34 Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel. wohl studieren lassen, könnten es aber nicht, weil die Zinsen ihrer ausgeliehenen Kapitalien ausblieben. Im Charakter seiner Ideale aber setzte sich dies Bürgertum den großen Bildungsidealen der Vergangenheit schließlich stark entgegen. Denn wenn es auch keineswegs religionsfeindlich war, so er— strebte es doch noch weniger eine ausschließlich geistliche Kultur im Sinne der universalkirchlichen Bildung des mittelalterlichen Klerus, jener merkwürdigen, auf Grund überaus früher und über⸗ aus starker Rezeptionen vollzogenen besonderen Standesbildung des Mittelalters; es ist dafür bezeichnend, daß seit dem 14. Jahr— hundert an Stelle der alten geistlichen Städte Mainz, Worms, Speier, Köln speziell bürgerliche Städte, wie Nürnberg, Ulm, Frankfurt, Lübeck, besonders aufgeblüht waren. Und wenn dasselbe Bürgertum auch der ästhetischen Seite des Lebens nicht fernstand, ja, in den bildenden Künsten schon seit dem 14. und 15. Jahrhundert Zeiten hoher Blüte erlebt hat, so hat es sich doch niemals zu den rein künstlerischen Bildungs— idealen der ritterlichen Zeiten des 12. und 13. Jahrhunderts bekannt, sondern, schon aus seinem Berufe des Rechnens heraus, im ganzen mehr verstandesmäßiger Durchbildung ge— huldigt. Von hier aus gewann es Fühlung mit dem Humanis— mus, der auch in diesem Zusammenhange zur Gelehrsamkeit werden mußte, und von hieraus entwickelte es auch die geistige Grundlage für die Entfaltung der Naturwissenschaften. Denn die großen Erfolge der Mechanik des 17. Jahrhunderts, neben der Entwicklung der Mathematik zur Analysis die wesentliche Voraussetzung für das spätere Aufblühen der Physik und Chemie, wären unmöglich gewesen ohne eine lang vorher— gehende konstruktiv-gewerkliche Tätigkeit und eine dieser ent— fließende mechanistische Anschauungskraft der bürgerlichen Kreise. Mit Recht bemerkt Goethe einmal in dem geschichtlichen Teile seiner Arbeiten zur Farbenlehre, jener Fundgrube feinster Be— obachtungen zur Geschichte der Naturwissenschaften“, in diesem Zusammenhang: „Die Kultur des Wissens durch inneren Trieb Werke (Weim. Ausg.) II 3, 180 f.