Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 29 Wirkungen im Laufe des 16. und noch mehr des 17. Jahr⸗ hunderts zum Teil derjenigen einer anderen geschichtlichen Tradition untergeordnet und eingeschrieben wurden, die in weit vollkommnerer Weise noch das Fühlen und Denken der Neuzeit beherrschte, der christlichen? Dies geschah nun aber von den im Grunde rein formalen zwei Seiten her, von denen aus das Christentum überhaupt mit der Autike Fühlung gewonnen hatte. Im Mittelalter — lateinischen Sprache, dem Christentum einmal zur Bewahrung der kirchlichen Tradition gedient. Daher hielten die konservativen Konfessionen wenigstens noch im 16. bis 18. Jahrhundert zäh am Latein— sprechen und seinen Voraussetzungen fest. Und weiter hatte die Antike dem späteren Christentum die Überlieferung seiner Urzeit vermittelt: das Neue Testament ist griechisch geschrieben, und die christliche Gesellschaft der ersten Jahrhunderte der römischen Kaiserzeit, bis auf Irenäus und Origenes, hatte die Auswahl seines Kanons besorgt. Darum blieb das Verständnis dieser frühesten Traditionen an die Kenntnis der antiken Sprachen und der antiken Welt gebunden. In doppelter Hinsicht also, aber jedesmal formal, bedurften die Kirchen die Antike. Was Wunder, wenn sie den Humanismus auf die formale Rolle, für die er ihnen unentbehrlich war, zunächst einzustellen und dann zu beschränken suchten? Es bezeichnet die Macht der konservativen Kräfte des Christentums, daß ihnen das im Katholizismus fast ganz, im Luthertum so ziemlich gelang; nur auf reformiertem Boden und damit innerhalb des Deutsch⸗ tums vor allem in den Niederlanden, hat sich der Humanismus aus Gründen, die wir bald kennen lernen werden, freier ent— wickelt. Allein hat nun auf christlichem Boden nicht an sich schon die Reformation im höchsten Grade befreiend gewirkt? Erschloß sie nicht dem geschichtlichen Blicke unendliche, dem Mittelalter nahezu noch unbekannte Weiten? Gewiß bedeuteten die Anfänge aller Reformation, sei es Luthers, sei es Zwinglis und Calvins, eine ungeheure Eman—