Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 39 auch das heutige Palais auf dem Dam, ein fürstliches Rat⸗ haus, wurden nicht minder die Westkirche mit dem kronen⸗ geschmückten Turm und die schönen Giebelhäuser der Heeren— ind Keizersgracht gebaut — wo man hinsah, da ging es hoch her und prunkend. Und gleichzeitig etwa wurden auch die großen Docks, Werften, Höfe, Magazine und Seilerbahnen der Dstindischen Kompanie und der holländischen Admiralität er— richtet. War es zu verwundern, daß diese Stadt und daß die Provinz, deren Haupt sie war, herrs chen wollten in der Republik? Nicht selten schien es, als müsse ihr Sonderinteresse den Wahl⸗ spruch des Ganzen: Concordia res parvae crescunt vergessen lassen. Aber immer hielten doch die alten Bindemittel wieder alle Provinzen zusammen: die gemeinsamen Gepflogenheiten aus der burgundischen Zeit und die im Statthalteramt ge⸗ wahrte Tradition der burgundischen Verwaltung, die Erinne— rungen an die großen Jahrzehnte der Befreiung, die analoge Ausgestaltung der städtischen Verwaltungen und Verfassungen; und dazu kam als neue, festeste Klammer die Entwicklung einer gesamtnationalen Kultur in Sitte und Sprache, in Kunst und Wissenschaft. Zudem war die bundesstaatliche Gesamtverfassung, so locker, wie sie auch auf den ersten Blick gefügt erschien, doch eben in ihrer Toleranz gegenüber allem Partikularen, in ihrem gemächlichen Entgegenkommen gegenüber der Regung jeder provinzialen und städtischen Kraft wohlgeeignet, dies reiche und widerspruchsvolle Leben zusammenzuhalten. Zwar der nach Oraniens Ermordung im Jahre 1584 be⸗ gründete Raad van State, aus zwölf durch die Provinzen herufenen Mitgliedern bestehend, hatte sich als zentrale Ereku— tive, wie er anfangs gedacht war, keineswegs bewährt. War ihm einerseits das steigende Ansehen Morizens, des zweiten Draniers, entgegengetreten, so hatten anderseits die General⸗ staaten selbst bald seine Stelle eingenommen. Denn die General⸗ staaten, keineswegs eine nationale Vertretung im modernen Sinne, sondern vielmehr dem Bundesrat des heutigen Deutschen