Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 57 sich noch inhaltsleere Vorgänge, wie es schließlich zunächst die Erweiterungen des räumlichen wie des zeitlichen Horizontes waren, wie vielmehr durch positive Sicherungen und Fort— schritte im gesellschaftlichen Körper der Nation; erst auf diesem Boden sind die stärksten Wurzeln eigner, vorwärtsstrebender Kraft zu finden. Denn ein nur geistig errungener Indivi⸗ dualismus, selbst wenn er stark religiöser Natur ist, würde, im Falle, daß man ihn überhaupt vom sozialen Individualismus tatsächlich getrennt denken könnte, keineswegs vor der äußer⸗ lichen Unterjochung und schließlich auch innerlichen Bindung der Individuen durch den Staat schützen. Hat es doch Dok— trinäre gegeben, die das Individuum im selben Augenblicke dem Staate preisgaben, da sie es von den Banden der Kirche lösten: so im 16. Jahrhundert Macchiavelli und Bodinus. Aber eben dies 16. Jahrhundert erlebte tatsächlich in Deutschland noch in weitestem Ausblühen eine Lockerung der mittelalterlich gebundenen sozialen Formen ins Feinere und demgemäß eine positiv weitergehende, im gesamten realen Kulturzustand begründete größere Freiheit des Individuums, his die allgemeine unglückliche Wendung der Geschicke wenigstens in Binnendeutschland dieser Bewegung Einhalt tat. Und so finden sich auch schon rein äußerlich individuale Formen ge— sellschaftlichen Lebens, die vorher nie gekannt worden waren: Briefwechsel rein aus geselligen Neigungen, feinerer Gesellschafts⸗ ton bei „Spiel und Phantasei“, größerer Wechsel und ein wenig mehr Geist in den geselligen Unterhaltungen und als besondere Gattungen des Beisammenseins mehr wie jemals zuvor Zweck— essen und Klatschgespräche. Die Vorgänge aber, welche diese größere Freiheit des Individuums vermittelten, sind zunächst auf sozialem Gebiete zu suchen. Wie lange war es da her, daß aus der unterschiedslosen Einheit des Geschlechtes als natürlicher Gesellschaftsform die heutigen drei Hauptgruppen wirkender sozialer Subjekte hervor— gegangen waren: die öffentlichen Körperschaften, die Familien und die für sich stehenden privaten Individuen und Verbände!