Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 79 nichtend, und der mit dieser Zeit einsetzende Versuch, die alt⸗ ererbten Hausindustrien stärker zu beleben, scheiterte. Es zeigte sich, daß der wirtschaftliche Körper der Republik verlebt war. Aber nicht besser stand es mit dem politischen Körper: Korrup⸗— tion der Verwaltung, verknöcherte Cliquenwirtschaft in der Regierung, unerhörte Steuerlast waren hier die Signatur; und heftige Kämpfe um die Mitte des Jahrhunderts, nachdem der Orauier Wilhelm IV. die erbliche Statthalterwürde erhalten hatte, haben daran wenig geändert. So brachte die zweite dälfte des 18. Jahrhunderts auch nach außen hin keine Erfolge mehr: man war erschöpft; in demselben Jahr, 17883, das Eng⸗ land im Versailler Frieden die unbestrittene Herrschaft zur See — D0 auf Austausch der nordischen Erzeugnisse beruhenden Mittelmeer— handel bis zur Hälfte des einstigen Umfanges verringert; und es war nur ein Symbol gleichsam dieses Ruins, wenn um dieselbe Zeit etwa die seit 1648 suspendierte freie Schiffahrt auf der Schelde, der alten Konkurrentin, von neuem eröffnet ward. Im Innern freilich lebten die alten Geschlechter noch in einem Reichtum fort, den man durch die Zinsen der Staats⸗ schuldverschreibungen des In- und Auslandes mühelos ins Ungeheure mehrte — der Zinsfuß sank im Laufe des 18. Jahr— hunderts auf 3 und 21/2 0,0, während er im 17. Jahrhundert ß bis 40/0 betragen hatte —, aber tätig war man nicht mehr. Und mit der politischen und wirtschaftlichen Energie wich auch die geistige Spannkraft. Dem jungen Schweizer Haller, dem Dichter und Physiologen, erschienen nach den Aufzeichnungen in seinen holländischen Tagebüchern (172521732) auch die Unterrichtsanstalten des Landes zurückgeblieben, die literarischen Erzeugnisse gegenüber den englischen veraltet und lebendig nur noch die äußeren Formen alten geistigen Daseins: Bücher— liebhaberei ohne Interesse am Lesen, Geselligkeit ohne Frauen, gutmütiges Phlegma überall. Die Zeiten niederländischer Größe waren entschwunden.