Erstes Kapitel. Voraussetzungen der Wandlung des Seelenlebens vom sechzehnten zum achtzehnten Jahrhundert. 1. Der allgemeine Charakter des seelischen Lebens in der Zeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert wurde durch die großen Vorgänge des ausgehenden 15. und des beginnenden 16. Jahr— hunderts bestimmt. Wie der Regel nach diejenigen Erscheinungen eines neuen seelischen Zeitalters zuerst auftreten, die sich auf die ursprünglich am stärksten entwickelten Seiten der mensch— lichen Seelentätigkeit, auf Gemüt und Phantasie beziehen, so war in dieser Zeit in der bildenden Kunst und teilweis in der Dichtung, vor allem aber in den großen Fragen gefühl— voller Weltanschauung, in der Religion, die neue Stufe indivi— dualistischer Kultur unter gewaltigem Kampfe der Helden wie der politisch und geistig führenden gesellschaftlichen Massen er— rungen worden. Aber es fehlte viel, daß das individualistische Zeitalter damit schon in volle Blüte getreten wäre. Vielmehr waren eben auf dem Gebiete, das vielleicht das bezeichnendste dieses neuen Zeitalters ist, auf dem intellektuellen, die Konsequenzen der neuen seelischen Haltung erst noch zu ziehen. Denn hatte die Kunst den Menschen jetzt in seiner Fähigkeit für die An— schauung der Erscheinungswelt den Dingen so nahegebracht, daß deren künstlerische Wiederbelebung, wenigstens soweit der Umriß der Form und die Lokalfarbe des Gegenstandes in Be— tracht kam, kaum noch Schwierigkeiten unterlag, und war durch