Jahres 1584 durch Verrat in
die Gewalt von Bonn: Gebhards Sache war verloren. Von
seinem Lande verdrängt schlug sich der alte Erzbischof schließlich
in das Gebiet der Generalstaaten durch; und diese hielten nun

43 *
        <pb n="324" />
        666 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
ihrerseits den Kampf gegen Kurköln in den Formen eines
verderblichen Grenzkrieges noch eine Zeitlang aufrecht.

In Köln aber umgab die Kurie jetzt den neuen Herrn mit
allen Garantien dauernden Bestandes. Wie ihrer fortwährenden
Mahnung im Verlauf des Kampfes die spanische Hilfe von den
Niederlanden her zu danken gewesen war, so begründete sie
jetzt in Köln eine ständige Nuntiatur und säuberte das Dom—
kapitel von Protestanten. Dem neuen Kurfürsten fehlte damit
nur noch die Anerkennung der evangelischen Mitglieder des Kur—
fürstenkollegs; und auch diese ließ ihm der lutherische Konser—⸗
vatismus im August 1584 zu teil werden.

Konnte man sich wundern, wenn unter diesen Umständen
der Sieg des Katholizismus in Köln nicht bloß als eine
Wiederherstellung des alten Zustandes, sondern als der wesentlichste
katholische Fortschritt über die alte Lage der Konfessionen hinaus
empfunden ward? Wo noch geistliche Fürsten zwischen Protestan—
tismus und Katholizismus geschwankt hatten — die Kurie hatte zu
den Schwankenden sogar den Mainzer Erzbischof gerechnet —, da
entschieden diese sich jetzt zu gunsten der alten Kirche; und nament—
lich in Westfalen gelang nunmehr überall die Einführung un—
zweifelhaft katholischer Bischöfe. Zugleich aber erhob sich in den—
jenigen Fürstentümern, in denen katholisch gesinnte Oberhirten
über einer teilweis protestantischen oder wenigstens dem Pro—
testantismus zuneigenden Bevölkerung saßen, jetzt mehr als je
drohend die Gegenreform. Vor allem galt das für Würzburg,
wo der energische Bischof Julius Echter von Mespelbrunn, der
Schöpfer des berühmten Hospitals, dessen weite Räume und
schattige Gärten noch heute sein Andenken bewahren, durch
Visitationen und persönliche Einwirkung, durch Schulgrün—
dungen und Ausbildung eines rein gesinnten Klerus fast
alle die zahlreich vorhandenen evangelischen Sympathien erstickte.

So entnahm der Katholizismus dem großen politischen
Erfolge am Rhein die Aufforderung, auf der ganzen Linie
des Kampfes vorzugehen, hartnäckig und selbstbewußt, in
wiederholten, von der Kurie mit wachsendem Eifer begünstigten
Versuchen einer Einigung aller seiner Fürsten, keineswegs bloß noch
        <pb n="325" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 667
in flüchtigen Stößen. Unter diesen Umständen war klar, daß
der Protestantismus, in die Defensive gedrängt, jetzt nur noch
in straffer Einheit auf die Dauer würde widerstehen können;
andernfalls mußte die gut geleitete Kraft der alten Kirche das
lose Gefüge seiner Verbreitungsgebiete langsam zerbröckeln.

[V

In der That traten Ereignisse ein, die die Herstellung
eines gemeinsamen Bundes aller Stände des neuen Bekennt—
nisses fördern mußten.

Zunächst starb am 12. Oktober 1583 der lutherische Kur—
fürst Ludwig von der Pfalz; da sein Sohn und Nachfolger
Friedrich erst zwölf Jahre alt war, so übernahm dessen Oheim,
der uns genügend bekannte Johann Casimir, das vormund⸗
schaftliche Regiment. Er führte es alsbald ganz nach eigenem
Kopfe, brachte mit Hilfe seines fanatischen Kanzlers Ehem den
Calvinismus von neuem zu Ehren und entwickelte eine ganz
andere protestantische Initiative, als sein etwas ruhseliger Vor—
gänger. Damit ging bald ein erneuter lebhafter Aufschwung
des Protestantismus im westlichen Ausland Hand in Hand.
Am 12. August 1585 trat Königin Elisabeth von England
in einem mit den Generalstaaten geschlossenen Vertrage gegen
Spanien in die Schranken! und nahm die Unterstützung der
französischen Protestanten und Heinrichs von Navarra auf.
Demgegenüber verband sich Philipp II. von Spanien in
engem Kriegesvertrage mit der französischen Ligue und zwang
König Heinrich III. von Frankreich zur erneuten Bedrängung
der Hugenotten: eine Erweiterung und Verschärfung der Kon⸗
fessionsgegensätze ging durch das ganze westliche Europa.

Die deutschen Protestanten begriffen wohl, daß sie hier
nicht unthätig sein dürften; sie mußten zu gunsten der Huge—
notten eingreifen. Allein unter der Einwirkung des Kurfürsten
August von Sachsen wurden ihre Absichten fast zur Farce; man
1 S. oben S. 5975.
        <pb n="326" />
        668 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
meinte durch nichts als eine stattliche Warnungsgesandtschaft
den französischen König von der Bekämpfung der Hugenotten
abhalten zu können.

Darüber hinweg aber kam es zu anderweitigen, einer that⸗
kräftigen Politik günstigen Ereignissen. Am 21. Februar 1586
starb August von Sachsen, und die Nachfolge seines Sohnes
Christian J. bedeutete eine grundsätzliche Anderung der bis—
herigen sächsischen Haltung. Christians Räte Paull und Crell,
die bei der Unthätigkeit des Fürsten das Heft in Händen hatten,
trieben im Innern keine ausschließlich lutherische Politik mehr
und begannen nach außen hin langsam mit der Kurpfalz
Fühlung zu nehmen, während diese ihrerseits schon im Jahre
1587 unmittelbar in die französischen Dinge eingriff. Hier aber,
im Westen Europas, kam es bald zu unerhörten Wendungen.
König Philipp sandte im Jahre 1588 seine Armada gegen
England: sie ging zu Grunde. Es war ein militärisch fast
unverwindlicher Schlag; und er bedeutetete zugleich die Zerrüt—
tung der spanischen Finanzen. Bald darauf erhob sich in Frank—
reich unheilbarer Zwist zwischen der katholisch-spanischen Partei
der Ligue und Heinrich III.; Heinrich ließ Ende 1888 das Haupt
der Ligue, Heinrich von Guise, ermorden, und ward selbst am
2. August 1589 getötet. Damit war das Haus Valois er—
loschen, und der Protestant Heinrich von Navarra bestieg den
verwaisten Thron, anerkannt von etwa einem Sechstel des
Landes, doch darunter von allen Protestanten, dem Staats-
rat, dem Adel, den Truppen. Philipp von Spanien dagegen
erkannte den neuen König natürlich nicht an, und so stand
Spanien jetzt mit allen Protestanten des Westens, mit Eng—
land, Frankreich, den Niederlanden im Kriege. Heinrich IV.
von Frankreich aber suchte bei den deutschen Protestanten um
Hilfe nach. Konnten diese sich ihm versagen?

Selbst Sachsen entzog sich dem Drang der Lage nicht mehr.
Frankreich wurde mit Geld unterstützt; die Anwerbung eines
Hilfsheeres unter dem Befehl eines deutschen Fürsten wurde in
Aussicht genommen. Indem aber so die deutschen Protestanten,
vor allem Sachsen und die Pfalz, selbstthätig in die westlichen
        <pb n="327" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 669
Geschicke eingriffen, mußte ihnen alsbald die Notwendigkeit
eigener Einigung einleuchten.

Anfang März 1590 trafen Johann Casimir und Christian
von Sachsen in Plauen zusammen und verständigten sich da—
hin, eine protestantische Union zu betreiben; neben ihnen sollten
Brandenburg, Braunschweig, Mecklenburg und Hessen als die
wichtigsten protestantischen Territorien zur Ausarbeitung eines
Entwurfes zusammentreten. Die Sache ward im Laufe eines
Jahres so weit gefördert, daß man am 2. Februar 1591 zu
einer protestantischen Tagsatzung in Torgau zusammentreten
konnte. Hier wurden mit Frankreich einzelne militärische Ab—
machungen getroffen, vor allem aber gelang es, die Grund—
linien einer protestantischen Einung zu ziehen. Der neue Bund
sollte ein sicherer Verteidigungsbund sein zum Schutze aller
Länder, welche die Vertragsschließenden besaßen oder mit Recht
zu beanspruchen glaubten; er sollte eine feste Kriegsverfassung
erhalten, und nur die Fragen nach der Stärke des Heeres und
der Leitung des Bundes und seiner Streitkräfte blieben noch
offen.

So hatte alles den besten Fortgang, als mehrere Todes—
fälle jede bisher gesicherte Errungenschaft aufhoben. Am 5. Ok—⸗
tober 1591 starb Christian von Sachsen, am 16. Januar 1592
Pfalzgraf Johann Casimir, am 4. September 1592 Landgraf
Wilhelm von Hessen. Damit nicht genug: die Pfalz erwies
sich nach Johann Casimirs Tode als finanziell erschöpft und
darum auf längere Zeit nach außen hin handlungsunfähig, und
in Kursachsen erhob sich eine wüste lutherische Reaktion, der
der unglückliche Kanzler Christians, Crell, nach zehnjähriger
schwerer Haft sogar mit dem Leben zum Opfer fiel.

Unter diesen Umständen war von einem Bunde, ja auch
nur von einem einheitlichen Handeln der Protestanten nicht
mehr die Rede.

So mußte die Entwicklung der achtziger Jahre, die all—
mähliche Stärkung des katholischen Einflusses, weiteren Fort—
gang nehmen. Das ist die Signatur des ausgehenden sech—
zehnten Jahrhunderts.
        <pb n="328" />
        670 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Wo aber fand jetzt der Katholizismus ein besseres Kampf⸗
gebiet, als den ganzen Rhein hinab, in der Nähe der Heere
Spaniens, dieses Hortes der katholischen Interessen im Westen?
Anm Oberrhein und in den Vogesenländern handelte es
sich vor allem um das Bistum Straßburg in seinen Beziehungen
zu Lothringen. Das unklare Verhältnis des Herzogtums Loth—
ringen zum Reiche war im Jahre 1542 dahin geregelt worden,
daß es von da ab nur noch als ein „souveränes, freies und
detachiertes Fürstentum“ des Reiches galt; natürlich waren seitdem,
zumal seit der Einnahme von Metz, Toul und Verdun durch
Frankreich, die alten Beziehungen seines Herrscherhauses zum
französischen Westen noch enger geworden. Vor allem erschien
Herzog Karl III. jetzt ganz in die französischen Glaubenskämpfe
verwickelt und hatte sich da immer kräftiger im Sinne der
Ligue beteiligt. Zugleich aber hatte er zur allseitigen Förde—
rung seiner katholischen Interessen versucht, im Reiche An—
sehen zu gewinnen. Er war in verwandtschaftliche Beziehungen
zum Hause Bayern getreten, und er hatte im Jahre 1578 seinem
jüngeren Sohne Karl das Bistum Metz verschafft. Aber damit
nicht genug: er wollte für diesen Sohn auch das Bistum Straß—
burg erwerben.

Nun war aber die Stadt Straßburg fast ganz protestantisch,
und das Bistum, dem in der Person Johanns von Mander—
scheid ein unbedeutender Bischof vorstand, befand sich unter
dem Einflusse eines Domkapitels, das ähnlich wie das Kölner
vor der Wahl Gebhards zusammengesetzt war, und von dem
man bei eintretender Vakanz vor dem Sturze Gebhards fast mit
Sicherheit eine Wahl in protestantischem Sinne hätte erwarten
können. Nun war freilich Köln inzwischen katholisch geworden,
und als Johann von Manderscheid endlich, am 2. Mai 15892,
gestorben war, konnte man auf den Ausgang der Wahl wohl
gespannt sein.

Das schließliche Ergebnis war eine Doppelwahl. Die
protestantischen Domherren erhoben einen brandenburgischen
Prinzen, Johann Georg, den Sohn des Magdeburger Ad—
ministrators, die katholischen wählten Karl von Metz. Der Streit
        <pb n="329" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 671
spitzte sich zu einer Kraftprobe zwischen Protestantismus und
Katholizismus, zwischen deutschem und französischem Einfluß
in den Landen links des Oberrheins zu.

Er ward, bei dem Zusammensinken des allgemeinen
protestantischen Machtgefühls nach dem Scheitern der Union,
schließlich dahin entschieden, daß Karl von Lothringen siegte.
Im Jahre 1588 erhielt der Prinz das kaiserliche Lehnsindult,
im Jahre 1599 ward er vom Kaiser endgiltig mit dem Bistum
belehnt, indem ihm zugleich der Erzherzog Leopold von ster⸗
reich als Koadjutor mit der Hoffnung der Nachfolge zur
Seite gesetzt ward: die katholischen Häuser Habsburg und Loth—
ringen reichten sich die Hand, jedes weitere Eindringen der
Protestanten ins Elsaß schien verhindert.

Nicht anders erging es dem Protestantismus am Nieder—
rhein. Hier war seit langem, wie wir wissen!, Achen die
eigentliche Wetterwarte der evangelischen Bewegung. Nun war
die alte Reichsstadt aus den Verhandlungen des Augsburger
Reichssstags vom Jahre 18582 in ziemlich unversehrtem Protestan⸗
tismus hervorgegangen; es war zwar eine neue kaiserliche
Kommission zur Prüfung der Lage eingesetzt worden, aber diese
wie der Kaiser selbst verzögerten die Entscheidung, solange
energischer Widerspruch von protestantischer Seite zu befürchten
war. Nach der Vereitelung des Unionsgedankens indes, am
27. August 1598, erfolgte ein kaiserliches Urteil, wonach jede
kirchliche Neuerung in Achen aufzugeben sei. Und als die
Stadt diesem Spruche zu trotzen anhub, da ward ihr mit der
Acht gedroht, und die spanischen Gewalthaber in den Nieder—
landen wie der Herzog von Jülich gingen gegen sie vor — bis
sie sich schließlich im Jahre 1598 der Alleinherrschaft des
katholischen Bekenntnisses fügte.

Es war ein Verlust des Protestantismus, der schon seit
dem Jahre 1503 drohte. An sich nicht übermäßig bedeutend,
bot er immerhin ein lehrreiches Beispiel der Schicksale, die der
noch immer fortwuchernde Protestantismus auch sonst am
Niederrhein zu erwarten hatte.
S. oben S. 660 f.
        <pb n="330" />
        672 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Der kölnische Krieg, in dem Kurfürst Gebhard aus
seinem Bistum vertrieben worden war, war hier mit Gebhards
Entweichen nicht zugleich zu Ende gelangt, vielmehr führten
ihn die Generalstaaten, auf deren Gebiet Gebhard übergetreten
war, von ihrer Grenze, namentlich von Gelderland her, in
tausend Einzelkämpfen weiter. Hiergegen hatte der neue Kur—
fürst Ernst die Hilfe des Reiches nachgesucht, und als sie ihm
auf Betreiben der Protestanten verweigert worden war, hatte
er sich, so manchem Vorgang der letzten Jahrzehnte folgend,
den Spaniern in den Niederlanden in die Arme geworfen.

Die Folgen waren diesmal unerhört. Im Jahre 1586
erschien der Herzog von Parma mit einem mächtigen Heere im
Lande und stürmte unter gräßlichen Ausschreitungen entmenschter
Söldner die Festung Neuß. Im Jahre 18388 eroberten die
Spanier Bonn, 1590 nahmen sie Rheinsberg: in allen drei
festen Plätzen, wie sie den aus den Bergen austretenden Rhein
fast bis Cleve beherrschten, lagen jetzt spanische Garnisonen;
das Land ward eine Beute der spanischen Blutsauger; sein
Handel ging zu Grunde. In hohem Grade gefährlich aber
ward dieser nunmehr zäh festgehaltene Einfluß der Spanier am
Niederrhein erst durch seine Berührung mit einem Problem,
das damals große Teile der deutschen Fürstenwelt mächtig zu
erregen begann, mit der Frage nach der Erbfolge in das größte
katholische Laienfürstentum am Niederrhein, in die Länder Jülich,
Cleve, Berg und Mark.

Diese Territorien, die von Andernach und Remagen ab bis
Cleve den Rhein begleiteten und unter anderem das Kölner
Erzbistum fast umschlangen, waren seit 1511 in einer Hand
vereint, und seit 1539 herrschte über sie, nun alt und schwach—
sinnig geworden, Herzog Wilhelm der Reiche. Herzog Wilhelm
hatte nur einen Sohn, den unheilbar wahnsinnigen Johann
Wilhelm; dieser war nach dem bald zu erwartenden Tode des
Vaters alleiniger Erbe, falls die Länder als nur im Mannes—
stamme vererbliches Reichslehen galten. Nun stand das aber
nicht vollkommen fest; die kaiserlichen Privilegien aus früherer
Zeit widersprachen sich in diesem Punkte. Ließ man aber die
        <pb n="331" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 673
Geltung auch des Weiberlehens zu, so kamen für die weitere
Nachfolge nach dem Tode des voraussichtlich kinderlos bleibenden
Johann Wilhelm vier Parteien in Betracht. Denn Herzog
Wilhelm hatte außer seinem unglücklichen Sohne vier Töchter,
Marie Eleonore, Anna, Magdalena und Sibylla. Von ihnen
hatte Marie Eleonore den blödsinnigen Herzog Albrecht Friedrich
von Preußen geheiratet, und eine Tochter aus dieser Ehe war
vermählt mit dem brandenburgischen Kurprinzen Johann Sigmund.
Es waren ferner vermählt Anna mit dem Pfalzgrafen Ludwig
Philipp von Neuburg, Magdalena mit Johann von Zweibrücken
und Sibylla, lange Zeit ledig, schließlich mit dem Mark—⸗
grafen Karl von Burgau. Zum Glück für unser leichteres Ver—
ständnis aber waren nun wenigstens alle diese Ehen mit Ausnahme
der weniger wichtigen und viel später geschlossenen Sibyllens pro—
testantisch, und stellte es sich weiterhin seit Anfang 1690 heraus,
daß die aus ihnen her entwickelten, an sich noch sehr ver—⸗
schiedenartiger Abstufung fähigen Anwartschaften vorläufig we—
nigstens im wesentlichen einheitlich vertreten werden würden.
Es standen also zunächst für eine auf längere Zeit hin erstreckte
Nachfolge nur zwei Parteien, die des Mannslehens und die des
Weiberlehens, nebeneinander.

Allein vorläufig war die praktisch wichtigste Frage gar
nicht die der Nachfolge, da alles darüber einig schien, daß diese
nach des alten Herzogs Tode zunächst Johann Wilhelm zustehe,
sondern vielmehr die nach der Regentschaft, die sich unter der
neuen Regierung Johann Wilhelms alsbald nötig machen werde.
Und hier behaupteten nun die protestantischen Anwärter des
Weiberlehens als zukünftige Erben das nächste Anrecht zu
haben. Hierfür aber traten auch noch andere Bewerber auf.
Der Kaiser war bereit, die Verwaltung zu übernehmen. Und
auch die jülichsche Landesverwaltung erklärte sich ihrerseits als
zur Regentschaft berechtigt.

Welche von diesen drei Parteien, deren Wettbewerb noch
bei Lebzeiten des alten Herzogs Wilhelm begann, nun siegen
würde? Es war ziemlich leicht vorauszusehen, was geschehen
würde. Da die jülichschen Räte, einmal im Besitze der Macht,
        <pb n="332" />
        8374 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
eine autonome Ständeregierung fortführen wollten, so konnte der
Kaiser eine Festsetzung der protestantischen Anwärter nur hindern,
indem er ihnen willfahrte; am 13. Dezember 1591 erhielten die
Länder daher eine vom Kaiser bestätigte Regentschaft der Räte.
Und so blieb die Lage auch nach dem Tode Herzog Wilhelms
(5. Januar 1592), als die Herrschaft in die wirren Hände Johann
Wilhelms übergegangen war. Und die auf diese Weise gewähr—
leisteten kaiserlichen Interessen erschienen im deutschen Nordwesten
bald mit den spanischen der Niederlande aufs engste verkittet,
denn Anfang 1594 übernahm, wie wir wissen, ein öster—
reichischer Erzherzog, Ernst, zu Brüssel die Statthalterschaft.“

Die spanisch-kaiserlichen Interessen aber fielen wieder mit den
katholischen zusammen. Wie hätten nun ihnen gegenüber die
protestantischen Anwärter auf die jülicher Lande aufkommen sollen,
fanden sie sich nicht durch einen Bund ihrer Glaubensgenossen
einheitlich unterstützt? Aber grade um die Zeit?, da es hier des
Eingriffs bedurft hätte, versagte die Idee eines solchen Bundes.
So konnte von protestantischen Eroberungen auch am Nieder—
rhein einstweilen keine Rede sein; jede Aussicht darauf war
getrübt; mächtiger war nur der Katholizismus geworden.

Fassen wir jetzt zusammen, so bietet die ganze, für das gegen—
seitige Verhältnis der Bekenntnisse vornehmlich maßgebende
Westgrenze des Reiches dasselbe Bild dar: überall Fehlschläge
auf protestantischer, Fortschritte auf katholischer Seite — und
nach dem Scheitern der protestantischen Unionsverhandlungen
der ersten neunziger Jahre keinerlei Aussicht auf Anderung dieses
Zugs der Entwickelung.

Sollten unter diesen Umständen die thatenlustigen Elemente
des Protestantismus verzweifeln? Eine Union aller Protestanten,
rechtzeitig geschlossen, würde auf die geistige Revolution der
ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine politische der zweiten
Hälfte gesetzt haben: eine der großen Mehrheit nach protestantische
Nation hätte auf die Dauer in dem Gehäuse der mittelalter—

1S. oben S. 601
2 S. oben S. 669
        <pb n="333" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 675
lichen Reichsverfassung nicht leben können, hätte von Grund
aus einen Neubau ausführen müssen. Jetzt schien diese Wen—
dung der Dinge mindestens für lange Zeit hin ausgeschlossen.
Was war da für die Unterlegenen noch zu thun? Gs blieb, wollte
man sich nicht von vornherein selbst aufgeben, nichts mehr
übrig, als eine noch nach Möglichkeit kraftvolle Sprengung des
alten Gehäuses, gleichviel, welche Folgen ein solches Vorgehen
zeitigen werde. Das war der dornenvolle Weg, welchen die
eifrig protestantischen Elemente nunmehr langsam, tastend, unter
Sorgen und Ablenkungen einzuschlagen begannen. Er führte
mit dem Jahre 1608 formell zum Ziele; seine letzte Konsequenz
aber war der dreißigjährige Krieg.

Möglich wurde er aber doch erst durch die Schwierigkeiten
uind Fehler, denen das Haus Habsburg, der Träger der mittel⸗
alterlichen Verfassungsgewalten, seit der Neige des Jahrhunderts
in steigendem Maße anheimfiel.

Während des ganzen 16. Jahrhunderts hatte das Haus
Habsburg unter den Angriffen der Türken zu seufzen. Nach
Osten wies der kriegerische Panzer seiner Länder, vor allem
Mährens, Niederösterreichs und Steiermarks; nur unvollkommen
vom Reiche unterstützt, haben sich die Deutschen dieser Länder
durch ihren zähen Widerstand gegen die Türken unsterbliche Ver⸗
dienfte um die Sicherung der europäischen und vornehmlich der
deutschen Kultur erworben. Von der habsburgischen Herrschaft
aber, die ihre Aufmerksamkeit zugleich den Verhältnissen im
Reiche und den großen Fragen der allgemeinen Politik des Westens
zuwenden mußte, wurden die Kriege des Ostens naturgemäß als
eine fortwährend störende Quelle von Verlegenheiten empfunden.

Nachdem Österreich im Jahre 1547 Siebenbürgen, die
mmer wieder erstrebte Grenzveste des Ostens, in den Händen
des türkischen Vasallenfürsten Johann II. Zapolya, Ungarn aber
bis aufwärts Gran im Besitz der Türken selbst hatte lassen
müssen, begann eine neue Periode der Türkenkriege mit dem
        <pb n="334" />
        870 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Anfang der Regierung Kaiser Ferdinands. Mühsam führte
der Kaiser den Krieg, vom Reiche, das sich um Ungarn nicht
kümmerte, höchst ungenügend unterstützt, bis seit etwa 1562
innere Zersetzungsprozesse des Osmanenreiches diesem Zustand
ein Ende machten. Dann ging sein Nachfolger, Max II., im
Jahre 1565 gegen Siebenbürgen vor; sein Feldhauptmann
Lazarus Schwendi besetzte große Teile der Herrschaft Zapolyas
am rechten Ufer der Theiß.

Diese Fortschritte beschworen alsbald einen neuen Türken—
krieg herauf. Im Jahre 1566 erschien Sultan Soliman in
Belgrad, fünfundsiebzigjährig, aber noch kriegslustig, mit ihm
ein furchtbares Heer. Allein auch diesmal brach sich die türkische
Macht an eignen Hindernissen. Kurz vor der Erstürmung der
Festung Sziget, die von Zrinyi todesmutig verteidigt ward,
starb Soliman; sein Nachfolger Selim II. scheute den Krieg;
die Janitscharen drohten zu meutern, und das Heer zog sich
zurück. Freilich: so kraftvoll war die Türkenmacht an der Donau
noch immer, daß in den Friedensverhandlungen ein kaiserlicher
Jahrestribut von 30000 Dukaten von neuem ausbedungen werden
konnte, und auch die Grenzen wurden wiederum zum Vorteil
der Türken berichtigt.

Seitdem aber, seit dem Jahre 1568, blieb trotz unablässiger
kleiner Grenzfehden und trotz eines neuen Herrscherwechsels —
auf Selim II. folgte 13574 Murad III. — der Friede bis tief
in die Zeiten Rudolfs II. hinein im wesentlichen gesichert. Und
während dieser Jahre gelang es sterreich, im Nordosten einige
Fortschritte zu machen, die für die spätere Zukunft von großer
Bedeutung gewesen sind. Im Jahre 1572 war in dem polnisch⸗
lithauischen Reiche der Mannesstamm der Jagellonen erloschen;
von diesem Zeitpunkt an galt das verhängnisvolle polnische
Wahlrecht. Alsbald bewarb sich vor allem das Haus Habsburg
um die Krone. Dem trat nun freilich die Türkei mit Erfolg
entgegen; weder beim Thronwechsel des Jahres 1578 noch bei
dem des Jahres 1587 wurde ein Erzherzog gewählt. Wohl
aber hatte das Haus Habsburg die Genuͤgthuung, den 1587
erwählten schwedischen Kronprinzen Sigmund seit dem Jahre
        <pb n="335" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 677
1592 mit der steirischen Erzherzogin Maria vermählt zu sehen.
Daraus ergab sich denn eine enge Annäherung Polens an
Hsterreich: eine Constellation katholischer Mächte dämmerte auf,
die von Spanien über Italien und Hsterreich bis Polen Europa
ebenso sehr zu Lande durchmaß, wie sie von den polnischen
Ostseehäfen bis zu den Küsten Spaniens hin der Begünstigung
einer universalen katholischen Seemacht fähig erscheinen konnte.

Freilich, die rasche Ausbeutung dieser Möglichkeiten seitens
des deutschen Hauses Habsburg wurde durch einen neuen Türken⸗
krieg verhindert. Sultan Murad hatte im Jahre 1592 seinen
langjährigen Krieg mit den Persern glänzend beendet, und
übermütig suchte er schon im folgenden Jahre neue Lorbeeren
an der Donau.

Es war für Kaiser Rudolf II. ein schwerer Schlag, obwohl
er dem neuen Kriege zuversichtlich entgegensah. Gleich seinen
Vorfahren hatte er den deutschen Reichstag bisher — im
Jahre 1582 — nur berufen zur Bewilligung von Türkensteuern:
nur in diesem äußersten Notfall hatte er es zugleich über sich
vermocht, sich mit der Eröffnung des Reichstages auch tiefer in
das Gewirr der katholischen Ansprüche und der protestantischen
Beschwerden einzulassen. Nun, nach zwölfjähriger Pause, nahte
dies Unglück von neuem; man konnte in Wien nicht umhin, die
Reichsstände zum Jahre 1594 nach Regensburg zu berufen.

Natürlich wünschte der Kaiser hier nichts, als eine möglichst
hohe Türkensteuer bewilligt zu sehen. Aber die protestantische
Aklionspartei dachte anders. In unerhörter Schroffheit formu⸗
lierten die Pfälzer mit ihren Anhängern zu Heilbronn die alten
protestantischen Beschwerden; ganz im Gegensatz zu Kursachsen,
das, wie bei jeder Türkengefahr, zum Kaiser hielt, wollten die
pfälzischen Räte am Reichstag Biegen oder Brechen versuchen:
keine Türkensteuer ohne vorher genehmigte Abstellung ihrer Be⸗
schwerden — das war das Programm. Allein trotz allen Drohungen
bewilligten die Katholiken und die Protestanten der sächsischen
Partei dem Kaiser Beiträge in der nie erreichten Höhe von
80 Römermonaten; über die pfälzischen Anträge dagegen gingen
sie hinweg. Es war ein Verfahren, das bei den Unterlegenen
        <pb n="336" />
        378 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
die äußerste Erbitterung hervorrief; als Partei der sogenannten
Korrespondierenden hielten sie von nun ab aufs engste zu—
sammen.

Kaiser Rudolf aber bedurfte, nach geringen Erfolgen an
der Donau, bald wiederum einer Türkensteuer. Es blieb ihm
nichts übrig, als den Reichstag von neuem zum 1. Dezember
1597 nach Regensburg zu berufen; und jetzt forderte er nicht
weniger als 150 Römermonate. Die Korrespondierenden waren
geneigt, ihm bis zu 40 Monaten zu bewilligen. Als aber von
der Mehrheit trotzdem 60 Monate ohne Berüucksichtigung der
protestantischen Beschwerden beschlossen wurden, da erklärten sie
diesen Beschluß als unverbindlich und legten Verwahrung ein.

Es war der erste Versuch zur Sprengung des Reichstages,
des größten Einheitsorgans, das das Reich noch besaß; er
wurde unternommen von Kurpfalz, Kurbrandenburg, Zweibrücken,
Braunschweig-Wolfenbüttel, Ansbach, Baden-Durlach, Hessen,
Anhalt und den Grafen der Wetterau.

Aber konnte er nützen, wenn er nicht auch im übrigen mit
einer kräftigen Aktion verbunden ward? Doch eben hiervon
war kaum die Rede. Selbst die Korrespondierenden hielten in
der folgenden Zeit nicht fest zusammen, geschweige denn, daß
sich eine größere Einheit aller Protestanten hätte herstellen
lassen. Und auch die internationale Lage war dem Protestantis—
mus nicht eben günstig. In Frankreich verwandelte sich der
bisherige Gegensatz gegen Spanien und den Katholizismus
seit dem Übertritt Heinrichs IV. zur katholischen Kirche und
dem Edikt von Nantes in den einfacheren Gegensatz gegen
Spanien; und Spanien behielt, trotz der Demütigungen des
Friedens von Vervins (2. Mai 1598) und trotz des Todes
Philipps II. (13. Sept. 1598) dennoch Kraft genug, um im
Winter von 1598 auf 1599 von den Niederlanden her
eine der gräulichsten Plünderungen des Niederrheins durch—
führen zu lassen, die je dort erlebt worden sind. Nur wenig
versuchten die Protestanten hiergegen zu thun; trotz alles
Eifers namentlich des Landgrafen Moritz von Hessen und
des Herzogs Heinrich Julius von Braunschweig sahen sie sich
        <pb n="337" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 679
zu machtlosem Zuschauen verurteilt. Wie konnte da der Versuch,
den Reichstag zu sprengen, andere als rein formale Ergebnisse
zeitigen?

In dieser Lage ergab sich eine merkwürdige Verschiebung
der Dinge wiederum durch Ereignisse vom Südosten, vom
habsburgischen Gebiete her.

Nach dem Tode Ferdinands J. waren die habsburgischen
Länder in drei Teile gegangen; dem Kaiser Marimilian II.
speziell und damit später dessen Sohn Rudolf II. waren die
Kernlande Ober- und Niederösterreich, dazu Böhmen und
Mähren zugefallen.

In diesen Gegenden nun, wie in den habsburgischen
Ländern überhaupt, war das Evangelium weit verbreitet, in
Böhmen im Anschluß an alte husitische Regungen, in Mähren
durch Einwanderung oberdeutscher Wiedertäufer, an der Donau
durch lutherische, zwinglische, schließlich auch calvinische Einflüsse.
Eigentlicher Hort der Bewegung aber wurden bald Ober- und
Niederösterreich; hier war es im Jahre 1571 so weit gekommen,
daß Maximilian II. dem Adel wenigstens für Niederösterreich
das Recht zugestand, in den ihm zugehörigen Kirchen evangelischen
Gottesdienst halten zu lassen. Bürger und — soweit ihnen ein
Patronatsrecht entgegenstand — wohl auch Bauern erstrebten seit—
dem das gleiche Recht und nahmen es thatsächlich vielfach voraus.

Als aber Rudolf II. nach dem Tode Marimilians Herr
des Landes geworden war, zeigte er sich bald nicht gewillt,
dieser Entwicklung freien Lauf zu lassen. Im Jahre 1576
machte er seinen Bruder Ernst, der sich durch kirchliche Strenge
auszeichnete, zum Statthalter von sterreich; im Jahre 1577
begann er mit durchgreifenden Maßregeln der Gegenreformation.
In Niederösterreich hatte er damit ziemlichen Erfolg; die
Stände fügten sich teilweis, die Jesuiten setzten mit positiver
Wirksamkeit ein, und in Melchior Klesl, einem groben, sittlich
strengen und äußerst geschäftsgewandten Wiener Bürgerssohn,
der es bald zu hohen Würden, 1587 auch zur Stellung eines
landesfürstlichen Kommissars bei den Ständen brachte, wurde
ein überzeugter geistlicher Führer der Gegenreformation ge—

Lamprecht, Deutsche Geschichte. V. 2. 44
        <pb n="338" />
        680 Sechzehntes Buch. Drittes LKapitel.
funden. Aber auch in Oberösterreich wurde, trotz viel stärkeren
geistlichen Widerstandes, schießlich dennoch die Lage des Katho—
lizismus um vieles gebessert. Das Evangelium war hier nicht
nur in die gebildeten Schichten der Stände, sondern auch in
die tieferen Klassen der reichen Bauern des überaus gesegneten
Landes gedrungen. Und eben die Bauern, besonders über—
zeugungstreu, wehrten sich zuerst gegen die katholische Reaktion.
Indem sie aber in ihrem Widerstand bis zum Kampfe fort—
schritten, verschoben sich ihnen die Ziele. Ihre Unruhen
richteten sich bald nicht mehr bloß gegen die kirchliche, sondern
auch — und nun in einzelnen Gegenden sogar von Anfang
an — gegen die grundherrliche Bedrängnis. So traten sie
gegen den Adel und damit gegen die führenden Kreise der
Stände auf: Bauern und Adel, beide Träger der Reformation,
verfeindeten sich. Da wurde es Rudolf leicht, des geteilten
Gegners Herr zu werden. Die Unruhen wurden unterdrückt,
dem Adel durch einen offenen Brief vom Jahre 1596 die
Religionsfreiheit abgesprochen, besondere Behörden zur Durch—
führung der Gegenreformation in Thätigkeit gebracht. Damit
schien auch für Oberösterreich, trotz immer noch starker Gegen—
wehr, das Ende des Protestantismus zu nahen, um so mehr, als
jetzt auch in den habsburgischen Ländern der Seitenlinien der
Katholizismus Sieg auf Sieg zu erringen begann: so hat nament⸗
lich Erzherzog Ferdinand, der spätere Kaiser Ferdinand II., seine
Länder Steiermark, Kärnten und Krain seit seinem Regierungs—
antritt trotz aller entgegenstehenden Zugeständnisse seines Vaters
der katholischen Glaubenseinheit wieder entgegengeführt; allein
in dem einen Jahre 1603 rechnete man nach den Beichtzetteln
in seinen Herrschaften 40 000 wie auch immer motivierte Rück—
tritte zur katholischen Kirche; und nicht ohne Rührung wird
der Fremde noch heute in wieder völlig katholisch gewordenen
Gegenden Kärntens und der Steiermark die echten Protestan—
tismus kündenden Grabsteine der Thanhausen, Khevenhiller
und andrer Adelsgeschlechter aus dieser Zeit betrachten.
So erschien, ganz im Sinne des Herrscherhauses, in den
ersten Zeiten des neuen Jahrhunderts der Katholizismus in
        <pb n="339" />
        ODrotestantismus und Gegenreformation im Reiche. 681
den habsburgischen Ländern allenthalben als Sieger. Und
auch die Bedenken der weltlichen Politik schienen zerstreut.
Der Türkenkrieg flaute ab; es waren für Osterreich außer⸗
ordentliche Vorteile, daß im Jahre 1597 Sigmund Bathory
sein Fürstentum Siebenbürgen gegen einige schlesische Herr—
schaften an Rudolf als König von Ungarn abgetreten hatte,
daß den Türken ein kleinasiatischer Aufstand drohte, und daß
sie im Jahre 1604 in erneuten Krieg mit Persien verwickelt
wurden.

Nach alledem erschien das Regiment Rudolfs glücklich;
man konute denken, daß die daheim konzentrierte Kraft Habs—
burgs sich auch der Ordnung der Verhältnisse im Reiche mit
mehr Erfolg zuwenden werde: und in diesem Falle war die
volle Rekatholisierung der Reichsverfassung und damit die
Ausmerzung jedes protestantischen Einflusses gewiß, ohne daß
den Korrespondierenden selbst nur der Versuch einer Sprengung
der alten Formen gelungen wäre.

Allein all die Erfolge Rudolfs aus den letzten Jahrzehnten
des 16. Jahrhunderts erwiesen sich bald als trügerisch. In
Wahrheit morschten er wie seine Regierung.

Vor allem wurden die Verhältnisse im Herrscherhause selbst
von Jahr zu Jahr unerträglicher. Ferdinand J. hatte den habs—
burgischen Gesamtbesitz in Deutschland noch unter seine drei
Söhne zu anständiger fürstlicher Ausstattung verteilen können.
Aber nun war Maximilian II. als Inhaber des einen, wenn
—XI Drittteile Vater von sechs Söhnen ge—
worden! Unmöglich konnte er wieder teilen; es wäre der
offenbare Ruin des Hauses gewesen. So mußten sich die
nachgeborenen Söhne mit Statthalterposten, geistlicher Laufbahn
und dergleichen begnügen: einziger Nachfolger im Besitze der
Herrschaft wurde Rudolf, der Erstgeborene, nachdem er 1572
in Ungarn, 1675 in Böhmen zum König gewählt worden war.
Es war eine Regelung, die in den Herzen der Nachgeborenen
leicht einen Stachel zurücklassen konnte.

Ja wenn der älteste Bruder der Mann gewesen wäre,
durch glänzende Herrschertugenden seine Bevorzugung zu recht⸗

40*
        <pb n="340" />
        882 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
fertigen! Aber Rudolf war, so sehr er es sein wollte, dennoch
alles andre als ein Fürst; schwerfällig, schrullenhaft, eigensinnig,
menschenscheu, wenn auch höchst klug und kunstverständig, lebte er
innerhalb der Mauern seines Palastes halbwissenschaftlichem
Sport und modischer Sammelwut. Und früh schon entwickelte sich
seine abnorme Anlage zu geistiger Entartung Seit dem letzten
Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts konnte man bei ihm an
krankhafter Verwandtenfurcht und Verfolgungswahn kaum noch
zweifeln. Im Jahre 1578 hatte der Kaiser sich zum letzten—
mal in Ögsterreich, 1583 in Ungarn, 1594 im Reiche an den
ständischen Verhandlungen beteiligt; seitdem lebte er einsam und
schweren Ausschweifungen ergeben im Innern seines Prager
Palasts, von aller Welt, zuletzt sogar von seinen Räten zurück—
gezogen und darum seit etwa 1600 einem Regiment der Kammer⸗
diener und anderer untergeordneter Persönlichkeiten unterworfen.

Konnte ein solcher Monarch noch Erfolge von der Dauer
auch nur eines Jahrfünfts erringen? Die tiefsten Erschütte—
rungen standen bevor.

Der Anstoß kam, wie so häufig in habsburgischen Landen,
von Ungarn. Ungarn, noch nicht drei Menschenalter hindurch un⸗
verbrüchlicher Besitz Habsburgs, mehr als zur Hälfte unter
türkischer Botmäßigkeit, durch die Nöte endloser Kriegszüge
von Freund und Feind heimgesucht, von Kaiser und Reich in
seinem verzweiflungsvollen Ringen gegen Osten lässig unterstützt,
fühlte noch keineswegs in voraussetzungsloser Treue für das
Haus Habsburg. Und seine selbständige Verfassung gestattete
ihm, eifersüchtig über seine Sonderstellung im Kranze der habs⸗
burgischen Länder zu wachen. Von diesem Standpunkte aus
sahen die ungarischen Stände mit Ingrimm, wie eine Anzahl
von Landesämtern an Deutsche überging, wie Deutsche uralten
Besitz des großen magyarischen Grundadels erwarben: „Ungarn
für die Magyaren“ ward zum Schlagwort ihrer Unzufrieden—
heit. Mit dem Anfang des neuen Jahrhunderts aber kam
geistliche Bedrängung hinzu. In Ungarn hatten Luthertum
und Calvinismus Adel und Bürgertum bis in die Tiefen
ergriffen. Demgegenüber stützte sich Rudolf auf die katholischen
        <pb n="341" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 683
Bischöfe des Landes, die von jeher, weil vom König mit aus—
erwählt, wichtige Stützen der habsburgischen Herrschaft gewesen
waren; und gleichzeitig trieb ihn sein religiöser Standpunkt
zur Gegenreformation.

Es waren höchst unvorsichtige, ja verhängnisvolle Schritte.
Ihre Wirkung ward vergrößert durch äußere Vorgänge in
Siebenbürgen. Dort, in dem kürzlich erst für Osterreich ge⸗
wonnenen Lande, erhob sich ein reicher Magnat, Stephan
Bocskay, als selbstäundiger Herrscher. Bei der allgemeinen
Unzufriedenheit in Ungarn war es für ihn ein Leichtes, in
dies Land vorzurücken; er ward nach kurzem Zaudern auf
dem Reichstage von Szerencs im Jahre 1605 zum Herrscher
von Ungarn und Siebenbürgen gewählt und noch in gleichem
Jahre von den Türken als ungarischer König anerkannt: mit
einem Schlage schien die habsburgische Herrschaft jenseits der
Leitha zertrummert. Und das zu einer Zeit, da in den Donau—
herzogtuͤmern die Saat der Gegenreformation in inneren Zwisten
reifte, in der sich in Oberösterreich wie in Niederösterreich
katholische wie evangelische Stände zum Schutze ihres Glaubens
zusammengethan hatten.

Rudolf stand dieser Lage ebenso eigenwillig als hilflos
gegenüber. Da traten die Erzherzöge zum Schutze ihres Hauses
ein. Rudolf mußte erleben, daß seine Brüder Mathias und
Maximilian und seine Vettern Ferdinand und Marximilian
Ernst von der steirischen Linie ihn zwangen, Mathias zur
Liquidation der bisherigen Politik in Ungarn und zum Abschluß
eines Friedens mit den Türken zu bevollmächtigen.

Mathias, der einstige Statthalter der Niederlande!, der
spätere Kaiser, unterzog sich dieser ersten wichtigen politischen
Aufgabe, die ihm in der Heimat ward, mit unerwartet großem
formalem Geschick. Den Ungarn bewilligte er selbständige
Verwaltung ihres Landes und freie Religionsübung der Adligen,
Freistädte, Marktflecken und Grenztruppen; dafür trat er mit
Zustimmung Rudolfs an die Spitze der ungarischen Regierung.

S. oben S. 587 ff.
        <pb n="342" />
        384 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Boeskay begnügte sich mit der Herrschaft über Siebenbürgen
und einige anstoßende Gebiete; die Türken verstanden sich,
freilich nicht ohne Empfang einer sehr beträchtlichen Kriegs—
kostenentschädigung, in dem Frieden von Zsitwa-Torok vom
11. November 1606 zu einem zwanzigjährigen Waffenstillstand.

So schienen alle Widerwärtigkeiten der Jahre 1604 und
1605 leidlich überwunden, hätte Rudolf es ertragen können,
Mathias in der Verwaltung Ungarns zu sehen. Allein kaum
hatte er die von Mathias abgeschlossenen Verträge genehmigt,
so begann er in sinnloser Weise gegen sie zu machinieren;
Kampf gegen Ungarn und Türken, auch dem Willen des
Mathias entgegen: das war sein Ziel.

In Ungarn, wo man diese Intriguen überblickte, regte
sich alsbald ein neuer Aufstand. Wie sollte da Mathias
Stellung nehmen? Zur eignen Rettung, wie zur Rettung
seines Hauses blieb ihm kaum etwas übrig, als ebenfalls
gegen den Kaiser vorzugehen. That er das aber, so bot sich
ihm nur ein Halt: die Bundesgenossenschaft der Stände. So
entschloß er sich zu dem Unerhörten: er vereinigte die Aus—
schüsse der Stände Ober- uud Niederösterreichs mit einem in
Preßburg versammelten ungarischen Reichstage und brachte es
am 1. Februar 1608 zu einem Bündnisse unter diesen Körper—
schaften wie mit sich, wonach die Parteien sich verpflichteten, die
hestehenden Verhältnisse jenseits der Leitha gufrecht zu erhalten.

Es war passiver Widerstand gegen den Kaiser; natürlich
wandte dieser sich hart gegen die Verbündeten. Aber da ging
man auf deren Seite noch weiter. Mathias hatte schon vor—
her die Stände aller habsburgischen Länder aufgefordert, sich
dem Preßburger Bunde anzuschließen; jetzt trat wenigstens
Mähren auf seine Seite. Damit stand der Weg nach Prag,
der Residenz des Kaisers offen; mit 15000 Mann setzte sich
Mathias auf ihm in Bewegung; am 19. Mai 16608 stand er
drohend in Böhmisch-Brod, vier Meilen von Prag.

Was blieb dem Kaiser übrig, als sich, wenn auch in alter
Widerwilligkeit, zu fügen? Er übergab Mathias die ungarische
Krone und trat ihm sterreich und Mähren ab; ein neues
        <pb n="343" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Beiche. 685
Reich der verbundenen Stände unter Mathias schien im Ent—⸗
stehen.

Vor allem aber trat jetzt die Kraft deutlich hervor, die
Mathias gleich einem verborgenen Quell angeschlagen und die
ihn mit geheimnisvoll-elementarer, gleichsam hydraulischer
Kraft gehoben hatte. Am 29. Juni 1608 schlossen die
ungarischen, österreichischen und mährischen Stände zu Sterbohol,
eine Meile vor Prag, einen geheimen Bund, worin sie sich zu
gegenseitigem Schutze der Freiheit des Gewissens und der
Religionsübung auch gegen ihren Landesherrn verpflichteten.
Indem Mathias sich den Ständen bis zur gegenseitigen
Gleichstellung genähert hatte, hatte er sich dem Protestantismus
sterreichs anvertraut; und dieser Vrotestantismus forderte
jetzt sein Recht.

Kein Zweifel, daß diese eigenartige Bewegung auf das
Reich zurückwirken würde. Schon im kölnischen Kriege hatte
der Kaiser den Austrag innerer Zwiste im Reiche durch die
Waffengewalt seiner Angehörigen nicht mehr verhindern können.
Dann hatten die inneren Wirren der habsburgischen Länder, wie
sie durch die Gegenreformation heraufbeschworen wurden, erst recht
jede thatkräftige Ausübung der kaiserlichen Gewalt im Reiche
ausgeschlossen, wie sie nur auf Grund einer wohlbefestigten
Hausmacht noch möglich war.

Jetzt nun zeigte es sich, daß der Kaiser nicht bloß politisch
und militärisch erlahmt war; es ergab sich zugleich, daß er
seine Hausmacht auch in Sachen der wichtigsten aller Fragen,
der Bekenntnisfrage, nicht mehr in seinem Sinne in die Wag⸗
chale werfen konnte: seine religiös moralische Autorität war
zerstört durch den merkwürdigen ständischen Sieg des öster⸗
reichischen Protestantismus.

Schon die Vorahnung dieser Zusammenhänge, wie sie unter
den protestantischen Beobachtern der habsburgischen Gegen—
reformation auftauchte, war politisch von Bedeutung; sie wie
die sich immer mehr vollendenden Thatsachen gaben dem Protestan⸗
tismus im Reiche wenigstens noch so viel Kraft, daß er die
        <pb n="344" />
        386 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
alte, den bestehenden Verhältnissen nicht mehr entsprechende
Schale der Reichsverfassung formal zu zersprengen vermochte.

Die Reichstage waren schon seit dem Siege der fürstlichen
Gewalten über Karl V. in dessen letzten Regierungsjahren von
immer geringerer Bedeutung geworden, soweit es auf Summe
und Mannigfaltigkeit der verhandelten Fragen ankam. Reli—
gionsfriede mit ferdinandeischer Deklaration und geistlichem Vor—
behalt, sowie Türkensteuern: das waren die wichtigsten Bestand⸗
teile des kargen Speisezettels, die jedem neuen Zusammentreten
genügen mußten. Natürlich stockte so die Fortbildung des
Reichsrechts; langsam, uwvwermerkt schien die Verfassung einzu—
rosten.

Aber dem hatte man doch noch entgegenzuwirken versucht.
Im Jahre 1555 war in dem sogenannten Deputationstag ein
fester Ausschuß des Reichstags eingerichtet worden; der sollte
eine Reihe von sonst vor den Reichstag gehörenden Dingen
erledigen. Er hat in der That auch in einigen wichtigen
Fragen Ergebnisse erzielt. Zugewiesen hatte man ihm u. a.
später auch die Visitation des Reichskammergerichts, von
deren wiederholter Vornahme der regelmäßige Gang der obersten
Rechtspflege im Reiche abhing, und damit auch zugleich die
letzte Revision der aufgelaufenen Prozesse.

Das war an und für sich eine ganz verständige Maßregel.
Allein da in dem Deputationstag, wie in allen höheren Reichs—
institutionen, der Katholizismus mit einer Mehrheit von
Stimmen vertreten war, so hatte die rührige pfälzisch-protestan—
tische Partei schon früh gegen seine Zusammensetzung Einspruch
erhoben.

Von Bedeutung wurde dies Vorgehen aber erst jetzt. Das
Reichskammergericht hatte nämlich im Laufe der letzten Jahre
des 16. Jahrhunderts wiederholt, im ganzen in vier Fällen,
eine der protestantischen Auffassung des geistlichen Vorbehaltes
vorgreifende Rechtssprechung entwickelt. Es handelte sich um
die Säkularisation landsässiger Stifter und Klöster durch
protestantische Stände: diese wurde vom Kammergericht nicht
mehr als zu Recht geschehen anerkannt. Ein Entscheid von
        <pb n="345" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 687
der allergrößesten Tragweite: denn solche Einziehungen hatten
üüberall und massenhaft stattgefunden; auf ihnen beruhte ein
Teil des Reichtums der protestantischen Stände.

Darauf hatten die betroffenen protestantischen Parteien gegen
die ergangenen Urteile teilweis jene Revision eingelegt, die vor
dem Deputationstag zur Verhandlung gelangen mußte. Konnte
man da nun, bei der konfessionellen Zusammensetzung dieses
Tages, erwarten, daß das Urteil den Protestanten günstig aus—
fallen werde? Die Korrespondierenden glaubten den Ausgang
vorauszusehen, und um ihn zu verhindern, verließen die ihnen
zugehörenden Mitglieder des Deputationstages im Jahre 1601
die Tagung unter Protest noch vor Abschluß der Beratungen.
Es war der einfache Bruch der Reichsjustizverfassung in der
obersten, zweifelsohne zu Recht bestehenden Instanz; er mußte
zur Zerrüttung der Rechtspflege im Reiche führen. Aber das
schreckte die protestantische Aktionspartei nicht. Als auf dem
Regensburger Reichstage des Jahres 1603 die Frage von
neuem auftauchte, erzwang sie durch die Drohung, den Reichs⸗
tag zu sprengen, eine Vertagung des Streites bis auf eine
andere „Zusammenkunft“, d. h. aufs Unbestimmte. Damit
war es ihr endgultig gelungen, eine der wesentlichsten noch
halb lebendigen Funktionen des Reiches in ihren höchsten
Außerungen lahm zu legen; jetzt blieb nur noch übrig, daß
auch der Reichstag von ihr verhindert ward — und die Reichs—
berfassung erschien gesprengt.

Auch hierzu fand sich bald die Gelegenheit. Die kleine
Stadt Donauwörth gehörte zu den paritätischen schwäbischen
Reichsstädten; schon im Jahre 1555 hatte sie eine protestantische
Mehrheit gehabt. Dann war diese Mehrheit im Laufe der
Zeit gewachsen; die Stadt drohte ganz protestantisch zu werden.
Da hatten seit dem Jahre 1578 jesuitische Einflüsse in dem

städtischen Kloster zum heiligen Kreuz Einlaß gefunden, und
nun ermannte sich der Katholizismus zum Widerstand: ver⸗
nachlässigte Prozessionen wurden mit neuem Pompe wieder ein⸗
geführt. Das verursachte in der Stadt Beklemmungen, zumal
die Mönche seit 1608 ihre Prozessionen herausfordernd abhielten;
        <pb n="346" />
        388 Sechzehntes Buch. Drittes Kapitel.
und im Jahre 1606 kam es bei einem neuen Umgang zu offener
Bewalt gegen dessen Teilnehmer.

Da griff der Kaiser, nach milderen Maßregeln, endlich in
seiner Weise durch; er beauftragte den Herzog Marximilian
von Baiern mit dem Schutze des katholischen Bekenntnisses in
der Stadt. Maximilian, obwohl erst 84 Jahre alt, war doch
schon im Reiche als einer der eifrigsten katholischen Fürsten be—
kannt; er rückte in die Stadt, der ein wiederholter Tumult
inzwischen die kaiserliche Acht zugezogen hatte, mit 6000 Mann
zu Fuß und 600 zu Roß wie ein Eroberer ein, übernahm die
Verwaltung, begünstigte den Katholizismus auf jede Art und
erklärte, die Stadt in Pfand behalten zu wollen — bis zum
Ersatze der Kriegskosten.

Es war ein GEreignis, das die Protestanten aufs Mächtigste
erregte. Und es fiel in den Beginn eines neuen Reichs—
tages. Und man wußte, daß der Kaiser neuer Einnahmen be—
durfte, nicht bloß gegen die Türken, sondern auch zur Be—
friedung seiner eigenen Lande.

Sollten nun die Protestanten unter diesen Umständen den
Kaiser durch Bewilligungen unterstützen und dadurch das in
Donauwörth Vorgefallene gleichsam billigen? Für die Korre—
spondierenden war daran nicht zu denken. Aber auch die
konservativ⸗protestantischen Elemente waren dazu keineswegs
bereit. Auch sie waren über die Donauwörther Vorgänge
empört. Vor allem aber: gerade Sachsen, der führende Stand
dieser Partei, an sich schon dem Kaiser wenig gewogen, sah in
den Vorgängen in sterreich Symptome, die zur Verstärkung
seiner bisherigen Haltung aufforderten. Die protestantische Be—
wegung in den habsburgischen Ländern hatte ihm immer als
speziell lutherisch gegolten, deren Kirchen erschienen ihm als
Tochterkirchen Wittenbergs; darum hatte Kurfürst Christian II.
schon im Jahre 1604 trotz aller kaiserlichen Gesinnung Rudolf II.
vor weiterem Vorgehen gegen den Protestantismus sterreichs
gewarnt. Jetzt nun schickten sich die protestantischen Stände
Osterreichs soeben an, mit Mathias gegen den katholisch—
        <pb n="347" />
        Protestantismus und Gegenreformation im Reiche. 689
fanatischen Kaiser Front zu machen — und da hätte man ihnen
nn den Arm fallen sollen?

Auf dem Reichstage, der am 12. Januar 1608 eröffnet worden
war, waren alle Protestanten darin einig, keinerlei Steuern zu
bewilligen, ehe nicht wenigstens der Religionsfriede des Jahres
1555 bestätigt und die zerstörende Kritik, die von katholischer
Seite jetzt nicht selten daran geübt wurde, unter Strafe ge⸗
stellt sei. Als dieser Antrag von katholischer Seite nicht un⸗
bdedingte Annahme fand, da benutzte wenigstens die pfälzische
Partei alsbald den Anlaß, um den Reichstag zu sprengen: —
am 27. April verließen ihre Gesandten Regensburg; ohne Ab—
schied mußten die Stände auseinandergehen; die letzte große
Institution, die die Einheit des Reiches noch gewährleistet
und verkündet hatte, der Reichstag, erschien vernichtet.
        <pb n="348" />
        Hiertes Kapitel.
Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, west—
fälischer Friede.

Mit dem Ausgange des Reichstags vom Jahre 1608 war
die Reichsverfassung thatsächlich mindestens auf längere Zeit
lahmgelegt worden; dem Verfall der alten Kirche in der ersten
Hälfte des 16. Jahrhunderts war der Zerfall des alten Staates
im ersten Jahrzehnt des siebzehnten gefolgt. Die volle Um—
wälzung auf dem Gebiete des Geisteslebens mußte auch das
äußere Gerüst der politischen Einrichtungen erschüttern; die
einzelnen Teile des Reiches standen im Begriff, ihre eignen Wege
zu gehen, sie verstanden sich auch in den längst schon enger
beschränkten, weniger zahlreichen Aufgaben des Reichstags
nicht mehr.

Dieser Zustand war nicht durch rasche Umschläge veranlaßt,
sondern in langsamer Entwicklung herbeigeführt worden; zer—
bröckelnd, nicht umgestaltend hatte der Protestantismus auf die
Verfassung gewirkt. Diese Thatsache aber, die in der innersten
Entwicklung der Dinge begründet lag, hatte zugleich eine
konservativ-protestantische Politik, wie sie die sächsische Partei
verfolgte, notwendig in sich aufheben müssen. So war die
ursprünglich sächsische Oberleitung der protestantischen Politik
        <pb n="349" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 691
immer mehr in den Hintergrund getreten; und jetzt konnte es
keine Frage mehr sein, daß die pfälzische, destruktive Haltung immer
zahlreichere Anhänger gewinnen würde. Schon die Fortschritte
des Calvinismus bezeugten dies; bisher waren neben der Pfalz
nur noch kleine Reichsstände reformiert gewesen, z. B. Zweibrücken,
Anhalt, Nassau, Bremen: jetzt trat Landgraf Moritz von Hessen,
der Fürst des einst neben Kursachsen führenden protestantischen
Landes, zum Calvinismus über. Gleichzeitig kam jetzt
endlich, da man, des Reiches bar, die Notwendigkeit gegen⸗
seitigen Schutzes stärker empfand, ein protestantischer Bund
unter Leitung der Kurpfalz zu stande. Am 12. Mai 1608
begannen in dem ansbachischen Dorfe Ahausen unter Führung
des plänereichen Fürsten Christian von Anhalt, der die Kur—
pfalz vertrat, Verhandlungen, die schon nach drei Tagen zum
Abschluß zwischen Württemberg, Baden, Neuburg, den branden⸗
burgischen Markgrafen und der Pfalz führten. Zu stande kam
ein an sich nicht als konfessionell bezeichnetes gegenseitiges
Schutzverhältnis aller Genossen. Dementsprechend trat eine
defensiv gemeinte Kriegsverfassung ins Leben, für deren Hand⸗
habung im größeren ein gemeinsames Generalat, zunächst des
Pfälzer Kurfürsten auf drei Jahre, begründet ward. Die
Bundeskasse sollte in dem nächsten Jahrfünft durch Zahlung
von 90 Römermonaten, in dem darauf folgenden Jahrfünft
durch Zahlung von 50 Monaten gespeist werden: das ergab für
die erste Periode etwa 675 000 Gulden, eine für Defensivkriege
vielleicht ausreichende, für Angriffskriege jedenfalls zu geringe
Summe.

Der Bund, dem bald der Name Union gegeben wurde,
bot also nur die notwendigste Schutzwehr vor etwa erfolgenden
Angriffen. Das blieb auch in den nächsten Jahren so. Zwar
traten einige neue Mitglieder bei, so Zweibrücken, Anhalt und
die Vororte der süddeutschen Reichsstädte, auch gewann er ein
freundliches Verhältnis zu Frankreich und den Generalstaaten,
aber seinen Charakter veränderte das nicht.

Inzwischen hatten aber auch die Katholiken das natürliche
Bedürfnis gefühlt, sich zu einen. Die geistlichen Fürsten auf
        <pb n="350" />
        692 J Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
ihrer Seite hatten sich schon seit der Sprengung des Deputations⸗
tages durch die Protestanten nach einem Schutze umgesehen;
seit den Vorgängen von Donauwörth teilte weiter Maximilian
von Bayern ihre Empfindungen; und die Kurie, längst auf
eine Einigung aller Katholiken bedacht, trat wenigstens der
einmal vorhandenen günstigen Stimmung nicht entgegen. Indes
die Dinge schritten auf katholischer Seite langsam voran.
Wie sollte das Verhältnis des neuen Bundes zu sterreich, als
dem Träger der verfassungsmäßig neutralen, parteilosen Kaiser—⸗
krone, geregelt werden? Und der Mainzer Erzbischof, dem als
rangersten der Kurfürsten die Verhandlungen zufielen, war lässig
und ungeschickt.

Da griff endlich Max von Bayern durch. Hatte er sich
in den ersten Jahren seiner Regierung von Reichssachen eigentlich
nur um die Türkengefahr ernfter gekümmert, so war er darauf
rasch zum geistigen und politischen Führer der Stände seines
Bekenntnisses geworden. In Verbindung mit dem Kurfürsten
Ernst von Köln brachte er es im Juni 1609 zu einer im Laufe
des Jahres 1610 noch besser ausgebildeten Liga zwischen den
drei rheinischen Kurfürsten, den Bischöfen von Würzburg, Augs⸗
burg, Konstanz, Regensburg und Passau, sowie einigen Prälaten
— also schwachen geistlichen Fürsten. Natürlich ward er Bundes⸗
leiter und Bundesfeldherr; die Kriegsbeisteuer des ersten Jahres
betrug 30 Römermonate.

So standen sich im Reiche Protestanten und Katholiken in
besonderen Buünden gegenüber; nur das Haus Habsburg und
das Haus Wettin hielten sich noch selbständig und abseits. In⸗
zwischen aber waren im Westen Ereignisse eingetreten, die eine
weitere Klärung der internationalen wie der nationalen Lage
bringen mußten.

Am 9. April 1609 war es, unter Vermittlung vornehmlich
König Heinrichs von Frankreich, zu einem waffenstillstandähn⸗
lichen Frieden auf zwölf Jahre zwischen den Generalstaaten und
Spanien gekommen!; ihm folgte am 17. Juni 1609 ein Ver—

S. oben S. 606.
        <pb n="351" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, Westfälischer Friede. 698
trag zwischen England, Frankreich und den Generalstaaten,
dessen Seele wiederum Heinrich IV. war, mit der Spitze gegen
Spanien und damit überhaupt gegen das Haus Habsburg.
In der Zwischenzeit aber, am 25. März 1609, war der unglück—
liche letzte Herzog von Jülich gestorben: die Jülicher Erbfolgefrage
war eröffnet. Es war klar, daß in ihrem Austrag die gegne—
rischen Kräfte wie in Deutschland, so in Westeuropa sich messen
würden.
Nun hatten inzwischen unter den protestantischen Bewerbern
Brandenburg und Neuburg einen Vorsprung ihrer Ansprüche
gewonnen; Neuburg namentlich, seitdem der Pfalzgraf Wolfgang
Wilhelm, seit Oktober 1603 mündig, an den Regierungsgeschäften
teilnahm. Ihnen zunächst stand daher jetzt der Kaiser, der
das Land als erledigtes Lehen sequestrieren wollte, gegenüber.

Beide Parteien suchten nun nach dem Ableben des Herzogs
sich vor allem in den thatsächlichen Besitz der Länder zu bringen.
In diesem Wettbewerb siegten zunächst Brandenburg und Neu—
burg; und unter Vermittlung des Landgrafen Moritz von Hessen
in dem Dortmunder Vertrage vom 10. Juni 1609 geeint,
wußten sie unter Ausschluß gegenseitiger, sie lähmender Feind—
seligkeiten die Territorien nicht bloß einzunehmen, sondern auch
zur Zufriedenheit ihrer Bevölkerungen zu verwalten. Es waren
Vorteile, die ihnen sofort auch das Wohlwollen der großen
protestantischen und Habsburg feindlichen Mächte eintrugen;
die Union wie Heinrich von Frankreich ordneten Gesandte nach
Düsseldorf ab.

Aber unterdessen hatte auch der Kaiser zu handeln be—
gonnen. Er hatte alle Erbanwärter vor seinen Reichshofrat
als das zuständige Gericht geladen. Er hatte Kommissarien ab—
gesandt, um die Lande unter Sequester zu nehmen. Und als
diese wenig Erfolg hatten, hatte er über sie hinweg den Erz—
herzog Leopold mit ganzer Vollmacht abgehen lassen, und diesem
war es gelungen, sich am 23. Juli 1609 in den Besitz der
Festung Jülich zu bringen.

Damit stand jetzt in den jülichschen Landen Gewalt gegen Ge—
        <pb n="352" />
        694 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
walt; nur ein kriegerischer Austrag der Erbfolgefrage schien
noch denkbar.

Aber mußte dieser nicht sofort alle großen Mächte in seine
Strudel ziehen? Wie waren die Generalstaaten an dem Be—
stande eines evangelischen, Frankreich am Bestande eines nicht⸗
habsburgischen Niederrheins interessiert! Das Haus Habs—
burg aber sah jetzt einen seiner Erzherzöge als Statthalter in
den südlichen Niederlanden, einen anderen als Gewalthaber in
Jülich: dem Kaiser wie Spanien war es gleich wichtig, diese
Positionen zu halten. Die protestantische Union in Deutschland
endlich war längst auf die Seite der Anwärter ihres Bekennt⸗
nisses getreten, und die Liga, obgleich an sich dem Niederrhein
ferner stehend, war doch wegen des Kölner Erzstifts und des
bayrischen Prinzen Ernst auf seinem Stuhle auch in den Dingen
des Nordwestens keineswegs mehr völlig gleichgültig.

All diese Gegensätze großer und kleiner Art fanden nun
aber recht eigentlich ihren Mittelpunkt in Frankreich. Noch
einmal zeigte es sich, daß Frankreich das Herzland der Nationen
des mittelalterlich civilisierten Europas war. König Heinrich IV.
sah sich ohne weiteres im centralen Bereiche der widerstreitenden
Bestrebungen Spaniens, Italiens, Osterreichs, Deutschlands,
Belgiens und Englands. Er allein konnte die Habsburger in
Spanien und Italien angreifen; er allein fast konnte England
dem Bunde der nordischen Protestanten erfolgreich zuführen.
So war es die große Frage des Jahres 1609, ob er die Jülicher
Erbfolgesache zur Entzündung eines großen Krieges, wie es
später der dreißigjiährige geworden ist, und damit zur Lösung
der schon aufs äußerste gespannten Gegensätze Europas aus—
nützen werde.

Heinrich, der joviale Realpolitiker auf dem französischen
Throne, ging mit jener biederen Hinterhaltigkeit, in der er
Meister war, vorsichtig, tastend, schließlich entschieden dieses
Wegs. Er setzte den grimmigen Feind der Habsburger, den
Herzog Karl Emanuel von Savoyen, einen Mann von dem
leidenschaftlichen Lebenszug des Cinquecento, in Bewegung,
damit er, nach Süden vorbrechend, einen Keil in die spanisch—
        <pb n="353" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 695
österreichischen Zusammenhänge treibe; er kam der deutschen
Union entgegen, die mit den protestantischen Inhabern Jülichs
gewillt war, gegen den Erzherzog Leopold zu rüsten; er begann
mit England und den Generalstaaten über deren Teilnahme an
dem kommenden Kriege zu verhandeln, und diese versprachen
im Februar und April 1610 eine nicht unbedeutende Truppen—
macht. Vor allem aber rüstete er selbst. Im Mai 1610 hatte
er 6000 Schweizer, 12000 Mann französischer Infanterie,
3500 Mann Kavallerie beisammen; man hörte, daß er in wenigen
Tagen zur Armee abgehen werde, um selbst den Oberbefehl zu
übernehmen: da ward er, am 14. Mai 1610, ermordet.

Es war nicht bloß das Ende der großen Pläne des
Königs. Frankreich schwenkte bis zu den Tagen, da Richelieu
die glänzende Politik des Toten wieder aufnahm, mehr oder
minder auf die Seite Spaniens; kaum daß es im Verein mit
den englischen, staatischen, deutschen Truppen den Erzherzog
Leopold aus Jülich vertreiben und damit die Jülicher Erbfolge—
frage zu gunsten der protestantischen Bewerber erledigen half.
Von etwas Weiterem war nicht die Rede.

Die unglücklichen Länder am Niederrhein aber fanden auch
jetzt noch nicht volle Ruhe. Schon früher hatte zwischen ihren
gemeinsamen protestantischen Besitzern gelegentlich Uneinigkeit
geherrscht. Jetzt, nachdem man des Druckes äußerer Feinde
ziemlich ledig war, verschärfte sich diese von Grad zu Grad,
und der verfehlte Versuch, durch eine Vermählung des Neu—
burgers Wolfgang Wilhelm mit der Tochter Johann Sig⸗
munds von Brandenburg den Frieden herzustellen, verdoppelte
sie zu erbittertem Hasse. In dieser Lage ward Wolfgang
Wilhelm katholisch und vermählte sich mit einer Schwester
seines Bekehrers Maximilian von Bayern; Johann Sigmund
andrerseits folgte einer längst in ihm empordringenden Ueber—
zeugung und trat zum Calvinismus über. Es war ein volles
Auseinandergehen der gemeinsamen Inhaber auf konfessionellem
Gebiete; es wurde politisch ergänzt, indem sich der Neuburger
der Liga, der Brandenburger der Union anschloß.

Sollte es nun zu neuen kriegerischen Vorgängen wegen

Lamprecht, Deutsche Geschichte V. 2. 15
        <pb n="354" />
        396 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
der immer noch nicht völlig gelösten Erbfolgefrage kommen?
Auch diesmal wurde, trotz der Verheerung der jülichschen Lande
durch Truppen der Spanier wie der Generalstaaten, der
drohende Weltkrieg vermieden; der Vertrag von Xanten vom
10. November 1614 löste die Doppelregierung auf und teilte
den Erbbesitz: Cleve, Mark, Ravensberg und Ravenstein fielen
an Brandenburg, Jülich und Berg an Neuburg: keiner Partei,
weder der katholischen noch der protestantischen, war der
Niederrhein völlig zugefallen.

Natürlich aber führte diese Lösung wie die ihr voraus—
gehenden Ereignisse zu allem anderen, als zu einer Beruhigung
Deutschlands. Protestanten und Katholiken, Union und
Liga standen sich hier von Jahr zu Jahr feindlicher gegenüber,
und nur das Gefühl gegenseitiger Ohnmacht und die Furcht
vor der außerordentlichen Verantwortlichkeit, die jede Ent—
zündung der Kriegsfackel mit sich bringen mußte, hielten den
Frieden aufrecht. Andrerseits aber suchte man sich, aus den
gleichem Gefühl heraus, für alle Fälle internationale Ver—
stärkungen zu verschaffen. Die Union schloß im April 1612
einen Kriegsvertrag mit England ab, worauf sich ihr Führer,
Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz, der spätere Winterkönig,
mit einer Tochter König Jakobs J. vermählte; im Januar 1613
folgten Verhandlungen mit dem Schwedenkönig Gustav Adolf,
der den Protestanten schon damals als der Löwe aus Mitter—
nacht erschien; im Mai 1613 wurde auch mit den General—⸗
staaten ein Bund geschlossen. Die Liga aber beschloß im März
1613 mit Lothringen, Savoyen, dem Papste und Spanien zu
verhandeln und glaubte sich sicher, daß diese Schritte Frank—
reich nicht verletzen würden.

Unter diesen Umständen konnte man dem ersten Reichstage,
den der neue Kaiser Mathias etwa abhalten würde —
Rudolf II. war am 20. Januar 1612 gestorben — mit
Spannung entgegensehen. Am 183. August 1618 ward er zu
Regensburg eröffnet.

Trotzdem wurden die Aussichten, wenigstens von gewissen
Kreisen der kaiserlichen Regierung, als nicht allzu ungünstig
        <pb n="355" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 697
betrachtet; und schon die Thatsache, daß beide Parteien wieder
auf einem Reichstage sich zusammenfanden, konnte als Gewinn
gelten.

Kaiser Mathias, Rudolfs Bruder, war eine Wiener Natur
im schlechteren Sinne, leutselig, heiter, liebenswürdig, auch von
einer gewissen betriebsamen Arbeitslust, aber oberflächlich,
darum in seinen Anschauungen unsicher und von anderer
Ansichten abhängend. So tobte an seinem Hofe von vorn—
herein der Kampf der Räte um den Besitz der kaiserlichen
Meinung. Nun stand Mathias anfangs fast ganz unter der
geistigen Herrschaft Klesls, des uns bekannten „General—⸗
reformators“ OÖsterreichs. Aber Klesl war jetzt nicht mehr
der alte Protestantenfresser. Das Schicksal der habsburgischen
Länder im letzten Jahrzehnt wie die Lage im Reiche hatten
ihn gleich eindringlich gelehrt, daß der furchtbare Kampf aller
gegen alle nur noch dadurch zu vermeiden sei, daß man den
Protestanten verfassungsmäßige Zugeständnisse mache. Wider—⸗
willig zwar, doch in seiner Anschauung der Lage konsequent, war
er zu solchen Zugeständnissen bereit und suchte den Kaiser dazu
zu bewegen. Aber der Kaiser stand andrerseits unter den Ein—
wirkungen streng katholischer Räte, z. B. des Reichsvicekanzlers
von Ulm, sowie der strenggläubigen Prinzen seines Hauses. Und
diese wollten nichts von Versöhnung wissen; der Kaiser solle
vielmehr der Liga beitreten und damit den bestehenden Gegen—
sätzen die vollste, klarste Schärfe verleihen.

Mathias eröffnete den Reichstag unter dem doppelten
Antriebe beider Richtungen; aus eigenem aber begehrte er vor
allem eine recht hohe Türkensteuer gegen den neuerdings an—
drängenden Erbfeind; die unerhörte Summe von 260 Römer—
monaten sollte bewilligt werden.

Auf dem Reichstag begann nun das alte Spiel. Die
Protestanten forderten erst Abhilfe ihrer Beschwerden; darauf
würden sie wohlgesinnt an die Beratung der Türkensteuer
treten. Klesl riet dringend, auf diesen Vorschlag einzugehen.
Allein der Kaiser, der immer mehr von strengsten Anschauungen
beherrscht ward, versagte sich ihm: vor allem sei die Türken—

45 *
        <pb n="356" />
        698 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
steuer zu erledigen. Und damit dieser Gang der Geschäfte
ohne Sprengung des Reichstags möglich sei, erklärte er alle
Beschlüsse des Reichstags, wie sie von den Katholiken über
die Köpfe der Protestanten hinweg gefaßt werden konnten,
für reichsrechtlich gultig. Es war, bei dem gegenseitigen Zahlen—
verhältnis der katholischen und protestantischen Stimmen im
Reichstag, gegenüber dem bisher giltigen Rechte ein einfacher
Akt der Vergewaltigung der Protestanten.

In diesem Augenblicke aber hörte man in Regensburg,
daß der Krieg von den Türken bereits vorfrüh mit 80000
Mann eröffnet worden sei. Es war gegen alle Erwartung;
der Kaiser konnte sich nicht mehr auf lange Erörterungen der Vor—
fragen einer Steuerbewilligung einlassen; er sah, daß er unter
den vorhandenen Umständen den Protestanten entgegenkommen
müsse; und da dies nach allem Geschehenen innerhalb der
Verhandlungen des Reichstags nicht mehr möglich war, so
genehmigte er, daß die protestantischen Beschwerden außerhalb
des Reichstags in freien Konferenzen unter der Leitung des
versöhnlichen Erzherzogs Maximilian erörtert werden sollten.

Diese Konferenzen begannen immerhin hoffnungsreich.
Allein der Kaiser verdarb auch hier alles durch erneutes Schwanken.
Ohne das Ergebnis der Konferenzen abzuwarten, brachte er
das Projekt einer neuen provisorischen Türkensteuer von 80
Römermonaten im Reichstag ein und bestätigte andrerseits
fast keines der Zugeständnisse, die Maximilian den Protestanten
im Laufe der Konferenzverhandlungen geglaubt hatte machen zu
können. So ward schließlich jedernann mißmutig; und Maxi—
milian, dessen Stellung allmählich lächerlich zu werden drohte,
verließ Regensburg am 16. Oktober.

Was war nun zu thun? Der Ausgang mußte noch
schlimmer sein, als im Jahre 1608. Die Protestanten reisten
ab; der Reichstag war von neuem gesprengt. Die Katholiken
aber bewilligten nun mit Stimmenmehrheit die provisorische
Türkensteuer, und der Kaiser nahm ihren Beschluß als
giltig an.

So stand der Kaiser nicht mehr über den Ständen. Er
        <pb n="357" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 699
hatte das alte Recht zu gunsten seines Bekenntnisses gebrochen;
er war katholischer Parteigänger geworden, mochte er auch mit
einer Ungiltigkeitserklärung der protestantischen Union wie der
katholischen Liga im Jahre 1614 einen ohnmächtigen Versuch
machen, seine Unparteilichkeit formell zu wahren.

II.
Inzwischen hatten aber auch in sterreich die Dinge einen
höchst bedenklichen Gang genommen.

Wir entsinnen uns, daß im Jahre 1608 Mathias auf
Grund thätiger Beihilfe der ungarischen, österreichischen und
mährischen Stände den Kaiser Rudolf zur Abtretung der
Herrschaft über seine Länder mit Ausnahme Böhmens ge—
zwungen hatte. Und parallel mit diesem Ereignis war die
Begründung eines allgemeinen ständischen Bündnisses zu
Sterbohol gelaufen, in dem sich die Stände namentlich auch
zur Aufrechterhaltung ihres Protestantismus verpflichtet hatten!.

Natürlich war die Folge dieser Zusammenhänge, daß
nunmehr überall in habsburgischen Landen der Protestantismus
sein Haupt wieder stolzer erhob; besonders in Niederösterreich
hatte Mathias schwer mit der protestantisch-ständischen Oppo—
sition unter der Führung des gewaltthätigen Erasmus von
Tschernembl zu kämpfen.

Weitaus am kühnsten aber traten die Protestanten doch
in Böhmen auf. In der Not des Jahres 1608 hatte Rudolf
ihnen Religionsfreiheit versprechen müssen; es lag in seinem
krankhaften Wesen, daß er dies Versprechen bald darauf als
nicht gegeben betrachtete. Das aber waren die protestantischen
Stände nicht gewillt zu ertragen. Sie traten in Prag zu
eigenmächtiger Tagung zusammen; sie organisierten den be—
waffneten Widerstand; sie verbanden sich mit den schlesischen
Ständen; sie wußten die Sympathien Kurfürst Christians von
Sachsen, von jeher des Schützers der österreichischen Protestanten,

S. oben S. 685.
        <pb n="358" />
        700 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
zu gewinnen; sie begannen sogar mit der Union zu verhandeln.
Was wollte Rudolf diesem vielfachen Druck entgegenstellen?
Der starrsinnige Mann mußte sich nunmehr, am 9. Juli 1609,
zum Erlaß eines Majestätsbriefes bequemen, der die verhaßte
Ketzerei freier hinstellte, als je. Er proklamierte die protestan—
tische Kirche als ein großes Verfassungsinstitut des Landes, an
deren Spitze als oberste Behörde ein Konsistorium, als oberste
Lehranstalt die Prager Universität stehen sollte, deren Leitung
ferner den Ständen und den Defensoren, einem besonderen, von
den Ständen gewählten Schutzausschusse, anheimfiel. Er sprach
den Grundsatz aus, daß niemand durch irgend wen und irgend
welches Mittel seinem Bekenntnis abspenstig gemacht werden
dürfe; er gab den Herren, Rittern und königlichen Städten
das Recht, in den Kirchen ihrer Kollatur Geistliche ihres Be—
kenntnisses anzustellen, und er gestand den Protestanten zu, in
den königlichen Herrschaften, zu denen nach altem Brauch alles
Kirchengut gerechnet ward!, Gottesdienst zu halten und Kirchen
zu bauen.

Waren mit diesem Zugeständnis Protestantismus und
Ständetum in Böhmen in gleicher Weise befestigt, so trugen
weitere Ereignisse in den österreichischen Gesamtländern dazu
bei, diesen Zug der Entwicklung, und nicht bloß für Böhmen,
noch zu verstärken. Kaiser Rudolf nämlich, von wahnwitzigem
Hasse gegen Mathias gepackt, versuchte mit Hilfe abenteuer—
licher Pläne, die seine untergeordnete Umgebung zusammen mit
dem Erzherzog Leopold Jülicher Andenkens ausheckte, diesen
nochmals aus seinen Herrschaften zu vertreiben. Das Ergebnis
war das alte: wiederum stützte sich Mathias überall fest auf
die Stände, wiederum standen die protestantischen Stände
gegen Rudolf auf; in Prag regierte ein ständisches Direktorium
von dreißig Köpfen, und kaiserliche und ständische Truppen
standen sich an den Moldauufern drohend gegenüber.
Das war wenigstens in der Folge die Auffassung der Protestanten.
Ganz sicher ist dieselbe aber vom Rechtsstandpunkte ebensowenig, als die
entgegengesetzte; vgl. Ritter, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Gegen—
reformation 2, 270; Huber, Geschichte sterreichs 5, 5 ff.
        <pb n="359" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 701
In diesem Augenblick aber, da das Schicksal des Hauses
Habsburg von der Haltung der Stände abzuhängen schien, er—⸗
folgte der Umschlag. Am 24. März 1611 erschien, von den
böhmischen Ständen gerufen, Mathias in Prag; am 23. Mai
wurde er zum König von Böhmen gekrönt; am 20. Januar 1612
wurde Rudolf durch einen wohlthätigen Tod von seinen Leiden
erlöst; am 18. Juni ward Mathias einhellig zum römischen
Kaiser erkoren: alle österreichischen Lande hatten wieder einen
Herrscher, und dieser war zugleich Oberhaupt des Reiches.

Waren das dem Protestantismus und dem Ständetum
günstige Ereignisse? Die Vergangenheit des Hauses Habsburg
ließ keinen Zweifel darüber, daß jetzt Gegenreformation und
Stärkung der fürstlichen Gewalt die doppelte Losung sein
würden. Und hätte man es nur mit dem leichtlebigen Mathias
und seinem zu Zugeständnissen nötigenfalls bereiten Berater Klesl
zu thun gehabt! Aber schließlich gewann über den schwachen
Kaiser eine ganz anders gewillte Persönlichkeit Gewalt:
Ferdinand von Steiermark, der nachmalige Ferdinand II.

Ferdinand war als Sohn des milden Erzherzogs Karl
und einer bayrischen Prinzessin im Jahre 1578 geboren. Von
Natur mit der erblichen Leutseligkeit und Milde der Habs—
burger ausgestattet, geistig unbedeutend und entschlußschwer,
darum fremder Einsicht viel leichter als fremdem Willen folgend,
zeigte er vielleicht mehr, als irgend eine politische Persönlichkeit
seines Zeitalters, was jesuitische Erziehung vermochte. In
Ingolstadt zusammen mit seinem weit begabteren Vetter
Maximilian von Bayern den geistlichen Exerzitien und der huma—
nistischen Lehrmethode der Väter von der Gesellschaft Jesu unter—
worfen, hatte er noch jugendlich eine Reise nach Italien ge—
macht und sich in Loretto der heiligen Jungfrau zur Ver—
nichtung der Ketzer gelobt. Von diesem Tage an lebte in
seinem Kopfe fast nur dieser eine Gedanke im Sinne fast einer
überirdischen Inspiration; selbst der dämonische Wille eines
Wallenstein hat ihn später nur auf kurze Zeit ein wenig aus
seiner Richtung gelenkt. Hiervon abgesehen blieb der Fürst
bei allem Schwanken in der Wahl der Maßregeln seinem Ziele
        <pb n="360" />
        702 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
allzeit getreu; und sein weiches Wesen konnte sich, um es zu
erreichen, bis zur Grausamkeit festigen. Im übrigen erhielt
ihn vor allem ein Leben in halbnonnenhafter Bigotterie und in
dauerndem Gebrauche der jesuitischen Exerzitien dem einmal
in ihn gepflanzten Ideale.

So hatte er schon in Steiermark, Kärnten und Krain
die radikalste Gegenreformation durchgeführt, die deutsche Lande
gesehen haben: was war zu erwarten, wenn seinem fanatischen
Willen die Führung der Geschäfte des Hauses sterreich zufiel?

Dem Kaiser war der steirische Vetter unheimlich.
Aber er war unselbständig, und noch mehr: er war kinderlos
und alt. Er mußte für die Nachfolge sorgen; und hier war
Ferdinand der Berechtigte. So sah er zu, wie dieser in Ver—
bindung mit dem Erzherzog Maximilian die etwa vorhandenen
Ansprüche des Hauses Spanien beseitigte; freilich nicht ohne
die Landgrafschaft Elsaß an Spanien daranzugeben, ein Gebiet,
das bald für die spanische Politik als Stützpunkt zwischen
Italien und den Niederlanden zu einem äußerst wertvollen
Besitze ward. So litt er es auch, daß Ferdinand am 29. Juni
1617 zum böhmischen König gekrönt ward, nicht ohne Ver—
letzung des Wahlrechts der Stände. Und so war es selbst⸗
verständlich, daß Ferdinand nach Mathias' Tode (20. März 1619)
Herr aller österreichischen Länder und, trotz des Widerstandes
der Pfalz, auch römischer Kaiser ward.

In den österreichischen Ländern aber begann die Ferdi—
nandische Politik schon bei Lebzeiten des Kaisers Mathias zu
wirken, und kein Land fühlte das mehr, als Böhmen. Hier
war, seit König Georg Podiebrad die Befestigung eines starken
Königtums an der eigenen Charakterlosigkeit hatte scheitern
sehen!, der Adel übermächtig geworden; er hatte die Bauern
ausgekauft, Latifundien begründet, die Verfassung im Sinne
der späteren Entwicklung Polens aristokratisch umgestaltet.
Dieser trotzige, auf Sonderrechte pochende Adel war nun vor
allem und weit über das Bürgertum hinaus das Herz jener

S. Band IV S. 440, 461.
        <pb n="361" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 703
ständischen protestantischen Bewegung gewesen, deren Verlauf
das letzte Unglück Kaiser Rudolfs gebildet hatte. War zu er—
warten, daß ein so fanatischer Wille, wie derjenige Ferdinands,
nicht gerade gegen ihn und den mit ihm verbundenen Protestan—
tismus vorgehen würde? Und war anzunehmen, daß die
böhmischen autonomen Kräfte sich fügen würden?

Zur Zeit Kaiser Mathias' mußte man in Böhmen schon
von der fast ausschließlich katholischen Besetzung höherer Amter
und von der Übergabe der Pfarreien der königlichen Kammergüter
an katholische Priester hören, und man sah, wie die Jesuiten in
ihrer Propaganda allenthalben vom Hofe unterstützt wurden. So
ging ein dumpfes Murren durchs Land. Aber bald mehrten sich,
unter dem zunehmenden Einfluß Ferdinands auf die böhmischen
Verhältnisse, die Aufstände; die Beschwerden traten gewaltsamer
auf, und schon sprach man vom Schwinden des monarchischen
Sinnes.

Inwiefern diese Wendung im einzelnen berechtigt war,
das zeigt typisch die als angeblich hervorragender Anlaß des
dreißigjiährigen Krieges berühmt gewordene Kirchenbauangelegen—
heit von Braunau.

Die kleine Stadt Braunau in Böhmen gehörte dem gleich—
namigen Stifte zu, war also geistlicher Boden. Demgemäß
besaßen die Protestanten in ihr nach der weiteren Auslegung
des Majestätsbriefes das Recht des Gottesdienstes und des
Kirchenbaues; und daraufhin hatte die protestantisch gesinnte
Mehrheit der Bürger des Orts seit 1611 eine Kirche erbaut
und trotz des Widerspruches des Abtes im Jahre 1612
vollendet. Kaiser Mathias, um Schließung der Kirche ange—
rufen, hatte einen endgiltigen Entscheid immer wieder verzögert.
Jetzt aber, am 12. Dezember 1617, nach der Krönung Ferdi—
nands zum böhmischen König, erfolgte der Befehl, die Kirche
sofort dem Abte zu übergeben. Es war ein Entscheid, der, in
verwandten Fällen schon erlebt, einmal recht deutlich zeigen
konnte, was von der Krone zu erwarten war. Und so waren
die Braunauer willens, die Sache weiter zu verfolgen. Sie
sandten eine Deputation an Ferdinands Statthalter in Prag;
        <pb n="362" />
        704 Sechzehntes Buch. Viertes Rapitel.
sie ward in den Turm geworfen. Eine zweite Deputation
hatte das gleiche Schicksal. Die Gemeinde ward also nicht ge—
hört. So blieb nichts übrig, als daß die Defensoren der
protestantischen Kirche ihres Amtes warteten, die Ausführung
des Majestätsbriefes zu überwachen. Sie traten aus An—
laß des Falles zusammen und beriefen nun ihrerseits
zum 5. März 1618 eine Versammlung der protestantischen
Oberbeamten, Räte und Kreisdeputierten nach Prag; am
6. März begann diese Versammlung ihre Beratungen, und
entscheidend wirkte in ihr einer der Führer des böhmischen
Adels, Graf Heinrich Mathias von Thurn. Man kam zu—
nächst überein, eine Vorstellung wegen Verletzung des Majestäts—
briefes an die Prager Statthalterei einzuseuden; die Antwort
war ablehnend. Darauf ging man in gleichem Sinne an
Ferdinand selbst, nach Wien; es erfolgte eine noch weit schroffere
Abweisung, deren schriftliche Fassung den katholischen Statt—
haltereiräten Slawata und Martinitz zugeschrieben wurde.

Was nun? Man beschloß, im Mai von neuem zusammen⸗
zukommen; und man kam zusammen, trotz kaiserlichen Ver—
botes. War damit eine Bahn eingeschlagen, auf der es keine
Umkehr mehr gab, so machte ein Ereignis des 23. Mais den
offenen Kampf unvermeidlich. An diesem Tage zogen die
Protestanten in Prag bewaffnet zur Statthalterei, sie drangen
zum Sitzungssaale des Statthalters empor; ein heftiger Wort—
wechsel zwischen ihren Führern und den anwesenden Räten ent—
spann sich und endete damit, daß Martinitz, Slawata und der
gänzlich harmlose Sekretär Fabricius zum Fenster hinausgestürzt
wurden. Darauf ward eine provisorische Regierung eingesetzt,
ward ein Heer aufgestellt, wurden die Stände berufen. Es
war der Krieg gegen das Haus Habsburg.

Mathias, früh gealtert und lebenssatt, schwankte, was zu thun.
Klesl wollte hinhalten, bis man genügende Streitkräfte habe. Da
ließ Ferdinand am 20. Juli 1618 den unbequemen Ratgeber auf⸗
heben und in Schloß Amras bei Innsbruck festsetzen; und nun
mußte der willenlose Kaiser unter seinem Antrieb für die Aufstellung
kaiserlicher Heere unter Buquoi, Khuen und Dampierre sorgen.
        <pb n="363" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 705
Inzwischen hatten die böhmischen Stände nicht gezaudert.
Ein ständisches Heer stand unter den Grafen Thurn und
Hohenlohe im Feld. Der Graf Ernst von Mansfeld, dieser
kühne und treulose Bastard des alten Grafenhauses, erschien
mit 2000 Mann zur Hilfe, scheinbar im Auftrage Kurfürst
Friedrichs V. von der Pfalz, des Hauptes der Union, in Wahr—
heit auf Kosten des Herzogs von Savoyen. Der schlesische
Fürstentag sandte 3000 Mann unter dem Markgrafen von
Jägerndorf. Die Wünsche der ungarischen, ober- und nieder—
österreichischen Stände waren mit den Böhmen.

So geschah, was geschehen mußte. Die kaiserlichen Heere
wurden geschlagen; die Mähren zeigten Neiaung, sich der böh—
mischen Bewegung anzuschließen.

In diesem Augenblicke starb Kaiser Mathias, Ferdinand
ward sichtbarer Leiter der habsburgischen Politik. Die Böhmen
begrüßten das Ereignis auf ihre Art. Fast zur selben Zeit, da
Ferdinand zum römischen Kaiser gewählt ward, am 19. August
1619, setzten sie ihn als König von Böhmen ab und wählten
darauf den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz. Und Friedrich
nahm, nach manchem inneren Kampfe, an; am 3. November
empfing er im Dome des Hradschin die Krone.

Es war ein kühner Schritt; aber er schien zu glücken. Die
Böhmen hatten im Felde weitere Fortschritte gemacht; ihnen zum
Vorteil hatte Gabriel Bethlen, der tapfere, gewaltige und hinter—
listige Fuürst von Siebenbürgen, die protestantischen Ungarn in
Revolution versetzt, Preßburg eingenommen und Kaiser Ferdinand
durch Bedrohung Wiens zur Flucht über die Höhen des Gebirgs
nach Graz gezwungen. Konnten sich da die kaiserlichen Truppen
überhaupt noch in Böhmen halten? Buquoy zog sich zum Schutze
Wiens zurück, die Cechen folgten ihm: wenige Wochen nach
der Krönung des neuen Königs stand Graf Thurn vor den
Thoren der Kaiserstadt.

Aber in diesem Augenblicke begann der Umschwung.

Die protestantische Auflehnung in Ungarn ward durch den
Wagemut eines katholischen Edelmanns, Georg Drugeths de
Homonna, erstickt, der mit polnischen Kosacken von Norden her
        <pb n="364" />
        706 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
einbrach; Gabriel Bethlen, von eechischen Subsidienzahlungen im
Stiche gelassen, gab die Bewegung gegen Wien auf; da konnte
sich denn auch das dechische Heer an der Donau nicht mehr
halten; am 5. Dezember zog es wiederum ab.

Und der kriegerischen Wendung folgten diplomatische Nieder—
lagen. König Jakob J. von England hatte sich, trotz der Sym—
pathien seines Volkes, nicht zur Unterstützung seines Schwieger—
sohnes entschließen können; er jagte dem Phantom einer englisch—
spanischen Verständigung nach. Dagegen hatten die General—
staaten Subsidien bewilligt. Unter diesen Umständen kam alles
auf die Haltung der protestantischen Union an: würde sie ihrem
Oberhaupte auch jetzt folgen, da er böhmischer König geworden
war? Es zeigte sich bald, daß bei der herkömmlichen Lauheit der
protestantischen Reichsstände daran nicht zu denken war: genug
schon, daß man endlich versprach, den König verteidigen zu wollen,
wenn er in seinen pfälzischen Erblanden angegriffen würde.

Wie anders gestaltete sich dem gegenüber die Lage auf katho—
lischer Seite. Zwar trat auch hier die eben wieder aufblühende
Liga keineswegs ohne weiteres für den Kaiser ein. Aber Ferdinand
hatte eingesehen, daß er ihrer unter allen Umständen bedurfte,
und er wußte, daß ihre Unterstützung durch Verhandlungen mit
einer einzigen Macht zu erreichen sei, mit Bayern. So wandte
er sich an seinen Jugendfreund, den Herzog Max. Und Max
fühlte seine Stunde gekommen. Am 8. Oktober 1619 schloß
er als Haupt der Liga mit dem Kaiser einen Bund, wonach die
Liga helfen wollte, doch nur gegen die schriftliche Verpfändung
aller österreichischen Besitzungen zur Wiedererstattung der Kriegs—
kosten und gegen das mündliche Versprechen, die pfälzische Kur
nach erlangtem Siege an Bayern übertragen zu wollen. Es
war für den Kaiser ein leoninischer Vertrag; seine Abmachungen
zogen das Reich in die inneren Konflikte seines Landes; seine
Konsequenzen mußten zum Verfassungsbruche im Reiche führen:
gleichwohl nahm er ihn an.

Und jetzt trat Herzog Max in die wichtigste Aktion seines
Lebens. Während er ein Heer aufstellte, vermochte er die Kurie
zu Geldzahlungen, gewann er Kursachsen für die Zwecke eines
        <pb n="365" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, we stfälischer Friede. 707
Angriffs auf Böhmen, ja wußte er schließlich die Union zu der
Versicherung zu veranlassen, daß sie neutral bleiben würde,
solange die Liga nicht die pfälzischen Länder direkt angreifen
würde — dieselben Länder, über deren Eroberung durch nieder—
ländische Truppen der Kaiser soeben mit Spanien verhandelte!
So gedeckt ging Max im Sommer 1620 gegen den umgarnten
Pfalzgrafen-König vor. Am 24. Juli überschritten 30000 Mann
seiner Truppen unter dem Wallonen Tilly die österreichische
Grenze, um zunächst Oberösterreich als bayrischen Pfandbesitz zu
sichern; dann wandten sie sich, am 20. September, nordwärts ins
Böhmische, über Pilsen nach Prag. Am 8. November langten
sie vor der Hauptstadt an, und nun entschied die eine Schlacht
am Weißen Berge, vor den Mauern der Stadt, über das
Schicksal des protestantischen Königtums. Das cechische Heer
ward zersprengt; kopflos entfloh der unglückliche König, um
schließlich im Haag eine traurige Freistatt zu finden.

Für Ferdinand bedeutete der Sieg am Weißen Berge die
endgiltige Begründung seiner österreichischen Herrschaft. Und
Herrschen hieß ihm Katholisieren. Alle Länder ÄÖsterreichs,
vor allem aber Böhmen, fühlten jetzt den Willen des Ge—
lübdeners von Loretto.

Der leichtsinnige böhmische Adel hatte gar gedacht, der
alte Zustand der Dinge werde einfach wiederkehren. Grausam
ward er aus seiner naiven Ruhe geschreckt; blutige Exekutionen
und Konfiskationen lösten einander ab. Der größte Teil des
ungeheuren Grundbesitzes des Adels, über zwei Drittel des ge—
samten Bodens des Königreichs, wechselte den Eigentümer;
landlos zog der alte Adel ins Elend, während kaiserliche Partei—
gänger und gewissenlose Landspekulanten sich an der Beute der
Regierung maßlos bereicherten: eine neue, noch heute vielfach
gültige Verteilung des Grundeigens kam über das Land.

Und mit dem Besitz verlor der Adel, verloren die Stände
überhaupt den politischen Einfluß. Nicht nur, daß das Land
zum Erbkönigreich der Habsburger erklärt ward; Beschränkungen
auf Beschränkungen der alten, teilweis freilich zügellosen Freiheit
folgten.
        <pb n="366" />
        708 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Damit war das Land reif auch für die Glaubenseinheit.
Denn was auch von wirtschaftlichen, sozialen, politischen Maß—
regeln getroffen war: alles zielte im letzten Grunde ab auf die
Vernichtung der Ketzer. Sie gelang. Wie Ferdinand den
Majestätsbrief des Jahres 1609 mit eignen Händen zerknitterte
und zerriß, so vertilgte und vertrieb er, was dem protestantischen
Namen zuschwor, im Lande: so sank die Bevölkerung um Hundert—
tausende, so verödeten die Bauernstellen des platten Landes wie
die emsigen Werkstätten der Bürger: aber die Einheit des
Glaubens ward hergestellt.

Und wie in Böhmen, so auch sonst auf habsburgischer
Erde. Die Rekatholisierung gsterreichs vollendete sich im wesent⸗
lichen mit der Niederlage des Winterkönigs. Damit ward
sterreich zu einem anderen Lande, als es sonst deutsche Länder
waren. Es wird anfangs noch zum Schauplatz, später zum
halben Friedhof besonderen geistigen Lebens; unsichtbare
Grenzen trennen es vom Reiche; höchstens von Bayern her
führen noch Zugänge in die dumpfe Luft des Südostens.

Die zweite große Folge der Prager Niederlage war die
Zerstörung der schon im Verenden begriffenen Union und die
Zurückdrängung des politischen Schwergewichts des deutschen
Protestantismus nach Norden zu, hin zu den Germanen Skan—
dinaviens.

König Friedrich hatte wirklich gemeint, er werde im Besitz
der pfälzischen Kur bleiben und für seinen Verzicht auf Böhmen
von Ferdinand Entschädigung erhalten. Eitle Hoffnungen!
Am 22. Januar 1621 that ihn der Kaiser in des Reiches Acht:
der böhmische Krieg, schon längst durch den Einbruch der
Spanier in die Pfalz kompliziert, ward nun völlig zum
pfälzischen.

Aber wer sollte ihn jetzt auf protestantischer Seite noch führen!
Die Union streckte von vornherein die Waffen; im Fluche der
Lächerlichkeit ging sie unter. Dafür nahmen sich nur noch
einige Idealisten und Freibeuter unter den protestantischen
Fürsten Mittel- und Norddeutschlands der Sache des Pfalz—
grafen an; sie stellten Heere auf, die nur von sich und durch
        <pb n="367" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 709
sich, aus Kontribution und Requisition, Plünderung und Brand⸗
schatzung lebten: der Charakter des dreißigjährigen Krieges
kündigte sich an.

Schließlich traten die ungestümsten und räuberischsten dieser
Führer in den Vordergrund, der Bastard Ernst von Mansfeld
und der „tolle“ Christian von Braunschweig, Administrator des
Bistums Halberstadt. Sie trugen den Krieg teilweis nach
Westfalen; Christian zeigte hier edle Unparteilichkeit in gleich—
mäßiger Brandschatzung von Protestanten und Katholiken; dafür
ward er durch Zulauf von allerlei Volk geehrt, namentlich
nachdem er zu Osnabrück den silberschweren Reliquienschrein
des heiligen Liborius in rollende Thaler verwandelt hatte; mit
1500 Mann war er gekommen, mit 15000 zog er von dannen.
Vor allem aber lastete der Krieg auf den Rheingegenden der
Unterpfalz; nicht ungeschickt traten die protestantischen Fürsten
hier den Spaniern wie der Liga entgegen, und schließlich er⸗
freuten sich ihre Heere sogar der Anwesenheit des geächteten
Pfalzgrafen.

Hätte er nur auch bei ihnen ausgehalten! Allein während
sie sich, wenn auch nicht ohne Niederlagen (bei Wimpfen im
Mai, bei Höchst im Juni 1622), dennoch aufrecht hielten,
ließ er sich vom Kaiser zu dem Glauben bethören, daß er seinen
Erbbesitz wieder erhalten werde, wenn er sich seiner Parteigänger
entäußere. So zog er sich nach Holland zurück, verließ Mansfeld
und den Braunschweiger — und mußte mit ansehn, wie nun⸗
mehr Tilly das teure Heidelberg, das Hauptbollwerk des
Landes, einnahm.

Es war das Signal für Herzog Max von Bayern, dem Kaiser
seine Rechnung einzureichen. Und wie hatte er die Aussichten für
ihre Begleichung inzwischen verstärkt! Noch immer war er im
Pfandbesitz Oberösterreichs, und dank der einschneidenden Unter—
stützung seitens der Kurie hatte er es bei dem bigotten Kaiser
erreicht, daß das ursprünglich mündlich erteilte Versprechen der
pfälzischen Kurwürde ihm am 22. September 1621 schriftlich
erneuert worden war.

Was vermochte der Kaiser da noch zu thun? Was
        <pb n="368" />
        710 Sechzehntes Buch. Viertes RKapitel.

dagegen einzuwenden, daß Max mit der Kur des geächteten
Pfalzgrafen nun auch dessen Länder statt des österreichischen
Pfandbesitzes beanspruchte? Zum Dezember 1622 berief er
statt eines Reichstages, den er fürchtete, einen Reichsdeputations—
tag ein, auf dem zu gunsten Bayerns über die pfälzische Kur
entschieden werden sollte. Zur Teilnahme aufgefordert waren
außer den Kurfürsten vier fürstliche Bischöfe, die Herzöge von
Bayern, Braunschweig, Pommern und Mecklenburg und der
dem Kaiser damals besonders verpflichtete Landgraf von Hessen—
Darmstadt. Aber die Protestanten unter ihnen erschienen nicht,
mit Ausnahme des Hessen — sogar Kursachsen versagte sich
dem Kaiser nach den Erfahrungen der Gegenreformation in
Böhmen. So war es nicht möglich, zu einem einheitlichen
Beschlusse zu gelangen, und zwar um so weniger, als auch die
katholischen Mitglieder des Tages gegen eine dauernde Über—
tragung der Kur an Bayern Bedenken hegten. Und wann war
es in der langen Geschichte des Reiches je erhört worden, daß
ein einheimisches Fürstenhaus, selbst wenn sein Haupt geächtet
war, ganz aus seinem heimatlichen Besitze vertrieben worden
wäre? Nicht einmal der große Staufer Friedrich J. hatte seinen
Gegner, den Welfen Heinrich, so getroffen; erst ein Fremder,
Napoleon J., hat deutsche Fürstengeschlechter ins Elend zu
jagen gewagt. So ward schließlich nichts erreicht, als die
Ubertragung der Kur an Max auf Lebenszeit, wenn auch unter
geheimen Verabredungen zwischen Ferdinand und Max, die
eine erbliche Weitererstreckung wahrscheinlich machten. Und
hierzu erhielt der Kaiser außer den katholischen Stimmen nur
die Zustimmung des einen kleinen protestantischen Landgrafen
von Darmstadt, deren Lauterkeit begründeten Bedenken unterlag!

Die Protestanten aber im Reiche mußten jetzt endlich
begreifen lernen, daß man revolutionär mit ihnen verfuhr,
daß ihr Jawort zur Übertragung der Kur Selbstmord be—
deutet hätte. So konnten sie nur eine Antwort haben: den
Krieg.
        <pb n="369" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 711
III.

Die protestantischen Stände Mittel- und Norddeutschlands,
auf die jetzt die Aufgabe des Widerstands übergegangen war,
entschlossen sich mit nichten zu dieser Antwort. Nur einer, der
Herzog Wilhelm von Weimar, rüstete. Der niedersächsische
Kreis dagegen, an dem es vor allem gewesen wäre, schlagfertig
aufzutreten, folgte nach kurzen Anläufen zur Energie der kur—
sächsischen Politik, die, anfangs etwas erregt, am Ende doch
in devoter Haltung zum Kaiser verharrte.

So bestand die Kriegsmacht der Protestanten schließlich in
dem kleinen Heer des Weimarer Herzogs und den noch
nicht aufgelösten Truppen Christians von Braunschweig.
Vereint wurden beide am 6. August 1623 bei Stadtlohn von
dem ligistischen Heere unter Tilly geschlagen; Weimar fiel in
die Hände Tillys, Christian rettete sich nach Holland; der
norddeutsche Protestantismus war entwaffnet.

Und schon drohte jetzt die Begleiterin der katholischen
Siege, die Gegenreformation. Wohin das Ligaheer des eifrig⸗
frommen Tilly kam, da wurde der Katholizismus wieder
erweckt oder neu gepflanzt. Vor allem aber griff jetzt der
Kaiser ein. Ihm allein war die Rekatholisierung der nord—
deutschen Bistümer durch Beseitigung der protestantischen
Administratoren auf schnellem Wege möglich; und alsbald
betrat er ihn. In Halberstadt war der Administrator Christian
vertrieben; ihm sollte als katholischer Bischof des Kaisers
Sohn Leopold Wilhelm folgen. Jeder Fortschritt in diesem
Sinne bedeutete aber zugleich die schwerste Schwächung der
politischen Kräfte des Protestantismus und eine neue Erhöhung
der kaiserlichen Gewalt. Verloren die protestantischen Fürsten
die einverleibten geistlichen Länder, so lag eine wirkungsvolle
Ausdehnung der kaiserlichen Macht nach Norddeutschland, eine
Festsetzung des Hauses Habsburg bis zu den Küsten der Nord⸗
und Ostsee nicht außer der Möglichkeit.

Das aber war eine Frage von internationaler Bedeutung.

Lamprecht, Deutsche Geschichte. V. 2. 46
        <pb n="370" />
        712 Sechzehntes Buch. viertes LKapitel.
Und gleichzeitige Vorgänge im Westen und Süden waren ge—
eignet, die Augen der auswärtigen Mächte auch sonst auf die
Thätigkeit des Hauses Habsburg zu lenken.

In Italien waren die spanischen Habsburger gegen das
Veltlin und die Grafschaft Bormio vorgegangen; am
10. Januar 1628 hatte deren bisherige Herrschaft, Graubünden, auf
sie verzichtet. Zugleich zeigte sich von seiten der deutschen Habs⸗
burger Erzherzog Leopold, der Inhaber von Tirol, gesonnen, das
Engadin zu erobern. Beide Maßregeln bedeuteten die Ver—
bindung der deutschen und der spanisch-italienischen Macht
der Habsburger; die Alpenpässe, die ihre Besitzgruppen diesseits
und jenseits der Berge getrennt hatten, waren damit in ihrer
Hand. Und noch mehr! Schon vor seiner Kaiserwahl hatte
Ferdinand das Oberelsaß mit Hagenau an Spanien abgetreten!,
darauf hatten spanische Truppen von dem niederländischen Gebiete
her, das auch Luxemburg umfaßte, im Kampf gegen Friedrich V.
die Pfalz erobert: sah es nicht darnach aus, als ob Spanien
den Lauf des Rheines entlang ein zusammenhängendes Land—
gebiet erwerben, ein neues Lotharingien begründen wolle?

Die Lage war derart, daß sich vor allem Frankreich
bedrängt fühlen mußte. Und in Frankreich herrschte keine
spanienfreundliche Politik mehr; Richelieu war ans Ruder ge—
langt, und er hatte nach kurzem Besinnen die alte Politik
Heinrichs IV. eingeschlagen. Eine internationale Verständigung
gegen Spanien-Osterreich, das war sein Programm. Und
glänzend führte er es durch. Zunächst trat er, schon am
7. Februar 1628, mit Venedig und Savoyen in einen Vertrag
zu Wiederherstellung der bündnerischen Herrschaft im Veltlin
und in Bormio. Dann begann er die Generalstaaten zu
unterstützen, die im Kriege mit Spanien standen. Endlich zog
er England von Spanien ab und knüpfte Verbindungen mit
den deutschen Protestanten an. Diese Maßregeln, nicht eigne
Verdienste haben in diesem Augenblick die norddeutschen Pro—
testanten gerettet.

S. oben. S. 702.
        <pb n="371" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 718
Doch hatten inzwischen auch die Protestanten im Einvernehmen
mit den Generalstaaten und mit England zu rüsten begonnen. Und
da sie sich allein nicht kräftig genug fühlten, so hatten sie
Hilfe gesucht im stkandinavischen Norden, der sich durch die
Vorahnung einer kräftigen Kaiserpolitik der katholischen Habs—
burger in Norddeutschland ebenfalls schon bedrückt sah.

Die nordgermanischen Länder standen von alters her in
den innigsten Kulturbeziehungen zum Reiche; bis tief ins
16. Jahrhundert waren sie fast als ein Teil Deutschlands
erschienenn; von ihm hatten sie das erneute Evangelium
erhalten, und der neuerdings stärker einsetzende holländische
Einfluß wirkte ebenfalls noch in deutsch-protestantischem Sinne.
Von ihnen aber kam jetzt vor allem Dänemark in Betracht.
Es war das Nachbarland des Reiches; sein König war als
Herzog von Holstein sogar Reichsfürst; schleswig-⸗holsteinische
Männer hatten in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts
seine zerborstene Staatsverfassung wieder hergestellt und die
letzten Angriffe der Hansen abgewehrt, so daß es jetzt machtvoll
dastand unter den Ländern des Nordens; und der regierende
Herrscher, Christian IV., war eng verflochten in die Sakulari⸗—
sationspolitik der norddeutschen Protestanten und zudem
Oheim des Winterkönigs. Gründe genug, sich Dänemark an—
zuvertrauen; am 3. April 1625 ward König Christian auf
einem Tage zu Lauenburg zum Führer der deutschen Prote—
stanten gewählt, und bald darauf erschien er mit 16000
Mann im Felde.

Und alsbald ordnete sich die lokale Erhebung des nordisch—
norddeutschen Protestantismus den internationalen Vorgängen
des Westens ein. Am 9. Dezember 1625 kam zwischen Eng—
land, Dänemark und den Generalstaaten ein Vertrag zu stande,
wonach, unter geheimer Subsidienzahlung und unter Einver—
ftändnis Frankreichs, der Dänenkönig gegen den Kaiser zu
Felde ziehen sollte, um Friedrich von der Pfalz in seine Erb⸗
lande zurückzuführen.

S. Band IV S. 488.
        <pb n="372" />
        714 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
So hatten die Erfolge der Liga in Norddeutschland schließ—
lich eine allgemeine Erhebung aller feindlichen Mächte gegen
den Kaiser und das Haus Habsburg zur Folge: Ferdinand
mochte sehen, wie er sich der drohenden Übermacht erwehrte.
Und ihm stand nicht einmal die Kraft der Defensive zur Ver—
fügung! Sollte er sich da nochmals Bayern unterwerfen und
einen erneuten Löwenvertrag mit der Liga schließen?

In dieser ratlosen Not erbot sich ihm ein einfacher Heer—⸗
führer zur Rettung: Wallenstein.

Wallenstein war damals im thatkräftigsten Alter; er näherte
sich den vierziger Jahren. Von protestantischen Eltern ein—
fachen Adels abstammend, früh verwaist, nach dem Willen eines
katholischen Vormunds im Olmützer Jesuitenkolleg erzogen,
hatte er, soweit seine problematische Natur innigeren religiösen
Regungen zugänglich war, schon als Knabe beide Konfessionen
kennen und aus dieser doppelten Kenntnis heraus den konfessionellen
Zug der zeitgenössischen Welt abstreifen gelernt. Selbst die
jesuitischen Exerzitien hatten nichts über seine Verschlossenheit
vermocht; er studierte später auf der protestantischen Universität
Altorf, und er erbaute sich bald den besondern Glauben eines
mystischen Fatalismus. Schon im 15. und 16. Jahrhundert
hatten astrologische Träumereien eine Rolle gespielt; aus
uralter orientalischer Überlieferung emportauchend, waren sie
dem Wissenschaftssinne dieser Zeiten, wie er sich in kindlichen
Anfängen regte, als eine höhere Offenbarung entgegengetreten.
Und nun drangen sie von Menschenalter zu Menschenalter
mehr in die Kreise der Gebildeten vor, bis ihre Kenntnis und
der Enthusiasmus für sie fast als Zeichen vornehmer Bildung
gelten konnten. Wallenstein, schon früh ihr eifriger Zögling,
ward ganz der Ihre, nachdem ihm Kepler im Jahre 1609 aus
den Sternen geweissagt hatte, er sei zu den höchsten Dingen
berufen. Denn wie konnte ihn eine Lehre falsch dünken, die
ihm das Innerste eines vulkanischen Ehrgeizes enthüllte?

Wallenstein war eine der kalt-leidenschaftlichen Naturen,
deren scharfer Verstand die Menschenwelt als Ganzes über—
blickt, und deren Wille sich berufen fühlt, dies Ganze umzu—
        <pb n="373" />
        Union und Liga, dreißigiähriger Krieg, westfälischer Friede. 713
gestalten nach den Zielen, die sich der eigenen Brust entringen.
Als Egoist von großer Anlage sah er dabei in sich instinktiv
den Lenker der deutschen, ja der occidentalen Geschicke; doch ver—
anlaßten ihn Wallungen eines gelegentlichen Idealismus wiederum
zu aufrichtigem Kampfe für die bestehenden höchsten Gewalten.
So stand er auf der Höhe seines Wirkens nicht ohne Wider—
spruch seines Wesens da, und eine Welt höchst eigenartiger
Ideen entrang sich jenem Streite, in dem er mit der Welt und
vor allem mit sich selbst verharrte.

In seinen jüngeren Jahren aber trat die Zwiespaltigkeit
seiner Natur, noch nicht dem Prüfungsfeuer der verantwort⸗
lichsten Stellungen ausgesetzt, minder hervor; und ihre ver—
borgenen Kräfte stählten sich zunächst nur in unablässiger
Thätigkeit des Gewinns und des organisatorischen Schaffens.
Mittel, die er einer Geldheirat verdankte, verdoppelte und ver—
dreifachte er in emsiger Werbung und Einschulung kaiserlicher
Truppen; als dann die Zeit der großen Vermögenskonfis—
kationen des eechisch-protestantischen Hochadels kam, kaufte er,
ein böhmischer Edelmann, mit fkrupellosem Geschick; das Jahr
1625 fand ihn als überreichen Grundherrn und Herzog von
Friedland.

Aber er war nicht bloß der zusammenraffende Millionär,
und Titel und Würden standen unter seinen Zielen. Der
Fürst blieb Oberst zweier Regimenter; er verschüttete nicht die
Quellen seines Reichtums und er erharrte der Ausbeutung seiner
militärischen Gewalt zu politischen Zwecken.

Da kam die Not Ferdinands. Wallenstein erbot sich zur
kostenlosen Aufstellung eines Heeres von 20000 Mann unter
eignem Oberbefehl, doch zur Verfügung des Kaisers. Konnte
Ferdinand ablehnen? Er ergriff die dargebotene Hand um so
mehr, als sich Wallenstein trotz aller ausbedungenen Freiheit
auf ein politisches Programm verpflichtete, das der kaiser—
lichen Politik gar nicht, der katholischen anscheinend wenig zu—
wider war. Gewiß durfte Wallenstein in sein Heer Protestanten
wie Katholiken aufnehmen, und allerdings ward festgesetzt, daß
er dem augsburgischen Bekenntnis keinen Eintrag thun solle.
        <pb n="374" />
        716 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Aber daneben ward doch auch ausbedungen, daß er den Pro—
testanten den Vorwand der Religion möglichst benehmen werde,
mit dem sie bisher gegen Kaiser und Reich vorgegangen seien;
und klar lag besonders allen Bestimmungen der Heerführung
die Anschauung zu Grunde, daß die Wiederherstellung der
kaiserlichen Autorität über alle Reichsfürsten, gleichviel welchen
Bekenntnisses, oberstes Ziel sei.

Im Mai 16285 begann Wallenstein zu werben; in wenigen
Monaten hatte er ein Heer von etwa 30000 Mann beisammen.
Und wie organisierte und wie erhielt er es! Er hatte sich die
Ernennung der Offiziere aller Grade mit Ausnahme der Generäle
persönlich vorbehalten; sein Adlerauge erschaute jedes Verdienst;
seine harte Hand strafte jeden Verstoß; musterhaft nach den
Begriffen der Zeitgenossen war die Heereszucht. Und mit
weisem Vorbedacht schonte sein Führer zugleich die Hilfs—
quellen der Länder, von deren Fett es sich zu nähren hatte:
kein Plündern, kein Brandschatzen roher Söldner, statt dessen,
wenigstens der Intention nach, eine Kontribution, deren wenigst
drückende Form in freier Beratung mit den Betroffenen fest—
gesetzt ward.

Aber während Wallenstein warb und sammelte, war der
Krieg in Norddeutschland schon eröffnet worden. Freilich längst
nicht unter der Teilnahme aller Protestanten des Nordens; vor
allem Kursachsen und Kurbrandenburg hielten zurück. So sah
sich König Christian von Dänemark, als er Ende Juli von dem
Heere der Liga unter Tilly angegriffen wurde, im wesent⸗
lichen auf sein Heer und die Truppen Mansfelds und Braun—
schweigs angewiesen. Allein ehe etwas Entscheidendes geschah,
war auch Wallenstein am Platze; am 12. Oktober hatte er eine
Unterredung mit Tilly und besetzte nun, während Tilly die
Länder westlich vom Harze hielt, das Tiefland bis zur Elbe
östlich des Gebirges. Indes wer nun entscheidende Schläge
erwartet hatte, sah sich enttäuscht; zwischen den an Charakter und
Temperament gänzlich verschiedenen Feldherren kam es zu
keinem Einvernehmen; der Herbst 1625 ging in gegenseitigem
Warten verloren.
        <pb n="375" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 717
Von protestantischer Seite wurden inzwischen wichtige Ver—
handlungen eingeleitet, die an die Lage in Ungarn anknüpften.
Dort hatte der Kaiser am 8. Dezember 1625 die Krönung
seines Sohnes Ferdinand durchgesetzt, anscheinend ein großer
Erfolg. Aber eben dieser Schritt machte den alten Feind des
Hauses Habsburg, Gabriel Bethlen, wieder lebendig. Bethlen
warb um die Hilfe der Türken und erklärte sich den General—
staaten zum Kampfe gegen Habsburg bereit, wenn er 40000 Thlr.
monatlicher Subsidien und den Zuzug eines protestantischen
Heeres von 10000 Mann erhielte. Die Möglichkeit, den
Kaiser von der östlichen Flanke aus zu packen, war ge—
geben; die Protestanten nutzten sie aus. So beschloß König
Christian für das Feldzugsjahr 1626 einen dreifachen Angriff.
Im Westen sollten durch die Truppen Weimars die Generalstaaten
gegen Spanien unterstützt werden; im Osten sollte Mansfeld über
Schlesien Bethlen die Hand reichen; der König selbst stand
im Centrum gegen Tilly und Wallenstein bereit.

Aber Wallenstein ahnte die Pläne des Gegners. Er trat
darum dem abziehenden Mansfeld schon an der Dessauer Brücke
am 285. April 1626 entgegen und schlug ihn. Und als Mans—
feld seine zerstreuten Truppen in Brandenburg gesammelt hatte
und dennoch nach Schlesien durchbrach, da folgte ihm Wallen—
stein, übrigens behaglich und ohne Eile; und nicht sein Ver—
dienst eigentlich war es, wenn Mansfeld, in Ungarn glücklich
angelangt, aber von Bethlen verlassen, sein Heer schließlich auf⸗
lösen mußte und eines elenden Todes starb.

Wie ganz anders hatte inzwischen Tilly gehandelt, der
von Wallenstein, wie das ligistische Heer klagte, schnöde ver—
lassene Feldherr! Er hatte den Dänenkönig bei Lutter am
Barenberge, nördlich des Harzes, am 27. August 1626 völlig
geschlagen und den Flüchtigen bis Bremen verfolgt: der Nord—
westen des Reiches lag ihm zu Füßen.

Freilich, lag dies Ergebnis, eine Errungenschaft der Liga,
im Interesse des Kaisers und im Sinne Wallensteins? Eine
Auseinandersetzung Wallensteins mit dem verbindlichen kaiser—
lichen Minister Eggenberg zu Bruck an der Leitha, am 285. No—
        <pb n="376" />
        718 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
vember 1626, eröffnete dem Kaiser, dem die Handlungsweise
Wallensteins schon von mancher Seite verdächtigt worden war,
hierüber die intimen Ansichten seines Feldherrn. Wallenstein
fand, der Kaiser dürfe sich in große militärische Unternehmungen
nicht einlassen, gegen wen es auch immer sei, er habe denn ein
gewaltiges und schlagfertiges Heer in der Hand. Das Heer
müsse auf 70 000 Mann gebracht werden, dann sei es unüber—
windlich; der Kaiser könne es dann in den außerhabsburgischen
Teilen des Reiches einquartieren und mit seiner Hilfe die alte
Herrschergewalt im Reiche, ja die Universalgewalt über West—
europa aufrichten. So zögerte Wallenstein zu schlagen, um
seine Truppen zu vermehren, so kombinierte er militärische und
politische Zwecke, und die politischen Zwecke schienen ihm über⸗
geordnet. Und er kombinierte zu gunsten des Kaisers. Nur
die eine Frage blieb: würde Wallenstein dereinst, nachdem er
all seine Ideale namens des Kaisers verwirklicht hätte, vor dem
Kaiser zurücktreten? Das war die eine bohrende Frage, die
Ferdinand sich immer wieder vorzulegen hatte. Aber einstweilen
beantwortete er sie noch im Sinne Wallensteins; er ließ den
Staatsmann und Feldherrn gewähren.

Im Frühjahr 1627 brach Wallenstein von Neiße auf; half
sorgen, daß in Ungarn friedliche Zustände eintraten; sandte
dem katholischen Polenkönig ein Hilfskorps gegen die Angriffe
Gustav Adolfs von Schweden; säuberte Schlesien von feind⸗
lichen Truppen; warf den Dänenkönig aus Norddeutschland;
ließ sein Land bis tief nach Jutland hinein verwüsten, bis zu
jenem Ottensund hin, der seit den Tagen Kaiser Ottos des
Großen kein deutsches Heer gesehen hatte; schlug den Dänen⸗
könig, als er von Dänemark her noch einmal in Pommern ge⸗
landet war, bei Wolgast aufs Haupt und schloß mit ihm am
22. Mai 1629 zu Lübeck einen Frieden, in dem er jeder Ein—
wirkung auf die Verhälinisse im Reiche entsagen mußte. Schon
vorher, am 26. Januar 1628, war er vom Kaiser zum Herzog
von Mecklenburg gemacht worden; dann hatte er am 21. April
1628 den Titel eines Generals der kaiserlichen Schiffsarmada
zu Meer erhalten, und vor seinem Geiste waren die kühnen
        <pb n="377" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 718
Bilder einer Verbindung der Ost- und Nordsee, sowie der An—
lage eines Kriegshafens im Jahdebusen, dort, wo heute Wilhelms—
haven steht, lockend emporgetaucht.

Was bedeutete dies alles? Wallenstein hatte in seiner
Weise das Programm von Bruck ausgeführt; Norddeutschland
war in der Gewalt nicht so sehr des katholischen Habsburgers,
als des römischen Kaisers. Und schon hatte Wallenstein seine
Pläne höher getrieben. Der kaiserlichen Gewalt im Reiche sollte
die kaiserliche Universalgewalt folgen. Darum mußte das
Dominium maris baltici gewonnen und nach Christian von
Dänemark Gustav Adolf von Schweden besiegt werden. War
das geschehen, so beherrschte der Kaiser, zumal Spanien und
Frankreich mittlerweile in Zwist geraten waren, Länder wie
Meere des Nordens und konnte dann vielleicht der Verwirk—
lichung des höchsten Traumes Wallensteins sich nähern, über
den dieser soeben des Papstes Meinung einholte: der heiligen
Impresa gegen Konstantinopel, des groß organisierten Kampfes
gegen die Türken, die Erbfeinde occidentalen Glaubens und
abendländischer Gesittung.

IV

Wallensteins Pläne waren groß und berückend. Aber
waren sie nicht auch problematisch und rätselhaft, wie die Person
ihres Urhebers? Wurzelten sie nicht, soweit sie völlig auf—
richtig waren, in mittelalterlichen Vorstellungen? Sollte die
Idee eines Universalreiches, wie sie in neueren Zeiten einem
Philipp II., Ludwig XIV. und Napoleon J. vergeblich vorge—
schwebt hat, diesem Kühnsten aller Condottiere Wirklichkeit werden?
Alle jungen Kräfte des 17. Jahrhunderts, der Gegensatz der
Konfessionen, das Selbständigkeitsgefühl der europäischen Staaten,
und nicht zum geringsten die Libertät des deutschen Fürsten—
tums widerstrebten dem.

Die Eifersucht eines Teils der deutschen Fürsten gegen
Wallenstein war schon früh erwacht. Als Wallenstein den Sieg
an der Dessauer Brücke nicht zur Vernichtung des nordischen
        <pb n="378" />
        720 Sechzehntes Buch. Viertes RKapitel.
Protestantismus, sondern zur Stärkung der kaiserlichen Gewalt
gegen Gabriel Bethlen benutzte, da hatte ihn Kurfürst Max von
Bayern zum erstenmal gründlich beim Kaiser verdächtigt.
Und er konnte das, weil in der Seele des Kaisers noch unab⸗
geklärt die Strebungen auf Ausrottung des Protestantismus
und auf Erhöhung der kaiserlichen Gewalt miteinander rangen.

Freilich erzielte Max, auch als er namens aller Fürsten
der Liga im Februar 1627 seine Beschwerden gegen Wallenstein
wiederholte, zunächst noch keinen Erfolg; der Kaiser blieb, wenn
auch unter religiösen Bedenken, noch dem imperialistischen Ideal
seines Feldherrn getreu.

Aber nun gingen die katholischen Fürsten weiter. Traf
die wallensteinische Politik nicht in gleicher Weise auch die
— DD
zur Vertretung ihrer Beschwerden beim Kaiser zu veranlassen.
Im Herbst 1627 trat zu Mühlhausen ein Kurfürstentag zu—
sammen, an dem auch Sachsen und Brandenburg teilnahmen;
er überreichte dem Kaiser eine heftige Klagschrift gegen Wallen—
stein, in der, unter leidlicher Verhüllung der eigentlichen Be—
schwerdepunkte, beweglich von den furchtbaren Kriegsdrang-
salierungen der kaiserlichen Truppen geredet ward.

Der ziemlich einzige Erfolg des Schrittes war, daß die
bestehenden Gegensätze deutlicher hervortraten. Wallenstein sprach
jetzt in Stunden des Unmuts, die ihn zu maßloser Offenheit
hinzureißen pflegten, davon, er werde die Kurfürsten Mores
lehren; das Reich müsse eine Erbmonarchie werden; und einer
seiner Vertrauten konnte äußern, im Reiche würden die Schäden
nicht aufhören, ehe nicht einmal einem Kurfürsten der Kopf
vor die Füße gelegt sei. Die Kurfürsten beider Bekenntnisse aber,
so in ihren Rechten, ja scheinbar in ihrem Dasein angegriffen,
redeten von einem Defensionswerk, wenn nicht gar von einem
Kampfe gegen den Generalissimus; und als der Kaiser die Be—
förderung seines Sohnes Ferdinand zum römischen Könige ein—
leitete, machten sie dessen Wahl von der Erledigung ihrer
Beschwerden gegen Wallenstein abhängig.

Da wich der Kaiser, niemals völlig den Ansichten Wallen—
        <pb n="379" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 72)]
steins gewonnen, um einen Schritt zurück: er habe nie im—
perialistisch- revolutionäre Gedanken gegenüber den Fürsten ge—
habt. Allein indem er dies that, ward er naturgemäß auf den
katholischen Gedanken reduziert; und so fiel er, indem er das
Kurfürstenkolleg als Ganzes beruhigte, den katholischen
Fürsten in die Hände. In diesem Zusammenhange nun,
gedrängt von dem pädpstlichen Nuntius und der extrem
katholischen Partei am Wiener Hofe, unternahm der Kaiser einen
Schritt, der alle bisher errungenen Erfolge der Liga wie Wallen⸗
steins ausschließlich zum Vorteil des Katholizismus ausnutzte.

Am 6. März 1629 erschien ein kaiserliches Edikt, das die
Restitution alles geistlichen Besitzes aussprach, den die Pro—
testanten seit dem Passauer Vertrage erworben hatten; es war
der Entscheid aller wichtigen Streitpunkte seit dem Augsburger
Religionsfrieden zu gunsten der Katholiken. Wäre das Edikt
durchgeführt worden, so wären die Calvinisten vogelfrei ge—
wesen, auch die lutherischen Gläubigen katholischer Territorien
wären der Willkür ihrer Landesherren anheimgegeben gewesen,
und die Protestanten hätten den Katholiken neben einer unge—
zählten Menge von Klöstern und Stiftern zwei Erzbistümer und
zwölf Bistümer zurückgeben müssen, deren Bevölkerung inzwischen
größtenteils evangelisch geworden war.

Es war ein Schritt, der Wallensteins ganze Politik über
den Haufen warf; so konnte dieser ihn nicht anerkennen: er
hat den Hansestädten versichert, das Edikt könne gewißlich nicht
bestehen bleiben; er mißbilligte es offen, und er ignorierte
es so gut wie ganz, wo er das militärische Kommando besaß.

Damit hatten die katholischen Fürsten in den Bestimmungen
des nun einmal erlassenen Edikts den Hebel gefunden, um
Wallensteins Macht aus den Angeln zu werfen. Und bald
wurden sie in ihren Bestrebungen durch die internationale Lage
unterstützt. Wie hatte Richelieu in seinem immer ausge—
sprocheneren Gegensatz gegen die Habsburger längst daran ge⸗
arbeitet, diese des einzigen Feldherrn zu berauben, den sie be—
saßen! Und die Kurie, in Sachen des Restitutionsedikts an
sich der Meinung der deutschen Katholiken, dazu aus Gründen
        <pb n="380" />
        722 Sechzehntes Buch. Viertes Napitel.
italienischer Politik einer militärischen Schwächung sterreichs
in diesem Augenblicke geneigt, hatte aufs kräftigste nachge—
holfen.

So konnten die katholischen Kurfürsten schon vier Tage
nach Erlaß des Restitutionsedikts zu gefährlicherem Angriff gegen
den kaiserlichen Oberkommandierenden vorgehen: ohne seine Ent⸗
lassung keine Königswahl Ferdinands. Dann traten sie, unter—
stützt durch den französischen Gesandten und nun auch durch
die protestantischen Kurfürsten, die über dem Schmerz, ihre
Länder von Wallenstein ausgesaugt zu sehen, alle höheren
Gesichtspunkte verloren, auf einem Tage zu Regensburg im
Sommer 1630 noch energischer auf; sie forderten Einsicht in
die Absetzungsakten der mecklenburgischen Herzogsfamilie und
bedrängten den Kaiser mit der Absicht, seine Regierung von
nun ab eingehender zu beaufsichtigen. Ja als der Kaiser auch
jetzt noch zögerte, Wallenstein zu verlassen, entlud sich der Haß
der katholischen Kurfürsten in der Drohung, unter Dran—
gabe des Restitutionsedikts für die protestantischen Kurfürsten
einen allgemeinen Bund aller Reichsstände gegen den Kaiser zu
stande zu bringen.

Da endlich, noch dazu vorwärts gestoßen von seinem
Beichtvater, gab der Kaiser Wallenstein auf, am 12. August
1630. Wallenstein seinerseits empfing die in den ehrenvollsten
Ausdrücken gegebene Entlassung äußerlich gefaßt; er zog sich
in die Mitte seiner böhmischen Besitzungen zurück, um in Gitschin
mit mehr fast als königlicher Pracht zu residieren.

Inzwischen aber, erweckt durch Wallensteins imperialistische
Pläne, gereizt durch den Ruin, der dem deutschen Protestantismus
von der neuesten kaiserlichen Politik drohte, war schon von
Norden her der Held auf dem Wege, der beide, Imperialismus
wie Gegenreformation, in dem geplanten Umfange für immer
unmöglich gemacht hat. Am 26. Juni 16380 warfen die ersten
Schiffe Gustav Adolfs an der pommerschen Küste Anker.

Gustav Adolf war am 19. November 1594 geboren; im
Jahre 1611 hat er den schwedischen Thron bestiegen. Zu dieser
Zeit war, nach einem letzten vergeblichen Ringen der Hanse,
        <pb n="381" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 728
Dänemark unter König Christian III. noch durchaus die herrschende
nordische Macht; zu ihm gehörte Norwegen, soweit es schon
nach Norden zu kolonisiert war, zu ihm sel und Gotland
wie der Bereich der drei südlichsten Provinzen des heutigen
Schwedens, Schonens, Hallands und Blekings. Schweden, so
ganz in den Norden zurückgedrängt, erreichte nur in dem engen
Gebiete zwischen den Wäldern Smalands und den Geländen
der Dal-Elf das Meer; nur um ein paar hundert Geviert—
meilen größer, als der heutige reichsdeutsche Süden, zählte es
selbst mit seinem Zubehör Finland und Estland schwerlich mehr
als eine Million Einwohner.

Aber was hatte der junge König in den ersten zwei Jahr—
zehnten seiner Regierung aus diesem Staate gemacht! Den
mächtigen Adel hatte er den Versuchen immer wiederholter
Widersetzlichkeit entrissen, indem er ihn großen Aufgaben mili—
tärischen Charakters zuführte; und desselben Weges hatte er
das stolze Bauerntum gewiesen, das, kriegsgewohnt gegenüber
den häufigen Einfällen der Dänen, noch in der altgermanischen
pflicht kampflichen Dienstes im Lande saß. Und wie hatte er
auf diesem Wege Altes mit Neuem verbunden! Diese armen
Bauern, die nicht bloß in Zeiten der Not mit Baumrinden
untermischtes Brot aßen, hatte er uniformiert, kräftig genährt,
mit Musketen bewaffnet: in beweglichen Kolonnen, alten
Kriegsgeistes voll, doch unter moderner Disziplin, stürzten sie
sich auf den in der ungeschickten Tiefstellung der mitteleuro—
päischen Heere aufgestellten Feind. Und sie siegten unter der
Führung der hochgemuten Enkel einstiger Wikingskönige, der
Lagerquist und Erenrot, der Ornflycht und Wrangel.

Diese veränderte Lebensstellung des Volkes aber, des heute
noch am unvermischtesten erhaltenen Zweigs aller Germanen, wies
nach außen. Und hierhin noch mehr fast wies die Persönlichkeit
des Königs. Gewiß fanden die Zeitgenossen, daß Gustav
Adolf in prudentia eivili nicht seinesgleichen hatte; doch noch
um vieles mehr übertraf er ihres Dafürhaltens alle principes
sui saeculi in scientia militari. In der That, ein Kriegs—
held und im Rahmen dieses Berufes ein großer, einfacher
        <pb n="382" />
        724 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Charakter voller Leben und Leidenschaft, das war Gustav Adolf.
Leuchtend und sonnenhaft, ein blonder Riese, trat er daher;
mit feinster Bildung und majestätischer Sprachgewalt ver—
einigten sich in ihm die altgermanischen Tugenden sieghaften
Mutes, offener Herzlichkeit, ritterlichen Hochsinns und warm
liebender Treue. So war er ein schlimmer Gegner und dennoch
von seinen Gegnern persönlich geachtet, ein glaubensinniger und
glaubensstarker Mann und dennoch tolerant — vor allem aber
ein vorsichtiger Heerführer und zugleich ein todverachtender
Krieger, und im Hochgefühl dieses Wesens durchglüht vom
Drang nach Kampf, Siegsgeschrei und Nachruhm.

Der erste Gegner des Königs war Dänemark, die Vor—
macht der Ostsee. Kühn stürzte sich Gustav Adolf auf die weit
üherlegene Macht; der Friede zu Knäröd (1613) brachte zwar
keineswegs schon die Befreiung von ihr, verpflanzte aber dennoch
die blaugoldnen Fahnen nach Calmar, Hland und einigen an—
deren Punkten der schwedischen Küste. Neben dem Kampfe
gegen Dänemark aber mußte für Schweden vor allem, sollte
seine Hegemonie in der Ostsee dauernd gesichert sein, die Er—
oberung der Küsten des finnischen Meerbusens in Betracht
kommen. In hartem Kampfe mit dem damals durch innere
Wirren zerrissenen Rußland wurde sie erreicht; im Frieden von
Stolbowa (1617) fielen die altumstrittenen finnisch-russischen
Grenzgebiete am Ladoga und an der Newa sowie Ingermanland
unter die Herrschaft Gustav Adolfs. Indem aber so die schwe—
dische Obmacht sich an den nordischen Küsten des Ost- wie des
Westbeckens der Ostsee zu entfalten begann, trat sie gleichsam
in voller Front den Ansprüchen Polens, der Hauptmacht der
Südküsten, entgegen. Und hier verquickte sich nun der maritime
Gegensatz mit einem konfessionellen, ja einem dynastischen.

Die Polen hatten nach dem Tode Stephan Bathorys den
schwedischen Prinzen Sigismund zum König gewählt. Sigis—
mund war katholisch und der zur Nachfolge auch in Schweden
nächstberechtigte Sohn König Johanns III. von Schweden,
des zweiten Vorgängers von Gustav Adolf. So hätte eigentlich
er nach seines Vaters Tode zur Nachfolge auch in Schweden
        <pb n="383" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 725
zgelangen müssen. Allein wie wäre das möglich gewesen für
einen Fürsten verhaßten Glaubens und für den Herrscher der
Macht, die den nordöstlichen Eckpfeiler des katholischen Systems
in Europa bildete? Eben im Gegensatz zu ihm und seinem
volnischen Königtum entwickelte der schwedische Protestantismus
erst recht seinen Kampfescharakter; und unter Verwerfung seiner
Erbrechte gelangte Karl IX., Gustav Adolfs Vater, zur Herr—⸗
schaft. Natürlich genug, daß Sigismund auch nach der Thron—
besteigung Gustav Adolfs seine Ansprüche auf Schweden nicht
aufgab, um so weniger, je aggressiver auch sonst sich die Politik
des jungen Königs gestaltete. Und so kam es zwischen Polen
und Schweden aus den verschiedensten Gründen bald zur
Feindschaft.

Und mehr. Als Gustav Adolf mit Polen in Kampf
zeriet und das siegesgewohnte Heer des weißen Adlers nach mehr
als zweihundertjährigen Erfolgen in unerwartet raschem Zuge
zu Paaren trieb, da bekam er alsbald den besonders engen
Zusammenhang Polens mit dem Hause Habsburg zu fühlen.
Er war althergebracht aus den gemeinsamen Kriegen gegen die
Türken; er war sichtbar verkörpert in der Verschwägerung
König Sigmunds und Kaiser Ferdinands; er fand seinen
Ausdruck in einem Hilfskorps von 10000 Mann, das der
kaiserliche Generalissimus Wallenstein den Polen zum Kampfe
zegen den Schwedenkönig zusandte. Und er begrenzte sich nicht
auf den deutschen Zweig der Casa d'Austria. Alsbald nach
dem Frieden von Lübeck, der die Ostsee deutsch-habsburgischem
Einflusse zu öffnen schien, war Spanien von neuem gegen die
Generalstaaten, die letzte protestantische Macht des deutschen
Westens, vorgegangen; jetzt suchte es gegenüber dem deutschen
protestantisch-holländischen Ostseehandel mit Polen anzuknüpfen;
Polen sollte die Endstation gleichsam seines Einflusses zu Meer
werden; so berührten sich die entlegensten Reiche des damaligen
Europas, das des Mauriskenherrschers und des Nordlandskönigs,
in den allgemeinen Gegensätzen.

Und wie verquickten sich diese Dinge erst, als Wallenstein
1 S. oben S. 676-77.
        <pb n="384" />
        726 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
an der Ostsee endgültig Fuß gefaßt zu haben schien. Jetzt
war kein Zweifel mehr: die vom Hause Habsburg, dem kaiser⸗
lichen und dem katholischen, drohende Gefahr war für Gustav
Adolf größer, als die polnische: die baltische Obmacht, der
schwedische Protestantismus mußten auf deutschen Schlacht⸗
feldern errungen und verteidigt werden. Und trieb nicht ebendahin
das Mitgefühl für die Leiden der deutschen Glaubensgenossen?
Schon im Jahre 1615 hatte Gustav Adolf in den Kirchen
seines Landes Gott anrufen lassen um den Sieg der deutsch—
protestantischen Waffen; er hatte der protestantisch-deutschen
Union ein Bündnis angeboten; und er mochte ahnen, daß ein
Volk, wie das seine, das eine nationale Kunst erst seit dem
vorigen Jahrhundert entwickelt hat, im Grunde nur den Teil—
— D00
Vettern.

So bedachte er sich nicht, schon gegen Wallenstein
vorzugehen; für die erfolglose Belagerung Stralsunds im
Jahre 1628, die Wallenstein unter steter Abweisung jeden
hansischen Einspruchs begonnen hatte, ist schließlich schwedische
Unterstützung mit von ausschlaggebender Wirkung gewesen.

Aber ließ sich für Schweden ein polnischer und ein deutscher
Krieg zugleich führen? Gewiß konnte Gustav Adolf aus dem
eroberten Preußen, das der junge Axel Oxenstierna, der
spätere Reichskanzler, ausgezeichnet verwaltete, manche Geld—
summe, viel Proviant und auch Menschenmaterial ziehen. Im
ganzen aber überwogen doch die Schwierigkeiten eines doppelten
Krieges; Gustav Adolf begriff es und noch mehr seine ferner
stehenden und darum klarer sehenden Freunde. Zu diesen gehörte vor
allem Richelieu. Welche unvergleichliche Figur, dieser Schweden⸗
könig, auf dem Schachbrett der französischen, Habsburg feind—
lichen Politik! Wie konnte er, war er machtvoll und hand—
lungsfrei, von ungeahntem Winkel her zu einem „Schach dem
Kaiser“ herbeigezogen werden! So war es ein Meisterstück der
franzöfischen Politik, als sie im September 1629 einen sechs⸗
jährigen, Schweden günstigen Waffenstillstand zwischen Polen
und Schweden vermittelte.
        <pb n="385" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 727
Am 26. Mai 1630 landete Gustav Adolf mit seinen ersten
Heerscharen in Usedom.

In Deutschland hatten viele nach ihm ausgesehen, gerufen
hatte ihn niemand. Mühselig, in Zügen und Kämpfen
kleinsten Umfangs und höchster Meisterschaft mußte er sich
gegen den Widerwillen des Herzogs Bogislaw von Pommern,
des Letzten seines Geschlechtes, Bahn brechen. Aber Ende des
Jahres 1630 saß er fest im Lande: die Grundlage künftiger
Siege war gewonnen.

Während er vom dunklen Drang seines Genies über die
Wasser geführt ward, hatte man in Wien über ihn mit billiger
Gutmütigkeit gewitzelt. Jetzt stand seine Macht wie Nordlicht—
schein drohend am Himmel; dunkle Prophezeiungen von einem
Löwen aus Mitternacht, der kommen werde, den Stand des
Reiches von Grund aus zu ändern, liefen von Lippe zu Lippe;
und ein schwedischer Sieg über die kaiserlichen Truppen des
Nordens bei Greifenhagen am Weihnachstage des Jahres 1630
erhellte mit jähem Strahl die bedrohte Lage des Kaisers und
des Katholizismus.

Inzwischen begannen die Herzen des protestantischen Volkes
dem kühnen Schwedenhelden entgegen zu schlagen. Siegesrasch
sollte er vordringen, jubelnd werde das evangelische Deutschland
ihm zu Füßen fallen.

Dies unblutige Vorwärts wurde von den protestantischen
Fürsten verhindert. Was half es, schlossen sich dem Könige
einige begeisterungsfähige Kleinfürsten an, vor allem der
—
von Hessen? Die für Gustav Adolf wichtigsten Fürsten
der unmittelbaren Nachbarschaft versagten. Der Branden—
burger Georg Wilhelm war eine indolente Natur, zudem der
Hauptsache nach in der Hand seines katholischen Ministers
Schwarzenberg. Johann Georg von Sachsen aber war
schlimmer; selbst für seine Zeit in auffallendem Maße dem
Trunke ergeben, machte er bei kleinen Anlagen große Ansprüche;
Anerkennung eines Dritten, nun gar Unterordnung unter ihn
waren Forderungen, die ihm in der Tiefe unüberwindlichen

Lamprecht, Deutsche Geschichte V. 2 *
        <pb n="386" />
        728 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Mißtrauens verloren gingen. Keiner dieser Kurfürsten daher,
kein größerer Fürst des Nordens überhaupt schloß sich dem
Schweden an; er war der fremde Eindringling mit fremden
Zielen.

So hätte man wenigstens dem großen Kampfe zwischen
dem kaiserlichen Aar und dem schwedischen Zaunkönig gerüstet
zusehen sollen. Diese Notwendigkeit leuchtete Johann Georg
auch ein; auf einem Konvent zu Leipzig, seit Ende Februar
1631, suchte er die protestantischen Fürsten zu bewaffneter
Neutralität um sich zu sammeln. Indes nach langem Hin und
Her kam es nur zu kläglichen Entschlüssen.

Während die Fürsten zurückhielten, folgten die Städte
weit mehr dem nationalen Empfinden: noch waren sie die Ver—
treterinnen aller Blüte deutscher Bildung und deutscher
Gesittung. Freilich hatten sie in Norddeutschland von jeher
nicht so viel zu besagen, wie im Süden. Aber doch schloß sich
hier Magdeburg dem Schwedenkönig an und empfing schon im
Oktober 1630 in dem Marschall Dietrich von Falkenberg einen
schwedischen Kommandanten: ein weit vorgestrecktes Außenwerk
augenblicklichen schwedischen Besitzes, ein Stützpunkt künftiger
Eroberungen schaute es nach Westen.

Vor allem aber waren die deutschen Städte, schon vielfach
ausgesaugt, zudem längst in wirtschaftlichem Verfalle be—
griffen, nicht in der Lage, den Schwedenkönig mit dem zu
unterstützen, dessen er am meisten bedurfte und das sein Land
ihm am wenigsten liefern konnte: mit Geld.

Da griff wiederum Frankreich ein. Nach längeren Ver—
handlungen kam es zwischen Richelieu und Gustav Adolf im
Januar 1631 zu dem Vertrage von Bärwalde, in dem sich
Frankreich gegenüber Schweden auf fünf Jahre zur Zahlung
von je 400 000 Thalern jährlicher Subsidien verpflichtete, falls
Gustav Adolf den Kaiser fürderhin angreife. Damit waren
Ziel und Mittel des Krieges klar gegeben, und klar ging
Gustav Adolf nunmehr vor.

Er sicherte sich Pommern und Mecklenburg in jedem
Sinne, wohl im Hinblick schon auf dauernden Besitz; er drang
        <pb n="387" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 729
in Brandenburg ein und stürmte Frankfurt a. O.; er zwang
den Kurfürsten, ihm Spandau und Küstrin einzuräumen. Es
waren an sich starke Fortschritte. Aber wie wurden sie durch
die Unentschlossenheit Kurbrandenburgs aufgehalten! Und
inzwischen geschah ein Furchtbares. Magdeburg fiel in die
Hände seiner Belagerer, Tillyh und Pappenheim; und der
mörderische Kampf in seinen Straßen endete in einem Flammen—
meer, dem nur einige elende Fischerhütten und die hehrsten
Zeugen der kirchlichen Vergangenheit der Stadt, Dom und
Liebfrauenkirche, entgingen (20. Mai 1631). Ganz Deutsch—
land wurde durch das anscheinend selbstgewählte Schicksal der
Märtyrerstadt in Schmerz und Frohlocken bis aufs Innerste
bewegt; die Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen aber
degriffen noch immer nicht, daß es sich entscheiden hieß.

Da wartete Gustav Adolf nicht länger. Er zog gegen
Berlin und drängte Georg Wilhelm durch ein Ultimatum zum
Anschluß. Dem folgte auch Sachsen. Befürchtungen Johann
Georgs, daß der Kaiser ihm die säkularisierten Bistümer
Meißen, Merseburg und Naumburg nehmen könne, führten es
rascher, als zu erwarten, ins schwedische Lager.

Und nun rückte Gustav Adolf vor, über Brandenburg
nach Sachsen; Mitte September lagerte das schwedische Heer,
mit den sächsischen Truppen vereinigt, in der Stärke von
46 000 Mann bei Düben, nordöstlich von Leipzig. Nach
Leipzig aber hatte sich inzwischen das kaiserlich-ligistische Heer
unter Tilly von Magdeburg her gezogen, um die reiche Stadt
den Abfall ihres Kurfürsten büßen zu lassen. Aber nur kurze
Zeit konnte es hier weilen; die Schweden rückten an, es galt
eine Entscheidungsschlacht vor den Thoren der Stadt. Am
17. September ward sie zwischen Leipzig und Breitenfeld
geschlagen und endete, dank der mobileren Taktik Gustav
Adolfs, mit dem vollsten Siege der Protestanten; nur mühsam
cetteten sich die Trümmer des kaiserlichen Heeres, und das
deutsche Land lag dem Einmarsch des Siegers offen.

Gustav Adolf aber, unbekannt noch mit der Größe seines
Erfolges, in halber Scheu vor vielleicht noch unverbrauchten

17*
        <pb n="388" />
        730 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Truppen der Liga, rückte nur langsam in das mittlere Deutsch—
land ein. Nach einer Konferenz mit Johann Georg zu Halle,
die dem sächsischen Heere Schlesien als Operationsfeld zuwies,
zog er über Erfurt und den Thüringerwald hinab in die
reichen Bistuͤmer des Mains, nahm Würzburg, ließ sich von
den Ständen des fränkischen Kreises vorläufig als Landesherr
huldigen und bezog im Dezember Winterquartiere in Mainz.
Es waren fast märchenhafte Ereignisse: die Kinder des
Nordens labten sich an den edlen Feuerweinen des Rhein—
gaus; in der Residenz des katholischen Primas Germaniae
hielt der protestantische Schneekönig kaiserlich Hof, und prunkend
zog bei ihm der Besiegte des Weißen Berges ein, seine Rück—
kehr in die Pfälzer Erblande zu erhoffen.

Aber Gustav Adolf war nicht willens, träge auf Lorbeeren
zu ruhen. Nach erfolglosen Friedensverhandlungen mit der
Liga zog er mit dem ersten Lenze des Jahres 1682 wieder ins
Feld. Und eben der Liga, Bayern vor allem galt es. Mitte
März brach der König von Höchst auf; unter tausend Jubel—
rufen hielt er am 31. März seinen Einzug in Nürnberg; dann
schlug er am Zusammenfluß von Donau und Lech den greisen
Tilly, Bayerns letzte Zuflucht; und während Tilly, tödlich
verwundet, in Ingolstadt dem Tode entgegenkrankte, drang
er nach Augsburg und von dort Mitte Mai siegreich, doch
mild nach der bayrischen Hauptstadt. Wehrlos gemacht, zer—
sprengt war die Liga; es konnte sich nur noch um den Kaiser
handeln.

Aber auch der Kaiser war längst schon eigner Not ver—
fallen. Während Gustav Adolf nach Westen gezogen war,
hatte sich das sächsische Heer unter dem tüchtigen und zuver—
lässigen Marschall von Arnim nach Schlesien in Bewegung
gesetzt; darnach war es in Böhmen eingerückt und stand seit
dem 15. November 1531 in Prag. In Wien mußte man vor
dem gleichzeitigen Eindringen feindlicher Scharen von Böhmen
und Bayern her zittern.

In dieser Not, und früher schon, ehe sie allbewältigend
eintrat, hatte der Kaiser seine Zuflucht zu dem Verlassenen von
        <pb n="389" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 7381
Gitschin genommen. Niemals war der Verkehr mit ihm ganz
abgebrochen worden, niemals eine völlige Entfremdung einge—
treten. Gleichwohl war Wallenstein in seinem Selbstgefühl zu
tief gekränkt, um sich alsbald von neuem zur Verfügung zu
stellen. Hatte er doch, ein freier, in seiner Bewegung unbe—
schränkter Fürst, beinahe unmittelbar nach der schwedischen
Landung Gustav Adolf seine Dienste angeboten; und auch als
sich für deren Verwendung Schwierigkeiten ergaben, hatte er
seine Verbindungen mit den Schweden nicht völlig wieder
gelöst. Da rief ihn der Kaiser. Sollte er folgen? Er
bequemte sich schließlich, wenigstens den Frieden mit den
Sachsen vermitteln zu wollen; sein erster Schritt erneuten
Eingreifens war diplomatischer Art. Er hielt es für möglich,
die großen protestantischen Fürsten dem Kaiser wieder zu
nähern; dann werde man die auswärtigen Feinde, Schweden
und Frankreich, verjagen können, und darnach schien ihm Raum
für die Pläne seines ersten Generalates.

Von diesen Anschauungen erfüllt, verhandelte er am
30. November 1631 zu Kaunitz mit Arnim. Allein vergebens.
Darauf erst, nachdem ihm die diplomatische Lösung der deutschen
Geschicke in seinem Sinne mißlungen war, fand er sich bereit,
die kriegerische zu versuchen. Im Dezember 1631 verpflichtete
er sich, innerhalb eines Vierteljahrs ein Heer von 40000
Mann für den Kaiser zu rüsten. Und das Unglaubliche ward
Ereignis. Im April 1632 stellte Wallenstein das Heer dem
Kaiser.

Wer anders aber vermochte es zu führen, als er? Sein
Name hatte es geschaffen; sein Wort nur war es zu regieren
mächtig. Aber der Herzog wollte die neue Stellung, die sein
Stern ihm zuwies, nicht wieder an die Möglichkeiten gekettet sehn,
die zu dem Sturze von Regensburg geführt hatten. Als
Souverän gleichsam seines Heeres, in den freiesten Formen des
Vertrags nur wollte er sich dem Kaiser unterordnen. Und
sein Wille ward ihm und damit sein Verhängnis.

Selbstverständlich, daß seine Abmachungen mit dem Kaiser,
deren authentische Form wir leider nicht besitzen, ihm mit dem
        <pb n="390" />
        732 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Herzogtum Mecklenburg oder einem anderen Lande zu dessen
Ersatz die alte reichsfürstliche Stellung gewährleisteten. Daneben
ward ihm anscheinend ein genereller Auftrag für alle diplo—
matischen Verhandlungen, wahrscheinlich auf der Grundlage der
Aufhebung des Restitutionsedikts; und auf militärischem
Gebiete wurde er zum thatsächlichen Generalissimus, zum alleinigen
Befehlshaber aller kaiserlichen Truppen ernannt. Ja darüber
hinaus konnten unterrichtete Kreise glauben, daß ihm der
Kaiser die Erhebung der Steuern in den habsburgischen Erb—
landen bewilligt, sowie Aussichten auf ein Kurfürstentum, etwa
Brandenburg, eröffnet habe, und daß nach den Bestimmungen
des Vertrags alle katholischen Heere, auch die einzelner Reichs⸗
fürsten, unter sein Kommando zu treten verpflichtet seien.

War das eine Höhe der Macht, deren ungestörter Besitz
selbst unter einem geistig so unselbständigen Herrscher wie
Ferdinand II. mit den Anforderungen monarchischen Regimentes
vereinbar schien?

Allein wer fragte jetzt nach den unheimlichen Bedingungen
des Retters aus der Not? Und als Nothelfer erwies sich der
Herzog. Er säuberte Böhmen von den Sachsen. Er zog,
freilich trotz aller Hilferufe der Liga in eigenmächtigster Lang—
samkeit, über Eger nach der Oberpfalz, um Gustav Adolf vom
Norden abzuschneiden. Er legte sich, als der Schwedenkönig
von Süden her erschien, ihm gegenüber vor Nürnberg in feste
Stellung, Tage, Wochen, Monate lang, um ihn auszuhungern,
bis der König sich in tollkühnem Angriff an den festen Ver—
teidigungslinien den Kopf einrannte und zum erstenmale,
ohne seinen Feind geschlagen zu haben, abzog (8. Sep—
tember 1632).

Nun plante Gustav Adolf eine Diversion nach Ästerreich.
Aber Wallensteins Heer wälzte sich, ohne darauf Rücksicht zu
nehmen, nach Norden. Bald zeigte sich: es galt dem zweifel—
haften Bundesgenossen Gustav Adolfs, der die Thore zum
schwedischen Norden hütete, dem Kurfürsten von Sachsen.
In Sachsen, auf den kampfreichen Gefilden Leipzigs, sammelten
sich die kaiserlichen Scharen und die norddeutsch-ligistischen
        <pb n="391" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 738
Truppen Pappenheims; der Abfall Johann Georgs lag im
Bereiche des Möglichen.

Gustav Adolf konnte die Lage nicht mißverstehen: er, der
leitende Geist bisher in allem strategischen Hin und Her der
mitteleuropäischen Heere, sah sich genötigt, den Spuren eines
anderen zu folgen; am 14. Oktober brach er nach Norden auf.
Und nun, am 16. November 1632, trafen sich die Heere der
furchtbarsten Helden dieses furchtbaren Krieges bei Lützen. Was
half es, daß die Schweden nach dem erbittertsten Kampfe die
Walstatt behaupteten? Ihr großer König war gefallen;
trauernd senkten sich die blaugoldnen Fahnen — „Verzage nicht,
du Häuflein klein“ sang man in Thränen, denn die Zukunft
des Krieges hieß Wallenstein.

V.

Nach dem Tode Gustav Adolfs erwartete alle Welt eine
tarke Anderung der politischen und militärischen Lage. War
es möglich, daß die einzigartige Rolle des königlichen Gefallenen
auch nur auf diplomatischem Gebiete fortgespielt wurde? Der
König hatte kurz vor seinem Ende, in Vorahnung unbestimmten
Unheils, seinen Kanzler Oxenstierna zum Vollstrecker seines
Willens ernannt, und in der That übernahm Oxenstierna die
Leitung der deutschen Angelegenheiten, während in Schweden
zur Stellvertretung Christinens, der unmündigen Tochter
Gustav Adolfs, eine Regentschaft eingesetzt wurde.

Schon diese Anordnungen verhinderten, daß die schwedische
Politik in Deutschland noch weiter mit dem bisherigen Nach—
druck auftreten konnte, trotz aller Klarsicht und Geschicklichkeit
des schwedischen Kanzlers. Murrend hatten sich bisher weitere Kreise
der deutschen Fürstenwelt gefügt; es war vorauszusehen, daß
sie jetzt Selbständigkeit suchen würden. Mit Befremden, schließ—
lich mit geheimer Furcht hatte Richelieu den unerhörten Sieges—
marsch des Königs zum Rhein und zur Donau verfolgt; das
war mehr als Frankreich gewünscht hatte: würde er nicht die
dem französischen Herrscherhause gebührende Beute einiger
        <pb n="392" />
        734 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
rheinischen Länder ins Ungewisse stellen? Jetzt moderten die
Gebeine des Königs, und die Stunde war da, das Übergewicht
der Goten in Deutschland zu brechen.

Als Oxenstierna den deutschen Protestanten vorschlug, sich
unter schwedischer Kriegsleitung zu einigen, fand er überall
Bedenken. Mit den oberdeutschen Protestanten brachte er gleich—
wohl schließlich den Vertrag von Heilbronn (März 1638) zu
stande, der Schweden die militärische Fuhrung überließ, wenn
auch unter Beigabe eines Bundesrates, in dem neben sieben
deutschen Mitgliedern nur drei schwedische saßen. Aber
schwieriger gestalteten sich die Verhandlungen mit Kursachsen
und dem Kursachsen im wesentlichen folgenden Brandenburg.
Eifersüchtig wünschte Johann Georg auf alle Fälle seine
Truppen selbständig zu behalten; das Äußerste, wofür man
bei ihm auf Entgegenkommen zu rechnen hatte, war die Bildung
eines zweiten, sächsisch-mitteldeutschen Kriegstheaters, auf
dem man mit dem schwedischen Centrum im deutschen Süden
und Südwesten parallel zu wirken habe.

Unter diesen Umständen mußte die kaiserliche Politik auf
den nun schon so oft versuchten Gedanken zurückkommen, durch
einen einseitigen Frieden mit Sachsen (und Brandenburg) die
Operationsbasis der Schweden zu untergraben. In dieser
Richtung kam es im März 1633 zu Leitmeritz zwischen dem
Kaiser und Kursachsen zu Verhandlungen, von deren Abschluß
im kommenden Sommer die Herstellung des Friedens erwartet
wurde.

Die Frage dabei war nur, wie sich Wallenstein zu diesen
Verhandlungen stellen würde.

Wallenstein, der sich in seinem Berichte an den Kaiser
prahlend eines vollen Sieges bei Lützen gerühmt hatte, war
gleichwohl in die kaiserlichen Erblande zurückgegangen, mit ihm
sein der Erholung und Ergänzung bedürftiges Heer. Aber
bald wieder, während er im Friedländer Hof zu Prag königlich
Hof hielt, war er gänzlich aktionsfähig, denn das Unglaublichste,
Wunderbarste traute die Nation ihm zu, und jung und alt
drängte sich zu seinen siegreichen Fahnen.
        <pb n="393" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 735
Wunderbares aber erwarteten von ihm auch die böhmischen
Emigranten, jene verbannten protestantischen Adligen des
Jahres 1618, leidenschaftliche Abenteurer zumeist und arge
Klopffechter auf diplomatischem wie militärischem Gebiete. Sie
sahen, daß der Kaiser in den Verhandlungen mit Sachsen ge—
sonnen war, für das Reich das Restitutionsedikt aufzugeben,
aber nur, um es in seinen Erblanden um so energischer durch—
zuführen, mithin auch alle Konfiskationen des Jahres 1618
einzubehalten, und sie erkannten rasch, daß damit eine allge—
meine Aussöhnung auf Kosten vor allem auch ihrer Interessen
im Anzuge sei. So trafen sie ihre Vorkehrungen.

Sie schmeichelten dem Generalissimus mit der kühnen
Aussicht, auf sie gestützt den böhmischen Königsthron zu be—
steigen. Sie fanden durch einen der Ihrigen, Bubna, der es
zum schwedischen Generalwachtmeister gebracht hatte, Ver—
bindung mit dem schwedischen Lager, ja mit Oxenstierna selbst.
Sie legten dem Kanzler nahe, mit Wallenstein zu verhandeln.
Und Oxenstierna entschloß sich hierzu; es war nicht die erste
Verbindung zwischen dem Generalissimus und den Schweden.

Wallenstein hat diese Verbindungen an sich herankommen
sehen; er hat sie nicht abgelehnt, er ist in sie eingetreten.
Schon hatte sich in Wien eine Hofpartei gegen ihn gebildet;
er haßte sie von Grund seiner Seele, und gewohnt, sich im
vertrauten Verkehr über Menschen und Dinge ungebunden
zu äußern, fand er in den Verhandlungen mit den Schweden
harte Worte gegen ihr Treiben. Und mehr noch: er ließ
den Unterhändlern gegenüber schließlich durchblicken, unter Um—
ständen sei er nicht abgeneigt, mit den Schweden zu gehen: „wir
selbst wollen Alles richten, und was von uns gerichtet und gemacht
wird, dabei muß es auch also verbleiben.“ Freilich, als dann
Orenstierna in diesem Sinne ein klares Programm vorlegte:
Wallenstein möge sich ohne Zögern zum Herrn des Landes
Böhmen machen und sich die Krone von den Ständen aufs
Haupt setzen lassen, da lehnte er in launenhafter Selbstüber—
hebung ab, wollte er „sich nicht bequemen“.

Aber während dieser Besprechungen mit den Schweden
        <pb n="394" />
        736 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
hat Wallenstein auch gesondert mit Kursachsen verhandelt —
und zwar in der Richtung etwa der Bestrebungen des Wiener
Hofes, es von Schweden zu trennen! Nach einigen Prälimi—
narien in diesem Sinne ging er am 8. Mai 1633 von Prag
zur Armee ab und mit dieser gegen die sächsischen Truppen,
die unter Arnim bei Münsterberg in Schlesien lagen; seit An—
fang Juni stand man sich gegenüber. Und nunmehr kam es
zwischen den beiden Führern zu merkwürdiger persönlicher Aus—
sprache. Abgesehen von der Bewilligung eines Waffen—
stillstandes erklärte sich Wallenstein mit Arnim dahin einver—
tanden, daß das Restitutionsedikt aufgehoben werden solle; nur
wünschte er, wenn anders Arnim ihn recht verstand, als Normal-⸗
jahr für die Wiederherstellung der alten Besitzverhältnisse nicht
das Jahr 1622, wie die Wiener in ihren Verhandlungen den
Sachsen vorgeschlagen hatten, sondern vielmehr das Jahr 1618,
d. h. er versuchte die Vorteile einer solchen Abmachung unter Um—
—VD—
Gewiß ging das schon weit über die Meinung des Kaisers. Noch mehr
aber war das der Fall mit einer anderen Abmachung, die Wallen⸗
steins weitere Ziele in diesen Verhandlungen zu zeigen scheint.
Darnach sollten die Heere der beiden verhandelnden Führer
mit vereinten Kräften ihre Waffen „ohne Respect einiger Person
wider dieselben kehren, so sich unterfangen würden, den Statum
lmpeérii noch weiter zu turbieren und die Freiheit der Reli—
gion zu hemmen“.

Was hätte aus diesen Verhandlungen hervorgehen können,
wären ihre Ergebnisse so klar gewesen, daß sie die Zu—
stimmung Kursachsens und Kurbrandenburgs hätten finden
können! Allein während Kurfürst Georg Wilhelm allenfalls auf
sie eingehen wollte, wenn er sie auch zu „general beschaffen“ fand,
war man in Sachsen der Ansicht, man müsse noch warten und den
Generalissimus noch weiter erforschen. Zum erstenmal rächte
sich an Wallenstein das Lauernde, in den Zielen wie Beweg—
gründen Mystische einer Politik, die, niemandem treu, jeden zu
überlisten suchte; Ende Juni zerschlugen sich die Verhand—
        <pb n="395" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 737
lungen; zurück blieb nur Mißtrauen auf allen Seiten, nicht
zum geringsten am kaiserlichen Hofe.

Inzwischen hatten die Protestanten gehandelt. Als das
schwedische Heer seinen großen Toten von den kampfdurch—
wühlten Fluren Lützens nach Weißenfels führte, da hatte es
in wahlloser Eingebung den jungen, zweiundzwanzigjährigen
Herzog Bernhard von Weimar zum Feldherrn erkoren. Es war
ein trefflicher Schritt. Ein kühner Denker in ideeenarmer Zeit,
ein Stratege von seltener Begabung, ein fürstlicher Führer von
selten versagendem Idealismus trat damit an die Spitze der
evangelischen Bewegung.

Bernhard sah alsbald, daß die Bedrängung Bayerns und
der Einfall in die österreichischen Länder von Bayern her jetzt
die notwendigsten Maßregeln seien; in kühnem Angriff war der
Krieg in den Bereich des Gegners zu tragen. Im März 1638
marschierte er von Bamberg über Nürnberg nach Süden; am
3. April vereinigte er sich zwischen Augsburg und Donau—
wörth mit dem General Horn, der noch von Gustav Adolf als
Beschützer Schwabens zurückgelassen war; bald darauf bedrängte
er, trotz ausbrechender Meutereien des Heeres, wie einerseits
Regensburg und Ingolstadt, so andererseits die Tiroler Alpen—
pässe und die teuer erkaufte Verbindung der Spanier von
Italien her mit den deutschen Ländern des Hauses Habsburg.
Und das alles zu einer Zeit, da Spanien auch sonst die lang
ersehnte Verbindungslinie zwischen der Schweiz und den Nieder—
landen den Rhein hinab fast gänzlich verloren zu gehen schien!

Das waren schwere Schläge und noch schlimmere Aus—
sichten für die Häuser Bayern und Österreich. Und Wallen—
stein stand unthätig in Schlesien und behauptete, eben durch
diese „Diversion“ werde er die Schweden von Bayern weglenken.
Die Opposition gegen den Generalissimus am Hofe stieg; neben
der päpstlichen Nuntiatur, neben Jesuiten und Beichtvätern
schürte der Kurfürst von Bayern: nach seiner Meinung war
Wallenstein, wenn nicht ein Bösewicht, so wenigstens ein elender
Dilettant in militärischen Dingen.
        <pb n="396" />
        738 Sechzehntes Buch. vViertes Kapitel.
Und schon gesellte sich diesen Gegnern ein neuer, mächtigster
hinzu: Spanien. König Philipp, am Wiener Hofe durch den
energischen Gesandten Castaneda vertreten, hielt es unter den
bestehenden Umständen für gut, selbst zum Schutze der
spanischen Interessen in Deutschland beizutragen, und war
darum entschlossen, in dem spanischen Oberelsaß ein Heer von
24000 Mann unter seinem Mailänder Statthalter, dem Herzog
von Feria, aufzustellen und zu dessen Verstärkung das unter
dem General Aldringer stehende Korps des wallensteinischen
Heeres vom Kaiser zu erbitten.

Waren das Absichten, die, nach dem bestehenden Vertrags—
verhältnis zwischen dem Kaiser und Wallenstein, ohne Zu⸗
stimmung des Generalissimus verwirklicht werden konnten?
Wie dem auch sei: unter dem Drängen aller Feinde Wallen—
steins am Hofe gab der Kaiser seine Zustimmung dazu, daß
das spanische Heer aufgestellt ward, und befahl nach anfäng—
lichem Schwanken, daß diesem Heere das Korps Aldringers
zustoßen solle; am Oberrhein erschienen somit vereint spanisch—
wallensteinische Truppen und machten sich an den Entsatz der
von den Schweden hart bedränaten Festungen Konstanz und
Breisach.

Es waren Vorgänge, die nach Wallensteins Meinung dem
Reiche abträglich waren, denn jetzt würden die Franzosen un—
gestraft einfallen dürfen; die ferner seiner öfters geäußerten
Absicht, selbst an den Rhein zu ziehen, vorgriffen; die vor allem
ihm gegen sein vertragsmäßiges Verhältnis zum Kaiser zu
zehen schienen: von nun ab wollte er sich jeder rechtlichen Rück—
sicht auf den Kaiser entbunden sehn.

Während auf Befehl des Kaisers, der jetzt von den Spaniern
aufs äußerste gegen Wallenstein bearbeitet ward, der Präsident
des Wiener Hofkriegsrats, Graf Schlick, im Lager Wallensteins
erschien, um für alle Fälle schon die Stimmung der Generäle
gegen Wallenstein zu erkunden, begann der Generalissimus selbst
wieder neue Verhandlungen mit dem Feinde. Er ersuchte
Arnim, den uns schon bekannten sächsischen Befehlshaber der
kleinen Truppenmacht, die ihm noch immer gegenüberlag, um
        <pb n="397" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 739
eine erneute Unterredung; und am 16. August kamen beide
Feldherren unweit Schweidnitz, wohl auf freiem Felde, nochmals
zusammen. Der endende Waffenstillstand zwischen ihnen ward
hier erneuert; er sollte Zeit schaffen für andere, weitaus wich—
tigere Verhandlungen.

Am 10. September traf Arnim, nach vorheriger Unter—
redung mit dem sächsischen Kurfürsten, zu Gelnhausen bei
Oxenstierna mit den „friedländischen Traktaten“ ein. Er wußte
zu melden, der Friedländer sei über den Gang der Dinge in
Wien merklich disgustieret. Darum wolle er sich rächen, wenn
er auf schwedische Hilfe rechnen könne. Er werde, falls man
auf seine Pläne eingehe, Arnim sechs Regimenter unterstellen,
und während Bernhard von Weimar, Holk und Horn gegen
die Spanier und Bayern vorgingen, wolle er sich seinerseits auf
Osterreich und Steiermark stürzen.

Das waren klare militärische Dispositionen. Aber was
Arnim von den politischen Plänen Wallensteins mitzuteilen
hatte, war weit weniger durchsichtig. Konnten Aphorismen,
wie die, die Krone Böhmen müsse wieder in ihre freie Wahl
gesetzt werden, oder die andere, man müsse die Jesuiten aus dem
Reiche bandisieren, die Stelle eines Programmes vertreten?
Drenstierna fand die Dinge auf diesem Gebiete noch nicht zum
Abschluß reif; er brach also weitere Verhandlungen einstweilen ab;
empfahl aber doch Arnim, den Herzog von Friedland nur fort zu
treiben und ihm zu versichern, „daß er, wenn er seine Dessins
wird fortsetzen, von uns nicht im Stiche gelassen werden soll“.

Arnim ging darauf, schon skeptisch und mit geteilten Ge—
fühlen, zu den Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg.
Diese zeigten sich, wenn auch vorsichtig, so doch entgegen—
kommender, als der schwedische Kanzler: noch durfte man hoffen,
mit Wallenstein zu einem Abschluß zu gelangen, wie er bei dem
exrbärmlichen Stande der schlesischen Armee zu wünschen war.

Wie erstaunte aber Arnim, als er, Ende September nach
Schlesien zurückgekehrt, jetzt Wallenstein ganz andrer Meinung
fand! Bisher hatte er sich mit Schweden und den deutschen Pro—
testanten gemeinsam gegen den Kaiser und Spanien verbünden
        <pb n="398" />
        740 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
wollen; jetzt schlug er ein Bündnis allein mit den deutschen
Protestanten vor: „hat er hochbeteuerlich auf sich genommen,
daß er nicht anderes als einen allgemeinen Frieden im h.
Römischen Reiche wieder aufzurichten suche; das Vorige hat er
wenig berührt, und erwähnt, er müßte eine Zwickmühle be—
halten, und begehrt, daß wir insgesammt ins Reich gehen und
der Kron Schweden Volk erst herausschmeißen sollen, denn
außer dem befände er nicht daß ein beständiger Friede zu
traktieren“. Natürlich ging Arnim auf diesen durchaus ver—
änderten Plan nicht ein. In dankbarem Andenken an die
Verdienste Gustav Adolfs schlug er rundweg ab: jeder
ehrliche Frieden könne auch unter Schwedens Teilnahme ge—
schlossen werden. Und wie Arnim, so dachten die beiden Kuͤr—
fürsten; geradezu entrüstet über Wallenstein äußerte sich der
von Brandenburg.

Wallenstein aber, der seine Politik der Zwickmühle zwischen
Schweden und Sachsen-Brandenburg damit gänzlich gescheitert
sah, der weiterhin mit anschauen mußte, wie jetzt das Heer
Arnims aus Schlesien zum Schutze der Lausitz und Kursachsens
eiligst abrückte, umzingelte nunmehr am 11. Oktober 1633 den
Rest der protestantischen Truppen bei Steinau und nahm ihn
gänzlich gefangen. Allein was wollte das jetzt noch besagen
zegenüber viel größeren kriegerischen Triumphen auf der Seite
der Gegner!

Während die spanisch-wallensteinischen Truppen noch vor
Breisach, dem Schlüssel des Oberrheins, lagen, hatte Bernhard
von Weimar den kühnsten Vorstoß in das Herz des Feindes
gewagt. Am 4. November erschien er fast unvermutet vor
Regensburg, schon am 14. November eroberte er die Stadt:
wie zu Gustav Adolfs Zeiten war Bayern mindestens zur Hälfte
matt gesetzt, Osterreich bedroht; ein Sturm des Frohlockens ging
durch die protestantischen Lande.

Es war der Schlag, der Wallensteins militärische Autorität
zu erschüttern begann. Zwar brach er alsbald gegen Bernhard
auf; schon am 30. November stand er bei Fürth. Aber er
mußte sich überzeugen, daß ein Winterfeldzug zur Eroberung
        <pb n="399" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 741
Regensburgs unmöglich war, und so ging er zurück, trotz drin⸗
gendster Gegenvorstellungen von Wien aus, wo man schon von
seiner Absetzung zu reden begann, und nahm Winterquartiere
in kaiserlichen Landen, in Böhmen. Von da ab hatte die
Opposition am Hofe gewonnenes Spiel. Sie ward nochmals
verstärkt durch den spanischen Gesandten Oñate, nachdem Wallen—
stein die Abtrennung von weiteren 6000 Mann seines Heeres
zur Geleitung des Kardinalinfanten nach den Niederlanden ver—
weigert hatte. Sie fand einen fast unüberwindlichen Führer
in dem römischen König Ferdinand III., der selbst nach dem
Ruhm des Feldherrn geizte, durch Wallenstein aber vom Heere
fern gehalten ward. Schon Ende 1633 konnte der bayrische
Gesandte berichten, der Kaiser habe sich nunmehr heimlich re—
solviert, dem Friedländer Kriegsdirektion und Generalat zu
nehmen; man bearbeite bereits die wichtigsten Unterfeld—
herren; uneinig sei man nur noch darüber, was mit der Person
des Generalissimus werden solle.

Wallenstein kannte diese Lage. Er reichte im Januar 1634
ein Entlassungsgesuch ein. Vergebens: man fürchtete auch den
Entlassenen. So blieb ihm nichts übrig: er mußte auf der ver⸗
hängnisvollen Bahn der Verhandlungen mit den Schweden und
den deutschen Protestanten fortschreiten.

Zunächst versicherte er sich der schon zweifelhaft gewordenen
Treue seines Heeres. Am 12. Januar fand bei Ilow in dem
Hauptquartier zu Pilsen jenes Bankett der Generäle und
Obersten seines Heeres statt, das der zweite Teil der Trilogie
Schillers in den lebendigsten Farben vorführt. Die Führer
verpflichteten sich, an dem Generalissimus „ehrbar und getreu
zu halten, auf keinerlei Weise von demselben sich zu separieren,
zu trennen, noch trennen zu lassen“. Aber schon lauerte hinter
dem anscheinend unverbrüchlichen Revers der Verrat. Als
Wallensteins Schwager Treka, wie fast alle übrigen berauscht,
jeden niederzustechen drohte, der nicht gut friedländisch sei,
da stieß Piccolomini die Worte „O traditore“ aus und konnte
ihre Wirkung nur mühsam in der fingierten Sinnlosigkeit des
Trunkenen verschwinden lassen.
        <pb n="400" />
        742 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Der Generalissimus aber hatte inzwischen, zum drittenmal
binnen Jahresfrist, den Weg zu den Protestanten gefunden.
Und diesmal schien es ihm wirklich Ernst mit seinen Eröff—
nungen. In der ersten Hälfte des Januars überbrachte der
ihm besonders vertraute Oberst Schlieff dem Kurfürsten von
Sachsen die Grundzüge eines neuen, in sich abgeschlossenen Pro—
gramms, dessen Durchführung vielleicht zum Frieden geführt
haben würde. Aber nun zeigte sich, daß Sachsen nur mit dem
ausgesprochensten Mißtrauen und darum zögernd in die Ver—
handlungen eintrat, während Wallenstein der größten Eile be—
durfte. Mit banger Erwartung sah er in Pilsen jeder neuen
Botschaft entgegen; Arnim dagegen, Johann Georgs Ratgeber,
hielt es für richtig, sich erst mit Kurbrandenburg zu beraten,
und erst am 3. Februar reiste er nach Berlin.

Inzwischen war man in Wien vorwärts gegangen. Ein⸗
flußreiche Führer der wallensteinischen Truppen waren gewonnen
worden. Während der Kaiser mit seinem Generalissimus noch
in den alten Formen korrespondierte, war dieser durch eine ge—
heime Urkunde desselben Kaisers bereits am 24. Januar seines
Oberkommandos entsetzt worden; Gallas, Aldringer und Picco—
lomini waren mit der Durchführung der in ihr niedergelegten
Befehle betraut, und Aldringer hatte auf die Frage, wie man
diese Durchführung sich denke, von dem spanischen Gesandten
Oñate in kaiserlichem Auftrage die Antwort erhalten, man
solle sich der Person des Friedländers ohne Zögern lebend oder
tot bemächtigen.

Und immer noch hörte Wallenstein von Sachsen her nichts
Entscheidendes. Er lebte in der Ahnung höchster Gefahren. Er
suchte Zuflucht auch bei den Schweden. Am 19. Februar sandte
er an den Herzog Bernhard nach Regensburg: man solle ihm
ein größeres Reitercorps entgegensenden, bei Eger werde er sich
mit ihm vereinigen. Demgemäß brach er selbst am 21. Februar
nach Eger auf — es war der offene Schritt zur Lösung seines
Verhältnisses zum Kaiser.

Inzwischen war man auch in Wien von lichtscheuen zu
offenen Thaten gelangt. Ein kaiserliches Patent vom 18. Februar
        <pb n="401" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 748
hatte Wallenstein der meineidigen Treulosigkeit, der barbarischen
Tyrannei und der Konspiration gegen den Kaiser schuldig erklärt;
es hatte ihn von neuem des Generalats entsetzt und die Kon—
fiskation seiner Güter befohlen. Und unter Jubel war es in
Prag verkündet worden.

Inzwischen gelangte Wallenstein nach Eger; große Teile
seines Heeres fielen schon ab; wenige Regimenter begleiteten ihn.
Und noch immer nichts Tröstliches aus Sachsen! So bat er
den Kaiser von neuem um seine Entlassung: die beiden Obersten,
die das Schreiben überbringen sollten, wurden von abgefallenen
Generälen verhaftet. Es war klar: sein Untergang nahte.
Am 25. Februar 1634 ward er, da er eben ein Bad genommen,
ohne Widerstand, ohne ein Wort auch nur der Gegenwehr, von
dem irischen Kapitän Devereur und einigen seiner Leute ermordet.

Die Mörder wurden von Wien aus belohnt; die Güter
des Ermordeten wurden von Staats wegen eingezogen; eine
Rechtfertigungsschrift erschien; und der spanische Gesandte
brach beim Empfang der Todesnachricht in die Worte aus:
„Eine große Gnade, die Gott dem Hause sterreich erwiesen
hat.“
Arnim aber, der kursächsische Feldherr, der sich mit seinem
Heere in langsamen Märschen der Stadt des Frevels näherte,
erfuhr von dem Vorgefallenen noch rechtzeitig genug, um sich
der Gefangennahme durch die kaiserlichen Feldherren zu
entziehen.

Wallensteins Ermordung bedeutete einen vollen Sieg der
katholisch-kaiserlichen Politik. Ja sie bedeutete mehr. Wallen—
stein hinterließ eine noch immer treffliche Armee und den
glücklichen Gedanken, durch einen Separatfrieden mit Sachsen
die Protestanten lahm zu legen und die Schweden zu vertreiben.
Der lachende Erbe des Heeres wie der Diplomatie Wallen—
steins war der Kaiser.

Während die Evangelischen unter sich in schwere Zwiste
militärischer wie diplomatischer Natur gerieten, zog das fried—
ländische Heer, nunmehr dem Namen nach von Ferdinand III.,
in Wahrheit von Gallas geführt, gegen Regensburg; und am

Lamprecht, Deutsche Geschichte V. 2. 48
        <pb n="402" />
        744 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
26. Juli 1634 fiel die Stadt nach tapferster Verteidigung in
seine Gewalt. Darauf drang es in Süddeutschland unauf⸗
haltsam vor; seine Reiterscharen überschwemmten Franken, und
in Schwaben schlug es in der mörderischen Schlacht von Nörd—
lingen, am 6. September 1634, die verbündeten Truppen
Horns und Herzog Bernhards. Es war die Auflösung des
schwedischen Heeres in seinem alten Zusammenhang und der
Untergang der schwedischen Obmacht auf deutsch-protestantischem
Boden; schon sannen einzelne evangelische Stände auf Abfall.

Und längst bereits hatte der Kaiser sie nach wallen—
steinischem Konzept zu entzweien gesucht; alsbald nach der That
von Eger hatte er von neuem die Sonderverhandlungen mit
Sachsen aufgenommen. Nach dem Tage von Nördlingen erwies
sich Kurfürst Johann Georg fügsamer, als man erwarten konnte.
In dem Präliminarfrieden von Pirna vom 24. November 1634,
—DDD
im wesentlichen bestätigt ward, erkannte der Kurfürst an, daß
es außer gewissen fürstlichen Besatzungs- und Verteidigungs—
truppen im Reiche von Rechts wegen nur eine Armee gäbe, die
des Kaisers; und er versprach, diese Armee im Kampfe gegen
Schweden und gegebenenfalls auch gegen Frankreich zu
unterstützen. Er verzichtete außerdem, gegen das Linsengericht
einer vierzigiährigen Aufhebung des Restitutionsedikts für
Kursachsen, auf die Betonung aller weiteren evangelischen
Rechte. Dafür erhielt er den kärglichen Lohn einer Abtretung
der beiden Lausitzen, die er schon seit 1618 in Besitz hatte,
und der Einverleibung von vier Ämtern des Erzbistums
Magdeburg.

Es war ein volles Abrücken von Schweden, dem dieser
Friede den Zusammenhang zwischen Mitteldeutschland und
Skandinavien zu verschließen begann, und es war ein Abfall
von der evangelischen Sache. Und der sächsische Kurfürst
blieb nicht allein. Ihm folgten binnen Jahresfrist der Kurfürst
von Brandenburg, Frankfurt am Main, der Herzog Wilhelm
von Weimar, die Herzöge von Mecklenburg, der Herzog Georg
oon Braunschweig-Lüneburg, ja der ganze niedersächsische Kreis;
        <pb n="403" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 745
sieht man von der etwas warmherzigeren Haltung der süddeutschen
Protestanten des Heilbronner Bundes ab, so hielten jetzt fast
nur noch Wilhelm von Hessen und Bernhard von Weimar zu
den Schweden.

Es war der volle Ruin des schwedischen Ansehens in
Deutschland; über den blutigen Schatten des Friedländers
hinweg hatte der Kaiser gesiegt.

VI.

Das Unglück Schwedens rief Frankreich auf den Plan.

In Frankreich war durch Richelieu die hergebrachte habs—
—DDDD
nommen worden. Es handelte sich dabei lange Zeit nicht so sehr
um den Gegensatz gegen die deutsche Linie des Hauses Habsburg,
wie um den Kampf gegen die spanische. Dieser Linie gehörten
die Niederlande, gehörten Italien und Spanien; sie am allerehesten
war in der Lage Frankreichs Stellung in Europa zu beein—
trächtigen. So war Richelieu schon im Beginn seiner staats—
männisch leitenden Thätigkeit gegen sie vorgegangen; durch
Besetzung der Veltliner Alpenpässe und Teilnahme am mantua—
nischen Erbfolgekrieg hatte er einen Keil zwischen die italie—
nischen und die niederländischen Besitzungen Spaniens getrieben,
ganz entgegen den Bestrebungen des Gegners, womöglich an
den Grenzen französischen und deutschen Wesens ein neues
Lotharingien zur Verbindung seiner italienischen und nieder—
ländischen Besitzungen zu errichten!.

Von diesem Augenblick an aber hatte sich Richelieu von der
offenen Kriegführung gegen das Haus Habsburg zurückgezogen.
Er sah die Geschäfte Frankreichs einstweilen durch die General—
staaten, die deutschen Protestanten und die Schweden genügend
besorgt; er hatte nichts zu thun, als diese Mächte unterein—
ander in Einklang zu setzen und zu erhalten und sie unter
Umständen finanziell zu stützen. Es war die konsequent von

1S. oben S. 712.
        <pb n="404" />
        746 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
ihm festgehaltene Politik bis zu dem Augenblick, da es schien,
als könne Gustav Adolf, der Gotenkönig, wie ihn Richelieu zu
nennen pflegte, eine Herrschaft in Deutschland errichten, deren
Bereich sich bis zur französischen Grenze erstreckte.

Von da ab hatte Richelieu zwar auch noch nicht offen
in den Kampf eingegriffen, aber er hatte die Eifersucht der
süddeutschen Protestanten gegen die Schweden geschürt, um sie
gegebenenfalls gegen die ungestüme Größe des nordischen
Helden ausspielen zu können. Und gleichzeitig hatte er
begonnen, die französischen Grenzen im Osten dadurch zu sichern,
daß er sie vorschob. Im Herbst 1682 wurde Nancy erobert
und damit die alte, längst zweifelhaft gewordene Stellung des
Herzogtums Lothringen zum Reiche! thatsächlich aufgehoben:
von nun ab gehörte das Land zu Frankreich. Darüber hinaus
wurde ein festes Verhältnis zum Kurfürsten von Trier herge—
stellt; schon im Mai 1682 räumte dieser den Franzosen die
Besetzung des Ehrenbreitsteins ein. Es war eine Politik, die
von Richelieu nach dem Tode Gustav Adolfs um so mehr
fortgesetzt ward, als nun Spanien erneute Anstrengungen
machte, im Osten Frankreichs Fuß zu fassen; wir kennen die
Thätigkeit des Herzogs von Feria und der zu ihm gestoßenen
wallensteinischen Truppen am Oberrhein?. Dem gegenüber
nisteten sich die Franzosen im Winter 1633 auf 1634 im Elsaß
ein, schlossen im April 1634 einen Vertrag mit der niederländischen
Republik, wonach sich die Generalstaaten verpflichteten, gegen
jährliche Hilfsgelder von einer Million Livres den Krieg gegen
Spanien fortzuführen, und setzten sich immer mehr in dem
Lande des Kurfürsten von Trier fest, um den Spaniern auf
alle Weise den Weg nach den Niederlanden zu verlegen.

Es war fast selbstverständlich, daß das Vorrücken der
französischen Macht die oberdeutschen Protestanten immer mehr
in die Arme Richelieus treiben mußte. Hatte der französische

S. oben S. 670.
S. oben S. 7388.
        <pb n="405" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 747
Staatsmann anfangs in dem Heilbronner Bund, der diese
Protestanten mit Schweden verband, seinerseits für Frankreich
Stimmung machen müssen, um die politische Leitung Oren—
stiernas nicht übermächtig werden zu lassen, so stellte sich nach
den großen Niederlagen der schwedischen Kriegsführung im
Jahre 1634 diese Stimmung bis zu dem Grade von selbst
ein, daß man es offen aussprach, Frankreich müsse jetzt die
Führung im Angriff gegen den Kaiser übernehmen. Und
auch Oxenstierna, in heller Verzweiflung über die Unzuver—
lässigkeit und den geringen Wagenmut der Heilbronner Ver—
bündeten, entzog sich dieser Erwägung nicht.

Es war ein für Richelien in Anbetracht der geringen
Sympathien des französischen Adels für einen überrheinischen
Krieg, wie überhaupt für kriegerische Bethätigung nach Osten zu
keineswegs angenehmes Entgegenkommen; er hätte am liebsten,
selbst wenn Frankreich ein Heer zum Kriege stellen sollte, dies
dennoch dem Namen nach unter der Führung des Heilbronner
Bundes gesehen; noch in Verhandlungen, die sich weit über die
Wende des Jahres 1634 hinziehen, hat er an dieser Anschauung
festgehalten.

Indes die Klärung der Lage ließ sich um so weniger auf—
halten, als die kaiserlichen Heere inzwischen unerwartete Fort⸗
schritte gerade in der Richtung auf die französische Grenze ge—
macht hatten — am 26. März 1635 drangen sie sogar in die
Hauptstadt des Trierer Kurfürsten ein —, und als die Stellung
Frankreichs zu Spanien immer unhaltbarer ward. So brachte
—BD
in den Krieg ein. Es schloß mit den Generalstaaten am
23. April einen Bund, wonach beide Vertragsmächte gehalten
waren, den Krieg gegeen Spanien mit je 80000 Mann auf—
zunehmen, und es gelangte mit Schweden am 28. April zu
einer Abmachung, die zu gemeinsamem Kampf gegen sterreich,
gemeinsamer Unterstützung der deutschen Protestanten und ge⸗
meinsamem Friedensschluß verpflichtete. Dabei wurden der Krone
Schweden die von Gustav Adolf eroberten und ihm von den
deutschen Ständen als Pfand für seine Ansprüche übergebenen
        <pb n="406" />
        748 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Gebiete von Frankreich gewährleistet, während Schweden seiner—
seits sich zur Aufrechterhaltung der katholischen Religion in
den Gebieten verstand, die sie seit 1618 noch besaßen. Die
ersten Grundlagen künftiger Friedensverhandlungen wurden
damit gelegt. Einstweilen aber drohte nun zur selben Zeit, da der
Kaiser durch den Prager Frieden die Anfänge eines vollen
Sieges und zukünftiger Ruhe in den Händen zu haben glaubte,
eine schlimmere Kriegsfurie als je; nicht um einen, um zwei
ständige große Kriegsschauplätze handelte es sich von jetzt ab, um den
oberdeutsch-französischen und um den norddeutsch-schwedischen.

Großartig, wie die diplomatischen Vorbereitungen seines
festeren Auftretens gegen Spanien und sterreich gewesen waren,
begann Richelieu auch den Krieg. Vier Heere wurden für die
Feldzüge des Jahres 1635 aufgestellt, eines gegen die spanischen
Niederlande, eines gegen Italien, ein drittes zur Besetzung der
Veltliner Pässe und Durchschneidung der spanischen Zusammen—
hänge zwischen Italien und den Niederlanden, das vierte end—
lich gegen den Oberrhein; dieses sollte unter der Führung des
Marschalls La Force von Lothringen aus gemeinsam mit dem
Feldherrn des schwedisch-oberdeutschen Bundes, dem Herzog
Bernhard von Weimar, vorgehen. Allein bei Beginn des Feld—
zuges in den deutsch-französischen Grenzlanden zeigte sich bald,
mit wieviel Recht Richelieu gezaudert hatte, in den offenen
Kampf auf dem deutschen Kriegsschauplatze einzutreten. Die
Blüte des französischen Adels, die sich in dem Heere La Forces
befand, wollte weder jetzt noch später von einem Feldzug in
die deutschen Gegenden, wohl gar über den Rhein hinaus etwas
wissen; nur zur Verteidigung der französischen Grenze war sie
bereit. Unter diesen Umständen vermochte auch der feurige
Bernhard von Weimar nicht vorwärts zu kommen; er mußte
es mit ansehen, daß im Laufe des Frühsommers kaiserliche
Heere von Breisach bis nach Boppard hinab den Rhein über—
schritten. Und auch als er etwas willigere französische Ver—
stärkungen unter dem Kardinal La Valette erhielt, gelang es
ihm doch nur mit Mühe, die Franzosen bis Mainz und zeit—
        <pb n="407" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 749
weilig Frankfurt vorwärts zu bringen; im Winter auf das
Jahr 1636 befand man sich wieder in Lothringen.

Unter diesen Umständen war es für Frankreich und die
protestantische Sache noch ein Glück, wenn auf dem andern,
dem schwedischen Kriegsschauplatz die Dinge so verliefen, daß
die kaiserlichen Truppen nicht mit voller Stärke an den Ober—
rhein geworfen werden konnten. Hier hatte nämlich Banoͤr,
ein rücksichts- und gewissenloser, aber äußerst geschickter schwe—
discher Bandenführer, die verbündeten Sachsen und Kaiserlichen
in siegreichen Kämpfen aus Mecklenburg und Pommern heraus—
geschlagen und Teile von Brandenburg eingenommen, und neben
ihm erfocht Torstenson, der bedeutendste schwedische Strateg
der letzten Zeiten des Krieges, der ruhige überlegte Organisator,
ein letzter großer Schüler Gustav Adolfs, am 17. Dezember
1635 bei Kyritz einen entscheidenden Sieg über die Sachsen.

Gleichwohl, überschaute man von französischer Seite her
den Abschluß des Feldzugsjahres 1635, so war er, namentlich
wenn man sich auf den Standpunkt des Herbstes 1635 begab,
keineswegs günstig. Es mußte zugestanden werden, daß die
französischen Heere, Neulinge im Gebrauch der Waffen gegen—
über kriegserfahrenen Nationen, wenig geleistet hatten. Das
vermochte nun Richelieu zu einem eigenartigen Vertrage mit
dem großen deutschen Heerführer, mit dem er festgeknüpfte Be—
ziehungen hatte, mit Herzog Bernhard von Weimar. Es ist
ein Vertrag, der an die Bedingungen des zweiten friedländischen
Beneralats erinnern kann; ähnliche Schwieriakeiten erzeugten
oerwandte Mittel der Auskunft.

Am 27. Oktober 1685 vereinbarte Herzog Bernhard mit
Richelien, daß er selbständiger, nur noch von den Befehlen des
französischen Königs abhängender Führer eines Heeres werden
solle, das er in der Höhe von 12 000 Mann zu Fuß, 6000
zu Roß bis zum 20. Januar 1636, dem Namen nach als Heer
des Heilbronner Bundes, aufzustellen habe. Es sollte dazu
dienen, den Kampf gegen Osterreich zur Herstellung der Libertät
Deutschlands fortzuführen. Als Entgelt erhielt der Herzog
        <pb n="408" />
        750 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
das Elsaß und die alte Reichsbogtei Hagenau in all der Weise,
wie sie bisher das Haus Habsburg besessen habe, dazu ein
Jahrgehalt von 200 000 Livres und jährlich 4 Millionen Livres
als Zuschuß zur Erhaltung des Heeres. Es war ein Vertrag,
der den bedeutendsten Heerführer der deutschen Protestanten
in den Sold Frankreichs stellte, wenn auch mit dem aus—
gesprochenen Zwecke, ihm eben dadurch die Führung der pro—
testantischen Sache auf deutschem Boden zu ermöglichen.

Indes das kommende Jahr wie auch noch spätere Zeiten
ließen sich zunächst nicht darnach an, als ob Bernhard der
üübernommenen Aufgabe gerecht werden könnte. Kaiserliche und
spanische Heere fielen von den Niederlanden her bis tief nach
Frankreich hinein ein; die französischen Truppen wußten ihnen
nicht zu widerstehen; selbst Paris erschien bedroht. So
mochte es genug gethan heißen, wenn Bernhard und La Valette
sich auf den Feldern des Elsasses und Lothringens wenigstens
der von Osten her kommenden Angriffe erwehrten.

Für das Jahr 1637 schienen dann freilich durch die
Thaten der schwedischen Feldherren im laufenden Jahre 1636
ganz andere Aussichten eröffnet zu werden. Bandor war schon
in den ersten Monaten des Jahres räuberisch über Kursachsen,
das kaisertreue Land, dahergefahren; dann hatte er ein Lager
bei Werben an der Niederelbe bezogen, von dem er das Land
weithin plündern und verheeren ließ; jetzt begannen noch mehr als
bisher die Zeiten jener furchtbaren Not, aus denen her das Andenken
der Schweden in Norddeutschland noch heute fortlebt. Dann war
er, im Herbst 1636, von neuem zum Angriff übergegangen;
er hatte den sächsischen Kurfürsten und den kaiserlichen General
Hatzfeld am 4. Oktober bei Wittstock blutig geschlagen und war
darauf nach Mitteldeutschland, nach Thüringen und Hessen, vor—
gebrochen: Grund genug für die kaiserlichen Heerführer am
Oberrhein, besorgt an Deckung der rechten Flanke und des
Rückens zu denken.

Allein alle diese Vorteile wurden im Jahre 1637 wieder
verloren. Während Bernhard seine Kraft in kleinen Kämpfen
an der französischen Grenze, namentlich in der Franchecomté,
        <pb n="409" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 751
zu verzetteln gezwungen war, wurden die kaiserlichen Heere
gegen Banoͤr frei; fast wäre er ihnen in der Gegend von
Torgau in die Hände gefallen; nur mühsam konnte er sich in
einem glänzend geleiteten Rückzug nach Pommern retten, wo
er sich mit einem zweiten schwedischen Heere, das unter dem
General Wrangel stand, vereinigte. So war denn gegen Schluß
des Jahres 1637 die Übermacht der Kaiserlichen unbestritten;
zum Zeichen gleichsam ihres vollen Sieges hatte Landgraf
Wilhelm von Hessen, der letzte treue Anhänger Schwedens außer—
halb des Heilbronner Bundes, aus seinem Lande flüchten müssen;
elend ist er noch im Jahre 1637 in Ostfriesland gestorben. Es schien
zu Ende zu gehen mit der französisch-schwedischen Obmacht,
zu Ende erst recht mit dem deutschen Protestantismus.

Da hat Herzog Bernhard von Weimar noch einmal die
halb aufgegebene Sache der Protestanten gerettet.

Hatten sich Frankreich und Schweden am 8. März 1638
zu erneutem Widerstand gegen das Haus Habsburg verbunden,
so setzte Bernhard im Feldzuge des Jahres 1688 dies Vor—
haben in siegreiche Thaten um. Unter den schwersten Ent⸗
behrungen hatte er zwei wertvolle Feldzugsjahre verstreichen
lassen müssen; Frankreich hatte die gewährten Subsidien nur
ässig gezahlt, dagegen des Herzogs ganze Kraft für den Schutz
seiner Grenzen in Anspruch genommen; fast schien es, als sei
er nur ein Condottiere, der „Ihrer Majestät in Frankreich
zinen Reuterdienst that“. Aber jetzt war er entschlossen, diese
Fesseln zu brechen. Von Basel, wo er mit seinem Heere
lag, brach er am 28. Januar 1688, in einem Winterfeldzug, der
den Zeitgenossen als That unerhörter Kühnheit erschien, gegen
Rheinfelden, die wichtigste Festung des Rheingebietes zwischen
Basel und Konstanz, auf und nahm sie am 28. März ein,
nachdem er ein nahendes Entsatzheer unter dem kaiserlichen
General Savello und dem kühnen Reiterführer Johann von
Werth aufs Haupt geschlagen hatte. Und alsbald wandte er
sich einer noch größeren Aufgabe zu.

Das Oberrheinthal wurde an seiner gefährlichsten Stelle,
in der Gegend der Übergänge zum Elsaß, vornehmlich durch
        <pb n="410" />
        752 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
die Festung Breisach geschützt. Breisach befand sich seit längerer
Zeit in kaiserlichem Besitz; es mußte erobert werden, sollte der
Krieg gegen die Kaiserlichen mit Erfolg aus dem Oberrhein—
thal weiter nach Osten, nach Schwaben, übertragen werden.
Herzog Bernhard wandte sich nach der Einnahme Rheinfeldens
alsbald gegen Breisach, und nun wurde die Stadt der Preis, um
den durch ein ganzes Feldzugsjahr hindurch der Herzog und die
kaiserlichen Heere, die von Süd- und Mitteldeutschland herzu—
eilten, blutig rangen; der Sieg aber heftete sich schließlich an
die Fahnen Bernhards. Am 17. Dezember, nach unerhört
zäher Verteidigung, öffnete Breisach dem Herzog die Thore.

Es war ein Erfolg, dessen Ruhm weit durch das protestantische
Deutschland hinhallte, und dessen bloße Erwartung schon für das
schwedisch-nordische Kriegstheater zu einer Wandlung der Scene
geführt hatte. Mit dem Augenblick, da sich die Truppen des
Kaisers zum Entsatze Breisachs zu eilen gezwungen sahen, wurde
Banoͤr in seinen Bewegungen wieder frei und erging sich in
Vorstößen, die ihn nicht bloß nach Mitteldeutschland, sondern
noch mehr in die kaiserlichen Erblande, nach Böhmen und
Schlesien, führten. Und was fast noch bedeutsamer war: die
leitenden Generäle der beiden Kriegstheater erkannten jetzt mehr
als bisher die nicht zu vermeidenden Wechselwirkungen ihrer
Operationen; sie waren bereit, sich für die Zukunft gegenseitig
zu verständigen: eine große Zeit gemeinsamer Aktion stand
bevor. In diesem Augenblick, auf der Höhe seines Ruhmes,
die glücklichste Aussicht auf große Thaten vor sich, ist Herzog
Bernhard von Weimar gestorben, den 18. Juli 1689.

Mit dem Tode Bernhards erlischt das letzte größere Inter—
esse, das die Nachwelt an dem ewigen Durcheinander der Kämpfe
des dreißigjährigen Krieges zu nehmen geneigt sein wird. Denn
bis zu einem gewissen Grade ist das Wort wahr, das der große
Dichter der wallensteinischen Tragödie über diese Zeiten gesprochen
hat: daß erst im Kriege der Mann etwas wert sei. In der Auflösung
alles Bestehenden, wie sie die nie endenden Kämpfe der dreißig Jahre
brachten, traten die ursprünglichen Beziehungen der Menschen, wie
sie sonst nur barbarischen Zeitaltern angehören, wieder hervor; keine
        <pb n="411" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 758
Kultur umgab mehr schützend und wahrend zugleich die Energie
außergewöhnlicher Naturen, und die Zeit großer Männer, wunder⸗
barer Helden brach herein. So ist auf Gustav Adolf Wallen—
stein, auf Wallenstein Bernhard von Weimar gefolgt; und
wer wollte die gemeinsamen Züge verkennen, die die drei Heer⸗
führer bei aller Verschiedenheit der Anlage und des Erfolges
dennoch kennzeichnen? Jetzt aber schien die Not dieses Krieges
selbst die Keime großer Männer zerstört zu haben; in öder
Gleichförmigkeit schleppt sich von nun ab Kriegsjahr auf Kriegs—
jahr dahin bis zur Erschöpfung des Volkes und des Landes;
und nur in dem langsam erfolgenden Umschwung der allge—
meinen Lage zu gunsten Frankreichs, zu ungunsten des Kaisers
taucht ein Ergebnis auf, das die Hoffnung auf den lang schon
ersehnten Frieden gestützt und schließlich verwirklicht hat.

Allerdings: Bernhard hatte die Dinge in einem Stande
zurückgelassen, der für den Kaiser keineswegs günstig war. Aber
er war schließlich eine Macht für sich gewesen, und nach seinem
Hingang erschien die Sache der deutschen Protestanten wie
Schwedens und Frankreichs wieder ins Ungewisse gestellt. Da
war es zunächst die diplomatische Kunst Richelieus, die eine
erste Wendung zu gunsten Frankreichs herbeiführte.

Frankreich hatte es nicht bloß mit den deutschen Habs—
burgern, nicht minder vielmehr auch mit dem spanischen Hause
zu thun. Und hier wußte Richelieu gefährliche Ereignisse, die
sich auf der iberischen Halbinsel vollzogen, trefflich zu nützen.
Ein Aufstand in Katalonien gab ihm Anlaß, sich mit der los—
gerissenen Provinz eng zu verbünden. Der Abfall Portugals
und die Erhebung des Hauses Braganza auf den erneuerten
Königsthron fanden in ihm den eifrigsten Förderer. Und auch
näher den französischen Grenzen hatte er Gelegenheit einzugreifen.
Der Versuch der Spanier, den Generalstaaten durch eine ge⸗
waltige Armada beizukommen, war durch Admiral Tromp
oöllig vereitelt worden; wie sehr aber belebte die Vernichtung
der spanischen Flotte die französischen, längst schon eingeleiteten
Bestrebungen zur See! Dazu kam, daß Herzog Bernhard auf
deutschem Boden eine trefflich geschulte Truppe zurückgelassen
        <pb n="412" />
        754 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
hatte; wer sie an sich fesselte, dem schien der Sieg in den
Kämpfen gegen die deutschen Habsburger zu winken. Richelieu
brachte sie an Frankreich und mit ihr alle Errungenschaften
der letzten Siege Bernhards, mit ihr auch den Gedanken engsten
Austausches der Feldzugspläne zwischen den Feldherren des
französischen und schwedischen Kriegsschauplatzes: im April 1640
vereinigte sich sogar bei Saalfeld im Thüringischen die ehe—
malige Armee Bernhards, jetzt unter dem französischen Marschall
Guébriant, mit den schwedischen Truppen Banoͤrs.

Gleichwohl zeigte sich auch in der Folgezeit noch, trotz
des Aufwachsens so tüchtiger Feldherren wie Turennes auf
französischer Seite, daß der eigentliche kriegerische Entscheid
bei den kampfgewohnten deutschen Truppen unter schwedischer
Führung lag. Als Banoͤr, nach einem überraschenden und
beinahe gelungenen Überfalle des Kaisers und des deutschen
Reichstags in Regensburg, an den Folgen schwerer Aus—
schweifungen gestorben war, übernahm hier der ideenreiche
Torstenson das Kommando. Er schulte die kräftigen, aber
verwilderten Banden aufs neue, er drang mit ihnen siegreich
von der Niederelbe nach Schlesien vor; er schlug die Kaiser—
lichen bei Leipzig und überwand durch militärische Erfolge die Krisis,
in die die schwedische Politik durch den zeitweiligen feindseligen
Eintritt Dänemarks in den Krieg geworfen ward; er schlug
die kaiserlichen Heere unter Gallas von neuem bei Magdeburg
und Jüterbogk, er folgte ihren Trümmern mit schneller Kraft
bis nach Böhmen und schlug dort ein letztes kaiserliches Heer
bei Jankowitz, nachdem er schon früher mit Georg Rakoczy,
dem Fürsten Siebenbürgens, gegen den Kaiser in Verbindung
getreten war: im Frühjahr 1645 schien es, als ob das Schick—
sal des Hauses Ästerreich besiegelt sei.

Aber die Franzosen hatten den Schweden nicht mit gleicher
Kraft sekundiert. Zwar hatte Guébriant noch am 2. Januar 1642
die Kaiserlichen bei Kempen am Niederrhein besiegt, aber seit—
dem wandte sich namentlich auf dem südwestdeutschen Kriegs—
schauplatze das Glück auf die Seite des Hauses Habsburg, zumal
dieses hier von den Bayern aufs beste unterstützt wurde. Im Mai
        <pb n="413" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede 735
1644 nahmen die Bayern Freiburg i. B.; am 26. März 1643
schlugen sie Turenne bei Mergentheim in blutigem Kampf: so
wurden die kaiserlichen Truppen in Süddeutschland frei und
konnten sich gegen das übermächtige Drängen Torstensons in
den habsburgischen Erblanden wenden; die Schweden mußten
die Belagerung Brünns aufgeben, und Rakoczy machte seinen
Frieden mit dem Kaiser.

Aber in diesem Moment erfolgte wiederum ein Um—
schwung. Die Franzosen schlugen die Kaiserlichen und die
Bayern bei Allersheim zwischen Nördlingen und Donauwörth,
und im Norden ergab sich für die Kurfürsten von Sachsen und
Brandenburg aus der militärischen Lage immerhin die Not—⸗
wendigkeit, mit den Schweden Neutralitätsverträge zu schließen.
So war das militärische Endergebnis des Jahres 1645, daß
der deutsche Nordosten im weitesten Sinne unbestritten in den
Händen der Schweden, der deutsche Südwesten fast ohne Wider—
spruch in den Händen der Franzosen blieb. Von dieser Grund—
lage aus haben dann Schweden und Franzosen, wenn auch
noch unter manchen weiteren Schwankungen des Kriegsglücks, die
folgenden Jahre benutzt, um den Kaiser wie den mit ihm ver—
bündeten Kurfürsten Maximilian von Bayern immer mehr matt
zu setzen. Nachdem der feine, kränkliche Torstenson im De—
zember 1645 den Oberbefehl in die Hände Wrangels nieder—
gelegt hatte, vereinigte dieser sich nach manchen Fährlichkeiten
bei Frankfurt mit Turenne, und nun richteten beide Feldherren
vereint den Angriff gegen Bayern; im September 1647 waren sie
vor Augsburg angelangt; alles ihnen zufallende Land wurde
schrecklich verwüstet. Es war eine Lage, die Kurfürst Maxi—
milian vorübergehend zu einem Neutralitätsvertrage mit den
Franzosen veranlaßte; doch zwang ihn der Kaiser durch eine
Schwenkung seiner Reichspolitik bald zur Wiederaufnahme der
früheren Habsburg getreuen Haltung. Darauf, im Frühjahr
1648, drangen Turenne und Wrangel von neuem in Bayern
vor; sie schlugen die vereinigten kaiserlich-bayrischen Truppen
bei Zusmarshausen am 17. Mai 1648: der Kaiser wie der
Kurfürst mußten fliehen, die Schweden fielen in Böhmen ein;
        <pb n="414" />
        756 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Ende Juli nahmen sie die Kleinseite von Prag und bereiteten
die Beschießung der Prager Altstadt vor — wehrlos lagen die
kaiserlichen Erblande vor ihnen, eine fette Beute. Da konnte
man auch in Wien nicht mehr leugnen, daß man besiegt sei;
und so fanden unter dem Eindruck der letzten kriegerischen Er—
eignisse die längst eingeleiteten Friedensverhandlungen nunmehr
den lang ersehnten Abschluß.

VII.

Am 22. Dezember 1636, am Schlusse einer Periode hohen
Aufschwungs der kaiserlichen Waffen, war es Ferdinand II. ge—
lungen, die Kurfürsten zur Wahl seines Sohnes Ferdinand zum
römischen König zu bewegen. Bald darauf, am 13. Februar
1637, ist er gestorben, zu einer Zeit, da das Ende des grau⸗
samen Krieges noch unabsehbar schien. Und war er nicht ge⸗
neigt gewesen, leichten Kaufs den Gegnern zu weichen und
Frieden zu geben, so war es sein Nachfolger, Ferdinand III.,
noch weniger. Er stellte sich in seiner Reichspolitik fest auf die
Grundlage des Prager Friedens als die von allen Reichsständen
anzunehmende Vorbedingung einer allgemeinen Pacifikation;
und sehr bald war zu spüren, daß er außerdem für eine all—
gemeine Friedensverhandlung tiefere Teilnahme einstweilen nur
zeigen werde, wenn zugleich die spanische Linie seines Hauses
mit günstigen Abschlüssen aus dieser hervorging. Konnte nun
eine solche Haltung durch die Ereignisse der nächsten Jahre
nach der Thronbesteigung Ferdinands III. erschüttert werden?
Was auch die protestantische Sache bis zum Jahre 16838 ge—
wonnen hatte, es wurde wett gemacht durch den Tod Bern—
hards von Weimar. Und darnach bedurfte es längerer Zeit,
bis zum erstenmal die neugefestete französisch-schwedische Koalition
militärisch so entschieden zur Geltung kam, daß sich der Kaiser
der Beachtung ihrer Erfolge nicht mehr gänzlich entziehen konnte.

Das geschah im Jahre 1640. Freilich war auch jetzt der
Kaiser noch nicht eigentlich gesonnen, von sich aus und im Ge—
        <pb n="415" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 757
fühl persönlichen Dranges Wege des Friedens zu wandeln,
vielmehr ward er dazu erst mittelbar, durch den Druck der
deutschen Reichsstände veranlaßt. Sehr begreiflich. Die kaiser—
lichen Erblande, wenigstens in dem weitaus bedeutendsten süd—
ostlichen Komplex, fühlten die Last des Krieges am wenigsten;
in furchtbarer Weise dagegen unterlagen ihr die teilweis völlig
wehrlosen Stände fast aller anderen Teile des Reiches. Ihre
Länder bildeten fast ohne Unterbrechung ein zusammenhängendes
Kriegstheater; sie erschienen sich vielfach mit Recht als die
Opfer der kaiserlichen und der französisch-schwedischen Politik.
An wen sollten sie sich nun in dieser Not wenden, wenn nicht
an Kaiser und Reich? Gewiß, das Reich war dermalen fast
zu einem leeren staatsrechtlichen Begriffe oder höchstens zu einem
losen Haufen in Widerspruch befindlicher staatsrechtlicher Be—
ziehungen geworden; deutlich hat es der schwedische Diplomat
Chemnitz im Jahre 1640 in einer Aufsehen erregenden Schrift
in diesem Sinne geschildert. Aber ließ sich aus seinen Trümmern
heraus nicht an einen, wenn auch nur notdürftigen Friedens—
aufbau denken? Oder, wenn dies nicht mehr möglich war,
war es dann nicht besser, mit den Resten einer mittelalterlichen
Verfassung aufzuräumen, die den Menschen und Zeiten nicht
mehr gewachsen war? Eben dies schlug Chemnitz vor; an
Stelle der monströsen Staatsbildung sollte ein in den Be—
ziehungen seiner Mitglieder untereinander klarer Staatenbund
treten: es war eine Idee, der vom monarchischen Standpunkte
aus schon Karl V. einmal nachgegangen war, die aber jetzt von
den Radikalen vertreten ward, während die meisten Reichsstände,
konservativ gesinnt, soweit als möglich eine Rekonstruktion er—
strebten.
Wie aber auch die Reichsstände im Einzelnen dachten: Unzu—
friedenheit mit dem Bestehenden, Drang nach Ordnung und Friede
herrschten überall. Und der Kaiser konnte sich dieser Stimmung
nicht mehr entziehen, wollte er nicht den radikalen Strömungen
die Thore öffnen; darum fügte er sich einer von den Reichsständen
ausgehenden dringlichen Aufforderung und berief zum Jahre 1640
einen Reichstag nach Regensburg. Es ist der Tag, von dessen
        <pb n="416" />
        758 Sechzehntes Buch. Viertes RKapitel.
vorübergehender Störung durch den Anmarsch eines schwedischen
Heeres unter Banoͤr die Rede gewesen ist!.

Erkannte nun aber der Kaiser nicht damit den alten Be—
stand der Reichsverfassung an, trotz seiner bisherigen Stellung—
nahme zum Prager Frieden? Er versuchte es, nur die Teil—
nehmer dieses Friedens zum Reichstag einzuberufen. Indes
als Gesandte auch anderer protestantischer Reichsstände ein—
trafen, wagte er nicht, sie zurückweisen zu lassen; es war ein
erster Triumph der ständischen, der deutschen Sache. Und
—DD
Er mußte, wenn auch nicht in der von den Protestanten ge—
forderten und von vielen Katholiken befürworteten Ausdehnung,
eine allgemeine Amnestie zugestehen; er mußte ferner anerkennen,
daß bei den künftigen Friedensverhandlungen nicht er allein für
Katholiken und Protestanten zugleich das Reich vertreten könne,
sondern daß vielmehr, eine notwendige Folge der konfessionellen
Spaltung, auch die Stände zu den Verhandlungen zuzulassen
seien; und er konnte endlich nicht umhin, in Verbindung mit
dem Reichstag die ersten Beschlüsse zu einer allgemeinen Friedens⸗
handlung zu fassen: in Münster und Osnabrück sollte ein
Friedenskongreß zusammentreten und diesem ein Reichsdepu—⸗
kationstag zu Frankfurt am Main zur Seite gehen.

In der That traten, wenn auch erst nach endlosen Weiterungen
und unter langsamstem Eintreffen der zur Verhandlung zugelassenen
Mitglieder, Deputationstag und Friedenskongreß im Jahre 1648
zusammen. Dabei verhandelten das Reich, die katholischen
Stände und Frankreich in Münster, während in Osnabrück die
evangelischen Stände, die Schweden und nach Bedarf auch der
Kaiser durch seine aus Münster herzueilenden Räte vertreten
waren.

Indes wäre es eine gründliche Täuschung gewesen, hätte
man nun etwa angenommen, es könne in glatten Verhandlungen
rasch das ersehnte Ziel des Friedens erreicht werden. Schon
die Thatsache, daß die Verhandlungen intenfiver erst im Jahre

S. oben S. 754.
        <pb n="417" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 759
1645 begannen, mußte zur Vorsicht in allen Erwartungen
mahnen. Vor allem befand sich unter den Paciszenten einer,
der sich noch keineswegs für besiegt und unterworfen hielt, das
war der Kaiser. Sowie die Erfolge seiner Truppen auf den
verschiedenen Kriegsschauplätzen ihn auch nur ein wenig wieder
hoben, zeigte er sich zäh und störrisch, ja hatte sogar nicht übel
Lust, die Zugeständnisse der Amnestie und der Vertretungs—
fähigkeit der Reichsstände selbst in dem Umfange, wie sie in
Regensburg gewährt worden waren, als nicht vorhanden zu
betrachten. Es war eine Haltung, die die innerdeutschen Ver—
handlungen auf dem Deputationstage zu Frankfurt aufs empfind⸗
lichste beeinträchtigte und schließlich störte, die aber auch auf dem
westfälischen Kongresse so lange Schwierigkeiten verursachte, als
der Rückgang der kaiserlichen Sache nicht, wie es erst seit 1645
und noch mehr seit 1648 geschah, augenscheinlich zu Tage trat.

Doch auch abgesehen von der Haltung des Kaisers waren
die Schwierigkeiten der Lage in keiner Weise zu verkennen.
Soweit die Reichsverfassung nicht schon vor dem Kriege in den
fortwährenden Stößen der konfessionellen Zwiste zerbröckelt
worden war, konnte sie als durch den Prager Frieden gestürzt
betrachtet werden, denn dieser hatte die wichtigsten Gegenstände
der Reichsgesetzgebung zum Vorwurf vertragsmäßiger Verein—
barung und verschiedenartiger Behandlung unter den Ständen
des Reiches gemacht. Die Folge dieser Vorgänge war gewesen,
daß sich die Reichsstände nunmehr als mehr oder minder souverän
und als jedenfalls zur Entwicklung eigener auswärtiger Politik
berechtigt zu betrachten begannen. So hatten sie mit fremden
Mächten abgeschlossen, mit Dänemark, mit Schweden, mit Frank—
reich. Aus diesen Abmachungen waren Entschädigungsansprüche
dieser fremden Mächte für Kriegskosten und Verwandtes
hervorgegangen. Wer sollte diese Entschädigung jetzt gewähren?
Konnte das irgend jemand anders auf sich nehmen, als das
Reich im Ganzen? Geschah es aber seitens des Reiches, so
mußte dessen staatsrechtlicher Begriff wieder konkreter gefaßt
werden; und dann ging es kaum anders an, als daß die ge—
iamten auswärtigen Staaten, als Besitzer von nur in Grund

Lamprecht, Deutiöche Geschichte. V. 2. 49
        <pb n="418" />
        760 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
und Boden zu befriedigenden Ansprüchen, wenigstens für die
ihnen zuzusprechenden Territorien zu Gliedern des Reiches ge—
macht wurden. Und würden sich die auswärtigen Mächte mit
dem Empfang einer solchen Entschädigung in Land und Leuten
zufrieden stellen lassen? Hatten sie nicht ein Interesse daran, auch
die innerdeutschen Verhältnisse ganz allgemein in ihrem Sinne
mit geordnet zu sehen? Waren wenigstens Dänemark und
Schweden nicht auch für konfessionelle Fragen mit in den Krieg
gezogen?

Indem die fremden Mächte aus diesen Gründen von der neuen
Ordnung der deutschen, vaterländischen Dinge nicht fern ge—
halten werden konnten, brachten sie indessen für deren Einzel—
heiten nicht alle das gleiche Interesse mit. Sehen wir von dem
minder beteiligten Dänemark ab, so trat Schweden natürlich
für den Protestantismus ein. Frankreich andererseits hatte
katholische Interessen. Es war ein Glück für die Auseinander—
setzung im deutschen Sinne, daß dem so war. Denn wären
die beiden größten auswärtigen Mächte in allen Fragen zum
Schaden Deutschlands einig gewesen, es wäre ein ganz
anderer, noch viel unglücklicherer Ausgang der Friedensver—
handlungen unvermeidlich geworden.

Und diese für die deutschen Geschicke nach allem, was
geschehen war, nicht ganz ungünstige Lage wurde noch durch ein
weiteres Moment gebessert. Die erwähnten Gegensätze zwischen
Frankreich und Schweden kamen wiederum nicht ganz rein zum
Ausdruck. Frankreich war wohl den Katholiken sympathisch, aber
es wünschte keine starke Machterhöhung des katholischen habs—
burgischen Kaisers, und darum nahm es sich gelegentlich auch
protestantischer Forderungen gegen diesen an. Schweden aber
war zwar protestantisch gesinnt, indes, wo es darauf ankant,
der deutschen Centralgewalt Abbruch zu thun, konnte es auch
den Katholiken entgegenkommen. Man sieht: günstig war diese
Trübung der ausgesprochenen Gegensätze in der Haltung der großen
auswärtigen Mächte dem Ziele eines friedlichen Beieinanders der
Konfessionen im Reiche, ungünstig war sie dem Kaisertum. Ein
solches Ergebnis der beiderseits bestimmenden Momente aber
        <pb n="419" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 761]
lag durchaus in deutschem Interesse. Denn war die Thatsache, daß
die Nation in Zukunft mehreren Konfessionen angehören werde,
nicht mehr rückgängig zu machen, so mußte die Stärkung einer
Centralgewalt, die der einen Konfession nun einmal in bekannter
Intoleranz zufiel, als mit dem Ziele des Ganzen unvereinbar
betrachtet werden.

Am 24. Oktober 1648 hat der Kaiser, nach mannigfachen
Versuchen, Schweden gegen Frankreich und Frankreich gegen
Schweden auszuspielen, gedrängt durch die für ihn seit 1645
immer ungünstiger verlaufenden kriegerischen Ereignisse, den
Frieden bestätigt. Es war ein in ganz Deutschland seit langem
ersehnter Schritt. Aber freilich, welche Opfer legte er dem
Reiche und der Nation auf!

Das Reichsgebiet ward an seinen südwestlichen wie seinen
nordwestlichen Grenzen förmlich zerstückelt. Sieht man davon
ab, daß die beiden nur noch reichsverwandten Länder an der
Westgrenze, die Schweiz und die Niederlande, jetzt völlig aus
dem Reichsverbande ausschieden, so handelte es sich vor allem
um die Entschädigung Frankreichs und Schwedens.

Frankreich gegenüber hatte der Kaiser anfangs geglaubt,
mit der Anerkennung des rechtmäßigen Besitzes der seit Mitte
des 16. Jahrhunderts von den französischen Königen ent—
fremdeten Bistümer Metz, Toul und Verdun auskommen zu
können. Welche Täuschung! Während des Krieges hatten die
französischen Heere Lothringen besetzt und den Herzog verjagt;
wie den Besitz der drei Bistümer betrachteten die Franzosen
auch den Lothringens als selbstverständlich; und darum ver—
langten sie mehr. Mochte der Kaiser sich auch noch so sträuben,
er mußte die Ausdehnung ihres Machtbereichs bis zum Rheine
zugeben. So erhielten sie das Besetzungsrecht von Philippsburg
(Mannheim) und vor allem das Elsaß, wenn auch unter dem un—
klaren und, wie sich in der Folgezeit ergeben sollte, wirkungslosen
Versprechen, die unmittelbaren Reichsgebiete des Landes
unbeschadet des französischen Oberhoheitsrechtes im Besitze ihrer
Reichsfreiheit aufrecht zu erhalten.
3*
        <pb n="420" />
        762 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Die Abtretungen an Frankreich hatten neben dem Reiche vor
allem das Haus Habsburg getroffen, denn ihm gehörte der größte
Teil des Elsasses, ja das Elsaß war die Krone der vorderösterreich⸗
ischen Besitzungen. Dies Verhältnis hatte zwar zur Folge, daß die
Abtretungen an die Franzosen keine weitere Besitzverschiebung
in Süddeutschland nach sich zogen; zugleich aber ergab sich
doch aus ihm eine wesentliche Anderung in den politischen
Interessen der süddeutschen Reichsglieder. Konnte sterreich
jetzt, nachdem es den wertvollsten Teil seiner westlichen Be—
sitzungen verloren hatte, noch mit demselben Anteil wie bisher
sich dem Schutze der Westgrenze des Reiches widmen? Die
erste Stufe einer verhängnisvollen Entwicklung, in der ster—
reich allmählich auf die bloße Beachtung südostdeutscher
Interessen zurückgedrängt wurde, war erreicht.

Andererseits führten die Veränderungen, welche die Ent—
schädigung Schwedens im Nordosten hervorrief, zu einer
wichtigen Ausgestaltung der jungen nordostdeutschen Macht, der
Mark Brandenburg.

Schweden erhielt im Verhältnis zu Frankreich nur geringe
Entschädigungen, Vorpommern mit Rügen, von Hinterpommern
Stettin, Garz, Damm, Golnau und die Insel Wollin mit dem
frischen Haff, in Mecklenburg Wismar und endlich an der
Nordsee die Bistümer Bremen und Verden. Für alle diese
———
wie Dänemark sie für Holstein besaß. Es war eine Ausstattung
mit deutschem Besitze, die die Entwicklung eines vollen
Dominium maris baltici durch die Krone Schweden verhindern
sollte und verhindert hat.

Nun hatte aber Brandenburg wohlbegründete Rechte auf
die pommerschen Lande geltend machen können, während
Wismar zu den mecklenburgischen Ländern gehört hatte. Für
beide deutschen Mächte mußte daher nach dem Muster, das
man schon mit der Säkularisation Bremens und Verdens zu
Gunsten Schwedens gegeben hatte, eine Entschädigung in geist—
lichem Besitz gesucht werden. Mecklenburg erhielt in diesem Sinne
        <pb n="421" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 763
die Bistümer Schwerin und Ratzeburg, Brandenburg das
Bistum Camin, die Aussicht auf das Erzstift Magdeburg nach
dem Tode des gegenwärtigen Administrators und die Bistümer
Halberstadt und Minden. Während Österreich in seinen süd⸗
westdeutschen Besitzungen geschwächt ward, wurde Brandenburg
durch Zuteilung von Ländern, die nach Nordwestdeutschland
schauten, einem politischen Berufe zugeführt, der mehr als den
bloßen Nordosten ins Auge fassen mußte.

Mit den angegebenen Änderungen waren aber die territo—
rialen Verschiebungen innerhalb des Reiches noch nicht erschöpft.
Zunächst folgte aus der Amnestie, die für die Ereignisse nach
dem Jahre 1618 gelten sollte, daß die seitdem aus ihrem
Besitze vertriebenen Reichsstände in diesen wieder eingesetzt
werden mußten. In Betracht kam hier namentlich das
pfälzisch-wittelsbachische Haus; es erhielt wenigstens die Rhein⸗
pfalz zurück, und mit dieser wurde eine achte Kurwürde ver—
hunden.
Wichtiger aber, als die aus der Amnestie sich ergebenden
Besitzänderungen, war die Regelung derjenigen Besitzfragen, die
sich an die Aufrichtung konfessioneller Toleranz anschlossen.
Ja, da die Toleranz von allen Seiten als grundsätzlich not—
wendig anerkannt ward, sich also über sie kein Streit erhob,
so bildeten die Besitzfragen, die mit ihrer Einführung verknuͤpft
waren, eigentlich den wichtigsten Teil der Erörterungen. Es
handelte sich hier um den Entscheid, welche der geistlichen
Fürstentümer als protestantisch zu betrachten seien, welche als
katholisch, — also um das alte Problem des geistlichen Vor—
behalts. Da konnten sich nun die Katholiken der Einsicht
nicht mehr verschließen, daß an eine Restitution aller geistlichen
Länder an katholische Prälaten nicht mehr zu denken war; wäre
sie eingetreten, so hätte sie den katholischen Charakter der Reichs—
verfassung in einer den Protestanten unerträglichen Weise festgelegt,
ganz abgesehen von ihrer sonst augenscheinlichen Unmöglichkeit.
Und so bewegte sich denn der Streit nur noch um die Frage,
welche geistlichen Fürstentümer als endgültig protestantisch
anzusehen seien. Die Protestanten schlugen hier vor: alle, die
        <pb n="422" />
        764 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel.
im Jahre 1618 von protestantischer Seite besessen worden
seien. Es wäre eine Feststellung auf die Zeit größter Aus—
dehnung des protestantischen Einflusses gewesen. Die Katholiken
und der Kaiser dagegen wollten den Termin auf 1630 gesetzt wissen,
auf das Jahr, in dem das Restitutionsedikt von 1629 am
stärksten gewirkt hatte. Bei dieser Lage konnte nur ein Kom—
promiß helfen; man verglich sich schließlich auf das Jahr 1624.
Darnach blieben alle geistlichen Fürstentümer, die am 1. Januar
1624 protestantisch regiert worden waren, dauernd protestantisch.
Es waren die Erzbistümer Magdeburg und Bremen, die Bis—
tümer Lübeck, Camin, Schwerin, Ratzeburg, Brandenburg,
Havelberg, Lebus, Meißen, Merseburg, Naumburg, Halberstadt,
Verden und Minden; dazu die Reichsabteien Gernrode,
Quedlinburg, Gandersheim, Walkenried, Herford und Hersfeld.
Dem Bistum Osnabrück sollte abwechselnd ein katholischer und
ein protestantischer Bischof vorstehen. Alle übrigen geistlichen
Fürstentümer, vor allem also alle Bistümer des Westens und
Südens, blieben katholisch.

War damit ein⸗ für allemal eine dauernde territoriale
Begrenzung der beiden Konfessionen hergestellt, soweit es sich
um geistliche Länder handelte, so mußte um so mehr für die
Toleranz innerhalb der einzelnen Territorien gesorgt werden.
Insofern führte die Aufhebung des geistlichen Vorbehalts neben
anderen Gründen mit die Beanstandung des alten Grund—
satzes cuius regio eius religio herbei. Wo protestantische
Unterthanen unter katholischen, katholische Unterthanen unter
protestantischen Fursten vor dem Jahre 1624 im herkömmlichen
Genuß ihrer Religion gesessen hatten, sollten diese Rechte
zeschützt sein. Für die nach dem Jahre 1624 zu gewärtigenden
Anderungen des Konfessionsstandes aber wurde bestimmt, daß
im allgemeinen Duldung gewährt und den Andersgläubigen
namentlich der freie Gebrauch der Hausandacht überall zuge—
lassen werden sollte. Auch sollte der Konfessionsstand niemals
Benachteiligungen in den bürgerlichen Rechten nach sich ziehen.

Alle diese Bestimmungen galten für alle deutschen
        <pb n="423" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 765
Territorien — mit Ausnahme derer des Hauses Habsburg.
Hier wurden sie nur in starken Beschränkungen, namentlich in
bloßer Beziehung auf die höheren Stände, zugelassen; auf keinen
Fall wollte der Kaiser der Früchte der habsburgischen Gegen—
reformation verlustig gehen.

Für das Reich dagegen blieb ihm nichts übrig, als die
Konsequenz der religiösen Duldung, die verfassungsmäßige
Parität der beiden Konfessionen, zuzugeben. Dem entsprechend
wurden alle höheren Reichsinstitutionen, vor allem das Reichs—
kammergericht und die Reichsdeputationen von jetzt ab nach dem
Grundsatz konfessioneller Gleichberechtigung besetzt.

Schwierigkeit machte die Anwendung dieses Grundsatzes
nur bei der wichtigsten aller Reichsinstitutionen, bei dem
Reichstag selbst. Und hier wurden sie durch die sonst einge—
tretenen verfassungsmäßigen Änderungen noch gewaltig ver—
größert.
Schon längst hatten die einzelnen Reichsstände sich inner—
halb der Reichsverfassung wie im Verkehr mit auswärtigen
Staaten mit einer Freiheit bewegt, die selbst in einem Bundes—
staate, ja beinahe in einem Staatenbunde undenkbar ist. Sie
hatten untereinander Verträge von jederlei Art, gelegentlich
auch solche gegen das Reichsoberhaupt abgeschlossen. Nicht
minder hatten sie mit fremden Mächten gegen den Kaiser
konspiriert. Seitdem in Karl V. ein fremder Herrscher auf
den Kaiserthron gelangt war, seitdem die konfessionelle Spaltung
die Protestanten den Skandinaviern und Engländern, die
Katholiken den Spaniern und Italienern genähert hatte, hatte
niemand mehr in solchem Vorgehen etwas sittlich Be—
denkliches gefunden, obwohl sein revolutionärer Charakter
reichsrechtlich außer Zweifel stand. Jetzt nun erhielt, was
bisher Brauch gewesen war, die feste Unterlage des Gesetzes.
Nach Artikel VIII des Friedensvertrags wurden alle deutschen
Reichsstände mit voller Landeshoheit ausgestattet, sowohl für
die innere Entwicklung ihrer Staaten wie für die auswärtige
Politik; sie konnten demnach mit fremden Staaten zu ihrer
        <pb n="424" />
        766 Sechzehntes Buch. Viertes Rapitel.
Erhaltung und Sicherheit Bünde abschließen; ausgenommen
waren nur Bünde, die sich gegen den Kaiser und Reich ge—
leisteten Eid richteten. Was bedeutete nun eine solche Bestimmung?
Offenbar zerlegte sie das alte Reich in einen lockeren Staaten—
bund; denn wie sollte sich neben ihr eine Centralgewalt, mit
ausgedehnter Verwaltung etwa gar und gesetzgeberischer Initiative,
auswirken können? Es war klar: der Kaiser war jetzt fast seiner
letzten Gewalten verlustig. Gesetzgebungsrecht und Steuerbe—
willigungsrecht gingen ganz an den Reichstag über.

Aber war der Reichstag andererseits in der Lage, seine Rechte
energisch zur Ausgestaltung eines umfangreichen und eingreifen—
den Reichsrechtes auszuüben? Der Reichstag bestand jetzt
aus drei Kurien mit 8 Kurfürsten, 69 geistlichen und 96 welt⸗—
lichen Fürsten, sowie 61 Reichsstädten, denen man nun, nach ihrer
Niederlage gegenüber den fürstlichen Gewalten, ein unbegründet
ausgedehntes Stimmrecht gewährt hatte, nebst zwei Stimmen
nicht gefürsteter Prälaten und vier Stimmen von Grafen und
Herren. Zur gesetzlichen Geltung einer dem Reichstag ge—
machten Proposition war Einstimmigkeit dieser drei Kurien
erforderlich. Wann sollte sie je rasch und schlagfertig erreicht
werden! Das Fehlen eines Majoritätsrechtes legte von vorn—
herein die Thätigkeit des Reichstags lahm.

Und wie konnte nun gar, um die Frage zu wiederholen, in
diese Institution hinein der dringlich erforderte Grundsatz
der Parität gebracht werden? Man fand gegenüber der Selb—
ständigkeit der einzelnen Reichsstände und dem Wirrsal der ge—
meinsamen Institutionen keinen irgendwie organischen Ausweg;
bestimmt wurde schließlich, daß in Religionssachen nicht nach
dem gewöhnlichen Geschäftsgang verfahren, sondern eine
Trennung der Stände nach Konfessionen (itio in partes) statt⸗
finden sollte, wobei denn im Fall der Nichtübereinstimmung
beider Teile der Weg gütlicher Vergleichung zu betreten sei.

Konnte hier noch von staatsrechtlicher Bewältigung der
bestehenden Schwierigkeiten gesprochen werden? Die Bestim—
mungen über die itio in partes bedeuteten im Grunde die
Bankerotterklärung der Reichsverfassung; die Anerkennung der
        <pb n="425" />
        Union und Liga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 767
Parität hatte schließlich doch das alte Gefäß des mittelalter—
lichen Staates gesprengt.

So, in einer nicht mißzuverstehenden Zerrüttung aller
einigenden Elemente ihres Staatslebens, ging die Nation einer
zweifelhaften Zukunft entgegen, in der ihr Rettung nur noch
aus der kräftigen Entwicklung der Einzelstaaten werden konnte.
        <pb n="426" />
        Abgeschlossen Anfang Juli 1895. Die Bogen 24 bis 29
sind schon um Ostern 1894 gedruckt worden. In Ergänzung
der Band 12 Vorwort S. IX pf. erwähnten Litteratur und ab—
gesehen von der Benutzung der einschlagenden Speziallitteratur an
einzelnen Stellen drängt es mich, hier noch dankbar zu er⸗
wähnen, wieviel ich für große Partien dieses Bandes den Ar—
beiten v. Bezolds, Busken-Huets, v. Druffels, Ritters, Stieves,
Wenzelburgers, Winters verdanke. Für gewisse Partien hatten
außerdem Professor Stieve in München und Dr. Marr in Leipzig
die Güte, die Korrektur mitzulesen und mir wertvolle Berich⸗
tigungen zu teil werden zu lassen. Ich danke ihnen auch an
dieser Stelle dafür von Herzen. — S. 627638 sind schon
in Nr. 23 der Zukunft vom 29. März 1895 im wesentlichen
in der hier gegebenen Fassung gedruckt worden. S. 546 3. 11
v. u. l. st. Schwägerin Schwester.

Tamprecht.

Pierer'sche Hofbuchdruckerei. Stephan Geibel &amp; Co. in Altenburg.
        <pb n="427" />
        <pb n="428" />
        7
n
X
5 —
n
*
532
2“

3
—
*

3

2
—*

sieht
Pro

8

D
cn
nur
den

3
—9—

Deu

de

hinn

—
0—

—
2

ga, dreißigjähriger Krieg, westfälischer Friede. 745
etwas warmherzigeren Haltung der süddeutschen
Heilbronner Bundes ab, so hielten jetzt fast
von Hessen und Bernhard von Weimar zu

volle Ruin des schwedischen Ansehens in
ruden blutigen Schatten des Friedländers
Kaiser gesiegt.

VI.

2
*

burg
nomi
umd
wie!
die
war
träch
mänr
Bese
nisch
nis cha
ganz
den
9
sändi

offen
Er s
staate
besor
ander
Umsté

5
C

2

2
F

*
7

2
— —

2
— 9 —

Schwedens rief Frankreich auf den Plan.
war durch Richelieu die hergebrachte habs—
tik mit ungemeinem Geschick wieder aufge—
ẽs handelte sich dabei lange Zeit nicht so sehr
jegen die deutsche Linie des Hauses Habsburg,
gegen die spanische. Dieser Linie gehörten
örten Italien und Spanien; sie am allerehesten
Frankreichs Stellung in Europa zu beein—
ar Richelieu schon im Beginn seiner staats—
Thätigkeit gegen sie vorgegangen; durch
iner Alpenpässe und Teilnahme am mantua—
g hatte er einen Keil zwischen die italie—
derländischen Besitzungen Spaniens getrieben,
Bestrebungen des Gegners, womöglich an
zösischen und deutschen Wesens ein neues
Verbindung seiner italienischen und nieder—
sen zu errichten!.
igenblick an aber hatte sich Richelieu von der
ig gegen das Haus Habsburg zurückgezogen.
e Frankreichs einstweilen durch die General—
n Protestanten und die Schweden genügend
nichts zu thun, als diese Mächte unterein⸗
zu setzen und zu erhalten und sie unter
„Il zu stützen. Es war die konsequent von

F

*
—3—

2
8

*
7
d
2
5
*

D
0
3
5

2
—
—
8
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
