Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 103 AÄhnlich fremd aber wie die Natur erschienen dem ein— zelnen Individuum bald auch im Grunde die anderen mensch— lichen Individuen; es hatte zu ihnen eigentlich nur diejenigen Verhältnisse, die es ausdrücklich einging. So wurde der Mensch als politisches und soziales Wesen vollständig verkannt; seine altruistischen Neigungen, auch soweit sie auf künstlerisches, geistiges, sittliches, politisches Zusammenleben gingen, erschienen vom natürlichen Standpunkte aus als unbegreiflich, und erst die Annahme eines formalen Übereinkommens machte dem Zeit— alter die Entstehung der Sprache, der Religion, des Staates verständlich. Nun hat allerdings die seelische Disposition und die Theorie des Individualismus niemals in absolutester Schärfe ganz bestanden; immer wieder zeigte das Leben selbst, daß neben den intellektuellen auch noch andere seelische Fähigkeiten: sinn— liches Gefühl, Trieb, Empfindung, Einbildungskraft, vorhanden waren und Anerkennung verlangten. Ja es wäre geradezu möglich, eine intime Geschichte des individualistischen Zeitalters allein von dem Gesichtspunkte aus zu schreiben, inwiefern sich diese angeblich niederen Eigenschaften der Seele immer mehr und mehr wieder Anerkennung als wichtige und dem Verstande ebenbürtige, wenn nicht gar überlegene Faktoren errangen; und Spinoza und vor allem Leibniz würden in einer solchen Dar⸗ stellung als philosophische Vertreter befreiender Strömungen Epoche machen. Aber auch abgesehen von diesen mehrere Jahrhunderte umfassenden Wandlungen, deren Vollendung schließlich seit etwa 1750 in Empfindsamkeit und Sturm und Drang zu den An— fängen eines neuen geistigen Zeitalters führte, gab es Seiten seelischen Lebens, die sich dem starren Intellektualismus nur höchst widerwillig und teilweise gar nicht fügten. Vor allem gehörte hierher die Phantasietätigkeit in jeder Richtung, in der Dichtung wie in der bildenden Kunst, wie noch mehr in der Musik. Denn wie sollte sie, die stets das Geheimnis eines nicht mehr analysierbaren Restes besitzt, sich einer rein intellektualistischen Kultur gebeugt haben? So wenig wie die